Zeit des Erwachens
Es gab eine Zeit des Endens, eine Zeit des Schlafes und eine Zeit des Wiedererwachens. Ganz unspektakulär und sanft fand ich mich nun im dritten Zeitalter wieder.
Es war ein Sonntag, wie er im Buche stand. Es war ein weiterer Herbst meines Lebens. Wir saßen in der Kastanie, einem Gartenlokal in der Schlossstraße in Charlottenburg, und genossen den letzten Sonnentag, denn die nächste Woche sollte kalt und nass werden, jedenfalls hier oben im Norden. Ich schwelgte in meiner Vergangenheit und las „Der Herbst meines Lebens“, und es passte auch hier und heute wie die Faust aufs Auge: Es war eine Beschreibung nicht mehr nur der Vergangenheit, sondern auch des heutigen Tages und der jetzigen Zeit. Gerade jetzt war es ein weiterer solcher Herbst, und das alleine war schon fast zuviel Glück und ein Zuviel an Gnade, um es fassen zu können.
Der Dunst des scheidenden Jahres lag über der klaren Luft. Alles war beglänzt. Die farbigen Blätter der Bäume taumelten langsam zur Erde, und die Spree wälzte sich grün und leuchtend an ihren Ufern.
Es gab eine Zeit des Endens. Ich hatte sie damals erlebt, zum Herbst meines Lebens, und es war sehr traurig und zugleich so sehr erhebend gewesen, dass ich lange gebraucht hatte, sie zu überwinden und anzunehmen und zu einem wirklichen Teil meiner Geschichte zu machen. Dieser Herbst meines Lebens hatte länger angedauert als nur diesen einen Herbst; auch der folgende Winter in Freiburg und der Frühling der Trennung hatten noch dazugehört. Erst dann war alles vorüber, war alles vergraben und zu einem Ende gebracht, und auch all dies anzunehmen dauerte seine Zeit. Der Sommer meines Lebens war eine so kurze wie kurzweilige Angelegenheit, eine Periode kurzer Klarheit, in der ich alles sehen konnte, wie es war, und alles bereits sehen konnte, wie es werden würde. Doch dann kam erst einmal die Zeit des Schlafens. Sie erwischte mich so eiskalt, wie man einen Baseballschläger über den Schädel gezogen bekommt. Sollte heißen, bevor ich genau wusste, wie mir geschah, lag ich bereits am Boden.
Die Zeit des Schlafens dauerte lange. Sie dauerte ein ganzes verdammtes Jahr, und jetzt gerade war ich erst dabei, überhaupt wieder aufzuwachen. Ich mochte Schlaf, Schlafen war eine tolle Angelegenheit, keine Frage. Aber ich hatte ein Jahr meines Lebens versäumt, und das ging mir nach.
Ich wollte ein wenig über dieses Zeitalter ausholen. Ich war nach Berlin gekommen im Herbst des letzten Jahres, der auch warm und golden war, und hatte einen seltsamen Job gefunden und eine große Liebe und ein Loch in einem alten Haus, und dann hatte ich mich darin häuslich niedergelassen und die Augen geschlossen. Oh, ich war zur Arbeit gegangen, in Kneipen und ab und an in einen Jazzclub; ich hatte Freunde getroffen, Bücher gelesen und wunderbare Abende und Wochenenden mit Sabine verbracht. Aber all das hatte ich mich geschlossenen Augen getan. Es war mir quasi zugestoßen, während ich mich in einem Traume wälzte. Aber es war nicht wirklich etwas geschehen. Viel mehr hatte ich mich zur Ruhe begeben und wie in tiefem Schlaf all das verdaut, was mein Leben gewesen war.
Doch schließlich gab es die Zeit des Erwachens.
Eines Morgens schlägst du die Augen auf und findest dich in deinem Bette wieder. Das Fenster ist weit geöffnet, und zusammen mit der frischen Luft dringt blendender Sonnenschein durch die Läden. Dazu noch ein Vorhang, der sich im Winde bauscht, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Küche. Es ist ein elektrisierender Morgen, und es hält dich nicht länger im Bett. Du schlägst die Decke zurück und springst aus den Federn, und du fühlst dich erfrischt und zu allem bereit. Wie lange hast du geschlafen?
Wie lange hast du geschlafen?
Ich wusste, wie lange ich geschlafen hatte, und dass es die längste Zeit gewesen war. Ich war in tiefster Ohnmacht gefangen gewesen, doch nun war ich wieder da. Ich war aufgewacht, und ein weiterer Herbst lag vor mir, ein goldener Herbst, dem dieses Mal nicht das Ende vor allem anderen innewohnte, sondern der die Geschichte, meine Geschichte, dort wieder aufnahm, wo ich sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Sie hatte auf mich gewartet, und ich konnte mich ihr nun wieder anschließen und sehen, wohin sie mich trug. Dass sie mich tragen würde, wusste ich. Wer ich sein konnte, würde sich wieder zeigen. Das Zeitalter des Schlafens war vorüber. Das Leben hatte mich wieder.
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