Fern wie die Zeit (XXXXI)
„Nu mal raus mit der Sprache. Was wird hier gespielt?“
Die Flinte hielt ich schräg über meinem Schoß, mit genügend Sicherheitsabstand zu Tuft, damit ich nicht wieder angesprungen werden konnte. Nicht dass ich bei ihm wirklich damit rechnete. Aber ich dachte mir mittlerweile, dass ich besser auf alles vorbereitet wäre.
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden“, antwortete Tuft.
Gut, wenn er den harten Mann markieren wollte, dann konnte ich ihm gerne auf die Sprünge helfen.
„Ich kann ihnen gerne mal auf die Sprünge helfen“, sagte ich ihm.
„Folgendes ist der Sachverhalt: Letzte Nacht haben mir Frances Henrie und David Zottelhaar in meinem Zimmer aufgelauert. Sie haben mich niedergeschlagen, gefesselt, mir angedroht, mich im Meer zu versenken, dann wieder niedergeschlagen und in Frances‘ Hütte im Wald verschleppt. Eine ganz einfache Frage: Warum?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden.“
Ich stöhnte auf und trank schnell noch etwas von meinem Kaffee.
„Frances zeichnet Bilder – vom Dorf, von den Menschen hier. Schlechte Bilder in der Ausführung, aber einzigartige Bilder in ihrem Inhalt – dem, was er darin einfängt. Ich habe noch nie solche Bilder gesehen. Eine einfache Frage: Warum?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden.“
Er hörte sich an wie eine kaputte Schallplatte. Aber jetzt war seine Stimme gepresster, die Lüge deutlich herauszuhören, wie ich fand.
„Tuft“, sagte ich, „sie haben hier ne Galerie, und ich weiß genau was für eine. Kommen sie mir also nich blöd. Sie wissen genau, von welchen Bildern ich rede, und sie wissen auch genau, was es mit denen auf sich hat.“
Mit diesen Worten stand ich auf und schritt zum Segeltuchverhang. Mit einem scharfen Ruck riss ich das Ding von den paar Nägeln, an denen es hing. Triumphierend wies ich auf die darunter zum Vorschein kommenden Zeichnungen und Gemälde. Ich hatte Recht gehabt.
„Und was ist das da?“ fragte ich mit dem selbstgewissen Ton des Siegers.
„Es sind Bilder vom Dorf. Aber es können nicht die sein, von denen sie sprechen.“
Seine Stimme war kühl und schneidend. Man musste kein Genie sein, um zu merken, dass er dachte, wieder Oberwasser zu haben. Das gefiel mir nicht. Ich warf einen Blick auf die Bilder, und was ich sah, gefiel mir noch viel weniger. Er hatte Recht. Es waren zwar Bilder, und Bilder vom Dorf und von einzelnen Personen, Panoramen und Portraits und der ganze Mist, aber sie waren nicht wie die Bilder Hendrichs. Diese Bilder waren tot. Es waren ganz gewöhnliche, hundsalltägliche, langweilige Bilder.
„Sie sehen, ich weiß wirklich nicht, wovon sie reden – und nun verlassen sie mein Haus!“
Tuft war aufgestanden und bewegte sich auf mich zu. Es war, als könne er meine Verwirrung und Mutlosigkeit spüren, und wolle daraus das größtmögliche Kapital schlagen. Er war schon fast so nah, dass er nach meinem Gewehr greifen konnte. Ich wusste, er würde es tun, wenn er die Gelegenheit dazu bekäme.
„Noch einen Schritt näher, Tuft, und sie können ihre schönen weißen Wände streichen.“
Der Ton in meiner Stimme machte sogar mir Angst. Ich schien schlimmer erschüttert, als ich mir selbst eingestand. Tuft wich zurück, selbst mit einem Flackern von Angst jetzt in seinem Gesicht, seinen Augen. Die Selbstsicherheit hatte er für den Augenblick wieder eingepackt und im Hinterstübchen verstaut. Meinetwegen konnte es dabei erstmal bleiben.
Ich hatte gedacht, ich hätte etwas verstanden von diesem ganzen Mist hier im Dorf. Aber offensichtlich hatte ich falsch gelegen. Nur: wie sehr hatte ich falsch gelegen?
Ich bedeutete Tuft, sich wieder zu setzen, was er widerstrebend tat – und vermutlich nur, weil ich es ihm mit dem Flintenlauf signalisierte. Ich selber blieb stehen und lehnte mich an die Wand und zog mir eine Zigarette hervor, die ich zerstreut anzündete. Wo hatte ich mich geirrt?
Dass Tuft scharf die Luft einsog, fiel mir nur nebenbei auf, und ich brauchte ein bisschen, um zu merken, dass er was gegen meine Zigarette hatte. Dann sagte er es auch schon selber:
„Rauchen sie hier nicht, bitte! Dies ist ein altes Haus.“
„Ein altes Haus?“ gab ich zurück. „Na, sicherlich ist es alt, aber so, wie es aussieht, ist es nicht eben brandgefährdet. Ist doch komplett aus Stein, das verdammte Ding!“
Ich warf mein Streichholf auf den Dielenboden, was ihm noch weniger gefiel, und trat es aus.
„Lassen sie das!“ entfuhr es ihm.
Ich hörte ihm gar nicht zu, sondern betrieb in meinem Kopf ein bisschen Fall-Arithmetik. Soll heißen, ich stellte die Dinge, die ich wusste, in meinem Kopf um, und die Dinge, die ich zu wissen glaubte, und die Dinge, die unbekannte Variablen für mich waren, und versuchte rauszufinden, bei welchem Rechenschritt ich mich vertan haben konnte. Das dauerte fast die gesamte Zigarettenlänge, während Tuft an seinen Nägeln kaute. Dann verwarf ich mein Kopfrechnen zusammen mit dem Zigarettenstummel und entschied mich für den direkten Weg.
Ich setzte mich wieder Tuft gegenüber an den kleinen Tisch und stellte die Tassen weg. Fast hätte ich sie einfach auf den Boden gefegt, aber ich fing mich gerade noch. Ich war ja kein kompletter Barbar.
Dann zog ich die Zeichnungen hervor, die ich am zweiten Abend aus Hendrichs Hütte hatte mitgehen lassen, und die ich vorhin bei Fanny Gros wieder eingesteckt hatte.
„Was halten sie hiervon?“ fragte ich Tuft.
Ich legte die Zeichnungen auf den Tisch. Dies waren die Zeichnungen, die ich gemeint hatte. Ich besah sie nun zum ersten Mal bei gutem Licht, und sie waren um einiges beeindruckender, als sie mir damals in der Nacht in der Hütte im Wald erschienen waren. Es waren Zeichnungen des Dorfes und der Menschen hier. Einige kamen mir vom Sehen bereits bekannt vor. Auch viele der Aussichten hatte ich mittlerweile kennengelernt. Und all das war lebendig, wie ein Fenster in eine seltsame zweidimensionale, parallele Welt oder Dimension, da auf dem zerknitterten Papier.
Die Veränderung, die eintrat, war beeindruckend. Tufts Gesicht verwandelte sich in einer Maske aus Stein. Jeder seiner Gesichtszüge stand feingemeißelt hervor, im hellen Licht des Tages gewissermaßen, das durch die großzügigen Fenster hereinströmte. Ihm war wohl nicht bewusst, wie er wirkte, aber ich merkte es durchaus. Ich war auf eine Goldader gestoßen. Die Ausreden hätten nun ein Ende.
Im nächsten Moment krallte er nach dem Papier. Ich zog die Zeichnungen vom Tisch, aber da hatte er sie schon an einer Ecke zu fassen gekriegt und zog nun seinerseits.
„Ich bin bereit, die Dinger zu zerreißen“, stellte ich klar. „Wie ist es mit ihnen?“
Umständlich ließ er los, und der Unmut stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich steckte den dünnen Packen wieder in die Hosentasche.
„Um Zeichnungen wie diese geht es hier“, sagte ich, „und sie wussten das, Tuft. Hendrichs, ach, Frances zeichnet diese Bilder, und vielleicht auch sie, hab ich Recht?“
Sein Schweigen sagte mir genug. Er saß still da und hasste mich mit seinen Augen, und bei seinen Exemplaren sah das sehr eindrucksvoll aus. Fast lief mir ein Schauer über den Rücken. Trotzdem fuhr ich fort:
„Jeder hier im Dorf hat so ein Bild – von sich selbst. Tante Emma hat eins, Fanny Gros hat eins, und ich wette, Jenkins und David und Peter und Hinz und Kunz haben auch alle eins. Ein lebendiges Bild. Ein Bild, das anders ist als alle normalen Bilder. Was hat es damit auf sich, Tuft, was? Und vor allem: Warum stecken sie so in Schwierigkeiten, wenn jemand aus der Stadt weiß, wo Frank Hendrichs alias Frances Henrie sich aufhält?“
„Das müssen sie nicht wissen“, drang es aus dem Gang. In der Tür stand Hendrichs, und er hatte eine Pistole in der Hand.
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