Dienstag, Februar 23, 2010

Astral Travelling

On Thembi, that was the first time that I ever touched a Fender Rhodes electric piano. We got to the studio in California — Cecil McBee had to unpack his bass, the drummer had to set up his drums, Pharoah had to unpack all of his horns. Everybody had something to do, but the piano was just sitting there waiting. I saw this instrument sitting in the corner and I asked the engineer, "What is that?"
He said, "That’s a Fender Rhodes electric piano."
I didn’t have anything to do, so I started messing with it, checking some of the buttons to see what I could do with different sounds. All of a sudden I started writing a song and everybody ran over and said, "What is that?" And I said, "I don’t know, I’m just messing around." Pharoah said, "Man, we gotta record that. Whatcha gonna call it?"
I’d been studying astral projections and it sounded like we were floating through space so I said let’s call it "Astral Traveling."
(From Wikipedia.org (>>))

That's Jazz in a nutshell. That's the way you should treat the new in the world and its possibilities - curious and curageously. And the result will invariably beggar all description, in a positive way. So listen to it. Here, for example (>>).

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Sonntag, Februar 21, 2010

Das große Irrenhaus der Welt

Die wichtigste Erkenntnis, die ich diese Tage hier anbringen konnte, war eine, die ich schon lange gehabt hatte, die sich aber jetzt gerade erst wieder den Weg an die Oberfläche meiner Gedanken kämpfte: Diese Welt war nichts Anderes als eine einzige, große Irrenanstalt. Es verhielt sich mit ihr sogar noch schlimmer, als ich früher gedacht hatte. Es war wirklich alles verrückt: das gesamte System war verrückt, und die Menschen, die unter und in und ihm und durch es lebten, waren ebenfalls verrückt, verrückter sogar noch als einfach nur verrückt. Ich wandelte hier in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Kontinent, ja auf diesem Planeten unter Irren. Ich war selbst irre, zu einem gewissen Grad, aber weitaus weniger irre als die meisten anderen. Ich begann, mich zu heilen. Ich bemühte mich seit langem schon darum, und es war ein langsamer, schmerzhafter Prozess.

Was mich früher am Leben gehalten hatte, war die Natur um die Stadt herum gewesen, am See, der See. Was immer Schlimmes passierte, welche traurigen oder grausamen Gedanken auch meinen Geist beschäftigten, ich konnte immer an den See gehen und mir den Kopf vom unablässig wehenden Wind durchpusten lassen. Der Kosmos hielt mich angesichts der Welt, die wir Menschen geschaffen hatten, am Leben, ja er ermöglichte es mir überhaupt erst.
Hier in Berlin hatte ich keinen See, und hier in Berlin hatte ich keinen Kosmos. Hier hatte ich nur Berlin, nur den Moloch Stadt, nur die verdammte Welt und nichts sonst. Der Kosmos war weit weg, irgendwo hinter der Stadtgrenze, und auch dort nur ein armseliger solcher eingedenk der Schönheit anderer Orte, des Sees.

Ich meinerseits lebte ein verzweifeltes Leben, denn ich erkannte immer mehr vom Wahnsinn der Welt. Tatsächlich ging mein Wissen über diesen Wahnsinn weit über alles hinaus, was ich während meines Studiums gewusst oder gar geahnt hatte, und es stellte sich als schlimmer heraus als in meinen übelsten Träumen. Ich hatte schon seit langem gewusst, dass unsere Bewusstseine das Urproblem hinter allem waren, beziehungsweise unser Umgang mit ihnen, aber wie verkommen und verkorkst die ganze Welt, die ganze Gesellschaft tatsächlich waren, das wurde mit erst nach und nach klar, jetzt, zu dieser Zeit, und meine Verzweiflung wuchs mit jeder neuen bitteren Erkenntnis.

Wie lagen die Dinge nun? Ich musste mir einmal wirklich darüber klar werden, wenn ich die Puppen zum Tanzen bringen wollte. Eigentlich war ich verzweifelt, und immer mehr so, je tiefer ich in den tatsächlichen Zustand der Welt eindrang; nur brachte mich auch das verzweifelte Auf-dem-Arsch-Sitzen ja nicht wirklich voran. Wir waren hier auf diesem Planeten, in dieser Realität, ob Kosmos oder Welt, um etwas zu vollbringen, um einen Vers beizusteuern zu diesem wahnsinnigen Spiel oder gar, und das war das eigentliche, das einzig sinnvolle Ziel, um die Regeln selbst zu ändern, gemeinsam – denn dass wir neue Regeln brauchten, das stand vollkommen außer Frage, denn so, wie die Welt war, war sie wahnsinnig und konnte nicht mehr lange bestehen.

Was aber, fürs Erste ins Unreine gesprochen, den Zustand der Welt anging, so war der sogar sehr leicht zu diagnostizieren: Es ging, auf der oberen, offensichtlicheren Ebene, nur ums Geld – Geld Geld Geld Geld Geld, und die Macht, die dieses verdammte Geld mit sich brachte oder wenigstens mit sich zu bringen schien, und die die Akteure des Wahnsinns mit Glück verwechselten. Auf der anderen, der subtileren, der eigentlichen Ebene ging es natürlich um etwas ganz Anderes, von dem das Geld nur ablenken sollte – um das Leiden an sich selbst und der eigenen Existenz, von der gerade die Hauptprofiteure des Systems betroffen waren; um die Unfähigkeit von ihnen und uns allen, nicht nur im eigenen Interesse und überhaupt an mehr als nur sich selbst zu denken; und damit um das eigentliche, jahrtausendealte Rätsel: Wie konnten wir mit unserem Bewusstsein und alle zusammen gut leben; wie konnten wir dieses Bewusstsein endlich so beherrschen, wie es notwendig war?

Wir hatten noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt. Wenigstens hatten wir 2400 Jahre Buddhismus und 100 Jahre Psychologie, auf denen wir aufbauen konnten. Von der Psychologie sprach ich an dieser Stelle allerdings eher halbherzig. Ich kannte sie ein bisschen.

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Montag, September 14, 2009

Weltverbesserung

Die Frage war immer die gleiche: Warum war die Welt in einem derartigen Zustand? Warum war alles ein so unglaubliches Durcheinander?
Nun, das war leicht zu beantworten. Ich saß im Zug und hatte sowieso nichts Besseres zu tun. Wir alle waren Schlafwandler unserer Leben; niemand wusste, was er eigentlich tat. Oh, jeder tat sein Bestes – aber das war auch ein Teil des Problems: Denn jeder tat das, was er für das beste HIELT. Aber die wenigstens wussten, was tatsächlich das Beste oder wenigstens gut WAR.
Im Mittelpunkt der ganzen Geschichte lag der Umstand, dass unser menschliches Bewusstsein imstande war, mit Symbolen umzugehen: sie zu erzeugen, zu manipulieren und von ihnen manipuliert zu werden. Jeder von uns tat das, die ganze Zeit; aber keiner wusste, was er TATSÄCHLICH tat, und kaum einer machte sich die Mühe. es zu hinterfragen und darüber nachzudenken. War es in der Struktur unseres Bewusstseins angelegt? Und wie FUNKTIONIERTE unser Bewusstsein überhaupt?
Naja, wir hielten uns selbst für real. Damit fing es an. Wir hielten die Konzepte, Systeme und Ideen in unserem Bewusstsein für real. Das war das Problem. Wir wollten überdauernde Dinge, an denen wir uns festhalten konnten, und so schufen wir sie uns.

Das war der Punkt, an dem man ansetzen musste, wenn man irgendetwas tatsächlich und überdauernd verändern wollte. LEIDER war das der Punkt. Es lief darauf hinaus, den Menschen das Denken beizubringen, das Beobachten, das Hinterfragen, oder es ihnen wenigstens irgendwie nahezubringen. Ihnen Lust auf das selbständige Denken zu machen. Denken war etwas, was niemand für einen erledigen konnte. Man musste es selber tun, auch wenn es vielleicht zu Beginn keinen großen Spaß machte. Es ging aber nicht anders. Es aß ja auch keiner für einen. Niemand konnte für einen anderen schlafen. Oder leben, wenn wir schon dabei waren. Es war eine dumme und umständliche Geschichte; andererseits war auch das nur wieder eine Repräsentation in unseren Bewusstseinen (wie zum Teufel bildete man eigentlich den korrekten Plural von „Bewusstsein“?), und eigentlich war es halb so wild. Es gehörte zum Leben dazu, wie der Stuhlgang. Auch der war manchmal nicht angenehm, aber er ließ sich nicht umgehen. Ein Teil des Lebens.

Was konnte man also tun? Was bedeutete es für den einzelnen?
Nun, es bedeutete, dass der einzelne erst einmal wissen musste, wie und warum und auf welchen Umwegen er dachte. Dann musste er sich bemühen, einen Überblick darüber zu bekommen, was davon real war. Das klang hohl. Das klang technisch. Also gut, ich würde es erklären. Wenn man schon das Denken lernen muss, dann sollte man es wohl so einfach wie möglich erklären.
Grundannahme 1: „Ich“ bin jemand, und ich bin wie ich bin. Zeitlich stabil, überdauernd, mit festen Grenzen, Überzeugungen, Eigenheiten und Eigenschaften. Alle anderen sind natürlich auch so.
Ausnahme: Ich verhalte mich situationsbedingt, wenn es sein muss. Alle anderen hingegen verhalten sich ihrem Charakter entsprechend.
Grundannahme 2: Ich verstehe den Zusammenhang zwischen A und B.
A -> B. Ich steige in A in den Zug und in B wieder aus. Ich gehe hinaus in den Regen und werde nass. So funktioniert das Leben. So funktioniert auch A -> B -> C. Oder eine beliebige andere Zusammenstellung von Variablen. Die Welt ist linear.
Grundannahme 3: Ich denke genau das, was ich denken will. Ich bin der Herr über meinen Geist, und nichts geschieht, ohne dass ich davon weiß und wichtiger noch, will. Allein der Gedanke, ich wüsste nicht, was ich tue, ist lächerlich. Ich bin es doch selbst.
Oh Mann, das war nicht schlecht. Eine Fundamentalopposition zum Sein, sozusagen. Kein Wunder, dass alles schief ging. Es war eher erstaunlich, dass überhaupt noch etwas auf dieser Welt funktionierte. Andererseits: tat es das?

Mal als Mängelliste ausgedrückt:
Mangel 1: Wir denken, unser Selbst sei real – dabei ist unser Selbst eine Konstruktion des Bewusstseins. Es ist immer genau das, was wir es sein lassen, innerhalb der biologischen Grenzen. Von denen ist allerdings alles andere als sicher, wo sie verlaufen.
Mangel 2: Wir denken, unsere Gedanken und Überzeugungen hätten eine eigene Realität. Wir denken, die Welt wäre so, weil sie so ist – dabei ist die Welt erst so, wie sie ist, weil wir sie dazu machen und so sein lassen. Die Menschenwelt ist konstruiert. Es gibt eine biologisch-geologische tatsächliche Welt, das ist richtig. Die Menschenwelt hingegen ist ein aufgepfropfter Konsens, und nichts Anderes.
Mangel 3: Wir sind unfähig, in komplexen Zusammenhängen zu denken. Wir tun uns schon ab drei Variablen schwer – Dinge wie Klimawandel, die eigene Psyche oder die Weltwirtschaft entziehen sich unserem Verständnis. Wir können mit einem solchen Level an Komplexität bewusst kaum umgehen. Wir denken, wir könnten es, und konstruieren so noch mehr Fehler, die sich nicht nur aufaddieren, sondern aufmultiplizieren. Wir machen die Dinge schlimmer und können es nicht einmal kapieren.
Mangel 4: Wir denken, wir wüssten, was wir tun – das ist die Essenz des Ganzen. Wir verstehen nichts. Wir verstehen uns selbst nicht. Das Bewusstsein spiegelt sich vor, „es“ wüsste, was geschieht, beziehungsweise der Mensch spiegelt sich vor, er wüsste, was im Bewusstsein geschieht – immerhin sei er es „selbst“. Was nicht passt, wird passend gemacht, und was fehlt, wird konstruiert. Es läuft darauf hinaus: Das Leben ist tautologisch. Das Er-Leben.

Wir bewegten uns in drei auf uns bezogenen Welten gleichzeitig:
1. In einer Körper-Welt. Es war die ursprüngliche Welt, die Welt des Tieres, die „unbewusste“ (eigentlich: weniger bewusste, nicht-symbolische) Welt. Die Welt der physischen Realität im weiteren Sinne.
2. In einer Bewusstseins-Welt. Der ungebremste Bewusstseinsstrom, der immer und immer weiter floss, Hindernisse und Dämme einfach beiseite spülte oder umging, sich kaum kanalisieren oder ausrichten ließ und über die Ufer trat, wann immer er wollte. Und wir bildeten uns ein, wir würden ihn kontrollieren. Es war lächerlich. Wir kontrollierten einen kleinen Teil, einen Bewusstseins-Fokus, und manchmal nicht einmal den. Allzu oft waren wir Opfer unseres ungesteuerten Erlebens und Einordnens. Die Bewusstseinsmaschine war nicht anzuhalten.
3. In einer Symbol-Welt. Konzepte, Ideen, Systeme, Symbole. Die ganze Chose. Wir haben sie in die Welt gesetzt – oder haben wir das? Hat nicht unser Bewusstsein sie in die Welt gesetzt, mit oder ohne unser Zutun und unsere „bewusste“ Entscheidung? An beidem war etwas dran; und obwohl sie ihre letzte tatsächliche Bedeutung erst in unserem Bewusstsein erhielten, führten sie doch auch ein Eigenleben. Die Ideen verbreiteten sich ungebremst und ungesteuert, und immer mehr in dieser unserer neuen Zeit. Weltweite Vernetzung bedeutete weltweite Ideen. Meme nannte man sie. Tatsächlich wäre der Begriff „Bewusstseins-Viren“ angebrachter gewesen. Was machte man mit Viren? Man hetzte das Immunsystem auf sie. Genau das war es, was wir brauchen: eine Immunabwehr für das Bewusstsein. Das war es, was Bewusstwerdung, was Denken tatsächlich war.
Das war nicht übel. Darauf konnte man aufbauen.

Mein Zug hatte immernoch Verspätung. Wieder ein klarer Fall eines Systems, das sich selbst nicht verstand: die Bahn hatte zwar Fahrpläne, aber sie konnte sie niemals einhalten. Fast wie die Politik. Ich starrte aus dem Fenster in die Nacht. Alles was ich sah war ich selbst.

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Mittwoch, Februar 18, 2009

A Salute to Those

A Salute to those
who ventured ahead.
A Salute to those
who have advanced
through the thinning ranks.
A Salute to those
who, awhile,
have formed the vanguard
of our march through time.
A Salute to those
who have taken
that single, singular step
behind the curtain
billowing in the winds of transience.
A Salut to those,
to all their fears,
their hopes,
their memories -
left behind, sleeping,
but not forgotten.
A Salute to those.
A Salute to all.

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Samstag, Februar 07, 2009

Paris hat kein Ende

Ich fuhr heute durch Berlin, die große, graue Stadt. Die Berlinale fand wieder statt, und Sabine und ich besorgten uns Karten, um einmal mehr in den Genuss ungewöhnlicher Filme zu kommen. Aus keinem besonderen Anlass erinnerte ich mich an Paris, jenes Paris, das ich im Sommer vor bald zwei Jahren zu Gesicht bekommen hatte, und das ich zuvor schon durch Hemingway kennengelernt hatte, auch wenn es damals schon gar nicht mehr das Paris war, das Hemingway vor langer Zeit erlebt hatte. Ich dachte also an Paris, vielleicht, weil der Tag in Berlin ebenso grau war wie die Tage damals dort, oder vielleicht auch nur, weil Berlin eine ebenso große und sprudelnde Stadt war wie Paris. In Paris hatte ich niemanden bei mir gehabt, sondern war mit der Stadt allein gewesen, und lange Tage durch ihre Gassen und Cafés gestreift, bemüht, das Wesen der Stadt zu finden, und ich hatte es ebensowenig gefunden, wie es mir bisher gelungen war, das Wesen Berlins ausfindig zu machen. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Berlin, und meine Zukunft war ein Nebelstreif am Horizont, in dem sich vielleicht alles barg und vielleicht auch nichts. Ich dachte an Paris, und an die Situation, in der ich damals gewesen war, und an die Sonnenstunde auf der Place de la Contrescarpe, und wie ich Zuflucht zu Hemingway nahm, als die Stadt so gar nicht mehr das war, was er einst beschrieben hatte, und der Gedanke kam mir, dass die Vergangenheit eigentlich nie das war, was sie damals gewesen war, sondern immer nur noch das, was uns besonders am Herzen lag. Alle Dinge wurden rosig, je länger sie im Nebel der vergangenen Zeit versanken, und mit zunehmender Entfernung immer mehr so. Paris war grau und nass gewesen, und jetzt erschien es mir wie ein Fest fürs Leben, so wie mir das ganze lange Jahr 2007 im Rückblick wie ein solches Fest erschien, und dabei war mir während dieses Jahres oft nicht nach Feiern zumute gewesen, sondern eher nach einer einsamen Höhle, in die ich mich verziehen und meine Wunden lecken konnte. Und dann war jenes Jahr, durch die eine oder andere schicksalhafte Wendung, doch noch zu einem Fest geworden, einem Fest des Lebens und des Neuanfangs, auch wenn ich das damals noch gar nicht richtig merkte, geschweige denn einordnen konnte.
Nun war es 2009. Wieder ein Jahr des Neuanfangs, und wieder lag die Zukunft in ihrem fernen Nebel, einem Nebel, den nur meine eigene, anhaltende Arbeit langsam würde lüften können, um zu entdecken, welche fernen Gestade dieses Mal hinter dem Horizont lagen.

Hemingway schrieb damals, „Paris hat kein Ende“, und ich dachte, ich wüsste inzwischen, was er damit gemeint hatte. Paris hatte tatsächlich kein Ende, und auch viele andere Dinge endeten eigentlich nie, wenn man es auf sich nahm, ihnen nachzuspüren.

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Dienstag, Dezember 23, 2008

West of Hollywood

Es gab zwei Arten zu denken: Alltags-Denken und Hollywood.
Was ich damit meinte: Alltags-Denken war gar kein bewusstes Denken an sich, sondern das Sich-Treiben-Lassen in den Alltäglichkeiten meines Lebens, ohne besondere Aufmerksamkeit, alles hinnehmend, wie es eben gerade geschah. Ich erlebte mich dann als Erleidenden, die Dinge stießen mir zu. Ich unternahm nichts, und ich trieb nichts voran. Meine letzten Monate bei der SEgroup hatten diesen Geschmack gehabt und waren unter diesen Vorzeichen vergangen. Es war immer ein Leben umsonst, wenn ich in diese Geisteshaltung lebte. Soll heißen: Es war vergebens. Ich vegetierte wie eine Primel auf dem Hinterhof in der Sommerhitze.


Das andere war das Hollywood-Denken. Soll heißen, Denken wie in einem Film. Ich war dann Hauptdarsteller in (m)einem Drama, mit wechselnden Handlungssträngen, auf- und abgehenden Nebendarstellern und großen und kleinen Höhe- und Spannungspunkten. Im letzten Sommer, als S. zum ersten Mal am See gewesen war, war es so gewesen. Teilweise jetzt, diesen Sommer am See (es war lange her). Es bedeutete ein anderes Bewusstsein meiner selbst, eine Abart jenes Bewusstseins, das George Clooney wahrscheinlich die ganze Zeit über von sich hatte, wie ich ihm unterstellte: eine Bewusstheit der eigenen Bedeutung, der Einzigartigkeit des eigenen Lebens und der Dinge, die man in und mit diesem Leben erreichen wollte und konnte. Alle Dinge waren erreichbar; jede Handlung hatte das Gewicht eines bedeutenden Aktes, und jedes Wort die Schwere eines geschliffenen Dialogs. Ich sprach anders zu jenen Zeiten; ich ging und bewegte mich anders. Und ich sah mich anders: es war in einem gewissen Sinn die Tarnidentität eines Frank Powers‘, die dann in den Vordergrund rückte. Ich war dann selbstbewusst, und ich nahm kein Blatt vor den Mund. Nichts konnte mich verwunden, und nichts konnte mich, mein Dasein und dessen Bedeutung verringern. Ich war unzerbrechlich und unzerstörbar, außer durch Wasser. Mein Blick bekam eine andere Intensität: es war in diesen Momenten, in denen andere wie magisch von mir angezogen wurden und mir ihre Grüße entboten, diese Momente, in denen ich mich in ihre Leben einbrannte.


Diese beiden Arten über mich selbst zu denken bestimmten mein Leben, die eine zu oft, die andere nicht oft genug.

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Sonntag, November 23, 2008

Am Kaminfeuer

Die besten Momente im Leben waren die Momente des gemeinsamen Kaminfeuers. Damit meinte ich folgendes, ein Bild:

Es war Herbst. Ein altes Haus, inmitten eines Wäldchens, auf dem Land. Ein unbefestigter Weg führte unter den Bäumen dorthin. Ihre Blätter verfärbten sich, sie wurden golden und rot. Die Stimmung eines Endes lag über allem wie feiner Nebel, aber ebenso offensichtlich war, dass dieses Ende noch nicht da war, und alles erstrahlte in einer letzten Schönheit. Feiner Dunst lag in der Luft, von der Sonne golden durchwirkt. Des Hauses aus grobem Stein, zweigeschossig, mit einem dunklen Dach; große führten Fenster hinaus auf das Wäldchen und eine Lichtung und luden sie ein in die alten Mauern. Im Haus selbst ein offener, großer Kamin, alt wie die Zeit. Auf dem Bord fand sich eine kleine Sammlung Flaschen der hochprozentigen Sorte, daneben eine Karaffe Wasser, kleine Gläser, oft benutzt und ebenso oft gereinigt. Am Abend brannte ein Feuer in diesem Kamin, und die Flaschen kreisten. Durch das Feuer kam eine wohlige Wärme von außen, und vom Schnaps eine ebenso wohlige Wärme von innen. Zwei Sessel vor dem Feuer, darin zwei Freunde, alte Freunde, Menschen, die alles geteilt hatten und viel voneinander wussten, alles eigentlich. Sie redeten das leichte und tiefe Gespräch der Freundschaft, und je länger der Abend, desto tiefer drangen sie, desto tiefer wurden schließlich die Wahrheiten, die sie miteinander teilten, so altbekannt und dennoch so frisch und unverbraucht. Der nächste Morgen war dann in blendendes Sonnenlicht getaucht, und der Duft frischen Kaffees durchzog, von der großen, offenen Küche kommend, das gesamte Haus.

Naja, so stellte ich mir das vor. Dieses Bild enthielt all jene Dinge, die mir im Leben am wichtigsten waren, als Stimmung gewissermaßen. Diese Unterstreichung war wichtig: es war die Stimmung dieses Bildes, die, in der besten aller Welten, mein Leben beschreiben sollte. Im Moment war ich von dieser Stimmung noch ein Stück entfernt, von dieser Sorglosigkeit und Tiefe. Ich hatte auch keine Ahnung, ob und wie ich dort hinlangen konnte. Aber ich kannte kannte das Ziel, immerhin.

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Samstag, November 22, 2008

Satori

Ich fragte mich, welche Bedeutung die verschiedenen Darstellungsweisen der „Erleuchtung“ wohl besaßen. Und hatte auch noch eine weitere Definition zu klären: nämlich was die „Erleuchtung“ eigentlich war, als subjektiv erlebbarer Zustand.

Was bedeutet „erleuchtet sein“?
Zuerst einmal hat es für die meisten Menschen eine wertende Komponente: Jener, der erleuchtet ist, ist besser als jener, der es nicht ist. Der Erleuchtete ist ein besserer, wertvollerer Mensch als der Nicht-Erleuchtete.
Das ist natürlich Unsinn. Solange der Nicht-Erleuchtete sich nach der Erleuchtung sehnt, solange mag er solchen Ansichten und Überzeugungen nachhängen. Sein Sehnen nach der Erleuchtung stammt nicht aus dem Wissen- und Verstehen-Wollen, sondern aus der ganz egoistischen Sehnsucht nach Erhöhung der eigenen Größe. „Wenn ich erst erleuchtet bin, werde ich viel weiser sein, und alle anderen werden zu mir aufblicken und mich um Rat fragen“, denkt er bei sich, und vielleicht ist es sogar tatsächlich diese Motivation, die ihn auf die ersten Schritte des langen Weges (Tao) schickt.
Was bedeutet nun das Wort „erleuchten“? Nun, prosaischer ausgedrückt heißt es „das Licht anmachen“. Es ist nicht einmal ein besonderes Ausleuchten, ein übertriebenes In-Die-Ecken-Leuchten, sondern ein ganz allgemeines Erhellen. Zünde die Lampe an und hänge sie an den Querbalken des Geistesraumes.
Erleuchten bedeutet: Licht in ein Dunkel bringen.
Erleuchtet sein bedeutet: Licht in das eigene, innere Dunkel der Seele und des Verstandes zu bringen.
Der Erleuchtete ist nicht besser: er weiß nur ein wenig besser über sich selbst und das eigene Funktionieren Bescheid, und dadurch mag er ein wenig mehr über jeden anderen Menschen auch und den „Menschen an sich“ (hier viel besser noch: IN sich) wissen als jener, der in sich noch ein Mehr an Dunkel trägt, weil er in seinem Geist noch im Dunklen tappt.
Das ist fast wörtlich zu verstehen: Was den „erleuchteten“ vom unerleuchteten Geist unterscheidet, ist das Gewahrsein der eigenen, innersten Vorgänge und Abläufe, und das damit einhergehende und resultierende Überwinden dieser Abläufe. Der erleuchtete Geist ist sich selbst klar. Der unerleuchtete Geist ist ein ständiges Opfer seiner selbst, seiner Ängste, Befürchtungen, Wünsche, Träume und Begierden. Er mag Angst haben, große Angst, und gleichzeitig keine Ahnung haben, warum er diese Angst hat. Er wird nicht in sich dringen, in dem Versuch, hinter die Angst und ihre ursächliche Motivation zu schauen, sondern aus Angst vor der Angst die Angst still ertragen (und allzu oft überhaupt nicht still, sondern von starker Agitation und Ablenkung getragen), so unerträglich sie ihm ist. Auch dem Erleuchteten sind die alten Ängste (und neuen) unerträglich, doch er blickt hinter sie. Er wird erkennen, dass es keine Angst geben muss. Angst ist nicht vom Schicksal bestimmt: Wir erzeugen sie selbst.

Das Untersuchen und Verstehen seiner selbst ist unabdingbar. Angst kann aus der Machtlosigkeit des Kindes resultieren, aus den gemachten Erfahrungen, aus Zurückweisungen und Zumutungen vergangener Szenen. Man ist jedoch in jedem Augenblick niemals mehr der Mensch, der man damals war, sondern ist immer ein anderer, der „jetzige“ Mensch. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht, nur unsere Meinungen von ihnen. Als solche wurzeln sie in uns selbst, in unserem Geist, und als Erscheinungen unserer selbst quälen sie uns – quälen WIR uns. Niemand macht das freiwillig! Wer erkennt, dass die Angst einzig und allein in ihm selbst gründet, der hört auf, ängstlich zu sein. Jedoch ist die Kenntnis des Selbst und seiner Vorgänge und Abläufe so begrenzt und unvollständig, dass man sich kontinuierlich als Opfer des eigenen Geistes erfährt.
Wir sind keine Opfer.
Erleuchtung bedeutet: ein Licht anzünden, und die Gefahren, die aus dem Dunkel kommen, entpuppen sich als selbst fantasierte Schemen, ähnlich dem Traum.

Wie wird die Erleuchtung nun dargestellt? Bildhaft-symbolisch oder unmittelbar. Das Bildhaft-Symbolische mag jenem als Illustration dienen, der am Anfang oder gar noch vor Beginn der Reise steht. Die unmittelbare Erfahrung weicht von diesen Bildern jedoch immer ab, denn es sind die Bilder eines anderen, die aus den Urgründen einer anderen Person, einer anderen Seele stammen. Was dem einen eine Wahrheit, mag dem anderen unverständliches Gauklertum sein.
Nutze die Bilder als Hinweise, nicht als Wahrheit. Halte keine Allegorie für unfehlbar, sondern halte dich an deine eigene, EHRLICHE (vor allem dir selbst gegenüber ehrliche!) Erfahrung.
Die Wahrhaftigkeit der Erleuchtung erkennt man nicht an dem, was sie vorgeblich sein soll, sondern an dem, was sie an Handeln zeitigt.
Spricht zu dir einer von einer Erleuchtung in Elefantengestalt, so sei es, was kümmert dich die subjektive Wahrhaftigkeit seiner ureigensten Bilder für ihn selbst. Handelt er aber aus Egoismus und Selbstsucht heraus, aus der Gier nach Macht, Geld, Befriedigung etc., dann zeigt er dir selbst, was seine vorgebliche Erleuchtung und Selbst-Verstehen wert ist. Die allermeisten sogenannten Gurus fallen in diese Kategorie.

Die Erleuchtung geschieht schrittweise: Das intellektuelle Verstehen geschieht immer zuerst. Es ist nur der erste und der leichteste aller Schritte, auch wenn die meisten schon hieran scheitern. Denn die intellektuelle Erkenntnis für sich allein ist nichts, sie bleibt vollkommen wertlos, wenn sie nicht in den zweiten Schritt übergeht: das subjektive Fühlen.
Das klar umgrenzte, objektivierbare, übermittelbare Wissen wird zu einem Teil deines Fühlens und Handelns. Es wird zu einem intuitiven Bestandteil deiner selbst. Es wird von Worten und Bedeutungen zu Wortlosem, Undeutbarem. Durch Rede ist es nicht mehr sagbar, durch Bilder nicht mehr anschaulich. Es zeigt sich allein UNMITTELBAR (denn Worte und Bilder sind Mittel, mittelbar zeigen sie das, was einmal persönliche Erfahrung war) aus deinem Handeln und Reden selbst.

