Ich hatte gerade gegessen. Deshalb bestellte ich nur ein Bier. Der Laden war mittelprächtig gefüllt, mit zwei Typen am Tresen, ein paar an den Tischchen entlang der Wände, und mir. Jenkins wuselte herum und brachte mir schließlich mein Bier.„Und, wie gefällt ihnen der Wald?“, fragte er mich, „wie war ihr Ausflug?“„Prächtig, auch wenn ein richtiges Schießwetter war heute.“„Ein Scheißwetter?“„Ja, ein Scheißwetter auch.“ Er zuckte mit keiner Wimper bei meinem Versprecher, aber war da nicht die äußerste Andeutung von Schweiß auf seiner Oberlippe? Ein winziges Stirnrunzeln auf seiner Stirn? Ein ganz klein wenig zuviel Unruhe in seinen Augen? Oder nur allzu viel überreizte Phantasie auf meiner Seite?Ich holte nochmal Luft.„Jenkins, es ist ein wunderbarer Wald, und eine wunderbare Gegend. Nur der Weg war mir zu weit. Auch ist es mir ein bisschen zu gefährlich da. Ich denke, der Wald und ich, wir sind miteinander fertig.“Er nickte und ließ mich mit meinem Bier zurück. „Ist eigentlich Jagdsaison gerade im Wald?“, rief ich ihm noch hinterher, aber er hörte es nicht oder wollte es nicht hören und verschwand in der Küche. Für den Moment müde ließ ich ihn ziehen und nahm erschöpft einen Schluck aus meinem Humpen. Aber jemand anders hatte es gehört. Ich spürte einen Blick auf mir und sah auf. Ein junger Kerl sah mich von der anderen Seite des Raums aus an. Er sah aus wie einer, der schon ein paar getrunken hatte und jetzt gerade erst so richtig auf den Geschmack zu kommen begann. Von seinen sich rötenden Backen und ein wenig zu großen Augen abgesehen sah er ganz nett und harmlos aus, wie einer, der das Trinken auch vertrug. Er hatte meinen Blick gesehen. Jetzt stand er auf, um herüberzukommen. „Aufstehen“ war eigentlich das falsche Wort dafür: es war der fleischgewordene Ausdruck für das geflügelte Wort, dass der Berg zum Propheten kam. Er schälte sich in einer, ich kann es nicht anders sagen, riesenhaften Bewegung aus seiner Sitzecke, und als er stand war er an die zwei Meter groß. Seine Hände, die entspannt an seinen Seiten baumelten, entpuppten sich als groß wie Schnitzel, und sein Kopf wirkte jetzt ein bisschen zu klein für den mächtigen Körper. Als er an meinem Tisch anlangte, brauchte der Bretterboden nur ein paar Minuten, bis er aufgehört hatte zu beben. Aber da saß er schon auf dem Stuhl auf der anderen Tischseite mir gegenüber. Ich sah ihn an. Er blickte zurück. Dann nickte er mir zu. Schon wieder dieses verdammte Nicken! „Es ist grad keine Jagdsaison im Wald.“ Er untermalte seine Äußerung mit einem gutmütigen Blitzen seiner blauen Augen. Seine Pupillen waren schon ein winziges bisschen geweitet.„Es is überhaupt nie richtig Jagdsaison hier in diesem Wald. Mein Name is Peter.“ Er reichte mir eines der Schnitzel über die Tischplatte.Ich griff zu, ohne nachzudenken, und wurde mit einem Händedruck belohnt, vor dem sich die Plattentektonik nicht zu verstecken brauchte. Die nächsten Minuten konnte ich zu meiner Erleichterung beobachten, wie die Knochen meiner Hand langsam wieder in ihre Ausgangslage zurückkehrten.„Was sie nicht sagen, Peter. Wie ist das hier mit der Jagd?“„Das Jagdrecht gehört hier einer einzelnen Person, oder besser, gehörte. ’S war der alte Friedensrichter. Er mochte’s nicht gern, wenn andere auf seinem Gebiet jagten. Er wohnte drüben in Bismarck, wo er auch begraben is. Er ist jetzt seit acht Jahren tot.“Seine Zunge fuhr über die Lippen, wie um ausbrechende Trockenheit anzudeuten. Ich verstand den Wink und orderte mit einem Handzeichen ein Bier.„Seine alte Witwe mag die Jagd nich. Deshalb jagt jetzt keiner mehr hier. Sie hat’s Jagdrecht behalten, aber nutzt es nich und gibt auch keine Genehmigungen“, fuhr er fort.Jenkins stellte einen neuen Humpen neben Peter. Dabei sah er ihn für eine Sekunde schräg an. Große Freunde schienen sie nicht zu sein. Dann war er auch schon wieder weg, in der Sicherheit seines Tresens, von wo er ein Ohr spitzte, wenn mich nicht alles täuschte.Als ich wieder zu Peter sah, hatte er sein Glas schon zur Hälfte geleert. Es sah aus wie ein Teetässchen in seiner Pranke. Es musste teuer für ihn sein, richtig betrunken zu werden. Ich beeilte mich, ein wenig aufzuholen, während er weitersprach:„Danke fürs Bier. Also, die Jagd, das kümmert mich nich. Ich bin Holzfäller, wissen sie. Je weniger Leute mit ner Flinte da draußen rumlaufen und denken, auf alles, was sich bewegt, ballern zu müssen, umso besser find ich. Ich mein, ’s is nich schwer, nen Burschen wie mich zu treffen, verstehn sie?“Ich nickte kurz. Jenkins spielte noch immer Mäuschen. Er ging mir langsam auf den Wecker. „He, Jenkins!“, rief ich durch den Raum. Er sah mürrisch auf. „Eine Suppe noch bitte, wenn’s nich zuviel verlangt ist!“Er starrte mich kurz an. „Die Küche ist schon kalt“, sagte er knapp. Das gefiel den beiden Typen am Tresen nicht. Sie schienen erst vor fünf Minuten bestellt zu haben und verwickelten Jenkins in eine Diskussion. Man konnte sehen, dass ihm das nicht gefiel, aber was wollte er machen.Ich wandte mich wieder meinem Holzfäller zu, der sein Bier inzwischen ausgetrunken hatte. „Was interessier’n sie sich eigentlich für die Jagd?“, fragte er. Ich konnte sehen, er frug nur so aus Neugier. Das hier war ein gutmütiger Mensch, wenn ich je einen getroffen hatte. Er hatte Arme wie Äste, Beine wie Baumstämme, einen kolossalen Körper und die Vertrauensseligkeit eines kleinen Hündchens. Wäre er nicht so groß gewesen, hätte man vermutlich den Impuls verspürt, ihn zu streicheln.„Naja, heut im Wald hat einer rumgeschossen“, meinte ich, „und fast hätt er mich erwischt.“Er sah mich an, und seine Augen wurden noch einen Tick größer. Dann verrutschten seine Mundwinkel, und er nickte grimmig.„Wir ham ’n paar Wilderer hier im Dorf und der Umgebung. Eigentlich ne ganze Menge. Die Stadtheinis halten sich nich immer an Jagderlaubnisse und so Sachen. Wenn einer sich die Autos mal anschauen würde, mit denen die hier ankommen, würd er’n Berg Schießeisen finden. Aber wer soll das machen? Wir ham nur einen Sheriff, und der is für den ganzen Bezirk zuständig. Wir sind hier auf’m Land“, meinte er fast entschuldigend.„Von den Städtern war’s keiner“, sagte ich. „Ich hab mir die Hütten hier heute angesehen, und sie waren alle still und leer und friedlich und kalt. Also war auch keiner da, der auf mich schießen konnte.“ Ich wusste selbst nicht, warum ich hier so frei von der Leber weg plapperte. Irgendwas hatte er an sich, das mich meine übliche Vorsicht und Verschlossenheit in den Wind schießen lies. Vielleicht die Ehrlichkeit, die aus seinen Augen sprach; vielleicht die Offenheit, die er mit jeder Pore seines kolossalen Körpers ausstrahlte. Empathisch war er auch noch: Jetzt gerade begann er, sich für mich zu ärgern.„Mann, dass die nich kucken können, was sie da aufs Korn nehmen! Keiner weiß hier so richtig, wer wildert, verstehn sie. Aber viele ham ’n Gewehr im Keller oder aufm Boden stehen, und ab und zu holt einer seins halt raus und geht damit ne Weile spazieren.“Ich nickte verständnisvoll. Der Junge erschien mir vielversprechend. Ich sah nach Jenkins. Er hatte sich schließlich doch in die Küche verzogen und war offenbar am Kochen. Keine Chance, dass er unseren Austausch mitgekriegt hatte. Die beiden Typen am Tresen äugten ab und an wachsam zur Küche hin, und beschäftigten sich ansonsten mit sich selbst, genau wie alle anderen hier. „Was halten sie davon, wenn wir nochmal draußen was trinken?“, fragte ich Peter. „Ich hab noch ein bisschen von nem netten Fläschchen auf der hohen Kante.“Er nickte zustimmend und leckte sich wieder die Lippen. Wir standen auf.„Wissen sie, ’s is nich so einfach für nen Burschen wie mich, sich mal’n bisschen einen anzusäuseln. Vor allem is es nich billig.“„Das macht doch nix. Kommen sie, Peter, wir säuseln uns ein bisschen einen an.“ Ich legte Geld auf den Tisch und scheuchte ihn zur Tür raus, bevor Jenkins etwas mitbekommen konnte. Eine halbe Flasche Bourbon würde einen Burschen wie Peter noch nicht umhauen, rechnete ich mir aus, aber vielleicht noch ein wenig gesprächiger machen. Es gab entschieden zu viele verschwiegene Leute in diesem Dorf für meinen Geschmack. Es war schön, zur Abwechslung mal einen reden zu hören. Die anderen zum Plaudern bringen konnte ich immernoch. Das war der Vorteil an so einem Dorf: ein jeder war an seinem Platz.Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing