Dienstag, September 30, 2008

Fern wie die Zeit (I)

Glatt und still wie eine Ölpfütze lag das Meer plötzlich da. Das Dickicht der Tannenbäume öffnete sich, und die Sonne stieß durch den Hochnebel, der diesen Tag begleitete, und alles war mit einem Mal von einer beinahe freundlichen Stimmung. Der Bus fuhr seit bald einer Stunde durch diesen dunklen Wald. Ich konnte ein bisschen freundliche Stimmung gut gebrauchen.
Seit einer halben Stunde folgten wir der Küste, aber immer inmitten des Waldes, durch die dunklen Fichten und Tannen und die Eichen abgeschirmt. Es war Ende September. Die Blätter der Laubbäume verfärbten sich und bildeten bunte Tupfer inmitten des stoischen Dunkel der Nadelbäume. Jetzt nahm der Bus eine enge Kurve, zwischen zwei Felsblöcken hindurch, und steuerte direkt auf die weite Fläche des Wassers zu. Die Sonne hing wie ein blindes Auge inmitten des diesigen Himmels, und ich beschirmte meine eigenen Augen mit der Hand und blickte auf das Meer hinaus. Ein winziger Streifen Sandstrand erstreckte sich hinter der grasbewachsenen Böschung, dort, wo das Meer nicht von Felsen begrenzt wurde. Ansonsten Geröllstrand, der ziemlich unbequem aussah. Es konnte nun nicht mehr weit sein. Wir würden bald ankommen. Dann würde sich zeigen, ob ich richtig lag.

Der Bus hielt auf der Hauptstraße. Es musste die Hauptstraße sein. Es gab sonst keine andere. Gegenüber war ein Café. Der Treffpunkt des Dorfes. Mit einem urzeitlichen Rülpsen und einem Ächzen verendete der Motor, und die Vibration des Fahrzeugs hörte auf und ich saß mit einem Mal in der Stille, zusammen mit den beiden anderen Fahrgästen, die in der Stadt mit an Bord gekommen waren. Der eine war ein junger Mann, in einem Flanellhemd, mit Jeans und schweren Stiefeln, und wirrem Haar, das ihm über die Augen hing. Die andere war eine alte Frau, die aussah, wie man sich eine alte Frau vorstellte, und deren Bild tatsächlich durch einen Weidenkorb vervollständigt wurde. Unter der Überdecke trug sie wahrscheinlich einen Schock Eier mit sich herum. Wir drei hatten uns so strategisch über den Bus verteilt, wie es Menschen immer machten, wenn sie den Raum mit anderen teilen mussten. Soll heißen, der Junge saß hinten im Heck, die Alte vorne beim Fahrer, und ich in der Mitte, und jeder von uns hing die Fahrt lang seinen eigenen Gedanken nach. Ich machte mir Gedanken darüber, wie ich Hendrichs finden konnte. Wenn das sein richtiger Name war. Die Fahrt war lang genug, um sich einiges an Gedanken zu machen.
Ich blickte auf die Hauptstraße. Der Bus stand noch immer. Wir waren unbestreitbar am Ende des Weges angekommen. Von hier aus gab es nur noch den Ozean in die eine und die dichten Wälder in die andere Richtung. Sogar der Busfahrer hatte sich mittlerweile davongemacht und war irgendwohin verschwunden. Endstation, Ende der Welt. Eine erhebende Aussicht. Ich nahm meinen Hut von der Ablage und griff Koffer und Tasche, und dann machte ich, dass ich auf die Straße kam.

Das Café war so still wie eine Kirche am Montag. Es war eine tiefe, schwere Stille, die mich in dem Moment schluckte, als ich durch die Türe trat. Eichen- und Tannenholz, so weit das Auge reichte, und ein großer Tresen, der sich in einem hingeworfenen L einmal durch den ganzen Raum zog. An der Wand hing tatsächlich ein ausgestopfter Schwertfisch, gleich neben dem antiken Schiffsruder, und alte Fischernetzte zierten die Wände und verbandelten sich mit der gelegentlichen Spinnwebe. Es war niemand zu sehen. Der Raum war leer. Auf Zehenspitzen schlich ich an einen Tisch an einem der Fenster und ließ mich nieder. Durch die Butzenscheiben sah ich wieder die Hauptstraße. Der Bus an der Ecke mutete an wie der Kadaver eines paläolithischen Tieres. Die ersten Raben kreisten schon über ihm. Weiter oben am Himmel hatte sich das Sonnenauge geöffnet, soll heißen, der Nebel lichtete sich. Ich sah auf meine Uhr. Es war halb eins am Mittag, und draußen wurde es endlich hell. Nicht zu spät. Ich blickte mich nach dem Tresen um. Aus dem nächsten Raum, der wahrscheinlich die Küche war, drangen leise Geräusche, aber noch machte niemand Anstalten, hier drüben bei mir aufzukreuzen.
Ich zog meine Tasche heran und kramte nach Zigaretten, Streichhölzern und der Zeichnung, die mein einziges Kapital war. Eine Fotografie wäre mir lieber gewesen, aber wie so einiges an diesem Auftrag hatte sich auch das als schwierig herausgestellt. Der Mann auf der Zeichnung starrte mir entgegen wie Dschingis Khan, und wie dieser trug er einen borstigen Schnurrbart und lange, verfilzte Haare, die ebenso gut auf das Unvermögen des Zeichners als auf das tatsächliche Aussehen des Mannes zurückgehen konnten. Dunkle Augen lagen tief in den Höhlen. Sie waren anders als der Rest der Zeichnung, die eine etwas naive Anmutung hatte, denn sie schienen aus der Ebene des Papiers geradezu herauszubrennen. Mongolische Augen, durchfuhr es mich wie die Male zuvor, alte Augen. Ich meinte damit nicht, dass sie schräg im Gesicht lagen oder eine asiatische Anmutung hatten – für mich bedeutete das Adjektiv mongolisch an dieser Stelle das Geheimnis, das Undurchschaubare, das Unverständliche, und das Alles-Gesehen-Habende. Wenn ich meinen Mann fände, dann anhand dieser Augen – sofern sie mehr waren als eine Phantasiegeburt. Auch das schien möglich, wie so vieles andere. Soviel hatten mich die letzten Wochen jedenfalls gelehrt.

Ich riss das Streichholz an und führte es an die Zigarette. Dann machte ich mich auf die Suche nach einem Aschenbecher. In der Tür zur Küche tauchte eine kleine Person auf und machte ein erstauntes Gesicht.
„Ich habe sie gar nicht hereinkommen hören, Mann. Ich bin gleich bei ihnen“, tönte er herüber. Er war ein kleiner, drahtiger Kerl in einer blauen Drillich-Latzhose, und er wandte mir wieder den Rücken zu und fummelte an irgendwas herum, was ich nicht sehen konnte.
„Bringen sie gleich nen Aschenbecher mit“, sprach ich zu seinem Rücken und setzte mich wieder. In der Küche gurgelte und brodelte es jetzt, und ich deutete die Zeichen als Kaffee, der gerade aufgesetzt wurde. Einen Kaffee konnte ich gut gebrauchen.

Der kleine Mann war schließlich gar nicht einmal so klein, sondern vielmehr sehr alt. Drahtig war er, und gebeugt war er auch, aber nur gerade soviel, dass man es so nennen konnte. Aus der Nähe betrachtet hatte er mehr Haare in den Ohren als auf dem Kopf, was ihn aussehen ließ, als wüchse ihm Blumenkohl aus den Gehörgängen. Sein Gesicht war runzlig und freundlich, und er zeigte jene neugierige Indifferenz, die alle Gastwirte in allen kleinen Käffern am Ende der Straßen ihren Gästen von außerhalb entgegenbringen. Er hatte mir den Ascher und einen Kaffee gebracht, und bevor ich ihn mit einer Bestellung zum Mittagessen wieder wegschicken wollte, bot ich ihm eine Zigarette an.
Er dankte und setzte sich neben mich, und wir warteten ab, wer das Gambit zuerst eröffnen würde.
„Lange Busfahrt“, tat er schließlich den ersten Zug.
„Kann man sagen“, bot ich Paroli.
„Es klart auf.“
„Ja. Tut gut, die Sonne wieder zu sehen.“
„Die sehen sie hier manchmal ‘n paar Tage lang nich. Der Nebel hat so seinen eigenen Kopf. Dabei ist‘s sehr schön hier im Herbst, solang man Licht abkriegt.“
Ich nickte ernst mit dem Kopf und trank einen Schluck vom warmen Kaffee und nahm einen Zug von der Kippe, die jetzt schnell abbrannte.
„Urlaub hier?“
Ich zerdrückte meinen Stummel im Aschenbecher und sah ihn an. Ganz normale freundliche Neugier auf seinem Gesicht und in seinen Augen. Die Augen waren von einem seltsam wässrigen Blau, wie seichte Teiche, in denen man plumpe Fische fangen konnte.
„Sozusagen. Ich such nen Freund, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hab. Müssen drei, vier Jahre schon sein. Ich hab gehört, dass es ihn hierher verschlagen haben soll, und da ich eh ne Woche frei habe gerade, hab ich mir gedacht, ich fahr einfach mal vorbei.“
Er nickte, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt.
„Wer soll‘n das sein? Wenn ich fragen darf, natürlich.“
„Hendrichs ist sein Name, Peter Hendrichs“, schoss ich ins Blaue hinein. Ich konnte sofort sehen, dass ihm der Name nichts sagte. Er blinzelte nur verwirrt vor sich hin.
„Nee, von einem Hendrichs hier hab ich noch nie gehört. Und ich hör einiges, eigentlich alles. Ist ja das einzige Café hier in der Gegend. Wo soll‘n die Leute sonst reden? Hendrichs, nee. Sind sie sicher, dass ihr Freund hier sein soll?“
„Vielleicht nicht direkt im Ort. Vielleicht ne Hütte hier an der Küste, oder in den Wäldern. Vielleicht hat er inzwischen auch nen anderen Namen. Man weiß ja nie. Er hatte vor ein paar Jahren mal ne schlimme Zeit, mit ner Scheidung und so. Da kann einer schon mal auf den Gedanken kommen, sich zu verändern.“
Wieder nickte er weise. Die Haare in seinen Ohren wackelten lustig.
„Könnte schon sein. Sagen tut‘s mir aber nichts.“ Er stand auf. Ich hatte den ersten Kredit aufgebraucht mit einer Story, die er nicht verstand.
„Was gibt’s denn zum Mittagessen“, fragte ich ihn.
„Die Kürbissuppe ist ganz frisch, wenn sie mögen, und mein Brot backe ich selbst.“
„Das passt gut. Setzen sie noch nen Kaffee und nen Schnaps für mich und einen für sich mit drauf.“
Er nickte und reichte mir die Hand: „Jenkins ist der Name“, worauf ich ihm meinen nannte. Dann drehte er sich um und wackelte zielstrebig in seine Küche zurück, wo er sich lautstark ans Werk machte.
Ich zündete noch eine Zigarette an und starrte aus dem Fenster. Wäre auch erstmal zu einfach gewesen, dachte ich mir.

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Das Richtige tun

In der Mittagspause dann setzte ich mich hin und schrieb dreieinhalb Seiten und eintausendvierhundertsechsundfünfzig Worte. „Fern wie die Zeit“. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie ich ausgerechnet auf diesen Titel gekommen war, aber er fühlte sich richtig an. Die Story schrieb sich nicht gerade von selbst, aber sie leistete auch keinen großen Widerstand. Das konnte was werden. Locker wieder mal dreißig Seiten. Drei hatte ich schon, und noch nicht mal das Exposé sozusagen.
Jedenfalls tat es mir gut, es einfach zu tun. Wie ich bereits gesagt hatte: Ich konnte überall schreiben. Ich musste mir nicht vormachen, dazu einen besonderen Ort, ein besonderes Café, besondere Bedingungen zu brauchen. Das einzige, was ich brauchte, war Zeit, und die konnte ich mir nehmen, so wie ich es heute getan hatte. Ich fühlte mich gut. Ich tat endlich mal wieder etwas Richtiges.

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Sonntag, September 28, 2008

Zeit des Erwachens

Sonntag.
Es gab eine Zeit des Endens, eine Zeit des Schlafes und eine Zeit des Wiedererwachens. Ganz unspektakulär und sanft fand ich mich nun im dritten Zeitalter wieder.

Es war ein Sonntag, wie er im Buche stand. Es war ein weiterer Herbst meines Lebens. Wir saßen in der Kastanie, einem Gartenlokal in der Schlossstraße in Charlottenburg, und genossen den letzten Sonnentag, denn die nächste Woche sollte kalt und nass werden, jedenfalls hier oben im Norden. Ich schwelgte in meiner Vergangenheit und las „Der Herbst meines Lebens“, und es passte auch hier und heute wie die Faust aufs Auge: Es war eine Beschreibung nicht mehr nur der Vergangenheit, sondern auch des heutigen Tages und der jetzigen Zeit. Gerade jetzt war es ein weiterer solcher Herbst, und das alleine war schon fast zuviel Glück und ein Zuviel an Gnade, um es fassen zu können.
Der Dunst des scheidenden Jahres lag über der klaren Luft. Alles war beglänzt. Die farbigen Blätter der Bäume taumelten langsam zur Erde, und die Spree wälzte sich grün und leuchtend an ihren Ufern.

Es gab eine Zeit des Endens. Ich hatte sie damals erlebt, zum Herbst meines Lebens, und es war sehr traurig und zugleich so sehr erhebend gewesen, dass ich lange gebraucht hatte, sie zu überwinden und anzunehmen und zu einem wirklichen Teil meiner Geschichte zu machen. Dieser Herbst meines Lebens hatte länger angedauert als nur diesen einen Herbst; auch der folgende Winter in Freiburg und der Frühling der Trennung hatten noch dazugehört. Erst dann war alles vorüber, war alles vergraben und zu einem Ende gebracht, und auch all dies anzunehmen dauerte seine Zeit. Der Sommer meines Lebens war eine so kurze wie kurzweilige Angelegenheit, eine Periode kurzer Klarheit, in der ich alles sehen konnte, wie es war, und alles bereits sehen konnte, wie es werden würde. Doch dann kam erst einmal die Zeit des Schlafens. Sie erwischte mich so eiskalt, wie man einen Baseballschläger über den Schädel gezogen bekommt. Sollte heißen, bevor ich genau wusste, wie mir geschah, lag ich bereits am Boden.

Die Zeit des Schlafens dauerte lange. Sie dauerte ein ganzes verdammtes Jahr, und jetzt gerade war ich erst dabei, überhaupt wieder aufzuwachen. Ich mochte Schlaf, Schlafen war eine tolle Angelegenheit, keine Frage. Aber ich hatte ein Jahr meines Lebens versäumt, und das ging mir nach.
Ich wollte ein wenig über dieses Zeitalter ausholen. Ich war nach Berlin gekommen im Herbst des letzten Jahres, der auch warm und golden war, und hatte einen seltsamen Job gefunden und eine große Liebe und ein Loch in einem alten Haus, und dann hatte ich mich darin häuslich niedergelassen und die Augen geschlossen. Oh, ich war zur Arbeit gegangen, in Kneipen und ab und an in einen Jazzclub; ich hatte Freunde getroffen, Bücher gelesen und wunderbare Abende und Wochenenden mit Sabine verbracht. Aber all das hatte ich mich geschlossenen Augen getan. Es war mir quasi zugestoßen, während ich mich in einem Traume wälzte. Aber es war nicht wirklich etwas geschehen. Viel mehr hatte ich mich zur Ruhe begeben und wie in tiefem Schlaf all das verdaut, was mein Leben gewesen war.

Doch schließlich gab es die Zeit des Erwachens.
Eines Morgens schlägst du die Augen auf und findest dich in deinem Bette wieder. Das Fenster ist weit geöffnet, und zusammen mit der frischen Luft dringt blendender Sonnenschein durch die Läden. Dazu noch ein Vorhang, der sich im Winde bauscht, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Küche. Es ist ein elektrisierender Morgen, und es hält dich nicht länger im Bett. Du schlägst die Decke zurück und springst aus den Federn, und du fühlst dich erfrischt und zu allem bereit. Wie lange hast du geschlafen?

Wie lange hast du geschlafen?
Ich wusste, wie lange ich geschlafen hatte, und dass es die längste Zeit gewesen war. Ich war in tiefster Ohnmacht gefangen gewesen, doch nun war ich wieder da. Ich war aufgewacht, und ein weiterer Herbst lag vor mir, ein goldener Herbst, dem dieses Mal nicht das Ende vor allem anderen innewohnte, sondern der die Geschichte, meine Geschichte, dort wieder aufnahm, wo ich sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Sie hatte auf mich gewartet, und ich konnte mich ihr nun wieder anschließen und sehen, wohin sie mich trug. Dass sie mich tragen würde, wusste ich. Wer ich sein konnte, würde sich wieder zeigen. Das Zeitalter des Schlafens war vorüber. Das Leben hatte mich wieder.

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Sonntag, September 21, 2008

Yes I know...

...no news for a long time.
I promise to better myself. Honestly. More in the near future, hopefully.

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