Dienstag, Januar 30, 2007

Zeit des Erwachens, mal wieder

Ich hatte wieder einmal nichts zu sagen gehabt. Solche Zeiten gab es. Das Leben plätscherte vor sich hin ohne besondere Vorkommnisse. Gewöhnlich vergaß ich zu solchen Zeiten nach ein paar Tagen alles – das heißt, mein Kopf wurde leer und plump und dumm. Ich hatte einiges über das Leben gelernt, und nichts davon mehr parat.

Irgendwann endete es. Das hatte es bisher immer. So auch dieses Mal. Mir war, als tauchte ich langsam aus einer langen, dunklen, tiefen Nacht wieder an die Oberfläche des Tages. Der Traum verblasste nach und nach. Es waren dumme Träume, die ich träumte in diesen Zeiten. Ich sah nur mich, mich, und wieder mich. Es war wie Gefangenschaft in einem Spiegelkabinett. Ich vergaß die Welt, die Menschen und die größeren Zusammenhänge. Ich tat auch nichts Sinnvolles mehr. Ich suhlte mich in diesem Zustand, solange er dauerte, und begrüßte sein Ende, wenn es schließlich kam. Auch heute.

Mittlerweile war ich 26 Jahre alt geworden, aber nicht klüger. Manche Veränderungen geschahen langsam, unmerklich, andere über Nacht. Ich begann wieder Hemden zu tragen. An besonderen Tagen konnte man mich sogar mit einer Krawatte erwischen. Ich hatte die fixe Idee, nun seriöser werden zu müssen und, besser noch, zu wollen. Die Sonne versank an diesem Abend blutrot am Horizont. Ich betrachtete den Anblick über eine Wiese hinweg, auf dem ein Paar Störche seine Abendmahlzeit zusammensammelte. Er war schrecklich anzusehen, wie eine blutende Wunde am Himmel, gefurcht und voller Schmerz. Der Sonnentod. Es war wundervoll. „Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen können“. Hatte Rilke das gesagt? Er musste eine Menge Sonnenuntergänge jeglicher Art gesehen haben. Immerhin war er ein Poet. Es gab Erwartungen zu erfüllen.

Rilke hatte in Paris gelebt. Auch Freiburg erinnerte mich an Paris. Der Wind an diesem Abend war sanft und mild. Es hatte geschätzte acht Grad. Für Ende Januar war das nicht schlecht. Ich sah die Stadt wieder mit unverbrauchten Augen, frisch und neu. Ohne vorgefasste Meinungen. Und sieh da: sie gefiel mir.

Konstanz war mir damals wie das Ende der Welt vorgekommen. Es lag hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Freiburg war größer und offener, reicher auf seine Weise. Auch deutlich französischer, wo Konstanz Italien geglichen hatte. Dennoch erschien mir Freiburg abgelegener: in der äußersten Ecke des Landes, am Rand des Schwarzwalds. Wo Freiburg ein neues Ende war, da war Konstanz eher ein Anfang gewesen, mit einem weiten Blick über den Seelenspiegel des Bodensees. Die Welt lag offen. Der Blick vom Ufer reichte weit, so weit. Jetzt waberte der Nebel über den Tälern, und alles was ich zu Gesicht bekam war grau; oder der dunkle Schatten des Waldes an sonnigen Tagen. Am Horizont in die andere Richtung waren die Vogesen, aber das war eine andere Welt. Nicht die meine. Das mochte seltsam erscheinen, aber so war es.

Ich hatte zuviel Zeit allein verbracht. Wenn ein Mann zu lange auf den gleichen 15 Quadratmetern sitzt, wird er rammdösig. Ich zumindest wurde es. Ich ging dann irgendwann auf Autopilot, und die oben geschilderten Konsequenzen ergaben sich. Man wurde dumm, und man merkte es noch nicht einmal.

Im Cafe verstanden sie mich miss. Ich machte gute Miene zum versehentlichen Spiel und trank ein weiteres Bier, das sie mir gebracht hatten. Die Bedienung war eine Süße, mit allen Rundungen am richtigen Fleck und im richtigen Maß. Mir gefiel der Anblick. Schönheit mochte ich. Also was sollte es. Ich hatte ohnehin schon ein bisschen zuviel getrunken, mit meinem Bruder zusammen, und nun würde ich eben noch ein Bier trinken, und dafür den Rest der Woche nichts mehr oder jedenfalls weniger. Dementsprechend fiel mir ein, dass die vierziger Jahre eine verrückte Zeit gewesen sein mussten, jedenfalls wenn man die Marlowe-Romane Chandlers für bare Münze nahm. Alle hatten gesoffen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und es war das Normalste von der Welt gewesen. Heute war man da gesundheitsbewusster. In der Konsequenz hatte ich oft ein schlechtes Gewissen. Nun gut, das Leben forderte seinen Preis. Zahlen mussten wir alle.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich würde das tun, was ich schon immer tun wollte. Ich war 26, und es war an der Zeit, mich an meinen Träumen zu versuchen. Manche schafften das schneller, die meisten brauchten dazu etwas länger – wenn sie denn träumten. Für mich war es jetzt an der Zeit. Und ich war zuversichtlich. Ich hatte mittlerweile ein gutes Gefühl für das, was ich konnte, was im Bereich des Möglichen lag. Vielleicht würde es ja sogar damit enden, dass ich für den Rest meines Lebens Dinge täte, die mir Spaß machten. Vielleicht war Arbeit oft unangenehm. Aber ich sah keinen Grund, dass das immer so sein sollte. Immerhin lagen noch 98 Jahre vor mir.

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Freitag, Januar 19, 2007

In eigener Sache: Kommentare

Nach langen Monaten des Bloggens ist es mir unter Zuhilfenahme meines profunden technischen Sachverstandes gelungen, die Kommentarfunktion tatsächlich zu verstehen und auch richtig zu aktivieren.

Das Hinterlassen von Kommentaren wird nun endlich möglich!
Möget ihr anderen sie nutzen... :)

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Mittwoch, Januar 17, 2007

Vom guten Leben

Ich war mir nicht sicher, ob es sich behaupten ließ, ein Mensch lebte schlecht. Ich war mir allerdings sicher, dass sich Menschen, die gut lebten, von uns anderen unterscheiden ließen. Sie verspürten Freude, und sie gestanden sich und anderen diese Freude zu. Freude, am Leben zu sein, und Freude über die Möglichkeiten dieses Lebens.

Es hatte keinen Sinn, sich zu betäuben. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als sei das eigene Leben ein anderes als jenes, das uns tagtäglich vor Augen war. Es hatte auch keinen Sinn, vor dem was uns umgab wegzulaufen – besonders vor dem wegzulaufen, was uns gerade jetzt umgab. Ich wusste, wovon ich redete. Ich war heimlicher Meister in allen genannten Disziplinen, aber ich war Goldmedaillen-Träger in der letzten. Es gab viele Möglichkeiten, das eigene Leben nicht anzuschauen, und ich kannte sie alle, plus die anderen, die es außerdem noch gab. Das Leben war kein Zuckerschlecken. Es war aber auch keine Qual, außer man machte es dazu. Das hatte ich falsch verstanden. Ich lief davon, sobald es einmal kein Zuckerschlecken war, was meistens der Fall war. Es gibt immer Dinge zu tun, die man nicht tun will, oder Pflichten zu erfüllen, die man nicht erfüllen will. Aber das war keine Qual. Es war das Leben, wie es in diesen Augenblick eben war. Wünschen nützt dir nichts, hadern nützt dir nichts, und weglaufen nützt dir erst recht nichts. Wer kann schon vor sich selbst davonlaufen? Das eigene Leben folgt einem wie der eigene Schatten, selbst wenn man auf der Flucht Freunde, Bekannte, Rollen, Kontexte und Kontinente überwindet. Unser Leben steckte in unseren Knochen, und wir würden dasselbe Leben wieder schaffen, nur unter anderen Vorzeichen. Oh, man konnte sich verändern, ganz richtig – aber gerade daran lag es: man änderte entweder sich selber, seine Art und Weise, mit dem Leben umzugehen, oder man änderte überhaupt nichts. Das waren die Optionen, die uns offen standen. Eine führte in die richtige Richtung, und der Rest waren eine Million möglicher Irrwege, die uns doch immer wieder auf uns selbst zurückwarfen. Ich fühlte mich befugt, über sie zu sprechen, denn ich war viele von ihnen selbst gegangen.

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Dienstag, Januar 09, 2007

...eine klitzekleine Sendepause...

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