„Philadelphia?“Phil fuhr auf. Der Schmerz in ihrer Schulter schien für den Augenblick vergessen.„Meine Tante!“ Sie raffte ihren Pullover zusammen und versuchte, ihn anzuziehen. Ich wollte ihr dabei helfen.„Dafür ist keine Zeit.“ Phil sprach eilig und leise, fast ein Flüstern. Sie raffte Pullover und Handtuch zusammen und schob mich aus dem Schlafzimmer. Ihre Tante rumorte bereits am Fuß der Treppe. „Warte, das Bett!“ Wir kehrten um und zogen das Bett wieder an seinen angestammten Platz in der Mitte des Raumes. „Philadelphia! Was machst du da?“ Die Stimme klang, als bemühte sich ihre Besitzerin, nett und freundlich zu sein. Aber man konnte hören, dass diese Freundlichkeit an einem seidenen Faden hing, und dass der jederzeit reißen konnte. Ich verstand, was Phil gemeint hatte. Sie war hier nicht wirklich willkommen. Man musste kein Genie sein, um das zu merken.Man musste auch kein Genie sein, um festzustellen, dass ich nun hier im Obergeschoss feststeckte. Tante Emma war nun auf der Treppe und kam herauf. Ihr Schlurfen auf den engen Stufen war klar zu hören. Großartig: Ein erwachsener, fremder Mann in einem fremden Haus in einem kleinen Dorf, zusammen mit einem Mädchen im BH. Ich konnte mir ausmalen, was das für Folgen haben würde. Wenn man mich nicht lynchte, konnte ich wahrscheinlich von Glück sagen.„Hier rein, schnell!“Phil winkte mir frenetisch mit ihrem gesunden Arm, mit ihren Nerven am Ende. Ich huschte still und leise in das angewiesene Zimmer, und Phil folgte mir. Es musste das Gästezimmer sein, das Phil für die Dauer ihres Aufenthaltes bewohnte. Ich dachte das, weil es chaotisch aussah wie überall auf der Welt, wo Minderjährige hausen. „In den Schrank, schnell!“Sie öffnete die Tür zu dem Einbauschrank, der an einer Seite des Zimmers in der Wand war. Das Ding sah aus, als könnte es jeden Augenblick in sich zusammenbrechen, aber ich hatte keine Wahl und vor allem keine Zeit, um pingelig zu sein. Also schlüpfte ich hinter Phils Kleider, eines neben dem anderen an der Stange, und Phil schloss die Schranktür hinter mir.Die nölige Tantenstimme schallte noch ein letztes „Philadelphia“, mit der typischen Betonung einer Frage und der hochgebogenen Stimmhöhe am Ende, und dann stoppten die Schritte und sie sagte „Philadelphia!“, aber jetzt mit dem Klang einer schockierten Empörung und mit einem klar vernehmbaren Ausrufezeichen.„Philadelphia! Was soll das!“ Offensichtlich hatte sie die halbnackte Phil zu Gesicht bekommen. Den Krach vom Bettenschieben würde sie über diese Entdeckung vielleicht vergessen, hoffte ich.„Ich, ich bin gestürzt, Tante“, plapperte Phil drauflos, „hier auf die Schulter.“ Ihre Stimme klang seltsam schrill. Ich hoffte, dass nur ich das merkte.„Ich wollte sehen, wie es aussieht“, fuhr sie fort, „und...“„Gestürzt? Wie ist das denn passiert?“„Die Türschwelle! Unten!“ kam es nach einem kurzen Zögern von Phil zurück. „Ich habe nicht aufgepasst und...“ „Philadelphia, wie oft soll ich es dir noch sagen: Hör auf mit dem Herumrennen und benehme dich wie ein anständiges Mädchen. Und wie du herumläufst!“ In der Stimme war eine Mischung aus Überdruss und Eis. Mein erster Eindruck der Tante vor wenigen Tagen erwies sich als zutreffend. Sie war schrecklich. „Lass mal sehen“, resignierte sie endlich, mit einem Seufzen, als trüge sie die Last der Welt auf ihren vertrockneten Schultern. Ich war mir sicher, dass es ihr so vorkam. Schweigen, Füßetrappeln und Murmeln dann. „Trotzdem, so kannst du nicht herumlaufen! Was sollen die Leute denken.“„Tante, wer soll mich denn sehen?“„Schluss, ich will, dass du dir etwas anziehst. Und dann essen wir zu Abend. Es ist schon spät.“Schritte kamen in meine Richtung und näherten sich dem Schrank. Was war jetzt los? Ich rückte in die hinterste Ecke, bemüht, kein Geräusch zu machen, „Tante! Wohin willst du!“ rief Phil. Die Schritte stoppten vor der Schranktür, und ihre Tante antwortete irritiert:„Zum Schrank, wohin sonst. Ich hole dir etwas zum Anziehen. So kannst du nicht herumlaufen.“„Ich, ich habe meinen Pullover gleich hier! Wirklich!“Hektische Geräusche schlossen sich an. Die Tante seufzte auf der anderen Seite der Schranktür und räumte dann im Zimmer herum. Von Phil war für den Moment nichts zu hören.Dann öffnete sie den verdammten Schrank.Ich hatte Glück, in zwei Teilen, mit einer Pause dazwischen gewissermaßen. Sie öffnete ihn nur einen Spalt. Das war der erste Teil meines Glücks. Der zweite Teil war, dass keine harten oder spitzen Sachen unter den Dingen waren, die sie unbesehen in den Schrank staute, halb werfend und halb stopfend. Ich bekam in meinem Versteck einen Schwung getragener Wäsche ab, aber ich rührte mich nicht. Ein winziges Stückchen Stoff, das wohl einen Tanga darstellen sollte, traf mich am Kopf und baumelte nun an meinem linken Ohr. Bei meinem Glück war das Ding sicher bereits getragen. Großartig. Dann war es vorbei mit der Wäsche, und Tante Emma schlug mir die Schranktür ins Gesicht. Sie hatte mich nicht bemerkt – „weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, wie der Dichter sagt. Aber im Ernst, wer erwartete denn auch schon einen fremden Mann in seinem Kleiderschrank?„Tante!“ Phils Stimme klang nach Herzinfarkt, und ich konnte mir lebhaft ausmalen, wie sie sich fühlte, mit ihrer Tante an der Tür zu meinem improvisierten Versteck. „Ich räume deinen Saustall auf, meine Liebe. Und du wirst nach dem Abendessen weitermachen, verstanden?“ Die Worte ‚meine Liebe‘ troffen dabei von allem außer der selbigen. Phil brachte ihre Antwort gerade noch so heraus:„Ja, Tante, wie du willst“, und ich befürchtete, sie könnte zu guter Letzt auch noch in Ohnmacht fallen. Aber mit den Worten „Gut, dann komm jetzt“ entfernten sich sowohl die Tante als auch Phil vom Schauplatz des Geschehens, eine Tür klickte, und ich war allein in meinem Refugium. Ich nahm den Tanga vom Kopf und brachte mich der Schranktür wieder ein paar Zentimeter näher. Ich drückte vorsichtig dagegen, und sie rührte sich keinen Zentimeter. Natürlich. Und weil es eine Schranktür war, hatte sie innen auch keine Klinke. Ich seufzte und atmete ein paar Mal langsam ein und aus. Die Luft im Schrank war muffig, und durch die alte Wäsche wurde sie nicht besser. Das Eingesperrtsein in dunklen Räumen wurde mir inzwischen zur schlechten Angewohnheit. Ich lauschte. In der Ferne des Hauses klapperten Teller. Tante und Nichte saßen um den Tisch zum Abendbrot. Zweifelsohne ein rührender Anblick. Ich wünschte ich könnte dabeisein. Dann verbiss ich mir die gewohnte Ironie und holte meine Brieftasche hervor. Der älteste Trick der Welt, aber im gefühlt ältesten Schrank der Welt konnte er wiederum hinhauen. Ich entnahm eine meiner Scheckkarten. Durch die Ritze der Tür drang ein wenig Licht, aber es war zu dunkel, um festzustellen, welches Kreditinstitut ich gleich missbrauchen würde. Ich hoffte einfach, dass die Karte es überstände. Mit Fingerspitzengefühl und Vorsicht fummelte ich das Plastik in den Türschlitz. Es dauerte ein bisschen, bis ich den Schnapper gefunden hatte, und dann forderte es noch eine Menge Feingefühl und ein paar vergebliche Versuche, aber schließlich machte es leise Klick, und die Tür schwang einen Spalt auf. Klick. Ein einfaches, simples, und doch so schönes Geräusch. Es erfreute mein Herz.Ich trat aus dem Schrank und sah mich im Zimmer um. Das Licht brannte, und das Chaos von vorhin war ein wenig eingedämmt, soll heißen im Schrank jetzt. Die Zimmertür war geschlossen. Ich meinerseits beschloss, mich aus dem Staub zu machen, ohne auf Phil oder ihre Tante zu warten. Ich hatte keine Ahnung, wo im Haus sie waren, und ich wollte in keine rührende Familienszene platzen. Ich entschied mich daher für den Weg des geringsten Widerstandes. Die Schranktür blieb einen kleinen Spalt offen, um Phil bei ihrer Rückkehr zu signalisieren, dass ich mich verabschiedet hatte, dann ging ich zum Fenster und schob es auf. Die eiskalte Nachtluft strömte mir entgegen, und ich atmete zwei tiefe Züge. Die Nacht war noch immer dunkel, aber nicht mehr so sehr wie vorhin, denn der Schnee fiel noch immer. Sein Weiß bedeckte die Landschaft und machte sie heller. Die Wolkendecke war allerdings noch immer geschlossen und würde das wohl auch bleiben, also war nicht viel Licht da, das vom Schnee reflektiert werden konnte. Aber zum Kuckuck, Betrachtungen der Natur konnte ich später anstellen. Die brachten mich an dieser Stelle auch nicht weiter. Kurzentschlossen schwang ich ein Bein aus dem Fenster, und dann das andere hinterher. Unter mir schneebedeckte Büsche. Es musste zwei oder drei Meter sein. Auf dem Fensterbrett sitzend überschlug ich im Kopf und kam auf eher drei. Das war zu schaffen. Ich zog das Fenster hinter mir wieder so weit herunter, wie es eben so ging, und bereitete mich auf den Sprung vor, als meine Füße eine schmale Leiste auf Höhe des Fußbodens ertasteten. Umso besser. Mit Zehen- und Fingerspitzen krallte ich mich an Leiste und Fensterbrett, und so gelang es mir, das Fenster ganz zu schließen. Dann brachte mich ein umgekehrter Klimmzug dem Boden beträchtlich näher, und nach einem letzten vergewissernden Blick über die Schulter stieß ich mich mit den Beinen stieß leise von der Hauswand ab und landete nach einem kurzen Flug ein Stückchen weg in Schnee und Astwerk. Es war keine weiche, aber auch keine harte Landung, und der kalte Schnee möbelte mich auf. Ich schälte mich aus dem Gebüsch und klopfte mir den Schnee ab. Ich hatte genug für einen Tag. Es war an der Zeit, zu meinem eigenen Bett zurückzukehren, wo ich für mich und in Frieden ein paar Stündchen schlummern konnte. Kaum zu fassen, was einem so passieren konnte in einem verlorenen Dorf wie diesem. Wenn ich das erzählte, glaubte mir das kein Mensch. Ich glaubte es ja selbst nicht wirklich.Beschwingt strebte ich am Laden vorbei, als es mir einfiel, siedendheiß und plötzlich: Neben der Tür musste noch meine Schnapsflasche stehen. Ich schlich nochmal heran, leise wie ein Dieb, und fand sie hinter einer kleinen Schneewehe, die ein gnädiger Wind just an das Beweisstück gelehnt zusammengepustet hatte. Der Whiskey war gut kalt jetzt, und ich schnappte ihn mir, entfernte mich wieder und leerte dann den Rest der Flasche in einem Zug. Wohlig brandete der Alkohol an die Begrenzungen meines Seins. Soll heißen, er war genau das, was ich jetzt nötig gehabt hatte. Wunderbare Wärme breitete sich aus. Ich musste wirklich vorsichtiger sein, wenn ich mich so heimlich herumtrieb. Am klügsten war es sowieso, mit dem Saufen aufzuhören, sagte ich mir zum soundsovielten Male. Die Flasche landete im Hafenbecken. Der Tag war vorüber. Ich zündete mir nicht mal mehr eine Zigarette an.Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing