Ich wachte um 9:00 Uhr auf und sprang aus dem Bett. Es war ein Wetter zum Eierlegen, und ich beeilte mich, mich auf die Stange zu hocken. Ich hatte sechs Stunden Schlaf abbekommen, aber heute genügten mir die. Ich konnte keine Sekunde des Tages mehr verstreichen lassen. Ich kochte Kaffee und nahm einer Laune folgend einen dünnen Henry-Miller-Band zur Hand, „Von der Unmoral der Moral“, von dem auch Tine kürzlich einmal gesprochen hatte. Bereits das Vorwort und das erste Kapitel elektrisierten mich. Miller war ein Autor und ein Künstler im eigentlichen Sinne der Worte. Sofort fiel mich eine Art von Erkenntnis an, die ich hier kurz wiedergeben möchte, weil es das Beste ist, was mir bisher zum eigentlichen Wesen eines Autors zu Bewusstsein gekommen ist:
Der erweiterte Sinn und Auftrag des Autors:
Der Sinn und Ur-Zweck aller Kunst ist es, Schönheit und Harmonie zu schaffen. Das ist in aller Kürze und aller Unbestimmtheit, die die Kürze mit sich bringt, die Essenz des künstlerischen Vorgangs. Es trifft auf jede Kunst zu, die ernst gemeint ist und mit einem wahrhaft künstlerischen Anspruch antritt. Es gilt für Malerei, für Musik, für Schauspiel und Dichtung. Wir stehen in der unvollkommenen Welt unseres Erlebens und fügen die Kunst hinzu, um mit einem Mehr an Ordnung und Eleganz wieder aus ihr aufzutauchen. Musik gehorcht harmonischen Regeln, sogar die Popmusik oder Heavymetal, hier als beliebige Beispiele für das oft als unkünstlerisch gescholtene herangezogen – doch auch hier walten Regeln und harmonische Konzepte, auch wenn diese (gerade bei Heavymetal) mit den herkömmlichen und den meisten Menschen vertrauten Harmonien auf den ersten Blick nicht viel zu tun zu haben scheinen. Ich persönlich, es sei zugegeben, verabscheue Heavymetal. Aber ich anerkenne es dennoch als einen von vielen Versuchen des Menschen, sich künstlerisch auszudrücken, auch wenn ich denke, dass es für diesen Zweck bessere Mittel und Methoden gäbe.
Aber eine interne Rangfolge der Künste ist hier nicht mein Ziel, sondern etwas anderes.
Zuerst noch: Auch Malerei und Dichtung folgen diesen Prinzipien. Gemälde werden ebenso komponiert wie Sinfonien, auch sie folgen den Gesetzen der Harmonie und der Eleganz, sei es ein Rembrandt oder ein Van Gogh. Vielleicht stören sie zuerst unsere normalen Sehgewohnheiten, aber letztendlich, wenn es Kunst ist, tragen sie eine innere Harmonie in sich, die wir entdecken und uns erschließen können. Ebenso Dichtung, Poesie. Die Gemeinsamkeiten sind, bei allen Unterschieden in den Medien, überwältigend.
Im Speziellen möchte ich mich nun der erzählenden Literatur widmen, der Story, dem Roman, dem Essay. Allen vorangegangenen kurz erwähnten Beispielen für die Kunst ist gemein, dass alle von ihnen über ein ureigenstes Material verfügen, dass dem speziellen Bereich der Kunst eigen ist: die Musik die Töne, die Malerei die Farben, die Poesie – nun, auch die Poesie nutzt die Worte, was auf den ersten Blick wie ein geteilter Rohstoff mit der Literatur anmutet, doch sie setzt sie anders ein: der von der Poesie geschaffene Sinnzusammenhang der Worte zueinander ist ein grundlegend anderer als in der Literatur. Die Poesie gleicht dem Impressionismus, dem Pointilismus, sie tupft und tuscht die Worte an die ihnen zugedachte Stelle und lässt sie, manchmal fernab ihrer alltäglichen, gewöhnlichen Bedeutung, durch die Kunst der Komposition eine ganz andere, neue, ungewohnte und überraschende Wirkung entfalten. Gerade durch diesen Akt der Komposition und ihre Selbstbeschränkung im Material erzielt die Poesie ihre Wirkung. Jedes Wort hat Bedeutung, und kein Wort kann genommen werden, ohne den Sinn der Dichtung zu verändern.
Anders in der erzählenden Literatur: Der Sinn und die Wirkung sind nicht an den einzelnen Worten festgemacht. Die Ankerpunkte des Textes befinden sich auf einer anderen Ebene als in der Poesie, nämlich auf der des auszudrückenden Sinns. Das klingt komplizierter als es ist, also will ich es anders sagen:
Der Literat, er schreibt wie er spricht (im Idealfall und mit humanistischer Bildung). Der Poet macht gerade das nicht. Der Literat will ebenfalls einen Sinn transportieren und dem Leser vermitteln, und auch er, gleich den anderen Künstlern, richtet sich nach den der Literatur zugrunde liegenden harmonischen Regeln und Zusammenhängen. Doch sein Werk hantiert nicht mit einem Rohstoff oder Medium, der seinem Bereich der Kunst allein gemäß und eigen wäre. Auch er arbeitet mit Worten, aber in einem vollkommen anderen Sinne als der Poet. Der Poet nimmt die Worte in ihrer Struktur und ihrem für sich stehenden Sinngehalt, wie sie sind, ebenso wie der Musiker die Töne nimmt, wie sie sind, und der Maler die Farben. Es gibt keinen übergeordneten Sinn von Ton und Farbe, und es gibt nur wenig übergeordneten Sinn über dem Wort des Gedichts. Wenn es im Gedicht doch mehr Sinn gibt als den unmittelbaren, den ein oder wenige Worte für sich genommen transportieren können, so ist es kein Gedicht im eigentlichen Sinn, sondern getarnte Literatur. Darüber mag man streiten, aber um den Willen des Arguments mag ich diese (zugegeben vielleicht künstliche) Trennung hier vornehmen.
Der Literat, der Autor arbeitet also in einem ganz anderen Sinn und Kontext mit seinem Rohstoff und seinem Werk: er arbeitet mit Worten, aber eigentlich wäre es richtiger zu sagen, er arbeitet mit Symbolen. Die andere Kunst wirkt durch sich allein, durch den unmittelbaren Einfluss ihres (vom Künstler angeordneten) Materials auf die Psyche und Emotion des Menschen. Auch sie kann Bilder und Symbolik erschaffen, von Musik über Malerei zu Poesie in zunehmendem Maße, aber dies ist nicht ihr eigentlicher, erster Zweck. Sie steht für sich und gilt für sich. Anders der Text des Autors: ihm geht es in erster Linie um die hinter und über dem eigentlichen Text stehenden Sinnzusammenhänge, um das, was man „zwischen den Zeilen“ liest. Ganze Kapitel eines Buches können umgeschrieben werden, ohne dass das Werk als Ganzes seine Bedeutung einbüße oder änderte. Ändere ganze Seiten Partitur einer Sonate, übermale ein Viertel eines Bildes, streiche einen Absatz einer Dichtung, und das Ergebnis ist ein anderes. Die Bedeutung der erzählenden Literatur wird hingegen erst im Leser selbst vollendet, der Autor legt in seinen dürren Worten nur den Grundstein dazu an. Er entlehnt den Werkstoff des Wortes der Dichtung und reichert ihn mit der Wirkkraft der Symbolik an. Und gerade hierin liegt die Wirkungskraft der Literatur, deshalb lesen wir alle, deshalb haben wir Meter auf Meter Bücher in unseren Regalen stehen (oder wenigstens den einen oder anderen Groschenroman auf dem Nachttisch): Weil der Autor sich durch seinen ausdrücklichen Ausflug in das Reich der Symbole unmittelbar in jenem Raum bewegt, in dem auch wir anderen uns alle bewegen, Tag für Tag und unser ganzes bewusstes Leben. Denn das Leben des Menschen ist ein Leben im Reich seiner von ihm geschaffenen Symbole. Wir sehen die Welt nicht, wie sie unmittelbar ist, sondern vermittelt zuerst durch unsere Sinne und dann unsere Sinnzusammenhänge und Symbole im Bewusstsein. Vereinfacht gesagt: Wer keinen Hammer kennt, kann ihn als solchen nicht wahrnehmen, sondern als Objekt aus Holz und Metall. Wer keinen Krieg kennt, wird ratlos auf das Geschehen auf diesem Planeten blicken und sich keinen Reim darauf machen können. Wer keine Symbolik für die Liebe bereithält, wird mit Unverständnis und irritiert auf die Werbung der anderen reagieren. Was wir an Symbolen im weitesten Sinne bereithalten oder konstruieren können, bestimmt, was wir wie wahrnehmen können.
An dieser Stelle mag ich kurz innehalten und verschnaufen, denn es erscheint mit einem Mal auch mir seltsam kompliziert und vertrackt, und angreifbar ist es allemal. Aber das soll mich hier nicht kümmern, schließlich ist dies keine wissenschaftliche Abschlussarbeit, auch kein Dogma oder ein Pamphlet (noch nicht), gerade nur ein paar sehr persönliche Gedanken zur eigentlichen Aufgabe des Autors – und diese habe ich bisher noch nicht einmal angekratzt, sondern nur die mit notwendig scheinenden Vorgedanken zu Papier gebracht.
Man nehme das vorangegangene also als das, was es wert ist, und folge mir zum Kern der ganzen Sache. Ich gehe voraus:
Der Autor, so mag ich es postulieren, bewegt sich also im Vergleich zu den anderen Künstlern in einem erweiterten Sinnzusammenhang. Das ist sein größter Vorteil und sein größter Nachteil. Sein größter Vorteil, denn er ist nicht an die Unmittelbarkeit seines Werks gebunden, sondern kann es mit Nebenbedeutungen, parallelen Strängen, Metaphern und angedeuteten Doppeldeutigkeiten füllen – was den Reichtum eines großen literarischen Werkes ausmachen kann, und zudem die Literaturwissenschaften überhaupt ermöglicht und am Leben erhält. Sein größter Nachteil aber auch, denn er muss nicht nur das unmittelbare Werk kreieren, nicht nur das Material behauen und angemessen arrangieren, sondern noch dazu die Meta-Ebene und alle anderen Ebenen der Bedeutung seines Werkes, wenn schon nicht kontrollieren, so doch wenigstens bedenken und im Auge behalten. Die größte Wirkung eines Textes kann in dem liegen, was er gar nicht sagt. Damit wäre das Dilemma kurz und knapp gefasst.
Der Autor schafft nicht nur unmittelbare Bedeutung, sondern auch viel weitergehende und weitergefasst Sinnzusammenhänge. Er beeinflusst dadurch nicht nur die unmittelbare Struktur seines Textes, sondern auch die Struktur unserer Gedanken, unseres Fühlens und Handelns. Der Text wird nicht nur als Kunstwerk wahrgenommen, er kann nicht als solches im Raum der Kunst stehen- und zurückgelassen werden, sondern weil er sich desselben Materials bedient wie unser Leben als solches, tragen wir ihn mit uns in dieses Leben hinein. Die Fünfte Sinfonie können wir anhören, sie für gut und schön befinden und dann zur Tagesordnung übergehen, auch wenn wir vielleicht ein gutes Gefühl, angeregt von ihrer Harmonie, mit uns in den Alltag tragen. Aber ein guter Text nagt weiterhin an uns, er lässt uns nicht los und beschäftigt uns: er regt unser eigenes unmittelbares Denken an, und nicht nur als ein Ohrwurm, den wir tagelang nicht aus dem Kopf bekommen und der für sich in unserer Gedankenwelt steht, sondern als eine penetrante Aufforderung zum selber Denken: Was bedeutet es? Und was bedeutet es für mich?
Was ist in diesem Kontext nun aber die Aufgabe des Autors? Das mag eine ähnlich vermessene Fragestellung sein wie die nach der „Aufgabe der Kunst“, und wie diese ist sie schlechterdings kaum zu beantworten. Ich möchte aber dennoch einen Aspekt seiner Aufgabe herausstreichen, der aus seiner spezifischen Arbeitssituation und der Wirkung seines Schaffens entsteht:
Der Autor ist ein Sämann, der die Keime anderen Denkens in unseren Geist senkt.
Das ist, was der Autor im Idealfall sein sollte! Er sollte uns bekannte Dinge auf eine neue Weise erklären und Seiten an ihnen beleuchten, die wir in unserem normalen Umgang mit diesen Dingen übersehen oder ignorieren. Er sollte die Dinge aussprechen und beim Namen nennen, die uns unangenehm und denen gegenüber wir empfindlich sind, damit wir unsere Abneigungen, Verfehlungen und negative Emotionen aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen und überdenken können. Er sollte uns die Samen für jene bohrenden Fragen liefern, die wir uns nicht zu stellen trauen und die doch gestellt werden müssen, zu jeder Zeit ihre Fragen. Er sollte uns auf das aufmerksam machen, was wir in uns tragen, er sollte das Scheinwerferlicht auf unsere großen Möglichkeiten und unsere große Feigheit, auf unseren großen Mut und unsere große Grausamkeit, auf unsere große Liebe und unsere große Gleichgültigkeit richten, denn er ist es, der dafür besser ausgestattet ist als jeder andere. Er sollte keine falsche Scheu und Beschränkung an den Tag legen, nicht das sowieso Gedachte nochmals wiederkäuen, sondern sich wagemutig an den Grenzen des Akzeptierten reiben oder das Bekannte neu arrangieren.
Denn er kann uns dazu bringen zu denken.
Natürlich gibt es auch andere Literatur, und sie ist zahlreich und zahlreicher als die von Ihrem sehr Untergebenen hier angesprochene. Aber ich sehe nicht ein, dass das den Anspruch an den Autor mindern sollte. Gerade deshalb, weil er allzu oft nur ein Unterhalter ist – und das „nur“ sei hier nicht herabsetzend, sondern einfach im Sinne einer freiwillig erfolgten Beschränkung verstanden -, gerade deshalb brauchen wir den anderen Autoren umso dringlicher. Der Mensch wird gerne unterhalten und hat’s bequem, das ist eine Binsenweisheit, und wer wolle es dem Menschen vorwerfen, denn wir sind ja alle auch solche, also ich zumindest. Gerade deswegen sollten wir von Zeit zu Zeit angeregt werden durch diese kleinen, nagenden Kerne des Zweifels, die zarten Pflänzchen der Erkenntnis, das laute Röhren des Offensichtlichen und das überraschende Eintreffen des Deus ex Machina des immer Geleugneten und Verdrängten – zum Denken. Mit dem eigenen Kopf und mit dem eigenen Verstand.
Diese in Gang zu setzen ist der eigentliche, erweiterte Auftrag des Autors.
(An dieser Stelle wollte ich eigentlich noch einen kleinen Verweis auf den ebenso verstorbenen wir unsterblichen Henry Miller anbringen und auf sein überbordendes Werk, über das man denken kann wie man will, dessen Volumen an Samen und Keimen das des „gewöhnlichen“ Autors jedoch um ein Hundertfaches übersteigt – doch sei es an dieser Stelle erst einmal genug, der gut Henry muss später folgen.)
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