Das Problem mit der Moral (Teil 2)
Auf die vier weit verbreiteten Stufen der Moralentwicklung folgten im dritten Stadium noch zwei weitere Stufen: Stufe 5, die Stufe des Sozialvertrages oder des Nutzens für alle und der Rechte des Individuums, und Stufe 6, die Stufe der universalen ethischen Prinzipien.
Die Stufe 5 wäre schon ein großer Schritt voran in die richtige Richtung gewesen: „Richtiges Handeln wird in erster Linie im Sinne allgemeiner, individueller Rechte und der von der gesamten Gesellschaft kritisch geprüften und gebilligten Normen definiert. Der Mensch ist sich des Relativismus der persönlichen Werte und Meinungen klar bewußt, sowie der damit verbundenen Notwendigkeit, Verfahrensregeln einzuhalten, die zu einem Konsens führen. Abgesehen von dem, worauf man sich verfassungsmäßig und demokratisch geeinigt hat, ist das Recht eine Angelegenheit der persönlichen ‚Werte‘ und ‚Meinungen‘. Die soziale Perspektive ist auf dieser Stufe der Gesellschaft vorgeordnet, wobei Konflikte zwischen einzelnen legalen
Handlungen erkannt und integriert werden können.“ (>>)
So gut und lobenswert die fünfte Stufe gegenüber allem vorangegangenen war, so offensichtlich war dennoch, dass jene sechste Stufe die einzige war, die tatsächlich der Rede wert war. Hier urteilte der einzelne nicht mehr nach dem Prinzip von Strafe und Nichtstrafe, Eigennutzen und Fremdnutzen oder Regelkonformität und Regelverstoß, sondern nach allgemeingültigen ethischen Prinzipen, frei nach dem Kantschen Kategorischen Imperativ. Diese Prinzipien waren abstrakt und ethisch ("goldene Regel", "Kategorischer Imperativ"); es waren keine konkreten moralischen Regeln wie die zehn Gebote. Im Grunde waren es allgemeingültige Prinzipien der Gerechtigkeit, der Reziprozität, der Gleichheit der Menschenrechte und der Achtung vor der Würde des Menschen als Einzelwesen. Auf dieser Stufe hatte das Individuum die Perspektive eines moralischen Standpunktes, dass jeder Mensch seinen (End-)Zweck in sich selbst trug und dementsprechend behandelt werden sollte.
Die Rede war hier nicht von einer postmodernen Beliebigkeit, sondern von einer Ethik, die höher stand denn jedes Gesetz. Zudem war die Existenz einer solchen Stufe kein Hirngespinst, sondern eine empirische Tatsache, das Ergebnis ungezählter Testreihen und ihrer Entschlüsselung. Allerdings war es für Kohlberg schwierig, entsprechende Individuen zu finden, besonders dann solche, die beständig auf dieser Stufe agierten. Die sechste Stufe mochte zwar existieren und ein erstrebenswertes Ziel für die moralische Entwicklung sein, doch kaum jemand schaffte es so weit.
Und das war die Gesellschaft, in der wir lebten.
Im postkonventionellen Stadium lag die Antwort auf all die Probleme der menschlichen Ko-Existenz, des Zusammenlebens, des Funktionierens der Gesellschaft. Die goldene Regel, der Kategorische Imperativ – die Art und Weise, in der eine Gesellschaft funktionieren konnte und sollte und musste, die Art und Weise, in der sich ihre Akteure und Mitlieder, ihre „Bürger“, zueinander verhalten sollten. Nun gut, wir alle wussten, in was für einer Gesellschaft wir tatsächlich lebten, und welche Werte ihre Mitglieder, uns selbst eingeschlossen, anzutreiben schienen. Was die Gesellschaft selbst anging, operierte sie auf Stufe 4; was die Mehrheit ihrer Akteure mit egal welcher gesellschaftlichen Stellung anging, in der großen Mehrzahl der Fälle irgendwo darunter.
Es war klar, dass daraus nichts Neues wachsen konnte, dass kein Umschwung, keine Entwicklung und keine Verbesserung aus dem schlichten Befolgen der existierenden Regeln (Stufe 3 und 4) resultieren konnten. Auch Egoismus und Auge-um-Auge-Mentalität (Stufen 1 und 2) halfen uns hier nicht weiter. Das Neue und Bessere wurde nur geschaffen, indem wir über uns selbst hinauswuchsen und das Existierende transzendierten, und dafür standen die Chancen im Augenblick schlecht und vermutlich immer schlechter, so wie die Dinge lagen, gerade jetzt. Auf welcher Stufe operierten wohl unsere Parteien, wenn man sie als Akteure auffassen wollte: auf welcher die Konservativen und Neoliberalen, die wir soeben gewählt hatten, die neue und die alte SDP, die Grünen und LINKEn?
Die Beantwortung dieser Frage sei dem Leser überlassen.
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