Dienstag, Februar 23, 2010

Astral Travelling

On Thembi, that was the first time that I ever touched a Fender Rhodes electric piano. We got to the studio in California — Cecil McBee had to unpack his bass, the drummer had to set up his drums, Pharoah had to unpack all of his horns. Everybody had something to do, but the piano was just sitting there waiting. I saw this instrument sitting in the corner and I asked the engineer, "What is that?"
He said, "That’s a Fender Rhodes electric piano."
I didn’t have anything to do, so I started messing with it, checking some of the buttons to see what I could do with different sounds. All of a sudden I started writing a song and everybody ran over and said, "What is that?" And I said, "I don’t know, I’m just messing around." Pharoah said, "Man, we gotta record that. Whatcha gonna call it?"
I’d been studying astral projections and it sounded like we were floating through space so I said let’s call it "Astral Traveling."
(From Wikipedia.org (>>))

That's Jazz in a nutshell. That's the way you should treat the new in the world and its possibilities - curious and curageously. And the result will invariably beggar all description, in a positive way. So listen to it. Here, for example (>>).

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Sonntag, Juni 24, 2007

Mal wieder nach langer Zeit

Die letzten zwei Tage war ich krank. Ich wachte am Morgen des 22. auf, stürmte, von einem gnädigen Instinkt getrieben, ins Bad und schiss die Toilette voll. Danach alle zehn Minuten das gleiche. Dann wurde mir heiß und kalt, und mir wurde schwindlig. Mittags konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Also legte ich mich ins Bett, deckte mich zu bis zu den Ohren und fiel in eine Art Ohnmacht, die mich gnädig und freundlich bis zum Abend umfing. Ich war am Ende. Ich hatte Fieber, Schüttelfrost und Magenkrämpfe. Ich wurde zu schwach zum Gehen und zum Stehen, Liegen bekam ich gerade noch so hin, auch wenn mir jeder Muskel meines Körpers schmerzte. Ich aß nichts und trank nichts. Es ging mir beschissen. Ich dämmerte vor mich hin und wartete, dass irgendetwas anders wurde.

Das war dann wohl auch das Schlaueste, was ich machen konnte. Die Nacht verging unruhig, in schweißgetränkten Laken und mit viel Weh und Ach. Ich jammerte gerne, besonders wenn es Grund zum Jammern gab. Aber am nächsten Morgen war ich zwar nicht fit, aber wieder soweit hergestellt, dass ich feste Nahrung zu mir nehmen und, unter Einsatz einer Packung Immodium, auch bei mir behalten konnte. Am Abend spielte ich einen Gig in Freiburg, und ich spielte ihn nicht einmal schlecht. Der perfekte Musiker: Stöpselt mich erstmal ein, begraben könnt ihr mich später. Schickt den Scheck an meine arme Mutter. Wenn es denn einen Scheck gegeben hätte.

Letzte Nacht in Freiburg träumte ich dann von C. Nichts Besonderes, gerade genau die Dinge, die uns auch in unserer Beziehung immer so gefesselt hatten. Es ging um irgendeine Auseinandersetzung mit ihr und meinen Eltern oder so etwas. Das Übliche also. Dennoch dachte ich oft an sie. Sie fehlte mir sogar – der Mensch, der sie vor ihrer Arbeit gewesen war, der fehlte mir. Es hätte wohl niemals und unter keinen Umständen gut ausgehen können, das dämmerte mir langsam. Aber es war trotzdem eine traurige Geschichte, und wir hatten viele gute Zeiten und Dinge erlebt, auch wenn die im Trott des immer gleichen Zwistes zuletzt etwas untergegangen waren. Dennoch verdankte ich ihr viel, so wie sie mir viel verdankte. Und ich dachte an sie und war traurig, denn es war eine gute Zeit gewesen, und wir hatten uns einmal geliebt, und dann waren wir gute Freunde gewesen, und nun waren wir gar nichts mehr.

Life was the hardest thing.

Alles Leben war Leiden. Alles Erleben war Leiden. Ich wusste es, aber es änderte keinen Deut an dem, was ich fühlte und was ich erlitt. Es waren nicht einmal große Katastrophen, die mich bestürmten, nur kleine Alltäglichkeiten, wie sie in jedem Leben auf dieser Erde dutzendfach auftraten. Doch mit den großen Katastrophen konnte man anders umgehen, ihre Einmaligkeit rechtfertigte das Leid, das man empfinden mochte. Die kleinen Katastrophen jedoch machten uns hilflos. Wir litten, und nichts rechtfertigte unseren Schmerz, außer der Tatsache, dass wir am Leben waren. Und das änderte sich selbst dann nicht, wenn die Katastrophen eigentlich unserem Leben dienlich sein mochten.

Noch dazu war ich zwischen zwei Städten hin- und hergerissen. Meine Heimat mochte in Konstanz sein, einstmals und wieder, doch auch in Freiburg hatte ich es in meiner kurzen Zeit dort geschafft, so etwas wie ein Leben aufzubauen. Ich hatte es gestern Abend gemerkt. Ich spielte den Gig nicht einfach nur mit irgendwelchen Musikern, sondern ich spielte mit Freunden, denen ich mich verbunden fühlte und die Anteil nahmen. Diese Verbundenheit war der letztliche Grund gewesen, warum ich den Weg über den Schwarzwald auf mich genommen hatte; ihre Anteilnahme gab mir die Standhaftigkeit, den Abend durchzustehen.

Auch die Stadt selbst rührte mich jedes Mal, wenn ich wieder dort war. Es war ein wunderbarer Ort am Ende der Welt. Wo Konstanz eine Öffnung und ein Beginn gewesen war, oder, wie jetzt, ein Zwischenstadium, da war Freiburg zwar eine Sackgasse – für mich und mein Leben war es das tatsächlich in jeder Hinsicht gewesen. Doch war es eine der schönsten Sackgassen der Welt, und ich genoss es, über den Schwarzwald dorthin zurückzukehren, am Tag über die KaJo zu schlendern oder an der Dreisam zu flanieren und am Abend durch die Kneipen zu ziehen. Ich kannte die Straßen und Wege und meine alten Orte und die Ansichten, die sich mir boten. Nichts überraschte mich, und alles war bekannt. Ich ging durch die Stadt und hatte das Gefühl von Zuhause. Nicht von Heimat, wie am See, aber von jener tiefen Vertrautheit, die sich manchmal in unseren Herzen einstellt, wenn wir einen Ort einmal in jenen Bereich einlassen, der sonst den Menschen vorbehalten ist. Freiburg war ein wunderbarer Ort, und eigentlich war an ihm nichts verkehrt gewesen. Es war nur das falsche Leben an diesem Ort gewesen.

Ich war nun vorerst wieder Konstanzer, daran war nicht zu rütteln, noch wollte ich es. Aber ich hatte nun noch einen weiteren Ort in meinem Leben, und ich würde ihn auch noch kennen und schätzen, wenn ich in zwanzig Jahren dorthin zurückkehren würde, und das war eine verrückte Sache.

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Dienstag, November 28, 2006

Momentaufnahme

Ich breitete den Mantel des Schweigens über den letzten Abend. Dieses Mal hatte die Session im Roots das Niveau der Übungsstunde einer Schülerband. Die jungen Musiker sahen sogar genau so aus. Sie hatten keinen Pep und keine Klasse. Sie konnten ihre Instrumente zwar spielen, aber sie fanden nicht zusammen. Sie würden niemals zusammenfinden. Das war deutlich zu sehen. Also verlegte ich mich an diesem Abend aufs Biertrinken und quatschte mit den Typen auf dem Hocker neben mir. Er war Gitarrist und somit wie ich Mitglied der weltumspannenden Familie der im Grunde überflüssigen Musiker. Es gab zu viele von uns. Niemand brauchte so viele Saxophonisten und Gitarristen. Zum Glück fragte das Leben nicht nach dem Sinn, und so existierten wir dennoch, um in anderen Gefilden unser Glück zu versuchen. Er würde sein Glück als Produzent versuchen, und ich – nun, ich hatte nach wie vor keine Ahnung.

Eigentlich hatte ich an diesem Abend aber keine Lust, neue Leute kennenzulernen. Ich hatte nichts gegen sie, aber sie berührten mich auch nicht sonderlich. Ich war ich und die Leute waren die Leute, so einfach war das. Ich musste sie nicht kennen. Wir konnten nebeneinander existieren ohne uns wehzutun. Es fühlte sich so an, als würde sich mein neues Leben in einiger Hinsicht grundlegend von meinem alten unterscheiden. Mir schienen plötzlich andere Dinge wichtiger zu sein und in den Vordergrund zu rücken. Alles andere hatte Zeit. Ich würde meine alten Gewohnheiten und Vorlieben nicht aufgeben, aber sie konnten warten. Ich konnte sie langsam angehen. Dazu gehörte das Sitzen in den Cafés, der Jazz, das Nachts-Denken-und-lange-Aufbleiben, das Trinken und auch manche Arten des Schreibens. Es war gut zu wissen, über ein paar Gewohnheiten und Fähigkeiten zu verfügen, aber ich musste mich ihrer nicht mehr versichern. Ich konnte auch einen ganzen Abend dasitzen und einer mittelmäßigen Band beim Schrammeln zuhören. Ich musste nicht spielen. Es war völlig in Ordnung so. Auch wenn es mit besserer Musik natürlich besser gewesen wäre.

Dieser Morgen war schwierig gewesen. Ich wurde älter oder irgendwas in die Richtung. Ich steckte die kurzen Nächte jedenfalls nicht mehr so einfach weg wie früher. Ich quälte mich nach der kurzen Nacht um zehn aus dem Bett und trank die nächste Stunde einen Kaffee nach dem anderen. Es war Herausforderung genug, den Becher zu halten und mir das heiße Getränk einzuflößen. Irgendwann kehrte das Leben in meinen Körper zurück, ich bekam wieder ein Gefühl für meine Gliedmaßen und schaffte es sogar zu frühstücken. Aber darum geht es eigentlich nicht, sondern hierum:

die Kontinuität von Entwicklung und Erleben.

Aber dazu muss ich kurz noch ausholen. Einige Minuten vor eins schaute ich aus dem Fenster zur Kirche und traute meinen Augen nicht. Die beiden Dorfstörche hockten Seite an Seite einträchtig auf dem Kreuz, das die Kirchturmspitze krönte. Die beiden riesengroßen weißen Vögel saßen einfach da, auf diesem winzigen Gipfelkreuz, kratzten sich ab und an am Bauch und ließen sich die Sonne aus Gefieder scheinen. Es war ein klarer Tag, nur ein bisschen diesig am Horizont, und die Aussicht, die sie hatten, war sicherlich hervorragend. Als Alteingesessenen ließen sie sich auch von der Kirchturmuhr nicht aus der Ruhe bringen, als die ein Uhr schlug. Was mir aber vor allem klar vor Augen stand, als ich diese beiden Vögel da so nahe beieinander sitzen sah, war die Atmosphäre der Zuneigung, die zwischen diesen beiden Tieren herrschte. Wir Menschen tendieren immerzu zu zwei Extremen, zwischen denen wir hin und her pendeln wie ein angeschlagener Kreisel: entweder wir sprechen den Tieren die selben Eigenschaften und mentalen und kognitiven Fähigkeiten zu wie uns selbst, oder wir sprechen ihnen jegliche von uns bekannten Eigenschaften ab. Das erste vielleicht aus dem Bemühen heraus, in der Welt nicht allein zu sein und die Tierwelt, die uns umgibt, besser zu verstehen; das zweite aus einer übertriebenen Wissenschaftlichkeit, für die nichts sein kann, was nicht mehrfach bewiesen und beglaubigt ist, in dreifacher Ausfertigung und mit Stempel und Siegel der höchsten Stelle der Objektivität. Ich hingegen denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Unsere Hunde, Katzen und Meerschweinchen, und die Drosseln uns Stare und Störche und alle anderen denken nicht wie wir. Wir denken in Symbolen, in Repräsentationen, in Abstraktionen, auch wenn das beim Anblick bestimmter unserer Mitmenschen manchmal zugegebenermaßen schwer zu glauben ist. Das ist es, was das menschliche Denken ausmacht, was seine Potenz und seine Crux ist, sein Erfolg und sein Verderben. Aber unter diesem spezifisch menschlichen Denken liegen unsere Erbschaften aus Jahrmillionen der Evolution, „wie oben, so unten“, wie es heißt. So wie unser Denken nicht völlig aus dem Nichts kommt, wenn es diesen Grad der Ausprägung auch erst mit dem „modernen“ Menschen, de Homo Sapiens, erreichte, sowenig kommt unsere emotionale Ausstattung, die noch um einiges älter ist, aus dem Nichts. Tiere haben wahrnehmbare, von außen klar unterscheidbare Emotionen und emotionale Zustände. In jenem Moment, als ich die beiden Störche, dieses Storchenpaar, da vor mir auf der Kirchturmspitze sitzen sah, dachte ich mir, ihre Zuneigung zueinander spüren zu können. Dass ich ein sprachloses Gefühl von Liebe zwischen diesen Tieren wahrnehmen konnte, eine tiefe Eintracht, die diese beiden miteinander verband.

Wir stehen in einer Kontinuität des Lebens und des Er-Lebens, die wir allzu oft vergessen und übersehen. Wir stehen nicht im luftleeren Raum. Wir sind nicht aus einem Nichts geschaffen worden. Wir existieren nicht unbezogen in dieser Welt. Wir sind ein Teil des Lebens auf diesem Planeten, auch wenn wir uns in kognitiver Hinsicht vielleicht signifikant vom Rest des Lebens unterscheiden. Aber das negiert nicht unsere Bindungen und unsere Herkunft. Wir sind ein Teil des Ganzen, auch wenn unser Bewusstsein uns die Illusion der Abgetrenntheit und Verschiedenheit vorgaukelt, die durch das Gefangensein im eigenen Körper entsteht. Doch die Verbindungen zum Rest des Lebens durchziehen und durchdringen alles. Sie definieren unsere Verantwortungen in diesem Leben.

Ich blickte zu den beiden Störchen auf dem Kirchturm und fühlte mich ihnen tief verbunden. Ich war in einem neuen, anderen und doch immer gleichen Leben, meinem Leben, angekommen, vieles würde sich weiterhin ändern, vieles bliebe gleich. Das was uns im innersten Kern ausmachte, was, unter allen Schichten des Bewusstseins, unser menschliches und jedes andere Leben ausmachte, würde jedoch immer das gleiche bleiben. Aus dieser Gewissheit heraus konnte man leben. Und diesen Kern, und sei es nur in Fragmenten, in Worte zu fassen, ihn erfass- und begreifbar zu machen, war vielleicht die tiefste und immerwährende Aufgabe des Schriftstellers.

Nach allem was ich wusste saßen die beiden Vögel noch immer entspannt dort oben. Der Gedanke tat gut.

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Dienstag, November 21, 2006

Meditations

In einem neuen Leben probierte ich neue Dinge. Ich hatte mir ein paar Regeln fürs Leben gegeben. Jetzt probierte ich sie aus.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das dem Zen zugrunde liegende Prinzip war mir schon lange klar, wahrscheinlich klarer als den meisten Zen-Praktizierenden selbst. Es geht darum, das Bewusstsein zu öffnen, und zwar sowohl für den jeweiligen konkreten Augenblick als auch für die Automatismen und Abläufe im eigenen Geist. Natürlich bekam ich dennoch eine zehnminütige Einführung ins Zen, die mich zu Tode langweilte. Aber ich befand mich auf unbekanntem Grund, und ich schwieg.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das Zen-Dojo Freiburg war ein kleiner Raum, nichts Großartiges oder Überwältigendes, nicht einmal etwas besonders Erhabenes. Ein kleiner Raum und ein Vorraum, mit Parkett ausgelegt, ein paar Kalligraphien und Buddhas an den Wänden, eine Garderobe, Sitzmatten und –kissen in einem Gestell an der Wand. Dennoch mutete mir der Raum fernöstlich an. Alles war sauber, alles war ordentlich, und alles schien eine wie auch immer geartete Bedeutung zu haben. Ähnlich wie in den japanischen Künsten, der japanischen Küche und den japanischen Umgangsformen war auch hier nichts Überflüssiges. Alles war Teil der größeren Zeremonie und der größeren Bedeutung. Es erschien mir zuerst leicht lächerlich, diese Bedeutungen und Zeremonien von Deutschen durchgeführt zu sehen, mit einer gewissen Anmut zwar, aber auch mit jenem Bierernst, zu dem wir als Volk auf irgendeine Weise prädestiniert zu sein scheinen. Aber sie taten es mit solchem Ernst und, wie ich zugeben muss, so wenig Künstlichkeit, dass ich es bald vergaß – sowieso machte ich gute Miene zu ihrem Spiel, denn ich wollte nun wissen, wie es wäre, das Zen. Es war nun einmal die Welt dieser Zen-Praktizierenden, in der ich nur Gast war. Ich hatte meine Meinung zu ihnen, aber ich musste sie ja nicht auch noch äußern.

Es war eine schweigsame Gruppe. Ich wurde nett empfangen und eingeführt, aber dennoch blieb mir das Gefühl, dass jeder ein wenig bei sich blieb, so als wäre es ihm ein wenig peinlich, hier mit den anderen zusammen diese ungewohnten Übungen aus einem fernen Land zu vollziehen.

Wie soll man anfangen über Zen zu schreiben? Man sitzt und starrt die Wand an. Das ist kein Witz, wir saßen tatsächlich alle mit dem Gesicht zur Wand, wofür ich aber auch dankbar war, denn das Sitzen fällt einem schwer genug, ich musste dabei nicht auch noch die Gesichter anderer mehr oder minder Versunkener vor mir sehen. Die Wand reichte mir vollkommen. Sie lenkt einen zudem nicht ab von dem Unsinn und dem Leiden des eigenen Geistes. Denn das ist es, was es in erster Linie ist: eine Rosskur für das Bewusstsein. Wir saßen dort zweimal eine halbe Stunde, und schon nach wenigen Minuten verlor ich das Gefühl für die Zeit und mein Geist ging auf Wanderschaft. Immer wieder kehrte ich wieder ins Hier und Jetzt zurück, und immer wieder floh meine Aufmerksamkeit in Tagträume... Darum geht es: die Tagträume, das müßige Ablenken, Herumgeistern und Imaginieren zu erkennen und vorüberziehen zu lassen. Nicht darum, es zu verurteilen, zu verdammen oder zu verhindern, denn das ist schlechterdings unmöglich, das Hirn lässt sich sowenig anhalten wie das Herz. Aber man wird mit fortdauernder Übung immer weniger zum Sklaven der eigenen Gedanken, Einfälle und Regungen. Man lässt sie vorüberziehen, wie Gewitterwolken am Himmel vorüberziehen, bis schließlich (und immer öfter) das klare, helle Licht der Aufmerksamkeit die Oberhand gewinnt, und die Wolken nur mehr das sind, Wolken, und nicht mehr Katastrophen, Zwänge und Ketten, die wir uns selbst anlegen.

Es wurde allerdings erstmal schlimmer, bevor es besser wurde. Man sitzt mit überkreuzten Beinen im Zazen, im halben oder auch ganzen Lotussitz, und irgendwann, das Gefühl für die Zeit hatte ich wie gesagt schon lange verloren, schlief mein einer Fuß so tief ein, dass ich weder das leiseste Gefühl mehr hatte, noch auch nur einen Zeh bewegen konnte. Es war, als wäre es gar nicht mehr mein Fuß, und das wäre sogar besser gewesen, denn ein pochender Schmerz begann mir zu schaffen zu machen und mich von allem anderen abzulenken. Am Ende der halben Stunde gab es in meinem Geist nur noch dieses Pochen, und ich ertappte mich, wie ich im Stillen beinahe schrie, dass es doch zu Ende gehen sollte... Auch in dieser Hinsicht war es eine sehr eindrückliche Erfahrung. Ich überlebte die halbe Stunde, und in der anschließenden Geh-Meditation, die an dieser Stelle wirklich bitternötig war, ging es auch meinem Bein bald wieder besser. Die zweite Sitzung war ein Klacks gegen diese erste, und wenn die ersten Kleckser des Satori wohl auch noch in weiter Ferne lagen, so war ich doch positiv überrascht, wie viel Ruhe letztendlich bereits in meinem Geist zu herrschen schien. Es war gut so, wie es war, und in jenen Momenten, in denen doch die Unzufriedenheit und Langeweile kurz ihr Haupt hob, wusste ich bei mir: Warum sollte es anders sein? Ich war in diesem Augenblick, und auch wenn er vielleicht nicht war wie in meinen Wünschen und Sehnsüchten, so war er doch, so wie er war, perfekt. Es gab nichts an ihm auszusetzen, nur an meiner eigenen Unzufriedenheit. Aber ich musste ja nicht auf sie hören.

Was soll man über Zen sagen? Man erkennt die eigenen Gedanken und Gewohnheiten, man bricht die gewohnten Muster und die gewohnte Wahrnehmung. Das ist alles, worum es geht, und gerade deshalb, weil es letztendlich so wenig und auch, bei aller Schwere, so einfach ist, ist es eine der wichtigsten Sachen der Welt. Wir haben nichts nötiger als unseren Geist, unser Bewusstsein einmal bei Licht zu besehen und zu entdecken, was es eigentlich damit auf sich hat. Wir sind zugleich Herren und Sklaven unserer Regungen und Gedanken, und öfter die Sklaven als die Herren. Die meisten Dinge, die wir tun, entspringen der unablässigen Arbeit dieser Geist-Maschine. Es konnte nur gut tun, zu lernen, ein wenig mit den Reglern und Parametern der Maschine zu arbeiten.

Ich wolle ja noch ein Wort zu den Regeln und ihrer Umsetzung verlieren.

Vor allem am Punkte 1 arbeitete ich. First things first. Ich hatte ein Café und eine Bar entdeckt, an denn ich mich wohlfühlte. Das Café war ein guter Platz zum Arbeiten, mit großen Fenstern, die auf die Straße gingen, und einer Einrichtung in dunklem Holz vor weißen Wänden, an denen Schwarz-Weiß-Fotografien hingen. Es wurde von Italienern geführt, und auch wenn es von Studenten überlaufen war (wie immer weniger ich mich ihnen zugehörig fühlte...) war es ein guter Ort. Kein Voglhaus, aber gut genug. Die Bar wiederum hatte 98 von 100 möglichen Bar-Punkten. Sie war die Quintessenz der Bar. Wenn die Bars dieser Welt zusammengekommen wären, um die Regeln und Richtlinien für vollkommene Bar-Haftigkeit festzulegen, wäre das Ergebnis eine Bar wie diese gewesen. Sie atmete Gelassenheit und Geborgenheit. Der Barkeeper war zugleich der Besitzer und schien alle Gäste mit Namen zu kennen. Auch meinen lernte er schnell. Es war eine ruhige, stille Bar. Sie lag die entscheidenden hundert Meter abseits sowohl der Touristenströme als auch des Mainstreams. Es langte wahrscheinlich gerade zum Überleben, aber es war auch ein großer Vorteil der Bar. Aber was nutzten all die Worte, sowenig, wie sich das Wesen des Voglhauses in einer Beschreibung einfangen ließ, sowenig war diese Bar eine Sache der Worte. Es genügte, dass es sie gab. Ich musste sie nicht beschreiben, ich konnte ab und zu dorthin gehen und gut leben. Das genügte.

Auch die Sache mit den Menschen ließ sich gut an. Wie immer war es die Musik, die alle Grenzen überwand und die Menschen einander näher brachte. In jener Bar gab es eine montägliche Jamsession, und wie die Bar war auch sie eine ruhige und gelassene Angelegenheit. Wir spielten als Quartett, klassischer als klassisch, mit Altsax, Piano, Bass und Drums. Klare und reine Klänge, die sich im Gewölbe brachen und an die Holztäfelungen des Raums und die Ohren das geneigten Zuhörer brandeten – will sagen, die Bar hatte eine Spitzenakustik, in der zu spielen eine Freude war. Sie hatte allerdings auch Spitzenmusiker, mit denen zu spielen mehr war als freudig, nämlich ein Genuss, und mit einer Leichtigkeit, die nur entsteht, wenn alle Beteiligten ganz bei einer Sache sind und in ihnen aufgehen, und die einzelnen Musiker zu einer größeren Verbindung verschmelzen, ganz Ohr und ganz Klang.

Eine weitere Form von Meditation. Eine weitere Art von Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit.

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Dienstag, August 01, 2006

One Upon A Time

Out Of The Past..


Neue Nachricht vom See! Hallelujah! Alles sehr verrückt.

Natürlich zog es mich gestern Abend noch in die Destille! Wer hätte anderes erwartet? Erstaunliche Begebenheiten! Seltsame Zeichen und Töne. Sounds! Sound, sound, sound – only sound remains! Aber zur Sache:

Harmonieinstrument gab's gestern nicht, dafür zwei Trompeten, mich am Saxolophon und einen Krachzeuger. Aber ich erzähle vollkommen falsch, so ergibt es ja gar keinen Sinn! Ich muss es anders anfangen...
Also: Während der Donat hinterrücks ein paar krumme Klavier-Akkorde einschmuggelte, die ihre köstliche Fracht gewissermaßen "am Zoll vorbei" in die harmonische Struktur einbrachten – ob die Akkorde nun absichtlich oder aus unvollkommener Beherrschung des Pianoforte einkamen, das ist ja nun völlig egal, gerade bei Jazz! - also während er ein seltsam-verschränktes Klangreich da herschuf, und der Sascha am Bass sich sehr zurückhielt, um nur gelegentlich einen kleinen tonalen Funken einzuwerfen, der die Dinge behutsam in die vorgesehenen oder auch ganz andere Richtungen lenkte, haute Daniel gepflegt auf den Putz und entfachte ein wahres Beckengewitter. Nun hieß es aufsatteln und den Gaul über den Acker jagen, wenn Du verstehst, was ich meine! Eine kristallene Struktur tat Not! Zum Glück hatte ich mein Alt-Sax eingepackt, auf dass die alte Musik zu neuem, funkelndem Leben erweckt werde! Mittenmang wechselte O'Donat zurück auf die Trompete, und wir lieferten uns eine gepflegte Tonal-Schlacht, bis das Blut der Harmonie über den Fußboden schwappte und wir uns unentwirrbar ineinander verbissen hatten, im musikalischen Sinne natürlich nur. Eine schnelle Wendung ins humoristische, ein Schwert, den gord'schen Knoten durchgehauen in der Mitte und zurück in den schnellen Lauf, quer über den bereits zitierten Acker! Mit einiger Mühe, aber im ersten Anlauf überwanden wir eine Hecke und übersprangen den Graben, nur um uns im verwirrenden Reich der enharmonischen Implikationen wiederzufinden. Geschwind fädelten wir uns in einen modalen Beinahe-Blues ein, und spielten an diesem Abend tatsächlich noch einen gepflegten Free-Jazz, während dessen Daniel natürlich fortgesetzt auf den Putz haute, und Sascha die Wurzeln für Kommendes in unser wildes, wohltemperiertes Gesäusel legte... Ja, so war das! :)

In einer wohlverdienten Pause, zu der sich die Kneipe bereits schlagartig geleert hatte (die Leute gingen wohl auf die Straße, um allen Freunden und Fremden zu erzählen, was für unglaublich wunderbare atonale oder sonstwie zauberhafte Musik an diesem Abend in der Destille spielte!), kam ich auf einem Barhocker zu sitzen. Wenn dieser Hocker seine Geschichte hätte erzählen können, was hätte ich da wohl alles zu hören bekommen...
Jedoch, da es dem Hocker gar nicht in den Sinn kam, mit mir zu quatschen, quatschte ich meinerseits meinen unbedarften Nebensitzer an, der geradewegs von den Barbados-Inseln herbeigesegelt kam! Das war natürlich einige Jahre her, aber in der Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit verwechsle ich das manchmal. Jedenfalls, auf dem Weg von PARIS nach KRETA war er 1970 in Konstanz hängengeblieben – das muss man sich einmal vorstellen! Freddy heißt der gute Mann, und er nahm mich mit auf eine wundersame Reise zurück in die Vergangenheit, dreißig Jahre erst, aber eine andere Kultur, ein anderes Sein, ein anderes Wesen und ein anderes Leben! Natürlich; Freddys Leben eben. Und so feierten wir zusammen wilde Sessions in der Seekuh, begrüßten Johnny Griffin am Bodensee ("the fastest tenor of all times"), sahen ihm dabei zu, wie er sturzbesoffen auf der Bühne jazzte, aber was für Jazz, fuhren in einer Autokarawane von Musikern nach Markdorf (oder so ähnlich), um mitten in der Nacht in eine Session zu stürzen und gepflegt auf den, jawohl, den PUTZ zu hauen, reisten mit einer Bigband nach Prag und tingelten durch die Klubs, um Jumpin' Jack Dupree auf ein Bier einzuladen und MUSIK, wahre, nahrhafte MUSIK zu hören, bis uns die Ohren schlackerten!

Wer platzte da mit einem Mal mitten herein? Dieser ungewöhnliche Introvertierte, Viktor. Er hatte ein Tenor-Saxophon mitgebracht und war in unterwürfiger, aber doch direkter Weise zum Spielen aufgelegt. Wir ließen uns nicht zweimal bitten! Spontan erfand ich einen Song in G-Major, mit einem netten kleinen Mittelteil in F und Bbm, und legte los. Die Kakophonie entspannte sich! Immerhin: Zwei Trompeten, zwei Saxe und ein Drummer, das hat Krach-Potential! Unterwegs entschied sich Sascha, doch lieber wieder an den Bass zurückzukehren, wofür wir ihm beiläufig, jedoch nicht weniger herzlich dankten. Von Grundtönen kann man nämlich niemals genug bekommen! Jawohl, meine Dame! Meine verehrte, liebe Dame...
Aner zurück ins Geschehen! Einer Eingebung folgend, endeten wir auf dem Coltrane'schen Meisterstück, RESOLUTION, nicht ohne dass ich (unter beifälligem Gemurmel der anderen und ihrer tatkräftigen Mithilfe) noch einen geschwinden modalen Ausflug in die LOVE SUPREME unternommen hätte... Als wir danach jedoch noch darangingen, SUMMERTIME zu verwursten, wurde es dem Wirt zuviel, und mit einem Gesichtausdruck, als sei ein LKW über seinen Lieblingsfuß gerollt und wilden Gebärden unterband er weitere Darbietungen. Gut, ich muss zugeben: DIESE MUSIK WAR NICHT LEICHT VERSTÄNDLICH! Tatsächlich hatte sie die Kneipe geleert. Vollständig geleert. Dennoch machte uns dieses Unverständnis der wahren KUNST gegenüber benommen, und wir mussten rasch einige Bier trinken, um uns zu beruhigen und zu besinnen. Zu erwähnen vergaß ich noch, dass wir ein ungefähr dreistündiges Intro zu SUMMERTIME spielten – ODER WAREN ES DREI MINUTEN? Zeit ist nichts, Fleisch ist Gras, in der großen, einzigartigen Realsatire, die das Leben ist, das zu jedem Zeitpunkt ungeprobt über die Bühne geht. Gepflegt auf den Putz hauen, das ist es, worauf es ankommt – oder jedenfalls: AUCH ankommt!
Ja, so war das! :)

Wir redeten noch ein paar Stündchen, natürlich über Musik, besonders über gewisse Implikationen bestimmter Herangehensweisen... Denn, so fragte ich mich: Wenn die UTOPIE ihrer Zeit stets voraus ist, UND wenn gerade der Free Jazz ja immer schon eine sozialkritische Komponente hatte (man denke nur an Albert Ayler! Sehr sozialkritisch, der Mann! Außerdem verrückt: er sang "Music Is The Healing Force Of The Universe". Jah!), also dann ist es ja so: Wenn man VOR dem Beat spielt, nach vorne drängt gewissermaßen, bringt man dadurch dann die "utopische Komponente" ein? Und was ist dann, wenn man "laid back" spielt? (Hierbei soll es übrigens tatsächlich helfen, sich auf seinem Stuhl zurückzulehnen...) Beschwört man damit nicht auch, auf eine Weise, die Geister der Vergangenheit? Macht man sich einer gewissen Romantik schuldig?
Nun, dann bekenne ich mich! Schuldig in allen Punkten der Anklage! Jawohl, euer Ehren! Ganz richtig! Recht so! Vergessen wir die Sozialkritik, vergessen wir die Herangehensweisen – wichtig ist, einen in der Krone zu haben, fünfe gerade sein zu lassen, und zusammen (die GEMEINSCHAFT ist hierbei das Zauberwort!) einzutauchen in den ganz alltäglichen Wahnsinn der Seele...

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