Dienstag, September 12, 2006

Weltenende

Ich bekam keinen Fuß mehr auf den Boden. Ich verbrachte den Tag damit, einen Marlowe-Roman zu lesen. Die Tote im See. Nicht übel, aber auch nicht von der Güte eines langen Abschieds. Aber das wäre wohl auch zuviel verlangt gewesen.
Ab dem Nachmittag begann ich dann ernsthaft damit, mich zu betrinken. Ich hatte sonst nichts Besseres zu tun, und ich hatte nicht den Hauch einer Absicht, etwas zu arbeiten. Ich wusste, dass ich es hätte tun sollen. Ich tat es nur einfach nicht. Dieser Tag und alle Tage waren leer, ohne Struktur und ohne Inhalt.
Ich hatte gedacht, ich wäre cool, und dabei war ich einfach nur einsam. Wieder einsam. Das bekannte Gefühl.

Einsamkeit. Sicherlich sosehr selbstgewählte wie erlittene Einsamkeit. Die hier verbliebenen Freunde, die ich wirklich sehen wollte und die mir etwas bedeuteten, konnte ich an den Fingern einer Hand abzählen. Dass ich mich nicht bei ihnen meldete, war mein Problem, aber ihre Zahl war von Beginn an niedrig gewesen.
Das sagte natürlich ebenso viel über mich selbst wie über die Umstände des Lebens selber aus.

Meine Zeit hier in dieser Stadt ging zu Ende. Es war ein goldener, milder, frischer Herbstanfang. Die Luft wurde langsam kühl und herb, und die Blätter begannen sich zu verfärben. Die Nächte waren schon kalt, aber die Tage waren noch warm und mit dem Duft der Verheißung angetan. Es war ein letztes, goldenes Aufleuchten vor dem Winter, der Kälte, dem Tod. Wann hatten die Blätter begonnen, ihre Farbe zu verändern? Ich musste zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt gewesen sein.

Mein Leben hier war verbraucht. Es hatte seinen Sinn und seinen Inhalt verloren. Die Tage zogen vor meinem Auge vorbei, einer leerer als der andere. Ich wusste, dass ich schreiben wollte. Mein Studium war noch nicht ganz beendet, die letzte Hürde lag noch vor mir, aber ich hatte bereits jegliches Interesse daran verloren. Ich würde es nur noch aus Pflichtbewusstsein tun. Meine Kür würde ich auf einem ganz anderen Gebiet erringen. Dieser Gedanke machte mich stolz, und er machte mir zugleich Angst. Denn ich hatte keine große Ahnung von dem, was ich unternehmen wollte. So dachte ich damals zumindest.
Ich war ein junger Mann an einem Scheideweg seines Lebens. Das Alte war vergangen. Ich unternahm noch müde Versuche, es am Leben zu erhalten, aber tief in meinem Herzen wusste ich bereits, dass sie vergeblich waren. Das Neue war noch nicht da. Ich musste mich entscheiden, welchen Weg ich gehen wollte. Es gibt nichts Einschüchterendes und Schrecklicheres als diese Wahl. Ich dachte, sie würde den Rest meines Lebens bestimmen, oder jedenfalls den Anfang des Rests. Und ich war wie erstarrt im Antlitz dieser Bedeutung. Sie wog wie ein Zentnergewicht auf meiner Brust.

Dieses war das Gefühl meines Lebens, in den letzten Tagen in Konstanz.

Ich würde es alles in Geschichten verpacken müssen. Und ich wollte es tun. Ich wollte mich von den Schatten des Vergangenen befreien. Hier, inmitten dieser Schatten, hatte ich keine Zukunft mehr. Ich würde vielleicht wiederkommen, irgendwann. Das wäre dann etwas Anderes. Aber wie die Dinge lagen, konnte hier und zu dieser Zeit nichts Fruchtbares mehr geschehen. Es war vorüber.

Aber ich konnte das Geschehene noch ein letztes Mal seinen Zauber verbreiten lassen. Die Geschehnisse meines Lebens noch einmal mit ihrem Sinn und ihrer tieferen Bedeutung (für mich; für andere) anfüllen und vor den fallenden Vorhang treten lassen. Die Dinge befreien, und zugleich mich von den Dingen befreien.

Schreiben war kein Hexenwerk. Leben war das Schwierige. Die Geschichten kamen dann von ganz alleine.

Ich hörte immer wieder die gleiche CD, „Chet“ von Chet Baker. Der klare, coole Jazz mutete mir an wie eine Hymne vom Ende der Dinge. Nichts Unruhiges, nichts Gewaltsames. Gerade ein Bild davon, wie das Altbekannte unter dem Horizont verschwand. Ein einziger, langer Blick zurück. So war sie für mich.

Ich wusste mit einem Mal, mit welchen Worten die Geschichte enden sollte, wenn es soweit wäre:

„Es war eine Welt der Schönheit.

Es war eine Welt der Gnade.“

Nicht mehr als das.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post

Montag, September 11, 2006

Hard-boiled und andere Kleinigkeiten

Ich nahm einen tiefen Schluck von meinem Whisky und genoss die Wärme, die sich in meinem Magen ausbreitete. Es war zu warm. Die Eiswürfel waren schon dem Tode näher als dem Leben. Ich schüttelte das Glas, um ihnen ein letztes Klingeln zu entlocken. Die Eiswürfel fassten keinen neuen Mut. Sie vergingen.

So sollte ich schreiben. Hard-boil it your own way.

Watching people and watching myself watching people. Sehen, wie sie reden, wie sie sich verhalten und wie sie sind. Sehen, wie ich auf sie reagiere, was ich denke, wie ich mich verhalte. Ganz cool über die ganze Geschichte lachen.

Warum nicht einfach dieses dämliche Handbuch für modernes Leben schreiben. Ist ja keine große Sache.

Ich setzte mich wieder an meinen Schreibtisch und warf den Computer an. Er startete effizient und schnell wie eine Dampfmaschine mit einem verrosteten Kessel. In der Zeit stand ich nochmal auf, lief durchs Zimmer, machte eine Kniebeuge und trank ein Glas Wasser am Waschbecken in der Küche. Dann konnte es losgehen.

„Handbuch für modernes Leben“. Ich fand den Titel ziemlich gut. Weder prätentiös, noch zu flach. Beschrieb auch genau, was es sein sollte, wenn es mal fertig war. Eine kleine Anleitung zum Bewusstseinsgebrauch.

Ich streichelte kurz die Tastatur, um eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Dann überlegte ich mir, an welcher Stelle ich weitermachen wollte. Dann fiel mir nicht das Geringste ein.

Null.

Nada.

„Über das Leben“. Was hatte ich mir dabei gedacht? Was für ein Name für ein Kapitel. Völlig unbestimmt. Konnte ja alles und nichts heißen. Was wollte ich Klugscheißer überhaupt über das Leben loswerden? Gut, zuerst einmal das Offensichtliche: dass es eine geile Kiste war, besonders mit einem kalten Bier oder einem Whisky. Aber auch ohne.

Der Gedanke machte mich durstig.

Nichts da, mein Lieber, du bleibst jetzt hier sitzen, bis du etwas zustande gebracht hast. Das wäre ja noch schöner. Außerdem konnte ich nicht schon um drei Uhr nachmittags mit dem Trinken anfangen. Ich musste wenigstens bis vier warten, schon meiner Selbstachtung wegen. Auch wenn’s mit der zurzeit sowieso nicht sehr weit her war. Aber was dachte ich da überhaupt? „Über das Leben“. Genau. Darüber sollte es gehen. Also: das Leben. Dann mal los.

Über das Leben.

Was ist das überhaupt?

Nein. Ganz falsch. Völliger Blödsinn. Das klang ja völlig bescheuert, wie Unterricht in der Grundschule. Zugegeben, manchen Menschen hätte auch eine solche Primäreinführung sicher gut angestanden. Das änderte allerdings nichts daran, dass das Quatsch war, was ich da verzapfte. Also anders anfangen.

Was es eigentlich bedeutet, am Leben zu sein.

Hm. Schon besser. Aber immernoch nicht gut. Da musste ich ja von ganz vorne anfangen. Vielleicht nicht gerade in der Grundschule, aber auf jeden Fall bei der kompletten Evolutionsgeschichte und Evolutionspsychologie. Plus der Erläuterung, dass die Entwicklung eines bewussten Geistes, unseres Bewusstseins, und der aus ihm heraus geschaffenen „Symbole“ das Einzigartige an der menschlichen Lebensverfassung waren. Himmel. Ich wollte doch keine Doktorarbeit schreiben. „Gerade nur ein paar pragmatische Hinweise und Weichenstellungen für den ganz normalen Leser, der bei sich denkt, dass es eben doch ,noch mehr` geben muss als das, was er bisher aus dem einen oder anderen Grund für Glück gehalten hat, und der sich fragt, wie er sein normales (also allgemein verbreitetes) menschliches Leiden vielleicht um ein Gran reduzieren kann.“ So hatte ich mich ausgedrückt.

Naja.

Ich konnte es ja dennoch schreiben, die ganze Chose. Und dann sehen, was ich davon gebrauchen konnte. Schreiben ist sowieso in erster Linie Ausschuss-Produktion. Schreibe zehn Zeilen, und dann streiche neun weg, wenn du am nächsten Morgen nochmal einen Blick darauf wirfst. So notwendig wie frustrierend. Der Trick ist eigentlich, die neun Ausschuss-Zeilen schon während des Schreibens wegzulassen, und am besten schon während des Denkens. Also immer nur den zehnten Teil zu formulieren und zu Papier zu bringen.

Kam mir ziemlich mutlos vor jetzt. Ich schüttelte mal meinen Kopf, vielleicht würden meine Gedanken in eine sinnvollere Konfiguration purzeln. Aber meine Gedanken hatten sich festgebissen. Da purzelte gar nichts.

Konnte mir mittlerweile gut vorstellen, mit welchem Gefühl Murakami schrieb. Er behauptete jedenfalls, er hätte überhaupt keinen Plan, wenn er anfing, und würde die Sache sich einfach entwickeln lassen.

Wie kann man so ein Gefühl jahrelang aushalten, ohne verrückt zu werden? Als würde ich kopfüber in der Luft hängen. Mir war schon ganz schwindlig innerlich. Gedankenkarussell.

Über das Leben. „Über DEIN Leben“ vielleicht.

Es ist eine verrückte Geschichte, die manchmal keinen Sinn zu ergeben erscheint. Du hängst kopfüber an einem Ast und weißt nicht, wie du dort hingekommen bist. Aber du hangelst dich dennoch weiter, weil es das Beste ist, was du als Mensch tun kannst. Tja, so ist das. Hier also nun im Folgenden meine Tipps fürs Hangeln.

So hangelte ich mich von Satz zu Satz. Worauf wollte ich überhaupt hinaus? Was war das nächste Kapitel? „Über sich selbst – wer ist das eigentlich?“ Gute Frage. Du bist eine Geschichte, die du dir selbst erzählst. Du bist von vorne bis hinten konstruiert, genau wie ich und wie alle anderen.

Was bist du, wenn du die Story einfach beiseite lässt? Wer bist du dann? Das ist die eigentlich Frage, wenn man das mit der Geschichte und der Eigenkonstruktion erstmal gefressen hat. Ich muss es also gut erklären. Daran hängt alles. Es muss zu schlucken sein. Die Möglichkeiten sind allerdings bestechend. Erfinde dich neu. Sei wie du willst. Du MUSST nicht so sein. Und so weiter...

Hoppla. Meine Gedanken fingen schon wieder an, ein Eigenleben zu führen. Verdammte Rasselbande. Aber mit Reifizierungen kam ich hier auch nicht weiter. Wer immer sich das Bewusstsein ausgedacht hatte, hatte einen seltsamen Sinn für Humor. Und wenn es ein selbstorganisierendes System war, wofür einiges sprach, dann operierte es in der Realität ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wortwörtlich.

Ich verlor schon wieder meinen Faden. Ich saß jetzt schon eine dreiviertel Stunde hier über meinen Hausaufgaben und hatte das Gefühl, ich war keinen Schritt weiter. Tja. Arzt, heile dich selbst. Das tat ich und genehmigte mir eine Aussicht und ein wenig Medizin. Einen Whisky on the rocks. Mit dem Glas trat ich ans Fenster und öffnete es. Ich setzte mich auf die Fensterbank. Wenn es wenigstens schon Abend wäre. Aber bis dahin hatte ich noch einiges runterzureißen.

Also schaltete ich meinen Computer in den Ruhemodus, packte ihn ein und ging ins Café. Wenn du nicht mehr weiterkommst, mach was anderes. Ich folgte meiner Lieblingsbeschäftigung: Zeit totzuschlagen. Ich war mittlerweile ziemlich gut darin. Die Zeit hatte nicht die geringste Chance.


Im Café saß ein Mädchen, das an seiner Zigarette saugte, als wär’s eine Sauerstoffpatrone. Das Café schien für sie so was wie der Meeresboden zu sein, und wenn sie nicht an dieser Zigarette zog, würde sie ersticken oder irgendwas anderes Schlimmes passieren.

Ich schwamm an ihr vorbei und bettete mich auf die Treppenstufen an der Wand. Es war höllisch unbequem, aber es würde mich beschäftigt halten. Von hier hatte ich das ganze Café im Blick plus der Straße vor dem Fenster. Auch das Mädchen. Sie war eine attraktive Blondine. Wenn sie mal einen Augenblick nicht saugte, sah sie hinreißend aus. Wie sie die Zigarette zwischen den Fingern hielt. Lange Wimpern. Hervorragendes Profil. Eine Augenweide. Ich betrachtete sie, solange es dauerte. Sie merkte überhaupt nichts davon, obwohl ich sie unverhohlen anstarrte. Sie war in ihrer eigenen Dimension. Faszinierend. Nach dem Aufrauchen stand sie allerdings ganz schnell auf und machte sich mit schwingenden Hüften aus dem Staub. Ohne Qualmstengel schien es ungemütlich für sie zu werden.

Ich machte es mir auf meinem Teil des Meeresbodens bequem, blähte ein paar Mal meine Kiemen und warf den PC wieder an. Konnte mir gar nicht mehr vorstellen, ohne dieses Notebook auszukommen. Hoffentlich war es wasserdicht.

Labels: , , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post