Donnerstag, Januar 29, 2009

Fern wie die Zeit (XXVIII)

„Du bist Margarets Tochter, nicht wahr?“
„Ja, Mister.“ In Phils Stimme lag ein Zittern. Tuft stand ihr deutlich zu nahe.
„Wie geht es Margaret?“
„Gut, Mister.“
„Was macht sie jetzt?“
„Sie fotografiert.“
„Sie fotografiert. Das ist schön. Wie geht es deinem Vater?“
Phils Stimme verhärtete sich plötzlich:
„Er ist tot.“
„Tot?“ Die Überraschung war Tuft deutlich anzuhören.
„Ja.“
„Seit wann?“ Seine Stimme war jetzt schneidend.
„Er ist im letzten Winter gestorben.“
„An was?“
„Er hatte Krebs.“
„Bist du sicher?“
Es gab keine zischende Zündschnur, keine glimmende Lunte und keine Vorwarnzeit. Ohne irgendein vorheriges Anzeichen, außer vielleicht dem Zittern in ihrer Stimme, ging Phil plötzlich hoch:
„Verdammt, was geht sie das an? Er ist tot. Er hatte Krebs. Er ist elend gestorben. Er war aufgedunsen wie eine ertrunkene Ratte. Wissen sie jetzt genug? Was wollen sie eigentlich von mir?“
Ich dachte, sie würde gleich auf ihn losgehen. Ich sah mich schon hinter der Ladenkasse hervorschnellen und wie die Kavallerie zur Rettung reiten, um mich zwischen ein unvermittelt furienhaftes Mädchen und einen alterslosen, geheimnisvollen Mongolen zu werfen. Aber dann schluchzte sie bloß:
„Sie machen mir Angst! Gehen sie. Bitte!“
Ich wettete, dass ihr bereits wieder ein paar dicke Tränen über die Wangen kullerten. Tuft machte einen Rückzieher. Junge Mädchen waren offenbar nichts, mit dem er viel Erfahrung hatte. Wütende und weinende junge Mädchen noch viel weniger.
„Ist schon gut. Schon gut.“ Er ging rückwärts zur Tür, langsam.
„Bleib nicht zu lange auf.“ Ein letzter unbeholfener Satz, dann schloss er die Tür hinter sich. Seine Schritte entfernten sich durch den Schnee, nachdenklich und zögernd.
Ich kroch unter der Theke hervor, stand auf und ließ meine morschen Knochen knirschen. Phil stand vor der Theke, steif und starr wie ein Porzellanpüppchen. Ihre Tränen waren wieder versiegt, und in ihren Augen war Wut, stumme, still kochende Wut. Ich blieb auf Abstand, um meinerseits still abzuwarten. Fast hätte ich mir eine Zigarette angezündet, aber dann fiel mir ein, dass ich in Tante Emmas Laden besser nicht rauchte. Also steckte ich mir nur die kalte Fluppe zwischen die Lippen und zog zum Zeitvertreib daran.
Sie war ein nettes Mädchen. Ich studierte ihr Gesicht. Es war ein zartes Gesicht, mit einer neckischen Nase, genau der richtigen Portion Wangenknochen und gut geschwungenen, aber auch wieder nicht zu vollen Lippen. Ein ehrliches Gesicht. Ein Gesicht, das man liebgewinnen konnte. Ein Gesicht, mit dem man gerne ausginge, mit dem man aber auch noch keinen Totschläger mitnehmen musste, um die anderen Kerle abzuwehren. Kurz, ein nettes, angenehmes Mädchengesicht, auch wenn es die falschen Erinnerungen weckte.
Zugleich erschien sie mir unberechenbar. Ich konnte meinen Finger nicht darauf legen, aber ich wusste, was mich störte. Das Weinen ohne Vorwarnzeichen. Der plötzliche Wutausbruch. Ihre Hand auf meinem Bein. Man musste kein verdammter Psychologe sein, um zu erkennen, dass sie eine ganze Menge mit sich herumtrug. Achtung, zerbrechlich! musste die Aufschrift lauten. Handle with care.
Ich lutschte an meiner kalten Zigarette und sah zu, wie ihre Wut langsam verrauchte. Schließlich entkrampfte sich ihre linke Hand, die sie zur Faust geballt hatte. Ich zählte noch still bis zehn und sagte dann:
„Du wolltest mir ein Bild von deiner Tante zeigen.“
Sie sah mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal, und für einen Moment befürchtete ich, dass sie wieder zu schreien anfangen würde. Dann schüttelte sie kurz ihren Kopf, und ich dachte erst, sie wollte Nein sagen, aber sie ging zur Tür hinten im Laden und bedeutete mir, ihr zu folgen.
„Meine Tante wohnt oben.“

Hinter der Tür war ein schmaler Treppenaufgang. Sie machte Licht, und wir stiegen hinauf. Die Treppe war alt, und die Stufen waren steil. Oben machten sie eine Biegung von fünfundvierzig Grad, und dann waren wir im oberen Stockwerk, und Phil führte mich einen schmalen Gang entlang, von dem links und rechts und am Ende Türen abgingen. Am Ende des Ganges öffnete sie die Tür, und wir standen vor einem großen, alten Messingbett. Eine einzelne, traurige 30-Watt-Birne in einem Messing-Lampenschirm erhellte den Raum. Neben dem Bett standen ein Nachttischchen aus einem hellen Holz und eine kleine Truhe aus einem dunkleren Holz, Eiche vielleicht. Sonst gab es nur das riesige Bett und die verblichene grüne Blümchentapete an den Wänden. Es war ein trauriger Raum, und er atmete das Fluidum der Trostlosigkeit.
Phil trat zur Truhe und klappte den Deckel hoch. Er schien schwerer, als er auf den ersten Blick aussah. Sie griff unter etwas, das von da, wo ich stand, wie eine Lage Kleider aussah, und zog nach einigem Suchen einen abgestoßenen Bilderrahmen hervor, einen von der Sorte, die man sonst nur noch in Antiquitätenläden findet, wo sie für die schlechte Qualität zuviel kosten. Es war ein Nachkriegsrahmen, der schon einiges auf dem Buckel hatte. Das Bild, das darin steckte, war allerdings deutlich weniger alt. Und es kam mir verdammt bekannt vor.

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Fern wie die Zeit (XXVII)

Die Tränen einer Frau folgen eigenen Gesetzen. Es gibt wahrscheinlich so viele Arten zu weinen, wie es Frauen gibt. Es gibt das schutzsuchende Weinen, das den Mann dazu bringen soll, in der Tür stehenzubleiben und zurück in die Bude zu kommen, und nicht rauszugehen und nicht zu trinken und nicht zu den Sportwetten aufzubrechen. Es gibt das verzweifelte Weinen, das ein viel leiseres Weinen ist, wenn der Kerl dann doch durch die verdammte Tür geht, und sie erkannt hat, dass sie ihn nie wird davon abhalten können, egal was sie versucht. Es gibt das anschuldigende Weinen, bei dem Tränen eine Waffe im Kampf der Geschlechter sind, der letzte Trumpf, wenn die Logik und die Vorwürfe und die Argumentationen versagt haben, immer, wenn sie im Hintertreffen ist, nicht in der anderen Situation. Es gibt das Weinen, das einen armen Kerl in einem Leben festhält, das gar nicht mehr seines ist und, wenn er es bei Licht besähe, auch niemals seines war, aber er kann nicht fort, nicht hinaus, denn dieses Weinen ist es, was ihn immer wieder am Herd zurückhält, und dabei ist dieses Weinen reine Berechnung. Es gibt das traurige Weinen, wenn Dinge geschehen, die sie nicht fassen kann, und das vielleicht das ehrlichste Weinen von diesen allen ist. Es gibt außerdem dieses eine, ganz besondere Weinen, das mit dem Ende einer Beziehung kommt, in dem Moment, da sie vor dem schwarzen Loch des Neuanfangs steht, das aber die Voraussetzung dafür ist, dass sie eines Tages wieder Lachen wird. Das ist, trotz allem, die beste Art zu weinen. Und schließlich gibt es das Weinen, das einfach nur sagt, Halt mich. Halt mich einfach fest. Und das, im Gegensatz zu all den anderen Arten, so gut wie jede Möglichkeit noch in sich trägt. Es ist kein entschiedenes Weinen. Es ist ein Weinen, das das Ergebnis offen lässt. Es war die Art, in der Phil in meinen Armen weinte. Vielleicht war ich deswegen etwas beunruhigt. Vielleicht auch nur wegen der Erinnerung.

Wir saßen so für die längste Zeit. Irgendwann schließlich versiegen allerdings alle Tränen, und dieser Moment war schon ein paar Minuten vorüber, als sie sich wieder aus meinen Armen schälte. Sie sagte Danke und legte eine Hand auf meinen Oberschenkel. Das Danke war leise und zurückhaltend, aber ihre Hand war es nicht gerade. Kam das nur mir so vor, oder wurde die Situation seltsam? Ich griff nach der Whiskyflasche und nahm einen Schluck. Es schien mir das Richtige zu sein.
„Kann ich auch einen Schluck haben?“
Ich sah sie kurz an, dann reichte ich ihr die Flasche. Sie nahm einen Schluck, der einer Ameise zur Ehre gereicht hätte. Trotzdem hustete sie kolossal. Ich nahm ihr den Whiskey wieder aus der Hand, bevor sie zu viel davon verschütten konnte.
„Woah, das ist stark!“ keuchte sie zwischen zwei Hustern. Ich sagte erstmal gar nichts, sonder zündete wieder eine Zigarette an.
„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte ich dann.
„Danke. Ja.“ Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und ich wollte verdammt sein, aber es kam mir aufreizend vor. War ich so überspannt?
„Lässt dich deine Tante oft allein?“
Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Nur eines wusste ich: Ich wollte unbedingt etwas sagen. Ich wollte das Gespräch wieder in Gang bringen, so schnell wie möglich.
„Ja, das heißt... Naja, oft. Wenn ich da bin.“ Phil schaute irritiert, und ihre Augen huschten hin und her, als bemühten sie sich, nicht an mir hängenzubleiben.
„Warum warst du heute allein?“
Jetzt blickte sie noch verwirrter. Sie hatte keine Lust, auf meine Fragen zu antworten, das war deutlich zu sehen. Sie nahm sogar ihre Hand von meinem Bein.
„Wieso fragen sie?“ fragte sie.
„Naja, ich denke mir, es könnte der Grund sein, warum sich heute alle im Café treffen, oder?“
„Quatsch. Sie hat heute Portrait gesessen oder sowas. Das dauerte den ganzen Tag. Jetzt haben die ihre Dorfangelegenheiten. Aber das kann uns doch egal sein, oder?“
Ich fasste sie am Handgelenk, bevor sie ihre Hand wieder irgendwo auf mir ablegen konnte. Ich hatte eine plötzliche Idee. Ich trug Henrichs Bild in meiner Brieftasche mit mir herum. Jetzt holte ich es heraus und zeigte es ihr.
„So ein Bild? So eine Art Portrait?“
„Was soll das? Muss ich mir...“
„Phil, bitte.“ Dass ich ihren Namen sagte, schien sie zu besänftigen.
„Das kann ich doch nicht wissen, oder?“ meinte sie dann. „Das Bild wird ja schließlich erst gemalt.“
Ich seufzte. Sie hatte natürlich Recht.
„Aber wenn ich mir das hier anschaue...“
Damit nahm sie mir das Bild aus der Hand, stand auf und ging ins Innere des Ladens. Eine einsame Lampe brannte an der Theke, und sie nahm die Zeichnung dorthin mit und sah sie sich an.
„Es erinnert mich an ihr altes Portrait.“
„Ihr altes Portrait?“ fragte ich nach. „Sie hat schon ein Portrait von sich?“
Phil nickte.
„Dann ist es älter, oder?“
„Na, sie sieht darauf ganz genau so aus, wie sie jetzt aussieht. Wollen sie’s sehen?“
Der Ton in ihrer Stimme hätte mich misstrauisch machen sollen. Allerdings lenkten mich die Schritte auf der Straße ab. Es ist seltsam, was man in einer stillen Nacht alles zu hören bekommt, Dinge, auf die man im hellen Tageslicht keine Sekunde Aufmerksamkeit verschwenden würde. Ich hob den Finger an die Lippen, schlich zur Tür und spähte durch den Spalt. Eine Gestalt in Weiß hob sich klar gegen das Dunkel der Nacht ab. Der Schneefall war ordentlich jetzt, aber er reichte noch nicht, um die Silhouette gegen den Nachthimmel zu verdecken. Es war Tuft. Er war unterwegs zum Café.

Das Dorf war Dunkel wie ein Kohleflöz in einer sternlosen Nacht. Soll heißen, das Licht aus der Tür des Ladens war weit zu sehen, selbst wenn die Tür nur einen Spaltweit offenstand. Ein helles Band zog sich über den frisch gefallenen Schnee hin zur Straße. Er floss über Tufts Füße, als er vorüberging. Tuft blieb stehen. Er betrachtete es, wie man verschüttete Milch betrachtet. Dann wandte er sich um und kam auf den Laden zu.
„Emma?“
Ich zog mich noch weiter von der Tür zurück und eilte zur Theke.
„Ich bin nicht da“, sagte ich zu Phil.
„Was soll das heißen?“
„Es ist besser, wenn ich nicht da bin. Ich...“
In dem Moment geschahen drei Dinge: Tuft stieß die Tür sanft nach innen, und blieb in der Schwelle stehen. Ich zog den Kopf ein und krümmte mich hinter der Theke. Phil wandte sich um und stieß einen kleinen Schrei aus. Richard Tuft in weiß in der Nacht konnte sowas bewirken.
„Was ist hier los?“ fragte Tuft. Seine Stimme war ruhig, dennoch war ihr deutlich anzumerken, dass er nicht damit gerechnet hatte, ein Mädchen hier vorzufinden.
„Wer bist du?“ Das mit ebenso ruhiger, aber schärferer Stimme jetzt.
„Hallo, Mister. Ich bin Phil... Philadelphia. Ich bin zu Besuch hier. Emma ist meine Tante.“
Tuft klang überrascht:
„Zu Besuch? Jetzt?“
„Ja, Mister. Entschuldigen sie.“ Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, wofür sie sich eigentlich entschuldigte. Der Ton in Tufts Stimme legte es allerdings nahe, sich zu entschuldigen, und wenn es nur ganz allgemein für die großen Sünden dieser weiten Welt war.
„Ich dachte, Emma hier zu sehen. Ist sie schon weg?“
„Ja, Mister. Sie ist vor fünfzehn Minuten losgegangen.“
„Gut.“
Damit hätte die Sache erledigt sein können. Ich wartete ungeduldig auf das Geräusch seines Verschwindens. Tuft allerdings hatte es plötzlich nicht eilig. Er ging langsam durch den Raum. Seine weißen Schuhe klackten auf dem Holzfußboden. Ich krümmte mich noch ein wenig mehr unter der Theke, und hoffte, dass es ihm jetzt nicht etwa einfiel, seine Schnürenkel zu binden. Durch die Ritze zwischen Pult und Boden sah ich Phils Boots, und gleich davor jetzt die weißen Treter Tufts. Er stand verdammt nahe. Ich versuchte, ein bisschen weniger zu atmen.

