Sonntag, Februar 21, 2010

Das große Irrenhaus der Welt

Die wichtigste Erkenntnis, die ich diese Tage hier anbringen konnte, war eine, die ich schon lange gehabt hatte, die sich aber jetzt gerade erst wieder den Weg an die Oberfläche meiner Gedanken kämpfte: Diese Welt war nichts Anderes als eine einzige, große Irrenanstalt. Es verhielt sich mit ihr sogar noch schlimmer, als ich früher gedacht hatte. Es war wirklich alles verrückt: das gesamte System war verrückt, und die Menschen, die unter und in und ihm und durch es lebten, waren ebenfalls verrückt, verrückter sogar noch als einfach nur verrückt. Ich wandelte hier in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Kontinent, ja auf diesem Planeten unter Irren. Ich war selbst irre, zu einem gewissen Grad, aber weitaus weniger irre als die meisten anderen. Ich begann, mich zu heilen. Ich bemühte mich seit langem schon darum, und es war ein langsamer, schmerzhafter Prozess.

Was mich früher am Leben gehalten hatte, war die Natur um die Stadt herum gewesen, am See, der See. Was immer Schlimmes passierte, welche traurigen oder grausamen Gedanken auch meinen Geist beschäftigten, ich konnte immer an den See gehen und mir den Kopf vom unablässig wehenden Wind durchpusten lassen. Der Kosmos hielt mich angesichts der Welt, die wir Menschen geschaffen hatten, am Leben, ja er ermöglichte es mir überhaupt erst.
Hier in Berlin hatte ich keinen See, und hier in Berlin hatte ich keinen Kosmos. Hier hatte ich nur Berlin, nur den Moloch Stadt, nur die verdammte Welt und nichts sonst. Der Kosmos war weit weg, irgendwo hinter der Stadtgrenze, und auch dort nur ein armseliger solcher eingedenk der Schönheit anderer Orte, des Sees.

Ich meinerseits lebte ein verzweifeltes Leben, denn ich erkannte immer mehr vom Wahnsinn der Welt. Tatsächlich ging mein Wissen über diesen Wahnsinn weit über alles hinaus, was ich während meines Studiums gewusst oder gar geahnt hatte, und es stellte sich als schlimmer heraus als in meinen übelsten Träumen. Ich hatte schon seit langem gewusst, dass unsere Bewusstseine das Urproblem hinter allem waren, beziehungsweise unser Umgang mit ihnen, aber wie verkommen und verkorkst die ganze Welt, die ganze Gesellschaft tatsächlich waren, das wurde mit erst nach und nach klar, jetzt, zu dieser Zeit, und meine Verzweiflung wuchs mit jeder neuen bitteren Erkenntnis.

Wie lagen die Dinge nun? Ich musste mir einmal wirklich darüber klar werden, wenn ich die Puppen zum Tanzen bringen wollte. Eigentlich war ich verzweifelt, und immer mehr so, je tiefer ich in den tatsächlichen Zustand der Welt eindrang; nur brachte mich auch das verzweifelte Auf-dem-Arsch-Sitzen ja nicht wirklich voran. Wir waren hier auf diesem Planeten, in dieser Realität, ob Kosmos oder Welt, um etwas zu vollbringen, um einen Vers beizusteuern zu diesem wahnsinnigen Spiel oder gar, und das war das eigentliche, das einzig sinnvolle Ziel, um die Regeln selbst zu ändern, gemeinsam – denn dass wir neue Regeln brauchten, das stand vollkommen außer Frage, denn so, wie die Welt war, war sie wahnsinnig und konnte nicht mehr lange bestehen.

Was aber, fürs Erste ins Unreine gesprochen, den Zustand der Welt anging, so war der sogar sehr leicht zu diagnostizieren: Es ging, auf der oberen, offensichtlicheren Ebene, nur ums Geld – Geld Geld Geld Geld Geld, und die Macht, die dieses verdammte Geld mit sich brachte oder wenigstens mit sich zu bringen schien, und die die Akteure des Wahnsinns mit Glück verwechselten. Auf der anderen, der subtileren, der eigentlichen Ebene ging es natürlich um etwas ganz Anderes, von dem das Geld nur ablenken sollte – um das Leiden an sich selbst und der eigenen Existenz, von der gerade die Hauptprofiteure des Systems betroffen waren; um die Unfähigkeit von ihnen und uns allen, nicht nur im eigenen Interesse und überhaupt an mehr als nur sich selbst zu denken; und damit um das eigentliche, jahrtausendealte Rätsel: Wie konnten wir mit unserem Bewusstsein und alle zusammen gut leben; wie konnten wir dieses Bewusstsein endlich so beherrschen, wie es notwendig war?

Wir hatten noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt. Wenigstens hatten wir 2400 Jahre Buddhismus und 100 Jahre Psychologie, auf denen wir aufbauen konnten. Von der Psychologie sprach ich an dieser Stelle allerdings eher halbherzig. Ich kannte sie ein bisschen.

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Freitag, November 20, 2009

Alte Links, noch immer aktuell

Es war erstaunlich, was ich alles bookmarkte (Achtung, Neudeutsch) - und noch erstaunlicher war, was ich alles gebookmarkt (dito) und danach nicht nochmal gelesen hatte.

Wenn ich mich diesem ganzen alten Krempel dann aber nochmal zuwandte, dann sprossen die Ideen wie die Blümchen im Mai. Die nächsten Tage und Wochen konnten interessant werden hier auf dem Blog, wenn ich die Zeit dazu fand.

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Dienstag, November 17, 2009

Warum kein Journalismus mehr stattfindet

Ich beklagte es oft, und (formalige) Leitmedien wie der SPIEGEL und sein Ableger SPON, die Süddeutsche Zeitung, die taz, die Zeit, die FAZ und wie sie alle hießen gaben alle mehr oder minder Exempel für die Situation ab, die ich da bedauerte: Richtiger Journalismus fand kaum noch statt. Zeitungen, die ich hier vergessen hatte, standen nur aus Mangel an Lust nicht hier: Die meisten von ihnen konnte man in denselben Sack stecken und zumachen, so schlimm war die Lage.

Was meinte ich mit richtigem Journalismus?
Zum Teufel, einfach, dass Dinge und Behauptungen und Versicherungen und Entwicklungen kritisch begleitet und, wo nötig, auch hinterfragt wurden, dass sich einer auf seinen Hosenboden setzte und recherchierte, dass den Dinge auf den Grund gegangen und nicht nur die immer selben Presse- und Agentur-Meldungen wieder und wieder wiedergekäut wurden. Vielleicht war ich blauäugig, aber gemäß der Auffassung von Journalismus als der vierten Gewalt (>>) im Staate durfte man auch ein paar Ansprüche haben, fand ich. Aber wie es aussah, hinterfragte keiner mehr, keiner kontrollierte; Pressemitteilungen wurden unkommentiert abgeschrieben, Gewäsch von Think Tanks und Vereinigungen gleich welcher Couleur kritiklos wiedergegeben (solange es nicht etwa von Links kam, denn Links war böse, Links besaß nicht das Geld), und die Politik konnte oftmals machen, was sie wollte - nicht immer, so weit waren wir noch nicht, aber viel zu oft, und die immer öfter auftretende „Hofberichterstattung“ mancher Medien (>>) machte die Sache nicht besser, sondern setzte ihr die Krone auf.

Woran lag es also? An dieser Stelle gab ich die Bühne frei für Tom Schimmeck (>>), laut dem DLF (>>) ehemaliger Spiegel-Redakteur, taz-Mitbegründer und renommierter freier Autor, der die Dinge aus der Innensicht des Journalisten hier (>>) hervorragend beim Namen nannte. Die vollständige Lektüre war wärmstens empfohlen. Kostprobe:
Honorare stehen nur selten noch in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zum betriebenen Aufwand. Wenn Sie es richtig gut machen – wenn Sie wirklich recherchieren, telefonieren, nachlesen und nachhaken, wenn Sie nochmal losfahren und richtig hingucken, sind Sie ökonomisch betrachtet ein Vollidiot. Auch „Qualitätszeitungen“ zahlen wahrlich keine Qualitätshonorare mehr.
Und so ging es weiter:
Leipziger Journalismus-Forscher haben 235 Journalisten in Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen beobachtet und festgestellt, dass diese pro Tag im Schnitt noch 108 Minuten für sogenannte Überprüfungs- und Erweiterungsrecherchen aufwenden. Für die Kontrolle der Glaubwürdigkeit und Richtigkeit von Quellen und Informationen bleiben gerade elf Minuten. Raus in die weite, wahre Welt kommen sie gar nicht mehr. Der Anteil der Ortstermine und leibhaftigen Begegnungen an der knappen Recherchezeit beläuft sich auf sagenhafte 1,4 Prozent. Der deutsche Journalist, könnte man folgern, ist der letzte, der mitkriegt, was in Deutschland los ist.
Geld war noch da. Es wurde nur nicht mehr ausgegeben. Sicher, man war immer groß am Jammern was das Geldverdienen anging diese Tage, aber in den meisten Fällen, jedenfalls am oberen Ende der Einkommensskala, mehr aus Gier denn aus Not. Zeitungen mochten keine Gelddruckmaschinen mehr sein angesichts des Internet und der informationstechnischen Quellenfragmentierung, aber vom Mediensterben der USA (was immer dort dran war) waren wir noch immer weit entfernt. Wie Schimmeck es ausdrückte:
Das notorische Endzeit-Gezeter der Verleger aber ist nicht konstruktiv. Es dient vor allem dazu, besser Kasse zu machen. Im dritten Quartal 2009 wurden laut IVW 115,79 Millionen Publikumszeitschriften verkauft – etwa 1,8 Prozent mehr als im zweiten Quartal. Der Kioskverkauf ist um 5,9 Prozent gestiegen. Pro Erscheinungstag konnten außerdem 23,25 Millionen Tageszeitungen einschließlich Sonntagszeitungen abgesetzt werden. Das sind gerade mal 1,17 Prozent weniger als im Vorquartal. Der Einzelverkauf ist mit aktuell 7,16 Mio. Stück sogar leicht gestiegen.

Auf den Milliardärs-Listen von Forbes finde ich neben Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch, neben Schlecker und Thurn und Taxis weiterhin auch Hubert Burda, Friede Springer, Heinz Bauer, Anneliese Brost (WAZ), drei Holtzbrincks sowie die Familie des im Oktober verstorbenen Reinhard Mohn. Wir müssen also vielleicht doch nicht sofort sammeln.
Journalismus richtig zu betreiben war immer auch eine politische Entscheidung, und zwar ganz oben im Medienunternehmen, dort, wo das Geld tatsächlich saß. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte.

Abschließend eine Bemerkung von John Cusack, der schlaueste Satz aus einem Interview mit dem SPIEGEL (>>), der sich zwar nicht exakt auf den Journalismus per se bezog, jedoch dennoch gut passte. John Cusack kritisierte ausdrücklich die Filmkritik, aber zugleich war es Lagebeschreibung für das journalistische Handwerk allgemein:
Ich denke jedenfalls, dass sich Politikjournalismus und Filmkritik mittlerweile sehr ähneln. Ernsthafte Stimmen gehen inmitten billiger Kommentare unter, die sich den Strategien des Spiels widmen, aber kein größeres Bild dessen entwerfen, was das Spiel selbst überhaupt ist. Die Leute drehen die immergleichen Spin-Argumente hin und her, das ist fauler Journalismus. Dabei kann die Demokratie ohne wirkliche Journalisten gar nicht überleben. Aber wie sollen die gehört werden zwischen all den Image-Sprechpuppen und den O-Ton-Schnipseln von Politikern?
Wenn man Hans-Ulrich Jörges vom stern bei Albrecht Müllers Buchvorstellung der
Meinungsmache in Berlin (>>) gesehen hatte, wusste man genau, wovon Cusack da sprach.

So war die Lage.
Richtig gut war sie nicht.

- - - - -
[Bild: Daniel R. Blume (>>) bei
Wikipedia]

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Freitag, September 25, 2009

Ich wähle LINKS.

Je mehr von uns darüber sprechen, umso eher durchbrechen wir die Meinungsmache (>>) der etablierten Medien. Deshalb sage ich: Ich wähle LINKS.
Ein jeder kann und darf ja in diesem Land wählen was er will
. Warum ich mich entschieden habe, meine Stimme für DIE LINKE abzugeben:

Ich betrachte mich als tief überzeugten Humanisten, der in einer lebenswerten Gesellschaft leben will. In einer Gesellschaft, in der sowohl die Begriff Verantwortung und Solidarität noch etwas bedeuten, in der über den Tellerrand u
nd nicht nur an sich selbst gedacht wird, und in der jeder eine Stimme hat und diese Stimme zählt.

Früher wählte ich SPD, bis Gerhard Schröder Kanzler wurde und durch seine Politik für die Bosse diese Episode beendete. Er entpuppte sich als Parvenü ohne jeden Sinn für die Gesellsch
aft als Ganzes, der Erfinder der "Sachzwänge", und das war das.
Dann wählte ich die Grünen, bis sie Hartz VI mittrugen, ohne jede eigene Idee unter Fischer zum Abnicker der immer weiter nach rechts driftenden SPD degenerierten und offenbar vergaßen, woher sie kamen und warum wir sie eigentlich gewählt hatten.

Dann kam die Große Koalition, und was soll ich sagen:
Sie war noch schlimmer als all die Ahnungen, die man zuvor hatte.
Die CDU hat eine Kanzlerin, die nichts
tut außer abzuwarten und ihr Fähnchen dann nach dem Wind zu hängen; der Wirtschaftsminister hat einen großen Namen und sonst nicht viel; der Innenminister ist paranoid und hätte längst eingeliefert werden sollen; der Verteidigungsminister ist einer der prominentesten Ausüber von Neusprech, und so fort.
Die aktuelle SPD ist eine CDU in Rot, mit dem unfähigsten Finanzminister aller Zeiten (>>), der erst selber mithalf, den Brand zu legen, und sich jetzt als Feuerwe
hrmann inszeniert; einem Parteivorsitzenden, dem die Verbindung zur Realität offenbar schon seit Längerem abhanden gekommen ist; und grundsätzlich mit Führungspersonal, das offenbar für jeden möglichen Auftraggeber arbeitet, aber nicht für die eigene Partei (>>).
Zur aktuelle
n FDP sage ich nichts viel: Sie sind die Apologeten all dessen, was in unserer heutigen Gesellschaft falsch ist, was sie vernichtet - Sozialdarwinisten über alles, jeder ist sich selbst der Nächste, frei nach dem Motto: "Eure Armut kotzt mich an!"

Was bleibt mir noch? Eine Partei, der
en Vorsitzender wenigstens etwas von Volkswirtschaft versteht; die einen bescheidenen Mindestlohn einführen will; die die Ausgrenzung der Benachteiligten verringern will; die die Profiteure der Katastrophen der letzten Monate mit in die Verantwortung nehmen will; und die sich nicht der modernen Religion des Neoliberalismus unterworfen hat. Wichtiger noch: eine Partei, die noch an das Primat der Politik zu glauben scheint und sich den Sachzwängen nicht beugt, die von allen anderen Seiten herbeiphantasiert werden im Interesse einiger weniger. Eine Partei, die, wenigstens für den Augenblick, noch wagt, jene Dinge beim Namen zu nennen, die falsch, und jene, die richtig sind. Ich stimme nicht mit allem überein, zugegeben, und in Berlin lebend habe ich auch noch eine andere Seite der LINKEn kennengelernt - aber mir liegt an einem lebenswerten Land, und mir liegt an einem lebenswerten Leben, und deshalb will und muss ich mit den mir verbleibenden bescheidenen Mitteln endlich ein Zeichen setzen.

Ich wähle LINKS. Diese Wahl gibt es keine Wahl.


P.S.: Zu allem Für und Wider betreffs der LINKEn gibt es einen hervorragenden Post mit einer Menge Kommentaren drüben beim Spiege
lfechter (>>) - ich erspare es mir also, all das an dieser Stelle zu wiederholen. Wer immer will wird dort fündig.

(100 Blogs für DIE LINKE: Hier gibt es mindestens 99 weitere gute Gründe fürdie richtige Wahl. Eine Inititive von Frank Benedikt.)

[Rechte an Lafontaine liegen bei der ZEIT]

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Sonntag, April 12, 2009

Long Time No See

I was very busy. I was busy living, in fact. Spring was here, as it was everywhere right now; but here in Berlin, spring had a certain quality, like the return of a long-missed friend, easing at last the mercilessness of grey concrete and barren streets. The city was returning to life, and so was I, a few minor health issues not included in the calculation.

I was making progress on a variety of front-lines: my novel was developing greatly, I just had to do the wrap-up and try to revamp my storyline by removing all the dead ends that had piled up. I had started meditation again and discovered to my own surprise that I liked it - in fact, was craving for it. Nothing better than to spend half an hour a day in serious submersion, unfettered from Ego's ravings. And I was getting up early every day and crazy about getting some work done, the more the better.

In general, I felt like I was living in a state of grace - like I was living exactly the kind of life I'd been made for, and could go on from here and tackle the real challenges that were predetermined and meant for me. Might sound strange, but that was the way I felt. I did not have too much of anything, be it money, peace or abundance of any kind, mind you, but I realised that I had
enough, and that I really did not need anything else, but just use my capacities and abilities to the fullest extent possible and see where that might lead. "Enough is a good as a feast", like the saying went. It was true. And it was beautiful.

Some years back, I had a different but comparable instance of an epiphany, that lead me to state something that held true today as it held true then, and that provided me with a deep sense of peace and purpose every time I thought about it. It was very simple:

It was a world of beauty,
it was a world of grace.

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Dienstag, Januar 20, 2009

Change!

Things kept on changing, me, myself, and I included.

One advantage there was to it: As the years mounted up, my fears and inhibitions decreased likewise. Who knew what the next year would bring? Perhaps just this: the fulfillment of a few dreams, as old as my life itself. Which wasn't very old, granted. Yet, twenty-eight years sounded like a serious chunk of time to me. Of course, I hadn't turned thirty yet. Thankfully, two more years to go.


[Picture courtesy of Obamicon.me]

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Dienstag, Dezember 23, 2008

Know what you got

And outside of specific policy measures, two years from now, I want the American people to be able to say, "Government's not perfect; there are some things Obama does that get on my nerves. But you know what? I feel like the government's working for me. I feel like it's accountable. I feel like it's transparent. I feel that I am well informed about what government actions are being taken. I feel that this is a President and an Administration that admits when it makes mistakes and adapts itself to new information, that believes in making decisions based on facts and on science as opposed to what is politically expedient."
That is why I'm so relieved about the Obama-win. Because this is the most reflected take on what politics should be about I've heard from any politician, ever.

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West of Hollywood

Es gab zwei Arten zu denken: Alltags-Denken und Hollywood.
Was ich damit meinte: Alltags-Denken war gar kein bewusstes Denken an sich, sondern das Sich-Treiben-Lassen in den Alltäglichkeiten meines Lebens, ohne besondere Aufmerksamkeit, alles hinnehmend, wie es eben gerade geschah. Ich erlebte mich dann als Erleidenden, die Dinge stießen mir zu. Ich unternahm nichts, und ich trieb nichts voran. Meine letzten Monate bei der SEgroup hatten diesen Geschmack gehabt und waren unter diesen Vorzeichen vergangen. Es war immer ein Leben umsonst, wenn ich in diese Geisteshaltung lebte. Soll heißen: Es war vergebens. Ich vegetierte wie eine Primel auf dem Hinterhof in der Sommerhitze.


Das andere war das Hollywood-Denken. Soll heißen, Denken wie in einem Film. Ich war dann Hauptdarsteller in (m)einem Drama, mit wechselnden Handlungssträngen, auf- und abgehenden Nebendarstellern und großen und kleinen Höhe- und Spannungspunkten. Im letzten Sommer, als S. zum ersten Mal am See gewesen war, war es so gewesen. Teilweise jetzt, diesen Sommer am See (es war lange her). Es bedeutete ein anderes Bewusstsein meiner selbst, eine Abart jenes Bewusstseins, das George Clooney wahrscheinlich die ganze Zeit über von sich hatte, wie ich ihm unterstellte: eine Bewusstheit der eigenen Bedeutung, der Einzigartigkeit des eigenen Lebens und der Dinge, die man in und mit diesem Leben erreichen wollte und konnte. Alle Dinge waren erreichbar; jede Handlung hatte das Gewicht eines bedeutenden Aktes, und jedes Wort die Schwere eines geschliffenen Dialogs. Ich sprach anders zu jenen Zeiten; ich ging und bewegte mich anders. Und ich sah mich anders: es war in einem gewissen Sinn die Tarnidentität eines Frank Powers‘, die dann in den Vordergrund rückte. Ich war dann selbstbewusst, und ich nahm kein Blatt vor den Mund. Nichts konnte mich verwunden, und nichts konnte mich, mein Dasein und dessen Bedeutung verringern. Ich war unzerbrechlich und unzerstörbar, außer durch Wasser. Mein Blick bekam eine andere Intensität: es war in diesen Momenten, in denen andere wie magisch von mir angezogen wurden und mir ihre Grüße entboten, diese Momente, in denen ich mich in ihre Leben einbrannte.


Diese beiden Arten über mich selbst zu denken bestimmten mein Leben, die eine zu oft, die andere nicht oft genug.

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Samstag, Dezember 06, 2008

Lesen

Die Menschen lasen nicht mehr. Jeder vierte von ihnen. Die Vielleser waren eine verschwindend geringe Minderheit geworden: 50 Bücher im Jahr machten nicht viele mit.
Ich fragte mich, ob ich Vielleser war. Ich las 50 Bücher. Allerdings immer wieder die gleichen.

__________________________________________________________________

Henry Miller, Der Koloss von Maroussi
Henry Miller, Der klimatisierte Alptraum
Henry Miller, Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch
Henry Miller, Land der Erinnerung
James Salter, Dämmerung
James Salter, Verbrannte Tage
James Salter, In der Wand
Rafi Zabor, Der Bär kommt heim
Jack Kerouac, On the Road
Robert M. Pirsig, Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten
Raymond Chandler, Der große Schlaf
Raymond Chandler, Der lange Abschied
Raymond Chandler, Die Tote im See
Raymond Chandler, Die kleine Schwester
Raymond Chandler, Das hohe Fenster
Raymond Chandler, Lebwohl, mein Liebling
Raymond Chandler, Der König in Gelb
Richard Brautigan, Trout Fishing in America
Richard Brautigan, In Watermelon Sugar
Ernerst Hemingway, In einem anderen Land
Ernerst Hemingway, Fiesta
Ernerst Hemingway, Wem die Stunde schlägt
Ernerst Hemingway, Der alte Mann und das Meer
Ernerst Hemingway, Schnee auf dem Kilimandscharo
Ernerst Hemingway, Paris - ein Fest fürs Leben
Max Frisch, Homo Faber
Douglas Coupland, Generation X
Haruki Murakami, Tanz mit dem Schafsmann
Haruki Murakami, A Wild Sheep Chase
Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
Haruki Murakami, Gefährliche Geliebte
Haruki Murakami, Naokos Lächeln
Haruki Murakami, Der Elefenat verschwindet
Kakuzo Okakura, Das Buch vom Tee
Patrick Leigh Fermor, Die Zeit der Gaben
Patrick Leigh Fermor, Zwischen Wäldern und Wasser
Bruce Chatwin, Auf und davon nach Timbuktu
Andrzej Stasiuk, Die Welt hinter Dukla
Halina Poswiatowska, Erzählung für einen Freund
Sol Stein, Über das Schreiben
Natalie Goldberg, Writing Down the Bones
John Kabat-Zinn, Full Catastrophe Living
Walt Whitman, Leaves of Grass
Eugen Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschießens
Daisetz T. Suzuki, Die große Befreiung
Hermann Hesse, Siddharta
Elias Canetti, Die Provinz des Menschen
Kim Stanley Robinson, Red Mars
Kim Stanley Robinson, Green Mars
Kim Stanley Robinson, Blue Mars

__________________________________________________________________

Ab und an mischte sich ein anderes Buch darunter, aber im Großen und Ganzen waren sie das - die Bücher, die ich las, immer und immer wieder. Das Seltsame war, dass sie mir jedesmal noch immer etwas gaben, wie alte Freunde, zu denen ich zurückkehrte und mit denen ich an einem Kaminfeuer und mit einem Glas Whisky beisammensaß.

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Samstag, November 15, 2008

Weise Worte weiser Männer

"Du brauchst viel Zeit, um ein Genie zu sein.
Du musst immer so viel dasitzen und Nichts tun,
wirklich Nichts tun."

[Ernest Hemingway]

Um zu schreiben brauchte man die leere Zeit. Ich wusste jetzt, was Hemingway gemeint hatte. Man musste wirklich immer so viel dasitzen und nichts tun, wirklich nichts tun. Es war notwendig, um die Energie anzusammeln, die man brauchte, um aus dem Nichts kommend die Seiten mit einer Geschichte zu füllen. In der „leeren“ Zeit formte sich das, was schließlich Gestalt gewinnen sollte. Ohne diese Zeit war da schlicht und ergreifend nichts, was kommen konnte, da kein Samen gelegt worden war. So war es. Und ich hatte leider ein wenig zu wenig leere Zeit gehabt in den letzten Tagen.

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Sonntag, September 28, 2008

Zeit des Erwachens

Sonntag.
Es gab eine Zeit des Endens, eine Zeit des Schlafes und eine Zeit des Wiedererwachens. Ganz unspektakulär und sanft fand ich mich nun im dritten Zeitalter wieder.

Es war ein Sonntag, wie er im Buche stand. Es war ein weiterer Herbst meines Lebens. Wir saßen in der Kastanie, einem Gartenlokal in der Schlossstraße in Charlottenburg, und genossen den letzten Sonnentag, denn die nächste Woche sollte kalt und nass werden, jedenfalls hier oben im Norden. Ich schwelgte in meiner Vergangenheit und las „Der Herbst meines Lebens“, und es passte auch hier und heute wie die Faust aufs Auge: Es war eine Beschreibung nicht mehr nur der Vergangenheit, sondern auch des heutigen Tages und der jetzigen Zeit. Gerade jetzt war es ein weiterer solcher Herbst, und das alleine war schon fast zuviel Glück und ein Zuviel an Gnade, um es fassen zu können.
Der Dunst des scheidenden Jahres lag über der klaren Luft. Alles war beglänzt. Die farbigen Blätter der Bäume taumelten langsam zur Erde, und die Spree wälzte sich grün und leuchtend an ihren Ufern.

Es gab eine Zeit des Endens. Ich hatte sie damals erlebt, zum Herbst meines Lebens, und es war sehr traurig und zugleich so sehr erhebend gewesen, dass ich lange gebraucht hatte, sie zu überwinden und anzunehmen und zu einem wirklichen Teil meiner Geschichte zu machen. Dieser Herbst meines Lebens hatte länger angedauert als nur diesen einen Herbst; auch der folgende Winter in Freiburg und der Frühling der Trennung hatten noch dazugehört. Erst dann war alles vorüber, war alles vergraben und zu einem Ende gebracht, und auch all dies anzunehmen dauerte seine Zeit. Der Sommer meines Lebens war eine so kurze wie kurzweilige Angelegenheit, eine Periode kurzer Klarheit, in der ich alles sehen konnte, wie es war, und alles bereits sehen konnte, wie es werden würde. Doch dann kam erst einmal die Zeit des Schlafens. Sie erwischte mich so eiskalt, wie man einen Baseballschläger über den Schädel gezogen bekommt. Sollte heißen, bevor ich genau wusste, wie mir geschah, lag ich bereits am Boden.

Die Zeit des Schlafens dauerte lange. Sie dauerte ein ganzes verdammtes Jahr, und jetzt gerade war ich erst dabei, überhaupt wieder aufzuwachen. Ich mochte Schlaf, Schlafen war eine tolle Angelegenheit, keine Frage. Aber ich hatte ein Jahr meines Lebens versäumt, und das ging mir nach.
Ich wollte ein wenig über dieses Zeitalter ausholen. Ich war nach Berlin gekommen im Herbst des letzten Jahres, der auch warm und golden war, und hatte einen seltsamen Job gefunden und eine große Liebe und ein Loch in einem alten Haus, und dann hatte ich mich darin häuslich niedergelassen und die Augen geschlossen. Oh, ich war zur Arbeit gegangen, in Kneipen und ab und an in einen Jazzclub; ich hatte Freunde getroffen, Bücher gelesen und wunderbare Abende und Wochenenden mit Sabine verbracht. Aber all das hatte ich mich geschlossenen Augen getan. Es war mir quasi zugestoßen, während ich mich in einem Traume wälzte. Aber es war nicht wirklich etwas geschehen. Viel mehr hatte ich mich zur Ruhe begeben und wie in tiefem Schlaf all das verdaut, was mein Leben gewesen war.

Doch schließlich gab es die Zeit des Erwachens.
Eines Morgens schlägst du die Augen auf und findest dich in deinem Bette wieder. Das Fenster ist weit geöffnet, und zusammen mit der frischen Luft dringt blendender Sonnenschein durch die Läden. Dazu noch ein Vorhang, der sich im Winde bauscht, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Küche. Es ist ein elektrisierender Morgen, und es hält dich nicht länger im Bett. Du schlägst die Decke zurück und springst aus den Federn, und du fühlst dich erfrischt und zu allem bereit. Wie lange hast du geschlafen?

Wie lange hast du geschlafen?
Ich wusste, wie lange ich geschlafen hatte, und dass es die längste Zeit gewesen war. Ich war in tiefster Ohnmacht gefangen gewesen, doch nun war ich wieder da. Ich war aufgewacht, und ein weiterer Herbst lag vor mir, ein goldener Herbst, dem dieses Mal nicht das Ende vor allem anderen innewohnte, sondern der die Geschichte, meine Geschichte, dort wieder aufnahm, wo ich sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Sie hatte auf mich gewartet, und ich konnte mich ihr nun wieder anschließen und sehen, wohin sie mich trug. Dass sie mich tragen würde, wusste ich. Wer ich sein konnte, würde sich wieder zeigen. Das Zeitalter des Schlafens war vorüber. Das Leben hatte mich wieder.

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Samstag, März 01, 2008

Merkel now distrusts Beck

Another tale from kindergarten. The story continues.

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Dienstag, Februar 26, 2008

On Beck and the left-handed child

German politics are like kindergarten these days:
"Don't play with that obnoxious kid!" - "You said you wouldn't play with him!" - "Look, he wants to play with that eerie kid!" - "You are a cheater!" - "Bah!" And so on.

