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- Was würden Sie uns sagen, wenn Sie nicht belehren wollten?
Ich versuche je die meiste Zeit, nicht zu belehren. Es gelingt mir allerdings nicht immer. Ich denke allerdings auch, dass ich gar nicht die Autorität habe, irgendjemanden zu belehren – Autorität im Sinne von Lebenserfahrung und wirklicher Weisheit, also Wissen um mich selbst wie andere und unseren gemeinsamen menschlichen Weg.
Was ich jedoch sagen will, ohne zu belehren, was ich anderen auf ihren ganz eigenen Weg mitgeben will: Es ist alles schon in dir. Die positiven Erfahrungen, all das Wachstum, zu dem wir fähig sind, ist immer schon in uns angelegt und kann an die Oberfläche gelangen – wenn wir unsere Empfindung für uns selbst, andere und das Leben als Ganzes schärfen.
- Was ist Ihr Ziel?
Mein Ziel?
- Ihr eigenes, ganz persönliches Ziel, ja.
Hm. Ich weiß nicht, ob der Begriff „Ziel“ ganz angemessen ist. Wie ich das verstehe, ist ein Ziel ja etwas, zu dem man hinstrebt, was man erreichen will, aber auch noch nicht hat. Man ist noch nicht dort. Das Ziel liegt immer in der Zukunft und verlockt den Strebenden, sich ihm aus dem Hier und Jetzt (was ich sonst „Sein“ nenne) zuzuwenden, und dabei das Hier und Jetzt in einem gewissen Umfang hinter sich zurückzulassen.
Ich bin die meiste Zeit in dem, was ich tue, und ich versuche, immer mehr der zu werden, der ich bin – immer besser in dem zu werden, was ich tue. So gesehen ist das mein Ziel, ja. Wobei ich nicht weiß, was am Ende stehen wird. Vielleicht werde ich Nicht-Ich, vielleicht auch nicht. Das ist aber nichts, wonach ich noch bewusst strebe, nicht mehr. Es wird geschehen, oder es wird nicht geschehen. Tatsächlich besteht zwischen diesen beiden Möglichkeiten kein Unterschied.
- Wie meinen Sie das?
Der Weg wird derselbe sein. Ich strebe weder nach dem einen Ausgang, dem Abfallen des Selbst, noch vermeide ich den anderen, das Verharren im Selbst. Wir alle sind „Selbst“, das heißt, wir alle haben unsere Persönlichkeiten, und zugleich sind wir schon jetzt eigentlich frei davon – „es ist alles schon in dir“, wie gesagt. Unsere Fähigkeit zu Erkennen ist es, die diesen feinen Unterschied bewirkt. Erkenne ich, dass ich Nicht-Ich bin, so erfahre ich dadurch keine Befriedigung oder Genugtuung oder Erhöhung oder Überheblichkeit, denn ich bin Nicht-Ich, nicht länger „Ich“. Erkenne ich noch nicht, dass ich eigentlich Nicht-Ich bin, so geht mir dadurch nichts verloren. Ich werde weiterhin meinem Weg folgen, so wie jetzt gerade, und versuchen, mein Erkennen weiter zu verfeinern. Ich dem Moment dann, wenn ich es bin – „Nicht-Ich“ -, bin ich es schon nicht mehr – „Ich“.
All das mag kompliziert klingen, aber das liegt in erster Linie an den Worten, die eine schrecklich umständliche Methode der Informationsübermittlung sind. Aber ich kenne auch keine bessere.
Miller hat das sehr schön zusammengefasst: „,Es ist’ und ,Du bist’.“ Aber auch das klingt nicht viel besser, oder? Das Problem ist, dass das Bewusstsein für diesen feinen Unterschied schon entwickelt sein muss, um ihn wahrnehmen zu können. Und dafür muss die Fähigkeit zu Erkennen schon eine gewisse Stufe erreicht haben. Für jemanden, der weiß, was ich zu sagen versuche, ist es klar verständlich. Für jemanden, der es noch nicht weiß, ist es ein Rätsel. Auch das hat Miller ebenfalls gesagt. Ich wünschte, es wäre einfacher. Das ist auch das, was ich immer versuche – in dieser Hinsicht ein „Ziel“ von mir, obwohl ich ja eigentlich keines habe – hahahahaha! - Den Leser, den Zuhörer auf seinem Weg zu begleiten und zu seinem eigenen Erkennen hinzuführen. Das Erkennen selbst kann einem niemand abnehmen, und vielleicht tun sich einige Leute damit leichter als andere. Aber vielleicht ist es möglich, den Weg zu erleichtern.
Ich bin ein Mensch wie jeder andere, mit Zielen und allem Drum und Dran.
- Was ist so wichtig am „Erkennen“? Warum sollten wir das tun?
Nun, niemand „sollte“ und niemand „muss“ erkennen. Diese Welt sollte Raum für uns alle haben. Zugleich ist es eine Tatsache, dass kein Mensch eine Insel ist, wie irgendjemand einmal sagte...
- ... John Donne, der englische Dichter.
... Donne, danke. Unsere Handlungen, und auch unsere Ansichten, Überzeugungen und Denkweisen haben unweigerlich einen Einfluss auf das Leben anderer Menschen. Früher war der Radius dieses Einflusses relativ begrenzt, und man musste schon in einer sehr mächtigen und einflussreichen Position sein, um ihn weit auszudehnen. In den letzten Jahrhunderten, seit dem Einsetzen der Globalisierung also...
- ... nach Wallerstein.
... genau, das Wallersteinsche Modell. