Donnerstag, April 08, 2010

Kein Quadratmeter mehr

Wenn es einen Menschen gäbe, der wagte, alles zu sagen, was er von dieser Welt gedacht hat, bliebe ihm kein Quadratmeter mehr, um sich darauf zu behaupten. Wenn ein Mensch erscheint, stürzt sich die Welt auf ihn und bricht ihm das Rückgrat. Immer sind zu viele morsche Säulen stehen geblieben, zuviel verfaulte Menschheit, als dass ein Mensch aufblühen könnte. Der Überbau ist eine Lüge und das Fundament eine riesige zitternde Angst. Wenn in Abständen von Jahrhunderten ein Mensch mit einem verzweifelten, hungrigen Blick in den Augen auftritt, ein Mensch, der die ganze Welt umwälzen würde, um ein neues Geschlecht zu schaffen, wird die Liebe, die er in die Welt mitbringt, in Bitterkeit verwandelt und er wird zur Geißel. Wenn wir dann und wann auf Seiten stoßen die explodieren, Seiten, die verwunden und schmerzen, die einem Seufzer, Tränen und Flüche abringen, dann sollt ihr wissen, dass sie von einem aufrechten Menschen stammen, einem Menschen dem keine andere Verteidigung übrig bleibt als seine Worte, und seine Worte sind immer stärker als all die Foltern und Räder, die die Feigen erfinden, um das Wunder der Persönlichkeit zu vernichten. Wenn je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat, auszusprechen, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich, ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke, die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusammensetzen, aus denen die Welt bestand.
Henry Miller, 1932 (Wendekreis des Steinbocks)

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Mittwoch, Januar 06, 2010

"25 deutsche Kriegsbilder" - geht's noch?!?

Immer wenn man dachte, es ginge nicht mehr schlimmer, setzten sie noch einen drauf. Meistens kamen diese Schmutzfinken vom SPON, so auch jetzt wieder (>>). Das neueste Glanzstück dieser BILD-Postille für Arme trug die beherzte Überschrift "25 deutsche Kriegsbilder", und ich dachte mir, geht's noch?

Neues von der Ostfront, demnächst mit Sammelbildchen von Panini! Adoptiere einen aufrechten deutschen Soldaten, der, von "Aufständischen" und Taliban feige attackiert, treu wie Hasso und zäh wie Kruppstahl seinen Dienst versieht! Eine solche Scheiße hätte ich in einer Postille der NPD erwartet, aber nicht bei SPON, noch immer nicht. Von Konzepten oder Perspektiven hingegen keine Spur, nicht ein Hinweis darauf, dass unsere Kanzlerinnen-Darstellerin und ihre Kollegen von der Laien-Truppe nicht einen Schimmer hatten, was wir da eigentlich machten, was sie erreichen wollten und konnten und wie und wann die Soldaten wieder zurück nach Deutschland in ihre Kasernen kommen würden, nein, alles, was SPON im Angebot hatte, waren heroisch-lauschige Bildchen vom tapferen deutschen Landser an der Ostfront, diesmal noch hinter Moskau.

Highlight aus dem Artikel der SPON-Wehrkraftunterstützer übrigens (von den Bildunterschriften gar nicht zu reden):
Die Zeit der reinen Selbstverteidigung ist vorbei. Von "kriegsähnlichen Zuständen" spricht selbst Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.
Als ob unser GröVaZ mit den gegelten Haaren eine andere Wahl hätte. "Spricht selbst"! Please! Manchmal war sogar ich erstaunt, für wie dumm der SPIEGEL seine Leser hielt.

- - - - -

Ein frohes neues Jahr übrigens allen sporadischen Lesern! All den Umständen zum Trotz.

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Sonntag, Dezember 06, 2009

Verdummungswarnung: Professor ohne Ahnung, ohne Aufrichtigkeit

Professor Doktor Gerhard Schulze verbreitete in der WELT seine bescheidene Meinung zum Klimawandel (>>). Er war Soziologe. Damit mochte er gut aufgestellt sein, um etwas über die Gesellschaft zu sagen. Der Klimawandel hingegen gehörte vermutlich nicht zu seinen Kernkompetenzen. Das war erstmal nicht schlimm. Ich war ja auch nur ein Psychologe und kein Klimaforscher. Ernst wurde es erst dann, wenn man mit seinem legitimen Nichtwissen nicht umzugehen wusste – und in dieser Kategorie war Herr Schulze ein Musterbeispiel, Doktor hin und Professor her. Tatsächlich war der Artikel in der WELT so schlecht, dass ich ihn hier mit Freude sezieren wollte als Beispiel für unlauteren Journalismus und, nein, nicht schlechte Wissenschaft, sondern absolute Unwissenschaftlichkeit per se. Schade drum. Von einem Professor für Empirische Sozialforschung sollte man Besseres erwarten können. Aber sei’s drum. Man sollte, bei Licht besehen, auch von Bundeskanzlern und gewählten Volksvertretern Besseres erwarten können. Man tat’s aber nicht mehr, und man hatte seine Gründe.