What has actually happened? A new kid joined the crowd, left-handed and of doubtful upbringings, and everyone's trying to redline him and hopes that he'll just go away again. But this kid is here to stay. So, live with it. Bitching around and mobbing won't do. After all, this isn't kindergarten anymore. At least it's not supposed to be.

The only really arguable thing about this matter is the premature determination all the other kids displayed when they first heard that someone new would be joining their playground. Now one of them is losing his face, apparently, and all the others yell at him. And he well deserves a beating - for showing the wrong determination at the wrong time in the wrong place. But not for trying to make the best out of the situation now at hand. Reality won't go away if you just ignore it or scream at it long enough - although you might get the impression that this is exactly the way German politics work: If you can't beat it, ignore it.
And never mind the people who put the new kid in there, i.e. the voters or the voter's will. They obviously are wrong, but too stupid to tell, so they must be told. And there goes the whole hullabaloo again.

The child Beck might get a beating. But at least he's trying to change his approach to reality for once. That's more than the rest of the crowd seems to be capable of.

"But he may not use my toys!" *Sigh.*

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Sonntag, Februar 17, 2008

Gier vs. staatsbürgerliche Gesinnung

Gelesen und gefunden in der ZEIT, für gut befunden - weshalb ich hier zitieren möchte. Dank an Martin Dupick für seine Gedanken, und auch auf den Artikel selbst sei der Vollständigkeit halber verwiesen.

...

Herr Zummwinkel ist der Versuchung zu betrügen erlegen, das passiert Menschen aller sozialen Schichten täglich. Als Beispiel sei neben dem Steuer- der Sozialhilfebetrug genannt, in beiden Fällen wird der anonyme Staat bestohlen. Fakt aber ist, dass der anonyme Staat von uns allen gebildet wird. Die Hand eines Herrn Zumwinkel oder eines Sozialhilfebetrügers geht in unser aller Taschen. Unsere soziale Gemeinschaften wird zum einen durch das Gesetz und zum anderen durch unsere staatsbürgerliche Gesinnung geschützt.

Ein integerer Staatsbürger würde seine Gesinnung in etwa so formulieren:

Der Staat, das sind wir alle. Wir zahlen Steuern um Sachen zu bezahlen, die wir alle brauchen und benutzen, Sachen die sich keiner alleine leisten könnte; Polizei, Schulen, Gerichte etc. Je mehr jemand hat, desto mehr soll er geben, das nennen wir Solidarität. Je mehr jemand bekommt, desto bescheidener soll er werden, das nennen wir Dankbarkeit.

Ein verrotteter Staatsbürger denkt in etwa so:

Der Staat, das sind die anderen. Die zahlen Steuern um Sachen zu bezahlen, die ich brauche und benutze, Sachen die ich mir nicht leisten könnte; Polizei, Schulen, Gerichte, etc. Je mehr jemand hat, desto mehr kann er mir geben, das nenne ich Gerechtigkeit. Je mehr ich mir nehme, desto mehr will ich haben, das nenne ich Vernunft.

Steinbrück beklagt völlig zu recht, dass das staatsbürgerliche Bewußtsein der Deutschen ein wenig mehr Integrität vertragen könnte. Menschen wie Zumwinkel verdienen Mißachtung. Trotz seiner beachtlichen Lebensleistung kann da kein Funke Respekt verbleiben. Es ist völlig egal, ob Steuerhinterziehung legal oder trickreich ist, sie ist zutiefst unsolidarisch. Einem darf aber nicht weniger schlecht werden, wenn man die Linke und deren abstoßende Wählerschaft erblickt, der es zur Gänze an Dankbarkeit fehlt. Ethisch sitzt der Anhang der Linken mit Zumwinkel und Konsorten in einem Boot; auf der einen Seite die Starken, die nichts geben wollen, und auf der anderen Seite die Schwachen, die den Starken nichts lassen wollen; keine Solidarität hier, keine Dankbarkeit dort, Gier auf beiden Seiten.

[Martin Dupick, Kommentar auf ZEIT online]

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Donnerstag, Januar 24, 2008

SPIEGEL Online

I'd seen a lot of things. I was no virgin to life. Yet some things made me sad, never mind what I had witnessed so far.

One of those things was the SPIEGEL website, called SPIEGEL online, or SPON. (Just for the global readers, if one of those should ever happen to stumble upon this site.) To make a long story short: it was crap.

To make things worse (and explain some of my exasperation), I still could remember the times of childhood - of not-so-innocent days of childhood, that is, when the interest in the world and the machinations of its leaders and debauchers began to raise its head. Back in those times (a mere ten or twelve years ago), the SPIEGEL was an acknowledged doyen of German journalism. Was.

Nowadays, its headlines (anyway in the online version) were indistinguishable from those of Focus, for example, yet another German local rag and part of the tabloid press. In fact, the SPIEGEL had been descending into these realms for the last few years, since the death of its founder, Rudolf Augstein, and there was no remedy in sight.

Just to sum up the headlines of today:
Experten verzweifeln an der Mega-Krise (Experts despair of the Mega-Crisis)
So soll Deutschland das Klima retten (Thus Germany is supposed to save the climate)
Warum Hessen rockt (Why Hesse rocks)
- headlines that are more evocative of the Sun (or of BILD) than the NY Times, in whose league the SPIEGEL once used to play...

The golden days of serious and sincere German journalism had passed. So much for that.

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Mittwoch, Januar 23, 2008

Subversiv.



"Wenn man schon zufällig in einer Demokratie lebt -
warum nicht mal tun, was die Mehrheit will?"


Eine geradezu subversive Idee, der Raum zu geben man kaum verantworten kann...


"If you happen to live in a democracy anyway -
why not for once do what majority demands?"


An outright subversive idea, giving room to
which cannot possibly be accounted for...

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Freitag, August 17, 2007

Contribute a Verse

Heute Morgen stand ich noch einmal auf der Fahrradbrücke und blickte über die Alte Rheinbrücke hin zum See. Die Alpen standen am Horizont, wolkenumkränzt, und die Sonne schickte Speere von Licht durch das Dickicht am Himmel. Der See leuchtete, und die Welt leuchtete, und ich war zuhause, in meiner Heimat, an jenem Ort, an den ich ohne jeden Zweifel gehörte, und ich dachte an sie, denn auch sie gehörte nun auf eine Weise zu diesem Ort, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich musste an Walt Whitman denken, und an die Poesie des Lebens und an all die seltsamen Menschen dieser Welt, sie und mich eingeschlossen - dass die meisten die meiste Zeit einfach nur versuchten, ihr Bestes zu tun... Und ich war verliebt in die Welt, in diesem Augenblick, und ich war verliebt in sie, und die Zuneigung zu ihr war es, die den Augenblick überdauerte.


O ME! O LIFE! (Walt Whitman)

O me! O life! of the questions of these recurring,
Of the endless trains of the faithless, of cities fill’d with the foolish,
Of myself forever reproaching myself, (for who more foolish than I, and who more faithless?)
Of eyes that vainly crave the light, of the objects mean, of the struggle ever renew’d,
Of the poor results of all, of the plodding and sordid crowds I see around me,
Of the empty and useless years of the rest, with the rest me intertwined,
The question, O me! so sad, recurring – What good amid these, O me, O life?

Answer.
That you are here - that life exists and identity,
That the powerful play goes on, and you may contribute a verse.


Und alle Verse, die ich gerade beitragen mochte zum "mächtigen Spiel", trugen sie in sich...

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Mittwoch, Mai 09, 2007

Menschsein, unter anderem

Ich kehrte dahin zurück, wo ich ebenfalls gute Stunden zugebracht hatte – ins Voglhaus. Schön war’s, und sicherlich produktiver als mein Rumgesitze in der Uni-Bib. Entweder hatte mein Betreuer etwas durcheinander gebracht, oder ich stellte mich bei der Literatursuche an wie der letzte Idiot. Beides war möglich. So oder so kam ich allerdings nicht besonders voran mit meinen letzten Baustellen. Nun, jetzt war ja erstmal was Anderes dran.

Ich war auf den letzten Metern, aber es kümmerte mich nicht die Bohne. Ich war gedanklich schon ganz woanders. Die Diplomarbeit würde schon gut ausgehen, wen interessierte’s noch. Mich nicht mehr.

Stattdessen machte ich mir Gedanken, was ich mit meinem verkorksten Leben anfangen wollte. Gut, immerhin, ein Diplom hatte ich jetzt. Das konnte ich mir rahmen lassen und an die Wand hängen. Nur: welche Wand? Tatsächlich hatte ich außer zwei Saxophonen und einem gut gefüllten Kleiderschrank nach 26 Jahren Leben nicht viel Anderes vorzuweisen. War ein bisschen dürr, die Bilanz. Gut, ich hatte die ideellen Dinge, die Erinnerungen und Erfahrungen nicht miteinberechnet. Ideell war ich ein reicher Mann! Prima war das. Nur musste ich mich jetzt langsam mal in klingende Münze umsetzen, jedenfalls entsprechend meiner Bedürfnisse. Nun, man würde sehen, und ich kam voran.

Im Voglhaus hatte sich nicht viel verändert, außer der Deko und den süßen Bedienungen. Die Erinnerungen wuchsen, je länger sie zurücklagen, bis sie alles überschattende Gewächse des eigenen Geistes waren, die zwar noch im Erlebten wurzelten, aber mehr auch nicht mehr. Wenn man dann zurückkehrte, so lief man Gefahr, enttäuscht zu werden. So war das im Leben, und so war es heute. Aber auch das interessierte mich nicht besonders. Es war eben, wie es war. Ich hatte aufgehört, mich über mein Leben und seine Irrungen und Wirrungen und Enttäuschungen und alles andere aufzuregen. Es lohnte nicht. Außerdem, wenn ich jetzt anfing, mich aufzuregen, in der Situation, in der ich nun mal war, dann wusste ich nicht, wo ich wieder aufhören würde. Also riskierte ich es lieber nicht und blieb cool. Es war sowieso was Schönes, mal wieder cool zu sein. Es war lange her.

Eine Taube hatte den Saloon betreten. Die Mädchen stürzten sich zu zweit auf sie und zwangen sie damit, ihre Pläne zu überdenken. Mit heftig nickendem Kopf machte sich der Vogel wieder davon. Was den Unterschied zwischen Menschen und Tauben deutlich genug illustrierte: hätten sich die zwei Süßen auf mich gestürzt, wäre ich sitzen geblieben. So konnte nur herzlich lachen, worauf sie mir etwas weniger herzliche Blicke zuwarfen. Die Taube jedenfalls, so vernahm ich später, war sowas wie ein Stammgast oder versuchte es zumindest zu werden, genau wie ich damals. Nur im Gegensatz zu mir war sie nicht willkommen. Sie flog zuviel herum und kackte auf den Fußboden. Auch bestellte sie zuwenig, im Gegensatz zu mir. Ich war ein ganz Schlauer, und ich konsumierte gern. Dennoch betrachtete ich die Taube als einen Bruder im Geiste. Nicht jedem war das schöne Voglhaus eröffnet. Bei allen Fehlern, Fragen, Hindernissen und Unsicherheiten, ein Mensch zu sein hatte unbestreitbar auch seine Vorteile.

Irgendwann überkam mich der Geist des Ortes. Die alten Chansons, das Murmeln der Menschen und das Fauchen der Espressomaschine, und hoppla!, war ich wieder in meinem Element. Das Caféhaus als Idealzustand. Gebt mir eine Bar dazu, und ich würde nie mehr woanders hinkommen. Ich war der perfekte Caféhaus-Genießer. In einem früheren Leben musste ich ein Vollautomat gewesen sein. Ich wollte nachrechnen, ob das rein historisch gesehen überhaupt möglich war, aber dann interessierte es mich doch nicht so sehr. Die Idee war es, auf die es hier ankam, die reine, unverfälschte Idee... Und so gab ich auch der aktuellen Version des Voglhauses 97 von 100 möglichen Punkten. It was a swell place.

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Montag, April 23, 2007

All Good Things...

... must come to an end.

Letzten Endes blieb nichts Anderes übrig, als uns zu trennen. Mein Weg führte von hier aus in die eine, und ihr Weg in die entgegengesetzte Richtung. Unser gemeinsamer Weg hingegen führte nirgendwo mehr hin. Wir hatten uns vorgemacht, dass wir die Mauer der Sackgasse niederreißen, weitergehen und zueinander finden könnten, doch hinter dieser Mauer war kein Land mehr, auf dem wir gehen, geschweige denn bauen konnten. Hinter dieser Mauer war nichts.

Wir hatten unser Bestes gegeben, waren aber an der Realität gescheitert – an unserer eigenen Realität. Wir dachten, wir müssten nur über unseren Schatten springen, doch in diesem schmalen Spalt des Nichts lagen ganze Welten. Der kleine Sprung wurde zu einem Ding der Unmöglichkeit.

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Dienstag, April 17, 2007

Über die Sprache / On language

Über die Sprache.

Deutsch und Englisch erscheinen mir manchmal wie zwei Seiten derselben Medaille, als komplementäre Arten, etwas auszudrücken. Zwei verschiedene Modi von Sprache, in denen sich unterschiedliche Dinge auf ihre jeweils eigene Weise ausdrücken lassen.

Deutsch wäre mir dabei die Sprache der „Dichter und Denker“, wie das Sprichwort sagt; die Sprache der Philosophie und Sophisterei, der Details und der Ausdifferenzierung. Deutsch ist mir zugleich technisch und zärtlich.

Englisch ist die Sprache der Direktheit, unumwunden und schnell. Wo das Deutsche verklausuliert und sich nach und nach an den Gegenstand der Aussage heranarbeitet, ja fast heranpirscht, da wirft das Englische sein statement wie mit einem einzigen, schnellen Pinselstrich aufs Papier, und diesem Bild ist nichts mehr hinzuzufügen.

So lässt sich in den beiden Sprachen ganz Verschiedenes sagen und auf ganz unterschiedliche Weisen transportieren – das schönste Beispiel sind wohl Übersetzungen zwischen den beiden Sprachen und ihre Fehler oder, wie es auch vorkommen kann, wunderbaren Erfolge:

Kim Stanley Robinson schreibt wunderbare Bücher, nach meinem Geschmack jedenfalls. Darunter die Mars Trilogie, die „letzte Utopie“, wie ich sie für mich nenne. Auf Englisch lesen sich seine Bücher flüssig, zwingend und angenehm; die Übersetzung jedoch ist so verhunzt, dass ich die Bücher wütend in die Ecke schmiss. Es war alles so ungeschickt und ungeschlacht, dass einem die Tränen kommen konnten.

Henry Miller hingegen: ein wortgewaltiger Autor in englischer Sprache, mit- und hinreißend, und an manchen Stellen an die reine Ekstase in sprachlicher Form anlangend – und kongenial übersetzt, in den meisten Fällen von Kurt Wagenseil. Im Deutschen klingen seine Bücher fast noch besser, noch nahrhafter, als seien sie eigentlich für den Reichtum dieser Sprache geschrieben worden.

Raymond Chandler schließlich: im Deutschen wie im Englischen, der reinste Genuss. Denn auch zwei so unterschiedliche Welten wie die der deutschen und der englischen Sprache können sich begegnen: in den Worten, die zwischen ihnen liegen, in den Gedanken eines Menschen, der ausdrückt, was uns allen eigen ist.

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On language.

German and English sometimes seem like two sides of the same coin to me, as complementary ways of expression. They are two modes of language, capable to convey different things, each in its own way.

To me, the German language would be the language of “the poets and thinkers”, as the German saying goes; the language of philosophy and sophistry, of details and differentiation. To me, German can be at the same time technical and affectionate.

The English language is the language of immediacy, outright and swift. Where German closes in on its subject in a roundabout way, working hard, almost prowling, English puts its statement on paper with a few quick strokes, and nothing is to be, nor can be added to that picture.

So these two languages can say quite different things and convey them in quite different ways – the best examples might be found in translations between the two languages, in their faults and, as it may also happen, their delightful achievements:

Kim Stanley Robinson writes wonderful books, to my taste anyway. Among them is the so-called Mars Trilogy, the “last utopia”, as I am usually calling it. Read in English, these books are fluent, compelling and enjoyable; but the translation is so messed up that I furiously threw the books in the corner. It was so cloddishly and awkwardly done, it brought me on the verge of tears.

Henry Miller instead: a powerfully eloquent writer of the English language, intoxicating and entrancing, and sometimes bordering on sheer ecstasy – and congenially translated, mostly by Kurt Wagenseil. In fact, read in German his books sound even better and even more nourishing, as if they had in fact been written for the abundance of this language.

Raymond Chandler, finally: in German as in English, sheer pleasure. For even two worlds as different as the ones of the German and the English language can merge in the end: in the words that are in between them, and in the thoughts of a man who expresses what’s innate to all of us.

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Montag, April 16, 2007

Die Seele einer Stadt

Reisen bildete, und jede Reise bildete einen auf eine andere Weise. Jede Reise hatte mich auf eine andere Weise verändert. In England begegnete ich der Verliebtheit. In Rumänien lernte ich, was Leidenschaft war, im Guten wie im Schlechten. In Frankreich lernte ich die Arroganz und die Freundschaft kennen. Auf Sizilien begegnete mir tiefe, echte Verbundenheit, und in der Schweiz verstand ich, wie sich Einsamkeit anfühlte, selbst inmitten von Menschen. Ungarn zeigte mir, wie man wirklich feierte, und in Italien sah ich, was Licht auch noch sein konnte – das wahre, wirkliche Licht, nicht das, was man in Deutschland (jenseits von Konstanz) im Allgemeinen dafür hielt.

Was ganze Länder tun konnten, schafften Städte manchmal auf eine noch pointiertere Weise. London war Eleganz und Rastlosigkeit; Oxford Gemütlichkeit und Ruhe. Satu Mare war Verfall und ein Ende, dem damals noch kein neuer Anfang gefolgt war; Klausenburg der erste Beginn eines neuen Frühlings. Paris war Paris, und ich könnte nichts sagen, wie man ihm mehr gerecht würde. Biarritz war unser Tor zu den Pyrenäen und damit dem Frieden, den wir dort fanden, versteckt in einem Hochtal. Palermo war das Paradies und der Moloch Stadt, wie ich ihm seitdem nicht mehr begegnete. Es war dort von allem genug, und damit vom meisten zuviel. Budapest war ein Fest, und die Städte Norditaliens waren Theaterbühnen, die auf das nächste Stück warteten, mit jener Geduld, wie sie die Jahrtausende hervorbringen, und nur sie. Sie badeten im Licht wie Eidechsen, und eine seltsame Schwere überkam jeden Tag und jede Stunde zwischen Morgen und Abend. München schließlich war einsam, und sein Herz war so kalt wieder der Winter, den ich dort verbrachte.

Nun also Berlin. Ich kam hierher, um alte Bande wieder aufzunehmen, und fester zu knüpfen, was die Zeit zertrennt hatte. Berlin war eine chaotische Stadt, groß und laut, und soviel grüner als ich erwartet hatte. Auf eine seltsame Weise war es wie heimzukommen, als hätte ich diesen Ort schon gekannt. Seine Dimensionen erschienen mir vertraut, und ich genoss den Duft der sonnenwarmen Luft. Ohne einen Übergang oder einen Bruch fügte sich Berlin in mein Leben, wie aus einem Stück.

Ich besuchte keine einzige Kirche. Im Nachhinein wunderte ich mich, warum, aber im Nachhinein wunderte ich mich über viele Dinge, über die einen mehr, über die anderen weniger. Für gewöhnlich, so fand ich, waren Kirchen die Orte, an denen und um die herum sich die Seele einer Stadt feststellen ließ; jener Teil der Seele, der der Ruhe und der Hingabe bedurfte. Vielleicht war es, weil ich diese Stadt durch die Herzen der Menschen erfuhr, die ich dort traf, die sich mir öffneten und denen ich mich öffnete, und ich mich so wohl fühte dort mit ihnen. Die Ruhe war im Herzen, und so brauchte ich keine Kirchen. Da war viel freundliches Schweigen in dieser Woche, von jener Art, die gut tat und mehr sagte als Worte.

Letztendlich war es wohl egal, wo man sich befand. Worauf es tatsächlich ankam, waren die Menschen, denen man begegnete, und mit denen man das teilte, was wir alle gemeinsam hatten, dies seltsam’ Ding genannt „Leben“. Der Ort war wundervoll - doch von wirklicher Bedeutung war, was wir im Herzen trugen. Die Seelen der Stadt waren nicht nur in den Steinen ihrer Gegenwart und Vergangenheit zu finden. Sie waren in dem, was wir mitbrachten, und in dem, was wir mitnahmen.

Gedanken, die mir auf dem Rückweg kamen.

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Montag, Februar 19, 2007

Britney shocks?!

Respect to Brit:
After all, it's a decent hairdo she's got now.
Everyone, spread the word!

(To take a look at my own hairdo, click here.)

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Dienstag, Januar 30, 2007

Zeit des Erwachens, mal wieder

Ich hatte wieder einmal nichts zu sagen gehabt. Solche Zeiten gab es. Das Leben plätscherte vor sich hin ohne besondere Vorkommnisse. Gewöhnlich vergaß ich zu solchen Zeiten nach ein paar Tagen alles – das heißt, mein Kopf wurde leer und plump und dumm. Ich hatte einiges über das Leben gelernt, und nichts davon mehr parat.

Irgendwann endete es. Das hatte es bisher immer. So auch dieses Mal. Mir war, als tauchte ich langsam aus einer langen, dunklen, tiefen Nacht wieder an die Oberfläche des Tages. Der Traum verblasste nach und nach. Es waren dumme Träume, die ich träumte in diesen Zeiten. Ich sah nur mich, mich, und wieder mich. Es war wie Gefangenschaft in einem Spiegelkabinett. Ich vergaß die Welt, die Menschen und die größeren Zusammenhänge. Ich tat auch nichts Sinnvolles mehr. Ich suhlte mich in diesem Zustand, solange er dauerte, und begrüßte sein Ende, wenn es schließlich kam. Auch heute.

Mittlerweile war ich 26 Jahre alt geworden, aber nicht klüger. Manche Veränderungen geschahen langsam, unmerklich, andere über Nacht. Ich begann wieder Hemden zu tragen. An besonderen Tagen konnte man mich sogar mit einer Krawatte erwischen. Ich hatte die fixe Idee, nun seriöser werden zu müssen und, besser noch, zu wollen. Die Sonne versank an diesem Abend blutrot am Horizont. Ich betrachtete den Anblick über eine Wiese hinweg, auf dem ein Paar Störche seine Abendmahlzeit zusammensammelte. Er war schrecklich anzusehen, wie eine blutende Wunde am Himmel, gefurcht und voller Schmerz. Der Sonnentod. Es war wundervoll. „Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen können“. Hatte Rilke das gesagt? Er musste eine Menge Sonnenuntergänge jeglicher Art gesehen haben. Immerhin war er ein Poet. Es gab Erwartungen zu erfüllen.

Rilke hatte in Paris gelebt. Auch Freiburg erinnerte mich an Paris. Der Wind an diesem Abend war sanft und mild. Es hatte geschätzte acht Grad. Für Ende Januar war das nicht schlecht. Ich sah die Stadt wieder mit unverbrauchten Augen, frisch und neu. Ohne vorgefasste Meinungen. Und sieh da: sie gefiel mir.

Konstanz war mir damals wie das Ende der Welt vorgekommen. Es lag hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Freiburg war größer und offener, reicher auf seine Weise. Auch deutlich französischer, wo Konstanz Italien geglichen hatte. Dennoch erschien mir Freiburg abgelegener: in der äußersten Ecke des Landes, am Rand des Schwarzwalds. Wo Freiburg ein neues Ende war, da war Konstanz eher ein Anfang gewesen, mit einem weiten Blick über den Seelenspiegel des Bodensees. Die Welt lag offen. Der Blick vom Ufer reichte weit, so weit. Jetzt waberte der Nebel über den Tälern, und alles was ich zu Gesicht bekam war grau; oder der dunkle Schatten des Waldes an sonnigen Tagen. Am Horizont in die andere Richtung waren die Vogesen, aber das war eine andere Welt. Nicht die meine. Das mochte seltsam erscheinen, aber so war es.

Ich hatte zuviel Zeit allein verbracht. Wenn ein Mann zu lange auf den gleichen 15 Quadratmetern sitzt, wird er rammdösig. Ich zumindest wurde es. Ich ging dann irgendwann auf Autopilot, und die oben geschilderten Konsequenzen ergaben sich. Man wurde dumm, und man merkte es noch nicht einmal.

Im Cafe verstanden sie mich miss. Ich machte gute Miene zum versehentlichen Spiel und trank ein weiteres Bier, das sie mir gebracht hatten. Die Bedienung war eine Süße, mit allen Rundungen am richtigen Fleck und im richtigen Maß. Mir gefiel der Anblick. Schönheit mochte ich. Also was sollte es. Ich hatte ohnehin schon ein bisschen zuviel getrunken, mit meinem Bruder zusammen, und nun würde ich eben noch ein Bier trinken, und dafür den Rest der Woche nichts mehr oder jedenfalls weniger. Dementsprechend fiel mir ein, dass die vierziger Jahre eine verrückte Zeit gewesen sein mussten, jedenfalls wenn man die Marlowe-Romane Chandlers für bare Münze nahm. Alle hatten gesoffen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und es war das Normalste von der Welt gewesen. Heute war man da gesundheitsbewusster. In der Konsequenz hatte ich oft ein schlechtes Gewissen. Nun gut, das Leben forderte seinen Preis. Zahlen mussten wir alle.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich würde das tun, was ich schon immer tun wollte. Ich war 26, und es war an der Zeit, mich an meinen Träumen zu versuchen. Manche schafften das schneller, die meisten brauchten dazu etwas länger – wenn sie denn träumten. Für mich war es jetzt an der Zeit. Und ich war zuversichtlich. Ich hatte mittlerweile ein gutes Gefühl für das, was ich konnte, was im Bereich des Möglichen lag. Vielleicht würde es ja sogar damit enden, dass ich für den Rest meines Lebens Dinge täte, die mir Spaß machten. Vielleicht war Arbeit oft unangenehm. Aber ich sah keinen Grund, dass das immer so sein sollte. Immerhin lagen noch 98 Jahre vor mir.

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Mittwoch, Januar 17, 2007

Vom guten Leben

Ich war mir nicht sicher, ob es sich behaupten ließ, ein Mensch lebte schlecht. Ich war mir allerdings sicher, dass sich Menschen, die gut lebten, von uns anderen unterscheiden ließen. Sie verspürten Freude, und sie gestanden sich und anderen diese Freude zu. Freude, am Leben zu sein, und Freude über die Möglichkeiten dieses Lebens.

Es hatte keinen Sinn, sich zu betäuben. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als sei das eigene Leben ein anderes als jenes, das uns tagtäglich vor Augen war. Es hatte auch keinen Sinn, vor dem was uns umgab wegzulaufen – besonders vor dem wegzulaufen, was uns gerade jetzt umgab. Ich wusste, wovon ich redete. Ich war heimlicher Meister in allen genannten Disziplinen, aber ich war Goldmedaillen-Träger in der letzten. Es gab viele Möglichkeiten, das eigene Leben nicht anzuschauen, und ich kannte sie alle, plus die anderen, die es außerdem noch gab. Das Leben war kein Zuckerschlecken. Es war aber auch keine Qual, außer man machte es dazu. Das hatte ich falsch verstanden. Ich lief davon, sobald es einmal kein Zuckerschlecken war, was meistens der Fall war. Es gibt immer Dinge zu tun, die man nicht tun will, oder Pflichten zu erfüllen, die man nicht erfüllen will. Aber das war keine Qual. Es war das Leben, wie es in diesen Augenblick eben war. Wünschen nützt dir nichts, hadern nützt dir nichts, und weglaufen nützt dir erst recht nichts. Wer kann schon vor sich selbst davonlaufen? Das eigene Leben folgt einem wie der eigene Schatten, selbst wenn man auf der Flucht Freunde, Bekannte, Rollen, Kontexte und Kontinente überwindet. Unser Leben steckte in unseren Knochen, und wir würden dasselbe Leben wieder schaffen, nur unter anderen Vorzeichen. Oh, man konnte sich verändern, ganz richtig – aber gerade daran lag es: man änderte entweder sich selber, seine Art und Weise, mit dem Leben umzugehen, oder man änderte überhaupt nichts. Das waren die Optionen, die uns offen standen. Eine führte in die richtige Richtung, und der Rest waren eine Million möglicher Irrwege, die uns doch immer wieder auf uns selbst zurückwarfen. Ich fühlte mich befugt, über sie zu sprechen, denn ich war viele von ihnen selbst gegangen.

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Montag, Dezember 04, 2006

Erwachsenwerden in Amerika

Das nächtliche St. Georgen hatte etwas ausgesprochen Amerikanisches an sich. Ich lief die Basler Landstraße hinunter, die sich vor mir unter dem orangenen Glühen der Natrium-Bogenlampen aus der Dunkelheit schälte, und konnte nicht anders, als an eine Kleinstadt in den unendlichen Weiten der Prärie zu denken. Menschen an einem umgrenzten Ort, der von allem anderen durch die Weiten des Raums isoliert war, und an dem sie ihre isolierten Leben lebten. Ganz für sich lagen sie alle auf der Spiegelfläche des Lebens. Filme wie „A History of Violence“ kamen mir in den Sinn. Das einzige, was St. Georgen noch fehlte, wäre ein klassisches American Diner gewesen. „St. George’s Pub“ oder „George’s Diner“ müsste es heißen. Einfache Männer mit Baseball-Caps und in Jeans und Karohemden säßen um einen umlaufenden Tresen in der Mitte des Raumes, tränken billigen Kaffee und äßen Pfannkuchen, Bohnen und Burger. Yeah, ich konnte mir das richtig gut vorstellen. Eine einfache, kleine Welt, mit all ihren Vor- und vor allem all ihren Nachteilen. So ein Ort war St. Georgen. Am Mittwoch wäre Rodeo. Mal sehen, wer dieses Jahr den Prärie-Pokal gewinnen würde. Ein alter Pickup kreuzte vor mir auf die Straße. Auf seiner Ladefläche grunzte ein einsames Schwein glücklich vor sich hin.

Ich jedenfalls fühlte mich wohl an diesem Ort. Das tägliche Sankt Georgen war ungemein ländlich. Bei Nacht lag es einsam und isoliert in den Weiten der endlosen Prärie der Seele, so wie die Menschen nachts alleine auf den Planeten ihres eigenen Seins durch die Unendlichkeit des eigenen Geistes rotierten. Vielleicht war es bei Nacht ein Spiegel, der mir die weiten Strecken zwischen den Stationen meines eigenen Herzens zeigte.

Wir hatten an diesem Wochenende unseren ersten Besuch von außerhalb empfangen. Ganz offizielle Gäste in der ganz offiziellen Version unseres ganz neuen Lebens. Es war aufregend, und es war vollkommen neu. Wir taten keine außergewöhnlichen Dinge, entfalteten keine außergewöhnlichen Aktivitäten und standen vor keinen besonderen Herausforderungen – aber wir hatten neue Rollen, wie sie einem im Laufe der Entwicklung des eigenen Lebens zufallen, und wir streckten und dehnten uns in ihren noch ungewohnten Hüllen und versuchten sie auszufüllen, mit einer gewissen Freude und Spannung und einer glücklichen Unruhe in den Herzen. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, an jene Wochenenden, jene Abende und Nächte, wenn meine Eltern Freunde aus ihrer Studienzeit einluden, und das ganze Haus voller Erwachsene war, die wir nicht immer kannten und die neu und unbekannt und aufregend waren, und groß gekocht und gegessen wurde; und wenn es dann für uns an der Zeit war, ins Bett zu gehen, öffneten die Erwachsenen noch eine Flasche Wein, und wir hörten durch die geschlossenen Türen unserer Zimmer, wie sie sich unterhielten über Dinge, die wir manchmal verstanden und öfter nicht, und wir hatten diese Ahnung einer anderen Welt, die da in dieser weit entfernten Zukunft lag, uns noch so weit voraus, und die dennoch so spannend und begehrenswert im Grau des Kommenden lockte, jene Welt des lange Aufbleibens, des Weintrinkens, des lauten, glücklichen Lachens über vergangene, geteilte Geschichten, die wir erst noch erleben mussten, und der Gespräche über jene komplizierten Dinge, die Erwachsenwerden bedeuteten.

Als wir am späten Samstagabend bei der zweiten Hälfte einer Flasche Wein und einem hervorragenden Whisky auf dem Sofa in unserem neuen Wohnzimmer beisammen saßen (und, typisch Psychologen, nicht nur über unsere geteilten Geschichten, sondern auch über das komplizierte Verhältnis zwischen dem Weltbild der Systemischen Therapie und des Zen-Buddhismus sprachen, ausgerechnet), da merkte ich, wie wir nun diese Rolle ausfüllten, die unsere Eltern damals gefüllt hatten, dass sie uns an dieser Stelle unseres Lebens in den Schoß zugefallen war, und mit einem Mal kam ich mir ziemlich alt vor – alt genug jedenfalls, um zu sagen, dass die unschuldigen und träumerischen Tage meiner Kindheit nun endgültig vorüber waren.

(Manche merkten das früher. Ich merkte es immer wieder.)

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Dienstag, November 28, 2006

Momentaufnahme

Ich breitete den Mantel des Schweigens über den letzten Abend. Dieses Mal hatte die Session im Roots das Niveau der Übungsstunde einer Schülerband. Die jungen Musiker sahen sogar genau so aus. Sie hatten keinen Pep und keine Klasse. Sie konnten ihre Instrumente zwar spielen, aber sie fanden nicht zusammen. Sie würden niemals zusammenfinden. Das war deutlich zu sehen. Also verlegte ich mich an diesem Abend aufs Biertrinken und quatschte mit den Typen auf dem Hocker neben mir. Er war Gitarrist und somit wie ich Mitglied der weltumspannenden Familie der im Grunde überflüssigen Musiker. Es gab zu viele von uns. Niemand brauchte so viele Saxophonisten und Gitarristen. Zum Glück fragte das Leben nicht nach dem Sinn, und so existierten wir dennoch, um in anderen Gefilden unser Glück zu versuchen. Er würde sein Glück als Produzent versuchen, und ich – nun, ich hatte nach wie vor keine Ahnung.

Eigentlich hatte ich an diesem Abend aber keine Lust, neue Leute kennenzulernen. Ich hatte nichts gegen sie, aber sie berührten mich auch nicht sonderlich. Ich war ich und die Leute waren die Leute, so einfach war das. Ich musste sie nicht kennen. Wir konnten nebeneinander existieren ohne uns wehzutun. Es fühlte sich so an, als würde sich mein neues Leben in einiger Hinsicht grundlegend von meinem alten unterscheiden. Mir schienen plötzlich andere Dinge wichtiger zu sein und in den Vordergrund zu rücken. Alles andere hatte Zeit. Ich würde meine alten Gewohnheiten und Vorlieben nicht aufgeben, aber sie konnten warten. Ich konnte sie langsam angehen. Dazu gehörte das Sitzen in den Cafés, der Jazz, das Nachts-Denken-und-lange-Aufbleiben, das Trinken und auch manche Arten des Schreibens. Es war gut zu wissen, über ein paar Gewohnheiten und Fähigkeiten zu verfügen, aber ich musste mich ihrer nicht mehr versichern. Ich konnte auch einen ganzen Abend dasitzen und einer mittelmäßigen Band beim Schrammeln zuhören. Ich musste nicht spielen. Es war völlig in Ordnung so. Auch wenn es mit besserer Musik natürlich besser gewesen wäre.

Dieser Morgen war schwierig gewesen. Ich wurde älter oder irgendwas in die Richtung. Ich steckte die kurzen Nächte jedenfalls nicht mehr so einfach weg wie früher. Ich quälte mich nach der kurzen Nacht um zehn aus dem Bett und trank die nächste Stunde einen Kaffee nach dem anderen. Es war Herausforderung genug, den Becher zu halten und mir das heiße Getränk einzuflößen. Irgendwann kehrte das Leben in meinen Körper zurück, ich bekam wieder ein Gefühl für meine Gliedmaßen und schaffte es sogar zu frühstücken. Aber darum geht es eigentlich nicht, sondern hierum:

die Kontinuität von Entwicklung und Erleben.

Aber dazu muss ich kurz noch ausholen. Einige Minuten vor eins schaute ich aus dem Fenster zur Kirche und traute meinen Augen nicht. Die beiden Dorfstörche hockten Seite an Seite einträchtig auf dem Kreuz, das die Kirchturmspitze krönte. Die beiden riesengroßen weißen Vögel saßen einfach da, auf diesem winzigen Gipfelkreuz, kratzten sich ab und an am Bauch und ließen sich die Sonne aus Gefieder scheinen. Es war ein klarer Tag, nur ein bisschen diesig am Horizont, und die Aussicht, die sie hatten, war sicherlich hervorragend. Als Alteingesessenen ließen sie sich auch von der Kirchturmuhr nicht aus der Ruhe bringen, als die ein Uhr schlug. Was mir aber vor allem klar vor Augen stand, als ich diese beiden Vögel da so nahe beieinander sitzen sah, war die Atmosphäre der Zuneigung, die zwischen diesen beiden Tieren herrschte. Wir Menschen tendieren immerzu zu zwei Extremen, zwischen denen wir hin und her pendeln wie ein angeschlagener Kreisel: entweder wir sprechen den Tieren die selben Eigenschaften und mentalen und kognitiven Fähigkeiten zu wie uns selbst, oder wir sprechen ihnen jegliche von uns bekannten Eigenschaften ab. Das erste vielleicht aus dem Bemühen heraus, in der Welt nicht allein zu sein und die Tierwelt, die uns umgibt, besser zu verstehen; das zweite aus einer übertriebenen Wissenschaftlichkeit, für die nichts sein kann, was nicht mehrfach bewiesen und beglaubigt ist, in dreifacher Ausfertigung und mit Stempel und Siegel der höchsten Stelle der Objektivität. Ich hingegen denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Unsere Hunde, Katzen und Meerschweinchen, und die Drosseln uns Stare und Störche und alle anderen denken nicht wie wir. Wir denken in Symbolen, in Repräsentationen, in Abstraktionen, auch wenn das beim Anblick bestimmter unserer Mitmenschen manchmal zugegebenermaßen schwer zu glauben ist. Das ist es, was das menschliche Denken ausmacht, was seine Potenz und seine Crux ist, sein Erfolg und sein Verderben. Aber unter diesem spezifisch menschlichen Denken liegen unsere Erbschaften aus Jahrmillionen der Evolution, „wie oben, so unten“, wie es heißt. So wie unser Denken nicht völlig aus dem Nichts kommt, wenn es diesen Grad der Ausprägung auch erst mit dem „modernen“ Menschen, de Homo Sapiens, erreichte, sowenig kommt unsere emotionale Ausstattung, die noch um einiges älter ist, aus dem Nichts. Tiere haben wahrnehmbare, von außen klar unterscheidbare Emotionen und emotionale Zustände. In jenem Moment, als ich die beiden Störche, dieses Storchenpaar, da vor mir auf der Kirchturmspitze sitzen sah, dachte ich mir, ihre Zuneigung zueinander spüren zu können. Dass ich ein sprachloses Gefühl von Liebe zwischen diesen Tieren wahrnehmen konnte, eine tiefe Eintracht, die diese beiden miteinander verband.

Wir stehen in einer Kontinuität des Lebens und des Er-Lebens, die wir allzu oft vergessen und übersehen. Wir stehen nicht im luftleeren Raum. Wir sind nicht aus einem Nichts geschaffen worden. Wir existieren nicht unbezogen in dieser Welt. Wir sind ein Teil des Lebens auf diesem Planeten, auch wenn wir uns in kognitiver Hinsicht vielleicht signifikant vom Rest des Lebens unterscheiden. Aber das negiert nicht unsere Bindungen und unsere Herkunft. Wir sind ein Teil des Ganzen, auch wenn unser Bewusstsein uns die Illusion der Abgetrenntheit und Verschiedenheit vorgaukelt, die durch das Gefangensein im eigenen Körper entsteht. Doch die Verbindungen zum Rest des Lebens durchziehen und durchdringen alles. Sie definieren unsere Verantwortungen in diesem Leben.

Ich blickte zu den beiden Störchen auf dem Kirchturm und fühlte mich ihnen tief verbunden. Ich war in einem neuen, anderen und doch immer gleichen Leben, meinem Leben, angekommen, vieles würde sich weiterhin ändern, vieles bliebe gleich. Das was uns im innersten Kern ausmachte, was, unter allen Schichten des Bewusstseins, unser menschliches und jedes andere Leben ausmachte, würde jedoch immer das gleiche bleiben. Aus dieser Gewissheit heraus konnte man leben. Und diesen Kern, und sei es nur in Fragmenten, in Worte zu fassen, ihn erfass- und begreifbar zu machen, war vielleicht die tiefste und immerwährende Aufgabe des Schriftstellers.

Nach allem was ich wusste saßen die beiden Vögel noch immer entspannt dort oben. Der Gedanke tat gut.

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Dienstag, November 21, 2006

Meditations

In einem neuen Leben probierte ich neue Dinge. Ich hatte mir ein paar Regeln fürs Leben gegeben. Jetzt probierte ich sie aus.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das dem Zen zugrunde liegende Prinzip war mir schon lange klar, wahrscheinlich klarer als den meisten Zen-Praktizierenden selbst. Es geht darum, das Bewusstsein zu öffnen, und zwar sowohl für den jeweiligen konkreten Augenblick als auch für die Automatismen und Abläufe im eigenen Geist. Natürlich bekam ich dennoch eine zehnminütige Einführung ins Zen, die mich zu Tode langweilte. Aber ich befand mich auf unbekanntem Grund, und ich schwieg.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das Zen-Dojo Freiburg war ein kleiner Raum, nichts Großartiges oder Überwältigendes, nicht einmal etwas besonders Erhabenes. Ein kleiner Raum und ein Vorraum, mit Parkett ausgelegt, ein paar Kalligraphien und Buddhas an den Wänden, eine Garderobe, Sitzmatten und –kissen in einem Gestell an der Wand. Dennoch mutete mir der Raum fernöstlich an. Alles war sauber, alles war ordentlich, und alles schien eine wie auch immer geartete Bedeutung zu haben. Ähnlich wie in den japanischen Künsten, der japanischen Küche und den japanischen Umgangsformen war auch hier nichts Überflüssiges. Alles war Teil der größeren Zeremonie und der größeren Bedeutung. Es erschien mir zuerst leicht lächerlich, diese Bedeutungen und Zeremonien von Deutschen durchgeführt zu sehen, mit einer gewissen Anmut zwar, aber auch mit jenem Bierernst, zu dem wir als Volk auf irgendeine Weise prädestiniert zu sein scheinen. Aber sie taten es mit solchem Ernst und, wie ich zugeben muss, so wenig Künstlichkeit, dass ich es bald vergaß – sowieso machte ich gute Miene zu ihrem Spiel, denn ich wollte nun wissen, wie es wäre, das Zen. Es war nun einmal die Welt dieser Zen-Praktizierenden, in der ich nur Gast war. Ich hatte meine Meinung zu ihnen, aber ich musste sie ja nicht auch noch äußern.

Es war eine schweigsame Gruppe. Ich wurde nett empfangen und eingeführt, aber dennoch blieb mir das Gefühl, dass jeder ein wenig bei sich blieb, so als wäre es ihm ein wenig peinlich, hier mit den anderen zusammen diese ungewohnten Übungen aus einem fernen Land zu vollziehen.

Wie soll man anfangen über Zen zu schreiben? Man sitzt und starrt die Wand an. Das ist kein Witz, wir saßen tatsächlich alle mit dem Gesicht zur Wand, wofür ich aber auch dankbar war, denn das Sitzen fällt einem schwer genug, ich musste dabei nicht auch noch die Gesichter anderer mehr oder minder Versunkener vor mir sehen. Die Wand reichte mir vollkommen. Sie lenkt einen zudem nicht ab von dem Unsinn und dem Leiden des eigenen Geistes. Denn das ist es, was es in erster Linie ist: eine Rosskur für das Bewusstsein. Wir saßen dort zweimal eine halbe Stunde, und schon nach wenigen Minuten verlor ich das Gefühl für die Zeit und mein Geist ging auf Wanderschaft. Immer wieder kehrte ich wieder ins Hier und Jetzt zurück, und immer wieder floh meine Aufmerksamkeit in Tagträume... Darum geht es: die Tagträume, das müßige Ablenken, Herumgeistern und Imaginieren zu erkennen und vorüberziehen zu lassen. Nicht darum, es zu verurteilen, zu verdammen oder zu verhindern, denn das ist schlechterdings unmöglich, das Hirn lässt sich sowenig anhalten wie das Herz. Aber man wird mit fortdauernder Übung immer weniger zum Sklaven der eigenen Gedanken, Einfälle und Regungen. Man lässt sie vorüberziehen, wie Gewitterwolken am Himmel vorüberziehen, bis schließlich (und immer öfter) das klare, helle Licht der Aufmerksamkeit die Oberhand gewinnt, und die Wolken nur mehr das sind, Wolken, und nicht mehr Katastrophen, Zwänge und Ketten, die wir uns selbst anlegen.

Es wurde allerdings erstmal schlimmer, bevor es besser wurde. Man sitzt mit überkreuzten Beinen im Zazen, im halben oder auch ganzen Lotussitz, und irgendwann, das Gefühl für die Zeit hatte ich wie gesagt schon lange verloren, schlief mein einer Fuß so tief ein, dass ich weder das leiseste Gefühl mehr hatte, noch auch nur einen Zeh bewegen konnte. Es war, als wäre es gar nicht mehr mein Fuß, und das wäre sogar besser gewesen, denn ein pochender Schmerz begann mir zu schaffen zu machen und mich von allem anderen abzulenken. Am Ende der halben Stunde gab es in meinem Geist nur noch dieses Pochen, und ich ertappte mich, wie ich im Stillen beinahe schrie, dass es doch zu Ende gehen sollte... Auch in dieser Hinsicht war es eine sehr eindrückliche Erfahrung. Ich überlebte die halbe Stunde, und in der anschließenden Geh-Meditation, die an dieser Stelle wirklich bitternötig war, ging es auch meinem Bein bald wieder besser. Die zweite Sitzung war ein Klacks gegen diese erste, und wenn die ersten Kleckser des Satori wohl auch noch in weiter Ferne lagen, so war ich doch positiv überrascht, wie viel Ruhe letztendlich bereits in meinem Geist zu herrschen schien. Es war gut so, wie es war, und in jenen Momenten, in denen doch die Unzufriedenheit und Langeweile kurz ihr Haupt hob, wusste ich bei mir: Warum sollte es anders sein? Ich war in diesem Augenblick, und auch wenn er vielleicht nicht war wie in meinen Wünschen und Sehnsüchten, so war er doch, so wie er war, perfekt. Es gab nichts an ihm auszusetzen, nur an meiner eigenen Unzufriedenheit. Aber ich musste ja nicht auf sie hören.

Was soll man über Zen sagen? Man erkennt die eigenen Gedanken und Gewohnheiten, man bricht die gewohnten Muster und die gewohnte Wahrnehmung. Das ist alles, worum es geht, und gerade deshalb, weil es letztendlich so wenig und auch, bei aller Schwere, so einfach ist, ist es eine der wichtigsten Sachen der Welt. Wir haben nichts nötiger als unseren Geist, unser Bewusstsein einmal bei Licht zu besehen und zu entdecken, was es eigentlich damit auf sich hat. Wir sind zugleich Herren und Sklaven unserer Regungen und Gedanken, und öfter die Sklaven als die Herren. Die meisten Dinge, die wir tun, entspringen der unablässigen Arbeit dieser Geist-Maschine. Es konnte nur gut tun, zu lernen, ein wenig mit den Reglern und Parametern der Maschine zu arbeiten.

Ich wolle ja noch ein Wort zu den Regeln und ihrer Umsetzung verlieren.

Vor allem am Punkte 1 arbeitete ich. First things first. Ich hatte ein Café und eine Bar entdeckt, an denn ich mich wohlfühlte. Das Café war ein guter Platz zum Arbeiten, mit großen Fenstern, die auf die Straße gingen, und einer Einrichtung in dunklem Holz vor weißen Wänden, an denen Schwarz-Weiß-Fotografien hingen. Es wurde von Italienern geführt, und auch wenn es von Studenten überlaufen war (wie immer weniger ich mich ihnen zugehörig fühlte...) war es ein guter Ort. Kein Voglhaus, aber gut genug. Die Bar wiederum hatte 98 von 100 möglichen Bar-Punkten. Sie war die Quintessenz der Bar. Wenn die Bars dieser Welt zusammengekommen wären, um die Regeln und Richtlinien für vollkommene Bar-Haftigkeit festzulegen, wäre das Ergebnis eine Bar wie diese gewesen. Sie atmete Gelassenheit und Geborgenheit. Der Barkeeper war zugleich der Besitzer und schien alle Gäste mit Namen zu kennen. Auch meinen lernte er schnell. Es war eine ruhige, stille Bar. Sie lag die entscheidenden hundert Meter abseits sowohl der Touristenströme als auch des Mainstreams. Es langte wahrscheinlich gerade zum Überleben, aber es war auch ein großer Vorteil der Bar. Aber was nutzten all die Worte, sowenig, wie sich das Wesen des Voglhauses in einer Beschreibung einfangen ließ, sowenig war diese Bar eine Sache der Worte. Es genügte, dass es sie gab. Ich musste sie nicht beschreiben, ich konnte ab und zu dorthin gehen und gut leben. Das genügte.

Auch die Sache mit den Menschen ließ sich gut an. Wie immer war es die Musik, die alle Grenzen überwand und die Menschen einander näher brachte. In jener Bar gab es eine montägliche Jamsession, und wie die Bar war auch sie eine ruhige und gelassene Angelegenheit. Wir spielten als Quartett, klassischer als klassisch, mit Altsax, Piano, Bass und Drums. Klare und reine Klänge, die sich im Gewölbe brachen und an die Holztäfelungen des Raums und die Ohren das geneigten Zuhörer brandeten – will sagen, die Bar hatte eine Spitzenakustik, in der zu spielen eine Freude war. Sie hatte allerdings auch Spitzenmusiker, mit denen zu spielen mehr war als freudig, nämlich ein Genuss, und mit einer Leichtigkeit, die nur entsteht, wenn alle Beteiligten ganz bei einer Sache sind und in ihnen aufgehen, und die einzelnen Musiker zu einer größeren Verbindung verschmelzen, ganz Ohr und ganz Klang.

Eine weitere Form von Meditation. Eine weitere Art von Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit.

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