Mittwoch, Mai 09, 2007

Menschsein, unter anderem

Ich kehrte dahin zurück, wo ich ebenfalls gute Stunden zugebracht hatte – ins Voglhaus. Schön war’s, und sicherlich produktiver als mein Rumgesitze in der Uni-Bib. Entweder hatte mein Betreuer etwas durcheinander gebracht, oder ich stellte mich bei der Literatursuche an wie der letzte Idiot. Beides war möglich. So oder so kam ich allerdings nicht besonders voran mit meinen letzten Baustellen. Nun, jetzt war ja erstmal was Anderes dran.

Ich war auf den letzten Metern, aber es kümmerte mich nicht die Bohne. Ich war gedanklich schon ganz woanders. Die Diplomarbeit würde schon gut ausgehen, wen interessierte’s noch. Mich nicht mehr.

Stattdessen machte ich mir Gedanken, was ich mit meinem verkorksten Leben anfangen wollte. Gut, immerhin, ein Diplom hatte ich jetzt. Das konnte ich mir rahmen lassen und an die Wand hängen. Nur: welche Wand? Tatsächlich hatte ich außer zwei Saxophonen und einem gut gefüllten Kleiderschrank nach 26 Jahren Leben nicht viel Anderes vorzuweisen. War ein bisschen dürr, die Bilanz. Gut, ich hatte die ideellen Dinge, die Erinnerungen und Erfahrungen nicht miteinberechnet. Ideell war ich ein reicher Mann! Prima war das. Nur musste ich mich jetzt langsam mal in klingende Münze umsetzen, jedenfalls entsprechend meiner Bedürfnisse. Nun, man würde sehen, und ich kam voran.

Im Voglhaus hatte sich nicht viel verändert, außer der Deko und den süßen Bedienungen. Die Erinnerungen wuchsen, je länger sie zurücklagen, bis sie alles überschattende Gewächse des eigenen Geistes waren, die zwar noch im Erlebten wurzelten, aber mehr auch nicht mehr. Wenn man dann zurückkehrte, so lief man Gefahr, enttäuscht zu werden. So war das im Leben, und so war es heute. Aber auch das interessierte mich nicht besonders. Es war eben, wie es war. Ich hatte aufgehört, mich über mein Leben und seine Irrungen und Wirrungen und Enttäuschungen und alles andere aufzuregen. Es lohnte nicht. Außerdem, wenn ich jetzt anfing, mich aufzuregen, in der Situation, in der ich nun mal war, dann wusste ich nicht, wo ich wieder aufhören würde. Also riskierte ich es lieber nicht und blieb cool. Es war sowieso was Schönes, mal wieder cool zu sein. Es war lange her.

Eine Taube hatte den Saloon betreten. Die Mädchen stürzten sich zu zweit auf sie und zwangen sie damit, ihre Pläne zu überdenken. Mit heftig nickendem Kopf machte sich der Vogel wieder davon. Was den Unterschied zwischen Menschen und Tauben deutlich genug illustrierte: hätten sich die zwei Süßen auf mich gestürzt, wäre ich sitzen geblieben. So konnte nur herzlich lachen, worauf sie mir etwas weniger herzliche Blicke zuwarfen. Die Taube jedenfalls, so vernahm ich später, war sowas wie ein Stammgast oder versuchte es zumindest zu werden, genau wie ich damals. Nur im Gegensatz zu mir war sie nicht willkommen. Sie flog zuviel herum und kackte auf den Fußboden. Auch bestellte sie zuwenig, im Gegensatz zu mir. Ich war ein ganz Schlauer, und ich konsumierte gern. Dennoch betrachtete ich die Taube als einen Bruder im Geiste. Nicht jedem war das schöne Voglhaus eröffnet. Bei allen Fehlern, Fragen, Hindernissen und Unsicherheiten, ein Mensch zu sein hatte unbestreitbar auch seine Vorteile.

Irgendwann überkam mich der Geist des Ortes. Die alten Chansons, das Murmeln der Menschen und das Fauchen der Espressomaschine, und hoppla!, war ich wieder in meinem Element. Das Caféhaus als Idealzustand. Gebt mir eine Bar dazu, und ich würde nie mehr woanders hinkommen. Ich war der perfekte Caféhaus-Genießer. In einem früheren Leben musste ich ein Vollautomat gewesen sein. Ich wollte nachrechnen, ob das rein historisch gesehen überhaupt möglich war, aber dann interessierte es mich doch nicht so sehr. Die Idee war es, auf die es hier ankam, die reine, unverfälschte Idee... Und so gab ich auch der aktuellen Version des Voglhauses 97 von 100 möglichen Punkten. It was a swell place.

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Sturmzeit

Mein Tag begann mit einem Spaziergang am See. Es war Sturmzeit, und der Seerhein lag bleiern und schwer unter einem dramatischen Himmel. Die Bäume bogen sich unter den anstürmenden Böen, und ihr Grün leuchtete gegen das fahle Wolkenlicht. Ich ging und erinnerte mich an alle Dinge, die mit diesem Ort verbunden waren. Es war, als ginge ich durch mein eigenes Leben, durch fünf seiner Jahre, und durch die besten von ihnen. Ich liebte diesen Ort, und ich liebte ihn bei diesem Wetter, und mein Herz wurde weit und ich sandte meine Gebete hinaus in den Sturm und den weiten Himmel und über das Wasser und zu den Menschen, und ich war dankbar um das, was gewesen war, und trauerte um das, was nun nicht mehr war. Dieser Ort war meine Heimat, er war es gewesen und er würde es weiterhin und immer sein. Ich nannte ihn Zuhause, und ich war glücklich hier. Ich war hier dem Leben am nächsten, und mein Herz war glücklich und mein Geist ruhig, auch wenn dort eigentlich ebenfalls Sturmzeit war..

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Donnerstag, Mai 03, 2007

Verbrannte Schiffe

Heute in Konstanz kam mir von einer Sekunde auf die andere zu Bewusstsein, dass nun alles vorüber war, jedenfalls alles, was ich gekannt und geliebt hatte. Ich konnte nicht mehr zurück. Es war vorbei und geschehen. Ich konnte es noch immer wertschätzen und daraus Kraft schöpfen, doch das alles lag nun hinter mir. Wie die Armee Cortez’ fand ich mich an einem fremden Gestade, und meine Schiffe hinter mir lagen bereits in Flammen, glichen bereits kaum mehr dem, was sie einst waren, schwelende Aschehaufen nun, zerstörte Überreste einer anderen Zeit. Und wie Cortez konnte ich nun nur noch vorwärts gehen, weil es ein Zurück nicht gab – und nie gegeben hatte. Das Reich der Vergangenheit erstreckte sich nur in unseren Köpfen und hatte nur dort Realität; doch das Reich des Jetzt lag offen vor uns, sofern wir den Mut hatten, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ich plünderte die Wracks meines bisherigen Lebens und setzte dann dazu an, sie hinter mir zu lassen. Ich würde sterben müssen und neu geboren werden, soviel war mir klar. Der Mensch, der ich gewesen war, hatte ein Leben gelebt; mit dem Ende dieses Lebens starb dieser Mensch, langsam, nach und nach, und ging in Rauch und Asche auf, in Luft, und hinterließ nur das, was der andere, der neue Mensch, in einem neuen Leben mit sich auf die Reise nehmen würde, teil freiwillig, teils unfreiwillig. Es würde nicht der Tod des Körpers sein, denn der Körper war stark und hatte alles andere vor, als zu sterben, sondern es würde der Tod des Geistes sein, ein Abschiednehmen und ein Neubeginn, wie es dem Tode innewohnt. Erst der Tod würde mich wirklich schätzen lassen, was ich an mir gehabt hatte. Erst dieser Tod würde aber auch den Weg freimachen zu einem anderen Umgang mit dem Leben, mit meinen Talenten und meiner Zeit, der Zeit, die dieser Körper hatte, der ich war. Erst der Tod gebar neue Ideen. Die alten starben mit jenen, die sie geboren hatten.

So dachte ich, inmitten der Nacht, in den Ruinen meines vorherigen Lebens. Wenn ich mich anschaute, hatte ich allerdings eher den Eindruck, dass Cortez’ Truppen es sich am Strand gemütlich gemacht hatten. Sie blickten sehnsuchtsvoll zurück gen Spanien und feierten mit der Kohle der verbrannten Schiffe Barbecue. So jedenfalls hatte ich die letzte Zeit gelebt, und viel zu lange schon. Das stand fest: So wie ich es anging hätte niemand Tenochtitlan erobert. Zeit aufzubrechen.

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