Dienstag, September 18, 2007

Sizilianische Reise (29) - Die Route



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Sizilianische Reise (28)

CATANIA – Der letzte Tag wurde eine einzige Übung in Sachen Geduld und Langmut. Unser Flieger ging erst um halb neun am Abend, und wir hatten nichts mehr zu tun und nichts mehr zu sehen und dennoch einen ganzen Tag herumzubringen. Er verging sehr langsam und schwer.

Schließlich saß ich eineinhalb Stunden einfach nur da, starrte vor mich hin auf die belebte Straße und dachte an nicht viel. Fast schon eine Meditation, die ich sehr genoss, während D. ob der Untätigkeit eine Gehirnwindung nach der anderen kapauster ging, so dass er schließlich noch einmal die gesamte Stadt durchquerte, während ich mich weiterhin meiner gedankenlosen Versenkung anheimgab.

Nun, auch dieser Tag war schließlich vorüber, und es war wieder an er Zeit für mein eigenes, ganz persönliches Leben. Das war es allerdings.

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Sizilianische Reise (27)

LIPARI – Kaum angekommen, gingen wir mal wieder einer Touristenfängerin auf den Leim und mieteten mal wieder ein mittelmäßiges Zimmer für zuviel Geld. Aber das war nun auch schon fast egal.

Lipari selbst war sehr schön und sehr erfrischend, voller schöner Frauen und schöner Ausblicke und doch mit jener Ruhe, nach der ich mich in Palermo so gesehnt hatte. Wir badeten am Strand, fuhren auf einem Boot die Küste entlang, tranken und rauchten zuviel und konnten wieder keine Italienerinnen abschleppen – nicht dass wir es ernsthaft versucht hätten. Aber die allgegenwärtige Schönheit war tatsächlich zuviel für uns und machte uns rammdösig.

Sonst passierte nicht viel, außer dass ich die Lust verlor. Sizilien konnte mich mal. Ich wollte endlich wieder nach Hause, auch wenn ich dieses Zuhause nicht mehr lange hätte. Ich wollte auch zurück zu dem Menschen, den ich liebte, denn sie fehlte mir sehr, und mehr mit jedem Tag. Und schließlich hatten D. und ich auch genug davon, auf die Art der Reisenden aneinandergekettet zu sein, das auch noch.

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Sizilianische Reise (26)

CEFALÙ – Wir saßen in einem Café an der Piazza Duomo und waren von Deutschen umgeben. Nichts Schlimmeres auf dieser Welt als unsere Landsleute auf Urlaub. Die einen hinter uns redeten einen gequirlten Mist, für den sie nicht so weit hätten reisen müssen, und der andere vor uns hatte die Anmutung eines mäßig intelligenten Schimpansen. Nun, ich war froh, nicht zu wissen, wie ich hier wirkte.

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Sizilianische Reise (25)

PALERMO war eine wunderbare Stadt, und sie laugte mich aus – die Hitze, der Lärm, der ständige Verkehr und die vielen Menschen, die unfassbare Energie, die hier noch dem kleinsten Ereignis innezuwohnen schien und die jeden Moment und ohne Unterlass tobte -, und ich war froh, der Stadt demnächst wieder den Rücken zu kehren und ihr zu entrinnen und sie gegen das beschaulichere Cefalù und die liparischen Inseln einzutauschen – oder waren es die äolischen Inseln? [Beides.] Mit jedem Moment in dieser Stadt fühlte ich mich weniger imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich liebte diese Stadt, aber sie war zuviel für mich. Sie war Hölle und Paradies zugleich.

Aber vielleicht musste ich diese Stadt anders verstehen. Vielleicht musste ich mich öffnen und die Stadt und das Leben in ihr so akzeptieren und annehmen, wie sie nun einmal waren.

Da ich dies schrieb, sprach mich ein alter Mann an, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, auf Englisch, und in einem sehr guten Englisch. Wir redeten eine Viertelstunde, einfach so, und er erzählte mir seine Geschichte.
Es war ein guter Ort, trotz allem, und es waren gute Menschen hier, trotz allem. Ich trank Kaffee und rauchte und saß hier, und für diesen Moment war es wieder gut.

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Sizilianische Reise (24)

PALERMO – Wir verbrachten den Tag in den Bars und Cafés und auf den Piazzas der Stadt und sogen ihr Lebensgefühl tief in uns ein. Wir würden noch lange davon zehren können, zurück im hohen Norden, den unsere Heimat von hier aus darstellte – und ein „hoher Norden“ war es tatsächlich von hier aus, mit kalten, dunklen Nächten, kühlen und feuchten Tagen und anderen, wenn auch ebenso guten Menschen...

Wir tranken Kaffee und Bier und aßen Pane con Mitza, und tranken Wein auf unserem Balkon hoch über den Straßen der Stadt, und führten lange Gespräche bis tief in die Nacht. Manche Dinge trennten D. und mich, aber sehr viele Dinge verbanden uns auch tief uns ausdauernd miteinander, und ich war sehr froh, hier zu sein, und ich genoss diese Zeit aus ganzem Herzen.

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Sizilianische Reise (23)

PALERMO – Die Stadt kochte. Die Nächte waren heiß und schwül, und wir wanderten ziellos von einer kleinen Straßenbar zur nächsten, hörten ein Konzert auf der Piazza Magione und aßen gut und billig und tranken gut und billig. Die Stadt machte uns fix und fertig, aber wir genossen sie sehr – die Wärme der Nacht, die Wärme und die Schönheit der Menschen, die allgemeine Zwanglosigkeit und die allgegenwärtige Improvisation.

Es war keine Stadt für die Ewigkeit, soviel war klar, sondern eine große, heiße, jähe Liebe, die Sache eines Moments und eines Augenblicks, die aber auch wieder vergehen würde; aber bis dahin nahm sie mich gefangen und elektrisierte mich und beutelte mich, und am Ende würde ich beides sein: froh, der Stadt wieder entronnen zu sein, aber zugleich sehnsuchtsvoll auf den nächsten Besuch hoffend – in Palermo, der Stadt der Städte.

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Sizilianische Reise (22)

MONREALE – Der Duomo: Alles war anders, als ich es in Erinnerung hatte, und dennoch war alles natürlich noch immer genauso. Der Duomo hatte kleinere und menschlichere Dimensionen als in meiner Erinnerung, doch das Gold leuchtete noch immer wie damals und in den Jahrhunderten zuvor, und die Verehrung und Hingabe an diesem Ort waren deutlich zu spüren, auch die Hingabe der Künstler an ihr Werk, und auch über die Jahrhunderte hinweg, und ich saß in dieser Kirche und genoss die Zweckfreiheit dieses Ortes, nach heutigen Kriterien, und seine zeitlose Schönheit inmitten des Raums und der Zeit.

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Sizilianische Reise (21)

MONREALE – Der Bus ab der Piazza Indipendenza den Berg hinauf hallte wieder vom babylonischen Sprachgemisch. Iren, Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener, alle waren sie an Bord und strebten dem Haus des Herrn zu. Dieses Haus war dann erstmal geschlossen, und der Volkstamm verkrümelte sich in den Gassen der Altstadt. Es waren schöne Gassen, und sie waren sehr lang und sehr gewunden und sehr heiß, und wir wurden sehr durstig. Wir bestellten ein Bier in einer Bar am Domplatz, der immernoch so war, wie er damals gewesen war, und ich erinnerte mich mit einem Mal wieder an viele Dinge, und es waren gute Erinnerungen. Ich erinnerte mich an Monreale, wie es damals gewesen war, und an Palermo, wie es damals gewesen war, und an R. und daran, wie sehr ich damals in sie verliebt gewesen war. Ich schwelgte in Erinnerungen, und verlor mich in der inneren Zeit, die den Erinnerungen eigen ist, und rauchte eine Zigarette und trank mein Bier.

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Sizilianische Reise (20)

PALERMO – Die Piazza Marina war ein kleiner Ruhepol im Wahnsinn Palermos. Wunderschöne Italienerinnen saßen ein paar Tische weiter, und zwei Französinnen liefen uns wieder über den Weg, die wir gestern in Agrigento bereits getroffen hatten. Sie hatten allerdings heute noch weniger Interesse an uns als gestern Abend.

Ich stöpselte mich ein und ließ „Palermo“ laufen, jenen Song, den ich nach meinem ersten Besuch in der Stadt geschrieben hatte, und das verdammte Resultat übertraf meine kühnsten Erwartungen. Es war der Soundtrack zu dieser Stadt, es war die Musik, die diesen Moloch erträglich machen konnte. Es gehörte zum Besten, was ich bisher geschrieben hatte, und es wurde seinem Zweck und seinem Anliegen mehr als gerecht: einen Teil dieser unfassbaren Stadt einzufangen. Es war etwas, worauf ich stolz sein konnte, und es traf genau ins Herz dieser Stadt, und ich war tatsächlich sehr stolz, und glücklich und bereit, anzunehmen, was immer als Nächstes kam. Ich hatte etwas geschaffen, und was es war, war große Schönheit und eine mögliche Beschreibung der Wirklichkeit. Und das war schonmal nicht schlecht.

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Sizilianische Reise (19)

PALERMO – Pünktlich zur Halbzeit langten wir in Palermo an. Die Stadt war noch immer wahnsinnig – der Verkehr, die Menschen, der Lärm, und die Luft war wie elektrisch geladen und laugte einen in kurzer Zeit aus. Es war fast zuviel des Guten, und es war noch immer, wie es damals gewesen war. Die Stadt hatte sich nicht verändert, nur ich hatte mich verändert. Palermo aber war noch immer hitzig und schwül, der Alptraum und der Moloch Stadt. Ich war wieder hier.

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Sizilianische Reise (18)

AGRIGENTO – Das Tal der Tempel. Überreste einer anderen Zeit, die uns, Kinder unserer eigenen Zeit, trotz ihrer Schönheit und ihrer Erhabenheit nicht viel sagten. Der Ort selbst schien uns eher darauf angelegt, Touristen auszunehmen, aber sogar hier trafen wir viele wunderbare Sizilianer, die sich uns öffneten und uns ihre Geschichten von ihrer Zeit in Germania erzählten.

Die Menschen waren alle gleich, und wohl auch alle wunderbar, an allen Orten dieser Welt. Nur die Orte selbst waren vielleicht manchmal vergeblich.

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Sizilianische Reise (17)

AGRIGENTO – Wir hatten unseren Anteil am Touristennepp an diesem Abend. Der Patrone der Wirtschaft hätte auch einen guten FIAT-Verkäufer abgegeben. Ich nannte ihn bei mir den Panda-Mann. Er verschacherte seinen Krempel und versuchte danach zu vergessen. Der Wein war mit Wasser verschnitten, und die Pasta war so mittelmäßig, wie Pasta nur sein konnte. Gummi-Dichtungsringe hätten auch nicht anders geschmeckt. Er berechnete uns zwei Coperti, weil wir nach Brot gefragt hatten, und es war ihm egal. Uns war es auch egal. Es war keinen Schuss verdammtes Pulver wert. Was sollte es. Wir lernten immerhin dazu. Wir waren zwei Klugscheißer.

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Sizilianische Reise (16)

CATANIA – eine Stunde zwischen zwei Zügen. (Auch ein guter Titel für eine Story.) Wieder Reisen in Sizilien: Wartezeit. Balkanzeit. „Wir sitzen, wie Zen-Meister sitzen. Irgendetwas passiert immer als Nächstes.“

Alles ist behäbig, und für alles existiert unendlich viel Zeit. Als wäre die Zeit an diesem Ort ein stehendes Gewässer, aus dem jeder nach Bedarf und Belieben schöpfen könne...


BALKANZEIT – Das einzige, was zu hören ist, ist das tiefe Brummen einer bereitstehenden Lokomotive, und das einzige, was zu spüren ist, ist der eigene Herzschlag. Ab und an durchquert ein Güterzug mit kreischenden Achsen den Bahnhof. Dann wieder Stille. Der Blick geht wieder zum Meer, und das eigene Herz meldet sich wieder. Andere Passagiere graben mit ihren Leibern Tunnel in die brütende Schwere des Mittags, durch die dann, ganz kurz, leichte Lüfte ziehen.

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Sizilianische Reise (15)

SIRACUSA – Der Himmel bedeckt und grau. In der Ferne regnete es, über dem Meer. Wir fuhren wieder weiter.

Es hatte nicht die besten Handtücher gegeben, nicht das größte Bett oder das schönste Bad, aber wundervolle Gastgeber, die uns eher zu Freunden denn zu Gastgebern geworden waren. Es war an der Zeit, weiterzureisen, aber wir taten es auch mit einem weinenden Auge, auch wenn wir natürlich wie immer sehr cool taten.

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Sizilianische Reise (14)

MEDITERRANEA – lange, faule Tage unter einem stahlblauen Himmel und einer brennenden Sonne. Die Sehnsucht aber nach einer anderen, einem nackten Körper, nach Nähe und Berührung, nach ihr.

Das Meer und der Himmel nur
Zwei verschiedene Arten

Von tiefstem Blau.

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Sizilianische Reise (13)

REISELEKTIONEN – Irgendwann ging man sich immer an die Gurgel, erwischte man einen wunden Punkt, überreizte man die Geduld. Dann waren ein paar ehrliche Worte nötig. Wir sprachen diese Worte, und nun war alles ersteinmal wieder im Gleichgewicht. So sollte es bleiben.

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Sizilianische Reise (12)

SIRACUSA – Unser Gastgeber bekochte uns gestern Abend, für wenig mehr als den Materialpreis. Er fuhr auf, was das Meer um die Stadt zu bieten hatte, und es war sehr gut und sehr viel und wir waren’s zufrieden. Das Essen begann mit Muscheln und Brot und Antipasti, und S., unser Gastgeber, war noch sehr aufmerksam, und er und A., seine Freundin (und die Besitzerin des Hauses) aßen mit uns, und die Muscheln waren hervorragend. Nach den Muscheln kam Pasta, und weiter der herbe, weiße Wein aus der Karaffe auf dem Tisch, und von beidem gab es mehr als genug, und so waren wir nach der Pasta erstmal erledigt. Wir legten eine Raucherpause ein, einer der italienischen Art. Der Joint entspannte und lockerte uns, und das Gespräch wurde angeregter. Die Stimmung besserte sich, und die Verpflichtungen lockerten sich, und es lockerte sich allem S. Anders ausgedrückt, wurden wir ihm von Gästen zu Freunden. Das erklärte vermutlich, warum er sich als Nächstes als erster vom Salat bediente, den Wein fast austrank und, während wir seinem Beispiel am Grünzeug folgten, bereits an den Töpfen mit den Calamares und den kleinen, zarten Fischen hing. Seine Freundin trug derweil immer wieder Brot herbei, schenkte uns nach und versuchte, zunehmend erregt, uns unseren Anteil zu bewahren, während ich, vom Joint und der allgemeinen Gelöstheit befeuert, mit einem Tunnelblick mit den anderen diskutierte und mit nebenher eine Geschichte ausdachte, wie ein Wirt seine Gäste bekifft machte, um sie über den Tisch zu ziehen und alles selbst zu essen. S. füllte an dieser Stelle den restlichen Wein in der Karaffe mit Wasser auf, und ich lachte laut und herzlich, weil es so wunderbar zu meiner Geschichte passte. Die anderen blickten verständnislos, aber das kümmerte mich nicht.

A. hatte schließlich genug vom Bedienen (und vielleicht auch von S.) und verdrückte sich. Ich war völlig zu und nahm zur zweiten Raucherpause nur noch einen Zug. Auch das Englisch verkrümelte sich jetzt vom Tisch. D. und S. redeten noch lange. Ich ging ins Bett, mein Magen gefüllt und massiv wie eine eiserne Kanonenkugel, und schlief wie ein Stein.

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Sizilianische Reise (11)

SIRACUSA – Wir alle mussten mit dem leben, was wir waren, und mit dem, was die anderen waren. Wir waren da keine Ausnahme.

Ansonsten stand der Tag im Zeichen der Griechen, die in Syrakus unauslöschlich ihre Spuren hinterlassen hatten. Das Teatro Greco war ein guter Ort für Konzerte, und das Ohr des Dionysos ein guter Ort zum Singen, und das ganze Gelände eine einzige Steinwüste und in seiner Wildheit sehr schön.

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Sizilianische Reise (10)

SIZILIEN – Die Erde drehte sich weiter um die Sonne. Ich befand mich weiterhin auf einer Reise, deren Sinn und Zweck ich nicht recht verstand, aber nun war ich einmal hier, da konnte ich es auch zuende führen. Wolken zogen vorüber und vergingen in der Mittagssonne, und durch die Fensterläden tönte von der Straße das Leben. Wir taten verschiedenes, und wir taten nichts. Ich lernte viel über mich, und ich vergaß viele Dinge. Die Zukunft lag im Dunkeln, und sie interessierte mich nicht.

Diese Reise war eine erzwungene Ruhepause, eine Einkehr zu mir selbst.

Nur an die Liebe dachte ich oft.

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Sizilianische Reise (9)

SIRACUSA – Der Kellner in der Bar della Marina kam aus Freiberg am Neckar. Einer der Italiener, die in Deutschland glücklicher waren als hier. Die Liebe brachte ihn wieder zurück, wie es so geht. Eine unserer ganz normalen, alltäglichen Geschichten. Ein Schicksal, das er uns gemütlich am Tisch erzählte, aber mit unruhigen Augen.

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Sizilianische Reise (8)

NOTO – steingewordener Prunk. Der Barock hatte die kleine Stadt fest im Griff, ansonsten war nicht viel los. Wir fuhren mit dem Bus eine Stunde hin und eine Stunde wieder zurück. Wolken zogen auf und zogen ab. In der Stadt beschimpften uns die Eisverkäufer.

Ansonsten konnte man in Sizilien vor allem eines lernen: Warten. Gott- und schicksalsergebenes Warten und Hinnehmen. Etwas Anderes konnte man in den meisten Fällen sowieso nicht tun.

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Sizilianische Reise (7)

SIRACUSA – der Atem der Geschichte. Archimedes, Papyrus, das weite Meer. Nächte auf der Dachterrasse mit den italienischen Gastgebern zusammen, rauchend und trinkend und redend. Die Sprache wie ein Gesang, die Worte fremd, doch die Emotionen vertraut. Alles trat klar zutage...

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Sizilianische Reise (6)

REISELEKTIONEN

1. Es ist alles teurer, als man sich’s vorstellen kann.
2. Es fährt nicht alles dann, wenn es soll. Sei froh, wenn es fährt.
3. Und es fährt auch nicht dort, wo es sollte, sondern ganz woanders.

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Sizilianische Reise (5)

TAORMINA – Der Traum vom guten Leben. Nacht auf der Piazza San Antonio. Glückliche Menschen, Männer wie Frauen; glücklich, dass sie hierher gefunden haben. Sie gehen essen, sie trinken, sie schlendern und flanieren, sie küssen sich unter dem nächtlichen Himmel. Sie haben einander, und sie haben einen kurzen Augenblick des Friedens in diesem Leben. Flüchtiges Glück.

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Sizilianische Reise (4)

TAORMINA – Es gibt keine Sicherheiten. Blick vom Dach über die Stadt, im morgendlichen Dunst. Was die Stadt ernähre und erhielt, bedrohte sie auch. Die fruchtbaren Böden des Ätna, die Weite des Meeres. Das Gute konnte sich ins Schlechte kehren, das Schlechte wandelte sich zum Guten. Die Stadt jedoch lebte, und würde wohl immer leben.

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Sizilianische Reise (3)

SIZILIEN begann bereits, das für mich zu tun, was ich mir von ihm erhofft hatte. Die Gedanken im Kopf wurden weniger, und mein Bedarf an Sicherheiten sank. Ich wurde immer mehr bereit, das zu nehmen (und ANzunehmen) was kam und was das Leben mir zuspielte. In anderen Worten, der Kopf, die ratio, schaltete sich nach und nach und Stückchen für Stückchen aus, zog sich zurück und ließ dem Unmittelbaren, dem Erleben und der Intuition, mehr Raum.

Ich begriff an diesem Ort und durch diese Art zu leben, von Tag zu Tag, ohne Pläne, Sicherheiten, feste Zeiten und Verpflichtungen, dass dies genau das war, was ich an dieser Stelle meines Lebens brauchte: ein weniger an ratio, und mehr Vertrauen und Zutrauen zu den Dingen, die sich eben ergaben oder ergeben würden.

Ich hatte wieder die Liebe gefunden, eine sehr ehrliche, wichtige Liebe, das wusste ich – mein Bauch wusste es, der Kopf konnte es noch immer nicht richtig fassen und glauben, aber ich wusste es mit der Sicherheit des Körpers, der tiefsten Sicherheit, die wir besitzen können. Vielleicht wollte ich ihr folgen, und nach Berlin gehen, später, und sehen, was ich dort tun und wer ich dort werden könnte. Es gab nur dieses eine Leben, und der Kopf wollte Sicherheiten und Garantien, für die zehn Leben nicht genügt hätten, also konnte ich auch einfach das tun, was notwendig und was richtig war.

Das war es, was sich in Sizilien änderte: die Wahrnehmung der Dinge, und dann, nach und nach, die Wahrnehmung der Welt, der Verpflichtungen und der Prioritäten, die wir setzten und die ich setzte, und ich war sehr gespannt, was sich noch daraus entwickeln würde.

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Sizilianische Reise (2)

TAORMINA – am Hang gebaut. Wir bewegten uns gewissermaßen auf Goethes Spuren. Der Blick geht über das Mittelmeer, der Ätna war nun in der Ferne, in Wolken geborgen. Touristenmeile soweit das Auge reicht, aber dennoch schön, dennoch ruhig und verträumt in der Hitze des Nachmittags. Unsere Pension in einem kleinen, alten Gemäuer, von zwei kleinen, verhutzelten alten Damen geführt, die D. und sein Italienisch sofort ins Herz schlossen. Das Zimmer im zweiten Stock in den kühlen Mauern, das bequeme Bett, das winzige Bad. Alles zusammen sonnenverbrannt, die steilen Hänge ober- und unterhalb der Stadt, inmitten der grünen, fruchtbaren Weite der Küste.

Bei alledem immer auch: die Gedanken an sie...

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Sizilianische Reise (1)

CATANIA – die heiße Stadt, aus dem Vulkan geschlagen. Voller Energie, voller Unruhe, die Luft wie elektrisch geladen, und die Frauen atemberaubend schön. Die Stadt brodelte, ruhelos, sinnlich und erotisch. Am Horizont immer der Ätna, nah und drohend, auch in seiner Ruhe, und vielleicht das der Grund für die Eile, die Ruhelosigkeit und die Energie der Stadt, der Menschen.

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