Donnerstag, November 30, 2006

Kofi-Time

Es war mein erster Besuch überhaupt bei Starbuck’s. Ich hatte eigentlich nie viel von einer solchen Kette gehalten. Solange ich konnte, zog ich das Voglhaus vor. Die Preise waren sowieso die gleichen, und das Flair des Voglhauses unbezahlbar.

Jetzt war das Voglhaus allerdings Geschichte, Teil meiner von Tag zu Tag weiter zurückliegenden Vergangenheit. An einem neuen Ort suchte ich neue Orte, und so landete ich heute tatsächlich im Starbuck’s.

Junge Menschen wüteten hinter der Theke mit einer beängstigenden Energie und Entschlossenheit. Eine junge Dame in schwarz und blond nahm meine Bestellung auf, garniert mit einem Lächeln, das mich zurücktaumeln ließ. Es war umwerfend. Sie sah aus, als sei sie von mir entzückt, ihre Augen leuchteten, und ihre Zähne blitzten weiß. Als wollte sie mich auffressen. „Sagen Sie mir Ihren Vornamen?“, fragte sie mich. Verdattert gab ich ihn ihr. Diese Masche war sogar mir neu. Wie hieß sie eigentlich? Wahrscheinlich Miranda oder so ähnlich, ein süßer und ein wenig klebriger Name, anziehend und sündig. Sie ihrerseits bedankte sich mit einer weiteren Variation ihres Lächelns, Sorte „Vertrauensbildend“, und sagte: „Ich werde Sie aufrufen, wenn Ihr Kaffee fertig ist.“ So war das also.

Abgesehen vom Service und den Preisen aus Fantasialand war Starbuck’s nichts Besonderes. Aus versteckt angebrachten Lautsprechern dudelte lockerer Swing und die Einrichtung verströmte das Flair schwedischer Möbelhäuser, aber das hatte ich beides schon zuhause, und besser. Sie hatten allerdings Lounge-Sessel, von denen ich einen ergatterte; ach ja, und der Kaffee war hervorragend. Er war frisch gebrüht und fuhr mir mit seinem Koffein direkt in meine Amygdala oder so ähnlich, ich war mir nicht mehr sicher – aber das machte nichts, ich hatte sowieso immer schon sehr großzügig gezielt.

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Dienstag, November 28, 2006

Momentaufnahme

Ich breitete den Mantel des Schweigens über den letzten Abend. Dieses Mal hatte die Session im Roots das Niveau der Übungsstunde einer Schülerband. Die jungen Musiker sahen sogar genau so aus. Sie hatten keinen Pep und keine Klasse. Sie konnten ihre Instrumente zwar spielen, aber sie fanden nicht zusammen. Sie würden niemals zusammenfinden. Das war deutlich zu sehen. Also verlegte ich mich an diesem Abend aufs Biertrinken und quatschte mit den Typen auf dem Hocker neben mir. Er war Gitarrist und somit wie ich Mitglied der weltumspannenden Familie der im Grunde überflüssigen Musiker. Es gab zu viele von uns. Niemand brauchte so viele Saxophonisten und Gitarristen. Zum Glück fragte das Leben nicht nach dem Sinn, und so existierten wir dennoch, um in anderen Gefilden unser Glück zu versuchen. Er würde sein Glück als Produzent versuchen, und ich – nun, ich hatte nach wie vor keine Ahnung.

Eigentlich hatte ich an diesem Abend aber keine Lust, neue Leute kennenzulernen. Ich hatte nichts gegen sie, aber sie berührten mich auch nicht sonderlich. Ich war ich und die Leute waren die Leute, so einfach war das. Ich musste sie nicht kennen. Wir konnten nebeneinander existieren ohne uns wehzutun. Es fühlte sich so an, als würde sich mein neues Leben in einiger Hinsicht grundlegend von meinem alten unterscheiden. Mir schienen plötzlich andere Dinge wichtiger zu sein und in den Vordergrund zu rücken. Alles andere hatte Zeit. Ich würde meine alten Gewohnheiten und Vorlieben nicht aufgeben, aber sie konnten warten. Ich konnte sie langsam angehen. Dazu gehörte das Sitzen in den Cafés, der Jazz, das Nachts-Denken-und-lange-Aufbleiben, das Trinken und auch manche Arten des Schreibens. Es war gut zu wissen, über ein paar Gewohnheiten und Fähigkeiten zu verfügen, aber ich musste mich ihrer nicht mehr versichern. Ich konnte auch einen ganzen Abend dasitzen und einer mittelmäßigen Band beim Schrammeln zuhören. Ich musste nicht spielen. Es war völlig in Ordnung so. Auch wenn es mit besserer Musik natürlich besser gewesen wäre.

Dieser Morgen war schwierig gewesen. Ich wurde älter oder irgendwas in die Richtung. Ich steckte die kurzen Nächte jedenfalls nicht mehr so einfach weg wie früher. Ich quälte mich nach der kurzen Nacht um zehn aus dem Bett und trank die nächste Stunde einen Kaffee nach dem anderen. Es war Herausforderung genug, den Becher zu halten und mir das heiße Getränk einzuflößen. Irgendwann kehrte das Leben in meinen Körper zurück, ich bekam wieder ein Gefühl für meine Gliedmaßen und schaffte es sogar zu frühstücken. Aber darum geht es eigentlich nicht, sondern hierum:

die Kontinuität von Entwicklung und Erleben.

Aber dazu muss ich kurz noch ausholen. Einige Minuten vor eins schaute ich aus dem Fenster zur Kirche und traute meinen Augen nicht. Die beiden Dorfstörche hockten Seite an Seite einträchtig auf dem Kreuz, das die Kirchturmspitze krönte. Die beiden riesengroßen weißen Vögel saßen einfach da, auf diesem winzigen Gipfelkreuz, kratzten sich ab und an am Bauch und ließen sich die Sonne aus Gefieder scheinen. Es war ein klarer Tag, nur ein bisschen diesig am Horizont, und die Aussicht, die sie hatten, war sicherlich hervorragend. Als Alteingesessenen ließen sie sich auch von der Kirchturmuhr nicht aus der Ruhe bringen, als die ein Uhr schlug. Was mir aber vor allem klar vor Augen stand, als ich diese beiden Vögel da so nahe beieinander sitzen sah, war die Atmosphäre der Zuneigung, die zwischen diesen beiden Tieren herrschte. Wir Menschen tendieren immerzu zu zwei Extremen, zwischen denen wir hin und her pendeln wie ein angeschlagener Kreisel: entweder wir sprechen den Tieren die selben Eigenschaften und mentalen und kognitiven Fähigkeiten zu wie uns selbst, oder wir sprechen ihnen jegliche von uns bekannten Eigenschaften ab. Das erste vielleicht aus dem Bemühen heraus, in der Welt nicht allein zu sein und die Tierwelt, die uns umgibt, besser zu verstehen; das zweite aus einer übertriebenen Wissenschaftlichkeit, für die nichts sein kann, was nicht mehrfach bewiesen und beglaubigt ist, in dreifacher Ausfertigung und mit Stempel und Siegel der höchsten Stelle der Objektivität. Ich hingegen denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Unsere Hunde, Katzen und Meerschweinchen, und die Drosseln uns Stare und Störche und alle anderen denken nicht wie wir. Wir denken in Symbolen, in Repräsentationen, in Abstraktionen, auch wenn das beim Anblick bestimmter unserer Mitmenschen manchmal zugegebenermaßen schwer zu glauben ist. Das ist es, was das menschliche Denken ausmacht, was seine Potenz und seine Crux ist, sein Erfolg und sein Verderben. Aber unter diesem spezifisch menschlichen Denken liegen unsere Erbschaften aus Jahrmillionen der Evolution, „wie oben, so unten“, wie es heißt. So wie unser Denken nicht völlig aus dem Nichts kommt, wenn es diesen Grad der Ausprägung auch erst mit dem „modernen“ Menschen, de Homo Sapiens, erreichte, sowenig kommt unsere emotionale Ausstattung, die noch um einiges älter ist, aus dem Nichts. Tiere haben wahrnehmbare, von außen klar unterscheidbare Emotionen und emotionale Zustände. In jenem Moment, als ich die beiden Störche, dieses Storchenpaar, da vor mir auf der Kirchturmspitze sitzen sah, dachte ich mir, ihre Zuneigung zueinander spüren zu können. Dass ich ein sprachloses Gefühl von Liebe zwischen diesen Tieren wahrnehmen konnte, eine tiefe Eintracht, die diese beiden miteinander verband.

Wir stehen in einer Kontinuität des Lebens und des Er-Lebens, die wir allzu oft vergessen und übersehen. Wir stehen nicht im luftleeren Raum. Wir sind nicht aus einem Nichts geschaffen worden. Wir existieren nicht unbezogen in dieser Welt. Wir sind ein Teil des Lebens auf diesem Planeten, auch wenn wir uns in kognitiver Hinsicht vielleicht signifikant vom Rest des Lebens unterscheiden. Aber das negiert nicht unsere Bindungen und unsere Herkunft. Wir sind ein Teil des Ganzen, auch wenn unser Bewusstsein uns die Illusion der Abgetrenntheit und Verschiedenheit vorgaukelt, die durch das Gefangensein im eigenen Körper entsteht. Doch die Verbindungen zum Rest des Lebens durchziehen und durchdringen alles. Sie definieren unsere Verantwortungen in diesem Leben.

Ich blickte zu den beiden Störchen auf dem Kirchturm und fühlte mich ihnen tief verbunden. Ich war in einem neuen, anderen und doch immer gleichen Leben, meinem Leben, angekommen, vieles würde sich weiterhin ändern, vieles bliebe gleich. Das was uns im innersten Kern ausmachte, was, unter allen Schichten des Bewusstseins, unser menschliches und jedes andere Leben ausmachte, würde jedoch immer das gleiche bleiben. Aus dieser Gewissheit heraus konnte man leben. Und diesen Kern, und sei es nur in Fragmenten, in Worte zu fassen, ihn erfass- und begreifbar zu machen, war vielleicht die tiefste und immerwährende Aufgabe des Schriftstellers.

Nach allem was ich wusste saßen die beiden Vögel noch immer entspannt dort oben. Der Gedanke tat gut.

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Dienstag, November 21, 2006

Meditations

In einem neuen Leben probierte ich neue Dinge. Ich hatte mir ein paar Regeln fürs Leben gegeben. Jetzt probierte ich sie aus.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das dem Zen zugrunde liegende Prinzip war mir schon lange klar, wahrscheinlich klarer als den meisten Zen-Praktizierenden selbst. Es geht darum, das Bewusstsein zu öffnen, und zwar sowohl für den jeweiligen konkreten Augenblick als auch für die Automatismen und Abläufe im eigenen Geist. Natürlich bekam ich dennoch eine zehnminütige Einführung ins Zen, die mich zu Tode langweilte. Aber ich befand mich auf unbekanntem Grund, und ich schwieg.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das Zen-Dojo Freiburg war ein kleiner Raum, nichts Großartiges oder Überwältigendes, nicht einmal etwas besonders Erhabenes. Ein kleiner Raum und ein Vorraum, mit Parkett ausgelegt, ein paar Kalligraphien und Buddhas an den Wänden, eine Garderobe, Sitzmatten und –kissen in einem Gestell an der Wand. Dennoch mutete mir der Raum fernöstlich an. Alles war sauber, alles war ordentlich, und alles schien eine wie auch immer geartete Bedeutung zu haben. Ähnlich wie in den japanischen Künsten, der japanischen Küche und den japanischen Umgangsformen war auch hier nichts Überflüssiges. Alles war Teil der größeren Zeremonie und der größeren Bedeutung. Es erschien mir zuerst leicht lächerlich, diese Bedeutungen und Zeremonien von Deutschen durchgeführt zu sehen, mit einer gewissen Anmut zwar, aber auch mit jenem Bierernst, zu dem wir als Volk auf irgendeine Weise prädestiniert zu sein scheinen. Aber sie taten es mit solchem Ernst und, wie ich zugeben muss, so wenig Künstlichkeit, dass ich es bald vergaß – sowieso machte ich gute Miene zu ihrem Spiel, denn ich wollte nun wissen, wie es wäre, das Zen. Es war nun einmal die Welt dieser Zen-Praktizierenden, in der ich nur Gast war. Ich hatte meine Meinung zu ihnen, aber ich musste sie ja nicht auch noch äußern.

Es war eine schweigsame Gruppe. Ich wurde nett empfangen und eingeführt, aber dennoch blieb mir das Gefühl, dass jeder ein wenig bei sich blieb, so als wäre es ihm ein wenig peinlich, hier mit den anderen zusammen diese ungewohnten Übungen aus einem fernen Land zu vollziehen.

Wie soll man anfangen über Zen zu schreiben? Man sitzt und starrt die Wand an. Das ist kein Witz, wir saßen tatsächlich alle mit dem Gesicht zur Wand, wofür ich aber auch dankbar war, denn das Sitzen fällt einem schwer genug, ich musste dabei nicht auch noch die Gesichter anderer mehr oder minder Versunkener vor mir sehen. Die Wand reichte mir vollkommen. Sie lenkt einen zudem nicht ab von dem Unsinn und dem Leiden des eigenen Geistes. Denn das ist es, was es in erster Linie ist: eine Rosskur für das Bewusstsein. Wir saßen dort zweimal eine halbe Stunde, und schon nach wenigen Minuten verlor ich das Gefühl für die Zeit und mein Geist ging auf Wanderschaft. Immer wieder kehrte ich wieder ins Hier und Jetzt zurück, und immer wieder floh meine Aufmerksamkeit in Tagträume... Darum geht es: die Tagträume, das müßige Ablenken, Herumgeistern und Imaginieren zu erkennen und vorüberziehen zu lassen. Nicht darum, es zu verurteilen, zu verdammen oder zu verhindern, denn das ist schlechterdings unmöglich, das Hirn lässt sich sowenig anhalten wie das Herz. Aber man wird mit fortdauernder Übung immer weniger zum Sklaven der eigenen Gedanken, Einfälle und Regungen. Man lässt sie vorüberziehen, wie Gewitterwolken am Himmel vorüberziehen, bis schließlich (und immer öfter) das klare, helle Licht der Aufmerksamkeit die Oberhand gewinnt, und die Wolken nur mehr das sind, Wolken, und nicht mehr Katastrophen, Zwänge und Ketten, die wir uns selbst anlegen.

Es wurde allerdings erstmal schlimmer, bevor es besser wurde. Man sitzt mit überkreuzten Beinen im Zazen, im halben oder auch ganzen Lotussitz, und irgendwann, das Gefühl für die Zeit hatte ich wie gesagt schon lange verloren, schlief mein einer Fuß so tief ein, dass ich weder das leiseste Gefühl mehr hatte, noch auch nur einen Zeh bewegen konnte. Es war, als wäre es gar nicht mehr mein Fuß, und das wäre sogar besser gewesen, denn ein pochender Schmerz begann mir zu schaffen zu machen und mich von allem anderen abzulenken. Am Ende der halben Stunde gab es in meinem Geist nur noch dieses Pochen, und ich ertappte mich, wie ich im Stillen beinahe schrie, dass es doch zu Ende gehen sollte... Auch in dieser Hinsicht war es eine sehr eindrückliche Erfahrung. Ich überlebte die halbe Stunde, und in der anschließenden Geh-Meditation, die an dieser Stelle wirklich bitternötig war, ging es auch meinem Bein bald wieder besser. Die zweite Sitzung war ein Klacks gegen diese erste, und wenn die ersten Kleckser des Satori wohl auch noch in weiter Ferne lagen, so war ich doch positiv überrascht, wie viel Ruhe letztendlich bereits in meinem Geist zu herrschen schien. Es war gut so, wie es war, und in jenen Momenten, in denen doch die Unzufriedenheit und Langeweile kurz ihr Haupt hob, wusste ich bei mir: Warum sollte es anders sein? Ich war in diesem Augenblick, und auch wenn er vielleicht nicht war wie in meinen Wünschen und Sehnsüchten, so war er doch, so wie er war, perfekt. Es gab nichts an ihm auszusetzen, nur an meiner eigenen Unzufriedenheit. Aber ich musste ja nicht auf sie hören.

Was soll man über Zen sagen? Man erkennt die eigenen Gedanken und Gewohnheiten, man bricht die gewohnten Muster und die gewohnte Wahrnehmung. Das ist alles, worum es geht, und gerade deshalb, weil es letztendlich so wenig und auch, bei aller Schwere, so einfach ist, ist es eine der wichtigsten Sachen der Welt. Wir haben nichts nötiger als unseren Geist, unser Bewusstsein einmal bei Licht zu besehen und zu entdecken, was es eigentlich damit auf sich hat. Wir sind zugleich Herren und Sklaven unserer Regungen und Gedanken, und öfter die Sklaven als die Herren. Die meisten Dinge, die wir tun, entspringen der unablässigen Arbeit dieser Geist-Maschine. Es konnte nur gut tun, zu lernen, ein wenig mit den Reglern und Parametern der Maschine zu arbeiten.

Ich wolle ja noch ein Wort zu den Regeln und ihrer Umsetzung verlieren.

Vor allem am Punkte 1 arbeitete ich. First things first. Ich hatte ein Café und eine Bar entdeckt, an denn ich mich wohlfühlte. Das Café war ein guter Platz zum Arbeiten, mit großen Fenstern, die auf die Straße gingen, und einer Einrichtung in dunklem Holz vor weißen Wänden, an denen Schwarz-Weiß-Fotografien hingen. Es wurde von Italienern geführt, und auch wenn es von Studenten überlaufen war (wie immer weniger ich mich ihnen zugehörig fühlte...) war es ein guter Ort. Kein Voglhaus, aber gut genug. Die Bar wiederum hatte 98 von 100 möglichen Bar-Punkten. Sie war die Quintessenz der Bar. Wenn die Bars dieser Welt zusammengekommen wären, um die Regeln und Richtlinien für vollkommene Bar-Haftigkeit festzulegen, wäre das Ergebnis eine Bar wie diese gewesen. Sie atmete Gelassenheit und Geborgenheit. Der Barkeeper war zugleich der Besitzer und schien alle Gäste mit Namen zu kennen. Auch meinen lernte er schnell. Es war eine ruhige, stille Bar. Sie lag die entscheidenden hundert Meter abseits sowohl der Touristenströme als auch des Mainstreams. Es langte wahrscheinlich gerade zum Überleben, aber es war auch ein großer Vorteil der Bar. Aber was nutzten all die Worte, sowenig, wie sich das Wesen des Voglhauses in einer Beschreibung einfangen ließ, sowenig war diese Bar eine Sache der Worte. Es genügte, dass es sie gab. Ich musste sie nicht beschreiben, ich konnte ab und zu dorthin gehen und gut leben. Das genügte.

Auch die Sache mit den Menschen ließ sich gut an. Wie immer war es die Musik, die alle Grenzen überwand und die Menschen einander näher brachte. In jener Bar gab es eine montägliche Jamsession, und wie die Bar war auch sie eine ruhige und gelassene Angelegenheit. Wir spielten als Quartett, klassischer als klassisch, mit Altsax, Piano, Bass und Drums. Klare und reine Klänge, die sich im Gewölbe brachen und an die Holztäfelungen des Raums und die Ohren das geneigten Zuhörer brandeten – will sagen, die Bar hatte eine Spitzenakustik, in der zu spielen eine Freude war. Sie hatte allerdings auch Spitzenmusiker, mit denen zu spielen mehr war als freudig, nämlich ein Genuss, und mit einer Leichtigkeit, die nur entsteht, wenn alle Beteiligten ganz bei einer Sache sind und in ihnen aufgehen, und die einzelnen Musiker zu einer größeren Verbindung verschmelzen, ganz Ohr und ganz Klang.

Eine weitere Form von Meditation. Eine weitere Art von Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit.

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Samstag, November 18, 2006

Sinn und Auftrag des Autors II

Zum Abrunden des Ganzen und zwecks Einordnung unter noch einem anderen Blickwinkel hier doch noch einige Worte Henry Millers, entnommen dem kurzen Essay „Mein Leben als Echo“ (Von der Unmoral der Moral, rororo):

„Schriftsteller werden! Als ich den Schöpfer um diese Gnade bat, ahnte ich nicht, welchen Preis ich für das Privileg würde zahlen müssen. Auch ahnte ich nicht, dass ich mich mit so vielen Idioten und Tölpeln würde befassen müssen, wie mir in den letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahren über den Weg gelaufen sind. Ich hatte mir beim Schreiben meiner Bücher vorgestellt, ich wendete mich an verwandte Geister. Nie kam ich auf die Idee, ich würde, aus ganz anderen Gründen, als ich im Sinn hatte, von der gedankenlosen Masse akzeptiert werden, die mit der gleichen Wonne die Comic strips, die Sportmeldungen und die Finanzberichte im Wall Street Journal liest. Wer mein Buch über Big Sur (wo ich jetzt seit vierzehn Jahren lebe) gelesen hat, weiß, dass mein Leben an diesem abgeschiedenen Ort das eines Eichhörnchens im Käfig ist: ständig den Blicken ausgeliefert, ständig Neugierigen, Autogrammjägern und drittklassigen Zeitungsreportern ausgesetzt. Vielleicht war es die Vorahnung eben einer solchen Absurdität, die mich dazu bestimmte, in mein allererstes Buch, ‚Wendekreis des Krebses’, ein Zitat aus Papinis ‚Uomo Finito’ aufzunehmen. Heute habe ich, ähnlich wie Einstein, das Gefühl, dass ich, würde mir noch ein zweites Leben gewährt, vielleicht Schreiner oder Fischer werden möchte – alles, nur kein Schriftsteller. Die wenigen, die ein Schriftsteller mit seinen Büchern erreicht, denen seine Worte etwas sagen, denen sie Freude und Trost bieten, werden weiter das sein, was sie sind, ob sie seine Bücher lesen oder nicht. Dieses ganze verdammte Schreibgeschäft, Buch um Buch, Zeile um Zeile, läuft auf einen Spaziergang im Park hinaus, auf ein Hutlüften hin und wieder und ein ‚Guten Morgen, Tom, wie geht es Ihnen?’ – „Danke, gut... und Ihnen?Keiner wird dadurch klüger, trauriger oder glücklicher. C’est un travail du chapeau, voilà tout!

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Sinn und Auftrag des Autors I

Ich wachte um 9:00 Uhr auf und sprang aus dem Bett. Es war ein Wetter zum Eierlegen, und ich beeilte mich, mich auf die Stange zu hocken. Ich hatte sechs Stunden Schlaf abbekommen, aber heute genügten mir die. Ich konnte keine Sekunde des Tages mehr verstreichen lassen.

Ich kochte Kaffee und nahm einer Laune folgend einen dünnen Henry-Miller-Band zur Hand, „Von der Unmoral der Moral“, von dem auch Tine kürzlich einmal gesprochen hatte. Bereits das Vorwort und das erste Kapitel elektrisierten mich. Miller war ein Autor und ein Künstler im eigentlichen Sinne der Worte. Sofort fiel mich eine Art von Erkenntnis an, die ich hier kurz wiedergeben möchte, weil es das Beste ist, was mir bisher zum eigentlichen Wesen eines Autors zu Bewusstsein gekommen ist:

Der erweiterte Sinn und Auftrag des Autors:

Der Sinn und Ur-Zweck aller Kunst ist es, Schönheit und Harmonie zu schaffen. Das ist in aller Kürze und aller Unbestimmtheit, die die Kürze mit sich bringt, die Essenz des künstlerischen Vorgangs. Es trifft auf jede Kunst zu, die ernst gemeint ist und mit einem wahrhaft künstlerischen Anspruch antritt. Es gilt für Malerei, für Musik, für Schauspiel und Dichtung. Wir stehen in der unvollkommenen Welt unseres Erlebens und fügen die Kunst hinzu, um mit einem Mehr an Ordnung und Eleganz wieder aus ihr aufzutauchen. Musik gehorcht harmonischen Regeln, sogar die Popmusik oder Heavymetal, hier als beliebige Beispiele für das oft als unkünstlerisch gescholtene herangezogen – doch auch hier walten Regeln und harmonische Konzepte, auch wenn diese (gerade bei Heavymetal) mit den herkömmlichen und den meisten Menschen vertrauten Harmonien auf den ersten Blick nicht viel zu tun zu haben scheinen. Ich persönlich, es sei zugegeben, verabscheue Heavymetal. Aber ich anerkenne es dennoch als einen von vielen Versuchen des Menschen, sich künstlerisch auszudrücken, auch wenn ich denke, dass es für diesen Zweck bessere Mittel und Methoden gäbe.

Aber eine interne Rangfolge der Künste ist hier nicht mein Ziel, sondern etwas anderes.

Zuerst noch: Auch Malerei und Dichtung folgen diesen Prinzipien. Gemälde werden ebenso komponiert wie Sinfonien, auch sie folgen den Gesetzen der Harmonie und der Eleganz, sei es ein Rembrandt oder ein Van Gogh. Vielleicht stören sie zuerst unsere normalen Sehgewohnheiten, aber letztendlich, wenn es Kunst ist, tragen sie eine innere Harmonie in sich, die wir entdecken und uns erschließen können. Ebenso Dichtung, Poesie. Die Gemeinsamkeiten sind, bei allen Unterschieden in den Medien, überwältigend.

Im Speziellen möchte ich mich nun der erzählenden Literatur widmen, der Story, dem Roman, dem Essay. Allen vorangegangenen kurz erwähnten Beispielen für die Kunst ist gemein, dass alle von ihnen über ein ureigenstes Material verfügen, dass dem speziellen Bereich der Kunst eigen ist: die Musik die Töne, die Malerei die Farben, die Poesie – nun, auch die Poesie nutzt die Worte, was auf den ersten Blick wie ein geteilter Rohstoff mit der Literatur anmutet, doch sie setzt sie anders ein: der von der Poesie geschaffene Sinnzusammenhang der Worte zueinander ist ein grundlegend anderer als in der Literatur. Die Poesie gleicht dem Impressionismus, dem Pointilismus, sie tupft und tuscht die Worte an die ihnen zugedachte Stelle und lässt sie, manchmal fernab ihrer alltäglichen, gewöhnlichen Bedeutung, durch die Kunst der Komposition eine ganz andere, neue, ungewohnte und überraschende Wirkung entfalten. Gerade durch diesen Akt der Komposition und ihre Selbstbeschränkung im Material erzielt die Poesie ihre Wirkung. Jedes Wort hat Bedeutung, und kein Wort kann genommen werden, ohne den Sinn der Dichtung zu verändern.

Anders in der erzählenden Literatur: Der Sinn und die Wirkung sind nicht an den einzelnen Worten festgemacht. Die Ankerpunkte des Textes befinden sich auf einer anderen Ebene als in der Poesie, nämlich auf der des auszudrückenden Sinns. Das klingt komplizierter als es ist, also will ich es anders sagen:

Der Literat, er schreibt wie er spricht (im Idealfall und mit humanistischer Bildung). Der Poet macht gerade das nicht. Der Literat will ebenfalls einen Sinn transportieren und dem Leser vermitteln, und auch er, gleich den anderen Künstlern, richtet sich nach den der Literatur zugrunde liegenden harmonischen Regeln und Zusammenhängen. Doch sein Werk hantiert nicht mit einem Rohstoff oder Medium, der seinem Bereich der Kunst allein gemäß und eigen wäre. Auch er arbeitet mit Worten, aber in einem vollkommen anderen Sinne als der Poet. Der Poet nimmt die Worte in ihrer Struktur und ihrem für sich stehenden Sinngehalt, wie sie sind, ebenso wie der Musiker die Töne nimmt, wie sie sind, und der Maler die Farben. Es gibt keinen übergeordneten Sinn von Ton und Farbe, und es gibt nur wenig übergeordneten Sinn über dem Wort des Gedichts. Wenn es im Gedicht doch mehr Sinn gibt als den unmittelbaren, den ein oder wenige Worte für sich genommen transportieren können, so ist es kein Gedicht im eigentlichen Sinn, sondern getarnte Literatur. Darüber mag man streiten, aber um den Willen des Arguments mag ich diese (zugegeben vielleicht künstliche) Trennung hier vornehmen.

Der Literat, der Autor arbeitet also in einem ganz anderen Sinn und Kontext mit seinem Rohstoff und seinem Werk: er arbeitet mit Worten, aber eigentlich wäre es richtiger zu sagen, er arbeitet mit Symbolen. Die andere Kunst wirkt durch sich allein, durch den unmittelbaren Einfluss ihres (vom Künstler angeordneten) Materials auf die Psyche und Emotion des Menschen. Auch sie kann Bilder und Symbolik erschaffen, von Musik über Malerei zu Poesie in zunehmendem Maße, aber dies ist nicht ihr eigentlicher, erster Zweck. Sie steht für sich und gilt für sich. Anders der Text des Autors: ihm geht es in erster Linie um die hinter und über dem eigentlichen Text stehenden Sinnzusammenhänge, um das, was man „zwischen den Zeilen“ liest. Ganze Kapitel eines Buches können umgeschrieben werden, ohne dass das Werk als Ganzes seine Bedeutung einbüße oder änderte. Ändere ganze Seiten Partitur einer Sonate, übermale ein Viertel eines Bildes, streiche einen Absatz einer Dichtung, und das Ergebnis ist ein anderes. Die Bedeutung der erzählenden Literatur wird hingegen erst im Leser selbst vollendet, der Autor legt in seinen dürren Worten nur den Grundstein dazu an. Er entlehnt den Werkstoff des Wortes der Dichtung und reichert ihn mit der Wirkkraft der Symbolik an. Und gerade hierin liegt die Wirkungskraft der Literatur, deshalb lesen wir alle, deshalb haben wir Meter auf Meter Bücher in unseren Regalen stehen (oder wenigstens den einen oder anderen Groschenroman auf dem Nachttisch): Weil der Autor sich durch seinen ausdrücklichen Ausflug in das Reich der Symbole unmittelbar in jenem Raum bewegt, in dem auch wir anderen uns alle bewegen, Tag für Tag und unser ganzes bewusstes Leben. Denn das Leben des Menschen ist ein Leben im Reich seiner von ihm geschaffenen Symbole. Wir sehen die Welt nicht, wie sie unmittelbar ist, sondern vermittelt zuerst durch unsere Sinne und dann unsere Sinnzusammenhänge und Symbole im Bewusstsein. Vereinfacht gesagt: Wer keinen Hammer kennt, kann ihn als solchen nicht wahrnehmen, sondern als Objekt aus Holz und Metall. Wer keinen Krieg kennt, wird ratlos auf das Geschehen auf diesem Planeten blicken und sich keinen Reim darauf machen können. Wer keine Symbolik für die Liebe bereithält, wird mit Unverständnis und irritiert auf die Werbung der anderen reagieren. Was wir an Symbolen im weitesten Sinne bereithalten oder konstruieren können, bestimmt, was wir wie wahrnehmen können.

An dieser Stelle mag ich kurz innehalten und verschnaufen, denn es erscheint mit einem Mal auch mir seltsam kompliziert und vertrackt, und angreifbar ist es allemal. Aber das soll mich hier nicht kümmern, schließlich ist dies keine wissenschaftliche Abschlussarbeit, auch kein Dogma oder ein Pamphlet (noch nicht), gerade nur ein paar sehr persönliche Gedanken zur eigentlichen Aufgabe des Autors – und diese habe ich bisher noch nicht einmal angekratzt, sondern nur die mit notwendig scheinenden Vorgedanken zu Papier gebracht.

Man nehme das vorangegangene also als das, was es wert ist, und folge mir zum Kern der ganzen Sache. Ich gehe voraus:

Der Autor, so mag ich es postulieren, bewegt sich also im Vergleich zu den anderen Künstlern in einem erweiterten Sinnzusammenhang. Das ist sein größter Vorteil und sein größter Nachteil. Sein größter Vorteil, denn er ist nicht an die Unmittelbarkeit seines Werks gebunden, sondern kann es mit Nebenbedeutungen, parallelen Strängen, Metaphern und angedeuteten Doppeldeutigkeiten füllen – was den Reichtum eines großen literarischen Werkes ausmachen kann, und zudem die Literaturwissenschaften überhaupt ermöglicht und am Leben erhält. Sein größter Nachteil aber auch, denn er muss nicht nur das unmittelbare Werk kreieren, nicht nur das Material behauen und angemessen arrangieren, sondern noch dazu die Meta-Ebene und alle anderen Ebenen der Bedeutung seines Werkes, wenn schon nicht kontrollieren, so doch wenigstens bedenken und im Auge behalten. Die größte Wirkung eines Textes kann in dem liegen, was er gar nicht sagt. Damit wäre das Dilemma kurz und knapp gefasst.

Der Autor schafft nicht nur unmittelbare Bedeutung, sondern auch viel weitergehende und weitergefasst Sinnzusammenhänge. Er beeinflusst dadurch nicht nur die unmittelbare Struktur seines Textes, sondern auch die Struktur unserer Gedanken, unseres Fühlens und Handelns. Der Text wird nicht nur als Kunstwerk wahrgenommen, er kann nicht als solches im Raum der Kunst stehen- und zurückgelassen werden, sondern weil er sich desselben Materials bedient wie unser Leben als solches, tragen wir ihn mit uns in dieses Leben hinein. Die Fünfte Sinfonie können wir anhören, sie für gut und schön befinden und dann zur Tagesordnung übergehen, auch wenn wir vielleicht ein gutes Gefühl, angeregt von ihrer Harmonie, mit uns in den Alltag tragen. Aber ein guter Text nagt weiterhin an uns, er lässt uns nicht los und beschäftigt uns: er regt unser eigenes unmittelbares Denken an, und nicht nur als ein Ohrwurm, den wir tagelang nicht aus dem Kopf bekommen und der für sich in unserer Gedankenwelt steht, sondern als eine penetrante Aufforderung zum selber Denken: Was bedeutet es? Und was bedeutet es für mich?

Was ist in diesem Kontext nun aber die Aufgabe des Autors? Das mag eine ähnlich vermessene Fragestellung sein wie die nach der „Aufgabe der Kunst“, und wie diese ist sie schlechterdings kaum zu beantworten. Ich möchte aber dennoch einen Aspekt seiner Aufgabe herausstreichen, der aus seiner spezifischen Arbeitssituation und der Wirkung seines Schaffens entsteht:

Der Autor ist ein Sämann, der die Keime anderen Denkens in unseren Geist senkt.

Das ist, was der Autor im Idealfall sein sollte! Er sollte uns bekannte Dinge auf eine neue Weise erklären und Seiten an ihnen beleuchten, die wir in unserem normalen Umgang mit diesen Dingen übersehen oder ignorieren. Er sollte die Dinge aussprechen und beim Namen nennen, die uns unangenehm und denen gegenüber wir empfindlich sind, damit wir unsere Abneigungen, Verfehlungen und negative Emotionen aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen und überdenken können. Er sollte uns die Samen für jene bohrenden Fragen liefern, die wir uns nicht zu stellen trauen und die doch gestellt werden müssen, zu jeder Zeit ihre Fragen. Er sollte uns auf das aufmerksam machen, was wir in uns tragen, er sollte das Scheinwerferlicht auf unsere großen Möglichkeiten und unsere große Feigheit, auf unseren großen Mut und unsere große Grausamkeit, auf unsere große Liebe und unsere große Gleichgültigkeit richten, denn er ist es, der dafür besser ausgestattet ist als jeder andere. Er sollte keine falsche Scheu und Beschränkung an den Tag legen, nicht das sowieso Gedachte nochmals wiederkäuen, sondern sich wagemutig an den Grenzen des Akzeptierten reiben oder das Bekannte neu arrangieren.

Denn er kann uns dazu bringen zu denken.

Natürlich gibt es auch andere Literatur, und sie ist zahlreich und zahlreicher als die von Ihrem sehr Untergebenen hier angesprochene. Aber ich sehe nicht ein, dass das den Anspruch an den Autor mindern sollte. Gerade deshalb, weil er allzu oft nur ein Unterhalter ist – und das „nur“ sei hier nicht herabsetzend, sondern einfach im Sinne einer freiwillig erfolgten Beschränkung verstanden -, gerade deshalb brauchen wir den anderen Autoren umso dringlicher. Der Mensch wird gerne unterhalten und hat’s bequem, das ist eine Binsenweisheit, und wer wolle es dem Menschen vorwerfen, denn wir sind ja alle auch solche, also ich zumindest. Gerade deswegen sollten wir von Zeit zu Zeit angeregt werden durch diese kleinen, nagenden Kerne des Zweifels, die zarten Pflänzchen der Erkenntnis, das laute Röhren des Offensichtlichen und das überraschende Eintreffen des Deus ex Machina des immer Geleugneten und Verdrängten – zum Denken. Mit dem eigenen Kopf und mit dem eigenen Verstand.

Diese in Gang zu setzen ist der eigentliche, erweiterte Auftrag des Autors.

(An dieser Stelle wollte ich eigentlich noch einen kleinen Verweis auf den ebenso verstorbenen wir unsterblichen Henry Miller anbringen und auf sein überbordendes Werk, über das man denken kann wie man will, dessen Volumen an Samen und Keimen das des „gewöhnlichen“ Autors jedoch um ein Hundertfaches übersteigt – doch sei es an dieser Stelle erst einmal genug, der gut Henry muss später folgen.)


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Donnerstag, November 16, 2006

Das Richtige tun

Ich fing von vorne an, ohne irgendetwas außer Claudia, auf das ich mich stützen konnte. Aber letztendlich war das auch egal. Es war vollkommen uninteressant, wo und in welchen Verhältnissen ich mich befand. Das Leben war immer das gleiche. Es änderte sich dadurch um keinen Deut. Es ist ein Irrtum zu denken, wir könnten uns entkommen und an fernen Orten ohne weiteres neue Leben anfangen. Das Gegenteil ist der Fall. Die weiteste Reise wird uns nicht einen Deut von uns selbst und unserem Dasein, unserem Denken und unseren Gewohnheiten fortbringen, solange wir das Entscheidende mit uns schleppen wie einen Fliegenfänger: uns selbst.

All das wurde mir sehr bewusst, als ich im Schatten vor dem „Uni-Café“ saß. Nebenbei ein beliebiges Café in der neuen Stadt, und auch diese beliebig. Es war der gleiche Ort wie jener, den ich verlassen hatte. Die Menschen unterschieden sich in nichts, und auch ich selbst unterschied mich in nichts. Ich würde neue Freunde finden, von vorne beginnen zu leben, aber es würde dasselbe Leben werden wie in der alten Stadt. Wir können von außen nichts an uns ändern. Wir tragen unsere Leben mit uns. Das einzig Substantielle, das wir erreichen können, erringen wir im Kampf mit uns selbst, in den unendlichen unbewussten Tiefen unseres Seins. Denn in diesem Leben gibt es nur zwei Richtungen: Stillstand und Einschleifen oder Bewusstwerdung. Alles andere ist eine Folge dieser zugrunde liegenden Entscheidungen, die jeder von uns für sich alleine treffen muss...

Solcherart meine Gedanken an einem beliebigen Mittwochmittag in Freiburg im Breisgau. Ich hatte begonnen, meine Fühler wieder auszustrecken. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder Fuß fassen würde. Ich würde wohl keine Probleme damit haben, neuen Anschluss zu finden. Vielleicht würde es ja sogar musikalisch passen. Ich würde sehen.

Ich hatte genügend Zeit damit verbracht, mich hängenzulassen. Nach einer Woche wurde das langweilig. Man hält nur so und so lange mit sich selbst aus, jedenfalls wenn man sich permanent selbst ausweicht. Das Kunststück war, die Nähe zum eigenen Selbst zuzulassen und sich anzuschauen, anstatt in sinnlose Ablenkungsaktivität zu verfallen. Es war absurd. Am Nebentisch machte man mir schöne Augen, ich war neu in der Stadt und das Wetter war gut. Es war ein ganz normaler Tag in einem völlig normalen Leben, dessen einziges Problem darin bestand, dass der Inhaber dieses Lebens die fixe Idee hatte, alles andere als gewöhnlich zu sein. Aber damit musste ich wohl klarkommen. Ich musste einen Weg finden, meine Talente einzusetzen und gut dabei zu leben. Diese Wiederholung nur um des Einprägens willen.

Die schönen Augen gehörten übrigens einer blonden Süßen vom sportlichen Typ. Sie waren von tiefem Blau und sinnlicher Wärme. Daneben der fesche, schicke Typ. Ihre Fingernägel waren mit Mustern lackiert. Das reichte mir schon. Die andere mit den Augen warf mir weiter jene warmen Blicke zu. Ab und an fing ich einen auf, denn es war kühl hier draußen. Wir hatten Mitte November, und die Sonne war hinter den Häusern. Aber mehr brauchte ich nicht. Ich verkniff mir sogar das Lächeln. Schließlich wollte ich sie nicht auf dumme Gedanken bringen.

So oder so, wir alle würden immer wieder über uns selbst hinauswachsen müssen. Leben ohne Handeln war verschenkt.

Oder wie ich an anderer Stelle schon einmal gesagt hatte:

Nicht unbedingt alles Mögliche tun, aber das Richtige tun.

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Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post