Samstag, Oktober 03, 2009

Das Problem mit der Moral (Teil 2)

[Das Problem mit der Moral (Teil 1) >>]

Auf die vier weit verbreiteten Stufen der Moralentwicklung folgten im dritten Stadium noch zwei weitere Stufen:
Stufe 5, die Stufe des Sozialvertrages oder des Nutzens für alle und der Rechte des Individuums, und Stufe 6, die Stufe der universalen ethischen Prinzipien.
Die Stufe 5 wäre schon ein großer Schritt voran in die richtige Richtung gewesen: „Richtiges Handeln wird in erster Linie im Sinne allgemeiner, individueller Rechte und der von der gesamten Gesellschaft kritisch geprüften und gebilligten Normen definiert. Der Mensch ist sich des Relativismus der persönlichen Werte und Meinungen klar bewußt, sowie der damit verbundenen Notwendigkeit, Verfahrensregeln einzuhalten, die zu einem Konsens führen. Abgesehen von dem, worauf man sich verfassungsmäßig und demokratisch geeinigt hat, ist das Recht eine Angelegenheit der persönlichen ‚Werte‘ und ‚Meinungen‘. Die soziale Perspektive ist auf dieser Stufe der Gesellschaft vorgeordnet, wobei Konflikte zwischen einzelnen legalen
Handlungen erkannt und integriert werden können.“ (>>)

So gut und lobenswert die fünfte Stufe gegenüber allem vorangegangenen war, so offensichtlich war dennoch, dass jene sechste Stufe die einzige war, die tatsächlich der Rede wert war. Hier urteilte der einzelne nicht mehr nach dem Prinzip von Strafe und Nichtstrafe, Eigennutzen und Fremdnutzen oder Regelkonformität und Regelverstoß, sondern nach allgemeingültigen ethischen Prinzipen, frei nach dem Kantschen Kategorischen Imperativ. Diese Prinzipien waren abstrakt und ethisch ("goldene Regel", "Kategorischer Imperativ"); es waren keine konkreten moralischen Regeln wie die zehn Gebote. Im Grunde waren es allgemeingültige Prinzipien der Gerechtigkeit, der Reziprozität, der Gleichheit der Menschenrechte und der Achtung vor der Würde des Menschen als Einzelwesen. Auf dieser Stufe hatte das Individuum die Perspektive eines moralischen Standpunktes, dass jeder Mensch seinen (End-)Zweck in sich selbst trug und dementsprechend behandelt werden sollte.
Die Rede war hier nicht von einer postmodernen Beliebigkeit, sondern von einer Ethik, die höher stand denn jedes Gesetz. Zudem war die Existenz einer solchen Stufe kein Hirngespinst, sondern eine empirische Tatsache, das Ergebnis ungezählter Testreihen und ihrer Entschlüsselung. Allerdings war es für Kohlberg schwierig, entsprechende Individuen zu finden, besonders dann solche, die beständig auf dieser Stufe agierten. Die sechste Stufe mochte zwar existieren und ein erstrebenswertes Ziel für die moralische Entwicklung sein, doch kaum jemand schaffte es so weit.
Und das war die Gesellschaft, in der wir lebten.

Im postkonventionellen Stadium lag die Antwort auf all die Probleme der menschlichen Ko-Existenz, des Zusammenlebens, des Funktionierens der Gesellschaft. Die goldene Regel, der Kategorische Imperativ – die Art und Weise, in der eine Gesellschaft funktionieren konnte und sollte und musste, die Art und Weise, in der sich ihre Akteure und Mitlieder, ihre „Bürger“, zueinander verhalten sollten. Nun gut, wir alle wussten, in was für einer Gesellschaft wir tatsächlich lebten, und welche Werte ihre Mitglieder, uns selbst eingeschlossen, anzutreiben schienen. Was die Gesellschaft selbst anging, operierte sie auf Stufe 4; was die Mehrheit ihrer Akteure mit egal welcher gesellschaftlichen Stellung anging, in der großen Mehrzahl der Fälle irgendwo darunter.
Es war klar, dass daraus nichts Neues wachsen konnte, dass kein Umschwung, keine Entwicklung und keine Verbesserung aus dem schlichten Befolgen der existierenden Regeln (Stufe 3 und 4) resultieren konnten. Auch Egoismus und Auge-um-Auge-Mentalität (Stufen 1 und 2) halfen uns hier nicht weiter. Das Neue und Bessere wurde nur geschaffen, indem wir über uns selbst hinauswuchsen und das Existierende transzendierten, und dafür standen die Chancen im Augenblick schlecht und vermutlich immer schlechter, so wie die Dinge lagen, gerade jetzt. Auf welcher Stufe operierten wohl unsere Parteien, wenn man sie als Akteure auffassen wollte: auf welcher die K
onservativen und Neoliberalen, die wir soeben gewählt hatten, die neue und die alte SDP, die Grünen und LINKEn?
Die Beantwortung dieser Frage sei dem Leser überlassen.

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Freitag, Oktober 02, 2009

Das Problem mit der Moral (Teil 1)

Die Probleme dieses Landes, seiner Parteien, seiner Bevölkerung saßen um einiges tiefer als man gemeinhin so dachte. Aber wäre es offensichtlich, nun, dann wäre es ein öffentliches Problem gewesen – man hätte darüber diskutieren, sich ihm stellen, nach Lösungen suchen können, wenn, ja wenn nicht alle zusammen bis zum Hals und über den Kopf selbst darin verwickelt gewesen wären. Wir hatten ein Problem mit der Moral. Und verbauten derzeit alle Möglichkeiten, da jemals wieder herauszukommen.

Ich mochte ein bisschen weiter ausholen; das war zweifellos notwendig zum Verständnis des gesamten Problemkomplexes. Es gab einmal einen schlauen Mann, Lawrence Kohlberg, einen amerikanischen Psychologen, der sein Leben (
>>) dem Studium der Moral, genauer gesagt: der moralischen Entwicklung, gewidmet hatte. Von 1968 bis 1987, dem Jahr seines Todes, war er Professor an der Havard University.
In dieser Zeit führte Kohlberg eine Menge an Versuchen durch, konfrontierte die Versuchspersonen mit immer neuen moralischen Dilemmata, zeichnete iher Antworten und Argumentationen auf und versuchte, aus diesen Ergebnissen allgemeingültige Aussagen über die moralische Entwicklung und Entwicklungsstadien des Menschen abzuleiten (>>)(>>).
Die Ergebnisse gefielen nicht jedem. Ein schneller Blick auf das resultierende Modell Kohlbergs mochte erklären warum.

Kohlberg nahm drei Stadien der moralischen Entwicklung an
(>>), die in insgesamt sechs Stufen unterteilt waren. Das erste, präkonventionelle Stadium war unterteilt in Stufe 1: die heteronome Stufe (gut ist der blinde Gehorsam gegenüber Vorschriften und gegenüber Autorität, Strafen zu vermeiden und kein körperliches Leid zu erdulden) und Stufe 2: die Stufe des Individualismus, des Zweck-Mittel-Denkens und des Austauschs (gut ist es, eigenen oder anderen Bedürfnissen zu dienen und im Sinne des konkreten Austauschs fair miteinander umzugehen). Dies sind die Stufen, die man vor allem (mit einigen wenigen Ausnahmen in der Erwachsenenwelt) im Kindesalter vorfindet: Anfangs ist die Unterscheidung gut-schlecht allein durch die Folgen der eigenne Handlung gekennzeichnet, konkret beispielsweise eine Ohrfeige des Erziehungsberechtigten; dann erwacht die erste Kenntnisnahme der Gefühle und Motivationen anderer, noch immer aber gekennzeichnet vom Vorherrschen der Befriedigung eigener Ziele und Bedürfnisse.
An das präkonventionelle Stadium schloss das konventionelle Stadium an, die Entwicklungsstufen der meisten Jugendlichen und Erwachsenen. Dieses war allgemein vom Erfüllen famliärer oder gesellschaftlicher Normen gekennzeichnet: Stufe 3 war die Stufe gegenseitiger interpersoneller Erwartungen, Beziehungen und interpersoneller Konformität; gut ist es, eine gute (nette) Rolle zu spielen, sich um andere zu kümmern, sich Partnern gegenüber loyal und zuverlässig zu verhalten und bereit zu sein, Regeln einzuhalten und Erwartungen gerecht zu werden. So weit so gut, so konventionell. Stufe 4 war die Stufe des sozialen Systems und des verlorenen Gewissens, und gut ist hier, seine Pflichten in der Gesellschaft zu erfüllen, die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten und für die Wohlfahrt der Gesellschaft sorge zu tragen.

Eine kurze Zusammenfassung: Das Erreichen der beiden letztgenannten Stufen sorgte für das Fortführen sozialer Systeme, des Gesellschaftsvertrags, des Miteinanders, und tatsächlich kamen die meisten Probanden Kohlbergs über Stufe 4 im Allgemeinen nicht hinaus (und erreicht wurde dieser Stufe von signifikant mehr Frauen als Männern). Die beiden Stufen des ersten Stadiums waren hingegen die des reinen Eigeninteresses, was im Gesamtzusammenhang menschlicher Entwicklung betrachtet erst einmal keine schlechte Sache war, sondern die Grundlage für alles weitere – wenn, tja wenn eine weitere Entwicklung denn stattfand.
Kohlberg und seine Ergebnisse wurden angefeindet, weil nicht sein konnte was nicht sein durfte. Die meisten Menschen waren von konventioneller Moral? Die Entwicklung konnte unterbrochen werden? Im Zeitalter der political correctness waren das gewagte Aussagen, und viele versuchten, seine Ergebnisse und abgeleiteten Annahmen zu widerlegen. Es gelang keinem. Die Ergebnisse hielten allen weiteren Untersuchungen (auch durch Kohlberg selbst) stand, ja sie erwiesen sich sogar im Großen und Ganzen als kulturübergreifend gültig. Es gab noch zwei weitere Stufen im Stadium der Post-Konventionalität, aber zu diesen würde ich ein anderes Mal mehr sagen, die letzte Stufe der allgemeingültigen Moral wurden sowieso von kaum jemandem erreicht (Ghandi und Martin Luther King waren Kohlbergs Beispielpersonen für die letzte Stufe).

Und jetzt, in diesem ersten Teil, zur Schlussfolgerung, die ich anhand der Kohlbergschen Theorien und unser aller Beobachtungen des Ist-Zustands unseres Landes und unserer Welt zu ziehen wagte: Die moralische Entwicklung unserer Gesellschaft als Ganzes erschien mir rückläufig. An das Gemeinwesen verschwendete kaum noch einer einen Gedanken, egal auf welcher gesellschaftlichen Stufe oder Position – sei es im Lager der „Bürger“ oder im Führungspersonal der Parteien. Eigennutz war die Devise, und vermieden wurde nur noch Verhalten, das direkt unter Strafe stand (Stufe 1) und manchmal nicht einmal das. Ab und an mochte sogar noch einer oder eine an andere denken, aber oft nur unter dem Vorbehalt des Eigennutzes (Stufe 2). Klang das bekannt? Konnte man einige (oder nicht sogar die meisten, ja alle) der aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Entwicklungen anhand dieser Annahme einordnen und besser verstehen? Ich dachte ja, und es besorgte mich sehr.

(Zu einer parallelen Einschätzung des Ist-Zustands unserer Gesellschaft hat ad sinistram ebenfalls etwas sehr Substantielles zu sagen (>>).)

[Das Problem mit der Moral (Teil 2) hier >>]

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Samstag, Februar 07, 2009

Science! (cont'd)

Bei Licht besehen sind die sogenannten Wirtschaftwissenschaften keine Wissenschaft. Eher sind sie ein institutionalisiertes Glaubenssystem, ähnlich der katholischen Kirche. Wie diese hat sie ihre wechselnden Päpste, deren Wort Gesetz ist, und wie diese hat sie ihre Glaubenssätze, vergleichbar der Doktrin von der unbefleckten Empfängnis Mariä, und wie dieser ist für jeden denkenden Menschen eigentlich offensichtlich, dass es nichts ist und nichts anderes sein kann als ein Haufen Humbug (wie der Glaubenssatz, dass die Umverteilung von Reichtum von unten nach oben der Gesellschaft als Ganzes gut täte), aber wie die katholische Kirche in früheren Zeiten haben die Wirtschaftswissenschaften ihre Apologeten überall - und wer schon Geld hat und daher Macht, der profitiert von ihnen.
Was sie sind, ist ein Glaubenssystem, das mit echter Wissenschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, und bis wir im Rahmen der Wirtschaftswissenschaften wenigstens so etwas wie ein Zweites Vatikanisches Konzil bekommen, muss das System, das wir gerade haben (und das zum Großteil auf nichts Anderem beruht als auf den zeitgenössischen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien), wohl wirklich erst zusammmenbrechen.
Naja, wir sind auf dem Weg dorthin.

Cheers!

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Freitag, Februar 06, 2009

Science!

That's why I love bloody science. Never out of words for a cooool statement. Well, for whatever it's worth. But yet - the scientific model! Ka-woom! Where it applies (i.e. doesn't get lost due to its self-inflicted shortcomings, in physics as well as in psychology), it's great stuff.

Compared with physics, it seems fair to say that the quantitative success of the economic sciences has been disappointing. Rockets fly to the Moon; energy is extracted from minute changes of atomic mass. What is the flagship achievement of economics? Only its recurrent inability to predict and avert crises, including the current worldwide credit crunch.
[From the essay. Courtesy of Nature.]

And, by the way: That's exactly my take on economics, too. Although I'd put it less modest: Economics are bullshit. These guys need some serious, sound psychological knowledge at least! Period.

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