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Freitag, Oktober 03, 2008

Out of the Night

Ich wusste, ich sollte ins Bett gehen. Es war spät, und ich war fix und fertig. Mein Körper war es. Mein Kopf nicht. Mein Kopf sagte: Bleib wach. Es ist Nacht. Es ist deine Zeit.

Es war die Zeit nach Mitternacht, in der der Whisky floss, um das Hirn zu umnebeln, und die Nacht ruhig und dunkel und schwer war. Es war die Zeit, zu der meine Gedanken anfingen, ein Eigenleben zu führen, und ich mich von einer Assoziation zur nächsten hangelte. Es war meine Zeit. Es war die Zeit, zu der mein Leben stattgefunden hatte. Dabei war ich kein Mensch, der nachts arbeitete oder arbeiten konnte. Ich war ein Mensch, der nachts das Leben spürte. Es pulsierte in meinen Adern. Es war da. Immer nachts.

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Sonntag, September 28, 2008

Zeit des Erwachens

Sonntag.
Es gab eine Zeit des Endens, eine Zeit des Schlafes und eine Zeit des Wiedererwachens. Ganz unspektakulär und sanft fand ich mich nun im dritten Zeitalter wieder.

Es war ein Sonntag, wie er im Buche stand. Es war ein weiterer Herbst meines Lebens. Wir saßen in der Kastanie, einem Gartenlokal in der Schlossstraße in Charlottenburg, und genossen den letzten Sonnentag, denn die nächste Woche sollte kalt und nass werden, jedenfalls hier oben im Norden. Ich schwelgte in meiner Vergangenheit und las „Der Herbst meines Lebens“, und es passte auch hier und heute wie die Faust aufs Auge: Es war eine Beschreibung nicht mehr nur der Vergangenheit, sondern auch des heutigen Tages und der jetzigen Zeit. Gerade jetzt war es ein weiterer solcher Herbst, und das alleine war schon fast zuviel Glück und ein Zuviel an Gnade, um es fassen zu können.
Der Dunst des scheidenden Jahres lag über der klaren Luft. Alles war beglänzt. Die farbigen Blätter der Bäume taumelten langsam zur Erde, und die Spree wälzte sich grün und leuchtend an ihren Ufern.

Es gab eine Zeit des Endens. Ich hatte sie damals erlebt, zum Herbst meines Lebens, und es war sehr traurig und zugleich so sehr erhebend gewesen, dass ich lange gebraucht hatte, sie zu überwinden und anzunehmen und zu einem wirklichen Teil meiner Geschichte zu machen. Dieser Herbst meines Lebens hatte länger angedauert als nur diesen einen Herbst; auch der folgende Winter in Freiburg und der Frühling der Trennung hatten noch dazugehört. Erst dann war alles vorüber, war alles vergraben und zu einem Ende gebracht, und auch all dies anzunehmen dauerte seine Zeit. Der Sommer meines Lebens war eine so kurze wie kurzweilige Angelegenheit, eine Periode kurzer Klarheit, in der ich alles sehen konnte, wie es war, und alles bereits sehen konnte, wie es werden würde. Doch dann kam erst einmal die Zeit des Schlafens. Sie erwischte mich so eiskalt, wie man einen Baseballschläger über den Schädel gezogen bekommt. Sollte heißen, bevor ich genau wusste, wie mir geschah, lag ich bereits am Boden.

Die Zeit des Schlafens dauerte lange. Sie dauerte ein ganzes verdammtes Jahr, und jetzt gerade war ich erst dabei, überhaupt wieder aufzuwachen. Ich mochte Schlaf, Schlafen war eine tolle Angelegenheit, keine Frage. Aber ich hatte ein Jahr meines Lebens versäumt, und das ging mir nach.
Ich wollte ein wenig über dieses Zeitalter ausholen. Ich war nach Berlin gekommen im Herbst des letzten Jahres, der auch warm und golden war, und hatte einen seltsamen Job gefunden und eine große Liebe und ein Loch in einem alten Haus, und dann hatte ich mich darin häuslich niedergelassen und die Augen geschlossen. Oh, ich war zur Arbeit gegangen, in Kneipen und ab und an in einen Jazzclub; ich hatte Freunde getroffen, Bücher gelesen und wunderbare Abende und Wochenenden mit Sabine verbracht. Aber all das hatte ich mich geschlossenen Augen getan. Es war mir quasi zugestoßen, während ich mich in einem Traume wälzte. Aber es war nicht wirklich etwas geschehen. Viel mehr hatte ich mich zur Ruhe begeben und wie in tiefem Schlaf all das verdaut, was mein Leben gewesen war.

Doch schließlich gab es die Zeit des Erwachens.
Eines Morgens schlägst du die Augen auf und findest dich in deinem Bette wieder. Das Fenster ist weit geöffnet, und zusammen mit der frischen Luft dringt blendender Sonnenschein durch die Läden. Dazu noch ein Vorhang, der sich im Winde bauscht, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Küche. Es ist ein elektrisierender Morgen, und es hält dich nicht länger im Bett. Du schlägst die Decke zurück und springst aus den Federn, und du fühlst dich erfrischt und zu allem bereit. Wie lange hast du geschlafen?

Wie lange hast du geschlafen?
Ich wusste, wie lange ich geschlafen hatte, und dass es die längste Zeit gewesen war. Ich war in tiefster Ohnmacht gefangen gewesen, doch nun war ich wieder da. Ich war aufgewacht, und ein weiterer Herbst lag vor mir, ein goldener Herbst, dem dieses Mal nicht das Ende vor allem anderen innewohnte, sondern der die Geschichte, meine Geschichte, dort wieder aufnahm, wo ich sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Sie hatte auf mich gewartet, und ich konnte mich ihr nun wieder anschließen und sehen, wohin sie mich trug. Dass sie mich tragen würde, wusste ich. Wer ich sein konnte, würde sich wieder zeigen. Das Zeitalter des Schlafens war vorüber. Das Leben hatte mich wieder.

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Montag, März 31, 2008

2036.

Chant of the future:

I seek out the things I am that I am not,
Not until now, this moment in time and space.
I seek out those that nourish what I am already,
Those parts of me that have not come
Into existence yet.

I seek to find what I know there must be,
Yet I have not realised so far.

I seek to live further what I already am,
To be expressed in yet another form.

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Donnerstag, Februar 07, 2008

Camus, Chandler, Miller und die eine Stimme

Es war an der Zeit, den Dingen einmal wieder eine andere Wendung zu geben. Im alltäglichen Klein-Klein hatte ich die größere Perspektive aus den Augen verloren. Ich tappte im Dunkeln wie ein Bergmann ohne Brille. Allein mit meinem Kanarienvogel, der im Schatten leise vor sich hin sang. Überflüssig zu erwähnen, dass es sich dabei natürlich um meine Geistmaschine handelte.

Camus hatte das für mich getan. Er schrieb nicht besonders. Aber er hatte Gedanken, die denen glichen, die ich die meinen nannte, und er hatte sie elaboriert und geputzt und geschmückt, und sie glänzten fein und sie gingen mir nahe. Ich erkannte mich selbst wieder, so wie jeder sich selbst wiedererkennen sollte in den Schriften eines Autors, wenn diese wahrhaftig sind – wie ich mich in Henry Miller wiederfinden konnte, oder in Raymond Chandler, was das anging. Nun, in den letzten Stunden des vorigen und den ersten Stunden dieses Tages hatte ich mich jedenfalls in Camus' Schriften wiedergefunden. Und das tat gut.

Er hatte es eingefangen, auf seine Weise. Das Leben, die Absurdität und anscheinende Sinnlosigkeit des Lebens, und darin aufzeigend die ganze Herrlichkeit der Schöpfung, Amen und Hallelujah. Camus war ein Schluck kühles Wasser nach einer Wüstenetappe, oder ein Glas kaltes Bier im Garten an einem heißen Sommertag, während der Blick über den Bodensee zu den schneekalten Alpen hinüberging. Der See war wichtig. Er komplettierte das Panorama – mein eigenes, ganz privates Panorama auf Camus. "Licht und Schatten", das auch eines meiner Themen (die Unendlichkeit des Lichts, besonders des mediterranen; das Geheimnis des Schattens; und die Bedingtheit zwischen den beiden), und ein passender Titel für seine Meditationen über die Existenz, geborgen in verschiedenen Gewändern, doch in der Essenz immer um die wichtigen, die wahren Fragen kreisend. (Gab es Antworten? Oder, anders gefragt: brauchte man überhaupt Antworten auf diese Fragen? Waren nicht die Fragen selbst genug?)

Die Antworten waren immer die gleichen. Es waren immer jene Antworten, die ein Mensch nur im Inneren seines Herzens finden konnte, im Kern seiner eigenen, seltsamen Existenz. Camus half ihm, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten musste man selbst "gehen", den Weg zu ihnen auf eigene Faust zurücklegen. Camus und ich, wir verstanden uns gut. Es war mal eine andere Angelegenheit als mit Chandler, der immer einen auf dicke Hose machte, so angenehm er mir als Schreibender auch war und so sehr ich ihn verehrte und achtete. Ich war mir sicher, auch Chandler trieben die gleichen, die ewigen Fragen um – nur seine Antworten waren natürlich andere. Es war wichtig, die Fragen zu kennen – und sich zu vergegenwärtigen, wie reich das Leben an Möglichkeiten zu ihrer "Beantwortung" war. (Die Anführungszeichen aus folgendem Grund: weil die "Beantwortung" kein fester Fels, sondern nur ein sich immer wandelnder Prozess sein konnte, eine fortwährende asymptotische Annäherung. Annäherung an was? Nun, an uns selbst natürlich.)

Camus tat noch etwas anderes für mich: Er gab mir einen Teil meiner Stimme wieder. Vor dem Beginn des "Hard-Boiled", in einer Zeit, die mir so weit zurückzuliegen schien wie das Mittelalter, hatte ich mich einer anderen Sprache bedient. Einer leichteren, schwebenderen Sprache, doch auf ihre Weise nicht weniger nahrhaft als die "coole" Herangehensweise Chandlers. Ich hatte einiges geschrieben in dieser Sprache, und ich hatte einiges gedacht in jener Art zu denken, die mit dieser Sprache einherging. Camus dachte ebenso. Das war eine schöne Entdeckung. Ein Partner im Geiste, über die Zeit hinweg. Gut, ich mochte meinen zusätzlichen (oder gar bestimmenden) Einschlag Henry Millers haben, der meiner Version der ewigen Sprache eine gehörige Portion Ekstase hinzufügte, wie eine Lanze Licht, die durch dämmriges Dunkel schnitt wie ein heißes Messer durch irische Butter, und natürlich war nichts jemals gleich – nur verschiedene Ausprägungen des eigentlich Unerreichbaren -, und doch tat Camus mir gut. Wollten wir uns also Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen – er hatte seine Aufgabe. Camus wiederum half mir, der meinen wieder näher zu treten.

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Freitag, September 21, 2007

Full Circle

Closing links
Choosing viewpoints
Stepping back
Taking measures

Climbing high
Above the clouds
No way back
Full View

Taking it in,
Everything.
Realization:

Full Circle.

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1754.

Chant of mutual acknowledgement,
Chant of peace:


I acknowledge your existence,
I acknowledge your right to breath, to be here and to be the way you are.
I greet and welcome you, fellow human brother.
Now let us seek a way to live well, together.


[What building a decent civilization is all about.]

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Mittwoch, September 19, 2007

Der Herbst meines Lebens

Ich schrieb hier eine Menge über den "Herbst meines Lebens", aber ich erklärte nichts davon. Daher (und da ich soeben wieder selbst über den Text gestolpert war, in den Tiefen meiner Festplatte) hier also der Ursprung dieses Ausdrucks, so, wie er mich vor einem Jahr angeflogen hatte:

____________________________________________________________________

Der Satz kam mir unvermittelt in den Sinn:Dies war der Herbst meines Lebens.

Er stand plötzlich vor meinem geistigen Auge, fix und fertig, mit einem melancholischen Klang. Ich spürte, dass er wahr war. Er stimmte mich traurig, und zugleich war ich froh. Ich hatte den Winter meines Lebens bereits erlebt, in jenem kältesten Zeitalter meines Lebens, das ich in München verbrachte. Bei jeder Gelegenheit dankte ich Gott, dass dieses Zeitalter nur ein halbes Jahr gedauert hatte. Mehr hätte ich auch nicht überlebt. Nun also der Herbst meines Lebens. Es war Herbst, dort draußen in der Welt, und zugleich war Herbst in meinem Herzen, ein ganz anderer, noch melancholischerer, sonnigerer, längerer Herbst, in den Tiefen meiner Seele.

Der magische Wechsel der Jahreszeiten. Ich erinnerte mich, wie es früher gewesen war. Frühling, Sommer, Herbst und Winter hatten den Rang von gewichtigen Ereignissen. Jede Jahreszeit schien ewig zu währen.
Der Herbst badete uns in seinen goldenen Strahlen und der Pracht seiner Farben, und wir konnten uns an kein Vorher mehr erinnern. Er war da, und er war ewig.
Der Winter umhüllte uns mit seiner knackigen Kälte, den kurzen Sonnenstunden und dem Schnee, der sanft von den Zweigen der Bäume rutschte. Es war eine vollkommene Winterwelt, und es gab keine anderen Welten mehr.
Der Frühling brachte den Duft des neuen Anfangs, die knospenden Blüten und die sprudelnden Bäche, die das Schmelzwasser zu Tal trugen. Die Vögel kehrten zurück und sangen von den Verheißungen ferner Länder. Wir stürmten über die feuchten Wiesen und durch die wiedererwachenden Wälder. Es würde immer Frühling sein.
Der Sommer drückte mit der Wärme seiner Tage, an denen die Sonne brannte und wir uns in den Schatten der Bäume verkrochen. Wir spielten bis in die Nacht hinein, wenn es endlich wieder kühler wurde. Die Tage nahmen kein Ende. Die Nächte waren kurze Ruhepausen im Wirbel unseres Lebens.
Alles war magisch, alles hatte Bedeutung. Wir lebten in einer Welt, die eigens für uns geschaffen worden war. Es war eine unschuldige Zeit. Alles war absolut. Alles war, wie es war.

Heute sah all das anders aus. Der Zauber der Dinge war mit den Jahren verloren gegangen, in denen wir von anderen lernten, was das war und was es zu sein hatte, das Leben. Mein Bruder versuchte, die Unbeschwertheit wiederzuerlangen und studierte Schauspiel. Die Wiederverzauberung der Welt. Doch es war ein Kampf, und der Gegner war zäh. Die geschlossene Welt der Erwachsenen, wie sie zu sein hatte.
Ich suchte das Ziel in mir und in den anderen. Die Antworten wären in unserem Geist, in den Seelen und den Herzen zu finden. Und doch, auch mit den Antworten, die sich in jahrelanger Arbeit langsam aus dem Strom der Dinge kristallisierten, war die Qualität der frühen Jahre verschwunden. Wir hatten erfahren, was die Zeit war. Alles tanzte nun zu einem anderen Rhythmus. Auch wir.

Es war der Herbst meines Lebens.
Die Dinge änderten sich. Was gewesen war, endete und begab sich zur Ruhe. Das Laub meiner Vergangenheit wehte über die Wege, die ich als nächstes beschreiten würde. Es würde wieder einen Frühling geben, aber an anderer Stelle. Ich genoss die letzten Strahlen der Sonne, die dieses Leben erhellt hatte. Ich bemühte mich, ihre Wärme mit jeder Faser und Pore meines Körpers aufzufangen und tief in mir zu verwahren. Sie würde mich einige Zeit tragen müssen. Die Erinnerung war kostbar. Sie füllte mein Herz.

Dieser Herbst schien wieder ewig zu dauern. Es war der herbstlichste Herbst, den ich je gesehen hatte. Es war ein absoluter Herbst, ähnlich jenen meiner Kindheit. Er ragte aus dem Strom der Zeit und ließ sich von ihm umstrudeln. Er war, wie er war, und kein Ziehen, Zerren, Drücken und Drängen konnte auch nur ein Gran daran ändern. Seine Essenz war zeitlos. Es war, als hätte sich ein weiteres Auge in meinem Geist aufgetan, mit dem ich diesen Herbst – und NUR diesen Herbst, keine anderen Dinge – mit einer ungeahnten Frische und Schärfe wahrnehmen und seine Essenz, seinen Glanz tief in mich aufnehmen konnte. Ich trank das Licht, das durch die letzten Blätter der Bäume tröpfelte. Die Luft war feucht, von Nebel erfüllt. Die Nächte waren eisig kalt, die Tage sonnendurchglänzt. Es war, als würde dieser Herbst ewig dauern. Ich klammerte mich an ihn, zog mich hinauf an seiner Flanke. Der Herbst stand wie ein Fels. Ich trat mit ihm aus dem Zeitstrom. Er berührte mich nicht mehr. Nichts berührte mich mehr. Außerhalb der Zeit gab es nur noch das Jetzt und die Ewigkeit. Die Dinge waren genau so, wie sie waren. Nicht anders und nicht zu ändern. Wie sie sein sollten, wurde unwichtig. Wie ich sein sollte, war vergessen. Es war alles neu, und alles glänzte in jenem Licht, dass diesem und nur diesem Herbst so eigen war. Es war wie das Licht aus der Mitte der Welt, und wie dieses war es ein ewiges Licht.

Es war der Herbst meines Lebens. Es gab nichts anderes mehr.

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Freitag, August 17, 2007

Contribute a Verse

Heute Morgen stand ich noch einmal auf der Fahrradbrücke und blickte über die Alte Rheinbrücke hin zum See. Die Alpen standen am Horizont, wolkenumkränzt, und die Sonne schickte Speere von Licht durch das Dickicht am Himmel. Der See leuchtete, und die Welt leuchtete, und ich war zuhause, in meiner Heimat, an jenem Ort, an den ich ohne jeden Zweifel gehörte, und ich dachte an sie, denn auch sie gehörte nun auf eine Weise zu diesem Ort, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich musste an Walt Whitman denken, und an die Poesie des Lebens und an all die seltsamen Menschen dieser Welt, sie und mich eingeschlossen - dass die meisten die meiste Zeit einfach nur versuchten, ihr Bestes zu tun... Und ich war verliebt in die Welt, in diesem Augenblick, und ich war verliebt in sie, und die Zuneigung zu ihr war es, die den Augenblick überdauerte.


O ME! O LIFE! (Walt Whitman)

O me! O life! of the questions of these recurring,
Of the endless trains of the faithless, of cities fill’d with the foolish,
Of myself forever reproaching myself, (for who more foolish than I, and who more faithless?)
Of eyes that vainly crave the light, of the objects mean, of the struggle ever renew’d,
Of the poor results of all, of the plodding and sordid crowds I see around me,
Of the empty and useless years of the rest, with the rest me intertwined,
The question, O me! so sad, recurring – What good amid these, O me, O life?

Answer.
That you are here - that life exists and identity,
That the powerful play goes on, and you may contribute a verse.


Und alle Verse, die ich gerade beitragen mochte zum "mächtigen Spiel", trugen sie in sich...

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Donnerstag, Mai 03, 2007

Verbrannte Schiffe

Heute in Konstanz kam mir von einer Sekunde auf die andere zu Bewusstsein, dass nun alles vorüber war, jedenfalls alles, was ich gekannt und geliebt hatte. Ich konnte nicht mehr zurück. Es war vorbei und geschehen. Ich konnte es noch immer wertschätzen und daraus Kraft schöpfen, doch das alles lag nun hinter mir. Wie die Armee Cortez’ fand ich mich an einem fremden Gestade, und meine Schiffe hinter mir lagen bereits in Flammen, glichen bereits kaum mehr dem, was sie einst waren, schwelende Aschehaufen nun, zerstörte Überreste einer anderen Zeit. Und wie Cortez konnte ich nun nur noch vorwärts gehen, weil es ein Zurück nicht gab – und nie gegeben hatte. Das Reich der Vergangenheit erstreckte sich nur in unseren Köpfen und hatte nur dort Realität; doch das Reich des Jetzt lag offen vor uns, sofern wir den Mut hatten, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ich plünderte die Wracks meines bisherigen Lebens und setzte dann dazu an, sie hinter mir zu lassen. Ich würde sterben müssen und neu geboren werden, soviel war mir klar. Der Mensch, der ich gewesen war, hatte ein Leben gelebt; mit dem Ende dieses Lebens starb dieser Mensch, langsam, nach und nach, und ging in Rauch und Asche auf, in Luft, und hinterließ nur das, was der andere, der neue Mensch, in einem neuen Leben mit sich auf die Reise nehmen würde, teil freiwillig, teils unfreiwillig. Es würde nicht der Tod des Körpers sein, denn der Körper war stark und hatte alles andere vor, als zu sterben, sondern es würde der Tod des Geistes sein, ein Abschiednehmen und ein Neubeginn, wie es dem Tode innewohnt. Erst der Tod würde mich wirklich schätzen lassen, was ich an mir gehabt hatte. Erst dieser Tod würde aber auch den Weg freimachen zu einem anderen Umgang mit dem Leben, mit meinen Talenten und meiner Zeit, der Zeit, die dieser Körper hatte, der ich war. Erst der Tod gebar neue Ideen. Die alten starben mit jenen, die sie geboren hatten.

So dachte ich, inmitten der Nacht, in den Ruinen meines vorherigen Lebens. Wenn ich mich anschaute, hatte ich allerdings eher den Eindruck, dass Cortez’ Truppen es sich am Strand gemütlich gemacht hatten. Sie blickten sehnsuchtsvoll zurück gen Spanien und feierten mit der Kohle der verbrannten Schiffe Barbecue. So jedenfalls hatte ich die letzte Zeit gelebt, und viel zu lange schon. Das stand fest: So wie ich es anging hätte niemand Tenochtitlan erobert. Zeit aufzubrechen.

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Montag, April 16, 2007

Die Seele einer Stadt

Reisen bildete, und jede Reise bildete einen auf eine andere Weise. Jede Reise hatte mich auf eine andere Weise verändert. In England begegnete ich der Verliebtheit. In Rumänien lernte ich, was Leidenschaft war, im Guten wie im Schlechten. In Frankreich lernte ich die Arroganz und die Freundschaft kennen. Auf Sizilien begegnete mir tiefe, echte Verbundenheit, und in der Schweiz verstand ich, wie sich Einsamkeit anfühlte, selbst inmitten von Menschen. Ungarn zeigte mir, wie man wirklich feierte, und in Italien sah ich, was Licht auch noch sein konnte – das wahre, wirkliche Licht, nicht das, was man in Deutschland (jenseits von Konstanz) im Allgemeinen dafür hielt.

Was ganze Länder tun konnten, schafften Städte manchmal auf eine noch pointiertere Weise. London war Eleganz und Rastlosigkeit; Oxford Gemütlichkeit und Ruhe. Satu Mare war Verfall und ein Ende, dem damals noch kein neuer Anfang gefolgt war; Klausenburg der erste Beginn eines neuen Frühlings. Paris war Paris, und ich könnte nichts sagen, wie man ihm mehr gerecht würde. Biarritz war unser Tor zu den Pyrenäen und damit dem Frieden, den wir dort fanden, versteckt in einem Hochtal. Palermo war das Paradies und der Moloch Stadt, wie ich ihm seitdem nicht mehr begegnete. Es war dort von allem genug, und damit vom meisten zuviel. Budapest war ein Fest, und die Städte Norditaliens waren Theaterbühnen, die auf das nächste Stück warteten, mit jener Geduld, wie sie die Jahrtausende hervorbringen, und nur sie. Sie badeten im Licht wie Eidechsen, und eine seltsame Schwere überkam jeden Tag und jede Stunde zwischen Morgen und Abend. München schließlich war einsam, und sein Herz war so kalt wieder der Winter, den ich dort verbrachte.

Nun also Berlin. Ich kam hierher, um alte Bande wieder aufzunehmen, und fester zu knüpfen, was die Zeit zertrennt hatte. Berlin war eine chaotische Stadt, groß und laut, und soviel grüner als ich erwartet hatte. Auf eine seltsame Weise war es wie heimzukommen, als hätte ich diesen Ort schon gekannt. Seine Dimensionen erschienen mir vertraut, und ich genoss den Duft der sonnenwarmen Luft. Ohne einen Übergang oder einen Bruch fügte sich Berlin in mein Leben, wie aus einem Stück.

Ich besuchte keine einzige Kirche. Im Nachhinein wunderte ich mich, warum, aber im Nachhinein wunderte ich mich über viele Dinge, über die einen mehr, über die anderen weniger. Für gewöhnlich, so fand ich, waren Kirchen die Orte, an denen und um die herum sich die Seele einer Stadt feststellen ließ; jener Teil der Seele, der der Ruhe und der Hingabe bedurfte. Vielleicht war es, weil ich diese Stadt durch die Herzen der Menschen erfuhr, die ich dort traf, die sich mir öffneten und denen ich mich öffnete, und ich mich so wohl fühte dort mit ihnen. Die Ruhe war im Herzen, und so brauchte ich keine Kirchen. Da war viel freundliches Schweigen in dieser Woche, von jener Art, die gut tat und mehr sagte als Worte.

Letztendlich war es wohl egal, wo man sich befand. Worauf es tatsächlich ankam, waren die Menschen, denen man begegnete, und mit denen man das teilte, was wir alle gemeinsam hatten, dies seltsam’ Ding genannt „Leben“. Der Ort war wundervoll - doch von wirklicher Bedeutung war, was wir im Herzen trugen. Die Seelen der Stadt waren nicht nur in den Steinen ihrer Gegenwart und Vergangenheit zu finden. Sie waren in dem, was wir mitbrachten, und in dem, was wir mitnahmen.

Gedanken, die mir auf dem Rückweg kamen.

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Dienstag, Januar 30, 2007

Zeit des Erwachens, mal wieder

Ich hatte wieder einmal nichts zu sagen gehabt. Solche Zeiten gab es. Das Leben plätscherte vor sich hin ohne besondere Vorkommnisse. Gewöhnlich vergaß ich zu solchen Zeiten nach ein paar Tagen alles – das heißt, mein Kopf wurde leer und plump und dumm. Ich hatte einiges über das Leben gelernt, und nichts davon mehr parat.

Irgendwann endete es. Das hatte es bisher immer. So auch dieses Mal. Mir war, als tauchte ich langsam aus einer langen, dunklen, tiefen Nacht wieder an die Oberfläche des Tages. Der Traum verblasste nach und nach. Es waren dumme Träume, die ich träumte in diesen Zeiten. Ich sah nur mich, mich, und wieder mich. Es war wie Gefangenschaft in einem Spiegelkabinett. Ich vergaß die Welt, die Menschen und die größeren Zusammenhänge. Ich tat auch nichts Sinnvolles mehr. Ich suhlte mich in diesem Zustand, solange er dauerte, und begrüßte sein Ende, wenn es schließlich kam. Auch heute.

Mittlerweile war ich 26 Jahre alt geworden, aber nicht klüger. Manche Veränderungen geschahen langsam, unmerklich, andere über Nacht. Ich begann wieder Hemden zu tragen. An besonderen Tagen konnte man mich sogar mit einer Krawatte erwischen. Ich hatte die fixe Idee, nun seriöser werden zu müssen und, besser noch, zu wollen. Die Sonne versank an diesem Abend blutrot am Horizont. Ich betrachtete den Anblick über eine Wiese hinweg, auf dem ein Paar Störche seine Abendmahlzeit zusammensammelte. Er war schrecklich anzusehen, wie eine blutende Wunde am Himmel, gefurcht und voller Schmerz. Der Sonnentod. Es war wundervoll. „Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen können“. Hatte Rilke das gesagt? Er musste eine Menge Sonnenuntergänge jeglicher Art gesehen haben. Immerhin war er ein Poet. Es gab Erwartungen zu erfüllen.

Rilke hatte in Paris gelebt. Auch Freiburg erinnerte mich an Paris. Der Wind an diesem Abend war sanft und mild. Es hatte geschätzte acht Grad. Für Ende Januar war das nicht schlecht. Ich sah die Stadt wieder mit unverbrauchten Augen, frisch und neu. Ohne vorgefasste Meinungen. Und sieh da: sie gefiel mir.

Konstanz war mir damals wie das Ende der Welt vorgekommen. Es lag hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Freiburg war größer und offener, reicher auf seine Weise. Auch deutlich französischer, wo Konstanz Italien geglichen hatte. Dennoch erschien mir Freiburg abgelegener: in der äußersten Ecke des Landes, am Rand des Schwarzwalds. Wo Freiburg ein neues Ende war, da war Konstanz eher ein Anfang gewesen, mit einem weiten Blick über den Seelenspiegel des Bodensees. Die Welt lag offen. Der Blick vom Ufer reichte weit, so weit. Jetzt waberte der Nebel über den Tälern, und alles was ich zu Gesicht bekam war grau; oder der dunkle Schatten des Waldes an sonnigen Tagen. Am Horizont in die andere Richtung waren die Vogesen, aber das war eine andere Welt. Nicht die meine. Das mochte seltsam erscheinen, aber so war es.

Ich hatte zuviel Zeit allein verbracht. Wenn ein Mann zu lange auf den gleichen 15 Quadratmetern sitzt, wird er rammdösig. Ich zumindest wurde es. Ich ging dann irgendwann auf Autopilot, und die oben geschilderten Konsequenzen ergaben sich. Man wurde dumm, und man merkte es noch nicht einmal.

Im Cafe verstanden sie mich miss. Ich machte gute Miene zum versehentlichen Spiel und trank ein weiteres Bier, das sie mir gebracht hatten. Die Bedienung war eine Süße, mit allen Rundungen am richtigen Fleck und im richtigen Maß. Mir gefiel der Anblick. Schönheit mochte ich. Also was sollte es. Ich hatte ohnehin schon ein bisschen zuviel getrunken, mit meinem Bruder zusammen, und nun würde ich eben noch ein Bier trinken, und dafür den Rest der Woche nichts mehr oder jedenfalls weniger. Dementsprechend fiel mir ein, dass die vierziger Jahre eine verrückte Zeit gewesen sein mussten, jedenfalls wenn man die Marlowe-Romane Chandlers für bare Münze nahm. Alle hatten gesoffen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und es war das Normalste von der Welt gewesen. Heute war man da gesundheitsbewusster. In der Konsequenz hatte ich oft ein schlechtes Gewissen. Nun gut, das Leben forderte seinen Preis. Zahlen mussten wir alle.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich würde das tun, was ich schon immer tun wollte. Ich war 26, und es war an der Zeit, mich an meinen Träumen zu versuchen. Manche schafften das schneller, die meisten brauchten dazu etwas länger – wenn sie denn träumten. Für mich war es jetzt an der Zeit. Und ich war zuversichtlich. Ich hatte mittlerweile ein gutes Gefühl für das, was ich konnte, was im Bereich des Möglichen lag. Vielleicht würde es ja sogar damit enden, dass ich für den Rest meines Lebens Dinge täte, die mir Spaß machten. Vielleicht war Arbeit oft unangenehm. Aber ich sah keinen Grund, dass das immer so sein sollte. Immerhin lagen noch 98 Jahre vor mir.

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Montag, Dezember 04, 2006

Erwachsenwerden in Amerika

Das nächtliche St. Georgen hatte etwas ausgesprochen Amerikanisches an sich. Ich lief die Basler Landstraße hinunter, die sich vor mir unter dem orangenen Glühen der Natrium-Bogenlampen aus der Dunkelheit schälte, und konnte nicht anders, als an eine Kleinstadt in den unendlichen Weiten der Prärie zu denken. Menschen an einem umgrenzten Ort, der von allem anderen durch die Weiten des Raums isoliert war, und an dem sie ihre isolierten Leben lebten. Ganz für sich lagen sie alle auf der Spiegelfläche des Lebens. Filme wie „A History of Violence“ kamen mir in den Sinn. Das einzige, was St. Georgen noch fehlte, wäre ein klassisches American Diner gewesen. „St. George’s Pub“ oder „George’s Diner“ müsste es heißen. Einfache Männer mit Baseball-Caps und in Jeans und Karohemden säßen um einen umlaufenden Tresen in der Mitte des Raumes, tränken billigen Kaffee und äßen Pfannkuchen, Bohnen und Burger. Yeah, ich konnte mir das richtig gut vorstellen. Eine einfache, kleine Welt, mit all ihren Vor- und vor allem all ihren Nachteilen. So ein Ort war St. Georgen. Am Mittwoch wäre Rodeo. Mal sehen, wer dieses Jahr den Prärie-Pokal gewinnen würde. Ein alter Pickup kreuzte vor mir auf die Straße. Auf seiner Ladefläche grunzte ein einsames Schwein glücklich vor sich hin.

Ich jedenfalls fühlte mich wohl an diesem Ort. Das tägliche Sankt Georgen war ungemein ländlich. Bei Nacht lag es einsam und isoliert in den Weiten der endlosen Prärie der Seele, so wie die Menschen nachts alleine auf den Planeten ihres eigenen Seins durch die Unendlichkeit des eigenen Geistes rotierten. Vielleicht war es bei Nacht ein Spiegel, der mir die weiten Strecken zwischen den Stationen meines eigenen Herzens zeigte.

Wir hatten an diesem Wochenende unseren ersten Besuch von außerhalb empfangen. Ganz offizielle Gäste in der ganz offiziellen Version unseres ganz neuen Lebens. Es war aufregend, und es war vollkommen neu. Wir taten keine außergewöhnlichen Dinge, entfalteten keine außergewöhnlichen Aktivitäten und standen vor keinen besonderen Herausforderungen – aber wir hatten neue Rollen, wie sie einem im Laufe der Entwicklung des eigenen Lebens zufallen, und wir streckten und dehnten uns in ihren noch ungewohnten Hüllen und versuchten sie auszufüllen, mit einer gewissen Freude und Spannung und einer glücklichen Unruhe in den Herzen. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, an jene Wochenenden, jene Abende und Nächte, wenn meine Eltern Freunde aus ihrer Studienzeit einluden, und das ganze Haus voller Erwachsene war, die wir nicht immer kannten und die neu und unbekannt und aufregend waren, und groß gekocht und gegessen wurde; und wenn es dann für uns an der Zeit war, ins Bett zu gehen, öffneten die Erwachsenen noch eine Flasche Wein, und wir hörten durch die geschlossenen Türen unserer Zimmer, wie sie sich unterhielten über Dinge, die wir manchmal verstanden und öfter nicht, und wir hatten diese Ahnung einer anderen Welt, die da in dieser weit entfernten Zukunft lag, uns noch so weit voraus, und die dennoch so spannend und begehrenswert im Grau des Kommenden lockte, jene Welt des lange Aufbleibens, des Weintrinkens, des lauten, glücklichen Lachens über vergangene, geteilte Geschichten, die wir erst noch erleben mussten, und der Gespräche über jene komplizierten Dinge, die Erwachsenwerden bedeuteten.

Als wir am späten Samstagabend bei der zweiten Hälfte einer Flasche Wein und einem hervorragenden Whisky auf dem Sofa in unserem neuen Wohnzimmer beisammen saßen (und, typisch Psychologen, nicht nur über unsere geteilten Geschichten, sondern auch über das komplizierte Verhältnis zwischen dem Weltbild der Systemischen Therapie und des Zen-Buddhismus sprachen, ausgerechnet), da merkte ich, wie wir nun diese Rolle ausfüllten, die unsere Eltern damals gefüllt hatten, dass sie uns an dieser Stelle unseres Lebens in den Schoß zugefallen war, und mit einem Mal kam ich mir ziemlich alt vor – alt genug jedenfalls, um zu sagen, dass die unschuldigen und träumerischen Tage meiner Kindheit nun endgültig vorüber waren.

(Manche merkten das früher. Ich merkte es immer wieder.)

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Dienstag, November 21, 2006

Meditations

In einem neuen Leben probierte ich neue Dinge. Ich hatte mir ein paar Regeln fürs Leben gegeben. Jetzt probierte ich sie aus.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das dem Zen zugrunde liegende Prinzip war mir schon lange klar, wahrscheinlich klarer als den meisten Zen-Praktizierenden selbst. Es geht darum, das Bewusstsein zu öffnen, und zwar sowohl für den jeweiligen konkreten Augenblick als auch für die Automatismen und Abläufe im eigenen Geist. Natürlich bekam ich dennoch eine zehnminütige Einführung ins Zen, die mich zu Tode langweilte. Aber ich befand mich auf unbekanntem Grund, und ich schwieg.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das Zen-Dojo Freiburg war ein kleiner Raum, nichts Großartiges oder Überwältigendes, nicht einmal etwas besonders Erhabenes. Ein kleiner Raum und ein Vorraum, mit Parkett ausgelegt, ein paar Kalligraphien und Buddhas an den Wänden, eine Garderobe, Sitzmatten und –kissen in einem Gestell an der Wand. Dennoch mutete mir der Raum fernöstlich an. Alles war sauber, alles war ordentlich, und alles schien eine wie auch immer geartete Bedeutung zu haben. Ähnlich wie in den japanischen Künsten, der japanischen Küche und den japanischen Umgangsformen war auch hier nichts Überflüssiges. Alles war Teil der größeren Zeremonie und der größeren Bedeutung. Es erschien mir zuerst leicht lächerlich, diese Bedeutungen und Zeremonien von Deutschen durchgeführt zu sehen, mit einer gewissen Anmut zwar, aber auch mit jenem Bierernst, zu dem wir als Volk auf irgendeine Weise prädestiniert zu sein scheinen. Aber sie taten es mit solchem Ernst und, wie ich zugeben muss, so wenig Künstlichkeit, dass ich es bald vergaß – sowieso machte ich gute Miene zu ihrem Spiel, denn ich wollte nun wissen, wie es wäre, das Zen. Es war nun einmal die Welt dieser Zen-Praktizierenden, in der ich nur Gast war. Ich hatte meine Meinung zu ihnen, aber ich musste sie ja nicht auch noch äußern.

Es war eine schweigsame Gruppe. Ich wurde nett empfangen und eingeführt, aber dennoch blieb mir das Gefühl, dass jeder ein wenig bei sich blieb, so als wäre es ihm ein wenig peinlich, hier mit den anderen zusammen diese ungewohnten Übungen aus einem fernen Land zu vollziehen.

Wie soll man anfangen über Zen zu schreiben? Man sitzt und starrt die Wand an. Das ist kein Witz, wir saßen tatsächlich alle mit dem Gesicht zur Wand, wofür ich aber auch dankbar war, denn das Sitzen fällt einem schwer genug, ich musste dabei nicht auch noch die Gesichter anderer mehr oder minder Versunkener vor mir sehen. Die Wand reichte mir vollkommen. Sie lenkt einen zudem nicht ab von dem Unsinn und dem Leiden des eigenen Geistes. Denn das ist es, was es in erster Linie ist: eine Rosskur für das Bewusstsein. Wir saßen dort zweimal eine halbe Stunde, und schon nach wenigen Minuten verlor ich das Gefühl für die Zeit und mein Geist ging auf Wanderschaft. Immer wieder kehrte ich wieder ins Hier und Jetzt zurück, und immer wieder floh meine Aufmerksamkeit in Tagträume... Darum geht es: die Tagträume, das müßige Ablenken, Herumgeistern und Imaginieren zu erkennen und vorüberziehen zu lassen. Nicht darum, es zu verurteilen, zu verdammen oder zu verhindern, denn das ist schlechterdings unmöglich, das Hirn lässt sich sowenig anhalten wie das Herz. Aber man wird mit fortdauernder Übung immer weniger zum Sklaven der eigenen Gedanken, Einfälle und Regungen. Man lässt sie vorüberziehen, wie Gewitterwolken am Himmel vorüberziehen, bis schließlich (und immer öfter) das klare, helle Licht der Aufmerksamkeit die Oberhand gewinnt, und die Wolken nur mehr das sind, Wolken, und nicht mehr Katastrophen, Zwänge und Ketten, die wir uns selbst anlegen.

Es wurde allerdings erstmal schlimmer, bevor es besser wurde. Man sitzt mit überkreuzten Beinen im Zazen, im halben oder auch ganzen Lotussitz, und irgendwann, das Gefühl für die Zeit hatte ich wie gesagt schon lange verloren, schlief mein einer Fuß so tief ein, dass ich weder das leiseste Gefühl mehr hatte, noch auch nur einen Zeh bewegen konnte. Es war, als wäre es gar nicht mehr mein Fuß, und das wäre sogar besser gewesen, denn ein pochender Schmerz begann mir zu schaffen zu machen und mich von allem anderen abzulenken. Am Ende der halben Stunde gab es in meinem Geist nur noch dieses Pochen, und ich ertappte mich, wie ich im Stillen beinahe schrie, dass es doch zu Ende gehen sollte... Auch in dieser Hinsicht war es eine sehr eindrückliche Erfahrung. Ich überlebte die halbe Stunde, und in der anschließenden Geh-Meditation, die an dieser Stelle wirklich bitternötig war, ging es auch meinem Bein bald wieder besser. Die zweite Sitzung war ein Klacks gegen diese erste, und wenn die ersten Kleckser des Satori wohl auch noch in weiter Ferne lagen, so war ich doch positiv überrascht, wie viel Ruhe letztendlich bereits in meinem Geist zu herrschen schien. Es war gut so, wie es war, und in jenen Momenten, in denen doch die Unzufriedenheit und Langeweile kurz ihr Haupt hob, wusste ich bei mir: Warum sollte es anders sein? Ich war in diesem Augenblick, und auch wenn er vielleicht nicht war wie in meinen Wünschen und Sehnsüchten, so war er doch, so wie er war, perfekt. Es gab nichts an ihm auszusetzen, nur an meiner eigenen Unzufriedenheit. Aber ich musste ja nicht auf sie hören.

Was soll man über Zen sagen? Man erkennt die eigenen Gedanken und Gewohnheiten, man bricht die gewohnten Muster und die gewohnte Wahrnehmung. Das ist alles, worum es geht, und gerade deshalb, weil es letztendlich so wenig und auch, bei aller Schwere, so einfach ist, ist es eine der wichtigsten Sachen der Welt. Wir haben nichts nötiger als unseren Geist, unser Bewusstsein einmal bei Licht zu besehen und zu entdecken, was es eigentlich damit auf sich hat. Wir sind zugleich Herren und Sklaven unserer Regungen und Gedanken, und öfter die Sklaven als die Herren. Die meisten Dinge, die wir tun, entspringen der unablässigen Arbeit dieser Geist-Maschine. Es konnte nur gut tun, zu lernen, ein wenig mit den Reglern und Parametern der Maschine zu arbeiten.

Ich wolle ja noch ein Wort zu den Regeln und ihrer Umsetzung verlieren.

Vor allem am Punkte 1 arbeitete ich. First things first. Ich hatte ein Café und eine Bar entdeckt, an denn ich mich wohlfühlte. Das Café war ein guter Platz zum Arbeiten, mit großen Fenstern, die auf die Straße gingen, und einer Einrichtung in dunklem Holz vor weißen Wänden, an denen Schwarz-Weiß-Fotografien hingen. Es wurde von Italienern geführt, und auch wenn es von Studenten überlaufen war (wie immer weniger ich mich ihnen zugehörig fühlte...) war es ein guter Ort. Kein Voglhaus, aber gut genug. Die Bar wiederum hatte 98 von 100 möglichen Bar-Punkten. Sie war die Quintessenz der Bar. Wenn die Bars dieser Welt zusammengekommen wären, um die Regeln und Richtlinien für vollkommene Bar-Haftigkeit festzulegen, wäre das Ergebnis eine Bar wie diese gewesen. Sie atmete Gelassenheit und Geborgenheit. Der Barkeeper war zugleich der Besitzer und schien alle Gäste mit Namen zu kennen. Auch meinen lernte er schnell. Es war eine ruhige, stille Bar. Sie lag die entscheidenden hundert Meter abseits sowohl der Touristenströme als auch des Mainstreams. Es langte wahrscheinlich gerade zum Überleben, aber es war auch ein großer Vorteil der Bar. Aber was nutzten all die Worte, sowenig, wie sich das Wesen des Voglhauses in einer Beschreibung einfangen ließ, sowenig war diese Bar eine Sache der Worte. Es genügte, dass es sie gab. Ich musste sie nicht beschreiben, ich konnte ab und zu dorthin gehen und gut leben. Das genügte.

Auch die Sache mit den Menschen ließ sich gut an. Wie immer war es die Musik, die alle Grenzen überwand und die Menschen einander näher brachte. In jener Bar gab es eine montägliche Jamsession, und wie die Bar war auch sie eine ruhige und gelassene Angelegenheit. Wir spielten als Quartett, klassischer als klassisch, mit Altsax, Piano, Bass und Drums. Klare und reine Klänge, die sich im Gewölbe brachen und an die Holztäfelungen des Raums und die Ohren das geneigten Zuhörer brandeten – will sagen, die Bar hatte eine Spitzenakustik, in der zu spielen eine Freude war. Sie hatte allerdings auch Spitzenmusiker, mit denen zu spielen mehr war als freudig, nämlich ein Genuss, und mit einer Leichtigkeit, die nur entsteht, wenn alle Beteiligten ganz bei einer Sache sind und in ihnen aufgehen, und die einzelnen Musiker zu einer größeren Verbindung verschmelzen, ganz Ohr und ganz Klang.

Eine weitere Form von Meditation. Eine weitere Art von Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit.

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Sonntag, Oktober 15, 2006

Rockford
























Zur Abwechslung einmal etwas Nettes und Freudiges!

In den Worten Millers, des einzigartigen:

"Ich bin der lachende Felsen."

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Dienstag, September 12, 2006

Weltenende

Ich bekam keinen Fuß mehr auf den Boden. Ich verbrachte den Tag damit, einen Marlowe-Roman zu lesen. Die Tote im See. Nicht übel, aber auch nicht von der Güte eines langen Abschieds. Aber das wäre wohl auch zuviel verlangt gewesen.
Ab dem Nachmittag begann ich dann ernsthaft damit, mich zu betrinken. Ich hatte sonst nichts Besseres zu tun, und ich hatte nicht den Hauch einer Absicht, etwas zu arbeiten. Ich wusste, dass ich es hätte tun sollen. Ich tat es nur einfach nicht. Dieser Tag und alle Tage waren leer, ohne Struktur und ohne Inhalt.
Ich hatte gedacht, ich wäre cool, und dabei war ich einfach nur einsam. Wieder einsam. Das bekannte Gefühl.

Einsamkeit. Sicherlich sosehr selbstgewählte wie erlittene Einsamkeit. Die hier verbliebenen Freunde, die ich wirklich sehen wollte und die mir etwas bedeuteten, konnte ich an den Fingern einer Hand abzählen. Dass ich mich nicht bei ihnen meldete, war mein Problem, aber ihre Zahl war von Beginn an niedrig gewesen.
Das sagte natürlich ebenso viel über mich selbst wie über die Umstände des Lebens selber aus.

Meine Zeit hier in dieser Stadt ging zu Ende. Es war ein goldener, milder, frischer Herbstanfang. Die Luft wurde langsam kühl und herb, und die Blätter begannen sich zu verfärben. Die Nächte waren schon kalt, aber die Tage waren noch warm und mit dem Duft der Verheißung angetan. Es war ein letztes, goldenes Aufleuchten vor dem Winter, der Kälte, dem Tod. Wann hatten die Blätter begonnen, ihre Farbe zu verändern? Ich musste zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt gewesen sein.

Mein Leben hier war verbraucht. Es hatte seinen Sinn und seinen Inhalt verloren. Die Tage zogen vor meinem Auge vorbei, einer leerer als der andere. Ich wusste, dass ich schreiben wollte. Mein Studium war noch nicht ganz beendet, die letzte Hürde lag noch vor mir, aber ich hatte bereits jegliches Interesse daran verloren. Ich würde es nur noch aus Pflichtbewusstsein tun. Meine Kür würde ich auf einem ganz anderen Gebiet erringen. Dieser Gedanke machte mich stolz, und er machte mir zugleich Angst. Denn ich hatte keine große Ahnung von dem, was ich unternehmen wollte. So dachte ich damals zumindest.
Ich war ein junger Mann an einem Scheideweg seines Lebens. Das Alte war vergangen. Ich unternahm noch müde Versuche, es am Leben zu erhalten, aber tief in meinem Herzen wusste ich bereits, dass sie vergeblich waren. Das Neue war noch nicht da. Ich musste mich entscheiden, welchen Weg ich gehen wollte. Es gibt nichts Einschüchterendes und Schrecklicheres als diese Wahl. Ich dachte, sie würde den Rest meines Lebens bestimmen, oder jedenfalls den Anfang des Rests. Und ich war wie erstarrt im Antlitz dieser Bedeutung. Sie wog wie ein Zentnergewicht auf meiner Brust.

Dieses war das Gefühl meines Lebens, in den letzten Tagen in Konstanz.

Ich würde es alles in Geschichten verpacken müssen. Und ich wollte es tun. Ich wollte mich von den Schatten des Vergangenen befreien. Hier, inmitten dieser Schatten, hatte ich keine Zukunft mehr. Ich würde vielleicht wiederkommen, irgendwann. Das wäre dann etwas Anderes. Aber wie die Dinge lagen, konnte hier und zu dieser Zeit nichts Fruchtbares mehr geschehen. Es war vorüber.

Aber ich konnte das Geschehene noch ein letztes Mal seinen Zauber verbreiten lassen. Die Geschehnisse meines Lebens noch einmal mit ihrem Sinn und ihrer tieferen Bedeutung (für mich; für andere) anfüllen und vor den fallenden Vorhang treten lassen. Die Dinge befreien, und zugleich mich von den Dingen befreien.

Schreiben war kein Hexenwerk. Leben war das Schwierige. Die Geschichten kamen dann von ganz alleine.

Ich hörte immer wieder die gleiche CD, „Chet“ von Chet Baker. Der klare, coole Jazz mutete mir an wie eine Hymne vom Ende der Dinge. Nichts Unruhiges, nichts Gewaltsames. Gerade ein Bild davon, wie das Altbekannte unter dem Horizont verschwand. Ein einziger, langer Blick zurück. So war sie für mich.

Ich wusste mit einem Mal, mit welchen Worten die Geschichte enden sollte, wenn es soweit wäre:

„Es war eine Welt der Schönheit.

Es war eine Welt der Gnade.“

Nicht mehr als das.

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