Aus meinem Zimmer drang kein Laut. Mich zurück nach draußen zu schleichen und durchs Fenster zu spähen konnte ich vergessen. Die Haustür hatte mich bereits verraten. Also holte ich den Schlüssel heraus und probierte ihn im Schloss. Er drehte sich schwerfällig und knirschend, und der Riegel knackte. Es war abgeschlossen. Ich öffnete die Tür und trat ein. Was sollte ich sonst tun.Drinnen wartete niemand auf mich. Der Zimmer war leer und ruhig und dunkel. Ich ging zum Fenster, zog die Vorhänge vor und machte Licht. Es fehlte nichts, aber in meinen Sachen hatte jemand geschnüffelt. Da ich wusste, wonach ich suchen musste, merkte ich es. Auf den ersten Blick fehlte nichts, aber wahrscheinlich nur deshalb, weil mein Besuch nicht wusste, wonach er gesucht hatte. Ich ließ mich auf alle viere nieder und sah nach meinem Geld unter dem Bett. Das Portmonee war noch immer am dritten Lattenrost, wo ich es mit etwas Klebeband befestigt hatte, und besser noch: es war noch alles darin. Ich klebte es wieder zurück und setzte mich. Das alles wurde langsam ein bisschen viel. Ich holte eine Zigarette hervor, nahm einen Zug und sah dann dem Rauch zu, wie er sich durch die Luft davonmachte. Ich tippte auf Fanny Gros, da die Tür wieder verschlossen worden war und niemand auf mich geschossen hatte. Tante Emmas Warnung kam mir wieder in den Sinn. Die gute Fanny schien gewissen Versuchungen nicht widerstehen zu können. Was machte ich aus diesem Tag? Ich war unter anderem beschossen worden, hatte Hendrichs Spur wiedergefunden, und hatte einen Typen in Hendrichs Hütte gesperrt, von dem ich nicht mal den Namen wusste. Großartiger Tag. Ich wollte gar nicht wissen, was der nächste brachte. Gedankenverloren rauchte ich die Zigarette zu Ende, stellte den Stuhl gegen die Türklinke und ging ins Bett. Ich stand nur noch einmal auf, um noch ein paar Notizen zu machen, die ich auf dem Schreibtisch liegen ließ. Am Horizont ritten die ersten Vorboten des kommenden Morgens ein. Die frühen Stunden des Tages waren die Stunden der wiedergewonnenen Unschuld. Die Dinge begannen noch einmal von vorne, und noch war keine Bitterkeit in der Welt, keine Schuld und kein Hass, außer dem, den man selbst mitgeschleppt hatte. Die ersten Stunden flüsterten das Versprechen des Neubeginns, und seine Anzeichen waren überall um einen herum. Erstes Tauglitzern auf den Gräsern, die ersten Stimmen der Vögel, die freudig den neuen Tag begrüßten, und die ersten Sonnenstrahlen, die neugesponnenes Gold über alles streuten. Die Sünden der letzten Nacht waren vergessen, die Taten vergeben. Vergangene Liebe und zerronnene Hoffnung existierten noch nicht, man war mit sich selbst, und das war alles, was war. Die anderen Menschen wälzten sich noch in ihren Träumen, und alles, was der Tag bringen würde, lag noch in weiter Ferne. Die Schmerzen, die Intrigen, die Verbrechen und der Verrat kämen erst später. Die ersten Stunden des Tages waren die Stunden der wiedergewonnenen Unschuld. Ich ehrte sie schlafend. Ich hörte nicht einmal den verdammten Hahn.Es war am Spätvormittag, als ich mich gewaschen und angezogen hatte. Richtig fit war ich noch immer nicht, aber die kalte Dusche hatte mich aufgemöbelt und wenigstens den gröbsten Nebel aus meinem Hirn vertrieben. Die Ereignisse der vergangenen Nacht kamen mir vor wie ein schlechter Traum. Allerdings klingelte der Hüttenschlüssel in meiner Hosentasche.Fanny Gros war in der Küche zugange. Ich trat ein und tippte mir an den Hut.„Morgen, Mam“, sagte ich. Sie hantierte weiter mit einer Pfanne, ohne sich umzudrehen, und fragte:„Möchten sie Frühstück, junger Mann?“ Neben ihr am Herd stand ein Teller mit Pfannkuchen darauf, die noch dampften und nicht schlecht dufteten.„Jaa“, sagte ich gedehnt, „und nen Kaffee, wenn sie haben.“ Ich setzte mich auf einen der Stühle am Küchentisch und wippte nach hinten, dann zog ich eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an. Fanny Gros protestierte nicht. Ich nahm zwei tiefe Züge und blickte zum Küchenfenster hinaus aufs Meer. Noch waren die Reste vom Morgennebel da draußen, und alles war wattig und gedämpft. „Was gefunden?“Sie tat, als habe sie mich nicht gehört, aber ihr Körper versteifte sich für eine Sekunde, und fast wäre ihr der Pfannkuchen beim Wenden zu Boden gefallen. Sie ruckte ihn wieder in der Pfanne zurecht, und schien nicht recht zu wissen, ob und wie sie reagieren sollte.„Mein Geld hab ich nicht im Zimmer. Falls sie fas gesucht haben sollten.“Jetzt drehte sie sich um, und in ihrem Gesicht war sowas wie der Versuch der Empörung. „Junger Mann, ich habe keine Ahnung, wovon sie reden. Wenn sie denken, dass ich...“„Ich hab ein paar Vorsichtsmaßnahmen ergriffen“, unterbrach ich sie. „Ich weiß, wenn jemand in meinem Zimmer war. Und gestern Abend war jemand drin. Wer kann das gewesen sein außer ihnen? Die Tür war abgeschlossen.“Sie stellte die Pfanne ab, aber nicht ohne den Pfannkuchen zu den anderen auf den Teller zu legen. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften.„Sie sind unverschämt! Ich gehe nicht in die Zimmer meiner Gäste. Ich weiß nicht, was für ‚Vorsichtsmaßnahmen‘ sie ergriffen haben, junger Mann, aber ich war nicht in ihrem Zimmer. Das kann ich ihnen versichern.“„Da hab ich aber was Anderes gehört“, verriet ich ihr. Ich stand auf und holte mir Kaffee von der Kanne auf dem Herd, wobei ich an ihr vorbeigreifen musste. Sie schien im Moment nicht daran zu denken, mir einen einzuschenken.„Ich weiß nicht, was sie von wem in diesem vertratschten Dorf gehört haben, aber ich weiß, was ich getan habe und was nicht, und ich weiß, was ich ihnen sage. Ich sollte sie bitten, sofort auszuziehen!“ Das Gespräch ging nicht ganz in die Richtung, die ich mir vorgestellt hatte. Sie war zäher im Nehmen als gedacht. Ich hatte angenommen, dass ein bisschen auf den Busch Klopfen bei ihr seine Wirkung tun würde, und sie mit der Sprache rausrückte. Es hatte ja auch nichts gefehlt. Ich wollte nur wissen, wer in meinen Sachen herumgeschnüffelt...Ich stand von meinem Stuhl wieder auf. „Einen Moment, Mam.“ Schon war ich durch die Tür und ließ sie in der Küche stehen. An meiner Kommode war ich in Nullkommanichts. An meinem Geld war niemand gewesen – vielleicht, weil es auch niemand gesucht hatte. Die Notizen von gestern Abend lagen auf der Tischplatte, wo ich sie hingelegt hatte. Ich öffnete die verdammte Schublade und fischte nach dem Umschlag mit dem H, und diesmal machte ich ihn auch auf. Die Notizen waren gelesen worden. Sicher, sie waren noch vollständig, aber das änderte nichts daran, dass sie sich jemand zu Gemüte geführt hatte. Ich wusste, wovon ich sprach. Ich hatte überall meine Haare.Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing