Sonntag, September 28, 2008

Zeit des Erwachens

Sonntag.
Es gab eine Zeit des Endens, eine Zeit des Schlafes und eine Zeit des Wiedererwachens. Ganz unspektakulär und sanft fand ich mich nun im dritten Zeitalter wieder.

Es war ein Sonntag, wie er im Buche stand. Es war ein weiterer Herbst meines Lebens. Wir saßen in der Kastanie, einem Gartenlokal in der Schlossstraße in Charlottenburg, und genossen den letzten Sonnentag, denn die nächste Woche sollte kalt und nass werden, jedenfalls hier oben im Norden. Ich schwelgte in meiner Vergangenheit und las „Der Herbst meines Lebens“, und es passte auch hier und heute wie die Faust aufs Auge: Es war eine Beschreibung nicht mehr nur der Vergangenheit, sondern auch des heutigen Tages und der jetzigen Zeit. Gerade jetzt war es ein weiterer solcher Herbst, und das alleine war schon fast zuviel Glück und ein Zuviel an Gnade, um es fassen zu können.
Der Dunst des scheidenden Jahres lag über der klaren Luft. Alles war beglänzt. Die farbigen Blätter der Bäume taumelten langsam zur Erde, und die Spree wälzte sich grün und leuchtend an ihren Ufern.

Es gab eine Zeit des Endens. Ich hatte sie damals erlebt, zum Herbst meines Lebens, und es war sehr traurig und zugleich so sehr erhebend gewesen, dass ich lange gebraucht hatte, sie zu überwinden und anzunehmen und zu einem wirklichen Teil meiner Geschichte zu machen. Dieser Herbst meines Lebens hatte länger angedauert als nur diesen einen Herbst; auch der folgende Winter in Freiburg und der Frühling der Trennung hatten noch dazugehört. Erst dann war alles vorüber, war alles vergraben und zu einem Ende gebracht, und auch all dies anzunehmen dauerte seine Zeit. Der Sommer meines Lebens war eine so kurze wie kurzweilige Angelegenheit, eine Periode kurzer Klarheit, in der ich alles sehen konnte, wie es war, und alles bereits sehen konnte, wie es werden würde. Doch dann kam erst einmal die Zeit des Schlafens. Sie erwischte mich so eiskalt, wie man einen Baseballschläger über den Schädel gezogen bekommt. Sollte heißen, bevor ich genau wusste, wie mir geschah, lag ich bereits am Boden.

Die Zeit des Schlafens dauerte lange. Sie dauerte ein ganzes verdammtes Jahr, und jetzt gerade war ich erst dabei, überhaupt wieder aufzuwachen. Ich mochte Schlaf, Schlafen war eine tolle Angelegenheit, keine Frage. Aber ich hatte ein Jahr meines Lebens versäumt, und das ging mir nach.
Ich wollte ein wenig über dieses Zeitalter ausholen. Ich war nach Berlin gekommen im Herbst des letzten Jahres, der auch warm und golden war, und hatte einen seltsamen Job gefunden und eine große Liebe und ein Loch in einem alten Haus, und dann hatte ich mich darin häuslich niedergelassen und die Augen geschlossen. Oh, ich war zur Arbeit gegangen, in Kneipen und ab und an in einen Jazzclub; ich hatte Freunde getroffen, Bücher gelesen und wunderbare Abende und Wochenenden mit Sabine verbracht. Aber all das hatte ich mich geschlossenen Augen getan. Es war mir quasi zugestoßen, während ich mich in einem Traume wälzte. Aber es war nicht wirklich etwas geschehen. Viel mehr hatte ich mich zur Ruhe begeben und wie in tiefem Schlaf all das verdaut, was mein Leben gewesen war.

Doch schließlich gab es die Zeit des Erwachens.
Eines Morgens schlägst du die Augen auf und findest dich in deinem Bette wieder. Das Fenster ist weit geöffnet, und zusammen mit der frischen Luft dringt blendender Sonnenschein durch die Läden. Dazu noch ein Vorhang, der sich im Winde bauscht, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Küche. Es ist ein elektrisierender Morgen, und es hält dich nicht länger im Bett. Du schlägst die Decke zurück und springst aus den Federn, und du fühlst dich erfrischt und zu allem bereit. Wie lange hast du geschlafen?

Wie lange hast du geschlafen?
Ich wusste, wie lange ich geschlafen hatte, und dass es die längste Zeit gewesen war. Ich war in tiefster Ohnmacht gefangen gewesen, doch nun war ich wieder da. Ich war aufgewacht, und ein weiterer Herbst lag vor mir, ein goldener Herbst, dem dieses Mal nicht das Ende vor allem anderen innewohnte, sondern der die Geschichte, meine Geschichte, dort wieder aufnahm, wo ich sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Sie hatte auf mich gewartet, und ich konnte mich ihr nun wieder anschließen und sehen, wohin sie mich trug. Dass sie mich tragen würde, wusste ich. Wer ich sein konnte, würde sich wieder zeigen. Das Zeitalter des Schlafens war vorüber. Das Leben hatte mich wieder.

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Mittwoch, September 19, 2007

Der Herbst meines Lebens

Ich schrieb hier eine Menge über den "Herbst meines Lebens", aber ich erklärte nichts davon. Daher (und da ich soeben wieder selbst über den Text gestolpert war, in den Tiefen meiner Festplatte) hier also der Ursprung dieses Ausdrucks, so, wie er mich vor einem Jahr angeflogen hatte:

____________________________________________________________________

Der Satz kam mir unvermittelt in den Sinn:Dies war der Herbst meines Lebens.

Er stand plötzlich vor meinem geistigen Auge, fix und fertig, mit einem melancholischen Klang. Ich spürte, dass er wahr war. Er stimmte mich traurig, und zugleich war ich froh. Ich hatte den Winter meines Lebens bereits erlebt, in jenem kältesten Zeitalter meines Lebens, das ich in München verbrachte. Bei jeder Gelegenheit dankte ich Gott, dass dieses Zeitalter nur ein halbes Jahr gedauert hatte. Mehr hätte ich auch nicht überlebt. Nun also der Herbst meines Lebens. Es war Herbst, dort draußen in der Welt, und zugleich war Herbst in meinem Herzen, ein ganz anderer, noch melancholischerer, sonnigerer, längerer Herbst, in den Tiefen meiner Seele.

Der magische Wechsel der Jahreszeiten. Ich erinnerte mich, wie es früher gewesen war. Frühling, Sommer, Herbst und Winter hatten den Rang von gewichtigen Ereignissen. Jede Jahreszeit schien ewig zu währen.
Der Herbst badete uns in seinen goldenen Strahlen und der Pracht seiner Farben, und wir konnten uns an kein Vorher mehr erinnern. Er war da, und er war ewig.
Der Winter umhüllte uns mit seiner knackigen Kälte, den kurzen Sonnenstunden und dem Schnee, der sanft von den Zweigen der Bäume rutschte. Es war eine vollkommene Winterwelt, und es gab keine anderen Welten mehr.
Der Frühling brachte den Duft des neuen Anfangs, die knospenden Blüten und die sprudelnden Bäche, die das Schmelzwasser zu Tal trugen. Die Vögel kehrten zurück und sangen von den Verheißungen ferner Länder. Wir stürmten über die feuchten Wiesen und durch die wiedererwachenden Wälder. Es würde immer Frühling sein.
Der Sommer drückte mit der Wärme seiner Tage, an denen die Sonne brannte und wir uns in den Schatten der Bäume verkrochen. Wir spielten bis in die Nacht hinein, wenn es endlich wieder kühler wurde. Die Tage nahmen kein Ende. Die Nächte waren kurze Ruhepausen im Wirbel unseres Lebens.
Alles war magisch, alles hatte Bedeutung. Wir lebten in einer Welt, die eigens für uns geschaffen worden war. Es war eine unschuldige Zeit. Alles war absolut. Alles war, wie es war.

Heute sah all das anders aus. Der Zauber der Dinge war mit den Jahren verloren gegangen, in denen wir von anderen lernten, was das war und was es zu sein hatte, das Leben. Mein Bruder versuchte, die Unbeschwertheit wiederzuerlangen und studierte Schauspiel. Die Wiederverzauberung der Welt. Doch es war ein Kampf, und der Gegner war zäh. Die geschlossene Welt der Erwachsenen, wie sie zu sein hatte.
Ich suchte das Ziel in mir und in den anderen. Die Antworten wären in unserem Geist, in den Seelen und den Herzen zu finden. Und doch, auch mit den Antworten, die sich in jahrelanger Arbeit langsam aus dem Strom der Dinge kristallisierten, war die Qualität der frühen Jahre verschwunden. Wir hatten erfahren, was die Zeit war. Alles tanzte nun zu einem anderen Rhythmus. Auch wir.

Es war der Herbst meines Lebens.
Die Dinge änderten sich. Was gewesen war, endete und begab sich zur Ruhe. Das Laub meiner Vergangenheit wehte über die Wege, die ich als nächstes beschreiten würde. Es würde wieder einen Frühling geben, aber an anderer Stelle. Ich genoss die letzten Strahlen der Sonne, die dieses Leben erhellt hatte. Ich bemühte mich, ihre Wärme mit jeder Faser und Pore meines Körpers aufzufangen und tief in mir zu verwahren. Sie würde mich einige Zeit tragen müssen. Die Erinnerung war kostbar. Sie füllte mein Herz.

Dieser Herbst schien wieder ewig zu dauern. Es war der herbstlichste Herbst, den ich je gesehen hatte. Es war ein absoluter Herbst, ähnlich jenen meiner Kindheit. Er ragte aus dem Strom der Zeit und ließ sich von ihm umstrudeln. Er war, wie er war, und kein Ziehen, Zerren, Drücken und Drängen konnte auch nur ein Gran daran ändern. Seine Essenz war zeitlos. Es war, als hätte sich ein weiteres Auge in meinem Geist aufgetan, mit dem ich diesen Herbst – und NUR diesen Herbst, keine anderen Dinge – mit einer ungeahnten Frische und Schärfe wahrnehmen und seine Essenz, seinen Glanz tief in mich aufnehmen konnte. Ich trank das Licht, das durch die letzten Blätter der Bäume tröpfelte. Die Luft war feucht, von Nebel erfüllt. Die Nächte waren eisig kalt, die Tage sonnendurchglänzt. Es war, als würde dieser Herbst ewig dauern. Ich klammerte mich an ihn, zog mich hinauf an seiner Flanke. Der Herbst stand wie ein Fels. Ich trat mit ihm aus dem Zeitstrom. Er berührte mich nicht mehr. Nichts berührte mich mehr. Außerhalb der Zeit gab es nur noch das Jetzt und die Ewigkeit. Die Dinge waren genau so, wie sie waren. Nicht anders und nicht zu ändern. Wie sie sein sollten, wurde unwichtig. Wie ich sein sollte, war vergessen. Es war alles neu, und alles glänzte in jenem Licht, dass diesem und nur diesem Herbst so eigen war. Es war wie das Licht aus der Mitte der Welt, und wie dieses war es ein ewiges Licht.

Es war der Herbst meines Lebens. Es gab nichts anderes mehr.

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September

Der Herbst war da und machte sich breit, packte die Taschen aus und hängte seine Sachen in den Schrank. Es blieb allerdings kalt. Die Temperaturen waren gestern mit allem Drum und Dran in den Keller gefallen, und während die Sonne sich erholt hatte und wieder zurück nach oben gekrochen war, war die Wärme auf der Strecke geblieben wie weiland Günther Messner am Nanga Parnat. Wenigstens regnete es nicht mehr.

Ich war zu lange auf Sizilien gewesen. Der Straßenverkehr hielt mit einem Mal neue alte Gefahren für mich bereit. Drei Jüngelchen in ihrem Wagen nieteten mich fast um, als ich die Straße überquerte. Sie gestikulierten wild und riefen mir Dinge hinterher. Ich blieb stehen, drehte mich um und ging zurück und machte ihnen ein bisschen Angst. Auf der Straße galt in diesem Land das Recht des Stärkeren, in der einen wie der anderen Hinsicht. Das wild auf die Straße Rennen musste ich mir in den nächsten Tagen aber jedenfalls wieder abgewöhnen.


Ansonsten war dies der Herbst meines Lebens – wie ein Sequel zu den Dingen, die ich letztes Jahr bereits einmal erlebt hatte. Ich las viel von meinen Texten aus diesem letzten Jahr, und sie sagten mir viel, auch Dinge, die ich in der Zwischenzeit vergessen hatte. Ich hatte noch immer das Gefühl, dass es mir besser ging als letztes Jahr, und dass die Dinge nun endlich in Bewegung kamen. Das Telefonat mit A. gestern war nur eines dieser Dinge, aber das augenfälligste. Da war einer, der offenbar im Leben stand und Interesse an mir hatte und an meinen Fähigkeiten. Ich hatte mich außerdem gut geschlagen und das Gespräch nicht aus der Hand gegeben, sondern kollegial mitgeführt, und die richtigen Fragen gestellt, und all das tat mir gut. Es steigerte mein Selbstvertrauen. Das war vorher auch schon ein gutes gewesen, aber ich freute mich und nahm gern – besonders, was den endlichen Einstieg in die Arbeitswelt anging, konnte mir das nicht schaden. Das Beste war: ich bekam langsam richtig Lust dazu. Ich wollte mich endlich ein wenig beweisen und ein wenig Geld verdienen, und am Besten in Berlin, und am Allerbesten mit dem Mädchen zusammen, nach dem ich mich so sehnte und das ich liebte. All das wäre gar nicht schlecht. Es würde mir wahrscheinlich sogar gefallen.

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Montag, September 17, 2007

Dejà-Vu

Der Herbst meines Lebens. Ich war wieder zurück aus Sizilien und an dem Ort, den ich liebte, und an den ich gehörte. Ich saß im blendenden Sonnenschein auf der Straße vor dem Café Exxtra, und mir war, als hätte ich im vergangenen Jahr einen kompletten Kreis beschrieben, um nun wieder dort zu stehen, wo ich vor einem Jahr bereits gestanden hatte. Es war Mitte September in Konstanz, ein wunderbarer Spätsommer. Ich war wieder allein an diesem Ort, nur für mich, und zugleich der ganzen Welt verbunden. Das Alte ging wieder zuende, und die Zukunft lag wieder im Dunkeln. Wieder war es ein Abschied, und wieder kleidete sich meine Stadt für mich in ihre festlichsten Farben. Viele Dinge waren geschehen in diesem Jahr, viele schöne und viele traurige Dinge, und die Enden dieser beiden Jahre, ihre Herbste ähnelten sich sehr, aber die Gesamtsituation war eine grundlegend andere und bessere nun. Genau in diesem Augenblick jedoch war es, als hätte es dieses Jahr nie gegeben, und es war wieder wie zum „Herbst meines Lebens“...

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Donnerstag, November 16, 2006

Das Richtige tun

Ich fing von vorne an, ohne irgendetwas außer Claudia, auf das ich mich stützen konnte. Aber letztendlich war das auch egal. Es war vollkommen uninteressant, wo und in welchen Verhältnissen ich mich befand. Das Leben war immer das gleiche. Es änderte sich dadurch um keinen Deut. Es ist ein Irrtum zu denken, wir könnten uns entkommen und an fernen Orten ohne weiteres neue Leben anfangen. Das Gegenteil ist der Fall. Die weiteste Reise wird uns nicht einen Deut von uns selbst und unserem Dasein, unserem Denken und unseren Gewohnheiten fortbringen, solange wir das Entscheidende mit uns schleppen wie einen Fliegenfänger: uns selbst.

All das wurde mir sehr bewusst, als ich im Schatten vor dem „Uni-Café“ saß. Nebenbei ein beliebiges Café in der neuen Stadt, und auch diese beliebig. Es war der gleiche Ort wie jener, den ich verlassen hatte. Die Menschen unterschieden sich in nichts, und auch ich selbst unterschied mich in nichts. Ich würde neue Freunde finden, von vorne beginnen zu leben, aber es würde dasselbe Leben werden wie in der alten Stadt. Wir können von außen nichts an uns ändern. Wir tragen unsere Leben mit uns. Das einzig Substantielle, das wir erreichen können, erringen wir im Kampf mit uns selbst, in den unendlichen unbewussten Tiefen unseres Seins. Denn in diesem Leben gibt es nur zwei Richtungen: Stillstand und Einschleifen oder Bewusstwerdung. Alles andere ist eine Folge dieser zugrunde liegenden Entscheidungen, die jeder von uns für sich alleine treffen muss...

Solcherart meine Gedanken an einem beliebigen Mittwochmittag in Freiburg im Breisgau. Ich hatte begonnen, meine Fühler wieder auszustrecken. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder Fuß fassen würde. Ich würde wohl keine Probleme damit haben, neuen Anschluss zu finden. Vielleicht würde es ja sogar musikalisch passen. Ich würde sehen.

Ich hatte genügend Zeit damit verbracht, mich hängenzulassen. Nach einer Woche wurde das langweilig. Man hält nur so und so lange mit sich selbst aus, jedenfalls wenn man sich permanent selbst ausweicht. Das Kunststück war, die Nähe zum eigenen Selbst zuzulassen und sich anzuschauen, anstatt in sinnlose Ablenkungsaktivität zu verfallen. Es war absurd. Am Nebentisch machte man mir schöne Augen, ich war neu in der Stadt und das Wetter war gut. Es war ein ganz normaler Tag in einem völlig normalen Leben, dessen einziges Problem darin bestand, dass der Inhaber dieses Lebens die fixe Idee hatte, alles andere als gewöhnlich zu sein. Aber damit musste ich wohl klarkommen. Ich musste einen Weg finden, meine Talente einzusetzen und gut dabei zu leben. Diese Wiederholung nur um des Einprägens willen.

Die schönen Augen gehörten übrigens einer blonden Süßen vom sportlichen Typ. Sie waren von tiefem Blau und sinnlicher Wärme. Daneben der fesche, schicke Typ. Ihre Fingernägel waren mit Mustern lackiert. Das reichte mir schon. Die andere mit den Augen warf mir weiter jene warmen Blicke zu. Ab und an fing ich einen auf, denn es war kühl hier draußen. Wir hatten Mitte November, und die Sonne war hinter den Häusern. Aber mehr brauchte ich nicht. Ich verkniff mir sogar das Lächeln. Schließlich wollte ich sie nicht auf dumme Gedanken bringen.

So oder so, wir alle würden immer wieder über uns selbst hinauswachsen müssen. Leben ohne Handeln war verschenkt.

Oder wie ich an anderer Stelle schon einmal gesagt hatte:

Nicht unbedingt alles Mögliche tun, aber das Richtige tun.

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Dienstag, Oktober 31, 2006

Rules For Life

Ich war mal wieder in mich gegangen und hatte mich umgesehen. Es war nicht einfach gewesen. Ich hatte es lange vermieden, mir einen Besuch abzustatten, und der Weg war von alten Gedanken, schlechten Ideen und wirrem Zeugs überwuchert. All das garniert mit breiten Lachen der Verzweiflung. Es war hin und wieder ein schöner Ort, aber er brauchte Pflege. Ich würde mal wieder aufräumen müssen.

Am Abend zuvor hatte ich Besuch empfangen. Jan-Rasmus klopfte an meiner Tür. Gemeinsam leerten wir eine Flasche Whisky und redeten über unser Leben. Wir erinnerten uns der Vergangenheit wie eines guten Freundes. Nebenher betranken wir uns mit großer Hingabe und Konsequenz. Es war ein guter Abend.

Aber darum sollte es hier nicht gehen. Ich vertrödelte wieder einmal den Morgen. Ich hing herum, surfte im Internet und tat nichts. Irgendwann fiel mir auf, dass ich in meinem eigenen Müll vegetierte. Ich hatte abgeschlossen, und ich verlotterte. Dies war keine Art, ein Leben zu führen, nicht einmal die Reste eines Lebens, das sich neigte. Ich musste dringend mal wieder über mich nachdenken. so ging ich also in mich. Es war anstrengend und machte mich fix und fertig. Es ist wie eine Bergwanderung: Am Anfang fällt es schwer, und auch wenn der Körper endlich warm geworden ist, bleibt es eine Plackerei; aber eine, die eine angenehme Wärme und Schwere im Körper zurücklässt, und die Aussichten, die man gewinnen kann, wenn der Himmel und der Geist rein und gereinigt sind, sind es vielfach wert.

Nun, ich hatte keine besondere Lust, hier jetzt alles minutiös nachzuvollziehen. Viel lieber wollte ich die Bilanz festhalten, denn diese war es, die am Ende wenigstens ausgeglichen sein oder gar einen Überschuss aufweisen sollte. [Allein schon die Idee, Dinge und Menschen und Handeln und Bedürfnisse gegeneinander aufzurechnen, ist eigentlich bizarr. Wer hatte sie zuerst gehabt? Wie hatte er die anderen dafür gewinnen können?]

1. Be a regular in at least one place.

2. Be a part of your community.

3. Have a cause. Have something to believe in.

4. Become at home.

5. Be part of something bigger than you.

6. Care for something.

1. Sei ein regelmäßiger Besucher mindestens eines Ortes.

2. Sei ein Teil deiner Gemeinschaft.

3. Habe etwas, an das du glaubst. Habe einen Grund.

4. Komme zuhause an.

5. Sei Teil von etwas, das größer ist als Du selbst.

6. Kümmere dich um etwas; sei dafür da.

Ich würde es in Freiburg ausprobieren. ich hatte es satt, vor mich hinzuleben. Das war sowieso das Problem an meinem Leben: Es hatte keinen Inhalt. Ich hatte keinen Inhalt. Ich war eine hervorragende Form, aber ich war leer. Ich hatte es immer vermieden, mich einer Sache zu widmen. Ich wolle immer frei bleiben und verwechselte Freiheit mit Ungebundenheit. Tatsächliche Freiheit besteht in der Wahl, und nicht im Nicht-Wählen.

1. Ich würde mir in Freiburg einen Ort außerhalb meines Zuhauses suchen, den ich immer wieder besuchen würde. In Konstanz war das das Voglhaus gewesen, in Freiburg würde es ein anderer Ort, ein anderes Café sein. Es war gut, an einem Ort bekannt zu sein. Andere Menschen zu sehen und Teil ihres Kosmos zu werden, und sie zum Teil des eigenen Kosmos zu machen. Jeder braucht einen Ort, an dem er mit einem Lächeln begrüßt wird.

2. Ich war nie ein integraler Teil meiner Gemeinschaft gewesen. Ich hatte mich immer als den Außenstehenden begriffen und erhalten. Das war falsch. Es hatte einen gewissen Luxus, unverbunden am Rande zu stehen und von Zeit zu Zeit vorgeblich weise Kommentare abzusondern, aber es blieb ein Jonglieren im luftleeren Raum, ohne Konsequenzen. Erkenntnis ohne resultierende Handlung blieb sinnlos.

Ich würde mir Gemeinschaften suchen. Eine Bigband, eine Zazen-Übungsgruppe, eine Schreibgruppe, einen Verein. Auf uns allein gestellt kann unser Wirken keine Früchte tragen.

3. Ich glaubte an nichts. Ich wagte noch nicht einmal, mir die Frage zu stellen, an was ich glaubte. Ich wich ihr aus, wann immer ich konnte. Das war der Grund für das tiefe Unbehagen, das in mir war.

Dass ausgerechnet Al Gore einen zum Denken bringen konnte... Er hatte einen Grund, er hatte etwas, für das er kämpfte. Etwas, woran er glaubte. Nun, das war auch der Grund für Religion, der Grund für Dogma. Etwas Unhinterfragbares besitzen, das einem Orientierung gab. Daran lag mir nichts. Aber einen Inhalt und ein Ziel brauchte ich dennoch. Ich war ein Mensch. Ich musste es mir zugestehen oder scheitern. Scheitern, ohne jemals aufgebrochen zu sein.

4. Ich würde unser Zuhause zu einem einzigartigen Ort für uns machen. Es war der Ort, an dem wir lebten, wo wir aßen, dachten, atmeten, träumten, einander liebten, schliefen. Es konnte nicht irgendein beliebiger Ort sein. Es musste ein unverwechselbarer Ort werden. Und das würde er.

5. Viele Probleme drückten diesen Planeten. Ich kannte die meisten von ihnen wenigstens dem Namen nach. Die Erde erwärmte sich, die Umwelt wurde geschädigt, die Armut griff weiter um sich, während andere immer reicher wurden, neue Krankheiten breiteten sich aus, Menschen töteten und verstümmelten einander, anstatt zusammen zu arbeiten, und das Bewusstsein bereitete den Menschen immer noch unvorstellbare Probleme und Leiden. Ich würde ein Teil der Lösung sein wollen, nicht des Problems. Ich würde mit anderen zusammen an den Lösungen arbeiten. Das war klar. Kein Mensch war eine Insel, und kein Mensch konnte die Probleme, denen wir uns gegenübersahen, im Alleingang lösen. Al Gore versuchte es mit Edukation, Hilfe zur Selbsthilfe. Ich würde mir etwas Vergleichbares suchen müssen. Das ergab Sinn. Werde Teil eines größeren Sinnzusammenhangs.

Arbeit ist kein Selbstzweck, weder im Guten noch im Schlechten. Sie muss in diesem größeren Sinnzusammenhang stehen, um selbst sinnvoll zu sein. Arbeit bewirkt etwas. Sie ist Mittel zu Zweck. Das andere ist Kunst, der Selbstzweck, das Tun um des Tuns willen.

Tue diese beiden: Arbeit für das Ziel, Kunst für die Kunst.

Lebe ganz.

6. CARE FOR SOMETHING. Kümmere Dich um de Menschen, die dir nahe stehen. Verringere das Leiden: dein eigenes und das der anderen. Am Ende ist es Liebe oder Hass. Stelle Dich auf die Seite der Liebe.

Care fort his place. Care for these people. Care for this life. Care for Life.

Auch wenn ich tatsächlich schreiben würde, müsste das Schreiben diesen Regeln und Zielen gerecht werden. Das Leben selbst hatte Regeln. Das Leben selbst hatte Ziele. Ich konnte nicht damit weitermachen, sie einfach zu ignorieren. Das würde nicht funktionieren. Ich musste mich mit ihnen auseinandersetzen. Wenn ich sie unannehmbar fände, würde ich sie verändern müssen. Wenn ich sie richtig fände, würde ich mit ihnen leben und ihnen Ausdruck verleihen. Aber es ging nicht mehr auf die alte Art und Weise weiter.

Mein Leben änderte sich. Alles änderte sich um mich herum. Es machte mir Angst. Aber es war auch eine riesengroße, unbezahlbare Chance, mich neu zu erfinden und ein anderes Leben zu führen. Dieses war gut gewesen. Ich war die meiste Zeit glücklich. Aber es konnte noch besser werden. Das war das Ziel.

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Dienstag, September 12, 2006

Weltenende

Ich bekam keinen Fuß mehr auf den Boden. Ich verbrachte den Tag damit, einen Marlowe-Roman zu lesen. Die Tote im See. Nicht übel, aber auch nicht von der Güte eines langen Abschieds. Aber das wäre wohl auch zuviel verlangt gewesen.
Ab dem Nachmittag begann ich dann ernsthaft damit, mich zu betrinken. Ich hatte sonst nichts Besseres zu tun, und ich hatte nicht den Hauch einer Absicht, etwas zu arbeiten. Ich wusste, dass ich es hätte tun sollen. Ich tat es nur einfach nicht. Dieser Tag und alle Tage waren leer, ohne Struktur und ohne Inhalt.
Ich hatte gedacht, ich wäre cool, und dabei war ich einfach nur einsam. Wieder einsam. Das bekannte Gefühl.

Einsamkeit. Sicherlich sosehr selbstgewählte wie erlittene Einsamkeit. Die hier verbliebenen Freunde, die ich wirklich sehen wollte und die mir etwas bedeuteten, konnte ich an den Fingern einer Hand abzählen. Dass ich mich nicht bei ihnen meldete, war mein Problem, aber ihre Zahl war von Beginn an niedrig gewesen.
Das sagte natürlich ebenso viel über mich selbst wie über die Umstände des Lebens selber aus.

Meine Zeit hier in dieser Stadt ging zu Ende. Es war ein goldener, milder, frischer Herbstanfang. Die Luft wurde langsam kühl und herb, und die Blätter begannen sich zu verfärben. Die Nächte waren schon kalt, aber die Tage waren noch warm und mit dem Duft der Verheißung angetan. Es war ein letztes, goldenes Aufleuchten vor dem Winter, der Kälte, dem Tod. Wann hatten die Blätter begonnen, ihre Farbe zu verändern? Ich musste zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt gewesen sein.

Mein Leben hier war verbraucht. Es hatte seinen Sinn und seinen Inhalt verloren. Die Tage zogen vor meinem Auge vorbei, einer leerer als der andere. Ich wusste, dass ich schreiben wollte. Mein Studium war noch nicht ganz beendet, die letzte Hürde lag noch vor mir, aber ich hatte bereits jegliches Interesse daran verloren. Ich würde es nur noch aus Pflichtbewusstsein tun. Meine Kür würde ich auf einem ganz anderen Gebiet erringen. Dieser Gedanke machte mich stolz, und er machte mir zugleich Angst. Denn ich hatte keine große Ahnung von dem, was ich unternehmen wollte. So dachte ich damals zumindest.
Ich war ein junger Mann an einem Scheideweg seines Lebens. Das Alte war vergangen. Ich unternahm noch müde Versuche, es am Leben zu erhalten, aber tief in meinem Herzen wusste ich bereits, dass sie vergeblich waren. Das Neue war noch nicht da. Ich musste mich entscheiden, welchen Weg ich gehen wollte. Es gibt nichts Einschüchterendes und Schrecklicheres als diese Wahl. Ich dachte, sie würde den Rest meines Lebens bestimmen, oder jedenfalls den Anfang des Rests. Und ich war wie erstarrt im Antlitz dieser Bedeutung. Sie wog wie ein Zentnergewicht auf meiner Brust.

Dieses war das Gefühl meines Lebens, in den letzten Tagen in Konstanz.

Ich würde es alles in Geschichten verpacken müssen. Und ich wollte es tun. Ich wollte mich von den Schatten des Vergangenen befreien. Hier, inmitten dieser Schatten, hatte ich keine Zukunft mehr. Ich würde vielleicht wiederkommen, irgendwann. Das wäre dann etwas Anderes. Aber wie die Dinge lagen, konnte hier und zu dieser Zeit nichts Fruchtbares mehr geschehen. Es war vorüber.

Aber ich konnte das Geschehene noch ein letztes Mal seinen Zauber verbreiten lassen. Die Geschehnisse meines Lebens noch einmal mit ihrem Sinn und ihrer tieferen Bedeutung (für mich; für andere) anfüllen und vor den fallenden Vorhang treten lassen. Die Dinge befreien, und zugleich mich von den Dingen befreien.

Schreiben war kein Hexenwerk. Leben war das Schwierige. Die Geschichten kamen dann von ganz alleine.

Ich hörte immer wieder die gleiche CD, „Chet“ von Chet Baker. Der klare, coole Jazz mutete mir an wie eine Hymne vom Ende der Dinge. Nichts Unruhiges, nichts Gewaltsames. Gerade ein Bild davon, wie das Altbekannte unter dem Horizont verschwand. Ein einziger, langer Blick zurück. So war sie für mich.

Ich wusste mit einem Mal, mit welchen Worten die Geschichte enden sollte, wenn es soweit wäre:

„Es war eine Welt der Schönheit.

Es war eine Welt der Gnade.“

Nicht mehr als das.

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Montag, September 11, 2006

Hard-boiled und andere Kleinigkeiten

Ich nahm einen tiefen Schluck von meinem Whisky und genoss die Wärme, die sich in meinem Magen ausbreitete. Es war zu warm. Die Eiswürfel waren schon dem Tode näher als dem Leben. Ich schüttelte das Glas, um ihnen ein letztes Klingeln zu entlocken. Die Eiswürfel fassten keinen neuen Mut. Sie vergingen.

So sollte ich schreiben. Hard-boil it your own way.

Watching people and watching myself watching people. Sehen, wie sie reden, wie sie sich verhalten und wie sie sind. Sehen, wie ich auf sie reagiere, was ich denke, wie ich mich verhalte. Ganz cool über die ganze Geschichte lachen.

Warum nicht einfach dieses dämliche Handbuch für modernes Leben schreiben. Ist ja keine große Sache.

Ich setzte mich wieder an meinen Schreibtisch und warf den Computer an. Er startete effizient und schnell wie eine Dampfmaschine mit einem verrosteten Kessel. In der Zeit stand ich nochmal auf, lief durchs Zimmer, machte eine Kniebeuge und trank ein Glas Wasser am Waschbecken in der Küche. Dann konnte es losgehen.

„Handbuch für modernes Leben“. Ich fand den Titel ziemlich gut. Weder prätentiös, noch zu flach. Beschrieb auch genau, was es sein sollte, wenn es mal fertig war. Eine kleine Anleitung zum Bewusstseinsgebrauch.

Ich streichelte kurz die Tastatur, um eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Dann überlegte ich mir, an welcher Stelle ich weitermachen wollte. Dann fiel mir nicht das Geringste ein.

Null.

Nada.

„Über das Leben“. Was hatte ich mir dabei gedacht? Was für ein Name für ein Kapitel. Völlig unbestimmt. Konnte ja alles und nichts heißen. Was wollte ich Klugscheißer überhaupt über das Leben loswerden? Gut, zuerst einmal das Offensichtliche: dass es eine geile Kiste war, besonders mit einem kalten Bier oder einem Whisky. Aber auch ohne.

Der Gedanke machte mich durstig.

Nichts da, mein Lieber, du bleibst jetzt hier sitzen, bis du etwas zustande gebracht hast. Das wäre ja noch schöner. Außerdem konnte ich nicht schon um drei Uhr nachmittags mit dem Trinken anfangen. Ich musste wenigstens bis vier warten, schon meiner Selbstachtung wegen. Auch wenn’s mit der zurzeit sowieso nicht sehr weit her war. Aber was dachte ich da überhaupt? „Über das Leben“. Genau. Darüber sollte es gehen. Also: das Leben. Dann mal los.

Über das Leben.

Was ist das überhaupt?

Nein. Ganz falsch. Völliger Blödsinn. Das klang ja völlig bescheuert, wie Unterricht in der Grundschule. Zugegeben, manchen Menschen hätte auch eine solche Primäreinführung sicher gut angestanden. Das änderte allerdings nichts daran, dass das Quatsch war, was ich da verzapfte. Also anders anfangen.

Was es eigentlich bedeutet, am Leben zu sein.

Hm. Schon besser. Aber immernoch nicht gut. Da musste ich ja von ganz vorne anfangen. Vielleicht nicht gerade in der Grundschule, aber auf jeden Fall bei der kompletten Evolutionsgeschichte und Evolutionspsychologie. Plus der Erläuterung, dass die Entwicklung eines bewussten Geistes, unseres Bewusstseins, und der aus ihm heraus geschaffenen „Symbole“ das Einzigartige an der menschlichen Lebensverfassung waren. Himmel. Ich wollte doch keine Doktorarbeit schreiben. „Gerade nur ein paar pragmatische Hinweise und Weichenstellungen für den ganz normalen Leser, der bei sich denkt, dass es eben doch ,noch mehr` geben muss als das, was er bisher aus dem einen oder anderen Grund für Glück gehalten hat, und der sich fragt, wie er sein normales (also allgemein verbreitetes) menschliches Leiden vielleicht um ein Gran reduzieren kann.“ So hatte ich mich ausgedrückt.

Naja.

Ich konnte es ja dennoch schreiben, die ganze Chose. Und dann sehen, was ich davon gebrauchen konnte. Schreiben ist sowieso in erster Linie Ausschuss-Produktion. Schreibe zehn Zeilen, und dann streiche neun weg, wenn du am nächsten Morgen nochmal einen Blick darauf wirfst. So notwendig wie frustrierend. Der Trick ist eigentlich, die neun Ausschuss-Zeilen schon während des Schreibens wegzulassen, und am besten schon während des Denkens. Also immer nur den zehnten Teil zu formulieren und zu Papier zu bringen.

Kam mir ziemlich mutlos vor jetzt. Ich schüttelte mal meinen Kopf, vielleicht würden meine Gedanken in eine sinnvollere Konfiguration purzeln. Aber meine Gedanken hatten sich festgebissen. Da purzelte gar nichts.

Konnte mir mittlerweile gut vorstellen, mit welchem Gefühl Murakami schrieb. Er behauptete jedenfalls, er hätte überhaupt keinen Plan, wenn er anfing, und würde die Sache sich einfach entwickeln lassen.

Wie kann man so ein Gefühl jahrelang aushalten, ohne verrückt zu werden? Als würde ich kopfüber in der Luft hängen. Mir war schon ganz schwindlig innerlich. Gedankenkarussell.

Über das Leben. „Über DEIN Leben“ vielleicht.

Es ist eine verrückte Geschichte, die manchmal keinen Sinn zu ergeben erscheint. Du hängst kopfüber an einem Ast und weißt nicht, wie du dort hingekommen bist. Aber du hangelst dich dennoch weiter, weil es das Beste ist, was du als Mensch tun kannst. Tja, so ist das. Hier also nun im Folgenden meine Tipps fürs Hangeln.

So hangelte ich mich von Satz zu Satz. Worauf wollte ich überhaupt hinaus? Was war das nächste Kapitel? „Über sich selbst – wer ist das eigentlich?“ Gute Frage. Du bist eine Geschichte, die du dir selbst erzählst. Du bist von vorne bis hinten konstruiert, genau wie ich und wie alle anderen.

Was bist du, wenn du die Story einfach beiseite lässt? Wer bist du dann? Das ist die eigentlich Frage, wenn man das mit der Geschichte und der Eigenkonstruktion erstmal gefressen hat. Ich muss es also gut erklären. Daran hängt alles. Es muss zu schlucken sein. Die Möglichkeiten sind allerdings bestechend. Erfinde dich neu. Sei wie du willst. Du MUSST nicht so sein. Und so weiter...

Hoppla. Meine Gedanken fingen schon wieder an, ein Eigenleben zu führen. Verdammte Rasselbande. Aber mit Reifizierungen kam ich hier auch nicht weiter. Wer immer sich das Bewusstsein ausgedacht hatte, hatte einen seltsamen Sinn für Humor. Und wenn es ein selbstorganisierendes System war, wofür einiges sprach, dann operierte es in der Realität ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wortwörtlich.

Ich verlor schon wieder meinen Faden. Ich saß jetzt schon eine dreiviertel Stunde hier über meinen Hausaufgaben und hatte das Gefühl, ich war keinen Schritt weiter. Tja. Arzt, heile dich selbst. Das tat ich und genehmigte mir eine Aussicht und ein wenig Medizin. Einen Whisky on the rocks. Mit dem Glas trat ich ans Fenster und öffnete es. Ich setzte mich auf die Fensterbank. Wenn es wenigstens schon Abend wäre. Aber bis dahin hatte ich noch einiges runterzureißen.

Also schaltete ich meinen Computer in den Ruhemodus, packte ihn ein und ging ins Café. Wenn du nicht mehr weiterkommst, mach was anderes. Ich folgte meiner Lieblingsbeschäftigung: Zeit totzuschlagen. Ich war mittlerweile ziemlich gut darin. Die Zeit hatte nicht die geringste Chance.


Im Café saß ein Mädchen, das an seiner Zigarette saugte, als wär’s eine Sauerstoffpatrone. Das Café schien für sie so was wie der Meeresboden zu sein, und wenn sie nicht an dieser Zigarette zog, würde sie ersticken oder irgendwas anderes Schlimmes passieren.

Ich schwamm an ihr vorbei und bettete mich auf die Treppenstufen an der Wand. Es war höllisch unbequem, aber es würde mich beschäftigt halten. Von hier hatte ich das ganze Café im Blick plus der Straße vor dem Fenster. Auch das Mädchen. Sie war eine attraktive Blondine. Wenn sie mal einen Augenblick nicht saugte, sah sie hinreißend aus. Wie sie die Zigarette zwischen den Fingern hielt. Lange Wimpern. Hervorragendes Profil. Eine Augenweide. Ich betrachtete sie, solange es dauerte. Sie merkte überhaupt nichts davon, obwohl ich sie unverhohlen anstarrte. Sie war in ihrer eigenen Dimension. Faszinierend. Nach dem Aufrauchen stand sie allerdings ganz schnell auf und machte sich mit schwingenden Hüften aus dem Staub. Ohne Qualmstengel schien es ungemütlich für sie zu werden.

Ich machte es mir auf meinem Teil des Meeresbodens bequem, blähte ein paar Mal meine Kiemen und warf den PC wieder an. Konnte mir gar nicht mehr vorstellen, ohne dieses Notebook auszukommen. Hoffentlich war es wasserdicht.

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Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post