Herr Schulze begann mit einer großen Gesamtschau:
In den Gewässern Europas kann man unbesorgt baden, verspricht der Badegewässerbericht der Europäischen Kommission von 2007. In der ehemaligen Chemiekloake Bitterfeld trifft man auf Erholung suchende Touristen. Sogar im Ruhrgebiet hat die Luft beste Kurortqualität. Das Waldsterben ist ausgeblieben. Die Sahara dehnt sich nicht mehr aus, an ihren Rändern wachsen neue Bäume, die Wüste ergrünt. Es ist etwas wärmer geworden auf der Welt, und das ist auch gut so! Warmzeiten waren erdgeschichtlich immer gute Zeiten: Reiche Ernten, Artenvielfalt, mehr Fortschritt und ein leichteres Leben für alle.
Leider hatte das erstere mit dem letzteren nichts zu tun. Garnichts. Die Gewässerqualität Europas hängt nicht an einer Erwärmung, sondern an Kläranlagen, am Umweltschutz also. Gleiches gilt für Bitterfelder und ruhrgeb
ietliche Erholungsluft, und das Ausbleiben des Waldsterbens. Hier waren es der Niedergang der Stahl- bzw. Chemieindustrie und die Einführung des Katalysators, aber nicht die globale Erwärmung. Die Sahara dehnte sich übrigens noch immer aus. Und die Bäume, die dort dennoch wuchsen, wuchsen nicht aus einer Laune der Natur und weil es dort so schön warm war, sondern weil die Menschen dort versuchten, der fortschreitenden Desertifikation Einhalt zu gebieten (>>). Sie waren von Menschen gepflanzt, diese Bäume, nicht vom guten Wetter.
Nach all d
iesen falschen Pseudobeispielen, die seine folgende Aussage stützen sollten, dies aber nicht taten, schloss Herr Schulze (für die bessere Wirkung hier wiederholt) mit den Worten:
Es ist etwas wärmer geworden auf der Welt, und das ist auch gut so! Warmzeiten waren erdgeschichtlich immer gute Zeiten: Reiche Ernten, Artenvielfalt, mehr Fortschritt und ein leichteres Leben für alle.
Genau, richtig doch! Einen Platz an der Sonne für jeden! Wen interessierten schon die klimatischen Folgen für Ernten in Indien und China oder irgendwo in Afrika! Please! Hier gab es ja genug zu essen und zu trinken. Sonnenschein und ein kühles Bier, so mochte auch der Herr Soziologe seinen Sommer am liebsten! Aber weiter im Text.

Immerhin gab Herr Schulze seine Unbelecktheit in diesem Thema zu:
Wie kann ein einfacher Soziologe den Klimawandel herunterspielen, wo wir doch Milliarden dafür ausgeben, ihn endlich in den Griff zu bekommen? Will er als ahnungsloser Laie etwa abstreiten, dass die Malediven im Meer versinken, die Polkappen schmelzen und die ganze Welt sich langsam in einen Glutofen verwandelt?
Ein ahnungsloser Laie, sehr richtig. Si tacuisses, philosophus mansisses. Leider hielt die Bescheidenheit nicht lange an, sondern schlug unversehens um in einen weiteren Versuch, den existierenden Konsens über globale Erwärmung und ihre Realität ins Lächerliche zu ziehen:
Wenn wir nicht endlich etwas tun, werden Monsterwellen New York unter sich begraben, da sind besorgte Filmemacher und Experten sich einig. Der Mensch killt die Erde, weil er eine Industrie betreibt, weil er Auto fährt, Städte bewohnt, Fernreisen macht, Wohnungen heizt und Glühbirnen benutzt.
Nein, Filmemacher und Experten waren sich da nicht einig. Roland Emmerich hätte wohl zugestimmt, aber den Experten einen solchen Stuss in den Mund zu legen, war mindestens unredlich, und im Übrigen schlichtweg falsch, man konnte auch sagen: eine Lüge. Der Rest des Absatzes entsprach hingegen vermutlich den Tatsachen, denn was Herr Schulze da aufzählte, war nun einmal das, was man landläufig „Zivilisation“ nannte und mit sogenannten Klimagasen (vulgo CO2) zusammenhi
ng, und das war, wiederum im Konsens jener Wissenschaftler, die sich damit auskannten, einer der Gründe für den Klimawandel.

Der folgende Abschnitt entlarvte Herrn Schulze endgültig als einen, der entweder keine Ahnung hatte oder, schlimmer noch, eine solche sein eigen nannte, sie wider besseres Wissen aber für sich behielt:
Jeder einigermaßen kluge Kopf kann sich an einem Wochenende mit dem Hauptargument der Klimaschützer vertraut machen. In den letzten 150 Jahren hat sich der CO2-Gehalt der Luft von 0,028 auf 0,038 Prozent erhöht, also um etwa 0,01 Prozent der Atmosphäre. Auf die Frage, warum eine so winzige Menge Bedeutung haben soll, gibt uns die Chaostheorie eine fast schon volkstümliche, wegen ihrer Poesie allseits beliebte Antwort: Weil der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Taifun auslösen kann.
Wer immer wenigstes ein wenig von Chaostheorie verstand, dem war der Ausdruck des „Tipping Points“ (frei übersetzt als „Umschlagpunkt“) ein Begriff. Wenn man davon nichts wusste, dann vielleicht wenigstens Dinge wie exponentielle Funktionen und exponentielles Wachstum, wovon man als Professor für Empirische Sozialforschung wenigstens schon einmal etwas gehört haben sollte, im Vorübergehen gewissermaßen. Um solche handelte es sich hier nämlich, bei diesen „lächerlichen“ Mengen von 0,01 Prozent der atmosphärischen Gase. Mit Schmetterlingen und ihren Flügelschlägen hatte das nichts zu tun, außer man wollte den Problemkomplex als Ganzes ins Lächerliche ziehen; e
her mit natürlichen CO2-Senken und deren Erschöpfung.

95 Prozent des Kohlendioxids in der Erdatmosphäre waren nicht menschengemacht. Sie waren vielmehr der „natürliche“ Umschlag dieses Gases, freigesetzt durch Flora, Fauna und Geologie (Vulkane beispielsweise). Die anderen fünf Prozent waren das Problem, denn diese kamen von uns, durch Industrie, Verkehr und Landwirtschaft. Für die Einfachheit des Arguments sei an dieser Stelle angenommen, dass sie linear waren, also jedes Jahr mehr oder minder fünf Prozent hinzu kamen. Diese fünf Prozent sammelten sich an, denn
sie blieben in der Atmosphäre. Die natürlichen CO2-Senken, also jene Orte, in denen die „natürlich“ erzeugten 95 Prozent des CO2s endeten, waren für sie nicht ausgelegt. Wälder und Ozeane konnten nur soviel Kohlendioxid aufnehmen, irgendwann war Schluss – besonders, wenn man die Wälder nach wie vor abholzte, anstatt sie zu erhalten, aus welchen Gründen auch immer. Wenn man nun zu einem System Jahr um Jahr fünf Prozent von etwas hinzufügte, so sah das dann aus:

Das nannte
sich eine Exponentialfunktion. Herr Schulze hatte sicherlich schonmal von so einer gehört. Wenn man sich entsprechend die Entwicklung des menschengemachten Kohlendioxidanteils in der Atmosphäre dachte, war das noch der Flügelschlag eines Schmetterlings? Oder nicht eher ein Schlag mit dem Vorschlaghammer?

Auch andere Faktoren, also sozusagen andere Schmetterlinge verändern seit Jahrmillionen das Klima, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr, aber man weiß es nicht genau. Das Klimageschehen ist komplex und weitgehend unerforscht. Das ist jedem bekannt, der sich mit der Materie beschäftigt. Trotzdem bleiben beim Klimaschutz alle Faktoren außer CO2 unberücksichtigt. Warum ist das so?
Auch hier offenbarte Herr Schulze vor allem anderen eine hervorragende Unkenntnis verfügbarer Quellen. Ja, es gab andere Faktoren. Doch, man wusste bereits einiges darüber. Ja, das Klimageschehen war komplex (man denke nur an den täglichen Wetterbericht, oder gar die -vorhersage). Und nein, es blieben nicht alle anderen Faktoren unberücksichtigt.
Zum CO2 an dieser Stelle aber erst folgendes: Kohlendioxid war einfach eines der potentesten Treibhausgase, die es in der Atmosphäre gab. Vom Wasserstoff gab es mehr, aber der stammte nicht von uns Menschen; Methan und Ozon waren stärkere Treibhausgase, aber in der Menge (noch) im direkten Vergleich verschwindend gering. Der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre hingegen entwickelte sich laut Datenlage wie folgt:
Die CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren blieb relativ konstant bei 280 ppm. Die Bilanz des Kohlenstoffdioxidkreislaufes war somit in dieser Zeit weitgehend ausgeglichen. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf bislang 385 ppm (2008). In den Jahren von 1960 bis 2005 stieg der CO2-Anteil im Mittel um 1,4 ppm pro Jahr. In den 10 Jahren von 1995 bis 2005 betrug die jährliche Anstiegsrate 1,9 ppm. Einer Untersuchung des Global Carbon Projects aus dem Jahr 2008 zufolge ist in den Jahren 2000 bis 2007 der CO2-Ausstoß viermal schneller gestiegen als noch im Jahrzehnt davor.
(Quelle: Wikipedia)
Zusammengefasst: Der CO2-Gehalt stieg. Das Gas wurde von uns in signifikanten Mengen produziert. Die natürlichen Kohlenstoff-Senken konnten es nicht aufnehmen. Es akkumulierte in der Atmosphäre. Der Planet wurde langsam, aber sicher (und exponentiell) wärmer. Also warum zum Kuckuck sollte man nicht versuchen, den CO2-Ausstoß zu regulieren? Mein Gott, sogar Schulze kapierte das, wenigstens das:
Eine Antwort ist: Der Mensch kann die anderen Faktoren, zum Beispiel Sonne, Wolken, Schnee oder kosmische Strahlung, nicht beeinflussen. Was er beeinflussen kann, ist der CO2-Ausstoß - den Flügelschlag eines Schmetterlings im komplexen Klimasystem der Erde.
Yeah, und es war kein Schmetterling, sondern ein Vorschlaghammer. Also warum nicht das Ding nehmen und beiseite legen, anstatt eine Wand nach der anderen einzuhauen? Ja, warum eigentlich nicht?
Die vermessene Idee, um beinahe jeden Preis die globale Durchschnittstemperatur regulieren zu wollen, enthält drei Grundannahmen, die mir nicht einleuchten.
Erstens: Wir verursachen den Klimawandel, also können wir ihn auch wieder abstellen. Was ist in diesem Fall mit den anderen Faktoren, die eine Rolle spielen? Auch sie sind, um im Bild zu bleiben, Schmetterlinge, die mit den Flügeln schlagen. Halten die alle still, nur weil wir die Welt retten wollen?
Die Argumentation als solche war Unsinn: Welchen Sinn hatte es, das Steuer eines Wagens herumzureißen, um an einem entgegenkommenden Baum vorbeizusteuern, wenn auf den Straßen andere Fahrzeuge, Lastwagen gar, unterwegs waren, die wir nicht beeinflussen und die uns jederzeit rammen und ums Leben bringen konnten? Tja, wozu überhaupt noch handeln? Tatsache war, dass der Anstieg der CO2-Konzentration und die Realität der globalen Erwärmung wissenschaftlicher Konsens waren, und dass es Mittel und Wege gab, dagegen anzugehen. Besser als das wurde es nicht. Mehr Sicherheit konnte man nicht erlangen, und nur deshalb gegen eine erkannte Gefahr nicht vorzugehen, weil es noch viele andere gab und diese vielleicht auch ihre Finger im Spiel hatten, war Unsinn. Es war sogar mehr, es war zutiefst fahrlässig. Und auch für fahrlässige Tötung konnte man in den Knast gehen.
Zweitens: Wer die Klimaerwärmung seit Beginn der Industrialisierung pathologisch nennt, muss eine Vorstellung davon haben, was normal ist. Was ist ein normales Klima? Diese Frage muss offenbleiben, denn normal ist nur eines: Das Klima ändert sich fortwährend. Seit Jahrmillionen, auch ohne menschengemachtes CO2.
Auch das war so irrelevant, wie es richtig war. Sicherlich änderte sich das Klima fortlaufend. Im Devon-Zeitalter war es lauschig warm, im Pleistozän eher kalt. Im einen von beiden zu leben würde allerdings keinen großen Spaß machen. Der Verweis auf natürliche Klimavariation war Unsinn, denn um diese ging es hier nicht: Es ging vielmehr um die Möglichkeit, 6,8 Milliarden Menschen recht und schlecht überleben zu lassen, und wenn man diesen Ansatz zugrundelegte, dann nützten Klimavarianz und Konsorten gar nichts, dann musste man zusehen, dass der Meeresspiegel bleib, wo er war, im Großen und Ganzen zumindest, und genügend Nahrung zur Verfügung stand (was schon wieder ein ganz anderer und ebenso schlimmer Problemkomplex war). Aber so zu tun, als könne man sowieso nichts machen, war wiederum nichts Anderes als fahrlässig oder zumindest faul, und von beidem hatte keiner was, nicht einmal der Faule selbst.
Drittens: Trotz aller Freiheiten, die das Klima sich nimmt, haben viele Klimaschützer einen ganz bestimmten Bezugspunkt, und das ist die Zeit vor Beginn der Industrialisierung. Damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, endete in Europa die vorläufig letzte Kaltperiode, die sogenannte Kleine Eiszeit. An ihr scheiterte die Expedition Sir John Franklins auf der Suche nach der Nordwestpassage, von ihr erzählt die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie sorgte in ganz Europa für Hunger und Not. Die Winter waren lang und kalt, die Sommer verregnet, die Ernten schlecht. Vor dieser Eiszeit begünstigte eine lang andauernde Warmzeit die Geschicke Europas. Sie brachte eine nie da gewesene kulturelle und wirtschaftliche Blüte, sie erlaubte bis in den hohen Norden hinauf den Weinbau und andere Annehmlichkeiten. Würden Klimaschützer diese Warmzeit in ihr Normalitätsmodell mit einbeziehen, hätten wir kein Problem. Es wäre nicht wärmer, als es schon einmal war, und niemand müsste sich Sorgen machen.
Die Kleine Eiszeit als globale Erscheinung war mittlerweile umstritten, umstrittener jedenfalls als die globale Erwärmung. Wen es genauer interessierte, der mochte auf Wikipedia nachlesen (>>). Aus der Perspektive der Nordhalbkugel war wärmer sicherlich ganz toll: Wein für alle, schneefreie Winter und Kulturelle Blüten! Wie großartig. Was Herr Schulze geflissentlich ausblendete, waren die vorliegenden Daten, die als solche nicht disputabel waren:
Seit wenigstens 650.000 Jahren lag der Anteil jedoch immer unterhalb von 280 ppm. Die CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren blieb relativ konstant bei 280 ppm. Die Bilanz des Kohlenstoffdioxidkreislaufes war somit in dieser Zeit weitgehend ausgeglichen. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf bislang 385 ppm (2008).
(Quelle: Wikipedia)
Das CO2 war da. Sein Anstieg fiel mit der Industrialisierung zusammen. Es wurde mehr. Wir kannten den verdammten Mechanismus des Triebhauseffekts, und man konnte extrapolieren, wie sich die Temperaturen verändern würden. Das bedeutete nicht nur Wein in Schweden, es bedeutete auch schmelzende Gletscher, schmelzendes Eis an den Polarkreisen, auftauende Tundra-Permafrostböden, freigesetzt werdendes Methan (ein Treibhausgas, gegen das CO2 ein billiger Witz war), steigende Meeresspiegel, all solche Dinge. Aber Hauptsache, Europa hatte es warm und gemütlich. Mir fehlten die Worte angesichts solcher Unverfrorenheit.

Der von den Klimaschützern erwartete dramatische, unheilvolle, katastrophale Klimawandel beruht auf Prognosen, Computersimulationen und einer selektiven Auswahl von CO2-Messwerten, wie Kritiker ebenfalls beklagen.
Worauf sollten sie denn sonst beruhen, Himmelherrgott? Sollten wir warten, bis die Hütte unbestreitbar brannte, bevor wir uns Gedanken über die Feuerwehr machten? Benutzten Sie Ihr Hirn, Schulze! Es befand sich vermutlich irgendwo zwischen Ihren Ohren!
Mithilfe solcher spekulativen Daten wird dann zum Beispiel vorausgesagt, dass die Malediven demnächst im Meer versinken. Aktuell sind sie jedoch nicht vom Untergang bedroht, da der Meeresspiegel viel geringfügiger ansteigt als vorausgesagt. Auch der Klimawandel selbst macht seit einigen Jahren eine Pause, es wird nicht mehr wärmer.
Wieder das gleiche: Weil ich es jetzt nicht sehen kann, wird es auch in der Zukunft nicht eintreten. Das war lineares Denken, und es war einer der größten denkbaren logischen Kurzschlüsse. Was kümmerte mich die Sintflut morgen! War doch hier und jetzt noch alles in Ordnung mit dem verdammten Ding! Die Malediven gingen jetzt nicht unter, also würden sie es auch morgen nicht tun. Wer wollte einer solchen Logik widersprechen?
Das Argument mit der angeblichen Pause des Klimawandels war hingegen schon so oft wiedergelutscht worden, dass man annehmen sollte, inzwischen hätte sich herumgesprochen, dass nichts daran war. Aber als Strohmannargument diente es offenbar noch immer vorzüglich. Die vollständige Widerlegung des Pseudoarguments gab es hier auf RealClimate (>>).
Trotz aller berechtigten Zweifel an der Idee des Klimaschutzes findet ein Diskurs nicht statt. Aber wie lange noch lässt sich eine Diskurskultur fortführen, in der Skepsis beschimpft und offen gefragt wird, ob Demokratien überhaupt geeignet sind, den Herausforderungen des Klimaschutzes zu begegnen?
Die „berechtigten Zweifel“ waren, wie wir gesehen hatten, unberechtigt. Ein Diskurs fand statt: ein Blick in die entsprechenden Journals und Veranstaltungen sollte genügen, um das zu erkennen. Skeptiker wurden nicht beschimpft, sondern durften offenbar sogar in der WELT publizieren. Und die Frage nach der angeblichen Eignung oder Nicht-Eignung von Demokratien war reine Augenwischerei, dazu gedacht, den Diskurs aus dem Bereich wegzunehmen, wo der Autor Schulze verlieren musste, nämlich dem Reich der Fakten, und ihn ins wertend-politische zu überführen, wo man weiterhin hervorragend um den heißen Brei reden konnte. Kein Klimaforscher forderte eine Klima-Diktatur, und nicht einmal der kleine Mann auf der Straße. Das war alles, was es zu diesem Phantasiegebilde Schulzes zu sagen gab.

Ich kürzte nun ein bisschen ab, neue Argumente von Seiten Herrn Schulzes kamen sowieso nicht mehr. Er endete schließlich mit den pathetischen Worten:
Wir sind die Geldgeber, und wir sind das Volk. Und je mehr auf dem Spiel steht, je mehr man uns abverlangt, desto mehr sind alle Beteiligten, also Wissenschaftler, Politiker und ihre Wähler zum Diskurs verpflichtet. Dieser findet jedoch nicht statt. Noch tragen wir brav alle Anstrengungen mit, aber die Anzeichen verdichten sich, dass wir unser gutes Geld für eine fixe Idee ausgeben. Es spricht alles dafür, dass das Klima bleibt, was es immer war: ein sich selbst regulierendes System.
Ach wie hehr, und ach wie edelmütig. Nochmal: der Diskurs fand statt (beispielsweise hier (>>) ). Auf Politiker und Wähler zu verweisen, hatte wenig Sinn, denn das Problem gestaltete sich insgesamt folgendermaßen: Die Wissenschaft stellte fest, anhand der wissenschaftlichen Methode (>>), die das Beste war, was wir hatten und jemals gehabt hatten, dass die Temperatur stieg. Global. Ebenso wie der CO2-Gehalt der Atmosphäre. Sie überlegte sich, was das bedeuten und nach sich ziehen könnte, und die Folgen waren nicht so toll (siehe oben). Also schlugen sie Alarm, wie der Hahn auf dem Mist. Aufgabe erledigt. Das war es, wozu Wissenschaft da war: die Realität zu untersuchen und systematische Zusammenhänge zu erkennen. Sie war nicht da zum Kaffeekochen, nicht zum Wäscheaufhängen und auch nicht für die politischen Entscheidungen. Sie war dazu uns zu sagen, wie die Realität möglicherweise aussah und was auf uns zukam. Für die Entscheidungen waren wir zuständig, das Volk, und die Flaschen, die wir gewählt hatten. Was aber machten die und wir? Wir führten folgende Diskussion:
„Ach nö, die ist ja scheiße, die Vorhersage. Die stimmt doch sicher eh nicht“, „Mein Onkel/Schwippschwager/Freund eines Freundes meint, dass das sowieso nicht stimmen kann (eigentlich: darf)...“, „Und dann nich mehr Auto fahren oder was?“, „Belastungen der deutschen Industrie sind mit mir nicht zu machen“, und so weiter und so fort.
Sicherlich, wir konnten uns dafür entscheiden, und falsch zu entscheiden. Scheiß aufs Klima, scheiß auf den Rest der Welt, war ja alles nicht erwiesen (wenn man sich dafür entschied, die Fakten zu ignorieren), Rotwein für alle, auch in Schweden, und weiter wie bisher! „Nach uns die Sintflut!“ – und vermutlich ahnte wieder mal keiner, wie Recht er oder sie damit letztendlich haben würde...
Das Klima war nämlich ein selbstregulierendes System, sicherlich - nur leider nicht mit einem anthropozentrischen Balancepunkt. Auch zu Zeiten der Dinosaurier war es hier auf Erden gemütlich - für die Dinosaurier.

Artikel wie dieser Essay Gerhard Schulzes leisteten einen wertvollen Beitrag zu dieser sich der Realität verschließenden Realitätsauffassung (>>). Im Nachgang muss man jedenfalls feststellen: Herr Schulze hatte sich entweder
a) einen Scheißdreck um das Eruieren der vorliegenden Fakten gekümmert, dann ließ er jegliche Sorgfaltspflicht vermissen, um ein Tendenzstück zu konstruieren, oder
b) die Fakten zwar erkannt, sich aus persönlichen oder politischen Gründen jedoch dafür entschieden, sie zu ignorieren und das Gegenteil zu propagieren.
Beides war, gelinde gesagt, unlauter und unverantwortlich. Schulze hatte einen einzigen Strohmann-Artikel geschrieben, und kaum eines seiner "Argumente" entsprach der Wahrheit, er drehte sie nur immer so, wie er sie gerade brauchte. Verdummung war für diesen Essay noch gar kein Ausdruck. Aber er stand ja auch in der WELT.

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Sonntag, November 15, 2009

Schlafes Bruder, Volkstrauertag

Ich war, unter anderem, Psychologe. Ich hatte auch schon gute Freunde und Verwandte an den Tod verloren, wie wahrscheinlich jeder von uns. Gerade vor diesem Hintergrund machte mich ein Artikel wie dieser (>>) fassungslos. Man musste ihn gar nicht mehr kommentieren. Wer es verstand, der verstand ohnehin; wem man es erklären musste, der würde es sowieso nicht verstehen.

Und das alles am sogenannten Volkstrauertag (>>). Es war so ironisch, dass ich erstmal einen trinken musste.

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Samstag, November 14, 2009

Genug ist genug - sogar für die FAZ (!)

„Noch nie in meinem Leben habe ich etwas so Herrliches erlebt! Über alles Irdische erhaben, ruhig und sicher dahinfliegend, kommt man sich wie ein Gott vor! Tief unten auf der Erde lag es wie ein Kranz von Rauch um die Stadt: nichts als krepierende Granaten. Und dann denkt man an die Soldaten, die da unten kämpfen und sich jeden Meter blutig erobern müssen, und an die Verluste! - und ich? Wie ein Gott schwebt man über all diesen Schauern und schleudert seine Blitze auf den Feind! Man denkt an keine Gefahr, fliegt ruhig seine Bahn und tut seine Pflicht.“ *)
Dass ich das noch erleben darf (muss)! Die FAZ disst den SPIEGEL (>>) wegen (festhalten!) Hofberichterstattung seiner Majestät Freiherr von und zu gegelt sei er ewiglich Karolus Theodorus undsoweiter, seine Wahl zum Monarch möge kommen (>>)... Verkehrte Welt, oder andererseits der Beweis, dass mittlerweile der SPIEGEL die FAZ als tendenziell rechte Rechtfertigungs- und Arschwisch-Journalität weit hinter sich gelassen hat.

O tempora o mores!

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*)Von der FAZ dem SPIEGEL in den Mund gelegt. (>>) So ehrlich muss man sein.

Dank auch an Feynsinn, der den feynsten Geruchssinn hat (>>).

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Freitag, November 13, 2009

Meinungsmache in Berlin

Ein friedlicher Donnerstagabend in Berlin. Albrecht Müller stellte sein neuestes Buch vor (>>): "Meinungsmache" (>>). Das klang erstmal recht beschaulich, wurde es aber nicht. Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung war die Schlange vor dem Palais in der Kulturbrauerei lang, und der Saal selbst wurde gerammelt voll. Es gab ja auch interessante Beteiligung: Mit am Start an diesem Abend waren außer dem "großen Kritiker" Albrecht Müller der "große Populist" Oskar Lafontaine und der "große Neoliberale" Hans-Ulrich Jörges, das alles mehr oder minder moderiert von Sabine Adler, der Hauptstadt-Korrespondentin des Deutschlandfunks.

"Mehr oder weniger" in Sachen Moderation deshalb, weil es recht unmittelbar sofort beinhart zur Sache ging. Es gab da oben auf dem Podium aber auch alles, was eine gute Story braucht: einen hehren Helden in verzweifelter Mission (Albrecht Müller), einen üblen Bösewicht (Hans-Ulrich Jörges, der die Rolle eigentlich gar nicht wollte, sich dank Publikum und seiner eigenen unversöhnlichen Impulsivität aber dennoch sehr bald in dieser wiederfand und sie dann auch vorzüglich ausfüllte), einen strahlenden Ritter in weißer Rüstung (Oskar Lafontaine, der tatsächlich eine Glanzleistung ablieferte und auch eingefleischte SPD-Mitglieder im Publikum zu begeistern wusste (ich saß neben einem)), und eine Frau (Sabine Adler), als Quotenerfüllung sozusagen, ähnlich wie in jedem Katastrophenfilm. Zu moderieren hatte sie nämlich nicht viel, das erledigten die drei Herren gleich selbst, allen voran Hans-Ulrich Jörges, der besonders dadurch auffiel, dass er die anderen nicht ausreden lassen wollte, sondern immer noch verbal inkontinent ein paar Tröpfchen der eigenen Meinung nachschieben musste. Sein Mikrophon in Tateinheit mit seiner sonoren Stimme waren auch am lautesten, so dass es ihm allzu oft gelang.

Albrecht Müller präsentierte seine bekannten Thesen (nachzulesen unter anderem auch hier (>>), auf den Nachdenkseiten), die durch die ständige Wiederholung leider immer noch nichts an ihrer Aktualität eingebüßt hatten. Lafontaine war wohl vorgesehen als Kronzeuge, entzog sich dieser Rolle jedoch durch wiederholtes (und in meinen Augen sehr angenehmes) Verweisen auf die Meta- oder Strukturebene der Probleme: Ja, sicherlich könne man sich beklagen über die Medienbarriere gegenüber der LINKEn, über die Hetze gegen seine Person, über diesen oder jenen einzelnen Sachverhalt, ABER... darum ginge es ja gar nicht. Es ging ihm viel mehr um die Struktur von Macht in unserer Gesellschaft, frei nach dem Motto "cui bono" und warum es jenen so leicht gemacht wurde. Er wollte sich nicht beklagen, er wollte tatsächlich zum Nachdenken anregen, uns, das Publikum, und das gelang ihm recht gut. Ehrlich gesagt, es war für mich der erste Politiker, der mich tatsächlich zum Nachdenken aufforderte und nicht nur mit Worthülsen um sich schmiss. Das tat er nämlich nicht. Je älter Lafontaine wurde, umso staatsmännischer wirkte er auf mich und verhielt er sich auch - ein ganz schöner Effekt, den man einigen der anderen Greise an der Spitze anderer politischer Parteien auch wünschen würde bzw. gewünscht hätte, aber dort war Alterssturheit die verbreitetere Ausprägung des Silberhaars.

Soviel Vernunft konnte und wollte sich auch Hans-Ulrich Jörges nicht verschließen, vorneherum jedenfalls. In vielen Einzelheiten stimme er Albrecht Müller zu, Oskar Lafontaine habe ja politisch auch schon viele Erfolge errungen, etc. pp., und man fragte sich anfangs, warum dieser Mann als "Neoliberaler" in die Runde eingeführt worden war. Den Grund dafür bemerkte man dann allerdings doch noch sehr schnell, denn bei allem Nachgeben in Einzelfragen war Jörges doch um so ideologiefester in grundsätzlichen Dingen, egal, wie empirisch belegt und nachprüfbar sie sein mochten - was in seinen Augen Geltung hatte, war oft und zuvörderst die ideologische Linie: die Rente KONNTE nicht sicher sein, die Medien KONNTEN "das Volk" nicht manipulieren, das Land HATTE nach Links zu rutschen *), und wenn vorsichtige und nicht ganz so vorsichtige Nachfragen aus dem Publikum seine Strohmann-Argumente ins Wanken brachten, überschüttete er den Fragesteller und die diesen unterstützenden anderen Zuhörer mit Hohn und Schmähungen. Ein guter Stil war das beileibe nicht, sondern eher wie bei einem Kind, dem man die Lebenslüge wegnehmen will. Am Ende hatte er das Publikum fast geschlossen gegen sich, und wenn man beobachtete, wie er sich weiterhin entrüstete, dann konnte man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass hier einer nach der Devise "viel Feind, viel Ehr'" verfuhr. Als Besetzung für den Bösewicht war er jedenfalls vorbildlich.

Albrecht Müller, Oskar Lafontaine und Sabine Adler bemühten sich nach Kräften, die loose cannon Jörges versöhnlich wieder einzufangen, und tatsächlich endete der Abend, ohne dass jemand verletzt worden wäre. Lafontaines Personenschützer konnten die Hände in den Taschen lassen, und auch Hans-Ulrich Jörges soll heute morgen schon wieder in den Büros des STERNs gesichtet worden sein, die Hände seinerseits in den Hosentaschen und verbittert vor sich hin murmelnd.
Das wirklich Interessante, wiederum an der Person Jörges', war allerdings Folgendes: Charakterlich mochte er Mängel haben, jedenfalls wenn seine gestrige Darbietung seinem alltäglichen Benehmen entsprach, aber ein böser Mensch war er sicher nicht, und genausowenig war er dumm. Er schrieb auch gute Artikel, in Einzeldingen wich seine Meinung nicht viel ab von der Albrechts und Lafontaines, da gab es einen gemeinsamen Nenner zwischen Links und Rechts - jedoch schien er nicht imstande, den alles bedeutenden zusätzlichen Schritt zurück, hinter die Dinge zu machen und seine Grundannahmen selbst zu hinterfragen: Brauchen wie diese Form von Staat? Brauchen wir diese Form der Organisation? Brauchen wir tatsächlich diese Werte? Dieses Unvermögen war umso bedauerlicher, als viele im Publikum zu dieser Leistung imstande waren und mit ihren Fragen auch in diese Richtung gingen, und natürlich fragten sie Jörges als angenommenen Vertreter des "Systems", der jedoch wiederum vollkommen außerstande war, auch nur die Fragen zu verstehen, was jedes Mal in einem hochroten Kopf und den angesprochenen Schimpfkanonaden gipfelte.

Alles in allem ein wunderbarer Abend, und bessere Unterhaltung (und zu einem geringeren Preis) als jeder Kinofilm. Das Grundproblem blieb jedoch das gleiche: dass auch jene in der Verantwortung, in Führungspositionen, an der Spitze von Zeitungen, Unternehmen und Verbänden, offenbar allzu oft unfähig waren, die richtigen Fragen zu stellen, sie zu verstehen und in letzter Konsequenz auch zu beantworten. Jene also, von denen man es noch am ehesten verlangen zu können meinen sollte. Mehr als ein variiertes Weiter-So und Mehr-desselben war von diesen Figuren nicht zu erwarten. Man musste sich ja neben Jörges nur die aktuelle Regierungsriege
und das Gedöns der Regierungserklärung anschauen.

In Berlin also nichts Neues.

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*)Zu all diesen Fragen bieten die Nachdenkseiten (>>) eine Menge Material.

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Mittwoch, Oktober 07, 2009

In a Kuhnian reality, we might be fucked already

Everyone knows Thomas Kuhn (>>), at least by name, whose essay “The Structure of Scientific Revolutions” (>>) made him world-famous back in 1962. He has unfortunately passed away in the meantime, but his observations and analysis remain a valid argument and still hotly debated in the scientific community. I think that his work not only is of importance for the scientific realm, but, unfortunately, for reality at large as well. Here’s what this would mean.

In his famous essay, Kuhn states that science does not progress in a linear, ever-improving way, as it was conceptualised up until then, but as a series of changing paradigms of reality and distinct paradigm shifts. A paradigm was a model of thought that affected the way reality was perceived and could be explored. The most famous case in his favour he cited at the time was the Copernican Revolution (>>)(>>), the shift in thought and perception from an earth-centric solar system (and universe) to a helio-centric model. According to Kuhn, a shift in paradigms (and thus scientific development) happens when the data accumulated do not longer match the old paradigm in place until then. In a phase he termed “revolutionary science”, a few scientists and researchers are willing to take up the new data instead of explaining it away and to develop a new approach to the scientific problem at hand. The old and the new paradigm then exist in parallel, until the new paradigm becomes the new scientific consensus of its time. This phase he called “normal science”.

The tricky part is during the “revolutionary science” phase, when the two (or more) paradigms exist in parallel. The way a new paradigm prevails is not by consensus in the first place, and not by the proponents of the old paradigm suddenly recognising their misperceptions and conceding the flaws of “their” theory. People in general and scientists in particular tend to highly identify with their world view, the way they explain the world to themselves and others, and usually have invested quite an amount of life time, work and prestige into their conception of reality. New paradigms eventually take over in the course of time because the proponents of the old simply die off. It
s a biological, not a logical take-over. Not very “scientific”, but that’s the way it is.

And that’s the interesting part that is of importance for all of us, and especially right now at this point in time. We are (and for years have been) in the midst of massive, multiple shifts in paradigms, not only within the scientific realm, but in society at large. The paradigms, i.e. conceptions of reality and its workings, we have been acting by in the last decades, do no longer correspond with the actual facts and the actual outcomes of our actions. Take so-called neo-liberalism and free-market economics as an example – the assumed trickle-down theory has never worked; the Laffer-Curve (>>) is a piece of fiction; privatisation has seldom benefited the public at large as it was theorised, but the stakeholders of the privatised companies only; and the way the mechanisms of the financial markets were conceptualised completely missed the possible outcome of a world-wide financial crisis. The same holds true for sociological contexts: a society based purely on egoic notions of its members cannot stand, no matter what the proponents of such a society assert, an issue that has been proven again and again throughout the history of man.

The thing is, whatever the “truth”,
proponents of the old and, in the eyes of many, dysfunctional paradigms (economists like Raffelhüschen and Sinn; politicians like Westerwelle and Steinmeier; parties like the US republicans in their actual state) are highly unlikely to concede any mistakes or misperceptions and embrace a new and more sustainable way of thinking. More probable, all these adherents of the old will continue to cling onto their beliefs and belief systems and fiercely defend them.

Why is that so? Because what someone beliefs is central to who he or she is. We do not have rational minds that strictly logically decide on the course to be taken, open for new input and falsification of data. We invest a lot into our worldview: our personality, our self-perception, our ego. Conceding “defeat” would mean to give up that strawman we have built for ourselves and re-think our very being, the very way we are and perceive ourselves. Furthermore, the old is where the money and the power are. People think they have everything to lose on a personal basis and do not know what they are to gain, except perhaps on a general level. They would have to give up on influence, status, comfort, and only for such schemes like “an inhabitable planet”, “a clean environment”, “less poverty”. Taken that and the threat to their ego, they do not have any convincing incentives to change their ways, to question their perception of reality and to reconsider their values and actions.

Coming back to the beginning, in a Kuhnian reality we might be fucked. Change (mainly for the worse) is happening on a faster and faster rate, and we simply cannot wait for the adherents of the old paradigms to die of old age, because they would take the world along into their graves.
So am I talking about some sort of (violent) revolution? Certainly not. Violence in itself is a paradigm of old, more suitable to the obviators than to the innovators. So what can be done? I am unsure of that myself. It looks like we need a new way of arguing itself, significantly less ego, and considerably more intrepidity on both sides of the trench. We need the audacity to do the right thing and to unconditionally argue over the right course, whatever our beliefs, whatever we may have invested. Is that probable or even possible? Again, I do not know.

As I said: In a Kuhnian reality, we might be fucked already.

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Montag, Oktober 05, 2009

"Momentan versuchen 5% unseres Landes, 95% zu betrügen"

Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!
(Kurt Tucholsky)
Es gab Zeiten der Geschichte, ob es einem gefiel oder nicht, da musste der einzelne über sich hinauswachsen, sich dem stellen, was ihn und seine Mitbürger bedrohte und Stellung beziehen gegen das, was Unrecht war, egal, wie es von seinen Nutznießern genannt wurde.
Dr. Döllein schien mir einer von diesen, und seinen Text, den ich heute entdeckt hatte und in dem er uns alle zu Wachsamkeit und Handeln als Bürger aufrief, mochte ich an dieser Stelle gerne teilen:
Ich glaube, mittlerweile sollte klar geworden sein, dass hinter dieser politischen Entwicklung leider nicht mehr das gesamtgesellschaftliche Verantwortungsgefühl von konservativen oder sozialdemokratischen Volksvertretern steckt, sondern nur noch das, politisch sehr ökumenische, Gewinndenken des Geldmarktes. Und da kommen unsere „Eliten“ ins Spiel, deren elitäre Eigenschaft leider nur im finanziellen Reichtum zu bestehen scheint, denn weder im ritterlichen Schutz für den Schwächeren noch im Fühlen für unser Gemeinwohl kann ich hier besondere Stärken entdecken.
Auch völlig ohne Pathos konnte die Lektüre nicht schaden. Den kompletten Text als PDF gab es hier (>>). Danke an Demokratie-ist-wichtig.de (>>). Zum Eliten-Thema siehe auch der Schattenmann (>>).

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Dienstag, September 22, 2009

Polizeibrutalität im Bud-Spencer-Remix

Drüben bei Telepolis (>>) gibt's das Für und besonders das Wider in Hinblick auf Polizistenprügel bei der Anti-Überwachungs-Demo am 12.09.2009 in Berlin hervorragend aufbereitet.

Die remixte Fassung des Beweisstücks A gibt es allerdings auf Youtube (das Original hier (>>)):



Was soll ich sagen - so schlimm ich den Sachverhalt finde, so lustig (und natürlich politisch so was von unkorrekt) ist in meinen Augen des schlechten Geschmacks das Terence-Hill-Voice-over, aber ich finde ja auch die ersten beiden Filme der Nackte-Kanone-Trilogie wirklich und ehrlich komisch.
Mein ehrliches Beileid gilt dem Herrn in Blau. Vielleicht (wenn auch unwahrscheinlich) kommt einer der Grünen ja dafür in den Bau.

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