Donnerstag, November 19, 2009

Verdummungswarnung: Alles diskutiert die SZ, nur das Gerücht selbst nicht

Gerade erst geschaffen, ging mir diese Rubrik schon wieder auf den Geist: Es wurde so viel verdummt, dass ich zu gar nichts anderem mehr kam. Jetzt war die Süddeutsche Zeitung an der Reihe, mit diesem vordergründig nachdenklichen Artikel (>>).

Es ging darin um die Frage, wann, und wenn ja, wie man über das Privatleben von Politikern, in diesem Fall Lafontaine, berichten durfte. Nico Fried dachte hin und her, um manche Ecke und wieder zurück, und kam dann zu dem Ergebnis, dass... Ja, was denn eigentlich? Ach ja, dass das Argument, dass Privates berichtet werden durfte, wenn es politische Folgen hatte, eine Krücke sei, deren Stabilität davon abhing, wie stark man sich darauf stützte. Was für ein Satz. Letztlich läge die Entscheidung beim Journalisten. Es sei seine Freiheit und seine Verantwortung.

Das war ja soweit ganz toll. Was Nico Fried allerdings auch schrieb, waren Absätze wie dieser:
Der Fall Lafontaine hat nun eine besondere Note bekommen, weil der Linken-Chef mittlerweile eine Krebserkrankung öffentlich gemacht hat. Das lässt den Artikel über sein Privatleben peinlich erscheinen, obgleich der Vorwurf in diesem speziellen Punkt ungerechtfertigt ist, weil ja das eine das andere nicht widerlegt.
Na, merkte man da was? Lafontaine hätte "mittlerweile" eine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Der vorher bereits geschriebene Artikel, der ihm eine Affäre anhängte (und über den ich schon genug geschrieben hatte, zum Beispiel hier (>>)) war also peinlich. Er sei aber durch den Krebs nicht widerlegt worden. Nicht widerlegt? Augenblick mal!

Der Artikel der SPIEGEL-Schmierer musste nicht widerlegt werden, denn er war gar nicht bestätigt. Die Nullhypothese galt, bis die Alternativ-Hypothese bestätigt war, oder umgangssprachlich: Im Zweifel für den "Angeklagten". Wenn irgendeiner in der Schmierenbrigade einen Beleg für eine wie auch immer geartete persönliche Liebesbeziehung hatte, dann her damit. Aber den hatten sie nicht. Was sie hatten, war ein politisches und monetäres Ziel, politisch deshalb, weil sie die LINKE offenbar nicht mochten, und monetär, weil sie für ihren Unfug ja wahrscheinlich bezahlt wurden. Aber einen Beleg gab es offenbar nicht, sonst hätten wir den mittlerweile schon alle gekannt.

Was machte Nico Fried hier also? Er tat implizit so, als sei an dem Gerücht was dran und die Affäre existent, denn das eine widerlegte das andere ja nicht, und wer Krebs hatte, hatte ja vielleicht genau deswegen auch gleich noch eine Affäre, Torschlusspanik sozusagen.
Was man Herrn Fried vorwerfen konnte, war auf jeden Fall sprachliche Ungenauigkeit, gerade soviel Unschärfe, dass implizit das Unausgesprochene gestärkt wurde - und das war, soviel musste man der SZ lassen, auf jeden Fall schonmal um Welten eleganter als alles, was der SPIEGEL in den letzten Wochen und Monaten zustande gebracht hatte. Chapeau!

Und selbst wenn an all den Gerüchten etwas dran gewesen wäre, es hätte mich nicht interessiert. Alle Vorwürfe der Wählertäuschung liefen ins Leere, und das auf eine Weise, die sich all jene, die nun Zeter und Mordio schrien, wohl nicht vorstellen konnten. Ich hatte die LINKE gewählt, und ich hatte das nicht getan, um Oskar Lafontaine in Berlin als Fraktionsvorsitzenden zu sehen, auch wenn das schön gewesen wäre. Ich hatte es getan, weil ich nach wie vor an Dinge wie Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und an die Gestaltungsmacht des Staates und seines Souveräns, also uns, glaubte. Wer immer die Kärrnerarbeit im Bundestag machte, war da nebensächlich.

Aber solche Dinge wie Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und so weiter waren für das Personal mancher Zeitungen wohl so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln. Und nicht nur für jene.

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Mittwoch, November 18, 2009

Last Man Standing: Politische Gestaltungsmacht vs. gelebte Ohnmacht

No peace for the wicked: Die Meinungsmache ging ordentlich weiter, jetzt wieder im stern, worauf ja auch schon Albrecht Müller selbst auf den Nachdenkseiten hingewiesen hatte (>>).

Den stern-Artikel gab es hier (>>): In ihm demontierte ein gewisser Tilman Gerwien die Präsentation von "Meinungsmache" letzten Donnerstag hier in Berlin (>>). Vielleicht war das Ganze witzig oder ironisch gemeint, immerhin lief es unter der Überschrift "Abwasch der Woche", die sowas implizieren konnnte; das entzog sich meiner Kenntnis. Da der kurze Text aber viele Tatsachen vollkommen verdrehte und sämtliche Teilnehmer außer Hans-Ulrich Jörges als realitätsfremd darstellte, war eine Antwort fällig.

Das Publikum war sich laut Gerwien einig mit Müller und Lafontaine, ewig Gestrige, die zurück in die siebziger Jahre wollten, eine Zeit, da alles besser gewesen sei:
Die Renten waren sicher, die Bundeswehr blieb in ihren Kasernen (andere vergossen im Zweifel ihr Blut für unser Öl), der öffentliche Dienst war fett und im Fernsehen gab es nur drei Programme, ab 23.00 Uhr hieß es: Ab in die Heia, aber ganz schnell, da kam nämlich nur noch das Testbild.
Ich fragte mal provokant: und? Wo war das verdammte Problem hierbei? Seien Sie mal nicht so wählerisch, Herr Gerwien, Ihr Bild der "alten Bundesrepublik" war unvollständig. Es war außerdem die Zeit, da nationale Politik noch etwas beschließen und bewirken konnte; da die Menschen noch nicht von Existenzangst bedroht in beschissenen "Jobs" ausharrten; da die gesellschaftliche Ideologie in Zeiten des sogenannten "Rheinischen Kapitalismus" noch nicht "Mehr, mehr, mehr!" lautete oder "Geiz ist geil", und da es, dem Hörensagen nach wenigstens, auch noch so etwas wie Anstand und Moral in den höheren Etagen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gegeben haben soll, ab und an zumindest. Eine Scheißzeit, nicht wahr? Heute war alles besser, der Rubel rolllte, und wenn er weiter brav das berichtete, was von ihm erwartet wurde, dann rollte er vielleicht sogar zu Herrn Gerwien und rieb sich zutraulich an seiner Wange.
Aber das war ja nichtmal das eigentliche Problem, weder das Personal beim stern, noch der dämliche Rubel.

Denn was erstaunlicherweise während der Veranstaltung nicht in den Kopf von Jörges und später offenbar nicht in den Kopf von Gerwien wollte, war, dass das Publikum vielleicht Recht gehabt haben könnte. Noch auf der Veranstaltung posaunte Jörges immer wieder vom Podium, "die Leute sind nicht so dumm wie Sie [angeblich] denken", aber das Publikum der Veranstaltung war ihm offensichtlich zu dumm. Es erkannte seine Weisheit nicht und sah offenbar nicht ein, sich irgendwelchen postulierten Sachzwängen zu beugen zu müssen, wenn man die Gegenwart und Zukunft auch anders gestalten konnte.

Wofür Lafontaine als weiterer Teilnehmer der Diskussion in meinen Augen stand, war, dass er als einer der letzten auf Bundesebene tätigen Politiker noch an so etwas wie die Gestaltungsmacht des Staates glaubte. Er war kein Getriebener, er war kein Erfüllungsgehilfe irgendwelcher Sachzwänge, und er hatte sich, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach, nicht dem blinden Wirtschaftsglauben und den mit ihm einhergehenden "Werten" (absichtlich in Anführungszeichen gesetzt) unterworfen.

Und tatsächlich hatte er Recht: Letztendlich entschied der Souverän in seiner Gesamtheit, wir alle, wie wir leben und welchen Götzen wie dienen wollten, und nicht jene, die sowieso schon am Besten dastanden qua Milliardenvermögen, Medienbesitz, Managerpositionen mit goldenen Fallschirmen etc. pp. Naja, so sollte es wenigstens sein. Mit Realitätsverweigerung hatte das nichts zu tun, und auch nicht mit einer Rückreise in die siebziger Jahre, wie es offenbar Jörges und Gerwien schien - eher damit, dass wir die Realität, in der wir leben, gestalten konnten und noch immer wollten.

Dafür standen Albrecht Müller als Mahner und besonders Oskar Lafontaine als Politiker, jener gewissermaßen als "last man standing". Ich hoffte ehrlich, dass er in der Lage sein würde, diesen seinen Mann noch etwas länger zu stehen. Denn der Glaube an die tatsächliche und noch immer vorhandene Gestaltungsmacht des Staates war es, der uns bitter fehlte; er war das Gegenteil zu dem, was in den letzten elf Jahren unter Rot/Grün und Schwarz/Rot geschehen war und jetzt unter Schwarz/Gelb wohl weiter geschehen würde. Diese Nachlassverwalter des demokratischen Staates verkörperten nichts weiter als gelebte Ohnmacht, ohnmächtig in ihren Rollen, in denen sie eigentlich Handelnde und Gestaltende sein sollten, in unser aller Interesse, und doch allzu oft nichts Anderes waren als Diener des Geldes und der Sach- und Gewinn"zwänge", die man ihnen ins Ohr gesetzt hatte.

Wir brauchten wieder Politiker, die zu uns allen sprachen. Das war ein kaum noch bestelltes Feld.

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Herzlichen Dank an Margareth Gorges (>>) für die Motivation zu diesem Post.

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Mein ursprünglicher Bericht über die Präsentation fand sich übrigens hier (>>).

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Und das Video der Veranstaltung, heute von den NDS hochgestellt, hier (>>).

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Verdummungswarnung: Der SPIEGEL setzt weiter auf tote Pferde

Oskar Lafontaine war an Krebs erkrankt, und alle berichteten darüber - wenn auch die meisten distanziert und matter-of-fact (eine Ausnahme war der stern (>>)). Auch der SPIEGEL sah sich gezwungen, die Fakten anzuerkennen, mehr als das jedoch nicht: Noch im Artikel über Lafontaines Krankheit (>>) wurde das Gerücht einer Beziehung zu Sahra Wagenknecht gleich wiederholt:
Lafontaines Erklärung kommt kurz nach einem Bericht des SPIEGEL, zu dem er sich vergangene Woche vor Drucklegung nicht äußern wollte und der an diesem Montag zu einem Krisentreffen von führenden Linken in Berlin führte. Nach Informationen des SPIEGEL wurden in der Parteispitze andere Gründe für Lafontaines Rückzug ins Saarland diskutiert: Lafontaine sei seiner Parteigenossin Sahra Wagenknecht nicht nur inhaltlich näher gekommen, hieß es, von einem Verhältnis sei die Rede. Daher habe er sich auf Druck seiner Ehefrau vom Vorsitz der Bundestagsfraktion in Berlin zurückgezogen.

Das Ehepaar Lafontaine und sein Parteikollege Gregor Gysi wollten zu den Gerüchten keine Stellung nehmen, Wagenknecht dementierte eine private Beziehung.
Wieder: Konkrete Quellen wurden nicht genannt, zu Nachfragen würde "keine Stellung genommen", als sei irgendein Mensch verpflichtet, solchen Humbug, egal ob wahr oder unwahr, auch noch zu kommentieren - hier wurde versucht, noch über den Krebs hinaus die Stellung eines unangenehmen Politikers weiter zu beschädigen. Wenn man die Lüge nur lange genug wiederholte, dann setzte sie sich auch fest - das schien mir die Hoffnung dieser Lohnschreiber zu sein. Ein Genesungswunsch an den Menschen Lafontaine übrigens? Fehlanzeige.

Das Schmankerl am Rande: Auch diesen Artikel verfasste federführend - Markus Deggerich. In Sachen Rufmord musste man sich diesen Namen merken. Slander, anyone?

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Dienstag, November 17, 2009

Lafontaine hat Krebs, wird gemobbt

Das (den Krebs) berichtete zumindest die SZ (>>). Na toll. Ich erinnerte mich an ein Zitat meines Deutschlehrers aus gefühlt vorgeschichtlicher Zeit:
Du lebst, und einer wie Goethe musste sterben.
Oskar Lafontaine hatte Krebs, und Merkel war Bundesmatrone und Schröder arbeitete über eine Ecke für einen lupenreinen Demokraten.
Manchmal war das Leben wirklich zum Kotzen.

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Das Schmierentheater, das dieser Meldung vorausging, konnte man übrigens beim Spiegelfechter (>>) und dem Oeffinger Freidenker (>>) bewundern. Mir fehlten die Worte. Wer jetzt noch SPIEGEL-Leser war, kaufte auch bald keinen mehr.

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Der bodenlose Tendenzartikel des SPIEGELS, verfasst von den Herren Stefan Berg und Markus Deggerich, fand sich übrigens hier (>>), auch wenn er bei SPON dann ganz schnell in den hinteren Schubladen verschwunden war.

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Freitag, November 13, 2009

Meinungsmache in Berlin

Ein friedlicher Donnerstagabend in Berlin. Albrecht Müller stellte sein neuestes Buch vor (>>): "Meinungsmache" (>>). Das klang erstmal recht beschaulich, wurde es aber nicht. Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung war die Schlange vor dem Palais in der Kulturbrauerei lang, und der Saal selbst wurde gerammelt voll. Es gab ja auch interessante Beteiligung: Mit am Start an diesem Abend waren außer dem "großen Kritiker" Albrecht Müller der "große Populist" Oskar Lafontaine und der "große Neoliberale" Hans-Ulrich Jörges, das alles mehr oder minder moderiert von Sabine Adler, der Hauptstadt-Korrespondentin des Deutschlandfunks.

"Mehr oder weniger" in Sachen Moderation deshalb, weil es recht unmittelbar sofort beinhart zur Sache ging. Es gab da oben auf dem Podium aber auch alles, was eine gute Story braucht: einen hehren Helden in verzweifelter Mission (Albrecht Müller), einen üblen Bösewicht (Hans-Ulrich Jörges, der die Rolle eigentlich gar nicht wollte, sich dank Publikum und seiner eigenen unversöhnlichen Impulsivität aber dennoch sehr bald in dieser wiederfand und sie dann auch vorzüglich ausfüllte), einen strahlenden Ritter in weißer Rüstung (Oskar Lafontaine, der tatsächlich eine Glanzleistung ablieferte und auch eingefleischte SPD-Mitglieder im Publikum zu begeistern wusste (ich saß neben einem)), und eine Frau (Sabine Adler), als Quotenerfüllung sozusagen, ähnlich wie in jedem Katastrophenfilm. Zu moderieren hatte sie nämlich nicht viel, das erledigten die drei Herren gleich selbst, allen voran Hans-Ulrich Jörges, der besonders dadurch auffiel, dass er die anderen nicht ausreden lassen wollte, sondern immer noch verbal inkontinent ein paar Tröpfchen der eigenen Meinung nachschieben musste. Sein Mikrophon in Tateinheit mit seiner sonoren Stimme waren auch am lautesten, so dass es ihm allzu oft gelang.

Albrecht Müller präsentierte seine bekannten Thesen (nachzulesen unter anderem auch hier (>>), auf den Nachdenkseiten), die durch die ständige Wiederholung leider immer noch nichts an ihrer Aktualität eingebüßt hatten. Lafontaine war wohl vorgesehen als Kronzeuge, entzog sich dieser Rolle jedoch durch wiederholtes (und in meinen Augen sehr angenehmes) Verweisen auf die Meta- oder Strukturebene der Probleme: Ja, sicherlich könne man sich beklagen über die Medienbarriere gegenüber der LINKEn, über die Hetze gegen seine Person, über diesen oder jenen einzelnen Sachverhalt, ABER... darum ginge es ja gar nicht. Es ging ihm viel mehr um die Struktur von Macht in unserer Gesellschaft, frei nach dem Motto "cui bono" und warum es jenen so leicht gemacht wurde. Er wollte sich nicht beklagen, er wollte tatsächlich zum Nachdenken anregen, uns, das Publikum, und das gelang ihm recht gut. Ehrlich gesagt, es war für mich der erste Politiker, der mich tatsächlich zum Nachdenken aufforderte und nicht nur mit Worthülsen um sich schmiss. Das tat er nämlich nicht. Je älter Lafontaine wurde, umso staatsmännischer wirkte er auf mich und verhielt er sich auch - ein ganz schöner Effekt, den man einigen der anderen Greise an der Spitze anderer politischer Parteien auch wünschen würde bzw. gewünscht hätte, aber dort war Alterssturheit die verbreitetere Ausprägung des Silberhaars.

Soviel Vernunft konnte und wollte sich auch Hans-Ulrich Jörges nicht verschließen, vorneherum jedenfalls. In vielen Einzelheiten stimme er Albrecht Müller zu, Oskar Lafontaine habe ja politisch auch schon viele Erfolge errungen, etc. pp., und man fragte sich anfangs, warum dieser Mann als "Neoliberaler" in die Runde eingeführt worden war. Den Grund dafür bemerkte man dann allerdings doch noch sehr schnell, denn bei allem Nachgeben in Einzelfragen war Jörges doch um so ideologiefester in grundsätzlichen Dingen, egal, wie empirisch belegt und nachprüfbar sie sein mochten - was in seinen Augen Geltung hatte, war oft und zuvörderst die ideologische Linie: die Rente KONNTE nicht sicher sein, die Medien KONNTEN "das Volk" nicht manipulieren, das Land HATTE nach Links zu rutschen *), und wenn vorsichtige und nicht ganz so vorsichtige Nachfragen aus dem Publikum seine Strohmann-Argumente ins Wanken brachten, überschüttete er den Fragesteller und die diesen unterstützenden anderen Zuhörer mit Hohn und Schmähungen. Ein guter Stil war das beileibe nicht, sondern eher wie bei einem Kind, dem man die Lebenslüge wegnehmen will. Am Ende hatte er das Publikum fast geschlossen gegen sich, und wenn man beobachtete, wie er sich weiterhin entrüstete, dann konnte man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass hier einer nach der Devise "viel Feind, viel Ehr'" verfuhr. Als Besetzung für den Bösewicht war er jedenfalls vorbildlich.

Albrecht Müller, Oskar Lafontaine und Sabine Adler bemühten sich nach Kräften, die loose cannon Jörges versöhnlich wieder einzufangen, und tatsächlich endete der Abend, ohne dass jemand verletzt worden wäre. Lafontaines Personenschützer konnten die Hände in den Taschen lassen, und auch Hans-Ulrich Jörges soll heute morgen schon wieder in den Büros des STERNs gesichtet worden sein, die Hände seinerseits in den Hosentaschen und verbittert vor sich hin murmelnd.
Das wirklich Interessante, wiederum an der Person Jörges', war allerdings Folgendes: Charakterlich mochte er Mängel haben, jedenfalls wenn seine gestrige Darbietung seinem alltäglichen Benehmen entsprach, aber ein böser Mensch war er sicher nicht, und genausowenig war er dumm. Er schrieb auch gute Artikel, in Einzeldingen wich seine Meinung nicht viel ab von der Albrechts und Lafontaines, da gab es einen gemeinsamen Nenner zwischen Links und Rechts - jedoch schien er nicht imstande, den alles bedeutenden zusätzlichen Schritt zurück, hinter die Dinge zu machen und seine Grundannahmen selbst zu hinterfragen: Brauchen wie diese Form von Staat? Brauchen wir diese Form der Organisation? Brauchen wir tatsächlich diese Werte? Dieses Unvermögen war umso bedauerlicher, als viele im Publikum zu dieser Leistung imstande waren und mit ihren Fragen auch in diese Richtung gingen, und natürlich fragten sie Jörges als angenommenen Vertreter des "Systems", der jedoch wiederum vollkommen außerstande war, auch nur die Fragen zu verstehen, was jedes Mal in einem hochroten Kopf und den angesprochenen Schimpfkanonaden gipfelte.

Alles in allem ein wunderbarer Abend, und bessere Unterhaltung (und zu einem geringeren Preis) als jeder Kinofilm. Das Grundproblem blieb jedoch das gleiche: dass auch jene in der Verantwortung, in Führungspositionen, an der Spitze von Zeitungen, Unternehmen und Verbänden, offenbar allzu oft unfähig waren, die richtigen Fragen zu stellen, sie zu verstehen und in letzter Konsequenz auch zu beantworten. Jene also, von denen man es noch am ehesten verlangen zu können meinen sollte. Mehr als ein variiertes Weiter-So und Mehr-desselben war von diesen Figuren nicht zu erwarten. Man musste sich ja neben Jörges nur die aktuelle Regierungsriege
und das Gedöns der Regierungserklärung anschauen.

In Berlin also nichts Neues.

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*)Zu all diesen Fragen bieten die Nachdenkseiten (>>) eine Menge Material.

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Donnerstag, November 12, 2009

Die falsche Regierung zur falschen Zeit


Oskar Lafontaine redet Klartext.
Und wer den Lissabon-Vertrag (>>) noch immer für eine ganz tolle Sache hält, der sollte ab 4:05 nochmal genau hinhören (und selber nachlesen).

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Samstag, September 26, 2009

Wer LINKS wählt, wird gefeuert...

...so kommt es einem beim Betrachten der Wahlempfehlungen der BLÖD-Mitarbeiter zumindest vor (>>).
Andererseits: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um - und wer bei BILD arbeitet, stellt das Denken wohl irgendwann einfach ein. Vielleicht aus Selbstschutz.

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Freitag, September 25, 2009

Ich wähle LINKS.

Je mehr von uns darüber sprechen, umso eher durchbrechen wir die Meinungsmache (>>) der etablierten Medien. Deshalb sage ich: Ich wähle LINKS.
Ein jeder kann und darf ja in diesem Land wählen was er will
. Warum ich mich entschieden habe, meine Stimme für DIE LINKE abzugeben:

Ich betrachte mich als tief überzeugten Humanisten, der in einer lebenswerten Gesellschaft leben will. In einer Gesellschaft, in der sowohl die Begriff Verantwortung und Solidarität noch etwas bedeuten, in der über den Tellerrand u
nd nicht nur an sich selbst gedacht wird, und in der jeder eine Stimme hat und diese Stimme zählt.

Früher wählte ich SPD, bis Gerhard Schröder Kanzler wurde und durch seine Politik für die Bosse diese Episode beendete. Er entpuppte sich als Parvenü ohne jeden Sinn für die Gesellsch
aft als Ganzes, der Erfinder der "Sachzwänge", und das war das.
Dann wählte ich die Grünen, bis sie Hartz VI mittrugen, ohne jede eigene Idee unter Fischer zum Abnicker der immer weiter nach rechts driftenden SPD degenerierten und offenbar vergaßen, woher sie kamen und warum wir sie eigentlich gewählt hatten.

Dann kam die Große Koalition, und was soll ich sagen:
Sie war noch schlimmer als all die Ahnungen, die man zuvor hatte.
Die CDU hat eine Kanzlerin, die nichts
tut außer abzuwarten und ihr Fähnchen dann nach dem Wind zu hängen; der Wirtschaftsminister hat einen großen Namen und sonst nicht viel; der Innenminister ist paranoid und hätte längst eingeliefert werden sollen; der Verteidigungsminister ist einer der prominentesten Ausüber von Neusprech, und so fort.
Die aktuelle SPD ist eine CDU in Rot, mit dem unfähigsten Finanzminister aller Zeiten (>>), der erst selber mithalf, den Brand zu legen, und sich jetzt als Feuerwe
hrmann inszeniert; einem Parteivorsitzenden, dem die Verbindung zur Realität offenbar schon seit Längerem abhanden gekommen ist; und grundsätzlich mit Führungspersonal, das offenbar für jeden möglichen Auftraggeber arbeitet, aber nicht für die eigene Partei (>>).
Zur aktuelle
n FDP sage ich nichts viel: Sie sind die Apologeten all dessen, was in unserer heutigen Gesellschaft falsch ist, was sie vernichtet - Sozialdarwinisten über alles, jeder ist sich selbst der Nächste, frei nach dem Motto: "Eure Armut kotzt mich an!"

Was bleibt mir noch? Eine Partei, der
en Vorsitzender wenigstens etwas von Volkswirtschaft versteht; die einen bescheidenen Mindestlohn einführen will; die die Ausgrenzung der Benachteiligten verringern will; die die Profiteure der Katastrophen der letzten Monate mit in die Verantwortung nehmen will; und die sich nicht der modernen Religion des Neoliberalismus unterworfen hat. Wichtiger noch: eine Partei, die noch an das Primat der Politik zu glauben scheint und sich den Sachzwängen nicht beugt, die von allen anderen Seiten herbeiphantasiert werden im Interesse einiger weniger. Eine Partei, die, wenigstens für den Augenblick, noch wagt, jene Dinge beim Namen zu nennen, die falsch, und jene, die richtig sind. Ich stimme nicht mit allem überein, zugegeben, und in Berlin lebend habe ich auch noch eine andere Seite der LINKEn kennengelernt - aber mir liegt an einem lebenswerten Land, und mir liegt an einem lebenswerten Leben, und deshalb will und muss ich mit den mir verbleibenden bescheidenen Mitteln endlich ein Zeichen setzen.

Ich wähle LINKS. Diese Wahl gibt es keine Wahl.


P.S.: Zu allem Für und Wider betreffs der LINKEn gibt es einen hervorragenden Post mit einer Menge Kommentaren drüben beim Spiege
lfechter (>>) - ich erspare es mir also, all das an dieser Stelle zu wiederholen. Wer immer will wird dort fündig.

(100 Blogs für DIE LINKE: Hier gibt es mindestens 99 weitere gute Gründe fürdie richtige Wahl. Eine Inititive von Frank Benedikt.)

[Rechte an Lafontaine liegen bei der ZEIT]

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