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Mittwoch, Januar 28, 2009

Fern wie die Zeit (XXVI)

Ich ging nicht nochmal zur Kellertür, sondern zu den schmalen Fenstern ein paar Meter weiter. Kaltes Licht drang heraus in die Nacht, und ich trat näher heran und späte hinein. Es waren die Toilettenfenster, zu schmal und zu vergittert, um mich hindurchzudrücken, aber mehr als groß genug, um hindurchzusehen. Peter stand im Raum und trocknete sich gerade die Hände. Ich trat noch näher an die Scheibe und klopfte dagegen. Peter hörte mich nicht. Er legte das Handtuch zurück und bewegte sich Richtung Tür. Ich nahm einen Stein vom Boden und schlug nochmal gegen das Fenster, mit ziemlichem Wumms. Jetzt hielt er inne. Ich klopfte wieder, in einem leisen Rhythmus jetzt. Ich wusste nicht, ob mich sonst noch einer hörte. Aber es war mir auch egal. Ich hatte ordentlich getrunken und wollte wissen, was hier los war. Das machte mich vermutlich ein bisschen leichtsinnig.
Peter kam zum Fenster und öffnete es. Jetzt sah er mich. Er wandte sich ab.
„Peter!“
Die Schärfe in meiner Stimme überraschte mich selbst, und noch mehr überraschte mich die flehende Note, die mit darin war. Sie überraschte auch Peter.
„Peter!“ sagte ich noch einmal.
Er drehte sich zu mir her, langsam, wie ein taumelnder Baum, der sich überlegt, dass er eigentlich gern noch ein bisschen stehen wollte. Er war gerade rum, so dass er wieder mit dem Rücken zur Tür stand, da ging die Tür zur Toilette auf und ein grobschlächtiger Mann, einer von denen, die mich gerade eben noch mit ihren Blicken und ihrem Schweigen geächtet hatten, sah herein.
„Was‘ los, Peter?“ fragte er. „Hab hier’n Riesenkrach gehört.“
Peter hielt inne, den Rücken zur Tür. Er sah mich an, und ich sah ihn an.
„War ich“, sagte er dann. „Hab mich gestoßen.“
Mit einer seiner Riesenhände fuhr er sich an den Kopf und rieb ihn, wie um eine Beule zu vertreiben.
„Bin gleich da, Lou. Nur kurz Luft.“
Der andere nickte und machte sich wieder auf. Peter nahm die Hand vom Kopf uns sah mich an.
„Danke, Peter“, sagte ich. Er sagte erstmal gar nichts.
„Was ist los?“
„Ich geb ihnen ’n Rat, Mister. Nehmen sie’n nächsten Bus und fahr’n sie besser. Das is besser für sie und besser für uns. ’S is nich immer einfach hier im Dorf, und ich find sie echt in Ordnung.“
An der Stelle wieder das Erröten, das ich schon kennengelernt hatte.
„Aber ’s gibt auch ein paar Sachen, die bleiben hier unter uns, wenn sie verstehn, was ich meine.“
„Ich versteh nicht, was sie meinen, Peter“, sagte ich.
Er schüttelte den Kopf, als sei er von meiner Begriffsstutzigkeit überrascht.
„Sagen sie’s mir, Peter“, drang ich weiter.
„Einmal im Jahr ham wir nen Termin, ’ne Verabredung, wenn sie wolln, und der Termin is bald. Dann is das Dorf für sich, und wir erledigen das, was wir zu tun haben. Mehr kann ich ihnen nich sagen.“
Er wandte sich ab vom Fenster und von mir, und ich wusste, er würde sich nicht nochmal umdrehen.
„Hab schon genug gesagt“, murmelte er.
„Ist es Jenkins, Peter?“ zischte ich ihm hinterher, „ist es Tuft?“
Er hielt nochmal inne, aber er sagte nichts mehr.
„Was versteckt ihr hier, Peter?“
Er löschte das Licht und war durch die Tür. Mit seinem massigen Körper verdunkelte er kurz das Licht von außen, und dann war es endgültig dunkel in der Toilette, und ich stand draußen und rührte mich erstmal nicht. Ich stand gut eine Minute so da, und dann fiel eine Schneeflocke vom Himmel und landete genau auf meiner Nase. Das löste den Bann, und ich sah auf. Der ganze Himmel war von drückenden Wolken bedeckt, und kein Lichtschein war mehr hier draußen außer dem vom Café. Ein scharfer Wind stob durchs Dorf, und es war kalt, richtig kalt geworden. Ich steckte die Hände in die Taschen und stolperte los zu meinem Zimmer, den Kopf tief in Gedanken. Der Schnee fiel, aber ich beachtete ihn nicht.

Es war gegen acht jetzt. Es hätte ein ruhiger Herbstabend werden sollen, aber stattdessen ging er in den Winter über, und Schnee fiel sacht und leise, und die See rollte schwer gegen die Küste und in den Hafen. Auf halbem Weg, auf der Höhe des Piers und kurz vor dem Laden, kam mir eine Frau entgegen. Ein Kopftuch verdeckte ihr Gesicht, und sie ging steten Schrittes an mir vorüber, als wäre sie unterwegs zu einer dringenden Verabredung. Ich beachtete sie nicht groß, wie es Städter nun eben tun. Das Leben in der Stadt war schließlich ein einziges aneinander vorüber gehen.
Erst nachdem sie vorbei war, fiel mir ein, wer sie war. Ich war an Tante Emma vorbeigekommen, der Inhaberin des Dorfladens. Ich blieb stehen und drehte mich nach ihr um. Sie hatte ein ordentliches Tempo drauf und war schon ein gutes Stück von mir entfernt. Sie steuerte das Café an. Dann verschwand ihr Schatten in der Schwärze der Nacht.
Vor dem Laden glomm ein Glühwürmchen in der Dunkelheit. Armes Glühwürmchen. Es war nicht gerade gemütlich hier draußen. Gab es überhaupt noch Glühwürmchen zu dieser Jahreszeit? Als ich näherkam, war es kein Glühwürmchen, sondern Phil, die ihre Zigaretten rauchte. Sie saß in einem dicken Pullover auf einem Hocker unter dem Vordach des Ladens und schien versunken wie eine spanische Schatzgaleone, soll heißen, tief in Gedanken. Ich ging einen kleinen Bogen und trat näher heran durch die spärlich segelnden Schneeflocken. Schließlich kam ich von der Seite, und sie sah mich immer noch nicht. Ich räusperte mich. Ihre Zigarette flog in einem hohen Bogen davon und sie fuhr auf. Ihre Zöpfe flogen wie aufgeschreckte Vögel.
„Was, du... Entschuldige...“
Sie gestikulierte fahrig, und Röte strömte auf ihre Wangen. Dann erkannte sie, dass ich es war.
„Mann, meine Zigarette. Sie hätten was sagen können!“
Das nach der Pause, die sie brauchte, um wieder Luft zu holen. Sie sah mich vorwurfsvoll an.
„Wen hast du denn erwartet?“
Sie stand auf und suchte sich ihre Kippe wieder zusammen. Sie war feucht geworden und kringelte sich in ihrer Hand. Mit einem Seufzer zuckte sie die Schultern und zog eine neue Kippe hervor. Dann fischte sie in ihrer Hosentasche. Ihre Hand kam mit einer Packung Streichhölzer zum Vorschein. Sie riss eines an und gab sich Feuer. Dann paffte sie einen Zug.
„Meine Tante natürlich. Sie ist gerade weg. Haben sie sie gesehen?“
Ich nickte.
„Ja. Aber sie hat mich nicht gesehen.“
„Sie hat’s eilig. Sie haben eine Versammlung oder sowas heute Abend.“
„Sicher, dass es nur daran lag?“
„Woran soll es denn sonst liegen? Sie sind doch nicht Fanny Gros.“
„Im Café?“
„Was?“
„Treffen sie sich im Café?“ Dabei kannte ich die Antwort ja eigentlich schon.
„Keine Ahnung. Kann schon sein. Ich hab’s nur nebenbei mitgekriegt. Eine andere aus dem Dorf kam vorhin in den Laden und hat mit meiner Tante geredet. Wollen sie sich setzen?“
Ich zögerte, aber sie war schon aufgestanden und im Laden verschwunden, von wo sie mit einem zweiten Hocker wieder auftauchte. Unter der Sitzfläche des Hockers baumelte ein Preisschildchen.
„Nehmen sie den alten. Ich setz mich auf diesen hier.“
Folgsam ließ ich mich nieder, und zündete mir auch eine Kippe an. Meine Whiskeyflasche drückte mich in der Tasche, also holte ich sie raus und stellte sie auf den Boden. Phil besah sie sich mit großen Augen.
„Ist das dieselbe Flasche? Mann, haben sie einen Zug am Leib!“
„Ich hatte ’n bisschen Zeit.“
Ich nahm einen Zug. Also, von der Zigarette.
„Warum treffen die sich?“
Sie zuckte die Schultern.
„Irgendeine Vorbereitung zu irgendwas. Ein Fest oder so. Offenbar was Regelmäßiges.“
„Woher weißt du das?“
„‚Komm nicht wieder zu spät, Emma, so wie letztes Jahr!‘“ Mit einer nöligen, schnippischen Stimme, die ebenso gut die ihrer Tante hätte sein können.
„Das sagte die andere zu meiner Tante.“
Sie zog an ihrer Fluppe.
„Und, weißt du was für ein Ereignis?“
„Nee, ich bin ja sonst gar nicht hier zu der Zeit. Nur jetzt, weil mein Vater ja gestorben ist und meine Mama unterwegs. Sonst bin ich frühestens zu Weihnachten und ansonsten im Sommer hier. Und da ist es auch schon langweilig genug. Keine Ahnung, was die hier im Herbst veranstalten.“
Dann sah sie mich an:
„Übrigens sind sie ziemlich neugierig. Für einen Buchhalter.“
„Ja, das krieg ich hier schon die ganze Zeit aufs Brot geschmiert. Du hast ’ne gute Beobachtungsgabe.“
Sie errötete, glaubte ich wenigstens. Es war schwer zu erkennen im Dunkeln.
„Das mein ich nicht bös“, sagte sie. „Ich bin froh, dass ich mir mit jemandem unterhalten kann, der nicht so sterbenslangweilig ist wie die ganzen anderen Leute hier.“
Ich nickte, aber ich sagte nichts.
„Ich bin nicht gern hier. Aber sie ist die letzte Verwandte meiner Mutter, und ich kann sonst nirgends hin.“
Wieder nickte ich. Es erschien mir plötzlich opportun, einmal nichts zu sagen.
Phil zog an ihrer Zigarette. Dann redete sie weiter:
„Wissen sie, woran mich das Dorf hier tatsächlich erinnert? An meine alte Klasse in der Schule. Jeder kennt jeden und ist mit jedem ganz dicke, aber einer von außen bekommt überhaupt nichts mit. Verstehen sie, was ich meine? Ich bin hier im Dorf, und ich existiere und bin hier und atme, aber es ist die meiste Zeit, als wäre ich gar nicht da. Ich stehe im Laden und verkaufe Dinge und nehme das Geld der Leute, und sie sagen Hallo oder Guten Tag, aber gleichzeitig sehen sie durch mich durch und tun so, als wäre ich gar nicht da. Sie reden mit meiner Tante, dieses belanglose Zeug, was man in Dörfern redet. Aber mir geben sie das Gefühl, als existierte ich nicht.“
Sie schnaubte und zog wieder an der Zigarette, und die Spur eines Zitterns war jetzt in ihrer Stimme.
„Ich bin nicht da. Und das war nur der erste Tag. Ich weiß aber, wie die anderen Tage werden. Ich war schon oft hier. Und das war meistens mit meiner Mutter.“
Wieder ein Schnauben. Ihre Stimme zitterte jetzt wirklich, und sie gab sich auch keine Mühe mehr, es zu verbergen.
„Und jetzt bin ich zwei Wochen hier. Zwei Wochen, und ganz alleine! Ich habe keine Ahnung, wie ich mich nach zwei Wochen hier fühlen werde! Vielleicht werde ich ja tatsächlich nicht mehr existieren. Vielleicht löse ich mich einfach in Luft auf. Vielleicht sterbe ich wie mein Vater.“
In ihren Augen glitzerten die Vorboten der Feuchtigkeit. Sie sah an mir vorbei starr nach vorne, aber ich konnte es trotzdem sehen. Ich bekam ein ungutes Gefühl. Ich wusste, was gleich kommen musste, und es erinnerte mich zu sehr an Szenen aus meinem eigenen Leben. Szenen, die ich begraben und vergessen hatte, aus gutem Grund. Meine Handflächen wurden feucht.
„Deswegen habe ich mich über sie gefreut. Ich stand den ganzen Tag allein hier im Laden. Sie haben mir das Gefühl gegeben, noch nicht verschwunden zu sein.“
An dieser Stelle öffneten sich die Schleusen. Ihre Unterlippe bebte, und ihre großen, klaren Augen füllten sich mit Wasser, so wie eine Pfütze voll lief. Sie begann zu weinen, lautlos, und die Tränen rannen ihr übers Gesicht und tropften auf den Pullover und ihre Hose und auf den Boden.
Das nächste geschah schnell und ohne eigentlichen Grund. Ich wusste nicht, warum ich es tat, oder ob sie es war, aber plötzlich hielt ich sie in meinen Armen. Kann sein, dass ich absichtlich murmelte „Schon gut, schon gut“, es war aber auch gut möglich, dass ich es einfach in Reaktion darauf tat, ihren kleinen, bebenden Körper plötzlich an meiner Brust zu spüren. Die Tränen sprudelten jedenfalls nur so, und sie heulte sich aus an meiner Schulter, während es mir so vorkam, als hielte ich jemand ganz anderen in den Armen und böte einer ganz anderen Person Schutz vor der Welt und den Gemeinheiten und gedankenlosen Bösartigkeiten da draußen. Schließlich war es ein Schutz gewesen, der nichts genutzt hatte. Schließlich waren es mehr Schmerzen als Erinnerungen.

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Sonntag, Januar 25, 2009

Fern wie die Zeit (XXV)

Jenkins hatte ordentlich Zahn drauf. Das Öffnen der Tür, das Umlegen des Lichtschalters und das Hereinstürmen in den Raum waren eins, und sie waren nicht schlecht für einen Mann seines Alters. Er blickte sich kurz um, um sich zu orientieren. Die Düsternis machte es ihm nicht einfacher. Er blickte zu der verloschenen Lampe an der Decke empor, dann die Regalreihen entlang, und stieß schließlich einen kleinen Schrei aus, als er das Chaos der Konserven auf dem Betonfußboden entdeckte. In dieser Zeit hatte ich mich in Stellung gebracht. Jenkins setzte sich wieder in Bewegung, hin zum Chaos, und ich schlich hinter seinem Rücken hinter der Tür hervor und durch den Ausgang davon. Eine Katze war nichts gegen mich. Ich strich mir über den Schnurrbart, schlug einmal mit dem Schwanz und machte mich leise und schnell durch den Gang und am Telefon vorbei auf in den Schankraum.

In der Tür blieb ich stehen und zündete mir eine Zigarette an. Stimmengewirr drang zu mir. Betont gleichgültig schlenderte ich in den Gastraum, als käme ich gerade von der Toilette und nicht aus der Tiefkühlkammer. Naja, wer sollte den Unterschied bemerken? Ich nahm einen Zug und blickte mich um. Niemand, den ich kannte, und niemand, der mich interessierte. Das lag nicht daran, dass niemand anwesend gewesen wäre. Das Café war gut besucht an diesem Abend, was bedeutete, dass sich mit Sicherheit auch niemand dessen entsann, ob ich zur Toilette gegangen war oder nicht. Ein paar Blicke streiften mich, aber es waren die gleichgültig-zufälligen Blicke der Barsitzer, die sich an jeden hefteten, der sich durch den Raum bewegte. Sie sahen mich an, aber sie sahen mich gar nicht wirklich. Im nächsten Moment hätten sie mich wieder vergessen.
Ich wollte es ihnen noch leichter machen und schlenderte zu einer der letzten freien Nischen. Dort klemmte ich mich hinter den Tisch und meine Kippe in den Aschenbecher, und wartete darauf, Jenkins wieder zu Gesicht zu bekommen.
Ich musste nicht lange warten. Eine Zigarettenlänge ungefähr. Es dauerte allerdings beträchtlich länger, bis er es an meinen Tisch schaffte. Nach drei weiteren Zigaretten hörte ich auf, die Zeit zu messen. Es ging mir auf die Lunge. Schließlich stolperte er an meinen Tisch, und es war unschwer zu erkennen, dass es nicht aus böser Absicht geschah – soll heißen, die Verzögerung. Seine Blumenkohlhaare hingen ihm traurig aus den Ohren, und auf seinen Augenbrauen standen die Tropfen ehrlichen Schweißes, beziehungsweise der Arbeitsüberlastung. Er schien schon länger keine Pause mehr gesehen zu haben.
Er erkannte mich erst gar nicht, und seine Augen stellten erst scharf, als ich schon einen Schnaps, ein Bier und ein Abendessen bei ihm bestellt hatte. Ob er sich freute, mich zu sehen, war schwer festzustellen. Leichter festzustellen war, dass es ihn so oder so nicht lange kümmerte. Er hatte zu viele andere Sachen im Kopf. Vermutlich die Bestellungen der zwanzig oder dreißig anderen Leute im Raum.
„Hey Jenkins, haben sie eigentlich niemanden, der ihnen zur Hand geht?“ rief ich ihm hinterher, als er schon wieder davonstolperte. Er hielt kurz inne, und seine Antwort war mehr automatisch als absichtlich:
„David ist heute nicht gekommen. Hab keine Ahnung, wo er steckt. Hab auch keine große Zeit, mit ihnen zu quatschen.“
Und damit war er wieder unterwegs, schlängelte sich durch seine Kundschaft und verschwand wieder in der Küche.
Die Zeit bis zu seiner Rückkehr vertrieb ich mir mit meinem eigenen Fläschchen, in kleinen Schlucken, und nutzte sie ansonsten dazu, meine Zigaretten aufzurauchen und mir Gedanken zu machen. Es waren nur kleine Gedanken, aber sie qualifizierten gerade so. Eigentlich schob ich nur ein paar Dinge in meinem Kopf hin und her.
Ich war noch mitten im Schieben, als Jenkins mir schließlich einen Teller vorsetzte mit etwas Ragout-artigem darauf. Dazu mein Bier und ein Korb mit Brot, und dann war er auch schon wieder davon, bevor ich auch nur Danke sagen konnte. Der Junge war derartig im Stress heute Abend, dass er mich wahrscheinlich nichtmal dann in seinem Keller bemerkt hätte, wenn ich vor ihm aus dem Boden gewachsen wäre. Ja, ich war mir sicher jetzt, dass ich mir, was meinen Aufenthalt in seinem Keller anging, keine Sorgen machen musste.
Ich probierte eine Gabel voll, und dann nahm ich einen Schluck von meinem Bier und probierte noch ein wenig mehr von seinem Essen. Soll heißen, es schmeckte großartig, wie alles bisher, was ich hier gegessen hatte. Er mochte ein etwas schwieriger Mensch sein, und vermutlich hatte er gestern versucht, mich zu erschießen, aber kochen konnte er. Naja, vielleicht war es auch nicht Jenkins gewesen, sondern jemand anderes mit seiner Kanone, aber so oder so, suspekt war es mir allemal. Davon ließ ich mir allerdings meinen Appetit nicht verderben. Auf Gifte und Betäubungsmittel verstand er sich wahrscheinlich nicht. Das hoffte ich jedenfalls, denn es schmeckte zu gut. Nach kurzer Zeit lehnte ich mich zurück, schob den leeren Teller von mir und nahm einen guten Schluck von meinem Bier. Die letzten Reste der Soße wischte ich mit dem Brot auf.

Ich wollte gerade aufstehen und mich in Richtung Fanny Gros bewegen, als ein Berg Mensch zur Tür hereinkam. Es war Peter. Ich merkte es an dem Schatten, den er warf. Ich war in guter Stimmung gerade, da sich alles langsam zusammenzufinden begann, und daher winkte ich ihm zu und rief in her. Er hörte und sah mich in meiner Nische, und nach einem kurzen Zögern bewegte er sich in meine Richtung, auf die Art, in der ein Lastwagen rückwärts in eine Parklücke stößt, soll heißen zögernd und vorsichtig und immer wieder innehaltend.
Vor meinem Tisch blieb er stehen und sah mich an mit dem Ausdruck eines erwischten Ladendiebs. Seine Wangen waren gerötet, und er sah mit nicht direkt in die Augen, sondern an mir vorbei.
„Was’n los, Peter?“ fragte ich ihn. „Setzen sie sich, ich bestell ihnen ein Bier.“
„Nee, lassen sie mal, Mister. Ich bin gleich mit einem andern hier aus’m Dorf verabredet, ich geh mal lieber an die Theke.“
„Ist auch gut“, sagte ich, und stand vom Tisch auf.
„Ich geh gern mit. Ich hab grad Lust, einen mit ihnen zu trinken. Ich hoff sie haben nichts dagegen.“
Seine Augen flirrten hin und her. Es war unschwer zu erkennen, dass er nicht wirklich einen mit mir trinken wollte. Gestern war er um einiges umgänglicher gewesen. Ich fragte mich, was in der Zwischenzeit passiert war.
„Kommen sie, Peter“, und damit griff ich ihn am Arm.
„Wir gehn jetzt an die Theke.“
Meine Hand reichte nicht um seinen Oberarm herum, und er hätte nur ein bisschen die Muskeln spielen lassen müssen, um mich an die Wand zu schmeißen. Ich wusste das, und ich sah in seinen Augen, dass er es auch wusste. Plötzlich sah er mich an, ganz ehrlich und direkt, und in seinen Augen stand so etwas wie die Bitte, die nun folgenden Worte ernst zu nehmen:
„Nein, Mister“, sagte er. „Ich kann nich. Muss auf einen anderen warten. Ist besser so.“
Sein Blick und die Art und Weise, wie er es sagte, ließen mich innehalten. Ich begriff, dass es besser war, ihn nicht weiter zu bedrängen. Es bedeutete, mir eine Menge Ärger zu ersparen. Ich wusste nichtmal, welchen Ärger eigentlich, aber die Botschaft war unmissverständlich. Ich ließ ihn los, und er stand kurz unschlüssig da, und dann ging er durch die Tür zu den Toiletten und hin zum Lagerraum, aus der ich erst vor kurzen gekommen war. Sie schwang noch ein bisschen hinter ihm, und dann hing sie still in den Angeln.
Eine Menge Augen hatten sich heimlich der Szene zugewandt. Nun schwammen sie eins nach dem anderen träge zurück zu ihren eigenen Szenen, aber nicht ohne jene kurze Verzögerung, die einen wissen lassen sollte, dass sie sehr wohl alles mitgekriegt hatten. Es waren zwanzig oder dreißig Augenpaare hier im Raum, und es waren nicht sehr viel weniger dieser trägen Bewegungen. Ich sah mich um, und die Augen wandten sich schneller ab. Es war totenstill jetzt. Schließlich sah mich keiner mehr an, aber die Stimmung, die jetzt im Raum war, war eindeutig, und sie erdrückte mich fast. Jenkins blickte mich aus der Küchentür an, und in seinem Blick lag nichts. Ich legte meine Zeche auf den Tresen und nickte ihm zu. Er nickte zurück, automatisch, und ich verließ das Café und ging hinaus in die Nacht und ihre eisklare Luft.

Drinnen hoben langsam die Stimmen wieder an, und draußen zündete ich mir eine Kippe an und lehnte mich an die Holzwand. Mit einem Mal war ich wieder stocknüchtern. Es lief mir eiskalt über den Rücken, und das lag nicht an den Temperaturen. Da drin waren zwei Dutzend von den Dörflern gewesen, und ich allein, und sie hatten mich spüren lassen, wie allein ich war, und irgendein uraltes Unbehagen hatte sich geregt, die Angst des einzelnen vor dem fremden Stamm, und jetzt zitterte ich wirklich, so sehr, dass ich ein paar Schritte gehen und mich dann niedersetzen und die Flasche noch einmal hervorholen musste. Dieses Dorf war eine Gemeinschaft, und ich gehörte nicht dazu und würde nie dazugehören. Das hatten sie mir gerade gezeigt. Eigentlich konnte es mir egal sein. Aber die Art und Weise, wie sie es mir gezeigt hatten, aus dem Augenblick heraus und mit einer stimmlosen Eindeutigkeit, war, was mir so die Nerven geraubt hatte. Es war etwas Fremdes an diesem Dorf und den Menschen darin, etwas zeitlos Fremdes, das ich mit einem Mal gesehen und gespürt hatte, und das einem Außenstehenden eine namenlose, zeitentiefe Furcht durch Mark und Bein treiben konnte. Ich hatte es gespürt, und ich spürte es noch.
Ich nahm einen Zug von der Zigarette und schickte der Furcht ein gerüttelt‘ Maß Whiskey hinterher. Nach dem zweiten Schluck ging es mir besser, und ich stand auf und schlich in einem großen Bogen hinter das Café, dorthin, wo auch der Kellereingang lag. Es lag etwas Beispielloses über diesem Dorf, was ich von Anfang an irgendwie gespürt und jetzt gesehen und erlebt hatte, und ich wollte wissen, was es war.

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Dienstag, Januar 20, 2009

Change!

Things kept on changing, me, myself, and I included.

One advantage there was to it: As the years mounted up, my fears and inhibitions decreased likewise. Who knew what the next year would bring? Perhaps just this: the fulfillment of a few dreams, as old as my life itself. Which wasn't very old, granted. Yet, twenty-eight years sounded like a serious chunk of time to me. Of course, I hadn't turned thirty yet. Thankfully, two more years to go.


[Picture courtesy of Obamicon.me]

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A New Time



His latest speech as captivating as the others, the promise renewed, the tale for the years to come set. An apparently considerate, mature human being at the helm of earth's still mightiest and most promising nation. His speech in particular managed to inspire even me, and hell!, I'm not even an American.
Why couldn't everything be so promising, so spellbound, and yet so innocent as this day in Washington, D.C.?
The realisation dawning only later: Perhaps the re-birth of a nation. And hopefully so.

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Montag, Januar 19, 2009

Fern wie die Zeit (XXIV)

Ich schlich unter der Birne weg in eine dunklere Ecke und rührte mich nicht. Das Gewehr schlug mir gegen den Schenkel. Ich hielt es am Lauf, mit meinem Taschentuch, und ich musste es gut festhalten, damit es mir nicht aus der Hand rutschte. Jenkins ging zu einem Regal in der anderen Ecke des Raumes, und dann ging er in meine Richtung. Ich atmete flach und langsam, aber mein Herz schlug bis zum Halse. Ich wollte ihm ungern erklären, was ich hier machte. Jetzt war er in der Regalreihe neben meiner, und kam dorthin, wo ich stand, mit dem Zeigefinger die Reihe der Vorräte abfahrend. Ich schlich langsam in die andere Richtung, die Regale zwischen uns haltend, das Gewehr entlang meines Beines und mit dem Kolben knapp über dem Betonfußboden. Dann hielt Jenkins plötzlich inne. Ich erstarrte. Er wandte sich um und sah hin zur offenstehenden Kellertür. Mit einem ärgerlichen Murmeln ging er hin und schloss sie, und sperrte dann ab. Dann ging er auf mich zu, blieb auf der anderen Seite der Regalwand, genau unter der Glühbirne, stehen, und zog eine Dose hervor. Er sah auf das Etikett und befand für gut, was er gezogen hatte, soll heißen, er nickte mit dem Kopf und machte sich wieder auf. Genau an der Stelle, wo der Karabiner zwischen dem anderen Krempel gestanden hatte, blieb er wieder stehen. Mir brach der Schweiß aus. Ich hatte die Whiskey-Flasche dort stehen lassen. Feuchte Flecken formten sich unter meinen Armen, und meine Hand, die die Waffe hielt, zitterte ein wenig. Aber er sah nicht hin zur Wand, er sah nur nochmal auf seine Konserve. Danach bückte er sich und inspizierte etwas am Boden, unter dem Krempel, aber wenn er merkte, dass sein Gewehr verschwunden war oder eine fremde Flasche Schnaps inmitten seines Gerümpels stand, ließ er es sich nicht anmerken. Schließlich erhob er sich und ging die letzten Schritte zur anderen Tür, die Stufen hinauf, und löschte das Licht. Ich sah ihn noch einen Moment gegen den jetzt erleuchteten Flur stehen, dann fiel die Tür ins Schloss, und ein Schlüssel knirschte. Ich war wieder im Dunkeln, wieder allein, und ich war gefangen.

Ich tastete mich an den Regalen entlang und vollführte ein bisschen Triangulation, um herauszukriegen, wo ich war. Soll heißen, ich rief mir das Bild des Kellers in Erinnerung und versuchte, auf dem Weg zur Tür in Richtung Café nirgends anzustoßen. Das gelang mir auch leidlich gut. Nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte, hatte ich wenigstens wieder Licht.
Dann stellte ich die Kanone dahin zurück, wo ich sie gefunden hatte, und nahm dafür meinen Whiskey wieder an mich. Ich konnte nicht gut rauchen hier drin. Man hätte es gerochen. Also schraubte ich stattdessen den Deckel von der Flasche und genehmigte mir einen netten Schluck. Meine Lage war noch immer genauso verzwickt, aber ich fühlte mich besser jetzt. Ich fühlte mich so gut, dass ich gleich noch einen Schluck nahm. Dann schraubte ich den Bourbon wieder zu und dachte mal angestrengt nach. Es war jetzt an der Zeit, das zu tun.
Probehalber rüttelte ich ein bisschen an den beiden Türen. Es kam nicht viel dabei heraus. Jenkins hatte einen Schlüssel. Ich nicht. Die Türen bewegten sich so sehr wie der sprichwörtliche Berg, wenn er keinen Propheten vor sich hatte.
Das Funzellicht der beiden Birnen brandete gegen die feuchten Mauern. Ich untersuchte den Krempel, zwischen dem das Gewehr gestanden hatte und wieder stand. Es war leider nichts von Interesse dabei. Kein Set Dietriche, keine versteckten Ersatzschlüssel, und sowieso war ein Keller nicht der richtige Ort für Ersatzschlüssel. Ich meine, wer sperrte sich schon selbst in einen Keller? Es waren jedenfalls nur Kisten voll mit irgendeinem Krimskrams, alte Lumpen, ein Kehrbesen und die dazugehörige Schaufel, solches Zeug. Nichts, was mir dabei helfen konnte, heimlich eine Türe zu öffnen.
Ich ließ meinen Blick durch den Keller schweifen. Keine Stemmeisen, die mir ins Auge sprangen, nur eine Menge Essen. Und ich hatte im Moment nicht einmal Appetit. Ich schraubte die Flasche wieder auf und genehmigte mir einen.
In einer Ecke, hinter den Regalen, standen Fässer. Ich ging hin und sah sie mir an. Sie kamen mir bekannt vor, aber ich kam nicht drauf, von wo. Wo hatte ich Fässchen gesehen? Ich ölte meinen Verstand ein wenig, aber es fiel mir immernoch nicht ein. Naja, was sollte ich machen. Erstmal einen trinken.
Schließlich ging mir auf, dass ich mich nicht gerade in einer komfortablen Situation befand. Ich saß mitten im Keller auf dem Fußboden, im gelben Licht der Grubenlampen, hatte keine Ausrede, wie ich hier hinein gekommen war, und keine Idee, wie ich wieder heraus kommen sollte. Wenn sich im nächsten Moment die Türe öffnete, konnte ich mich höchstens noch unter die Regale werfen, und wie realistisch war das?
Also schaute ich mir eher aus Trotz denn aus Hoffnung nochmal den versammelten Schrott an. Im Fall des Falles konnte ich mit dem auf jeden Fall mehr anfangen als mit den Konservenbüchsen. Was ich zuerst sah, war, dass die Wand tatsächlich feucht war. Die Holzverkleidung, meinte ich. Sie war faserig und faulig. In der Nähe des Bodens waren richtige Löcher drin. Ich wollte gar nicht wissen, was sich hinter der Verkleidung alles tummelte. Ratten und Wiesel wahrscheinlich. Wonach ich dann suchte, war eine Rattenfalle. Ich fand sie unter einem Bündel alter Lumpen, gegen das ich zuerst mit dem Fuß stieß, anstatt hineinzufassen. Das war mein Glück. Was einer Ratte nicht guttat, tat mir bestimmt auch nicht gut. Ich mochte meine Hände. Ein großes Loch war das letzte, was sie brauchten.
Ich sah mit die Falle an. Es war eine sehr gute Rattenfalle, oder eine kleine für Elefanten. Ich war mir sicher, dass sie mit beidem fertig werden würde. Ich nahm einen Schluck, aber nur einen kleinen diesmal.
Dann entfernte ich den Köder. Es war ein Stück ranziges Fleisch. Käse reichte für die Viecher offensichtlich nicht mehr. Sie mussten tatsächlich groß sein wie Elefanten. Ich wickelte es in ein Taschentuch und steckte es in die Tasche. Bei der ersten Gelegenheit würde ich es wegschmeißen. Nur wenn man es hier fände, würde es die Glaubwürdigkeit dessen verringern, was ich vorhatte. Nicht, dass die Idee, die ich hatte, grundsätzlich besonders glaubwürdig gewesen wäre. Aber ich hatte keine Lust, in einem fremden Keller gefunden zu werden, und ohne eine gute Ausrede. Ich wollte gern noch ein paar Kleinigkeiten herausfinden, beschloss ich, und dafür war es nicht hilfreich, wenn man mich geteert und gefedert aus dem Dorf jagte. Verdammt, es reichte ja schon, mich überhaupt aus dem Dorf zu jagen. Der Weg in die Stadt war weit. Ich würde ihn nicht zu Fuß zurücklegen.

Am längsten dauerte es, etwas zu finden, was realistischerweise von einer dicken Ratte umgeworfen werden konnte. Am Ende entschied ich mich für einen Dosenstapel am anderen Ende des Raumes. Er war ein wenig weit von der Türe entfernt, aber auch das einzige, was einen Krach machen würde. Ich musste eben ein bisschen sprinten. Ich würde mich rechtzeitig vorher noch ein bisschen stärken.
Die Aussicht gefiel mir. Nach der Stärkung drehte ich noch die Glühbirne, die der Türe am nächsten war, ein wenig aus der Fassung, so dass der Bereich des Kellers, der dem Café am nächsten lag, nur noch in faseriges Zwielicht getaucht war. Jetzt bleib nur noch eines zu tun. Ich schlich zurück zur Tür zum Café und horchte. Ich musste Geduld aufbringen. Aber ich verharrte wie ein alter Indianer und lauschte auf das, was auf der anderen Seite vor sich ging. Wenn Jenkins von alleine wieder in den Keller käme, umso besser. Wenn er es nicht tat, musste ich nachhelfen.
Irgendwann rumorte es auf der anderen Seite. Schritte hin und her, aber kein Kratzen an der Tür, kein Schlüssel im Schloss, und keine Klinke mit Eigenleben. Ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen. Der Sprint hin zu den Konserven war Ehrensache. Es erinnerte mich an die Fußballmannschaft vor zwanzig Jahren, und ich krönte meinen Lauf mit einem Volley, der jedem wirklichen Afficionado die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Die Büchsen purzelten bunt durcheinander und machten einen Krach wie ein Bündel Kirchenglocken am Ostersonntag. Ich hatte Glück im Unglück. Mein Fuß schmerzte, aber er schien nicht gebrochen, so dass ich es gerade noch rechtzeitig zur Tür zurückschaffte, bevor, nach einem Stimmengewirr auf der anderen Seite und einer kurzen Kunstpause, in der die einen Schritte sich entfernten und andere näherkamen, schließlich ein Schlüssel im Schloss knirschte. Ich verfluchte meinen eigenen Übermut. Aber ich hatte meine Hand rechtzeitig am Lichtschalter. Es war wieder stockdunkel. Wer immer da kam konnte nun kommen.

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Fern die die Zeit (XXIII)

Ich rauchte noch eine Zigarette und schlenderte die Straße hinunter. Die Luft roch wirklich nach Winter jetzt. Ich wusste nicht, ob ich mir Sorgen machen musste. Ich wollte nicht mehr länger in diesem Dorf bleiben als nötig. Wenn der Bus nicht käme, müsste ich mir etwas einfallen lassen.
Ich war noch ein gutes Stück vom Café entfernt, als die Hintertür aufging und Jenkins herauskam. Er sah sich nicht um und bemerkte mich gar nicht. Er brachte den Müll raus und kippt ihn in eine riesige Tonne ums Eck. Ich fragte mich, wie oft und woher hier eigentlich die Müllabfuhr kam. Jenkins stolperte zurück ins Café, alle Hände voll mit seiner Tonne. Die Tür fiel hinter ihm nicht richtig ins Schloss. Ich schlenderte weiter und kam näher. Kein Zweifel: Die Tür stand offen. Ich blickte mich kurz um, und außer mir war hier draußen im Moment niemand unterwegs. Das machte mir die ganze Angelegenheit leicht: Ich trat ein.

Ich musste ein paar Stufen hinuntersteigen. Der Raum lag halb unter der Erde, der Versuch eines Kellers, und war dunkel wie eine geheime Kasse. Jenkins war schon wieder verschwunden. Er klapperte hinter der nächsten Türe, wo die Küche sein musste. Ich war in die Speisekammer geraten, spärlich erhellt lediglich von dem Licht, das durch die offene Tür hereinfiel, die Treppe herunter. Lange Regale zogen sich die Wand entlang, und lange freistehende Regale füllten den Platz zwischen den Wänden. Konserven, Tüten, Kartons, Säcke und Säckchen und Flaschen und Fläschchen füllten jeden verfügbaren Winkel. In der fernen Ecke des Raumes brummten zwei Kühlschränke und eine riesige Gefriertruhe. Jenkins war wohlsortiert. Mit seiner Hilfe konnte das Dorf eine mittellange Belagerung überstehen, ohne auf Nachtisch, Eis und Kaffee und Kuchen verzichten zu müssen. Ich sah mir den Inhalt der Regale genauer an: das meiste war haltbares Zeugs, wie es sich auch in meinem eigenen Kühlschrank fand, unverderblich für die nächsten fünf bis zehn Jahre. In der Ecke über der Tür hing, inmitten all dieses Überflusses, eine verhungerte Spinne in den Ruinen ihres Netzes. Eine Tür weiter verstummte Jenkins Lärm und machte der Stille Platz. Neben der Tür stand die Mülltonne und rührte sich nicht, und hinter der Tür rührte sich auch nichts. Ich lauschte ein, zwei Minuten, dann drückte ich die Klinke und schob die Tür ein paar Zentimeter auf. Auch im nächsten Raum nur Dämmer.

Es war kein Raum, es war ein schmaler Gang. Das Gepolter hatte sich eine Tür weiter verzogen, wo tatsächlich die Küche war. Wahrscheinlich hatte Jenkins einfach nur die Türe zugemacht. Hier war ich im Gang, der zur Toilette führte. Hinter der Tür an seinem Ende wäre das Telefon. Ich war in bekannten Gefilden. Keine Entdeckungsreise mehr, keine heimliche Erkundungstour, ich war einfach nur bei den Toiletten gelandet. Ich probierte noch die fünfte Tür, die vom Gang abging, und die hinauf in den oberen Stock führen musste, aber die war verschlossen. Ich hatte meine Dietriche nicht dabei, und ich hatte vermutlich auch nicht die Zeit für eine Handlung, die länger dauerte als das gemeine Eintreten. Ich trat die Tür nicht ein, sondern den Rückzug durch die Speisekammer an. Gehen, wie man gekommen ist, keine Spuren hinterlassen. Irgendwann ging es einem in Fleisch und Blut über, und man dachte nicht mehr groß darüber nach. Die gefährliche Zeit ist die davor, wenn man noch nicht lange in der Branche ist und denkt, man sei mit allen Wassern gewaschen, und doch nichts ist als ein schlaues Riesenbaby, dass sich jederzeit auf seinen Hintern setzen kann. Naja, ich hatte mein Lehrgeld bezahlt, wie jeder von uns. Im Gegensatz zu manch anderen war ich auch immernoch da, um weiterzuzahlen. Zahlen, zahlen, zahlen, das war es, worauf es hinauslief. Dem gegenüber die dürftigen Einnahmen.
Ich hatte schon fast wieder den Ausgang erreicht, als ich innehielt. Hier sprach ich von Lehrgeld, und dabei verhielt ich mich wie ein blutiger Anfänger, vor mich hin denkend und völlig vergessen gegenüber der Umwelt. In solchen Momenten war es, dass stets die Gummiknüppel aus dunklen Ecken kamen, Männer hinter einem aus dem Schatten traten oder man plötzlich in den Lauf einer Waffe blickte. Manchmal lief man auch einfach nur gegen eine geschlossene Tür. Und manchmal, ganz selten, meldete sich die kleine Stimme im Unterbewusstsein und fragte einen, warum zum Teufel man das Offensichtliche nicht gesehen hatte.

Ich stolperte ein paar Schritte zurück, so leise wie möglich, und sah mir das Offensichtliche an. Es lehnte inmitten einer Menge Krempel gegen die holzverkleidete Wand des Kellers. Ich zog die sperrige Whiskey-Flasche aus meiner Hose und stellte sie zwischen dem Gerümpel ab. Dann holte ich mein Taschentuch hervor und fasste die Waffe am Lauf. Ich schnupperte an der Mündung. Man hatte geschossen damit. Gut, dafür war sie da. Und wenn man nicht bald nach einem solchen Schuss dran schnuppert, dann ist, dass damit schossen wurde, das einzige, was man noch mit Gewissheit sagen kann, oder besser gesagt, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, den Lauf zu reinigen. Aber ob dieser letzte Schuss vor drei Tagen oder drei Wochen losging, ist dann eins.

Ich legte die Waffe behutsam auf den Fußboden. Es war ein Karabiner, etwas über einen Meter lang, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der Kolben war zerkratzt, und die Waffe war entladen. Konnte eine 7,92 Millimeter sein. Ich fasste in meine Hosentasche. Die Kugel, die ich bei der Hütte aus dem Holz des Baumes geholt hatte, war noch da. Ich holte sie hervor und betrachtete sie in dem miesen Licht, das ich hier hatte. Verformt und verdreht, durch den Aufschlag im Holz. Vielleicht das gleich Kaliber. Es konnte hinkommen.
Ich kalkulierte im Kopf, versuchte mir die Kugel vor ihrem Einschlag vorzustellen, sah mit den Karabiner nochmal an, und bemerkte darüber beinahe nicht das leise Klicken einer Türe draußen im Gang. Die Schritte hörte ich dann, nur waren es leider nicht viele Schritte. Sie stoppten vor der Tür. Jemand versuchte aufzuschließen. Jenkins Stimme fluchte und wunderte sich, und dann drückte er die Klinke. Bis zur Kellertreppe schaffte ich es nicht mehr. Ich packte mir seine Kanone und verdrückte mich zwischen die Regale. Die Tür knirschte, und das Licht ging an. Zwei einzelne, nackte Glühbirnen, und eine von ihnen hing genau über meinem Kopf.

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Freitag, Januar 09, 2009

Fern die die Zeit (XXII)

Wir saßen am Kai, ließen die Beine baumeln und sahen hinaus auf das Meer, das ebenso wie der Himmel eine schmutziggraue Färbung angenommen hatte. Unsere Kippen qualmten, und sie nahm genießerische Züge.
„Was machen sie hier?“ eröffnete sie schließlich die Unterhaltung. „Urlaub?“
„M-hm“, gab ich zurück. „Ein paar Tage ausspannen. Ich bin aber schon wieder fast fertig damit. Werd am Freitag zurückfahren.“
Sie aschte in die Luft. Der Wind trug den Aschekrümel hinaus aufs Wasser.
„Und, was halten sie von dem Dorf?“
„Es ist sicherlich ein großartiger Ort, um seine Ferien zu verbringen. Vorausgesetzt, man mag Ruhe und Einsamkeit.“
Sie verzog ihren Mund, als Illustration dafür, was sie von Ruhe und Einsamkeit hielt.
„Warum bist du nicht zuhause geblieben?“ fragte ich sie.
„Meine Mutter ist Fotografin. Sie ist oft unterwegs. Und mein Vater ist tot.“
„Das tut mir Leid.“
„Muss es nicht. Er war ein übler Kerl. Meiner Mutter geht es viel besser, seit er weg ist. Sie ist richtig aufgeblüht, als wär sie ein ganz anderer Mensch geworden. Ich vermisse ihn auch nicht. Es ist nicht so, als ob etwas Gutes plötzlich verschwunden wäre, verstehen sie? Bloß andere Dinge, um die es nicht schade ist.“
Sie wandte sich ab und sah aufs Meer, plötzlich in Gedanken oder Erinnerungen. Ihre Zigarette gab ihren Geist auf, und sie merkte es und schmiss sie ins Hafenbecken, und holte sich eine neue aus ihrer Packung.
„In dem Tempo merkt deine Tante mit Sicherheit, dass du rauchst“, gab ich meinen Senf dazu, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte.
„Und wenn schon. Man lebt nur einmal, habe ich recht?“
Sie lächelte mich kurz an. Ich gab ihr wieder Feuer.
„Meine Mutter will nicht, dass ich wochenlang allein zuhause bin, wenn sie unterwegs ist. Deshalb hat sie mich hierher geschickt, zu Tante Emma, solange die Ferien dauern. Außer sie kommt früher wieder zurück.“
„Deine Tante heißt tatsächlich Emma?“
Sie nickte.
„Und dein Onkel dann Otto, oder?“
Über diesen Scherz verzog sie den Mund, aus Spaß oder Schmerz, was ihre Lippen gut zur Geltung brachte. Die Zigarette rutschte ihr dabei in den Mundwinkel, und sie nahm sie aus dem Mund und hustete.
„Meine Tante war nie verheiratet. Sie ist hier geboren und wird irgendwann hier sterben, da bin ich mir sicher. Und dazwischen führt sie den Gemischtwarenladen.“
„Dann ist deine Mutter auch von hier.“
Sie nickte.
„Und du?“
„Ich bin geboren worden, als meine Mutter das Dorf schon verlassen hatte. Sie hat meinen Vater später kennengelernt.“
Sie wandte sich mir zu.
„Und sie, was tun sie, wenn sie nicht gerade am Ende der Welt Urlaub machen?“
„Ich arbeite in der Stadt. Ich bin Buchhalter.“
„Buchhalter?“
Diesmal nickte ich.
„Wie ein Buchhalter sehen sie aber gar nicht aus. Sie sehen ganz schön gut aus für einen Buchhalter.“
Sie errötete, als sie merkte, was sie gerade gesagt hatte.
„Entschuldigung“, kam es kleinlaut von ihr.
„Das macht nichts. Es gibt solche und solche von uns Papierschubsern. Und du hast Recht: Die meisten sind nicht unbedingt kräftig.“
Jetzt lächelte sie wieder. Ich hatte das Gefühl, dass das eine gute Gelegenheit war, ihr ein paar Dinge aus der Nase zu ziehen.
„Sag mal, deine Tante hat keine allzu gute Meinung von Fanny Gros, oder?“
„Fanny Gros? Woher kennen sie die denn? Sie wohnen sicherlich bei ihr, oder?“
„Ja.“
„Da haben sie’s ja gut erwischt. Fanny zieht den Touristen gern soviel Geld wie möglich aus der Tasche. Aber die Touristen haben keine große Wahl, wenn sie erstmal hier sind. Es sind aber nicht viele. Immer nur die gleichen alten Gesichter, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Sie seufzte.
„Sie meinte, ich solle auf mein Portmonee aufpassen. Ist sie so eine?“
„Ach, meine Tante übertreibt. Vielleicht macht Fanny manchmal den Langfinger, das kann schon sein. Aber vor allem können meine Tante und Fanny sich nicht ausstehen. Das ist, weil Fanny einmal in ziemlicher Konkurrenz zu ihr stand, in mehr als einer Hinsicht.“
Sie ließ das Ende des Satzes offen in der Luft hängen, und mich an ihren Lippen, zwischen denen sie ihre dritte Zigarette balancierte. Ich gab ihr ein drittes Mal Feuer.
Sie zog zufrieden. „Fanny hat mal ihren eigenen Laden aufgemacht, in ihrem Haus. Sie fuhr in die Stadt, kaufte dort ein und verkaufte hier weiter. Naja, eine Konkurrenz eben zum Laden meiner Tante.“ Das war noch nicht alles. Jetzt senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern und raunte: „Und meine Tante und Fanny hatten’s außerdem mal auf den gleichen Kerl abgesehen.“

Das war’s. Das Familiengeheimnis war draußen.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was wäre die angemessene Reaktion auf eine solche Enthüllung gewesen? Also sagte ich erstmal gar nichts, sondern zündete mir selber noch eine Zigarette an.
„Und?“ fragte ich schließlich.
„Was und?“ entgegnete sie.
„Na, wer hat gewonnen?“
„Fanny hat mit ihrem Laden irgendwann wieder aufgehört. Sie hat sich lieber darauf verlegt, die Touristen auszunehmen. Und was den Kerl angeht: Fanny hat ihn geheiratet. Meine Tante ist eine alte Jungfer.“
Sie zuckte mit den Schultern und ließ die Beine baumeln. Die Absätze ihrer Boots machten ein dumpfes Geräusch, wenn sie gegen die Mauer schlugen.
„Jetzt lebt sie allein“, sagte ich, nur um irgendwas zu sagen. „Fanny, meine ich.“
„Er ist gestorben. Wie es im Leben so geht.“
Sie war ziemlich abgeklärt für eine sechzehnjährige.
„Wie alt bist du überhaupt?“ fragte ich ziemlich abrupt.
„Wieso?“ kam ihre verblüffte Reaktion.
„Du rauchst wie ein Schlot. Du bist sechzehn, oder?“
Sie sah mich gekränkt an. „Ich bin achtzehn, Mister.“
Ich schaute sie ebenfalls an. Sie versuchte meinem Blick standzuhalten, aber es gelang ihr nicht. Ihre Augen brachen aus. Zuerst wurden sie fahrig, dann fingen ihre Pupillen im weißen Rund der Iris an zu zittern, und dann schaute sie vor sich aufs Wasser.
„Also gut, ich bin siebzehn. Und sie, Mister, wie alt sind sie?“
„Alt genug. Zu alt eigentlich schon für meinen Job manchmal.“
„Was, als Buchhalter?“
„Genau.“
Sie warf ihre Zigarettenkippe auf Wasser zu den anderen und stand auf.
„Ich fand’s prima mit ihnen zu rauchen, aber ich sollte jetzt wieder rein. Danke für die Zigaretten.“
„Nichts zu danken“, erwiderte ich, blieb aber sitzen. „Rauch sie nicht alle auf einmal.“
„Und trinken sie langsam mit ihrer Flasche.“ Die Flasche stand neben mir auf dem Kai. Ich hatte sie ganz vergessen.
„Ich heiße Phil.“
„Phil? Wofür ist das denn die Kurzform? Philippa?“
„Wenn’s nur das wäre.“ Sie schnaubte. „Meine Mutter hat mich Philadelphia genannt. So ein Quatsch! Aber so heiße ich jetzt, die ganzen siebzehn Jahre. Alle nennen mich Phil, machen sie’s auch so.“
„Okay.“
Ich nannte ihr meinen Namen, und sie winkte kurz und war dann wieder im Laden, wo sie den Rest des Tages wahrscheinlich damit verbringen würde, heimlich zu rauchen und Zahlen in ihr kleines Büchlein einzutragen.

Ich sah hinunter auf das Wasser: Fünf Zigarettenstummel tanzten in einem kleinen Strudel direkt an einem der Poller. Sie wirkten wie ein Schwarm kleiner Vögel, der sich jede Minute erheben und davonfliegen konnte. Ich sah ihnen zu und wartete ab, und als sie nach fünf Minuten noch immer keine Anstalten machten, aufzuflattern, stand ich selber auf und ging weiter. Es wurde jetzt langsam wirklich kalt, und es wurde dunkel. Also ging ich zurück ins Café. Sonst gab es für mich nichts zu tun. Nur die Erinnerung, und ich hatte schon genug Zeit damit verbracht, der nachzuhängen.

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Donnerstag, Januar 08, 2009

Fern wie die Zeit (XXI)

Es war früher Nachmittag, und das Wetter wurde nicht besser. Es trübte sich ein, und die Temperatur fiel langsam, aber stetig. Ich fand meinen Weg zurück zu Fanny Gros, die gerade einen Korb mit Leckereien vollpackte. Auf die Frage, wo es denn hingehen sollte mit all dem Kuchen und Gebäck, antwortete sie mir, zu einer Freundin hier im Dorf. Logisch. Dass ich von dem süßen Zeug gerne was abgehabt hätte, las sie hingegen leider nicht zwischen den Zeilen.
Ich fragte sie nach dem Wetter.
„Das Wetter macht hier im Herbst was es will, junger Mann“, kam ihre Antwort. „Es würde mich nicht wundern, wenn der schöne Altweibersommer, den wir bisher hatten, bald zu Ende wäre.“ Dabei gluckste sie, als hätte sie etwas Lustiges gesagt.
„Was meinen sie so ungefähr mit bald, Mam?“ erwiderte ich.
„Nun, letztes Jahr kam der Winter sehr schnell. Erinnern sie sich? Vielleicht haben sie im Radio davon gehört. Die Kältewelle von Anfang Oktober. Über Nacht bekamen wir einen Meter Schnee.“
Ich erinnerte mich dunkel, etwas im Radio gehört zu haben zu der Zeit. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt gewesen als dem Wetter damals, und hatte in der Stadt davon sowieso nicht viel mitbekommen. In der Stadt waren die Temperaturen ohne Extreme. Der Beton dämpfte alles. Geräusche, Emotionen. Auch das Wetter.
„Oh, hier draußen ist das anders, junger Mann, trotz des Meeres, oder vielleicht auch gerade deswegen. Ich weiß selbst nicht, woran das liegt“, fuhr sie fort. „Mein Junge hat mir das mal zu erklären versucht. Irgendeine Wetterscheide oder so etwas, mit kalter Luft, die direkt vom Pol herunterkommt.“ Sie schüttelte den Kopf über dieses Fachchinesisch aus ihrem Mund.
„Nun, kalt ist es jedenfalls, das kann ich ihnen sagen.“
Ich sagte ihr, dass ich am Freitag abreiste. Sie bedauerte es, hauptsächlich aufgrund der Miete, wie ich vermutete, auch wenn sie das nicht sagte. Ich konnte nicht feststellen, ob sie Dollarzeichen in den Augen hatte. Ihr Gesicht war ihrem Korb zugewandt gerade. Sie wünschte mir trotzdem Glück.
„Wenn sie Pech haben, könnte es allerdings schon vorher kälter werden. Sie werden etwas Wärmeres zum Anziehen brauchen. Mein Junge hat ein paar seiner Sachen dagelassen, ich könnte ihnen einen seiner Pullover oder Überzieher günstig überlassen...“
Ich dankte und sagte, ich käme darauf zurück. Im Moment reichte noch mein eigener Pullover. Was ich aber tat, war, ihr endlich ein paar Jetons für die Dusche aus den Rippen zu leiern. Ich versuchte sie herunterzuhandeln, aber das war nicht möglich. Und ich versuchte es wirklich.
„Ich muss jetzt los“, sagte sie, „wir sehen uns ja am Abend, wenn sie noch etwas brauchen.“ Und sie war durch die Tür. Ich sah ihr noch kurz nach, wie sie den Weg zum Dorf hinunter wackelte, mit ihrem Kopftuch, einer wollenen Strickjacke und geriatrischen Schuhen, wenn man das sagen konnte. Sie waren klobig wie Elefantenstampfer, aber sie legte ein gutes Tempo vor. Als sie um die Kurve war, schloss ich die Tür und zündete mir eine Zigarette an. Als Nächstes holte ich meinen Seemannspullover raus.

Die Türe des Gemischtwarenladens war geschlossen, aber der Laden selber war offen. Ich trat ein und erwartete die gleiche dämmrige Umgebung wie zwei Tage zuvor, doch zu meiner Überraschung war der Laden hell erleuchtet. Sie hatten elektrisches Licht hier, sieh an. Sogar im Gemischtwarenladen.
Eine freundliche, frische Stimme sagte „Guten Tag, mein Herr“, und es klang wie Vogelzwitschern. Ich blinzelte umher. Ansonsten war das Geschäft noch immer das gleiche, dieselbe unübersichtliche Ansammlung von sich biegenden, vollgestellten Regalen wie zuvor. Ich nahm meine Mütze ab. Dann sah ich zur Ladentheke. Die alte, nölige Verkäuferin war nirgends zu sehen. Stattdessen stand da ein junges Ding mit kurzen Zöpfen. Ich sah genauer hin.
Wenn ich sagte junges Ding, so meinte ich damit, dass sie älter war als fünfzehn und jünger als fünfundzwanzig. Sie hatte volle Lippen, eine Stupsnase, und Augen so blau wie Bergveilchen. Ihr aschblondes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr links und rechts das Gesicht umrahmten. Sie erinnerte mich an eine Porzellanpuppe, oder wie ich mir eine solche Puppe jedenfalls vorstellte. Vielleicht sah ich eine Spur Lippenstift an ihren Lippen, der schlecht aufgetragen war. Sie lächelte mich an. Es ging mir sofort viel besser.
„Zigaretten, bitte“, sagte ich. Irgendetwas musste ich sagen. Sie quittierte mit einem kurzen „Sofort!“ und beugte sich unter die Theke, wo sie ein bisschen kramte. Dabei sah ich ihren Hals, der sehr jung war. Ich verortete sie jetzt näher an den fünfzehn als an den fünfundzwanzig.
Der Hals einer Frau verrät immer ihr Alter. Das hatte ich mal irgendwo gelesen. Es war tatsächlich so. Wie am Stamm eines Baumes konnte man am Hals die Reifung des Weibes verfolgen, vom Mädchen über die junge Frau zur Dame in den besten Jahren, und dann zur Matrone. Sie alle verbrachten unterschiedlich viel Zeit in den einzelnen Stadien, es kam auf die Person an. Keine Ahnung, woran das lag, aber meist war es ein untrügliches Indiz. Dieses Mädchen hatte das Gesicht (und, soweit ich das aus meiner Position feststellen konnte, den Körper) einer jungen Frau, aber ihr Hals verriet ein anderes, jüngeres Alter. Ich betrachtete sie trotzdem wohlwollend, so dass sie, als sie sich hinter der Theke wieder aufrichtete, errötete.
„Zwei fünfzig“, murmelte sie, und es klang trotzdem hell wie ein Bergbächlein. Ich lächelte sie an, die harmlose Variante, und reichte ihr drei. Sie bedankte sich. Fast dachte ich, sie würde einen Knicks vollführen. Dann trug sie irgendwas in ein kleines Büchlein ein. Ich betrachtete sie, und dann, bevor es peinlich oder offensichtlich werden konnte, betrachtete ich den Laden. Dass ich meinen Blick über die Regale schweifen ließ, war reine Folklore. Ich wusste noch vom letzten Besuch, wo der Bourbon stand.
„Und, hast du den Laden gekauft?“ fragte ich sie. Sie schaute kurz verblüfft, dann lächelte sie. Ihr Lächeln gefiel mir.
„Meine Tante führt den Laden. Ich bin zu Besuch.“
„Seit wann denn?“
„Seit heute. Ich bin mit dem Bus gekommen. Ich habe Ferien.“
Ich fragte mich, was für Ferien wohl gerade aktuell waren. Dann fragte ich sie:
„Kommst du oft in den Ferien hierher?“
„Nicht immer. Ich meine, es ist schön hier im Herbst, aber es kann auch ziemlich langweilig sein. Es ist nichts los, verstehen sie? Und außerdem“, und dabei zog sie eine Schnute, „demnächst wird es schneien. Schnee! Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich zuhause geblieben.“
Ich nickte, und damit hatte sich unsere kleine Unterhaltung plötzlich erschöpft. Also zahlte ich die Whiskey-Falsche und wollte mich gerade aufmachen, als sie mich zurückhielt.
„Entschuldigung. Aber... haben sie vielleicht eine Zigarette für mich?“
„Warum nimmst du dir nicht einfach welche?“
„Meine Tante kennt ihre Vorräte aus dem Effeff. Sie würde es sofort merken. Ich muss alles in dieses blöde Buch hier schreiben.“ Damit deutete sie auf das kleine Büchlein auf der Theke.
„Gib mir noch eine Packung.“
Sie gab sie mir, und ich bezahlte sie und schob sie über die Theke zu ihr hin.
„Ist ja nicht deine Schuld, wenn ich was vergesse. Ich brauch sie ja auch gar nicht. Hab ja noch eine.“
Tatsächlich hatte ich noch eineinhalb. Ich konnte jetzt rauchen bis ich schwarz wurde, jedenfalls wenn ich die Packungen bis Freitag loswerden wollte. Ich sah mir die Zigaretten kurz an. Luckys hatten sie immer noch nicht.
„Danke!“ sagte sie, und ihre Augen strahlten mit der Aussicht, sich die Lunge zu teeren.
„Kriegst du kein Taschengeld?“ Mein väterlicher Kommentar. Dabei wollte ich gar keine Kinder.
„Nicht für Zigaretten, und auch erst später. Oh Mann, ich hoffe, sie merkt nicht, dass ich rauche.“ Sie nahm die Schachtel an sich. „Wollen wir kurz draußen zusammen eine rauchen?“
Ich konnte schlecht Nein sagen, noch wollte ich es. Sie kam hinter der Theke hervor, und wir verließen den Laden, ich in Pullover und Mütze und mit einer Bourbon-Flasche in der Hand, und nicht so gut rasiert, wie ich gerne gewesen wäre, sie mit fliegenden Zöpfen und in Jeans und Boots. Turnschuhe wären sowieso die falsche Besohlung gewesen für das Wetter, das angeblich auf uns zukam.

Wir setzen uns an die Kaimauer und öffneten unsere Päckchen. Sie hatte Übung darin. Sie öffnete die Packung in einer fließenden Bewegung, und ließ Zellophan und Stanniolpapier in ihrer Hosentasche verschwinden. Ich gab ihr Feuer, und auch darin hatte sie Übung. Sie schürzte ihre Lippen um ihre Zigarette wie einen Schmollmund, und ich hoffte sie bemerkte nicht, wie ich sie betrachtete. Mein Gott, sie war sechzehn oder so. Und ich war bald zurück in der Stadt. In der Zwischenzeit konnte ich vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten von ihr erfahren – Kindermund tut Wahrheit kund, oder so ähnlich. Vielleicht lag es auch nur einfach daran, dass sie mich an jemanden erinnerte. Ja, daran lag es wohl.

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Mittwoch, Januar 07, 2009

Fern wie die Zeit (XX)

Was blieb mir zu tun? Ich hatte Hendrichs noch immer nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden, aber es schien nun festzustehen, dass er sich hier im Dorf aufhielt. Gerade richtig für einen säumigen Schuldner, das Ende der Welt. Damit war mein Auftrag eigentlich erledigt. Ich sollte herausfinden, wo Hendrichs war, und nicht nur einen Verdacht, sondern eine Bestätigung. Die hatte ich jetzt, von Tuft. Ich konnte nun wieder zurück in die große, wilde Stadt, nach drei Tagen im Nirgendwo. Es war auch langsam an der Zeit. Das Meer, die Küste und der große, wilde Wald drum rum gingen mir bereits gehörig auf die Nerven. Ich war ein Stadtmensch, und ich sehnte mich nach meinen Bars und nach der Anonymität der weiten Straßen. Der Herbst in der Stadt war die beste Zeit des Jahres. Noch dauerte der Tag ein paar Stunden länger, waren die Nächte ein wenig kürzer. Die Regenschauer des neigenden Jahres mit ihrem frischen Geruch, die bunten Blätter in den Straßen – und die Bars am frühen Abend, mit einem Whisky am Tresen, den Blick hinaus auf die Straße gerichtet... Ich sehnte mich nach elektrisch erhellten Nächten, dem Glimmen von Neonreklamen und dem Heulen der Sirenen. Naja, nach letzterem doch nicht so. Es war jedenfalls wieder an der Zeit, nach Hause zurückzukehren. Vor allem freute ich mich auf mein eigenes Bett und eine warme Dusche. Allein der Gedanke daran ließ mich wohlig seufzen. Wo ich hier gerade von Wärme redete, es wurde kälter heute. Am Horizont türmten sich Wolken auf, und der Wind hatte zugelegt und schien jetzt vom Norden zu kommen. Ich nahm jedenfalls an, dass er das tat. Es gab ein eindeutiges Indiz: Er wurde kälter. Fast roch es nach Schnee. Ein paar Wolken schoben sich noch dazu vor die Sonne. Ich machte, dass ich runter ins Dorf kam.
Auf halbem Weg die Klippen hinab hielt ich nochmal inne und sah im Zwielicht über das Meer und den Wald hinweg, und wie zur Illustration fegte ein Windstoß durch die dichten Bäume und wirbelte einen Strudel bunter Farben durch die herb-kalte Luft, die Blätter der Bäume entfesselt, von den Zweigen befreit und hinauf in die Atmosphäre. Die Wolke segelte über meinen Kopf und über die Klippen und senkte sich dann langsam, ganz langsam in Richtung Meer, das weit unten noch immer gegen die Felsen toste. Es war wie ein Sinnbild für irgendwas. Ich war mir nur nicht sicher wofür.

Das einzige Telefon des Dorfes hing im Café. Ich wusste es, weil ich Fanny Gros danach gefragt hatte. Jenkins grunzte nur kurz, als ich zur Tür hereinkam. Er schien sich nach dem herzlichen Willkommen und der jähen Abkühlung danach mittlerweile mit meiner Anwesenheit abgefunden zu haben, oder tat jedenfalls so. Sonst kannte ich niemanden von den Leuten hier im Schankraum, auch wenn ich mir einbildete, dass die zwei am Tresen damals mit dem Busfahrer getrunken hatten. Das Telefon jedenfalls dämmerte in einer versteckten Ecke vor sich hin, und ich schreckte es ungern aus seiner Versunken- und Vergessenheit, aber ich musste telefonieren. Die Nummer war auf einem Zettel in meiner Tasche, ohne Namen und ohne Adresse. Nur die dürftige Identität eines Anschlusses in den Untiefen des Telefonnetzes. Das Telefon selbst war noch ein uraltes Ungetüm aus schwarzem Bakelit mit Wählscheibe, ein Überlebender der Kommunikations-Steinzeit, und der Hörer wog schwer in meiner Hand. Wenigstens hatte es schon keine Kurbel mehr. Ich wählte die Nummer, umständlich Ziffer für Ziffer, wobei die Wählscheibe jeweils mit einem deutlichen Schnurren in ihre Ausgangsposition zurücksprang, und horchte dann auf das undeutliche Läuten irgendwo weit weg im Dickicht der endlosen Drähte. Schließlich ging einer dran. Er oder es sagte nur ein Wort, ein gepresstes „Ja-aa“, das klang wie durch den Schlitz eines Panzerwagens.
„Er ist im Dorf“, sagte ich einfach nur.
„Sicher?“ kam es durch die Leitung zurück. Ich war mir selbst nicht sicher, wegen der Störungen und des Rauschens, die auf dem Weg hinzugefügt worden waren.
„Ja“, antwortete ich trotzdem, und daraufhin wurde die Leitung tot. Es gab nicht mal mehr ein Freizeichen, sondern erst, als ich auf die Gabel drückte. Soviel zu meinem Kontakt zur Außenwelt, und soviel zu meinen gewissenhaft angelegten Notizen. Die konnte ich jetzt wohl im Kamin verfeuern. Ein einfaches „Ja“ war alles, was am Ende von mir verlangt wurde. Naja.

Jenkins polierte an seiner Theke herum, und ich bestellte einen Schnaps und stand mit die Beine in den Bauch, aber es kümmerte mich nicht. Es war immer ein gutes Gefühl, mit einem Auftrag fertig zu werden, und so auch diesmal. Auch wenn mir das Drumherum des Abschlusses nicht so richtig behagte, es war leicht verdientes Geld, und von diesem gab es verdammt nochmal sehr viel weniger als von dem teuer im Schweiße meines Angesichts verdientem. Soll heißen, auch wenn es mir unter einem professionellen Standpunkt nicht behagte, war ich doch froh, dass das hier schlussendlich alles so glatt über die Bühne gegangen war. Ein paar entspannte, freie Tage in der Stadt waren jetzt genau das, was ich brauchte, und alles andere brauchte mich nicht mehr zu kümmern, und das fühlte sich gut an.
Mittlerweile war sogar mein Schnaps an dieser Stelle des Tresens eingeschwebt, und der befeuerte meine Gelöstheit noch.
„Wann fährt’n hier der nächste Bus?“ fragte ich Jenkins.
„Was soll denn das heißen?“ fragte er zurück. „Haben sie ihren kleinen Urlaub schon beendet?“
„Jaa, ich hab mich erholt und meine Dinge hier erledigt. Ich freu mich jetzt darauf, in die Stadt zurückzufahren, nichts für ungut“, das nur der Etikette wegen. Ich konnte sehen, wie Jenkins Augen aufleuchteten, auch wenn er sich dessen selbst wahrscheinlich gar nicht bewusst war. Er war froh, mich loszuwerden.
„Hätte nicht gedacht, dass sie so bald fertig würden“, meinte er. „Ich meine, ihren Freund haben sie ja nich gesehen, was?“
„Nee, aber er kriegt hoffentlich ne Nachricht. Hab kurz mit Tuft gesprochen.“ An dieser Stelle huschte sowas wie ein schneller Schreck über sein Gesicht, aber vielleicht war es auch nur ein Magengrummeln.
„Hat gemeint, dass sei das Äußerste, was er tun könnte, und so isses nun halt“, fuhr ich fort. Jenkins entspannte sich wieder.
Einer der beiden Trinker an der Theke schaltete sich ein, ein Kerlchen mit schmalem Kinn, fliehender Stirn und einigem an Adern auf seiner Nase. Die Geschichte des Cafés fand sich gewissermaßen in seinem Gesicht, oder jedenfalls die Geschichte des Alkoholausschanks. Sein Alter war schwer zu schätzen. Er beugte sich jedenfalls zu mir rüber und tat vertraulich, wie es Trinker oftmals tun. Sein Freund oder Trinkbruder oder was auch immer trank einfach weiter.
„Kann ’n bisschen dauern noch, bis sie hier wieder wegkommen, Kumpel“, vertraute er mir an. Ich sah ihn überrascht an.
„Ja, der Bus für heut ist heut Mittag schon abgefahrn. Wir wissen’s, wir ham den Fahrer ja geölt“, sagte er, und darauf lachten er und sein Kumpan sich eins, ein krächzendes Kichern aus rauen Kehlen, und ich lachte mit, weil ich höflich sein wollte und der Schnaps auch schon zu wirken begann.
„Und der nächste Bus kommt hier erst am Freitag“, fuhr er fort, „wenn er kommt.“ Dazu ein bedeutungsschweres Nicken mit seinem nicht vorhandenen Kinn.
„Warum soll er denn nich kommen?“ schaltete sich Jenkins ein, dem, wie ich vermutete, die Aussicht nicht behagte, mich länger als irgend nötig hier im Dorf zu haben, auch wenn ich nicht wusste, warum eigentlich, es sei denn, er war irgendwie damit beschäftigt, Hendrichs zu decken.
„Jenkins, du weißt so gut wie wir, wie das Wetter hier im Herbst so is.“ Das jetzt vom zweiten Trinker, einer langen Bohnenstange in einem verblichenen Cord-Jackett. Dann orderte er noch einen Schnaps und äußerte sich nicht weiter.
Der erste sprang ihm bei: „Genau, du riechst es doch auch, oder nich? Können sie es riechen, Fremder?“
Ich sagte ihm, dass ich es nicht riechen könne, worauf er zufrieden nickte.
„Ja, die Fremden können es nich riechen, aber du riechst es doch, oder, Jenkins?“
„Schon gut, Carl“, erwiderte Jenkins während des Hantierens mit einem frischen Glas und der Schnapsflasche. „Kann schon sein, dass du’s riechst, aber ich riech nichts.“
„Was gibt’s denn hier zu riechen?“ fragte ich, jetzt doch neugierig geworden.
„Schnee“, sagte der Mann, den Jenkins Carl genannt hatte. „Und wenn der Schnee kommt, wenn er richtig kommt, dann kommt der Bus wiederum nich, stimmt’s, Eugen?“
Der andere Trinker grunzte zustimmend und wandte sich dann seinem frischen Glas zu. Jenkins runzelte die Stirn. Ich für meinen Teil zahlte meinen Schnaps und machte mich wieder auf die Socken. Ein zuverlässiger Wetterbericht war hier draußen schwer zu bekommen, also musste ich abwarten. Wenn der Bus käme, wovon er ausginge, sollte ich um Mittag hier vor dem Café sein, sagte Jenkins noch, und er wirkte, als würde er sich höchstpersönlich vor den Bus legen, um sicherzustellen, dass ich ihn bekommen würde. Ich dankte ihm und war draußen.

Ich zündete mir eine Zigarette an und schlenderte los. Es gab noch eine Menge loser Enden hier im Dorf, die mich eigentlich nicht mehr kümmern mussten jetzt. Abgesehen von Zottelhaar, wie mir wieder einfiel, der, nach allem, was ich wusste, noch immer eingesperrt war in der Hütte im Wald. Ich musste ihn noch irgendwie rauslassen. Ich würde es am Freitag tun, bevor der Bus hier losfuhr. Das würde die Komplikationen auf ein Minimum reduzieren. Ich hätte auch ein Taxi bestellen können, aber zwei Übernachtungen bei Fanny Gros kamen mich billiger als die Fahrt in die Stadt, und ich wollte mein frisch verdientes Geld erstmal ein bisschen zusammenhalten. Außerdem wusste ich noch immer nicht, wer auf mich geschossen, und was es mit den Bildern im Allgemeinen und Tufts Galerie im Speziellen auf sich hatte. Nicht dass es mich jetzt noch professionell was anging, sozusagen. Aber das hatte mich noch nie gekümmert. Sonst wäre ich ja auch Buchhalter geworden, mit einem warmen Platz am Schreibtisch, einem Monatsgehalt und einem Häuschen in der Vorstadt. Danke, ein andermal vielleicht. Für hier und jetzt war ich vor allem noch neugierig. Und so wie es aussah, hatte ich ja noch ein bisschen Zeit.

Ungefähr auf diese Weise hing ich meinen müßigen Gedanken nach, da ich so durchs Dorf spazierte. Grundsätzlich ging ich davon aus, Freitagabend zurück in meinem eigenen Apartment zu sein, und vielleicht in meiner Bar bei einem Whisky zu sitzen, und hatte mit dieser ganzen Hendrichs-Geschichte und diesem Dorf innerlich schon abgeschlossen, und alles, was mich noch interessierte oder was ich noch herauskriegen würde, wäre rein kosmetischer Natur, soll heißen, einfach nur ein Vergnügen um seiner selbst willen.
Das war natürlich, bevor der Sturm kam.

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Dienstag, Januar 06, 2009

Fern wie die Zeit (XIX)

Der Gang war erst dunkel, und dann, nachdem Tuft einen Lichtschalter betätigt hatte, war er sehr lang, zwanzig Meter sicherlich, der Boden mit alten Steinfliesen bedeckt und das Ganze von ein paar nackten, funzeligen Glühlampen erhellt, die die Dunkelheit nur ein wenig weniger dunkel machten. Ich überschlug im Kopf: die Tür am hinteren Ende musste schon fast wieder zum Haus hinausführen. Einen Hinterausgang hatte ich bei meinen bisherigen Besuchen allerdings nicht entdeckt.
Tuft ging voraus durch die erste Tür auf der rechten Seite. Sie malte ein helles Rechteck auf den dämmrigen Flur, und ich folgte ihm in den Raum. Im ersten Moment dachte ich, wir wären von den Klippen gesprungen.
Es waren die Fenster. Sie zogen sich über die ganze Länge des Raumes, und im nächsten Raum vermutlich noch weiter. Es waren Sprossenfenster, jeweils aus mehreren kleineren Glasscheiben zusammengesetzt, und sie boten, wie ich vermutet hatte, einen atemberaubenden Blick über den Ozean. Von keiner Gischt beleckt überblickten sie den weiten Spiegel des Meeres bis zum Horizont. Es waren Fenster, die die Phantasie beförderten. Kolumbus musste ebensolche Fenster besessen haben, und einen ebensolchen Ausblick. Sie boten einen Blick, der einen hinauszog in die Ferne. Sie waren, an dieser Stelle, hoch über den Klippen, wie die Öffnung des Dorfes nach außen. Die Fenster gaben dem Blick Richtung und lenkten ihn, hinaus aus der engen Bucht und dem düsteren Wald, tatsächlich wie Augen, die hinausblickten aus einem gedrungenen Körper in die weite Ferne. Die Augen des Dorfes. Der Begriff setzte sich plötzlich fest in meinem Kopf, auch wenn ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was ich mit ihm anfangen sollte.

Ich musste etwas länger dagestanden haben, denn Tuft räusperte sich ungeduldig. Er hatte sich in einen niedrigen Sessel gesetzt, dem ein zweiter solcher im 30-Grad-Winkel gegenüberstand. Daneben ein kleines Tischchen, und alles drei aus dunklem Holz und die Sessel mit einer Bespannung aus Segeltuch. Ansonsten war in dem ganzen großen schönen Raum auf den ersten Blick nichts zu sehen. Auf den zweiten Blick verhingen weiße Bahnen aus Segeltuch die Rückwand, die den Fenstern gegenüberlag.

„Sie wollten mit mir reden, ich habe sie eingelassen. Also gut, nun reden sie mit mir.“
Ich riss den Blick von Zimmer und Fenstern los und sah Tuft an.
„Er ist hier, nicht wahr?“
Sein Blick durchdrang mich. Er war anders als jeder andere Blick, den ich in meinem Leben gespürt und gesehen hatte, und ich hatte einiges an Blicken gesehen, soviele wie der erste beste und vermutlich einiges aus dem Repertoire, dass die Menschen zu bieten hatten. Es waren Blicke voller Zuneigung darunter gewesen und Blicke voller Hass, freundliche Blicke, neugierige Blicke, Blicke aus ängstlichen Augen und Blicke aus traurigen. Es waren heiße Blicke gewesen und kalte, lüsterne und abschätzende, feindliche und abwartende. Ich hatte in die Augen von Freunden wie von Feinden geschaut, und in die meisten der möglichen Abstufungen dazwischen. Tufts Blick war keiner aus irgendeiner mir bekannten Kategorie. Es war ein Blick ohne Inhalt, ein Blick aus den tiefsten Tiefen. Die reine Form des Blickens, wenn man so wollte. Dabei war es kein leerer Blick; auch die kannte ich. Er war nicht leer wie der Blick eines Rauschgiftsüchtigen, der sich die Spritze gesetzt hatte, nicht leer wie der Blick einer Mutter am Grab ihres Sohnes, und nicht gebrochen wie der Blick eines Sterbenden. Er war nicht leer wie der Blick eines des Lebens überdrüssigen, gelangweilten Menschen, und es war auch nicht der in die Ferne und durch alle Dinge hindurch gehende Blick eines Menschen, der auf einen Bus wartet, der seit zwanzig Minuten überfällig ist. Nein, es war ein anderer Blick als all diese. Es war ein alter Blick. Es war ein Blick aus Augen, die alles bereits gesehen hatten, und wenn ich sagte alles, dann meinte ich alles. Es waren alte Augen, und mit einem Mal machten sie mir fast sowas wie Angst. Es war, als zögen diese Augen ihren Betrachter immer tiefer, je länger man in sie schaute und ihren Blick erwiderte.
„Was wollen sie von ihm?“
Ich brach den Blickkontakt, setzte mich Tuft gegenüber und ließ mir was einfallen.

„Mr. Tuft, ich bin ein Kunstliebhaber. Ich handle mit Kunst und ich stelle auch manchmal aus. Ich habe noch keinen großen Namen im Geschäft, aber ich liebe das, was ich tue, und ich liebe auch die Kunst, mit der ich es zu tun habe. Ich habe Frances Henrie, oder Frank Henrichs, wie er sich nannte, vor einiger Zeit kennengelernt und auch einen Blick auf ein paar seiner Werke werfen können. Sie gefielen mir außerordentlich gut.“
Ich ließ das erstmal sacken und wartete ab, wie es sich machte. Die Honigworte meiner Lüge kamen mir so glatt über die Lippen, als hätte ich stundenlang geübt. Nicht übel. Sie mussten nur auch für Tuft ausreichen. Der sah nicht begeistert aus, er schüttelte den Kopf mit gerunzelter Stirn, aber er wies mich immerhin auch nicht zur Tür.
„Frank – Verzeihung, Frances – ist dann vor drei Wochen plötzlich verschwunden“, fuhr ich fort. „Ich habe mich ein bisschen nach ihm umgetan, aber ich konnte ihn nicht finden, und keiner unserer gemeinsamen Bekannten wusste irgendetwas von ihm. Dabei wollte ich unbedingt noch mit ihm reden. Seine Bilder...“
„Warum suchen sie ihn hier?“ Tufts Kopf fuhr auf, und er fixierte mich mit seinem Grusel-Blick.
„Ich wollte ihn wirklich gerne wiedersehen, Mr. Tuft. Ich schätze ihn sehr. Ich wollte mit ihm über seine Bilder reden.“
Tuft setzte an, mich zu unterbrechen, also schob ich schnell nach:
„Ich habe einen Privatdetektiv beauftragt, Mr. Tuft.“ Das mit einem peinlich berührten Lächeln meinerseits. „Ich denke, das muss ihnen komisch vorkommen, und glauben sie mir, das kam es mir auch. Aber ich wollte wissen, ob es Frank gut ging, Verzeihung, Frances...“
Tuft nickte ungeduldig und unterbrach mich dann mit einer unwirschen Handbewegung.
„Woher wusste dieser Privatdetektiv, wo sie Frances suchen mussten? Wie heißt der Mann?“
„Felix Austria“, erfand ich leichthin und mit ein wenig zuviel Nonchalance. Ich wusste sehr gut, wie dieser Glückliche das herausbekommen hatte; ich war es ja selber gewesen. Aber die Irrungen und Wirrungen der letzten Wochen musste ich Tuft nicht unbedingt auf die Nase binden.
„Ich habe ihn nicht gefragt“, antwortete ich also. „Er sagte mir, wohin ich mich wenden müsste, und hier bin ich. Von Fanny Gros hörte ich, dass sie selbst hier ebenfalls eine Galerie hätten, Mr. Tuft, und so bin ich...“
„Jaja. Sie zeigen bemerkenswertes Vertrauen. Ihr Detektiv hat ihnen nichts gezeigt? Keine Beweise, Unterlagen, sonst irgendetwas?“
„Nein, das hat er nicht.“
„Sie haben ihm einfach so geglaubt? Sie müssen ein sehr blauäugiger Mensch sein, Mr. ...“
Ich nannte nochmal meinen Namen. „Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte ich. „Ich bezahle ihn erst nach meiner Rückkehr.“ Dazu lächelte ich fein.

Nachdem das erste Geplänkel damit über die Bühne gegangen war, hielten wir beide erstmal inne. Ich hatte mich weit aus dem Fenster gelehnt mit meinem frisch erworbenen Halbwissen, aber nichts von dem, was ich gerade gedichtet hatte, schien Tufts Argwohn erregt zu haben – oder jedenfalls hatte es ihn nicht gesteigert. Er war ein misstrauischer Mann. Jetzt gerade war er am Denken. Er blickte vor sich auf den Fußboden, und es war deutlich, dass er sehr, sehr gründlich nachdachte.

„Kann ich Frances sehen?“ Ich wollte ihn nicht zu sehr grübeln lassen. Wer wusste schon, auf was für Lücken in meinem grob hingeschmierten Bild er stoßen konnte, um beim Thema zu bleiben.
Er blickte auf, und sein Blick kam aus der Ferne zurück.
„Nein.“ Ein klarer, einfacher Satz. Und seinem Tonfall nach so verhandelbar wie die Öffnungszeiten von Fort Knox.
„Und jetzt muss ich sie bitten, zu gehen“, fügte er hinzu, mit derselben Vehemenz. „Sie halten mich vom Arbeiten ab, und ich habe viel zu tun.“
„Würden sie Frances vielleicht eine Nachricht von mir übermitteln, Mr. Tuft?“ fragte ich ihn, und legte so viel Hundeblick in meine schönen braunen Augen, wie ich es bei einem Mann seines Alters fertigbrachte. Ich erwartete schon, wieder sein Nein zu hören, auch wenn das nicht unbedingt von Bedeutung für mich war. Doch dann sagte er:
„Geben sie mir ihre Karte. Er kann sich bei ihnen melden, wenn er es für richtig hält. Mehr kann und will ich nicht für sie tun.“
„Vielen Dank, zu gütig.“ Ich zückte meine Brieftasche und reichte ihm eine meiner Allzweckkarten, mit dem richtigen Namen, aber der falschen Adresse und Telefonnummer. „Hier bin ich zu erreichen. Ich würde mich sehr freuen, seine Bilder...“
„Verlassen sie sich nicht zu sehr darauf“, unterbrach er mich wieder. „Seine Bilder sind zu einem anderen Zweck bestimmt. Ich bin mir sicher, das sieht er genauso.“
„Wie sie meinen, Mr. Tuft, wie sie meinen.“ Tuft stand auf, und ich erhob mich mit ihm. Sein Benehmen ging mir inzwischen gehörig auf den Senkel, geheimnisvolle Augen hin oder her. Ich wollte meine Rolle bis zu ihrem bitteren Ende zu spielen, um ihm ein bisschen rauszugeben.
Auf die Segeltuchverkleidung an der Wand zeigend, sagte ich: „Sind dahinter vielleicht ihre Bilder, die Bilder ihrer Galerie? Ich würde mich sehr freuen, sie einmal in Augenschein nehmen zu dürfen, wenn das möglich wäre.“
„Bilder? Sie wollen meine Bilder sehen?“
Er japste ein bisschen, und sein Gesichtsausdruck wechselte zwischen Überraschung und wahrscheinlich Zorn, was ihm einen lustigen Ausdruck gab. Es war deutlich, dass er mich loswerden wollte; ein winziges bisschen Neugier schien da aber auch in seiner Miene zu sein. Falls dem jedoch so war, schluckte er sie herunter, denn alles was er sagte, war „Gehen sie jetzt, BITTE!“, und er sagte das Gehen tatsächlich kursiv, und das Bitte war in Kapitälchen gesetzt. Fast schob er mich in den Gang und dann zur Tür hinaus, und die Tür fiel ohne ein Wort des Grußes hinter mir ins Schloss, und da stand ich wieder auf den Klippen, als ob ich nie in seiner Festung mit dem grandiosen Ausblick gewesen wäre. Ich überprüfte meine Taschen. Es war alles da. Hätte ich etwas bei ihm liegenlassen, ich hätte es vermutlich niemals wiederbekommen. Ich wusste ja nicht, dass ich nochmal wiederkommen würde.

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Montag, Januar 05, 2009

Fern wie die Zeit (XVIII)

Ich ging zurück in die Küche. Ich hatte eine Entschuldigung an eine alte Frau zu machen und ihr ansonsten noch tüchtig auf den Zahn zu fühlen. Es war an der Zeit.

Tufts Haus hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Noch immer saß es über der Steilküste wie ein schlechtes Omen, so grau und abweisend wie ein reicher Erbonkel. Der Briefkasten blinkte gegen den elektrisch geladenen Himmel, und Möwen zirkelten kreischend herum um den alten Kasten, wie es ihre Art ist. Nichts rührte sich, als ich näher kam, nur die Brandung klatschte unentwegt wie seit Äonen schon gegen den hochaufragenden Fels. Irgendwann würde Tufts Hütte im Meer vor der Küste liegen. Was für eine Aufregung das gäbe. Nur wäre dann keiner von uns noch hier.
In Ermangelung einer Klingel klopfte ich herzhaft. Es gelang mir sehr gut. Es war ein kurzes, trockenes Klopfen, dennoch durchdringend, ein Klopfen, das neugierig machte. Es sagte: Hier klopft einer, der weiß, was er will und tut. (Klopfen.) Die Tür macht auf, die Tor‘ macht weit, und so weiter. Zufrieden wartete ich auf die Reaktion. Die Reaktion ließ ebenfalls warten.
Ich klopfte nochmal, die fordernde Sorte Klopfen jetzt, zu der es im Allgemeinen heißt: „Aufmachen, Polizei!“ Es war die Sorte Klopfen, nach der einem die Tür eingetreten wird, und dann kann man sagen, was man will, Wachtmeister, ich war nur hinten im Garten, auf dem Häuschen oder schlafend im Bett um drei Uhr mittags, Dankeschön, aber davon bekam man seine Tür auch nicht wieder. Kurz, es war ein Klopfen, das einem die Vergänglichkeit der Dinge ins Bewusstsein rufen sollte. Besonders die Vergänglichkeit der eigenen Tür. Auch auf dieses tat sich erst einmal nichts.
Aber ich hatte Zeit, und ich hatte nichts Anderes zu tun, und so stand ich mir ein wenig die Beine in den Bauch. Wenn man sich erst einmal mit der Unausweichlichkeit einer Lage abgefunden hat, bedeutet es wenig, ob man noch zehn Minuten oder zehn Stunden der Dinge harren muss. Die Zeit verliert ihre drängende Bedeutung, und der stete Strom der Gedanken und des innere Drangs schwillt zwar erst nochmal an, wird dann aber zu einem stillen Rinnsal in niederen Bänken. Man sitze einfach da und sehe zu, wie die Welt sich dreht. Die Sonne überstrahlte den bleiernen Himmel mit ein paar verirrten Strahlen, die Möwen zirkelten und das Meer brandete. Ich übte mich in meiner stillen Metaphysik und wartete auf das, was als nächstes unweigerlich geschehen würde. Sitzen, wie Zen-Meister sitzen; atmen, als geschähe es zum allerersten Mal.
Ich lehnte mich gegen die raue Steinwand des Hauses und blickte über die Klippen und hinüber zum Wald. Voller Gleichmut betrachtete ich die Dinge dieser Welt, das wogende Gras, die ziehenden Wolken. In der Ferne rührte sich ein Schemen, und ich wandte meinen Blick dorthin, neugierig und ohne Urteil. Der Schemen bewegte sich und kam näher, aus dem Schatten des Waldes heraus und auf einem schmalen Pfad, gelb jetzt, und schließlich entpuppte er sich als ein Mensch, zwei schwerbeladene Beine in Gummistiefeln.
Es dauerte noch gute zehn Minuten, bis der Schemen, soll heißen Tuft, sich herauf auf die Klippen gearbeitet hatte. Dass er mich nicht erkannte, bis er kurz vor mir stand, lag wohl an dem gesammelten Krempel, den er mit sich herumtrug, eine Staffelei unter anderem, einen breiten in Öltuch gewickelten Gegenstand, der vermutlich eine Leinwand war, und seinen Farbkasten. Als er mich dann sah, wirkte er trotz meines Gleichmuts nicht erfreut.

Tuft trug Gelb. Er trug gelbe Gummistiefel und eine gelbe Leinenhose, die von gelben Hosenträgern gehalten wurden, sowie ein gelbes Hemd, das unter einem gelben Regenmantel verschwand. Auf seinem Kopf saß ein gelber Filzhut, unter dem seine dunklen Augen hervorleuchteten. Mittwoch war Tag des Gelbes. Er wirkte im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Ei gepellt – aus dem dottrigen Teil des Eies, um es genau zu sagen. Doch sein Gesicht war noch immer das gleiche wie am Montag zuvor, und sein Schnurrbart zitterte missmutig unter der Adlernase, als er meiner ansichtig wurde. Schließlich blieb er neben mir stehen, lehnte die vermutete Leinwand gegen das Haus und die Staffelei daneben, und wirkte ansonsten unentschlossen und mehr oder minder überrascht und zugleich ratlos. Ich für meinen Teil lächelte ihn freundlich an, soll heißen, ich zeigte mich von meiner Schokoladenseite.
„Was wünschen sie?“, fragte er schließlich.

Tuft sah deutlich müder aus als vor zwei Tagen. Seine Augen wirkten stumpf, und seine ganze Haltung hatte weniger Spannung als an jenem Abend, an dem ich ihn im Café gesehen hatte. Ich hatte ihn nur kurz gesehen damals, und umso mehr fiel es mir auf. Manche Dinge bemerkte man umso besser, je weniger man einen Menschen kannte. Neben eindeutigen Blicken der einen oder anderen Art gehörte das hier dazu.
Ich bot ihm meine Hand und stellte mich vor. Er blickte hinunter auf meinen Arm, als wäre ich ein seltenes Insekt, mit einer Mischung wie aus Faszination und leichtem Ekel. Aber dann griff er nach meiner Hand und schüttelte sie kurz, und sein Händedruck war nicht von Pappe. Er war sogar deutlich kräftiger, als ich es bei einem Mann seines Alters erwartet hätte. Wie alt war er eigentlich?
„Richard Tuft“, sagte er noch und ließ meine Hand wieder los. Dann schloss er die Tür auf und sammelte seine Sachen ein. Ich schob gerade noch rechtzeitig meinen Fuß vor. Sonst hätte ich vermutlich noch länger draußen warten können. Tuft blickte auf und sah mir direkt ins Gesicht. Er war müde und genervt, und seine Augen waren sehr, sehr tief. Sie waren bodenlose, schwarze Löcher in einem Gesicht, das man sich nicht merkte. Die Aufmerksamkeit verschwand einfach hinter dem Ereignishorizont dieser dunklen Spiegel.
„Mr. Tuft?“ Ich riss mich los von seinen Augen und richtete das Wort an ihn.
„Was wollen sie? Ich habe einen langen Morgen hinter mir.“
„Ich würde gern mit ihnen sprechen, Mr. Tuft.“
„Worüber denn? Ich kenne sie nicht. Und ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe wirklich zu tun.“
Mein Fuß stand noch immer zwischen Tür und Rahmen. Sein Körper spannte sich an, und er begann, Kraft in den Arm zu legen, der die Tür aufhielt. Wenn ich meinen Fuß behalten wollte, musste ich mich beeilen.
„Ich bin auf der Suche nach Frank Hendrichs.“
„Davon habe ich gehört, aber auch den kenne ich nicht. Wenn sie jetzt so...“
„Frances Henrie, Mr. Tuft.“
Er hielt inne. Der gelbe Arm an der Tür entspannte sich wieder. Er war überrascht, und hinter seiner Stirn begann es zu rattern.
„Ich sehe wir verstehen uns“, setzte ich nach. „Lassen sie mich rein, und wir unterhalten uns ein bisschen. Es täte mir leid, wenn ich so wieder in die Stadt zurückkehren müsste. Es täte mir sehr leid.“
Er blickte mich nochmal an, wie in einem Versuch, mich zu durchschauen, und diesmal blickte ich zurück. Ich versuchte, auch möglichst unergründlich zu wirken. So starrten wir uns ein paar Sekunden an, die sich dehnten wie Gummi. Mein Gebot schien ausgereicht zu haben, denn schließlich trat er von der Tür zurück und winkte mich wortlos herein. Hinter mir fiel die Tür mit einem schweren Tösen ins Schloss, das Fallgatter wurde hinuntergelassen und die Zugbrücke aufgezogen, und die Wachen riefen das Wetter von den Zinnen. Soll heißen, ich war im Inneren seiner Burg.

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