Dienstag, September 18, 2007

Sizilianische Reise (25)

PALERMO war eine wunderbare Stadt, und sie laugte mich aus – die Hitze, der Lärm, der ständige Verkehr und die vielen Menschen, die unfassbare Energie, die hier noch dem kleinsten Ereignis innezuwohnen schien und die jeden Moment und ohne Unterlass tobte -, und ich war froh, der Stadt demnächst wieder den Rücken zu kehren und ihr zu entrinnen und sie gegen das beschaulichere Cefalù und die liparischen Inseln einzutauschen – oder waren es die äolischen Inseln? [Beides.] Mit jedem Moment in dieser Stadt fühlte ich mich weniger imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich liebte diese Stadt, aber sie war zuviel für mich. Sie war Hölle und Paradies zugleich.

Aber vielleicht musste ich diese Stadt anders verstehen. Vielleicht musste ich mich öffnen und die Stadt und das Leben in ihr so akzeptieren und annehmen, wie sie nun einmal waren.

Da ich dies schrieb, sprach mich ein alter Mann an, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, auf Englisch, und in einem sehr guten Englisch. Wir redeten eine Viertelstunde, einfach so, und er erzählte mir seine Geschichte.
Es war ein guter Ort, trotz allem, und es waren gute Menschen hier, trotz allem. Ich trank Kaffee und rauchte und saß hier, und für diesen Moment war es wieder gut.

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Sizilianische Reise (24)

PALERMO – Wir verbrachten den Tag in den Bars und Cafés und auf den Piazzas der Stadt und sogen ihr Lebensgefühl tief in uns ein. Wir würden noch lange davon zehren können, zurück im hohen Norden, den unsere Heimat von hier aus darstellte – und ein „hoher Norden“ war es tatsächlich von hier aus, mit kalten, dunklen Nächten, kühlen und feuchten Tagen und anderen, wenn auch ebenso guten Menschen...

Wir tranken Kaffee und Bier und aßen Pane con Mitza, und tranken Wein auf unserem Balkon hoch über den Straßen der Stadt, und führten lange Gespräche bis tief in die Nacht. Manche Dinge trennten D. und mich, aber sehr viele Dinge verbanden uns auch tief uns ausdauernd miteinander, und ich war sehr froh, hier zu sein, und ich genoss diese Zeit aus ganzem Herzen.

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Sizilianische Reise (23)

PALERMO – Die Stadt kochte. Die Nächte waren heiß und schwül, und wir wanderten ziellos von einer kleinen Straßenbar zur nächsten, hörten ein Konzert auf der Piazza Magione und aßen gut und billig und tranken gut und billig. Die Stadt machte uns fix und fertig, aber wir genossen sie sehr – die Wärme der Nacht, die Wärme und die Schönheit der Menschen, die allgemeine Zwanglosigkeit und die allgegenwärtige Improvisation.

Es war keine Stadt für die Ewigkeit, soviel war klar, sondern eine große, heiße, jähe Liebe, die Sache eines Moments und eines Augenblicks, die aber auch wieder vergehen würde; aber bis dahin nahm sie mich gefangen und elektrisierte mich und beutelte mich, und am Ende würde ich beides sein: froh, der Stadt wieder entronnen zu sein, aber zugleich sehnsuchtsvoll auf den nächsten Besuch hoffend – in Palermo, der Stadt der Städte.

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Sizilianische Reise (20)

PALERMO – Die Piazza Marina war ein kleiner Ruhepol im Wahnsinn Palermos. Wunderschöne Italienerinnen saßen ein paar Tische weiter, und zwei Französinnen liefen uns wieder über den Weg, die wir gestern in Agrigento bereits getroffen hatten. Sie hatten allerdings heute noch weniger Interesse an uns als gestern Abend.

Ich stöpselte mich ein und ließ „Palermo“ laufen, jenen Song, den ich nach meinem ersten Besuch in der Stadt geschrieben hatte, und das verdammte Resultat übertraf meine kühnsten Erwartungen. Es war der Soundtrack zu dieser Stadt, es war die Musik, die diesen Moloch erträglich machen konnte. Es gehörte zum Besten, was ich bisher geschrieben hatte, und es wurde seinem Zweck und seinem Anliegen mehr als gerecht: einen Teil dieser unfassbaren Stadt einzufangen. Es war etwas, worauf ich stolz sein konnte, und es traf genau ins Herz dieser Stadt, und ich war tatsächlich sehr stolz, und glücklich und bereit, anzunehmen, was immer als Nächstes kam. Ich hatte etwas geschaffen, und was es war, war große Schönheit und eine mögliche Beschreibung der Wirklichkeit. Und das war schonmal nicht schlecht.

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Sizilianische Reise (19)

PALERMO – Pünktlich zur Halbzeit langten wir in Palermo an. Die Stadt war noch immer wahnsinnig – der Verkehr, die Menschen, der Lärm, und die Luft war wie elektrisch geladen und laugte einen in kurzer Zeit aus. Es war fast zuviel des Guten, und es war noch immer, wie es damals gewesen war. Die Stadt hatte sich nicht verändert, nur ich hatte mich verändert. Palermo aber war noch immer hitzig und schwül, der Alptraum und der Moloch Stadt. Ich war wieder hier.

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