Sonntag, November 23, 2008

Am Kaminfeuer

Die besten Momente im Leben waren die Momente des gemeinsamen Kaminfeuers. Damit meinte ich folgendes, ein Bild:

Es war Herbst. Ein altes Haus, inmitten eines Wäldchens, auf dem Land. Ein unbefestigter Weg führte unter den Bäumen dorthin. Ihre Blätter verfärbten sich, sie wurden golden und rot. Die Stimmung eines Endes lag über allem wie feiner Nebel, aber ebenso offensichtlich war, dass dieses Ende noch nicht da war, und alles erstrahlte in einer letzten Schönheit. Feiner Dunst lag in der Luft, von der Sonne golden durchwirkt. Des Hauses aus grobem Stein, zweigeschossig, mit einem dunklen Dach; große führten Fenster hinaus auf das Wäldchen und eine Lichtung und luden sie ein in die alten Mauern. Im Haus selbst ein offener, großer Kamin, alt wie die Zeit. Auf dem Bord fand sich eine kleine Sammlung Flaschen der hochprozentigen Sorte, daneben eine Karaffe Wasser, kleine Gläser, oft benutzt und ebenso oft gereinigt. Am Abend brannte ein Feuer in diesem Kamin, und die Flaschen kreisten. Durch das Feuer kam eine wohlige Wärme von außen, und vom Schnaps eine ebenso wohlige Wärme von innen. Zwei Sessel vor dem Feuer, darin zwei Freunde, alte Freunde, Menschen, die alles geteilt hatten und viel voneinander wussten, alles eigentlich. Sie redeten das leichte und tiefe Gespräch der Freundschaft, und je länger der Abend, desto tiefer drangen sie, desto tiefer wurden schließlich die Wahrheiten, die sie miteinander teilten, so altbekannt und dennoch so frisch und unverbraucht. Der nächste Morgen war dann in blendendes Sonnenlicht getaucht, und der Duft frischen Kaffees durchzog, von der großen, offenen Küche kommend, das gesamte Haus.

Naja, so stellte ich mir das vor. Dieses Bild enthielt all jene Dinge, die mir im Leben am wichtigsten waren, als Stimmung gewissermaßen. Diese Unterstreichung war wichtig: es war die Stimmung dieses Bildes, die, in der besten aller Welten, mein Leben beschreiben sollte. Im Moment war ich von dieser Stimmung noch ein Stück entfernt, von dieser Sorglosigkeit und Tiefe. Ich hatte auch keine Ahnung, ob und wie ich dort hinlangen konnte. Aber ich kannte kannte das Ziel, immerhin.

Labels:

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Samstag, November 22, 2008

Fern wie die Zeit (XVI)

Als er zum zweiten Mal wieder zu sich kam, saßen wir wieder gemütlich um den Tisch. Der Whiskey war gar nicht übel. Ich hatte ihn regelrecht darin tränken müssen, um ihn wieder wachzukriegen.
„Also, warum die Flinte?“, fragte ich ihn. Er reagierte schneller jetzt. Ich musste nur mit dem Lauf winken, und er sprudelte über wie ein Bergbächlein.
„Es gibt ne Menge Wildschweine hier im Wald“, sagte er. „Denen wollen sie nachts nicht begegnen, Mister.“
„Quatsch! Du hast die Kanone mitgenommen, weil’s hier in dieser Hütte was zu verbergen gibt, und weil ihr wisst, dass ich hier nach Frances suche.“
„Nein! Wirklich, Mister, ’s war wegen den Wildschweinen. Ich weiß ja gar nich, wer sie eigentlich sind. Ich will’s auch gar nicht wissen“, fügte er hinzu, offenbar von der Furcht beseelt, als Mann, der zuviel wusste, unter die Erde gebracht zu werden.
„Also gut, wer lebt hier? Frances Henrie, oder?“
Er zögerte kurz und biss sich auf die Unterlippe. Dann nickte er nur stumm.
„Und was macht er hier? Malt er mit Tuft?“
Wieder nickte er nur. Eine Träne rann ihm über die schmutzige Wange.
„Was’n los mit dir, Jungchen?“
Es kam noch eine Träne. Er war schien ziemlich dicht am Wasser gebaut auf einmal. Dann fing er mir nichts dir nichts richtig an zu heulen.
„Bitte, sie dürfen den Zeichnungen nichts tun“, schluchzte er.
Ich tat mal so, als wüsste ich, wovon er redete.
„Und warum sollt ich?“, fragte ich ihn.
„Das Dorf!“, heulte er bloß, gefolgt von noch ein paar Tränen.
Ich verstand nur Bahnhof.
„Lass uns nochmal von vorn anfangen“, sagte ich. „Die Zeichnungen haben mit dem Dorf zu tun. Frances hilft Tuft, sie anzufertigen.“ Keine große Reaktion von ihm. Er starrte nur vor sich hin jetzt. Gedanken begannen sich hinter seiner Stirn zu formen.
„Was bedeuten die Zeichnungen für’s Dorf? Und wo ist Frances? Jetzt lass dich mal nicht lange bitten, raus damit!“
Seine Reaktion deutete sich an. Vielleicht nahm ich deshalb die Waffe ein wenig aus seiner Reichweite, so dass er sie nicht richtig umfassen konnte, als er mit einem lauten Schrei von seinem Stuhl schnalzte, und mit den Fingern vom Lauf wieder abglitt. Sein Schwung warf uns beide von den Füßen, und mit Gepolter gingen wir zwischen den Kisten zu Boden. Ich stieß mir den Kopf an einer Kante, und auch ihn schien es irgendwo gegen geworfen zu haben, so wie er jaulte. Aber die Furcht oder der Hass oder was es war verlieh ihm eine grandiose Schnelligkeit, und bevor ich auch nur schauen konnte war er wieder auf den Füßen und griff nochmal nach der Flinte, und diesmal bekam er sie zu fassen. Er stand einen Meter vor mir und ließ jetzt mich in den Lauf schauen. Im Gegensatz zu mir drückte er allerdings auch sofort ab.

Er hatte allerdings vergessen, den Sicherungsbügel zurückzuklappen. Der Hahn klackte ins Leere, und für einen Moment glotzte er blöd. Dieser Moment war alles, was ich brauchte. Ich trat ihm gegen das Knie, und er sackte ein. Mit dem zweiten Tritt zielte ich auf eine besonders empfindliche Stelle, die ihn mir auf dem Boden nochmal deutlich näher brachte. Mit den Fingern versuchte er immernoch, die Sicherung zu lösen. Ich ließ meinen Schädel gegen sein Kinn krachen. Das brachte ihn erstmal davon ab. Es brachte ihn erstmal von allem ab.
Mein Kopf dröhnte. Ich stand auf und atmete tief durch. Dieser Bursche hatte den Teufel im Leib. Zum Glück war er nicht besonders helle. Ich hatte mich schon an der Hüttenwand verteilt gesehen. Mit so einer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Was immer es mit Hendrichs Zeichnungen und Tufts Galerie auf sich hatte, es ging dem Burschen nahe, so nahe, dass er seine Angst vergaß und mich um ein Haar erledigt hätte.
Ich sah mir die Hütte nochmal genauer an. Die Fensterläden konnten von innen und von außen verschlossen werden, und der Riegel an der Tür hielt. Er war von außen befestigt, nicht von innen. Wer immer diese Hütte gebaut hatte, er hatte keine Ahnung, aber mir kam es jetzt sehr zupass. Die verdammte Hütte gab ein erstklassiges Gefängnis ab.
Ich legte Zottelhaar aufs Bett, stellte seine entladene Kanone daneben und schloss ihn ein. Die Fensterläden verrammelte ich von außen. Er würde es ein bisschen dunkel und stickig haben da drin, aber mehr konnte ich gerade nicht für ihn tun. Ich konnte ihn schlecht im Dorf rumrennen lassen nach dem, was hier heute Abend passiert war. Dann noch Hendrichs zu finden, konnte ich vergessen. Hier gab es Essen, Wasser, Wein und sogar Schnaps. Er konnte sogar was malen, um sich die Zeit zu vertreiben. Das Petroleum würde sicher ein paar Tage reichen. Viel länger würde er auch hier draußen nicht unbemerkt bleiben.
Ich tauschte das Schloss außen an der Tür noch gegen ein anderes aus, das ich in der Hütte gefunden hatte. Schließlich war Zottelhaar nicht der tatsächliche Bewohner der Hütte. Es gab also noch einen zweiten Schlüssel. Ich musste die Befreiung ja nicht so einfach wie möglich machen.
So oder so, meine Zeit hier im Dorf war jetzt angezählt. Ich konnte wohl noch mit einem, vielleicht zwei Tagen rechnen, viel mehr aber auch nicht. Wenn man Zottelhaar entdeckte, würde wohl einiges Geheul losbrechen. Besser ich war dann weit weg.
Außerdem wusste ich noch immer nicht, wer es heute Mittag auf mich auf mich abgesehen gehabt hatte. Zottelhaar hatte eine Schrotflinte. Auf mich geschossen hatte man aber mit einem Gewehr.

Das Boot lag ein gutes Stück weiter die Küste entlang in einer winzigen Bucht mit einem Fleckchen Kiesstrand, flankiert von gefährlich gezackten Felsen. Ich warf die Schrotmunition hinaus aufs Wasser, wo sie versank wie Blei. Naja, war’s ja auch.
Auf der Seestern gab es nichts Besonderes. Ich überlegte einen Moment, ob ich den Kahn losmachen oder versenken sollte, entschied mich dann aber dagegen. Ich wollte nicht noch mehr kaputtmachen. Also schnitt ich ein paar große Zweige von den nächsten Bäumen und breitete sie notdürftig über das Schifflein, so, dass man mit etwas Glück vom Meer aus nicht allzu viel sehen konnte. Die Gewässer hier direkt an der Küste sahen gefährlich aus, sogar im Mondschein. Da war eine Menge Brandungswasser da draußen, Untiefen wahrscheinlich und Sandbänke. Es gab vermutlich nicht so viele Seemänner, die hier nahe der Küste navigieren konnten. Das hoffte ich jedenfalls.

Weder bei Tuft noch bei Fanny Gros brannte noch Licht. Es war eine dunkle, tiefe Nacht, und ich fragte mich auf dem Rückweg, auf was ich hier gestoßen war und was Hendrichs damit zu tun hatte. Nach allem, was ich wusste, ging es um einen kleinen Betrug und nicht viel mehr, einfach einer von den Gründen, warum man einen Privatdetektiv hinter jemandem herschickt. Herauszufinden, dass Hendrichs nicht mehr in der Stadt war, hatte mich einiges an Zeit gekostet; herauszufinden, wohin er gefahren war, noch ein wenig mehr. Was mir nicht gefiel, war, dass Hendrichs oder Frances schon seit einem halben Jahr wieder hier in der Gegend sein sollte. So hatte es mir Peter gesagt. Im Gegensatz zu den anderen Bewohnern des Dorfes erschien er mir tatsächlich zu einfältig und zu freundlich zum Lügen. Er hatte auch zum ersten Mal das Zeichnen erwähnt. Hendrichs zeichnete also. Was, zum Teufel? Und was hatte es mit dem Dorf zu tun? Und warum flippte ein Kerl wie Zottelhaar darüber so aus?
Das Gequietsche von Fanny Gros‘ Haustür riss mich kurz aus den Gedanken. Es gab eine Menge neuer Fragen, und sie wurden umso verworrener, je länger ich über sie nachdachte. Tatsächlich beschäftigten sie mich so sehr, dass ich beinahe übersehen hätte, dass das Haar an meiner Zimmertüre nicht mehr an Ort und Stelle war.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 3 Kommentare Links zu diesem Post

Homo Sapiens

Die Psychologie interessierte mich manchmal nicht mehr wirklich, da das Gebiet, auf das sie ihr Augenmerk richtete, für meinen Geschmack zu beschränkt war. Folgendes war meine Überzeugung:

Weder kennen noch beherrschen wir unseren Geist nur im Entferntesten. Wir sind Spielbälle unserer innersten Regungen. Oft ist die Angst vor dem, was wir in uns entdecken könnten, so ausgeprägt, dass schon allein der Gedanke an eine Erkundung der eigenen Seele nicht zugelassen wird.
Die Krankheit ist nur das äußerste Ende des geistigen Kontinuums, und auch jene, die sich gesund deuchen – einfach nur deshalb, weil sie in der Mehrheit sind – befinden sich vom umfassenden Standpunkt aus der Krankheit näher als der Gesundheit, wirklicher Gesundheit, die den Menschen erblühen und seine Umgebung gedeihen lässt.

Wir senden Leiden in die Welt, und das äußere Leiden, das wir erzeugen, ist nur ein Spiegel des inneren Leidens, das fortgesetzt und ohne Unterlass in den Eingeweiden unseres Geistes wütet und Frieden und Selbstsicherheit verzehrt. Wir haben seltsame Überzeugungen, die keinerlei funktionale Gründe haben und mehr zu unserer Qual denn zu unserer Genesung beitragen. Wir nennen diese unsere Überzeugungen, unseren Glauben, unsere Ziele, unser Selbst. Schemata sind sie, und nichts als Schemen in unserer geistigen Welt. Wir lassen zu, dass sie von uns, von unserem Geist Besitz ergreifen, und tragen sie aus der Welt des Alles-und-Nichts, die in unseren Köpfen ist und für uns zu beiden Teilen alles und doch wiederum nichts bedeutet, hinaus in die Welt der vorgeblich objektiven Sachverhalte, die äußere Welt der Abhängigkeiten. Sie gedeihen nur aus uns selbst, und können nur mit uns gemeinsam gedeihen. Wir sind nicht die Opfer, wir sind die Träger und der Brutgrund der Krankheit, die aus unserem Bewusstsein kommt und die Welt infiziert hat. Alle sind wir infiziert, vom ersten bis zum letzten Mann. Alles, was auf dieser Erde lebt und der glorreichen Rasse des Homo Sapiens angehört, trägt den Keim in sich, der letztlich die Vernichtung des „denkenden“ Menschen bedeutet. Die Krankheit sitzt schon in unserem Namen: „Sapiens“. Es ist die Frage, was das Denken des Menschen wert ist.

Wir können das Denken als Werkzeug nutzen. Wenn wir das Denken freilassen, werden wir zu seinem Werkzeug - und dies ist bereits geschehen. Der Geist ist in die Flasche zurückzuzwingen ist allerdings möglich. Zuerst müssen wir unsere eigene Funktion als Werkzeuge deutlich erkennen.
Das Problem ist: Täter und Opfer, Ausführender und Werkzeug sind in diesem Fall identisch. Sie sind so eng miteinander verwachsen, so sehr Ausprägungen desselben Grundes, dass wir die Schuld nicht von uns weisen können. Solange wir in Begriffen von „Schuld“ und „Unschuld“ denken, kann die Befreiung nicht gelingen.
Was ist die Befreiung?
Die Befreiung ist das Erkennen der Schemata, die im eigenen Geist wurzeln.
Wir können in diesem Erkennen immer tiefer und tiefer steigen, wie auf einer Wendeltreppe in einem alten Brunnenschacht. Wir steigen hinab, und die Gesteinsschichten verändern sich, die Fossilien sind verschieden, das Licht wird immer knapper.
In den tiefsten Schichten des Schachtes, dort, wo noch nie das Licht des Geistes hingefallen ist, werden wir, schon fast am Grunde angelangt, die tiefste aller Täuschungen und das mächtigste aller Schemata erkennen: uns selbst.
Ich weiß, dass der Brunnen nicht unendlich tief ist. Es gibt einen Urgrund, einen tiefsten Grund, auf dem wir letztendlich anlangen werden.
Dies ist die Täuschung unserer eigenen Identität.

Die Daten stimmen, aber unsere Schlüsse sind eingeschränkt und oftmals falsch. Wir gehen von den Äußerlichkeiten aus, nicht vom Inneren. Das Denken entzieht sich seiner selbst.
Am Grunde dieser Täuschung angelangt, wenn wir es schaffen, Licht auch noch in dieses Dunkel zu bringen, wird ein ganz anderes Licht zu leuchten beginnen, und eine andere Art von Erkenntnis wird sich endgültig Bahn brechen. Sie wuchs schon während unseres Abstiegs in die Tiefen des Geistes immer mehr an, um zu einem letzten Kräftemessen mit dem Glauben des Ich bereit zu sein.
All dies ist jedoch kein Kampf, wie wir letztendlich und unweigerlich werden einsehen müssen. Es wird der schwerste aller Kämpfe sein, solange wir ihn kämpfen. Selten wird es eine Pause des Kampfgetümmels geben, und nie werden wir uns wirklich sicher fühlen können. Wenn wir ihn jedoch zu Ende geführt haben, wird das Erkennen machtvoll und unwiderstehlich über uns kommen: dass wir keinen Kampf kämpften und niemals einen Kampf zu kämpfen hatten. Die Entwicklung wird zwangsläufig gewesen sein, und was es war, war eine Befreiung des Geistes, ja eine Befreiung des „Selbst“.
Das Abfallen der Grenzen ist die letzte Befreiung.

Diesen Inhalt könnte die Geschichte haben, die Geschichte aller Menschen: Steige hinab in deine eigenen Tiefen, erkenne dein eigenes Handeln. Erkenne dich selbst, und sieh, dass du bist wie sie.

Labels:

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Satori

Ich fragte mich, welche Bedeutung die verschiedenen Darstellungsweisen der „Erleuchtung“ wohl besaßen. Und hatte auch noch eine weitere Definition zu klären: nämlich was die „Erleuchtung“ eigentlich war, als subjektiv erlebbarer Zustand.

Was bedeutet „erleuchtet sein“?
Zuerst einmal hat es für die meisten Menschen eine wertende Komponente: Jener, der erleuchtet ist, ist besser als jener, der es nicht ist. Der Erleuchtete ist ein besserer, wertvollerer Mensch als der Nicht-Erleuchtete.
Das ist natürlich Unsinn. Solange der Nicht-Erleuchtete sich nach der Erleuchtung sehnt, solange mag er solchen Ansichten und Überzeugungen nachhängen. Sein Sehnen nach der Erleuchtung stammt nicht aus dem Wissen- und Verstehen-Wollen, sondern aus der ganz egoistischen Sehnsucht nach Erhöhung der eigenen Größe. „Wenn ich erst erleuchtet bin, werde ich viel weiser sein, und alle anderen werden zu mir aufblicken und mich um Rat fragen“, denkt er bei sich, und vielleicht ist es sogar tatsächlich diese Motivation, die ihn auf die ersten Schritte des langen Weges (Tao) schickt.
Was bedeutet nun das Wort „erleuchten“? Nun, prosaischer ausgedrückt heißt es „das Licht anmachen“. Es ist nicht einmal ein besonderes Ausleuchten, ein übertriebenes In-Die-Ecken-Leuchten, sondern ein ganz allgemeines Erhellen. Zünde die Lampe an und hänge sie an den Querbalken des Geistesraumes.
Erleuchten bedeutet: Licht in ein Dunkel bringen.
Erleuchtet sein bedeutet: Licht in das eigene, innere Dunkel der Seele und des Verstandes zu bringen.
Der Erleuchtete ist nicht besser: er weiß nur ein wenig besser über sich selbst und das eigene Funktionieren Bescheid, und dadurch mag er ein wenig mehr über jeden anderen Menschen auch und den „Menschen an sich“ (hier viel besser noch: IN sich) wissen als jener, der in sich noch ein Mehr an Dunkel trägt, weil er in seinem Geist noch im Dunklen tappt.
Das ist fast wörtlich zu verstehen: Was den „erleuchteten“ vom unerleuchteten Geist unterscheidet, ist das Gewahrsein der eigenen, innersten Vorgänge und Abläufe, und das damit einhergehende und resultierende Überwinden dieser Abläufe. Der erleuchtete Geist ist sich selbst klar. Der unerleuchtete Geist ist ein ständiges Opfer seiner selbst, seiner Ängste, Befürchtungen, Wünsche, Träume und Begierden. Er mag Angst haben, große Angst, und gleichzeitig keine Ahnung haben, warum er diese Angst hat. Er wird nicht in sich dringen, in dem Versuch, hinter die Angst und ihre ursächliche Motivation zu schauen, sondern aus Angst vor der Angst die Angst still ertragen (und allzu oft überhaupt nicht still, sondern von starker Agitation und Ablenkung getragen), so unerträglich sie ihm ist. Auch dem Erleuchteten sind die alten Ängste (und neuen) unerträglich, doch er blickt hinter sie. Er wird erkennen, dass es keine Angst geben muss. Angst ist nicht vom Schicksal bestimmt: Wir erzeugen sie selbst.

Das Untersuchen und Verstehen seiner selbst ist unabdingbar. Angst kann aus der Machtlosigkeit des Kindes resultieren, aus den gemachten Erfahrungen, aus Zurückweisungen und Zumutungen vergangener Szenen. Man ist jedoch in jedem Augenblick niemals mehr der Mensch, der man damals war, sondern ist immer ein anderer, der „jetzige“ Mensch. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht, nur unsere Meinungen von ihnen. Als solche wurzeln sie in uns selbst, in unserem Geist, und als Erscheinungen unserer selbst quälen sie uns – quälen WIR uns. Niemand macht das freiwillig! Wer erkennt, dass die Angst einzig und allein in ihm selbst gründet, der hört auf, ängstlich zu sein. Jedoch ist die Kenntnis des Selbst und seiner Vorgänge und Abläufe so begrenzt und unvollständig, dass man sich kontinuierlich als Opfer des eigenen Geistes erfährt.
Wir sind keine Opfer.
Erleuchtung bedeutet: ein Licht anzünden, und die Gefahren, die aus dem Dunkel kommen, entpuppen sich als selbst fantasierte Schemen, ähnlich dem Traum.

Wie wird die Erleuchtung nun dargestellt? Bildhaft-symbolisch oder unmittelbar. Das Bildhaft-Symbolische mag jenem als Illustration dienen, der am Anfang oder gar noch vor Beginn der Reise steht. Die unmittelbare Erfahrung weicht von diesen Bildern jedoch immer ab, denn es sind die Bilder eines anderen, die aus den Urgründen einer anderen Person, einer anderen Seele stammen. Was dem einen eine Wahrheit, mag dem anderen unverständliches Gauklertum sein.
Nutze die Bilder als Hinweise, nicht als Wahrheit. Halte keine Allegorie für unfehlbar, sondern halte dich an deine eigene, EHRLICHE (vor allem dir selbst gegenüber ehrliche!) Erfahrung.
Die Wahrhaftigkeit der Erleuchtung erkennt man nicht an dem, was sie vorgeblich sein soll, sondern an dem, was sie an Handeln zeitigt.
Spricht zu dir einer von einer Erleuchtung in Elefantengestalt, so sei es, was kümmert dich die subjektive Wahrhaftigkeit seiner ureigensten Bilder für ihn selbst. Handelt er aber aus Egoismus und Selbstsucht heraus, aus der Gier nach Macht, Geld, Befriedigung etc., dann zeigt er dir selbst, was seine vorgebliche Erleuchtung und Selbst-Verstehen wert ist. Die allermeisten sogenannten Gurus fallen in diese Kategorie.

Die Erleuchtung geschieht schrittweise: Das intellektuelle Verstehen geschieht immer zuerst. Es ist nur der erste und der leichteste aller Schritte, auch wenn die meisten schon hieran scheitern. Denn die intellektuelle Erkenntnis für sich allein ist nichts, sie bleibt vollkommen wertlos, wenn sie nicht in den zweiten Schritt übergeht: das subjektive Fühlen.
Das klar umgrenzte, objektivierbare, übermittelbare Wissen wird zu einem Teil deines Fühlens und Handelns. Es wird zu einem intuitiven Bestandteil deiner selbst. Es wird von Worten und Bedeutungen zu Wortlosem, Undeutbarem. Durch Rede ist es nicht mehr sagbar, durch Bilder nicht mehr anschaulich. Es zeigt sich allein UNMITTELBAR (denn Worte und Bilder sind Mittel, mittelbar zeigen sie das, was einmal persönliche Erfahrung war) aus deinem Handeln und Reden selbst.

Labels:

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Samstag, November 15, 2008

Fern wie die Zeit (XV)

Ich verharrte regungslos wie ein Tonfigürchen. Es führte kein anderer Weg hier weg, und wenn ich mich durch das Gebüsch davonmachen wollte, konnte ich mir genausogut gleich eine Zielscheibe umhängen, ein Pappgeweih aufsetzen und laut blöken. Soll heißen, auffälliger ging es nicht. Da war ich besser dran mit dem Verharren.
Der Mann verharrte auch. Er schien etwas gehört zu haben. Vermutlich mich. Er war jetzt noch etwa fünfzehn Meter von mir entfernt. Seine Augen suchten das Gebüsch ab. Er fummelte nach etwas in seiner linken Hosentasche.
Links von mir lag ein langer, abgestorbener Ast, halb auf der Erde. Ich griff danach und brachte ihn in Anschlag, als hätte ich selber ein Gewehr in der Hand.
„Die Waffe weg, oder ich pust dich weg!“
Der Mann stand einen Moment stocksteif und entwickelte dann hektische Aktivität.
„Verdammt, tu’s Gewehr weg, oder ich knalle los!“, schrie ich nochmal.
Der Mann hatte das schwere Ding fallengelassen und sein Gewehr aufgeklappt. Es musste eine Flinte für Schrotmunition sein. Und offenbar hatte er sie noch gar nicht geladen.
Wie ein Pfeil schoss ich los aus meinem Gebüsch, elegant wie ein Panther und laut wie eine Herde Elefanten. Dabei brüllte ich wie ein verwundeter Stier. Der Mann sah auf, und in seinen Augen glänzte sowas wie Angst oder Panik oder beides. Er wollte die Flinte heben, um sich zu verteidigen, aber da war ich schon nah genug heran und hieb ihm meinen Stock einmal quer über die rechte Schulter. Er stieß einen Laut aus und krümmte sich. Ich war noch näher heran und steckte ihm meine Faust zwischen die Zähne. Das tat meiner Faust nicht besonders gut. Er allerdings ging ächzend zu Boden.
Ich suchte mir in aller Eile seine Kanone und die beiden Schrotkartuschen zusammen, die er hatte hineinfrickeln wollen, bevor ich ihn schlafen geschickt hatte. Mit der geladenen Waffe setzte ich mich erstmal hin. Das schwere Ding war ein Fässchen. Ich warf einen Blick darauf. Es war eine neue Ration Bourbon für den Herrn der Hütte. Großartig.
Der Typ stöhnte jetzt leise. Ich holte die Taschenlampe raus und leuchtete ihm ins Gesicht. Es war der Typ von der Seestern, Zottelhaar, schwere Stiefel. Heute Nacht war er als Waldläufer unterwegs. Ich fühlte mal ein bisschen in seinen Taschen. In der linken nochmal zwei Schrotpatronen, die ich an mich nahm. In der rechten ein Schlüssel. Er passte perfekt in das Schloss an der Hüttentür.

Ich zündete die Petroleumlampe an. Dann schleppte ich Zottelhaar in die Hütte und setzte ihn auf einen Stuhl am Tisch. Ich fand einen Blechnapf und zwei Tassen. Den Napf füllte ich mit Wasser aus einem der Fässchen; die Tassen mit Bourbon aus der frischen Portion, die er netterweise mitgebracht hatte. Ich stellte die beiden Tassen auf den Tisch, eine vor ihn und eine vor mich. Dann stellte ich sicher, dass er gut saß, und kippte ihm den Wassernapf ins Gesicht.
Er prustete ein bisschen, rührte sich aber noch nicht groß. Ich hatte ihn gut narkotisiert. Wahrscheinlich konnte man bei der Gelegenheit auch gleich seinen Blinddarm rausholen, wenn man gewollt hätte. Ich flößte ihm lieber ein bisschen Whiskey ein. Das brachte ihn nochmal zum Prusten, und er spuckte den größten Teil auf die Tischplatte. Aber es machte ihn wieder fit. Er kriegte die Augen wieder auf.
Sein Blick fiel auf mich. Dann fiel er auf seine Flinte, die in meinem Schoß ruhte, auffällig unauffällig in seine ungefähre Richtung zeigend. Er fühlte nach seiner linken Tasche. Dass nichts mehr darin war, sagte ihm genug.
„Ziemlich schlechte Chancen, über den Tisch zu kommen, bevor ich den Abzug gezogen hab. Hab ich aber auch gar nich vor – bisher.“
Er schluckte ein bisschen. Das war gut. Solange ich ein bisschen gefährlich erschien, war das für uns beide sicherer. Zottelhaar griff sich an die rechte Schulter und verzog das Gesicht. Dann tastete er nach seinem Gesicht und stöhnte ein bisschen.
Ich schob ihm seinen Schnaps hin:
„Hier, desinfiziern sie sich ’n bisschen.“
Er nahm einen Schluck und stöhnte nochmal. Es musste ihm ziemlich wehtun, denn er nahm sofort noch einen zweiten.
„Was machen sie hier?“, fragte ich ihn.
„Was geht’n sie das an?“
Ich klopfte mit dem Flintenlauf auf die Tischplatte.
„Ich hab hier’n Fässchen Schnaps hergebracht. Sehn sie doch! Is das’n Grund, über mich herzufallen wie’n Wilder? Was machen sie hier eigentlich?“
Der Schnaps taute ihn auf. Er fasste Mut und wurde frech. Gar nicht übel in seiner Situation. Ich nahm ihm die Tasse wieder weg und trank sie selbst. Ein betrunkener, wagemutiger Heißsporn war das letzte, was ich jetzt brauchen konnte.
„Ich muss auf Nummer sicher gehen. Heut wollt mich schonmal einer hier im Wald umlegen, da bin ich lieber vorsichtig. Was spaziern sie hier mit der Flinte rum um die Uhrzeit?“
Zottelhaar sah mich mit bösen Augen an. Es schien, als versuchte er, mich einzuordnen. Offenbar gelang es ihm. Seine Gesichtszüge verschlossen sich. Man konnte ihm dabei zuschauen wie einem mechanischen Spielzeug, sogar im dürren Flackerlicht des Petroleums.
„Wer wohnt hier in der Hütte?“
„Ich“, behauptete er kurz und knapp. Trotz war um seine Mundwinkel.
„Quatsch“, sagte ich. „Sie wohnen im Dorf. Sie haben da ein Schiffchen, die Seestern, und gondeln hier in der Gegend rum und bringen Zeugs hier raus. Ich tippe mal, sie fahrn die Steilküste ab bis zu einer Stelle, an der man landen kann, und dann schleppen sie den ganzen Krempel hierher.“
Ich blickte einmal in der Hütte umher und nickte ihm zu.
„Glückwunsch, da haben sie ja einiges hergeschafft. Sie haben sicher Muskeln wie’n Stier. Aber ich hab ihre Flinte hier, und deswegen rat ich ihnen, tischen sie mir keinen Mist auf, sondern reden sie mal Tacheles, mein Lieber.“
Er spielte mir wieder die Trotz-Nummer. Am Dorftheater war das sicher immer ein großer Erfolg. Bei mir hier nicht.
„Ich helf ihnen mal’n bisschen auf die Sprünge“, bot ich ihm an.
„Hier wohnt ein Kerl namens Henrie, Frances Henrie.“ Ich musste erst eine Sekunde überlegen, bis mir der Name einfiel. Mein Gegenüber schluckte schon wieder, aber nicht am Whiskey diesmal.
„Er war ne Zeit lang weg, in der großen, fernen Stadt“, fuhr ich fort. „Jetzt ist er seit nem halben Jahr wieder da und malt hier’n bisschen, so wie’s aussieht. Er hilft Tuft mit seiner Galerie“, schoss ich ins Blaue. Vielleicht traf ich ja was.
„Leider hat er in der Stadt was angestellt. Deshalb bin ich jetzt hier. Und ich würd gern mal mit ihm reden. Wo ist er also jetzt?“
Zottelhaar schwieg erstmal und verdaute. Er versuchte, seinen Trotz wieder aufzubauen. Davon hatte ich langsam die Nase voll. Ich trank meine eigene Whiskytasse mit einem Schluck leer, stand kurzentschlossen auf und nahm die Flinte her. Ich richtete sie auf ihn und zeigte meinen irrsten Blick und mein unzurechnungsfähigstes Grinsen. Der Whiskey half mir dabei. Den Sicherungsbügel verdeckte ich mit der Abzugshand. Er musste ja nicht wissen, dass die Waffe noch immer gesichert war.
„Jetz mal raus mit deinem Teil der Konversation, Jungchen“, grinste ich ihm zu.
Ich ließ ihn in den Lauf der Waffe starren. Es gibt kein unangenehmeres Gefühl auf Erden als dieses. Ich wusste es, denn ich hatte es erlebt. Du blickst in diesen Lauf, und es ist, als würdest du in einen unendlich langen, schwarzen Tunnel schauen, der sich vor dir dehnt in die Unendlichkeit, und dabei ist der Tunnel ganz kurz, und was du an seinem Ende sehen kannst, das ist das Ende deines Lebens, und es ist verdammt nahe, näher, als man es je schauen müssen sollte. Eine Fingerkrümmung nah. Vorausgesetzt, die Kanone ist geladen.
Sein Blick war fixiert wie bei einem Kaninchen, und er begann zu schielen. Ich hielt die Kanone weiter auf ihn gerichtet. Wieder ein Schlucken. Schweiß auf seiner Stirn. Das dauerte einen langen Moment, dann sackte er einfach zusammen. Seine Augen verdrehten sich, sein Blick wurde leer, der Schweiß brach ihm richtig aus, und er stöhnte und ging in einer fließenden Bewegung zu Boden, wobei er an den Tisch stieß und den Stuhl umwarf. Ich hatte es offenbar ein bisschen übertrieben. Er war nicht so hart im Nehmen, wie er mir erschienen war. Aber wer war das schon.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Weise Worte weiser Männer

"Du brauchst viel Zeit, um ein Genie zu sein.
Du musst immer so viel dasitzen und Nichts tun,
wirklich Nichts tun."

[Ernest Hemingway]

Um zu schreiben brauchte man die leere Zeit. Ich wusste jetzt, was Hemingway gemeint hatte. Man musste wirklich immer so viel dasitzen und nichts tun, wirklich nichts tun. Es war notwendig, um die Energie anzusammeln, die man brauchte, um aus dem Nichts kommend die Seiten mit einer Geschichte zu füllen. In der „leeren“ Zeit formte sich das, was schließlich Gestalt gewinnen sollte. Ohne diese Zeit war da schlicht und ergreifend nichts, was kommen konnte, da kein Samen gelegt worden war. So war es. Und ich hatte leider ein wenig zu wenig leere Zeit gehabt in den letzten Tagen.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Sonntag, November 09, 2008

Fern wie die Zeit (XIV)

Mein erster Blick erfasste eine ziemliche Unordnung: ein einzelner großer Raum im Lichtkegel, mit einem ungeschlachten Tisch in der Mitte und zwei Stühlen, einem grob gezimmerten, schmalen Bett an einer Wand und einem schlichten Ofen an der anderen. Eine ruhende Petroleumlampe hing über all dem. Kreuz und quer lagen Gegenstände und Kisten herum, auch eine einfache, offenbar selbstgebaute Staffelei. An einer Wand lehnte eine unbemalte Leinwand. Mein zweiter Blick sagte mir, dass tatsächlich niemand hier war, nicht im Bett, nicht unter dem Tisch, und nicht hinter den Kisten und Fässchen. Andere Verstecke gab es nicht. Mein dritter Blick sagte mir, dass mir die Kisten und Fässchen hier drin bekannt vorkamen.

Es waren die Kisten und Fässchen, die ich gestern Nacht an Bord der Seestern gesehen hatte. Die Größe und ungefähre Menge passte. Ich hob eine Kiste hoch: auch das Gewicht kam hin, danach zu urteilen, wie sich der Typ am Kai mit den damit angestellt hatte. Diese hier wog gut und gerne ihre dreißig Kilo plus Zugabe. Das passte zu den Spuren, die ich am Weg gesehen hatte.
Einige der Kisten waren offen, und ich lugte hinein. Nichts Besonderes in der ersten, Vorräte, wie es aussah, Zwieback und Brot und luftgetrocknete Wurst und Hartkäse und auch Kaffee. In der zweiten Kiste stieß ich auf Malutensilien – Farbe in Tuben, Graphitstifte und solches Zeug, dazu Pinsel und eine Flasche Terpentin. Auch die dritte Kiste enthielt Zeugs für die Malerei, in diesem Fall eine Anzahl kleinerer Leinwände, ordentlich auf Holzrahmen gezogen. Es war ein verdammter Jahresvorrat für einen produktiven Künstler, was hier herumstand. Nur der Künstler dazu fehlte.
Ich sah mich weiter um. Die Fässchen enthielten Trinkwasser, das hier draußen im Wald wahrscheinlich nicht überall zu finden war. Eines enthielt Rotwein, und das letzte tatsächlich eine Ration Bourbon, jedenfalls nach dem, was auf dem Fässchen stand. Leider war es schon leer. Wer hier hauste, hatte einen kräftigen Zug. Auf dem Tisch lag eine Kladde, mit einem dunklen Wachstuchbezug. Sie erinnerte mich an das Büchlein, das ich bei Tuft gesehen hatte, nur war sie deutlich größer. Ich sah hinein. Eine Loseblattsammlung mit einer Anzahl Zeichnungen, gar nicht einmal schlechte, die meisten mit Bleistift oder Graphit ausgeführt, ein paar wenige Aquarell, zart wie Gänsedaunen. So sah es im Funzellicht der Taschenlampe jedenfalls aus. Ich blätterte sie langsam durch. Die meisten zeigten Landschaften oder Häuser oder beides, oder das Meer. Andere zeigten Menschen, Portraits, leidlich ausgeführt. Sie erinnerten mich an das Bild von Hendrichs, das ich in meinem Zimmer hatte. Keine der Personen hatte seine Augen, aber die Bilder waren ähnlich ausgeführt, von einem naiven Charme, und es war, als fingen sie die Essenz des Dargestellten ein, der Menschen, der Orte, die unter der mittelmäßigen Oberfläche waberten. Plötzlich lockerte sich das Brett vor meinem Kopf, und ich begriff: die Zeichnung von Hendrichs, die ich bekommen hatte, war ein verdammtes Selbstportrait. Jedenfalls war sie vom gleichen Mann, der diese hier gezeichnet hatte.
Die Spur wurde so heiß, dass man sich die Finger verbrennen konnte. Ich steckte die Zeichnungen kurzerhand ein, ohne viel nachzudenken, und legte stattdessen blankes Papier aus einer der Kisten in die Kladde. Ich blickte noch einmal in die Runde. Nichts hier verriet meinen Besuch, jedenfalls nicht auf Anhieb. Ich trat hinaus, schloss die Tür hinter mir und machte mich daran, Riegel und Schrauben wieder an ihren angestammten Ort zu montieren. Die Schritte, die in meine Richtung kamen, hörte ich, als ich gerade damit fertig war.
Ich drückte mich in die Büsche und lauschte. Die Schritte kamen näher auf dem Pfad. Es waren schwere, gleichmäßige Schritte. Eine Silhouette erschien im fahlen Mondlicht, das durch die Äste der Bäume drang. Es war ein Mann. Unter dem einen Arm trug er etwas Schweres, und unter dem anderen ein Gewehr.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Freitag, November 07, 2008

Fern wie die Zeit (XIII)

Ich machte einen großen Bogen um Tufts Haus. Es lag dunkel auf den Klippen, nur in einem kleinen Fenster in der oberen Etage brannte ein unstetes Licht, wie von einer flackernden Kerze. Aber ich wollte sichergehen, dass ich nicht gesehen wurde. Speziell Tuft musste nicht unbedingt wissen, wohin ich in dieser Nacht unterwegs war. Der Mond war herausgekommen mittlerweile, und tauchte die Landschaft und das bleiern daliegende, blinde Meer in silbriges Licht. Ein paar letzte Fischerboote kehrten von ihrer langen Tagesfahrt wieder, es waren Schatten da draußen auf dem Wasser.
Die Klippen hinab benutzte ich meine Taschenlampe. Ich trat in den Hohlweg, und dann dauerte es nicht mehr lange bis zur ersten Abzweigung vom Hauptpfad. Diese Strecke ging ich wieder im Dunkeln. Sicher war sicher.

Ich hatte eine ungefähre Ahnung, an welcher Stelle ich beschossen worden war. In der beinahe Grabesschwärze hier unter den Bäumen konnte man es schlecht sagen. Zum Teufel, was sollte es. Ich schaltete die Taschenlampe wieder ein. Kein Schuss peitschte durch die Nacht, und nichts regte sich, außer einem kleinen Tier, das erschreckt durchs Unterholz davonraschelte.
Mit ein bisschen Suchen fand ich die abgeknickten Äste wieder, und schließlich auch die Stelle, an der ich zu Boden gegangen war. Die Erde war hier besonders zerwühlt. Leichtfüßig war ich nur auf denselben, auf meinen Knien nicht. Auch das Einschussloch im Baum war schnell gefunden. Ich musste nur in Augenhöhe suchen. Mit dem Taschenmesser puhlte ich eine Weile darin herum, und hatte schließlich ein verformtes Stück Blei in der Hand. Ich würde es mir später in Ruhe anschauen.
Ich ging eine Strecke ins Unterholz, in die ungefähre Richtung, aus der, wie ich annahm, die Kugel gekommen sein musste. Die Richtung war zu ungefähr. Ich fand nichts, Taschenlampe hin oder her. In diesem Dickicht hätte ich einen Meter an der richtigen Stelle vorbeigehen können und hätte es trotzdem nicht gemerkt. Ich fand schon kaum mehr zurück zum Weg. Also ging ich weiter zu der Hütte, die am Ende des Pfades lag. Nummer fünfundzwanzig.

Die Hütte war ein dunkler Kasten am Ende des Pfades. Im Schatten der Dunkelheit unterschied sie sich durch nichts von all den anderen Hütten, denen ich heute meine Aufwartung gemacht hatte. Viereckig und einfach, vermutlich mit einem großen Raum, und einem Ofenrohr, das aus dem groben Dach ragte. Aber an der Tür hing nur ein einzelnes, frisch geöltes Schloss, und die Läden waren zwar vor die Fenster geklappt, aber nicht verriegelt. Hinter ihnen war kein Licht. Ich zog mich von der Hütte zurück und schlich hinter einen Busch, wo ich ein paar Steinchen vom Boden nahm und gegen die Fensterscheiben warf. Ich hielt die Luft an und verharrte. Nichts regte sich drinnen. Ich nahm einen etwas größeren Kiesel und warf den ebenfalls. Noch immer nichts. Dann ging ich zur Tür und klopfte. Totenstille im Wald, und genauso im Inneren der Hütte.
Ich besah mir das Schloss. Eine einfache Arbeit, aber doch so, dass ich meine Dietriche gebraucht hätte, um es aufzubekommen. Ich frickelte ein bisschen mit den verschiedenen Klingen meines Taschenmesser daran herum, aber es regte sich nicht viel. Ich dachte an die Fenster, aber eine Scheibe einzuschmeißen hätte wahrscheinlich nur einen unangenehmen Hinweis auf mich gegeben. Schließlich klappte ich den Schraubenzieher heraus und machte mich an die mühsame Arbeit, den Außenriegel, an dem das Schloss hing, im Dunkeln aus der Bretterwand zu schrauben. Ab und an hielt ich inne und lauschte, aber die Hütte war offensichtlich leer, und wer immer dem Anschein nach noch vor kurzem darin gewesen war, war jetzt gerade jedenfalls woanders.
Mit einem leisen Knirschen kam die letzte der acht Schrauben aus dem Holz, und ich fing den Riegel, bevor er zu Boden klirren konnte. Ich legte den ganzen Mist zur Seite, trat auf meinen Katzenpfoten näher und öffnete langsam die Tür.
Drinnen war es genauso dunkel wie draußen. Kein Geräusch, und keine heimlichen Bewegung. Ich trat unauffällig ein, schloss die Tür und lauschte nochmal. Dann schaltete ich die Taschenlampe ein.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Donnerstag, November 06, 2008

Fern wie die Zeit (XII)

Wir gingen ein paar Meter in Richtung des Hafens und setzten uns schließlich an die Kaimauer. Es begann dunkel zu werden. Ich holte den Bourbon raus und bot die Flasche Peter an. Er nahm die Flüssigkeit in sich auf wie ein Schwamm. Dann wollte er ihn mir zurückreichen, aber ich lehnte ab. Ich brauchte später noch einen klaren Kopf.
„Ich hatte schon genug heute, in jeder Hinsicht. Ist ein seltsames kleines Dorf, dass sie hier haben.“
Er blickte mich kurz an und ließ sich nicht lange bitten.
„Naja, es is halt ein Dorf, nicht wahr? Jeder weiß von jedem, und doch weiß man von keinem so richtig, wenn sie verstehn.“
„Und vor allem weiß keiner was. Wie steh’n sie denn zu Jenkins? Er hat sie’n bisschen scheel angeschaut grad da drin.“
„Ach, ich vertrag ne Menge, aber wenn ich dann genug intus hab, dann vergess ich manchmal, wie groß ich bin. Er hat immer’n Auge auf mich, wenn ich bei ihm bin. Hab ihm schonmal ein bisschen ein paar Tische kaputtgehaun.“ Das letzte mit einem schuljungenhaften Augenaufschlag. Ich hätte schwören können, dass er errötete.
„Aber keine Angst nich, ich vergreif mich an keinem, auch wenn ich betrunken bin.“ Sprach’s und nahm einen weiteren Zug. Wenn das so weiterging, reichte die Flasche keine zehn Minuten mehr.
„Oft Besucher hier?“
„Früher gab’s mehr von. ’S kommen nich mehr so viele. Eigentlich kaum noch einer. Naja, dem Dorf tut’s nich weh. Fanny hat noch ihre Pension mit’n paar Zimmern, aber wir andern gehen eben wieder fischen oder Holz fällen und so. Der Wald und das Meer geben genug her. Wir vermissen nix.“
Er nuckelte ein bisschen vor sich hin und blickte raus auf den Wasserspiegel. Ich blickte auch. Ein wunderbarer Sonnenuntergang brach da gerade über der Horizontline aus.
„’S ändert sich alles mit den Zeiten, wissen sie. Mal is unser Dorf groß auf der Landkarte, mal ist’s ein bisschen kleiner. Vielleicht ist es auch irgendwann gar nich mehr drauf. Das kümmert uns nich, verstehn sie? Wir leben hier unsre Leben, und das Dorf lebt sein Leben. So war’s immer, und so wird’s wahrscheinlich immer sein, oder?“
„Wenn ich sie so hör, dann hat’s hier in der letzten Zeit wohl wenig Besucher von außerhalb gehabt, was?“
„Sie sind der erste, an den ich mich erinnern kann, wenn ich ehrlich bin. Ich hab schon lang keine mehr gesehn. Ich bin aber auch oft im Wald, und dann länger weg, verstehn sie?“
„Einen Mann namens Hendrichs kennen sie dann wohl nicht?“, fragte ich mit wenig Hoffnung.
„Hendrichs? Sagt mir erstmal nix, der Name.“
„Frank Hendrichs heißt er. Einen Frank vielleicht?“
„Warum fragen sie? Einer hier aus’m Dorf?“
„Nee, ein Besucher.“ Ich fragte mich, ob ich meine Freundes-Geschichte wieder auftischen sollte, aber stattdessen entschied ich mich diesmal wieder für die Augen-Taktik. Zu blöd, dass ich die Zeichnung nicht eingesteckt hatte.
„Er hat Augen wie Tuft. Ist aber einiges jünger. Bisschen wirres Haar und’n Schnurrbart. Sie kennen doch Tuft, oder?“
„Klar kenn ich Tuft. Und ich glaub ich weiß, an wen sie denken. ’S kann eigentlich nur Frances sein. Woher kennen sie den denn?“
Ich musste erstmal schlucken. Dann langte ich doch noch nach der Flasche, aber die stellte sich inzwischen als leer heraus.

„Dieser Frances, wie heißt er denn weiter?“
„Henrie heißt er. Enroe Henrie war sein Vater. Was woll’n sie denn von ihm?“
„Was macht er so?“
Er blieb stumm und sah mich einfach nur an. Mit sturem Weiterbohren kam ich erstmal nicht weiter. Er hatte mir eine Menge erzählt. Ich musste ihm auch mal was bieten.
„Ich such nen alten Freund von mir.“ Doch wieder die gleiche Leier, aber warum auch nicht. „Hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Frank Hendrichs heißt er. Ich habe gehört, dass er hierher gekommen sei und hab gedacht, ich seh mich mal nach ihm um.“
„Wann soll’n das gewesen sein, dass er hierherkam?“
„Muss wohl nen Monat her sein, dass ich davon gehört habe. Jetzt hab ich gerade Urlaub und wollt mal nach ihm sehen. Er sieht so aus, wie ich’s ihnen beschrieben habe. Aber sie meinen, das klänge nach Frances Henrie?“
„Und der is schon’n bisschen länger hier als nur nen Monat. Würd ihnen ja gern weiterhelfen, aber ich glaub ’s passt nicht wirklich. Frances is schon’n gutes halbes Jahr hier. Und er is ja auch eigentlich kein Besucher. Er is von hier, war nur lange weg. Er is Zeichner, wissen sie?“
Ich nickte.
„Er war in der Stadt. Hat wohl Erfolg gehabt, so wie’s aussieht. Dann is er wiedergekommen. Er hilft Tuft, das Dorf zu zeichnen.“
„Klingt wohl nicht wie mein Freund. Aber danke für’s Erzählen“, sagte ich mit gespielter Gleichmut. Aber innerlich feierte ich einen Kindergeburtstag.
Peter sah wieder aufs Meer. Die ersten Sterne zeigten sich im ermattenden Himmel. Ich sah auf die Uhr. Es wurde Zeit. Ich musste los.
„Peter, hat mich sehr gefreut. Ich denk, ich werd mich jetzt langsam mal aufs Ohr legen. War’n anstrengender Tag heut für mich, mit Kugelhagel und allem. Ich hoff wir sehen uns wieder.“
„Wird nich schwer sein hier im Dorf“, lächelte er. „Danke fürs Bier und fürn Schnaps. Hat nich ganz gereicht, aber ich bin wenigstens ’n bisschen angeheitert, wenn sie verstehn. Ich hoff ich hab sie nich gelangweilt. Ich rede immer’n bisschen viel.“
„Aber keine Spur. Machen sie’s gut.“
Ich stand auf und winkte ihm zu und machte, dass ich fortkam. Die Hand reichte ich ihm lieber nicht. Ich würde meine Hände heute noch brauchen.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Sonntag, November 02, 2008

Fern wie die Zeit (XI)

Ich hatte gerade gegessen. Deshalb bestellte ich nur ein Bier. Der Laden war mittelprächtig gefüllt, mit zwei Typen am Tresen, ein paar an den Tischchen entlang der Wände, und mir. Jenkins wuselte herum und brachte mir schließlich mein Bier.
„Und, wie gefällt ihnen der Wald?“, fragte er mich, „wie war ihr Ausflug?“
„Prächtig, auch wenn ein richtiges Schießwetter war heute.“
„Ein Scheißwetter?“
„Ja, ein Scheißwetter auch.“
Er zuckte mit keiner Wimper bei meinem Versprecher, aber war da nicht die äußerste Andeutung von Schweiß auf seiner Oberlippe? Ein winziges Stirnrunzeln auf seiner Stirn? Ein ganz klein wenig zuviel Unruhe in seinen Augen? Oder nur allzu viel überreizte Phantasie auf meiner Seite?
Ich holte nochmal Luft.
„Jenkins, es ist ein wunderbarer Wald, und eine wunderbare Gegend. Nur der Weg war mir zu weit. Auch ist es mir ein bisschen zu gefährlich da. Ich denke, der Wald und ich, wir sind miteinander fertig.“
Er nickte und ließ mich mit meinem Bier zurück.
„Ist eigentlich Jagdsaison gerade im Wald?“, rief ich ihm noch hinterher, aber er hörte es nicht oder wollte es nicht hören und verschwand in der Küche. Für den Moment müde ließ ich ihn ziehen und nahm erschöpft einen Schluck aus meinem Humpen. Aber jemand anders hatte es gehört. Ich spürte einen Blick auf mir und sah auf. Ein junger Kerl sah mich von der anderen Seite des Raums aus an. Er sah aus wie einer, der schon ein paar getrunken hatte und jetzt gerade erst so richtig auf den Geschmack zu kommen begann. Von seinen sich rötenden Backen und ein wenig zu großen Augen abgesehen sah er ganz nett und harmlos aus, wie einer, der das Trinken auch vertrug.
Er hatte meinen Blick gesehen. Jetzt stand er auf, um herüberzukommen. „Aufstehen“ war eigentlich das falsche Wort dafür: es war der fleischgewordene Ausdruck für das geflügelte Wort, dass der Berg zum Propheten kam. Er schälte sich in einer, ich kann es nicht anders sagen, riesenhaften Bewegung aus seiner Sitzecke, und als er stand war er an die zwei Meter groß. Seine Hände, die entspannt an seinen Seiten baumelten, entpuppten sich als groß wie Schnitzel, und sein Kopf wirkte jetzt ein bisschen zu klein für den mächtigen Körper. Als er an meinem Tisch anlangte, brauchte der Bretterboden nur ein paar Minuten, bis er aufgehört hatte zu beben. Aber da saß er schon auf dem Stuhl auf der anderen Tischseite mir gegenüber. Ich sah ihn an. Er blickte zurück. Dann nickte er mir zu. Schon wieder dieses verdammte Nicken!
„Es ist grad keine Jagdsaison im Wald.“ Er untermalte seine Äußerung mit einem gutmütigen Blitzen seiner blauen Augen. Seine Pupillen waren schon ein winziges bisschen geweitet.
„Es is überhaupt nie richtig Jagdsaison hier in diesem Wald. Mein Name is Peter.“ Er reichte mir eines der Schnitzel über die Tischplatte.
Ich griff zu, ohne nachzudenken, und wurde mit einem Händedruck belohnt, vor dem sich die Plattentektonik nicht zu verstecken brauchte. Die nächsten Minuten konnte ich zu meiner Erleichterung beobachten, wie die Knochen meiner Hand langsam wieder in ihre Ausgangslage zurückkehrten.
„Was sie nicht sagen, Peter. Wie ist das hier mit der Jagd?“
„Das Jagdrecht gehört hier einer einzelnen Person, oder besser, gehörte. ’S war der alte Friedensrichter. Er mochte’s nicht gern, wenn andere auf seinem Gebiet jagten. Er wohnte drüben in Bismarck, wo er auch begraben is. Er ist jetzt seit acht Jahren tot.“
Seine Zunge fuhr über die Lippen, wie um ausbrechende Trockenheit anzudeuten. Ich verstand den Wink und orderte mit einem Handzeichen ein Bier.
„Seine alte Witwe mag die Jagd nich. Deshalb jagt jetzt keiner mehr hier. Sie hat’s Jagdrecht behalten, aber nutzt es nich und gibt auch keine Genehmigungen“, fuhr er fort.
Jenkins stellte einen neuen Humpen neben Peter. Dabei sah er ihn für eine Sekunde schräg an. Große Freunde schienen sie nicht zu sein. Dann war er auch schon wieder weg, in der Sicherheit seines Tresens, von wo er ein Ohr spitzte, wenn mich nicht alles täuschte.
Als ich wieder zu Peter sah, hatte er sein Glas schon zur Hälfte geleert. Es sah aus wie ein Teetässchen in seiner Pranke. Es musste teuer für ihn sein, richtig betrunken zu werden.
Ich beeilte mich, ein wenig aufzuholen, während er weitersprach:
„Danke fürs Bier. Also, die Jagd, das kümmert mich nich. Ich bin Holzfäller, wissen sie. Je weniger Leute mit ner Flinte da draußen rumlaufen und denken, auf alles, was sich bewegt, ballern zu müssen, umso besser find ich. Ich mein, ’s is nich schwer, nen Burschen wie mich zu treffen, verstehn sie?“
Ich nickte kurz. Jenkins spielte noch immer Mäuschen. Er ging mir langsam auf den Wecker.
„He, Jenkins!“, rief ich durch den Raum. Er sah mürrisch auf. „Eine Suppe noch bitte, wenn’s nich zuviel verlangt ist!“
Er starrte mich kurz an.
„Die Küche ist schon kalt“, sagte er knapp. Das gefiel den beiden Typen am Tresen nicht. Sie schienen erst vor fünf Minuten bestellt zu haben und verwickelten Jenkins in eine Diskussion. Man konnte sehen, dass ihm das nicht gefiel, aber was wollte er machen.
Ich wandte mich wieder meinem Holzfäller zu, der sein Bier inzwischen ausgetrunken hatte.
„Was interessier’n sie sich eigentlich für die Jagd?“, fragte er. Ich konnte sehen, er frug nur so aus Neugier. Das hier war ein gutmütiger Mensch, wenn ich je einen getroffen hatte. Er hatte Arme wie Äste, Beine wie Baumstämme, einen kolossalen Körper und die Vertrauensseligkeit eines kleinen Hündchens. Wäre er nicht so groß gewesen, hätte man vermutlich den Impuls verspürt, ihn zu streicheln.
„Naja, heut im Wald hat einer rumgeschossen“, meinte ich, „und fast hätt er mich erwischt.“
Er sah mich an, und seine Augen wurden noch einen Tick größer. Dann verrutschten seine Mundwinkel, und er nickte grimmig.
„Wir ham ’n paar Wilderer hier im Dorf und der Umgebung. Eigentlich ne ganze Menge. Die Stadtheinis halten sich nich immer an Jagderlaubnisse und so Sachen. Wenn einer sich die Autos mal anschauen würde, mit denen die hier ankommen, würd er’n Berg Schießeisen finden. Aber wer soll das machen? Wir ham nur einen Sheriff, und der is für den ganzen Bezirk zuständig. Wir sind hier auf’m Land“, meinte er fast entschuldigend.
„Von den Städtern war’s keiner“, sagte ich. „Ich hab mir die Hütten hier heute angesehen, und sie waren alle still und leer und friedlich und kalt. Also war auch keiner da, der auf mich schießen konnte.“
Ich wusste selbst nicht, warum ich hier so frei von der Leber weg plapperte. Irgendwas hatte er an sich, das mich meine übliche Vorsicht und Verschlossenheit in den Wind schießen lies. Vielleicht die Ehrlichkeit, die aus seinen Augen sprach; vielleicht die Offenheit, die er mit jeder Pore seines kolossalen Körpers ausstrahlte. Empathisch war er auch noch: Jetzt gerade begann er, sich für mich zu ärgern.
„Mann, dass die nich kucken können, was sie da aufs Korn nehmen! Keiner weiß hier so richtig, wer wildert, verstehn sie. Aber viele ham ’n Gewehr im Keller oder aufm Boden stehen, und ab und zu holt einer seins halt raus und geht damit ne Weile spazieren.“
Ich nickte verständnisvoll. Der Junge erschien mir vielversprechend. Ich sah nach Jenkins. Er hatte sich schließlich doch in die Küche verzogen und war offenbar am Kochen. Keine Chance, dass er unseren Austausch mitgekriegt hatte. Die beiden Typen am Tresen äugten ab und an wachsam zur Küche hin, und beschäftigten sich ansonsten mit sich selbst, genau wie alle anderen hier.
„Was halten sie davon, wenn wir nochmal draußen was trinken?“, fragte ich Peter. „Ich hab noch ein bisschen von nem netten Fläschchen auf der hohen Kante.“
Er nickte zustimmend und leckte sich wieder die Lippen. Wir standen auf.
„Wissen sie, ’s is nich so einfach für nen Burschen wie mich, sich mal’n bisschen einen anzusäuseln. Vor allem is es nich billig.“
„Das macht doch nix. Kommen sie, Peter, wir säuseln uns ein bisschen einen an.“ Ich legte Geld auf den Tisch und scheuchte ihn zur Tür raus, bevor Jenkins etwas mitbekommen konnte. Eine halbe Flasche Bourbon würde einen Burschen wie Peter noch nicht umhauen, rechnete ich mir aus, aber vielleicht noch ein wenig gesprächiger machen. Es gab entschieden zu viele verschwiegene Leute in diesem Dorf für meinen Geschmack. Es war schön, zur Abwechslung mal einen reden zu hören. Die anderen zum Plaudern bringen konnte ich immernoch. Das war der Vorteil an so einem Dorf: ein jeder war an seinem Platz.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post