Samstag, Februar 21, 2009

Fern wie die Zeit (XXXXI)

Wir ließen uns in dem bekannten Gestühl nieder und stellten die Kaffeetassen auf den dazugehörigen Tisch. Der Raum war nicht anders als gestern, soll heißen nicht viel darin, nur die weißen Segeltücher an den Wänden. Ich warf einen langen Blick auf die Dinger, und auf das, was sich darunter abzeichnete. Ich bildete mir ein zu wissen, was sich dort verbarg.
„Nu mal raus mit der Sprache. Was wird hier gespielt?“
Die Flinte hielt ich schräg über meinem Schoß, mit genügend Sicherheitsabstand zu Tuft, damit ich nicht wieder angesprungen werden konnte. Nicht dass ich bei ihm wirklich damit rechnete. Aber ich dachte mir mittlerweile, dass ich besser auf alles vorbereitet wäre.
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden“, antwortete Tuft.
Gut, wenn er den harten Mann markieren wollte, dann konnte ich ihm gerne auf die Sprünge helfen.
„Ich kann ihnen gerne mal auf die Sprünge helfen“, sagte ich ihm.
„Folgendes ist der Sachverhalt: Letzte Nacht haben mir Frances Henrie und David Zottelhaar in meinem Zimmer aufgelauert. Sie haben mich niedergeschlagen, gefesselt, mir angedroht, mich im Meer zu versenken, dann wieder niedergeschlagen und in Frances‘ Hütte im Wald verschleppt. Eine ganz einfache Frage: Warum?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden.“
Ich stöhnte auf und trank schnell noch etwas von meinem Kaffee.
„Frances zeichnet Bilder – vom Dorf, von den Menschen hier. Schlechte Bilder in der Ausführung, aber einzigartige Bilder in ihrem Inhalt – dem, was er darin einfängt. Ich habe noch nie solche Bilder gesehen. Eine einfache Frage: Warum?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden.“
Er hörte sich an wie eine kaputte Schallplatte. Aber jetzt war seine Stimme gepresster, die Lüge deutlich herauszuhören, wie ich fand.
„Tuft“, sagte ich, „sie haben hier ne Galerie, und ich weiß genau was für eine. Kommen sie mir also nich blöd. Sie wissen genau, von welchen Bildern ich rede, und sie wissen auch genau, was es mit denen auf sich hat.“
Mit diesen Worten stand ich auf und schritt zum Segeltuchverhang. Mit einem scharfen Ruck riss ich das Ding von den paar Nägeln, an denen es hing. Triumphierend wies ich auf die darunter zum Vorschein kommenden Zeichnungen und Gemälde. Ich hatte Recht gehabt.
„Und was ist das da?“ fragte ich mit dem selbstgewissen Ton des Siegers.
„Es sind Bilder vom Dorf. Aber es können nicht die sein, von denen sie sprechen.“
Seine Stimme war kühl und schneidend. Man musste kein Genie sein, um zu merken, dass er dachte, wieder Oberwasser zu haben. Das gefiel mir nicht. Ich warf einen Blick auf die Bilder, und was ich sah, gefiel mir noch viel weniger. Er hatte Recht. Es waren zwar Bilder, und Bilder vom Dorf und von einzelnen Personen, Panoramen und Portraits und der ganze Mist, aber sie waren nicht wie die Bilder Hendrichs. Diese Bilder waren tot. Es waren ganz gewöhnliche, hundsalltägliche, langweilige Bilder.

„Sie sehen, ich weiß wirklich nicht, wovon sie reden – und nun verlassen sie mein Haus!“
Tuft war aufgestanden und bewegte sich auf mich zu. Es war, als könne er meine Verwirrung und Mutlosigkeit spüren, und wolle daraus das größtmögliche Kapital schlagen. Er war schon fast so nah, dass er nach meinem Gewehr greifen konnte. Ich wusste, er würde es tun, wenn er die Gelegenheit dazu bekäme.
„Noch einen Schritt näher, Tuft, und sie können ihre schönen weißen Wände streichen.“
Der Ton in meiner Stimme machte sogar mir Angst. Ich schien schlimmer erschüttert, als ich mir selbst eingestand. Tuft wich zurück, selbst mit einem Flackern von Angst jetzt in seinem Gesicht, seinen Augen. Die Selbstsicherheit hatte er für den Augenblick wieder eingepackt und im Hinterstübchen verstaut. Meinetwegen konnte es dabei erstmal bleiben.
Ich hatte gedacht, ich hätte etwas verstanden von diesem ganzen Mist hier im Dorf. Aber offensichtlich hatte ich falsch gelegen. Nur: wie sehr hatte ich falsch gelegen?
Ich bedeutete Tuft, sich wieder zu setzen, was er widerstrebend tat – und vermutlich nur, weil ich es ihm mit dem Flintenlauf signalisierte. Ich selber blieb stehen und lehnte mich an die Wand und zog mir eine Zigarette hervor, die ich zerstreut anzündete. Wo hatte ich mich geirrt?
Dass Tuft scharf die Luft einsog, fiel mir nur nebenbei auf, und ich brauchte ein bisschen, um zu merken, dass er was gegen meine Zigarette hatte. Dann sagte er es auch schon selber:
„Rauchen sie hier nicht, bitte! Dies ist ein altes Haus.“
„Ein altes Haus?“ gab ich zurück. „Na, sicherlich ist es alt, aber so, wie es aussieht, ist es nicht eben brandgefährdet. Ist doch komplett aus Stein, das verdammte Ding!“
Ich warf mein Streichholf auf den Dielenboden, was ihm noch weniger gefiel, und trat es aus.
„Lassen sie das!“ entfuhr es ihm.
Ich hörte ihm gar nicht zu, sondern betrieb in meinem Kopf ein bisschen Fall-Arithmetik. Soll heißen, ich stellte die Dinge, die ich wusste, in meinem Kopf um, und die Dinge, die ich zu wissen glaubte, und die Dinge, die unbekannte Variablen für mich waren, und versuchte rauszufinden, bei welchem Rechenschritt ich mich vertan haben konnte. Das dauerte fast die gesamte Zigarettenlänge, während Tuft an seinen Nägeln kaute. Dann verwarf ich mein Kopfrechnen zusammen mit dem Zigarettenstummel und entschied mich für den direkten Weg.
Ich setzte mich wieder Tuft gegenüber an den kleinen Tisch und stellte die Tassen weg. Fast hätte ich sie einfach auf den Boden gefegt, aber ich fing mich gerade noch. Ich war ja kein kompletter Barbar.
Dann zog ich die Zeichnungen hervor, die ich am zweiten Abend aus Hendrichs Hütte hatte mitgehen lassen, und die ich vorhin bei Fanny Gros wieder eingesteckt hatte.
„Was halten sie hiervon?“ fragte ich Tuft.
Ich legte die Zeichnungen auf den Tisch. Dies waren die Zeichnungen, die ich gemeint hatte. Ich besah sie nun zum ersten Mal bei gutem Licht, und sie waren um einiges beeindruckender, als sie mir damals in der Nacht in der Hütte im Wald erschienen waren. Es waren Zeichnungen des Dorfes und der Menschen hier. Einige kamen mir vom Sehen bereits bekannt vor. Auch viele der Aussichten hatte ich mittlerweile kennengelernt. Und all das war lebendig, wie ein Fenster in eine seltsame zweidimensionale, parallele Welt oder Dimension, da auf dem zerknitterten Papier.
Die Veränderung, die eintrat, war beeindruckend. Tufts Gesicht verwandelte sich in einer Maske aus Stein. Jeder seiner Gesichtszüge stand feingemeißelt hervor, im hellen Licht des Tages gewissermaßen, das durch die großzügigen Fenster hereinströmte. Ihm war wohl nicht bewusst, wie er wirkte, aber ich merkte es durchaus. Ich war auf eine Goldader gestoßen. Die Ausreden hätten nun ein Ende.
Im nächsten Moment krallte er nach dem Papier. Ich zog die Zeichnungen vom Tisch, aber da hatte er sie schon an einer Ecke zu fassen gekriegt und zog nun seinerseits.
„Ich bin bereit, die Dinger zu zerreißen“, stellte ich klar. „Wie ist es mit ihnen?“
Umständlich ließ er los, und der Unmut stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich steckte den dünnen Packen wieder in die Hosentasche.
„Um Zeichnungen wie diese geht es hier“, sagte ich, „und sie wussten das, Tuft. Hendrichs, ach, Frances zeichnet diese Bilder, und vielleicht auch sie, hab ich Recht?“
Sein Schweigen sagte mir genug. Er saß still da und hasste mich mit seinen Augen, und bei seinen Exemplaren sah das sehr eindrucksvoll aus. Fast lief mir ein Schauer über den Rücken. Trotzdem fuhr ich fort:
„Jeder hier im Dorf hat so ein Bild – von sich selbst. Tante Emma hat eins, Fanny Gros hat eins, und ich wette, Jenkins und David und Peter und Hinz und Kunz haben auch alle eins. Ein lebendiges Bild. Ein Bild, das anders ist als alle normalen Bilder. Was hat es damit auf sich, Tuft, was? Und vor allem: Warum stecken sie so in Schwierigkeiten, wenn jemand aus der Stadt weiß, wo Frank Hendrichs alias Frances Henrie sich aufhält?“
„Das müssen sie nicht wissen“, drang es aus dem Gang. In der Tür stand Hendrichs, und er hatte eine Pistole in der Hand.

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Donnerstag, Februar 19, 2009

Fern wie die Zeit (XXXX)

Ich hatte nicht viel mitgenommen. Nur meine Geldbörse und das Gewehr. Die eine würde mir zurück in der Stadt wieder nützen, das andere hier. Und natürlich auch eine Kleinigkeit, die ich aus Hendrichs Hütte entwendet hatte, vor gefühlt hundert Tagen, als ich das erste Mal dort war.
Ich stapfte im Schein der niedrig stehenden Vormittagssonne die Klippen hinauf. Der Weg war kaum auszumachen unter dem dicken Schnee, und so ging ich einfach drauflos, vorsichtig, wegen der vielen Unebenheiten des Bodens. Die Wolkendecke war an verschiedenen Stellen aufgerissen, und Lanzen aus Sonnenlicht überglänzten die weiße Welt. Für Fanny Gros war ich noch immer auf dem Zimmer, auch wenn ich tatsächlich das Haus so wieder verlassen hatte, wie ich es betreten hatte. Ich glaubte ihr, dass sie mich decken wollte. Dennoch hatte ich nicht vor, den Rest der Zeit hier auf dem Zimmer zu sitzen, besonders, wenn ich eigentlich an einem ganz anderen Ort sein wollte, an dem ich den Dingen auf den Grund gehen konnte.
Die Strecke oben auf der Klippe zog sich so weit und flach hin wie das Eis am Nordpol. Soll heißen, von Weitem war ich so leicht zu sehen wie ein Elefant auf dem Tanzparkett, aber das konnte ich nicht ändern. Ich beeilte mich, so gut es ging, und konnte ansonsten nur hoffen, dass niemand durch eine der Schießscharten Ausschau hielt, beispielsweise nach Leuten wie mir, sondern nur durch die Fenster zum Meer, durch die sich heute ein großartiges Panorama bot – in der Ferne war frischer Nebel, das Meer lag dunkel und schwarz da, und dazu noch das Sonnenlicht und der Widerschein des Schnees. Es war ein prächtiger Anblick. Auf jeden Fall prächtiger als ich.
Ich hatte einiges abbekommen in den letzten Stunden. Als ich im Badezimmer in den Spiegel schaute, erkannte ich mich erst gar nicht. Ein wundervoller blauer Fleck zog sich über meine rechte Wange, blau und schon ein bisschen schwarz. Mein Hinterkopf fühlte sich ein bisschen eingedellt und weich an, wenn er das nicht schon vorher gewesen war. Außerdem war meine Lippe aufgeplatzt, was ich gar nicht mitbekommen hatte. Es musste geschehen sein, als ich mal für ein paar Minuten k.o. gegangen war. Soll heißen, es hatte eine Menge Gelegenheiten dafür gegeben. Außerdem schmerzten mir der Bauch und die Nieren, auf jene dumpfe, unterschwellige Weise, die signalisiert, dass man den einen oder anderen Tritt zuviel abbekommen hat. Aber ich pisste noch kein Blut, und ich konnte noch gehen, und ich hatte eine Flinte in der Hand und Sonnenschein im Gesicht. Und Tufts Haus kam immer näher. Ich war ganz gut aufgestellt. Gut genug hoffentlich.

Einbruch war noch nie eine Spezialität meinerseits. Sicherlich, ich besaß ein paar gute Dietriche, aber die machten den Kohl noch lange nicht fett. Man brauchte eine ganze Menge Geduld, um ein Schloss zu öffnen, und eine ganze Menge Fingerspitzengefühl. Es war eine lange, schweißtreibende Arbeit, obwohl man nicht viel bewegte außer den Fingerspitzen, und ein paar Tausendstelmilimeter machten im Zweifelsfall den Unterschied aus zwischen einer geöffneten Tür und einem abgebrochenen Werkzeug. Ich war beileibe kein Grobmotoriker. Aber manche Dinge waren eben den Feinmechanikern vorbehalten.
Im Gegensatz zu einem Dietrich war eine Schrotflinte ein hervorragendes Instrument für einen Einbruch. Wenn man es mit einer Tür zu tun hatte, die nicht besonders solide war, konnte man auf das Schloss halten und das Ding einfach aus dem Holz blasen. In allen anderen Fällen musste man das Glück haben, dass jemand zuhause war. Dann konnte man an der Tür klingeln oder klopfen, und demjenigen, der öffnete, die Flinte unter die Nase halten. Es gab keine bessere Methode, um irgendwo reinzukommen. Das mit dem Rauskommen war dann natürlich eine andere Sache.
Ich hatte Glück. Tuft war zuhause. Er erwies sich als echter Künstler: So wie es aussah, hatte sein Tag der Uhrzeit zum Trotz gerade erst begonnen. Er trug einen Pyjama und eine Nachtmütze, und beides in schreiendem Rot. Seine Augen waren noch ganz trüb und harmlos, geradezu langweilig. Er war wirklich noch nicht auf der Höhe. Gut, er hatte auch weniger Glück als ich. Ich meine, eine Kanone unter der Nase war wirklich nicht die beste Art, um einen Tag zu beginnen.

„Darf ich reinkommen?“
Mit diesen Worten schob ich die Tür ganz auf und Tuft aus dem Weg.
„Was... Was...?“
Ich wartete ab, bis er fähig war, einen vollständigen Satz zu bilden, und schloss in dieser Zeit schonmal die Tür.
„Ist außer ihnen sonst noch jemand da?“ fragte ich ihn.
„Was...“
„Sonst noch jemand?!“
Mit diesen Worten hielt ich ihm die Kanone noch enger unter die Nase. Das Ergebnis war erstaunlich:
„Nein, niemand!“
„Prima“, antwortete ich, „wo ist ihre Küche?“
Tuft schaute verständislos. Allerdings nicht lange, in Anbetracht der Umstände. Er führe mich den Gang hinunter und links, und ich stand in einer Küche, die dem Haus alle Ehre machte. Der Raum musste die gesamten Ausmaße der Außenwand an dieser Stelle einnehmen, und er bot alle Annehmlichkeiten, die sich ein Koch wünschen konnte. Ich meinte damit nicht irgendeinen Feld-, Wald- und Wiesen-Koch, sondern eher den Küchenchef eines Drei-Sterne-Restaurants der gehobenen Preisklasse. Es war alles da, was man brauchte, inklusive einiger Gerätschaften, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gebraucht hatte.
„Kaffee?“ sagte ich.
„Was... was wollen sie hier?“ antwortete Tuft, mit überschnappender Stimme. Sieh an, er hatte sie wiedergefunden.
„Spielen sie nicht den Überraschten, Tuft. Das steht ihnen nicht. Wo sie hier ihren Kaffee haben, hab ich sie gefragt.“ Dazu fuchtelte ich mit dem Gewehr herum.
Aber Tuft berappelte sich jetzt, und seine Augen gewannen etwas von der alten Tiefe zurück.
„Sie!“ drang es aus ihm, „verlassen sie auf der Stelle mein Haus“, und sein Gesicht verzog sich dabei wie das einer räudigen Promenadenmischung. Sein Outfit machte den Effekt allerdings zunichte. Er sah nicht sehr eindrucksvoll aus, sondern nur wie ein geifernder alter Simpel mit einer Nachtmütze.
„Tuft!“ bellte ich zurück. „Sie wissen, was hier in diesem Dorf vor sich geht. Sie wussten, wo sich Frances versteckt hält. Sie stecken mit Jenkins unter einer Decke. Sowieso, ihr steckt hier alle unter einer Decke. Ihr habt mir übel mitgespielt, ihr Schweinehunde. Und wenn ich nich gleich ne Tasse Kaffee krieg, dann dreh ich durch!“ Dazu rollte ich mit den Augen und fletschte die Zähne.
Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr auf Kaffee. Es war nur das erste, was mir eingefallen war, und ich wollte das Eis brechen. Jetzt wurde mir beim Gedanken an Kaffee plötzlich ein bisschen schlecht. Nur hatte ich die Nummer jetzt angefangen, also musste ich sie auch durchziehen, um nicht wie ein Idiot dazustehen.
„Der Kaffee!“ bellte ich nochmal, und kam mir bereits wie ein Idiot vor. Aber Tuft kuschte, und am Ende bekam ich einen weiteren Kaffee, diesen sogar mit Schuss, nachdem ich die Regale nach ein paar Flaschen durchwühlt hatte. So gefiel er mir schon wieder fast. Ich sorgte dafür, dass auch Tuft eine ordentliche Portion von dem Gebräu abkriegte. Er konnte sie brauchen.
„Kommen sie, wir ziehen um. Ich bin mir sicher, die Aussicht heute ist fantastisch.“
Mit diesen Worten dirigierte ich Tuft in das Galleriezimmer, in dem er mich das letzte Mal empfangen hatte, also in den Gang und bis ans andere Ende und dann immer der Sonne entgegen. Es war kein faires Spiel, was ich hier trieb, das war mir klar. Er war ein alter Mann, und unbewaffnet, und ich ein weniger alter Mann mit einer Kanone. Dennoch traute ich ihm alles zu. Wie ich bereits sagte, sie steckten hier alle gemeinsam unter einer Decke. Ich war mir nur nicht sicher, unter was für einer. Aber das würde ich rauskriegen. Und aus keinem anderem Grund als aus gekränkter Eitelkeit. Wenn ich schlau gewesen wäre, hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Aber, andererseits, hätte es anders kommen können, als es schließlich kam?
Wie immer war das verdammt schwer zu sagen.

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Mittwoch, Februar 18, 2009

Fern wie die Zeit (XXXIX)

Ich ließ mir Zeit, um mit dem Rührei fertig zu werden. Dazu trank ich meine zweite Tasse Kaffee. Langsam fühlte ich mich wieder menschlich. So sehr menschlich, dass ich mir eine Zigarette ansteckte.
Fanny Gros hatte nicht viel gesagt bisher. In der Pfanne war tatsächlich Rührei gewesen, gerade auf den Punkt. Sie hatte zwei Teller auf den Tisch gestellt, selbst dann kaum etwas gegessen und mir dabei zugesehen, wie ich den Löwenanteil verspeiste. Kaffee hatte sie auch keinen getrunken. Und die Polizei hatte sie nicht gerufen, nicht Zeter und Morddio geschrien, und sich ansonsten grundsätzlich sehr zivilisiert verhalten. Sogar einen Aschenbecher hatte sie mir hingestellt. Was sollte ich sagen. Sie hatte mir bis jetzt noch nicht mal das Frühstück in Rechnung gestellt.
Eine ganze Menge Fragen hingen unsausgesprochen zwischen uns im Raum, und ich ließ sie erstmal hängen. Ich mochte Antworten. Aber ich mochte auch Frühstück.
Ich brach schließlich das Eis:
„Danke, dass sie sich um mich gesorgt haben, Mam“,
Sie ließ den Satz verklingen, dann fragte sie:
„Wo kommen sie her?“
Sie sprach mit einer müden, kleinen Stimme, die ganz anders war als zuvor.
„Im allgemeinen oder jetzt gerade?“
„Jetzt gerade.“
„Die Hütte im Wald. Frances‘ Hütte.“
„Sollte David nicht auf sie aufpassen?“
„Er wollte es wohl. Aber er hat nicht gut genug aufgepasst.“
„Geht es ihm gut?“
„Als ich von ihm wegging, war er ganz okay. Er hat einen Schädel aus Eisen. In mehr als einer Hinsicht.“
Wir nahmen noch eine Portion Schweigen, und ich nahm noch eine Portion von dem Rührei. Die Pfanne war leer jetzt.
„Haben sie sie angegriffen?“
„Sie waren nicht da gestern Abend, oder?“
„Nein. Nein, ich war im Café, bei Raoul. Bei Jenkins“, verbesserte sie sich. „Ich habe dort übernachtet.“
„Hat Jenkins sie abgeholt?“
Sie nickte.
„Ich hab eine über den Schädel gekriegt, bevor ich auch nur wusste, was los war. Könnte natürlich dran liegen, dass ich David in die Hütte gesperrt hatte. Damit hat Jenkins Recht.“
„Warum tun sie diese Dinge?“
„Naja, das ist nicht so leicht zu erklären. Ein Ding führte zum anderen...“
„Was machen sie hier?“ unterbrach sie mich, mit mehr Nachdruck dieses Mal.
Jetzt ließ ich ein bisschen Schweigen einsickern. Ich hatte noch keine Lust, darauf zu antworten.
„Sie kennen Jenkins gut?“
Ich aß die letzte Gabel Rührei und trank einen Schluck Kaffee und rauchte die Zigarette zuende. Fanny Gros sah aus dem Fenster hinaus in den Schnee.
„Nachdem mein Mann gestorben ist, hat er sich um mich gekümmert. Wir verstehen uns gut.“
„Es war ein bisschen mehr als das, oder?“
„Was denken sie, junger Mann?“
Ich nickte.
„Was ist mir ihrem Sohn passiert? Dem, den sie mit ihrem Mann hatten?“

Das gelegentliche Schweigen gewann eine andere Konsistenz jetzt. Seine wattige Aufgebauschtheit gerann zu einer Wand aus Beton. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir gerade die Zähne ausgebissen hatte.
„Ich meine Michael“, fasste ich nach.
Fanny Gros sah auf.
„Was wissen sie über Michael?“
„Er ist nicht mehr hier im Dorf. Und eine Menge Leute haben jede Menge Angst vor ihm, aus dem einen oder anderen Grund. Das Dorf hat ihn verstoßen, nicht wahr?“
Sie ließ meine Frage in der Luft hängen und offenbarte keinen großen Antrieb, darauf zu antworten.
„Es liegt an den Bilden, die Hendrichs zeichnet, oder?“
„Hendrichs?“
„Verzeihung, Frances. Es sind die Bilder von Frances und Tuft.“
Es war eine Feststellung meinerseits, keine Frage. Das merkte auch sie. Sie wurde deutlich vorsichtiger jetzt. Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen, wie ein kleines Tier, das fürchtet, in die Falle zu gehen.
„Was wissen sie von den Bildern?“
„Mam, ich habe keinerlei Absichten mit ihren Bildern. Mir fällt nur auf, dass eine ganze Menge Dinge hier in diesem Dorf auf die ein oder andere Art und Weise mit diesen Dingern zusammenhängen. Manche hier im Dorf würden töten, um ihr kleines Geheimnis zu wahren. Es ist mehr an den Bildern als nur ihre Lebendigkeit – auch wenn die außerordentlich ist. Ich hab noch nie bisher solche Bilder gesehen. Sie sind nicht gut, aber das müssen sie auch nicht sein, denn sie sind völlig anders als alle anderen Bilder. Wegen dieser Bilder will David mich in einem Sack im Meer versenken, und wegen dieser Bilder wurde ihr Sohn aus dem Dorf getrieben, wenn ich das richtig verstanden habe. Also frage ich mich, was es auf sich hat mit ihnen.
Ich selbst sollte nur Frances suchen, wegen Schulden angeblich. Ich glaube inzwischen, dass ich aus einem ganz anderen Grund nach ihm Ausschau halten sollte. Dabei wäre ich um ein Haar im Wald erschossen worden, wahrscheinlich, um ihn zu schützen. Danach hat man mich mehrmals verprügelt, mir Angst eingejagt, und mich in eine Hütte im Wald gesperrt. Sie verstehen also, dass mein Interesse an der ganzen Sache inzwischen ein ziemlich persönliches geworden ist.“
„Sie sollten nicht diesen Bildern nachforschen. Sie sollten das Dorf verlassen und dorthin zurückkehren, von wo sie gekommen sind, junger Mann. Das meine ich ernst.“
Sicherlich meinte sie das ernst. In ihren Augen schwamm ein ganzer See von Ernst, gesprenkelt mit kleinen Inseln der Eindringlichkeit. Sie sah mich eine ganze Weile so an, während ich nichts sagte, sondern nur eine neue Zigarette ansteckte.
„Nehmen sie den Bus heute Mittag. Sie haben noch Zeit, ihn zu erreichen. Nehmen sie den Bus und verlassen sie das Dorf. Es ist besser so.“
„Mam, ich habe den Eindruck, dass das Dorf in ziemlichen Schwierigkeiten steckt, weil ich Frances gefunden habe. Ich würde gerne wissen, warum. Und ich würde gerne versuchen, das...“
„Gehen sie! Verstehen sie denn nicht! Sie können hier gar nichts tun, und sie sollten nichts tun. Das Dorf ist immer alleine mit allem zurecht gekommen, und so wird es auch diesmal sein. Denken sie an sich und gehen sie. Sie schulden dem Dorf nichts, und viele hier werden froh sein, wenn sie weg sind. Und selbst wenn wir dieses eine Mal nicht zurechtkommen sollten, wen kümmert es. Es läuft schon so lange so. Sie sollten gehen, junger Mann. Nehmen sie den Bus.“
Neben dem Ernst war jetzt eine deutlich flehende Note in ihrer Stimme. Es war zehn am Vormittag.
„Der Bus fährt um halb zwei, nicht wahr?“ versuchte ich mich zu erinnern.
Fanny Gros nickte, froh, dass ich einzulenken schien.
„Ich werde den Bus nehmen, Mam. Sie haben eahrscheinlich Recht. Ich habe hier nichts mehr verloren.“
„Endlich nehmen sie Vernunft an. Sie können hier bleiben. Heute Nachmittag trifft sich das Dorf im Café. Wenn bis dahin niemand nach David und ihnen schaut, sind sie so lange sicher. Es geht ihm doch gut, oder?“
Ich versicherte ihr, dass es David gutginge, und dann stand ich auf und sagte noch einmal Danke und ging ins Bad. Ich konnte eine kleine Auszeit gut gebrauchen.

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Dienstag, Februar 17, 2009

Fern wie die Zeit (XXXVIII)

„Ich kann’s nur nochmal sagen, Fanny. Es tut mir Leid, was gestern Nacht hier passiert ist.“
Es war Jenkins‘ Stimme, dem ganz offensichtlich eine Last auf dem Herzen lag. Dann Kratzen in der Pfanne, Metall auf Metall.
„War es nötig, dass sie das ganze Zimmer auseinandernehmen? War es nötig, dass sie den jungen Mann gleich mitnehmen?“
Ich hatte mich noch nie so alt gefüht wie zurzeit. Umso surrealer kamen mir diese Worte aus dem Mund Fanny Gros‘ vor.
„Fanny, er hat sie angegriffen. Sie wollten mit ihm reden. Das erste, was er tat, war, David auf die Bretter zu schicken. Überhaupt, davor hat er David im Wald angegriffen, bei Frances‘ Hütte. Dort hat er ihn dann eingesperrt, nachdem er ihn um ein Haar erschossen hätte. Viel gefehlt hat nich. Frances hat ihn dann dort gefunden. Ich denke, dass der Kerl uns eine Erklärung schuldet.“
Fanny Gros sagte nichts, sondern kratzte weiter in der Pfanne herum.
„Fanny, du kennst mich. Ich würd den Sheriff rufen, aber jetzt gerade sind wir eingeschneit. Die Straße ist so gut wie dicht, und das Telefon ist kaputt. Hab’s heute Morgen probiert. Der Schnee muss die Leitung unterbrochen haben. Und bis dahin halten wir ihn eben fest. Bis wir den Sheriff rufen können.“
Noch mehr Schweigen. Auf seine Weise war es fast beredter als Worte. Auch Jenkins kriegte das mit. Das ganze begleitet von der bekannten Sinfonie auf Bratpfanne.
„Fanny, machst du dir Sorgen um diesen Kerl?“
Kratzen.
„Fanny. Fanny! Ich werd nich zulassen, dass ihm was passiert, okay? Wenn du das willst, dann gut, dann kümmer ich mich drum.“
„So, wie du dich bei Michael gekümmert hast, Raoul?“
Das war das erste Mal, dass ich Jenkins‘ Vornahmen zu hören bekam. Ich lernte nicht aus. Jenkins seinerseits schien den letzten Satz in den falschen Hals bekommen zu haben.
„Herrgott nochmal, Fanny“, drang es aus der Küche, „das is ne völlig andere Geschichte, und das weißt du auch. Du weißt, wie ich über Michael denke. Ich hab den Jungen genauso gern gehabt wie du. Aber du kannst doch nich ernsthaft behaupten, dass Michael es nich herausgefordert hat. Verdammt, er hat alles aufs Spiel gesetzt. Er hat alles aufs Spiel gesetzt, was wir sind!“
„Ich weiß, Raoul. Ich weiß das alles sehr gut.“
Was immer sie in der Pfanne hatte, musste bald fertig oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt sein.
„Aber hast du einmal darüber nachgedacht, wer und was wir sind? Hast du einmal darüber nachgedacht, ob es das wert war?“
„Fanny, was redest du?“
„Ich hab drüber nachgedacht, Raoul. Ich hab manche Nacht drüber nachgedacht. Hast du drüber nachgedacht?“
„Verdammt, Fanny! Michael is vielleicht sogar dran schuld, dass wir diesen Kerl überhaupt am Hals haben. Er ist immernoch auf die Bilder aus, Fanny. Noch immer!“
„Und warum geben wir sie ihm nicht einfach?“
Dann war in der Küche Stille, eine tiefe, erschütterte Stille, jene Stille, die entsteht, wenn etwas Unfassbares, etwas Verbotenes, etwas Blasphemisches ausgesprochen wird. Es war die Stille, die in einer katholischen Kirche entsteht, wenn man über die Verwandlung der Hostie lacht oder die jungfräuliche Geburt anzweifelt. Nicht dass mich die katholische Kirche jemals besonders interessiert hätte. Ich war katholisch. Aber das kam in den besten Familien vor.
Dann wurde ein Stuhl zurückgeschoben. Ich wusste die Zeichen zu deuten und machte einen eiligen Rückzug in Richtung meines Zimmers, und keine Sekunde zu früh. Jenkins rauschte ab wie eine Lokomotive unter Volldampf, und mit ein bisschen Phantasie konnte man sogar die Rauchfahne sehen, die seinem hochroten Kopf entströmte. Er steuerte Richtung Haustür, und mit einem schauerlichen Quietschen und einem eindrücklichen Türenschlagen war er weg.
Ich wartete ein bisschen ab, dann schlich ich wieder auf meinen Horchposten. Drinnen in der Küche war jetzt kein Wortwechsel mehr und kein Kratzen in der Bratpfanne, nur das leise Schluchzen einer müden, sehr alten Frau. So klang es jedenfalls. Ich wusste noch gar nicht, wie sehr ich Recht damit hatte.
Jenkins war weg, und ich war hungrig und mir war sowieso alles mehr oder weniger egal gerade. Wenn man keine große Chance hatte, wurde jeder übermütig. Also spazierte ich einfach in die Küche. Fanny Gros hörte meine Schritte. Sie starrte mich an, als sähe sie ein verdammtes Gespenst.
„Ein Rührei wär nicht schlecht, Mam. Und sehr gern auch ein Kaffee, wenn sie haben.“

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Montag, Februar 16, 2009

Fern wie die Zeit (XXXVII)

Der Schlüssel knirschte im Schloss, und die Tür wurde aufgestoßen. Draußen war es inzwischen hell geworden, und Tageslicht flutete in den Raum. Zottelhaar fluchte und hielt im Türrahmen inne. Das war alles, was ich brauchte. Ich stieß meine Schulter mit voller Wucht gegen die geöffnete Tür. Zottelhaar jaulte auf und ging zu Boden. Was er dabeigehabt hatte, schlitterte von ihm weg und in den Raum. Ich trat hinter der Tür hervor, ein Holzscheit in der Hand, und versuchte ihm den Rest zu geben.
Es wird immer so einfach dargestellt, einen Menschen niederzuschlagen. Dabei ist es nicht so, wie man es sich vorstellt, außer man landet einen echten Glückstreffer an genau der richtigen Stelle. Es ist keine schnelle Sache. Es ist ein verdammter Kampf, wie man sich ja denken kann.
Zottelhaar wand sich unter mir und versuchte, von mir wegzukommen. Es gelang ihm nicht besonders gut, da er auf dem Rücken lag und versuchte zu krabbeln wie eine Ameise. Zwischen meinem Holzscheit und seinem Schädel waren seine Beine, und er trat nach mir, während er krabbelte, und schrie wie ein Verrückter. Ich schrie ebenfalls. Wir gaben sicherlich einen reizenden Anblick ab.
Ich passte einen Augenblick nicht auf, und sein Fuß traf mich an einer empfindlichen Stelle. Ungewollt ging ich in die Knie. Sein anderer Fuß kam von der anderen Seite, und ich ließ mich instinktiv fallen und boxte ihm in den Bauch. Es war das Beste, was mir einfiel. Sein linkes Bein lag jetzt unter mir, und er kam nicht mehr weg. Er versuchte, mein Kinn mit seinem Knie zu bearbeiten, und verfehlte mich nur knapp. Ich boxte ihm nochmal in die Nierengegend. Das Resultat war ordentlich, denn er hielt inne, und ich wiederholte es. Dann traf plötzlich er mich in den Bauch, und jetzt blieb mir die Luft weg. Alles drehte sich für kurze Zeit, und er zog das Bein unter mir weg und versuchte herumzukommen, um mir den Rest zu geben. In seinen Augen war blanker Hass, und sie loderten, als könne man eine Fluppe an ihnen anzünden. In der rechten Hand hielt ich immernoch das Holzscheit, und mit ordentlich Schwung und einiger komplizierter Berechnung meinerseits ließ ich es gegen seinen Scheitel krachen, als er gerade in Reichweite kam. Der Schmerz und mehr noch die Überraschung waren offenbar ganz ordentlich. Zottelhaar jaulte auf. Ich warf mich herum und zog ihm das Ding nochmal über den Schädel, und dann ließ ich das Scheit fallen und dellte ihm mit der Faust das Kinn ein. Jetzt jaulte er nicht mehr, sondern stöhnte nur noch kurz und lag dann ganz still. Ich stand auf und blieb erstmal stehen. Ich atmete schwer, und in meiner Tasche fischte ich nach einer Zigarette. Die hatte ich nötig jetzt. Ich warf das Scheit zu den anderen in den Ofen und zündete die Petroleumlampe wieder an. Dann hob ich seine Kanone auf. Es war die Schrotflinte, mit der ich bereits Bekanntschaft gemacht hatte. Sie war geladen.
Ich setzte Zottelhaar ein weiteres Mal auf einen Stuhl am Tisch und trank noch ein bisschen Whisky. Das konnte mir nur guttun. Dann sah ich ihn mir kurz an und stellte sicher, dass er atmete. Abgesehen von seinem Kopf war er gut in Schuss, und mit ein bisschen Glück würde ihn die Beule zu einem vernünftigeren Menschen machen – Schläge auf den Hinterkopf und Denkvermögen und so. Meine vorbereitete Notiz lagte ich vor ihm auf den Tisch, so dass er sie sehen musste, wenn er sich ein bisschen umschaute.
Ich entschied mich dagegen, ihn zu fesseln, sondern ging einfach hinaus und schloss die Hütte wieder ab. Seine Flinte nahm ich mit. Draußen lag der Schnee einen Meter hoch jetzt. Ich überlegte mir, den Schlüssel einfach wegzuwerfen, aber dann steckte ich ihn doch in die Tasche und machte mich auf den Weg. Ich würde ja wieder zurückkommen. Es lag etwas Verlockendes in der Möglichkeit, eine Sache hinter Schloss und Riegel zu bringen und dann einfach zu vergessen. Aber so funktionierte es nicht. So funktionierte es nicht mit Zottelhaar und meinen Gegnern hier in diesem Dorf, und so hatte es noch nie funktioniert, auch nicht damals, als ich es versucht hatte und die Erinnerung trotzdem immer wiedergekommen war. Man konnte den Schlüssel genausogut behalten, darauf lief es hinaus. Besonders dann, wenn man aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso noch einmal zurückkommen musste.
Alles in allem war es war es trotzdem fast zu einfach gewesen. Ich hatte es hier nicht mit Profis zu tun, sondern nur mit einfachen Menschen, die sich verzweifelt bemühten, ein Geheimnis zu bewahren. Die Verzweiflung war das gefährliche Element hier. Verzweifelte Menschen waren zu allem fähig, wie in die Enge getriebene Ratten. Solange sie mich gemeinsam als ihren als Feind ansahen, war mein Leben nicht allzu viel wert. Und diese Sache mit Zottelhaar auszudiskutieren war mir sinnlos erschienen. Es hatte einfach schon zuviel böses Blut zwischen uns gegeben. Es sollte erstmal ein wenig schmoren, das würde ihm guttun. Ich meinerseits wollte nun jemanden sehen, der mir eher zu einem Gespräch bereit schien.
Ich mied die Küste, und drückte mich durch den Wald entlang den Klippen, aber auf der dem Meer abgewandten Seite. Es gab keinen richtigen Weg, und ich kam langsam voran, immer wieder von Schnee bestäubt, der von den oberen, tief heruntergedrückten Ästen auf mich herabfiel. Es war gegen neun am Vormittag, und mein Magen knurrte. Die Landschaft war von dem ehemals goldenen Spätherbst in ein Winterwunderland verwandelt, und der Schnee klebte mir am Mantel, und ich rutschte immer wieder aus auf dem Eis oder stolperte über verborgene Äste und Unebenheiten im Boden. Die Flinte in meiner Hand war gesichert. Sie konnte nicht losgehen.


Jeder Wald endet irgendwann einmal, so wie jede Qual und jede Freude enden. In meinem Fall war es die Qual des unwegsamen Vorandringens, und meine Freude galt der Tatsache, dass ich unweit von Fanny Gros‘ Haus aus dem kalten Schatten der Bäume trat, dem Schauplatz der nächtlichen Ereignisse. Es war Feuer im Ofen. Der Schornstein rauchte.
Ich ging vorsichtig näher, soll heißen, ich schlich nicht, aber ich trampelte auch nicht wie ein Elephant. Die Fenster zur Küche waren auf der Rückseite des Hauses, auf der auch ich mich befand, und ich behielt eine ungefähre Linie zwischen diesen Fenstern und der offenen Wiese zwischen Wald und Dorf bei. Auf diese Weise konnte ich einen Blick in die Küche erhaschen, und zugleich Fersengeld geben, wenn es notwendig werden sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung, wohin ich im Fall des Falles überhaupt fliehen sollte, aber wenigstens die Möglichkeit dazu wollte ich haben.
Ein paar Schritte brachten mich näher heran, und ich warf einen Luchs in den Raum. Fanny Gros stand am Herd und bereitete etwas zu essen zu. Mein Magen brummte als Reaktion. Sie war allerdings nicht allein. Weiter hinten im Raum befand sich ein Schatten, nahe der Wand des Zimmers, vermutlich auf einem Stuhl. Fanny Gros achtete nicht auf den Schnee draußen, sondern auf die Pfanne, mit der sie hantierte; worauf ihr Gesprächspartner achtete, wusste ich nicht, aber er schien mir zu reden. Ich zog mich vorsichtig aus dem Blickwinkel der beiden, ging dann den restlichen Weg um das Haus herum und zur Eingangstür. Gerade noch rechtzeitig fiel mir das verdammte Quietschen ein, und anstatt es an der Haustür zu versuchen, ging ich weiter zu meinem Zimmerfenster. Es war unverschlossen. Der Raum war leer, und die Überreste der letzten Nacht boten ein trauriges Bild. Es hatte noch niemand aufgeräumt. Mit ein bisschen Glück wären sogar meine Sachen noch da. Aber darum würde ich mich später kümmern. Ich schob das Fenster ganz auf, kletterte hindurch und stellte die Flinte an die Kommode hinter der Türe gelehnt ab, so dass ich sie, falls nötig, leicht würde erreichen können. Dann schlich ich durch den Gang hin zur Küchentür. Ich schlich so, wie kleine Elfen schlichen, auf den Zehenspitzen und mit einem gelegentlichen Schlagen meiner durchscheinenden Flügelchen, um das Gleichgewicht zu wahren. Ich schlich wirklich leise. Unbedingt nötig wäre es nicht gewesen. Die Stimmen aus der Küche waren laut genug.

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Freitag, Februar 13, 2009

Fern wie die Zeit (XXXVI)

Er hatte nur einen Tag hier gehaust, aber er hatte es geschafft, die Bude in einem quasi abbruchreifen Zustand zu hinterlassen. Der Stuhl lag auf dem Boden, die Fässer und Kistchen, die vorher so ordentlich wie Zinnsoldaten an der Wand gestanden hatten, waren im Zimmer verteilt, und die Tür hatte ein paar ordentliche Dellen, da, wo er versucht hatte, sie mit einem schweren Gegenstand, einer der Kisten wahrscheinlich, einzudrücken. Die Hütte war besser gebaut, als ich anfangs gedacht hate. Wenn er es nicht geschafft hatte, sie auseinanderzunehmen, dann musste ich es gar nicht erst versuchen.
Ich probierte mal meine Fesseln. Sie waren lange nicht mehr so fest wie vorher, aber immernoch fest genug. Ich fühlte meine Hände kaum noch. Verdammt, es war an der Zeit, die Dinger loszwerden. Ich tat mich ein bisschen um. Das schöne an Kisten ist, dass man sie meist zunagelt. Und wo man nagelt, steht immer auch ein Nagel über – ein ehernes Naturgesetz. Man kann Hämmern, wie man lustig ist, und mit aller Sorgfalt, die man an aufbringen kann, am Ende bleibt immer irgendwo ein Nagel übrig, der vorwitzig seinen Kopf herausstreckt, wie um den Willen der Dinge in dieser Welt zu dokumentieren. Ich machte mich auf die Suche nach diesem vorwitzigen Nagel, und fand ihn schließlich bei der letzten Kiste im Raum, an der rechten, der Hüttenwand zugewandten Seite, im Halbdunkel des flackernden Petroleumlichts. Ich stemmte mich gegen die Kiste und schaffte es, sie gerade soweit zu bewegen, dass ich mich zwischen Wand und Kiste quetschen konnte. Ich schubberte meinen Mantel aus dem Weg und machte mich dann an das mühsame Geschäft, mit den zwei Millimetern Metall, die ich zur Verfügung hatte, meine Hanffesseln aufzudröseln.
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, und es war bestimmt eine Viertelstunde, bis ich nennenswerte Arbeit verrichtet hatte. Immer wieder spannte ich die Muskeln und versuchte, die angenagten Stricke zu zerreißen; schließlich sagte mir der trockene, scharfe Ton nachgebender Fasern, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich mobilisierte den Rest meiner angeschlagenen Kräfte und drückte zugleich die Fesseln zwischen meinen Handgelenken so fest ich konnte gegen den Nagelkopf. Das vollbrachte den Trick – die verbliebenen Seilfasern rissen wie die Dominosteine, und endlich konnte ich meine Hände wieder zu was anderem gebrauchen, als mich am Po zu kratzen. An meinen Gelenken hingen noch immer gut anderthalb Meter Seil. Die Burschen hatten auf Nummer sicher gehen wollen.
Ich streifte den Rest meiner Fesseln ab und rieb mir die Druckstellen. Das Blut begann prompt, in meine Hände zurückzuströmen, und es war nicht gerade angenehm. Es prickelte wie die Hölle, und ich stöhnte ein bisschen vor mich hin und rieb mir weiter die Handgelenke, und schließlich wurde es wieder besser. Ich sah mich in der düsteren Höhle um und ortete das Fass mit dem Whiskey, das ich noch von meinem letzten Besuch kannte. In einer Ecke trieb ich dann auch eine der Blechtassen auf, und ich genehmigte mir eine nette Portion. Der Alkohol drang mir durch die Adern, und für eine Sekunde blieb mir die Luft weg. Erfreulicherweise blieb aber sonst alles an Ort und Stelle, soll heißen, mein Magen spielte das Spiel mit. Ich holte eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Sie schmeckte noch. Ich gehörte noch der menschlichen Rasse an. Dann kam mir die Idee, dass ich meine Fesseln genausogut hätte verbrennen können, aber was sollte es noch. Ich war frei, ich hatte Schnaps und ich rauchte. Ein Spiel mit dem Feuer hätte ohnehin ein wenig heiß werden können.
Gut, das mit dem Freisein hatte ich ein wenig übertrieben. Ich saß noch immer hier in der Hütte, und wenn Zottelhaar es nicht geschafft hatte, sich mit reiner Muskelkraft zu befreien, dann musste ich wie gesagt gar nicht erst den Versuch unternehmen, die Tür oder die Fenster einzuschlagen.
Ich trank noch einen Schluck von der Medizin. Dann ging mir auf, dass es eiskalt war hier drinnen. Ich zog mir wieder den Mantel an und machte ein Feuer im Ofen. Es dauerte ein bisschen, bis das Ding richtig zog; alles in allem war ich sicherlich eine Dreiviertelstunde hier zugange. Wenn Zottelhaar ernst machte mit seinem Versprechen, so bald wie möglich wieder zurückzukommen, konnte er nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Besser also, ich machte mir ein paar Gedanken über den Empfang, den ich ihm bereiten wollte.

Das Schlachtfeld war wohlbestellt, aber mein erwarteter Besuch ließ auf sich warten. Nachdem ich meine Vorbereitungen beendet hatte, hatte ich nicht mehr viel zu tun. Ich legte Holz im Feuer im Ofen nach, und der Raum wurde langsam wärmer, und ich nippte ab und zu von dem Whiskey, und schließlich aß ich sogar eine Kleinigkeit, immer mit einem Ohr nach draußen horchend, wo der Wind heulte und, nach allem, was ich wusste, der Schnee noch immer fiel.
Ich war mit meinen Gedanken allein, und sie begannen, das übliche Eigenleben zu führen. Ich ließ sie gewähren, behielt aber das eine Ohr für mich, um sicherzugehen, nicht überrascht zu werden. Ich rückte einen Stuhl vom Tisch weg und hinter die Tür, und setzte mich und lehnte mich zurück an die Wand, und nippte weiter von dem Whiskey und rauchte ab und zu eine Zigarette. Meine Gedanken taten den Rest.
Ich dachte an Tufts Haus über der Steilküste, wie es über dem Anprall des Meeres stand wie eine mittelalterliche Festung. Es war kein altes Haus, aber es mutete an, als stünde es an diesem Ort schon für alle Zeit, ein prähistorisches, oder, besser noch, ahistorisches Relikt, aus dem Boden gewachsen mit dem Beginn der Zeit. Das war die Atmosphäre, die es ausstrahlte, und das war das Gefühl, das ich hatte, als ich Tuft besuchte, und auf das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht meinen Finger legen konnte.
Wenn ich so darüber nachdachte, dann hatte das ganze Dorf eine ähnliche Anmutung. Nicht genau die gleiche; es war letztlich nur ein Dorf, ein Dorf am Ende der Welt. Aber wie mir bei meiner Ankunft hier schon aufgefallen war, atmete auch das Dorf diese seltsame Atmosphäre, die Tufts Haus verkörperte: Zeitlosigkeit. Vor ein paar Tagen dachte ich, dass es daran läge, weil die Zeit sich davongestohlen habe. Inzwischen hatte ich eher das mulmige Gefühl, dass die Zeit von diesem Ort absichtlich ferngehalten wurde. Es war, als ob dem Dorf eine wichtige Dimension fehlte, die vierte Dimension der Zeit. Alles erschien auf eine seltsame Weise flach, die die Augen nicht wahrnehmen konnten, aber der Kopf und der Körper fühlten es trotzdem, und man kam nicht darauf, was es war, aber es war da. Und die seltsamen Bilder Hendrichs, in denen er, allen handwerklichen Mängeln zum Trotz, das Leben einfing, wirklich einfing, hatten etwas damit zu tun.
Vielleicht, weil ich hier so allein in einer einsamen Hütte saß, und weil ich mir ziemlich verloren vorkam an diesem Ort, dachte ich plötzlich an Phil. Sie war ein seltsames kleines Mädchen. Das war, wie sie mir erschien, ihrer sechzehn oder achtzehn Jahre zum Trotz, und das war, was mich in erster Linie davon abgehalten hatte, mit ihr intim zu werden – dass sie mir vorkam wie ein kleines Mädchen, vier oder fünf oder sechs Jahre alt vielleicht, den Zigaretten zum Trotz. Sie erinnerte mich an meine Tochter, und sie erinnerte mich an das Mädchen, das ich geliebt hatte, in einer kaum verständlichen, aber dennoch vorhandenen Verbindung, und vielleicht war das die Erklärung für die Anziehung, die sie auf mich hatte, und für die Abwehr, die ich ihr gegenüber zugleich an den Tag legte. In anderen Worten, sie war nichts anderes als eine Projektion der Dinge in meinem Kopf, meine Erinnerung an andere, bessere Zeiten, und das deckte sich mit dem dritten Gefühl, dass ich ihr gegenüber hatte: dass ich sie überhaupt nicht kannte. So oder so, auch sie verbarg etwas. Ich konnte es spüren. Ich spürte es bei jeder einzelnen Person in diesem verdammten Dorf.
Draußen im Schnee waren Schritte.

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Sonntag, Februar 08, 2009

Fern wie die Zeit (XXXV)

Es war schweinekalt, und würzige Seeluft umspielte meine Nüstern. Das war genau das, was ich brauchte. Ich hatte Kopfschmerzen, als hätte ich die letzten drei Nächte durchgesoffen. Eine Wiege wog mich in den Schlaf. Ein Vorschlaghammer demolierte mir den Hinterkopf. Mir war kalt, und zugleich war mir heiß. Fieber? Ich war hinundhergerissen zwischen gnädiger Ohnmacht und umbarmherzigem Erwachen. Tatsächlich fühlte ich michgar nicht gut. Das Schwanken und meine Benommenheit ergaben eine unselige Mischung. Eine Welle der Übelkeit stieg in mir auf, unvermittelt und unaufhaltsam wie ein Tsunami, und auf gut Glück beugte ich mich zur Seite und übergab mich, wie ich mich noch nie in meinem Leben übergeben hatte.
„Hey!“
Zottelhaar sprang zur Seite, aber ich erwischte ihn trotzdem, obwohl es gar nicht in meiner Absicht gelegen hatte. Er fluchte wie ein Wahnsinniger, und wahrscheinlich würde er mich gleich über Bord werfen. Mir war alles egal. Ich war ein geschlagener Mann, und mir war schlecht.
„David!“
Wieder so ein Machtwort Hendrichs. Der konnte mir auch gestohlen bleiben. Ich überantwortete mich noch ein paar Minuten einer gnädigen Ohnmacht.
Als ich zum zweiten Mal wieder zu mir kam, war es wohl, weil das Schaukeln gerade aufgehört hatte. Ich öffnete die Augen. Über mir der drückende Wolkenhimmel. Wurde es langsam hell? Ich sah mühsam umher. Ich war an Bord der Seestern, und wie es aussah, hatte ich die Fahrt verschlafen.
Mir wurde ein „Guten Morgen, Du Hundesohn“ zuteil. Zottelhaar und Hendrichs vertäuten gerade das Schiff, und Zottelhaar hatte entdeckt, dass ich noch unter den Lebenden weilte. Ich schien lange geschlafen zu haben, aber weder den Schlaf der Gerechten noch den der Gesundung. Ich fühlte mich elend. Wo zum Teufel waren wir hier? Naja, wenigstens hatten sich mich nicht wie angekündigt auf dem Meer entsorgt. Ich hätte mich kaum zur Wehr setzen können. Das ließ ja noch hoffen. Und sie hatten mir meinen Mantel übergezogen, wenn sie es auch nicht geschafft hatten, meine gefesselten Hände in die Ärmel zu bringen. Aber gut, das wär auch ein zu schönes Kunstststück gewesen.
Dann waren sie fertig mit ihrem Geschäft und bauten sich vor mir auf.
„Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang“, sagte Zottelhaar.
„Wohin bringt ihr mich?“ fragte ich, und ich legte ein wenig mehr Weinerlichkeit und Angeschlagenheit in diese Worte, als ich eigentlich empfand. Zuerst antwortete keiner, aber dann sagte Hendrichs:
„Wir bringen sie zu meiner Hütte und legen sie sozusagen auf Eis, bis wir entschieden haben, was wir mit ihnen machen. Los, kommen sie.“
Die beiden griffen mir unter die Arme, und dann stand ich auf dem schmalen Deck der Seestern und versuchte, mich nicht gleich wieder zu übergeben. Sie hievten mich über die Reling, und ein kleiner Sprung brachte mich auf den schmalen Sandstrand, auf dem ich dieses Boot schonmal gesehen hatte. Ich sagte „kleiner Sprung“, aber in meinem Zustand war es ein ewiger Fall, der mich zu Boden gehen ließ, besonders, da ich ja noch immer keine Hände zur Verfügung hatte, um mich abzustützen. Ich blieb erstmal liegen. Der Sand war feucht und kalt, aber so schrecklich unbequem war er auch wieder nicht.
„Los, weiter“, drängte Zottelhaar ungeduldig.
„Ich kann nich“, greinte ich.
„Los, komm schon!“
Er zerrte mich auf die Beine, aber meine Knie gaben netterweise sofort wieder nach, und ich machte es mir wieder auf dem Boden bequem. Mann, das war ja wirklich mal ein Zustand. Gut, konnte allerdings sein, dass ich ein wenig nachhalf. Ich wusste es gerade selber nicht so genau.
Sie standen eine Weile ratlos da, dann fügten sie sich ins Unvermeidliche und griffen mich unter den Achseln, einer links, einer rechts, und ab ging es in den verdammten Wald. Der Weg war kaum auszumachen im Zwielicht und unter all de Schnee, aber irgendwie schlugen die beiden sich durch, während ich mit meinen Beinen eine breite Schleifspur hinterließ. Die Dinge besserten sich. Ich wurde bereits auf Händen getragen, gewissermaßen. Vielleicht würden wir ja am Ende alle noch Freunde. Das wäre schön.
Der Weg zog sich hin. Ich war ja auch nicht der leichteste. Ab und zu legten Zottelhaar und Hendrichs eine kurze Pause ein, aber sie redeten nicht, sondern brüteten stumm vor sich hin. Ich brütete auch stumm vor mich hin. Ich fragte mich, auf was für ein verkorkstes Geheimnis ich hier gestoßen war und worauf zum Teufel ich mich eigentlich eingelassen hatte. Ich hatte nur einen Schuldner suchen wollen. Dann hatte man auf mich geschossen, mir aufgelauert, mich eingeschlossen, eine Minderjährige war mir an die Wäsche gegangen und ich hatte jede Menge Prügel erhalten, und immer auf den Kopf. Das war schwer verdientes Geld, wirklich wahr.

Schließlich erreichten wir die verdammte Hütte. Hendrichs öffnete die Tür, und Zottelhaar zerrte mich die letzten Meter hinein und legte mich unzeremionell auf dem Fußboden ab. Da lag ich nun und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Hendrichs zündete die Petroleumlampe auf dem Tisch an, und er und Zottelhaar unterhielten sich, als wäre ich gar nicht da. Naja, war ich ja auch nicht wirklich, jedenfalls nicht mein Kopf. Mein Kopf war irgendwo, wo es schön war, auf einer netten Südseeinsel. Ich schwankte noch immer zwischen Ohnmacht und Wachen hin und her.
„Pass auf ihn auf. Ich muss sofort zurück ins Dorf. Wir müssen uns überlegen, was wir wegen Michael unternehmen.“
„Wir hätten ihn damals schon umlegen sollen. Aber warte mal - ich soll schon wieder hier draußen bleiben?“
„David, es ist wichtig. Ich will denk Kerl nicht alleine hierlassen. Du wolltest ihn hierher bringen, also passt du auch auf ihn...“
„Schonmal drüber nachgedacht, wie du ohne mich so schnell wieder ins Dorf zurückkommst, Frances?“ schnitt ihm Zottelhaar das wort ab. „Ich mein, du hast ‘ne Menge Talente, aber Segeln gehört nich dazu, oder?“
Hendrichs war erstmal still. Dann gab er klein bei.
„Du hast Recht. Bring mich zurück, aber dann komm wieder hier raus und pass auf den Kerl auf.“
„Und du gibst mir ein paar aus, wenn dieser Mist hier vorbei is. Das bist du mir echt schuldig.“
Die beiden waren in Eile. Keine Ahnung, was dem Dorf so Schreckliches drohte, aber sie dachten offenbar, keine Zeit zu verlieren zu haben. Sollte mir Recht sein. Sie schoben ab durch die Tür und sperrten zu, und draußen rüttelten sie nochmal zur Kontrolle an den Fensterläden. Aber sie durchsuchten mich nicht, und sie kontrollierten nicht mal den Sitz meiner Fesseln. Ich hatte erstmal meine Ruhe. Gut ging es mir immernoch nicht. Aber wenigstens hatte ich nicht mehr den Drang, mich zu übergeben. Ich gönnte mir noch fünf, sechs stille Minuten auf meinem Fußboden, dann brachte ich mich mühsam auf die Beine. Immerhin, die gehorchten mir schon wieder besser. Ich wartete noch kurz ab, dann sah ich mir das Chaos an, das Zottelhaar hinterlassen hatte.

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Samstag, Februar 07, 2009

Fern wie die Zeit (XXXIV)

„Ich will ihnen mal sagen, was David denkt“, fing er an.
„Er denkt, dass sie hier sind, um mich umzubringen und die Gallerie abzubrennen, oder etwas in der Art. Er denkt es aus gutem Grund. Er brennt richtig darauf, sie fertig zu machen und in einem Sack mit ein paar Steinen drin ins Meer zu werfen. Hab ich mich klar ausgedrückt? Sie legen also besser ihre Karten offen. Sie haben nicht mehr viel Zeit dazu.“
Meine Zigarette war am Ende. Ich spuckte den glühenden Stummel auf den Teppich. Ausdrücken war nicht.
„Ich brauch auch keine Zeit dazu. Sie kennen die verdammten Karten. Und jetzt treten sie lieber die Kippe aus, oder dieser Laden hier brennt als erstes ab.“
Hendrichs sah die Kippe und trat sie aus.
„Wo ist eigentlich Fanny Gros?“ fragte ich ihn.
„Sie ist heute Nacht nicht hier. Wer ist ihr Auftraggeber?“
„Kann mich nicht erinnern.“
Ich wusste nicht warum, aber es machte mir Spaß, ihn zu ärgern. Ich war sauer über meine eigene Dummheit, und ich war auch sauer darüber, wie er hier mit mir umsprang, und am meisten ärgerte ich mich über seine Drohungen. Gut, klug war das nicht. Hendrichs ging zur Tür und sagte:
„David!“
„Also gut, also gut“, beschwichtigte ich ihn. „Ich rede. Machen sie die Tür wieder zu und setzen sie sich hin.“
Er dachte drüber nach, ob er mich gleich oder erst später fertigmachen lassen wollte. Dann vertröstete er David auf später und setzte sich wieder, mir gegenüber.
„Ich hab ihnen die Wahrheit gesagt. Ich sollte sie wegen Schulden suchen. Ich hab jetzt das Gefühl, es ist vielleicht nichts dran an der Schuldensache. Kann das sein?“
Er nickte stumm, auffordernd.
„Okay. Also, der Typ kam vor ungefähr zwei Wochen in mein Büro. Ein großer, runder Typ, dunkler Mantel, dunkler Hut, und Schuhe, von denen ich zwei Monatsmieten hätte bezahlen können. Soweit so gut?“
Er nickte wieder.
„Er nannte sich McMasters. Rondolph McMasters. Mit dem Namen hat er jedenfalls den Scheck seiner Anzahlung unterschrieben. Er bat mich, sie zu finden, und gab mir ein Bild von ihnen.“
„Wo ist es?“
„Muss irgendwo in meiner Hosentasche sein. Wenn sie mich losbinden, hol ich’s ihnen raus.“
Er lächelte schwach und trat hinter mich.
„Bleiben sie sitzen, bemühen sie sich nicht.“ Dann fummelte er das zusammengefaltete Stück Papier aus meiner Hosentasche. Er warf einen Blick auf die Zeichnung, und sein Gesicht wurde zu Stein. Er eilte zur Tür.
„David!“
Zottelhaar machte wieder seinen Auftritt. Er musste direkt an der Tür gestanden haben.
„Und, kann ich ihn jetzt...“
„Warte einen Moment.“
Hendrichs wandte sich wieder mir zu.
„Was weiter?“
„Er gab mir ‘ne Telefonnummer, für den Fall, dass ich sie auftue. Dann sollte ich Bescheid geben, und die Sache wär erledigt.“
„Und haben sie ihn schon angerufen?“
„Ich hab ihn angerufen, heute, vom Café aus.“
„Er weiß also, wo sie sind?“
War da eine Spur Panik in seiner Stimme? In seinen Augen jedenfalls nicht, die waren so tief und unergründlich wie eh und je. Aber die Stimme zitterte, kein Zweifel.
„Er weiß, wo sie sind?!“
„Ja. Zum Teufel, das war der Auftrag. Der ist erledigt jetzt. Nur kein böses Blut nicht.“
„Sie haben eine Riesendummheit gemacht. Schlimm genug, dass sie mich gefunden haben, aber dass sie meinen Aufenthaltsort an diesen Typen weitergegeben haben... David, es ist Michael.“
„Bist du dir sicher?“ Zottelhaar klang jetzt genauso bestürzt. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“
Plötzlich kochte er über wie der sprichwörtliche Topf, der er war. Er stürmte auf mich zu, und es war klar, dass er das nicht tat, um mich liebevoll zu umarmen. Ich konnte schon seine Faust durch die Luft sausen sehen. Mir blieben nicht viele Optionen übrig: Ich warf mich vom Stuhl und ihm entgegen.

Mein Kopf hatte schon einiges mitgemacht in dieser Nacht, aber er musste noch ein bisschen herhalten. Naja, wenn er schon zum Denken nicht wirklich zu gebrauchen war, dann wenigstens für eine kleine Prügelei.
Es war ein guter Satz, den ich tat. Fast konnte ich stolz drauf sein. Ich hatte genau die richtige Geschwindigkeit und Richtung, und im Resultat rammte ich dem heranrasenden Zottelhaar meinen Quadratschädel direkt in die Magengrube. Mit einem Schrei ging der Mann zu Boden. Ich wackelte, aber ich stand auf meinen Füßen. Ich trat ein bisschen nach, was nicht die feine englische Art sein mochte, aber unter diesen Umständen, wie ich fand, vertretbar war. Zottelhaar wand sich hin und her und versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Hendrichs reichte nach irgendwas im Hintergrund, und ich sah gerade noch rechtzeitig zu ihm auf, um zu entdecken, wie er mit der Nachttischlampe in der Hand auf mich zu kam. Auch er fand die feine englische Art im Moment offenbar nicht angemessen.
Ich warf mich nach rechts, dem Bett entgegen, und entging so dem Messingschaft. Glühlampe und Lampenschirm zerbarsten am Schrank, und das scharfe Klirren des Glases erfüllte den Raum. Nur das Deckenlicht erhellte jetzt noch das Zimmer. Zottelhaar zu meinen Füßen kam wieder auf die Beine. Das alles noch immer mit gefesselten Händen.
Ich warf mich in Richtung Tür und kam irgendwie zwischen Hendrichs und Zottelhaar hindurch. Mit der Schulter erwischte ich den Lichtschalter. Der Raum wurde stockdunkel, und ich duckte mich raus in den Gang. Wo ich gerade noch gestanden hatte, lädierte Zottelhaars Faust den Türrahmen, und er jaulte auf. All das wurde mir langsam entschieden zuviel. Ich gab Fersengeld, den Gang hinunter, und Hendrichs, wie ich vermutete, gleich hinterher. Also drückte ich mich gegen den Durchgang in die Küche, wenn der es war, und stellte ihm ein Bein. Er flog der Länge nach auf die Schnauze. Ich stieg über ihn hinweg und tastete mich mit dem Körper weiter durch den Flur. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer der beiden Schlaumeier endlich darauf kam, das Licht wieder einzuschalten. Dann wurde mir plötzlich klar: Ich floh in die falsche Richtung.
Ich war den Gang hinunter anstatt zur Haustür gelaufen, und stand jetzt vor der Treppe ins Obergeschoss. Ich schlich die Treppe hinauf, ganz leise jetzt. Was blieb mir anderes übrig. Ich hatte die halbe Strecke hinter mir, als das Licht wieder anging.
Ich eilte hinauf. Eigentlich hatte es keinen Sinn, außer ich fand ein Messer in Fanny Gros‘ Schlafzimmer, oder eine 45er unter ihrem Kopfkissen. Für beides standen die Chancen nicht eben gut. Ich hätte in die Küche laufen sollen, um dann im Dunkeln in der Besteckschublade mit dem Schneidwerkzeug herumzusuchen. Aber nun war ich hier. Und hinter mir hörte ich Schritte.
Es war Zottelhaar, mit Hendrichs Lampenschaft, und er war stinksauer.
„Ok, ok. Ich gebe auf“, sagte ich besänftigend, aber das schien ihn nicht zu beruhigen. Er kam auf mich zu, und eigentlich hätte ich auf ihn achten sollen und darauf, was er mit der verfluchten Lampe machte, um ihm vielleicht nochmal auszuweichen und das Spielchen ein paar Minuten zu verlängern, aber etwas Anderes fiel mir ins Auge: ein Bild von Fanny Gros, ganz oben im Flur an der Wand, ein Portrait in naiven Strichen, aber dennoch so lebendig, als ob es da von der Wand zu mir sprechen könne, ja, als wäre der Funken des Lebens selbst in diesem Bild. Im ersten Moment war es fast, als wäre sie es selbst.
Dann wurde es mal wieder dunkel.

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Freitag, Februar 06, 2009

Zur Finanz-, Wirtschafts-, Gesellschafts-, Weltkrise

"Aber niemand weiß, was er tut! Wir stehen nicht am Morgen auf und überlegen, was wir jetzt tun werden. Nein, Freundchen! Wir stehen in einem Nebel auf und schlurfen mit einem Kater durch einen finsteren Tunnel. Wir machen das Spiel mit. Wir wissen zwar, dass es ein schmutziger, lausiger Schwindel ist, aber wir können es nicht ändern - uns bleibt keine andere Wahl. Wir sind in gewisse Verhältnisse hineingeboren, haben uns ihnen völlig angepasst: Wir können da und dort ein wenig herumklempnern, wie man es an einem lecken Boot tun würde, aber etwas Anderes ist nicht möglich, es ist keine Zeit dazu, man muss in den Hafen kommen - oder bildet sich das wenigstens ein. Natürlich werden wir nie hinkommen. Das Boot wird zuerst untergehen, glaubt meinem Wort...[...]"
Henry Miller, Sexus.

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Fern wie die Zeit (XXXIII)

„Sie suchen mich“, sagte Hendrichs.
„Hendrichs“, sagte ich.
Hendrichs lächelte ein dünnes, aber nicht unsympathisches Lächeln.
„So heiße ich hier nicht“, sagte er. „Das ist mein Name aus einer anderen Welt. Hier heiße ich Henrie, Frances Henrie. Aber das wissen sie ja schon längst.“
Ich nickte und sagte für meinen Teil nichts.
„Was’n los, Frances? Soll’n wir den Typen nich lieber kaltmachen, solang es geht? Bald is das Bilderfest, und dann will ich ihn hier nich...“
Seine Stimme verlangsamte sich, und er brach ab, ohne den Satz zuende zu bringen. Auch ihm selbst ging auf, dass er sich verplappert hatte.
„Scheiße“, murmelte er.
„Danke, David. Wie wär’s, wenn du draußen auf mich wartest?“
„Jetzt müssen wir den Kerl erst recht loswerden. Tja, Pech gehabt hat er.“
„David.“
Zottelhaar wandte sich zu Hendrichs:
„Was denn, da draußen in der Scheißkälte, nachdem ich erst ewig in deiner verdammten Hütte gehockt bin?“
„Draußen im Flur. Los jetzt, geh schon.“
Zottelhaar brummelte vor sich hin, aber er räumte das Feld. Im Vorbeigehen gab er mir einen ordentlichen Knuff auf die rechte Schulter, der mir durch den ganzen Arm ging.
„Bis bald, du Ratte“, sagte er. Ich antwortete nichts. Ich wollte ihm keinen Grund geben, sich noch weiter an mir auszutoben, jedenfalls nicht, solange ich hier noch in Eisen lag. Er trollte sich schließlich. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ich machte eine innere Bestandaufnahme. Mein rechter Arm wurde langsam taub, und die Schulter schmerzte. An den Handgelenken faserten sich die Stricke auf, mit denen ich gefesselt war, und die Blutzirkulation in meinen Händen war mehr als dürftig. Mein Kopf fühlte sich matschig an, sofern ich das feststellen konnte, ohne ihn zu berühren. Aber ich konnte noch denken, leidlich gut, fast so gut wie vorher. Naja, wo nichts war, konnte man auch nicht viel verlieren. Ich war hier in diese billige Falle getappt wie ein blutiger Anfänger. Im einen Moment war man noch stolz auf seine tollen Reflexe, und im nächsten sowas. Ich hatte Zottelhaar nichtmal richtig gesehen, als er mich zu Boden schlug. Ich nahm jedenfalls an, dass es Zottelhaar gewesen war.
Hendrichs saß auf meinem Bett, bequem an die Wand gelehnt. Seine Augen ruhten auf mir. Ich zog die Brauen zusammen und beendete meine Selbstdiagnose. Ergebnis: ich lebte noch. Ich hatte also noch was zu verlieren.

„Wer hat sie geschickt?“

Hendrichs eröffnete das Gambit. Die Situation kam mir vor wie in einem Schmierenroman. Fehlte bloß noch, dass er mir mit der Nachttischlampe ins Gesicht leuchtete.
„Kann ich ne Zigarette haben?“ fragte ich ihn. „Sind in meiner Manteltasche. Der liegt da hinten im Eck, sehe ich.“
Hendrichs betrachtete mich. Dann stand er auf und
Griff nach dem Mantel. Er fand die Packung, steckte mir eine zwischen die Lippen und gab mir Feuer. Meine Fesseln löste er nicht. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, aber gehofft hatte ich natürlich trotzdem. Naja, nichts zu machen.
„Wer hat sie geschickt?“ nahm Hendrichs seinen Faden wieder auf.
Ich zog an der Zigarette und sah ihn an. Er sah nicht mehr unbedingt so aus wie auf dem Bild, von dem ich ihn bisher nur gekannt hatte, selbst wenn man die künstlerische Freiheit miteinrechnete. Seine Haare waren geschnitten, und sein Bart war rasiert. Er sah jetzt aus wie Attila der Hunne, wenn er sich als Geschäftsmann verkleidete. Soll heißen, er machte durchaus was her. Sein Blick war’s, der den Mann verriet. Der Blick und die Augen. Selbst eine Sonnenbrille hätte die nicht verbergen können. Klang vielleicht komisch, aber so war’s.
Ich konzentrierte mich wieder auf meine Zigarette. Es war gar nicht so einfach, das Ding zu rauchen, wenn man keine Hand freihatte, um die Kippe ab und zu aus dem Mund zu nehmen. Der ganze Rauch stieg mir in die Augen, und richtig ziehen und ausatmen war auch nicht drin. Naja, was sollte ich machen.
„Gibt’s ‘ne Chance, dass sie mir ‘ne Antwort glauben, oder dreht mich Zottelhaar so oder so noch ‘ne Runde durch die Mangel, um die Antworten glaubwürdiger zu machen?“
„Kommt ganz drauf an, was sie jetzt endlich antworten. Ich für meinen Teil hätte gar nichts dagegen, wenn David ihnen noch eine kleine Abreibung verpasste. Sie haben ihm ziemlich übel mitgespielt da draußen im Wald.“
„Er hatte ‘ne Kanone. Er hätte drauf aufpassen sollen.“
„Schluss jetzt. Wer schickt sie?“
Er saß am längeren Hebel und hatte alle Trümpfe in der Hand. Trotzdem fand ich ihn zu meiner eigenen Überrasching nicht unsympathisch. Er strahlte was aus, irgendeine Art von Aufrichtigkeit oder so was. Vielleicht war es so: Hier war ein Mann, der sich nicht verstellte. Er meinte, was er sagte. Mir wurde klar, er würde Zottelhaar mir sämtliche Knochen im Leib brechen lassen, wenn ich nicht bald meine Klappe aufmachte. Er war einer von denen, die ihre Versprechen halten.
„Ich bin Kunstsammler“, sagte ich. Ich konnte es einfach nicht lassen.
„Sicherlich. Deshalb haben sie auch eine Lizenz in ihrer Brieftasche.“
„Die haben sie sich angeschaut?“
„Natürlich. Was haben sie erwartet?“
Er nahm unseren kleinen Schlagabtausch mit Humor, noch. Aber erste Anzeichen von Ungeduld waren in seiner Stimme.
„Ok“, setzte ich an. „Sie haben Schulden in der Stadt, Hendrichs, mir egal wie sie hier heißen. Und sie haben ihre Schulden nicht beglichen, bevor sie sich aus dem Staub gemacht haben. Der Typ, dem sie was schulden, hat mich gebeten, ihnen ein bisschen auf den Zahn zu fühlen und rauszufinden, wo sie stecken. Es war nicht unbedingt einfach, aber ich hab’s rausgekriegt. Damit ist die Sache für mich erledigt.“
Hendrichs hörte sich meine Ausführung an, dann setzte er sich wieder aufs Bett.
„Das ist alles, was ihnen einfällt?“
„Ja, weil’s die verdammte Wahrheit ist.“
„Was wissen sie über meine Bilder?“
„Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, ich find sie naiv, von der Strichführung und der ganzen übrigen Ausführung her. Ich hab ‘nen Freund, dessen Sohn ist in der vierten Klasse, und der würde sie schlagen. In der Hinsicht nichts Besonderes also. Billige, naive Kunst.“
Er betrachtete mich belustigt. Keinerlei Anzeichen, dass er mir krumm nahm, wie ich über seinen Stil herzog.
„Was haben sie dann oben bei Tuft gemacht?“
„Rausgefunden, dass sie hier sind. Er ist ein verschlossener alter Kerl, aber nicht unbedingt so verschlossen, wie er vielleicht hätte sein sollen.“
„Kein Interesse an den Bildern?“
„Hab keine gesehen. Kann sein, dass unter den Segeltuchplanen welche waren. Hat mich nicht gekümmert. Aber ein großartiger Blick übers Wasser.“
Hendrichs sah mich an und machte ein Gesicht, als würde er nicht so recht schlau aus mir. Dann machte zur Abwechslung er mal den Mund auf.

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Donnerstag, Februar 05, 2009

Fern wie die Zeit (XXXII)

Es war nach Mitternacht, als ich wieder bei Fanny Gros anlangte. Ich bahnte mir den Weg durch Eis und Schnee. Die Temperatur war gefallen wie ein Stein. Zum Glück hatte ich sie nicht an den Kopf bekommen.
Der Schnee türmte sich bereits auf dem Weg und sonstwo, wo immer sich ihm eine Gelegenheit dazu bot, und die ersten Schneewehen wurden vom Wind zusammengetrieben. Es war ein Wintereinbruch, der sich gewaschen hatte. Teilweise wurde das Schneetreiben auf meinem Rückweg so dicht, dass ich Hand und Weg nicht mehr vor Augen sah. Ein paar Mal dachte ich, ich hätte mich verlaufen, aber ich war ein alter Spürhund: Am Ende stand ich genau vor Fanny Gros‘ Haustür.
Das Kreischen der Haustür ging im Heulen des Windes unter, und ich schob mich in den Flur und die Tür hinter mir wieder zu. Ich klopfte mich ab und hinterließ eine Pfütze. Den Weg zu meinem Zimmer stolperte ich im Dunkeln, mit dem Alkohol in meinen Adern und der Erschöpfung eines langen Tages in meinem Kopf. Ich schloss die Tür zu meinem Zimmer auf und merkte erst beim zweiten Schlüsseldreh, dass das verdammte Schloss schon offen war. Ich bückte mich, um nach dem Haar zu sehen, das dort hätte sein sollen, und die Tür öffnete sich. Ich blickte auf, um zu sehen, wer da an meiner Türe zog, und etwas Hartes, Schweres krachte mir auf den Schädel. Ich ging zu Boden wie die Temperatur, soll heißen, ich fiel mit einem lauten Krachen auf die Dielen. Dann verpasste mir der Unbekannte noch eine. Danach war erstmal Sendepause, denn ich ging aus wie ein Licht. Dann nur noch traumlose Stille.

Es war mitten in der Nacht, nach allem was ich wusste. Dem Gefühl nach saß ich aufrecht. Flüssigkeit troff mir übers Gesicht, immer wieder. Vielleicht regnete es. Höhnische Stimmen drangen an mein Ohr, wie aus großer, ferner Tiefe. Große Tiefe. Wo ich wohl drinsteckte? Dann brannte es auf meiner Backe, und ich grunzte unwirsch. Scheiße, da, wo ich gerade herkam, war es viel friedlicher. Jetzt eine andere Stimme, undeutliche Wortfetzen:
„...nicht so fest zuschlagen brauchen... unnötig...“
Und wieder die höhnische, die klang, als würde sie schimpfen. Auf mich?
Ich saß aufrecht. Soviel konnte ich feststellen, ohne die Augen zu öffnen. Ich versuchte probehalber mal das linke Auge. Nichts Besonderes zu sehen. Hell. Die beiden Stimmen stritten sich immernoch, leiser jetzt. Das rechte Auge sagte mir, dass ich in meinem Zimmer war. Zwei Schatten bewegten sich neben dem Bett, und ich machte es gleich wieder zu. Ich saß auf dem Stuhl am Tisch. Mein Körper fühlte sich kalt und fremd an, als ob ich ihn per Fernbedienung steuern müsste. Ich versuchte, die Hände zu bewegen, und musste feststellen, dass sie auf den Rücken gefesselt waren. Die Stricke brannten. Sie waren fest angezogen, das musste man den Burschen lassen. Die eine Stimme kam mir inzwischen entfernt bekannt vor. Meine Augen hielt ich erstmal geschlossen. Ich konnte nicht sehen, dass ich durch die Rückkehr aus meiner Bewusstlosigkeit irgendetwas zu gewinnen hatte. Die beiden papperten weiter, einen Mischmasch aus Silben und Lauten, den ich nicht richtig verstand. Ich hatte wohl noch ziemlich einen in der Birne. Dann fingen sie wieder an, mir Wasser ins Gesicht zu kippen.
„Komm schon, du Ratte. Mach deine Augen auf.“
In dem Tonfall ließ ich mich gern länger bitten. Ich ließ meine Augen geschlossen.
„Ganz wie du willst“, sagte die Stimme, und im nächsten Moment erwischte mich eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Der Bursche hatte ordentlich Saft in den Knochen. Ich fiel fast vom Stuhl und öffnete auch die Augen. Er hatte, was er wollte.
„Na also. Hättest nicht gedacht, mich so schnell wiederzusehen, was?“
Ich stellte auf den vorderen der beiden Typen scharf, den mit der Ohrfeige. Es war Zottelhaar. Ich musste ihn offensichtlich nicht mehr aus der Hütte befreien, gut. Er hatte mir hier in meinem Zimmer aufgelauert und war offenbar nicht gut auf mich zu sprechen, schlecht. Ich saß in der Klemme.
„Na, wie sieht’s aus, du Saftsack. Ich sollte dich gleich kalt machen.“
„David“, sagte der andere Typ. Ich nahm meine Augen von Zottelhaar und versuchte, den anderen Mann im Zimmer zu erfassen. Wenn man sich nach jemandem um- und denjenigen dann anschaut, sieht man immer zuerst auf die Augen. Keine Ahnung, warum das so war, aber so war es. Die Augen sind das mächtigste Instrument, das wir haben, um miteinander Kontakt aufzunehmen. Ein Blick kann mehr kommunizieren als tausend Worte. Auch sollen die Augen das Fenster zur Seele sein, wie es immer heißt. Wenn es danach ging, waren die meisten Seelen, denen ich so begegnet war, nicht unbedingt der Rede wert, sondern stumpf und zerbrochen, wohl an den Unwägbarkeiten des modernen Lebens. Es gab allerdings auch Ausnahmen. Eine von denen hatte ich augenscheinlich vor mir. Es war Hendrichs. Ich blickte in die beiden dunklen mongolischen Löcher, und in Person waren sie noch tiefer und unergründlicher als auf seinem Bild. Er erwiderte meinen Blick, und seine Augen brannten sich in mich regelrecht hinein. Schwarz wie eine mondlose Nacht, und keine Sterne in Sicht, nirgends.

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Mittwoch, Februar 04, 2009

Fern wie die Zeit (XXXI)

„Philadelphia?“
Phil fuhr auf. Der Schmerz in ihrer Schulter schien für den Augenblick vergessen.
„Meine Tante!“ Sie raffte ihren Pullover zusammen und versuchte, ihn anzuziehen. Ich wollte ihr dabei helfen.
„Dafür ist keine Zeit.“
Phil sprach eilig und leise, fast ein Flüstern. Sie raffte Pullover und Handtuch zusammen und schob mich aus dem Schlafzimmer. Ihre Tante rumorte bereits am Fuß der Treppe.
„Warte, das Bett!“ Wir kehrten um und zogen das Bett wieder an seinen angestammten Platz in der Mitte des Raumes.
„Philadelphia! Was machst du da?“
Die Stimme klang, als bemühte sich ihre Besitzerin, nett und freundlich zu sein. Aber man konnte hören, dass diese Freundlichkeit an einem seidenen Faden hing, und dass der jederzeit reißen konnte. Ich verstand, was Phil gemeint hatte. Sie war hier nicht wirklich willkommen. Man musste kein Genie sein, um das zu merken.
Man musste auch kein Genie sein, um festzustellen, dass ich nun hier im Obergeschoss feststeckte. Tante Emma war nun auf der Treppe und kam herauf. Ihr Schlurfen auf den engen Stufen war klar zu hören. Großartig: Ein erwachsener, fremder Mann in einem fremden Haus in einem kleinen Dorf, zusammen mit einem Mädchen im BH. Ich konnte mir ausmalen, was das für Folgen haben würde. Wenn man mich nicht lynchte, konnte ich wahrscheinlich von Glück sagen.
„Hier rein, schnell!“
Phil winkte mir frenetisch mit ihrem gesunden Arm, mit ihren Nerven am Ende. Ich huschte still und leise in das angewiesene Zimmer, und Phil folgte mir. Es musste das Gästezimmer sein, das Phil für die Dauer ihres Aufenthaltes bewohnte. Ich dachte das, weil es chaotisch aussah wie überall auf der Welt, wo Minderjährige hausen.
„In den Schrank, schnell!“
Sie öffnete die Tür zu dem Einbauschrank, der an einer Seite des Zimmers in der Wand war. Das Ding sah aus, als könnte es jeden Augenblick in sich zusammenbrechen, aber ich hatte keine Wahl und vor allem keine Zeit, um pingelig zu sein. Also schlüpfte ich hinter Phils Kleider, eines neben dem anderen an der Stange, und Phil schloss die Schranktür hinter mir.
Die nölige Tantenstimme schallte noch ein letztes „Philadelphia“, mit der typischen Betonung einer Frage und der hochgebogenen Stimmhöhe am Ende, und dann stoppten die Schritte und sie sagte „Philadelphia!“, aber jetzt mit dem Klang einer schockierten Empörung und mit einem klar vernehmbaren Ausrufezeichen.
„Philadelphia! Was soll das!“ Offensichtlich hatte sie die halbnackte Phil zu Gesicht bekommen. Den Krach vom Bettenschieben würde sie über diese Entdeckung vielleicht vergessen, hoffte ich.
„Ich, ich bin gestürzt, Tante“, plapperte Phil drauflos, „hier auf die Schulter.“ Ihre Stimme klang seltsam schrill. Ich hoffte, dass nur ich das merkte.
„Ich wollte sehen, wie es aussieht“, fuhr sie fort, „und...“
„Gestürzt? Wie ist das denn passiert?“
„Die Türschwelle! Unten!“ kam es nach einem kurzen Zögern von Phil zurück. „Ich habe nicht aufgepasst und...“
„Philadelphia, wie oft soll ich es dir noch sagen: Hör auf mit dem Herumrennen und benehme dich wie ein anständiges Mädchen. Und wie du herumläufst!“
In der Stimme war eine Mischung aus Überdruss und Eis. Mein erster Eindruck der Tante vor wenigen Tagen erwies sich als zutreffend. Sie war schrecklich.
„Lass mal sehen“, resignierte sie endlich, mit einem Seufzen, als trüge sie die Last der Welt auf ihren vertrockneten Schultern. Ich war mir sicher, dass es ihr so vorkam.
Schweigen, Füßetrappeln und Murmeln dann.
„Trotzdem, so kannst du nicht herumlaufen! Was sollen die Leute denken.“
„Tante, wer soll mich denn sehen?“
„Schluss, ich will, dass du dir etwas anziehst. Und dann essen wir zu Abend. Es ist schon spät.“
Schritte kamen in meine Richtung und näherten sich dem Schrank. Was war jetzt los? Ich rückte in die hinterste Ecke, bemüht, kein Geräusch zu machen,
„Tante! Wohin willst du!“ rief Phil. Die Schritte stoppten vor der Schranktür, und ihre Tante antwortete irritiert:
„Zum Schrank, wohin sonst. Ich hole dir etwas zum Anziehen. So kannst du nicht herumlaufen.“
„Ich, ich habe meinen Pullover gleich hier! Wirklich!“
Hektische Geräusche schlossen sich an. Die Tante seufzte auf der anderen Seite der Schranktür und räumte dann im Zimmer herum. Von Phil war für den Moment nichts zu hören.
Dann öffnete sie den verdammten Schrank.

Ich hatte Glück, in zwei Teilen, mit einer Pause dazwischen gewissermaßen. Sie öffnete ihn nur einen Spalt. Das war der erste Teil meines Glücks. Der zweite Teil war, dass keine harten oder spitzen Sachen unter den Dingen waren, die sie unbesehen in den Schrank staute, halb werfend und halb stopfend. Ich bekam in meinem Versteck einen Schwung getragener Wäsche ab, aber ich rührte mich nicht. Ein winziges Stückchen Stoff, das wohl einen Tanga darstellen sollte, traf mich am Kopf und baumelte nun an meinem linken Ohr. Bei meinem Glück war das Ding sicher bereits getragen. Großartig. Dann war es vorbei mit der Wäsche, und Tante Emma schlug mir die Schranktür ins Gesicht. Sie hatte mich nicht bemerkt – „weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, wie der Dichter sagt. Aber im Ernst, wer erwartete denn auch schon einen fremden Mann in seinem Kleiderschrank?
„Tante!“
Phils Stimme klang nach Herzinfarkt, und ich konnte mir lebhaft ausmalen, wie sie sich fühlte, mit ihrer Tante an der Tür zu meinem improvisierten Versteck.
„Ich räume deinen Saustall auf, meine Liebe. Und du wirst nach dem Abendessen weitermachen, verstanden?“
Die Worte ‚meine Liebe‘ troffen dabei von allem außer der selbigen. Phil brachte ihre Antwort gerade noch so heraus:
„Ja, Tante, wie du willst“, und ich befürchtete, sie könnte zu guter Letzt auch noch in Ohnmacht fallen. Aber mit den Worten „Gut, dann komm jetzt“ entfernten sich sowohl die Tante als auch Phil vom Schauplatz des Geschehens, eine Tür klickte, und ich war allein in meinem Refugium. Ich nahm den Tanga vom Kopf und brachte mich der Schranktür wieder ein paar Zentimeter näher. Ich drückte vorsichtig dagegen, und sie rührte sich keinen Zentimeter. Natürlich. Und weil es eine Schranktür war, hatte sie innen auch keine Klinke. Ich seufzte und atmete ein paar Mal langsam ein und aus. Die Luft im Schrank war muffig, und durch die alte Wäsche wurde sie nicht besser. Das Eingesperrtsein in dunklen Räumen wurde mir inzwischen zur schlechten Angewohnheit. Ich lauschte. In der Ferne des Hauses klapperten Teller. Tante und Nichte saßen um den Tisch zum Abendbrot. Zweifelsohne ein rührender Anblick. Ich wünschte ich könnte dabeisein. Dann verbiss ich mir die gewohnte Ironie und holte meine Brieftasche hervor. Der älteste Trick der Welt, aber im gefühlt ältesten Schrank der Welt konnte er wiederum hinhauen. Ich entnahm eine meiner Scheckkarten. Durch die Ritze der Tür drang ein wenig Licht, aber es war zu dunkel, um festzustellen, welches Kreditinstitut ich gleich missbrauchen würde. Ich hoffte einfach, dass die Karte es überstände.
Mit Fingerspitzengefühl und Vorsicht fummelte ich das Plastik in den Türschlitz. Es dauerte ein bisschen, bis ich den Schnapper gefunden hatte, und dann forderte es noch eine Menge Feingefühl und ein paar vergebliche Versuche, aber schließlich machte es leise Klick, und die Tür schwang einen Spalt auf. Klick. Ein einfaches, simples, und doch so schönes Geräusch. Es erfreute mein Herz.

Ich trat aus dem Schrank und sah mich im Zimmer um. Das Licht brannte, und das Chaos von vorhin war ein wenig eingedämmt, soll heißen im Schrank jetzt. Die Zimmertür war geschlossen. Ich meinerseits beschloss, mich aus dem Staub zu machen, ohne auf Phil oder ihre Tante zu warten. Ich hatte keine Ahnung, wo im Haus sie waren, und ich wollte in keine rührende Familienszene platzen. Ich entschied mich daher für den Weg des geringsten Widerstandes. Die Schranktür blieb einen kleinen Spalt offen, um Phil bei ihrer Rückkehr zu signalisieren, dass ich mich verabschiedet hatte, dann ging ich zum Fenster und schob es auf. Die eiskalte Nachtluft strömte mir entgegen, und ich atmete zwei tiefe Züge. Die Nacht war noch immer dunkel, aber nicht mehr so sehr wie vorhin, denn der Schnee fiel noch immer. Sein Weiß bedeckte die Landschaft und machte sie heller. Die Wolkendecke war allerdings noch immer geschlossen und würde das wohl auch bleiben, also war nicht viel Licht da, das vom Schnee reflektiert werden konnte. Aber zum Kuckuck, Betrachtungen der Natur konnte ich später anstellen. Die brachten mich an dieser Stelle auch nicht weiter.
Kurzentschlossen schwang ich ein Bein aus dem Fenster, und dann das andere hinterher. Unter mir schneebedeckte Büsche. Es musste zwei oder drei Meter sein. Auf dem Fensterbrett sitzend überschlug ich im Kopf und kam auf eher drei. Das war zu schaffen. Ich zog das Fenster hinter mir wieder so weit herunter, wie es eben so ging, und bereitete mich auf den Sprung vor, als meine Füße eine schmale Leiste auf Höhe des Fußbodens ertasteten. Umso besser. Mit Zehen- und Fingerspitzen krallte ich mich an Leiste und Fensterbrett, und so gelang es mir, das Fenster ganz zu schließen. Dann brachte mich ein umgekehrter Klimmzug dem Boden beträchtlich näher, und nach einem letzten vergewissernden Blick über die Schulter stieß ich mich mit den Beinen stieß leise von der Hauswand ab und landete nach einem kurzen Flug ein Stückchen weg in Schnee und Astwerk. Es war keine weiche, aber auch keine harte Landung, und der kalte Schnee möbelte mich auf. Ich schälte mich aus dem Gebüsch und klopfte mir den Schnee ab. Ich hatte genug für einen Tag. Es war an der Zeit, zu meinem eigenen Bett zurückzukehren, wo ich für mich und in Frieden ein paar Stündchen schlummern konnte. Kaum zu fassen, was einem so passieren konnte in einem verlorenen Dorf wie diesem. Wenn ich das erzählte, glaubte mir das kein Mensch. Ich glaubte es ja selbst nicht wirklich.
Beschwingt strebte ich am Laden vorbei, als es mir einfiel, siedendheiß und plötzlich: Neben der Tür musste noch meine Schnapsflasche stehen. Ich schlich nochmal heran, leise wie ein Dieb, und fand sie hinter einer kleinen Schneewehe, die ein gnädiger Wind just an das Beweisstück gelehnt zusammengepustet hatte. Der Whiskey war gut kalt jetzt, und ich schnappte ihn mir, entfernte mich wieder und leerte dann den Rest der Flasche in einem Zug. Wohlig brandete der Alkohol an die Begrenzungen meines Seins. Soll heißen, er war genau das, was ich jetzt nötig gehabt hatte. Wunderbare Wärme breitete sich aus. Ich musste wirklich vorsichtiger sein, wenn ich mich so heimlich herumtrieb. Am klügsten war es sowieso, mit dem Saufen aufzuhören, sagte ich mir zum soundsovielten Male. Die Flasche landete im Hafenbecken. Der Tag war vorüber. Ich zündete mir nicht mal mehr eine Zigarette an.

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