Rules For Life
Ich war mal wieder in mich gegangen und hatte mich umgesehen. Es war nicht einfach gewesen. Ich hatte es lange vermieden, mir einen Besuch abzustatten, und der Weg war von alten Gedanken, schlechten Ideen und wirrem Zeugs überwuchert. All das garniert mit breiten Lachen der Verzweiflung. Es war hin und wieder ein schöner Ort, aber er brauchte Pflege. Ich würde mal wieder aufräumen müssen.
Am Abend zuvor hatte ich Besuch empfangen. Jan-Rasmus klopfte an meiner Tür. Gemeinsam leerten wir eine Flasche Whisky und redeten über unser Leben. Wir erinnerten uns der Vergangenheit wie eines guten Freundes. Nebenher betranken wir uns mit großer Hingabe und Konsequenz. Es war ein guter Abend.
Aber darum sollte es hier nicht gehen. Ich vertrödelte wieder einmal den Morgen. Ich hing herum, surfte im Internet und tat nichts. Irgendwann fiel mir auf, dass ich in meinem eigenen Müll vegetierte. Ich hatte abgeschlossen, und ich verlotterte. Dies war keine Art, ein Leben zu führen, nicht einmal die Reste eines Lebens, das sich neigte. Ich musste dringend mal wieder über mich nachdenken. so ging ich also in mich. Es war anstrengend und machte mich fix und fertig. Es ist wie eine Bergwanderung: Am Anfang fällt es schwer, und auch wenn der Körper endlich warm geworden ist, bleibt es eine Plackerei; aber eine, die eine angenehme Wärme und Schwere im Körper zurücklässt, und die Aussichten, die man gewinnen kann, wenn der Himmel und der Geist rein und gereinigt sind, sind es vielfach wert.
Nun, ich hatte keine besondere Lust, hier jetzt alles minutiös nachzuvollziehen. Viel lieber wollte ich die Bilanz festhalten, denn diese war es, die am Ende wenigstens ausgeglichen sein oder gar einen Überschuss aufweisen sollte. [Allein schon die Idee, Dinge und Menschen und Handeln und Bedürfnisse gegeneinander aufzurechnen, ist eigentlich bizarr. Wer hatte sie zuerst gehabt? Wie hatte er die anderen dafür gewinnen können?]
1. Be a regular in at least one place.
2. Be a part of your community.
3. Have a cause. Have something to believe in.
4. Become at home.
5. Be part of something bigger than you.
6. Care for something.
1. Sei ein regelmäßiger Besucher mindestens eines Ortes.
2. Sei ein Teil deiner Gemeinschaft.
3. Habe etwas, an das du glaubst. Habe einen Grund.
4. Komme zuhause an.
5. Sei Teil von etwas, das größer ist als Du selbst.
6. Kümmere dich um etwas; sei dafür da.
Ich würde es in Freiburg ausprobieren. ich hatte es satt, vor mich hinzuleben. Das war sowieso das Problem an meinem Leben: Es hatte keinen Inhalt. Ich hatte keinen Inhalt. Ich war eine hervorragende Form, aber ich war leer. Ich hatte es immer vermieden, mich einer Sache zu widmen. Ich wolle immer frei bleiben und verwechselte Freiheit mit Ungebundenheit. Tatsächliche Freiheit besteht in der Wahl, und nicht im Nicht-Wählen.
1. Ich würde mir in Freiburg einen Ort außerhalb meines Zuhauses suchen, den ich immer wieder besuchen würde. In Konstanz war das das Voglhaus gewesen, in Freiburg würde es ein anderer Ort, ein anderes Café sein. Es war gut, an einem Ort bekannt zu sein. Andere Menschen zu sehen und Teil ihres Kosmos zu werden, und sie zum Teil des eigenen Kosmos zu machen. Jeder braucht einen Ort, an dem er mit einem Lächeln begrüßt wird.
2. Ich war nie ein integraler Teil meiner Gemeinschaft gewesen. Ich hatte mich immer als den Außenstehenden begriffen und erhalten. Das war falsch. Es hatte einen gewissen Luxus, unverbunden am Rande zu stehen und von Zeit zu Zeit vorgeblich weise Kommentare abzusondern, aber es blieb ein Jonglieren im luftleeren Raum, ohne Konsequenzen. Erkenntnis ohne resultierende Handlung blieb sinnlos.
Ich würde mir Gemeinschaften suchen. Eine Bigband, eine Zazen-Übungsgruppe, eine Schreibgruppe, einen Verein. Auf uns allein gestellt kann unser Wirken keine Früchte tragen.
3. Ich glaubte an nichts. Ich wagte noch nicht einmal, mir die Frage zu stellen, an was ich glaubte. Ich wich ihr aus, wann immer ich konnte. Das war der Grund für das tiefe Unbehagen, das in mir war.
Dass ausgerechnet Al Gore einen zum Denken bringen konnte... Er hatte einen Grund, er hatte etwas, für das er kämpfte. Etwas, woran er glaubte. Nun, das war auch der Grund für Religion, der Grund für Dogma. Etwas Unhinterfragbares besitzen, das einem Orientierung gab. Daran lag mir nichts. Aber einen Inhalt und ein Ziel brauchte ich dennoch. Ich war ein Mensch. Ich musste es mir zugestehen oder scheitern. Scheitern, ohne jemals aufgebrochen zu sein.
4. Ich würde unser Zuhause zu einem einzigartigen Ort für uns machen. Es war der Ort, an dem wir lebten, wo wir aßen, dachten, atmeten, träumten, einander liebten, schliefen. Es konnte nicht irgendein beliebiger Ort sein. Es musste ein unverwechselbarer Ort werden. Und das würde er.
5. Viele Probleme drückten diesen Planeten. Ich kannte die meisten von ihnen wenigstens dem Namen nach. Die Erde erwärmte sich, die Umwelt wurde geschädigt, die Armut griff weiter um sich, während andere immer reicher wurden, neue Krankheiten breiteten sich aus, Menschen töteten und verstümmelten einander, anstatt zusammen zu arbeiten, und das Bewusstsein bereitete den Menschen immer noch unvorstellbare Probleme und Leiden. Ich würde ein Teil der Lösung sein wollen, nicht des Problems. Ich würde mit anderen zusammen an den Lösungen arbeiten. Das war klar. Kein Mensch war eine Insel, und kein Mensch konnte die Probleme, denen wir uns gegenübersahen, im Alleingang lösen. Al Gore versuchte es mit Edukation, Hilfe zur Selbsthilfe. Ich würde mir etwas Vergleichbares suchen müssen. Das ergab Sinn. Werde Teil eines größeren Sinnzusammenhangs.
Arbeit ist kein Selbstzweck, weder im Guten noch im Schlechten. Sie muss in diesem größeren Sinnzusammenhang stehen, um selbst sinnvoll zu sein. Arbeit bewirkt etwas. Sie ist Mittel zu Zweck. Das andere ist Kunst, der Selbstzweck, das Tun um des Tuns willen.
Tue diese beiden: Arbeit für das Ziel, Kunst für die Kunst.
Lebe ganz.
6. CARE FOR SOMETHING. Kümmere Dich um de Menschen, die dir nahe stehen. Verringere das Leiden: dein eigenes und das der anderen. Am Ende ist es Liebe oder Hass. Stelle Dich auf die Seite der Liebe.
Care fort his place. Care for these people. Care for this life. Care for Life.
Auch wenn ich tatsächlich schreiben würde, müsste das Schreiben diesen Regeln und Zielen gerecht werden. Das Leben selbst hatte Regeln. Das Leben selbst hatte Ziele. Ich konnte nicht damit weitermachen, sie einfach zu ignorieren. Das würde nicht funktionieren. Ich musste mich mit ihnen auseinandersetzen. Wenn ich sie unannehmbar fände, würde ich sie verändern müssen. Wenn ich sie richtig fände, würde ich mit ihnen leben und ihnen Ausdruck verleihen. Aber es ging nicht mehr auf die alte Art und Weise weiter.
Mein Leben änderte sich. Alles änderte sich um mich herum. Es machte mir Angst. Aber es war auch eine riesengroße, unbezahlbare Chance, mich neu zu erfinden und ein anderes Leben zu führen. Dieses war gut gewesen. Ich war die meiste Zeit glücklich. Aber es konnte noch besser werden. Das war das Ziel.
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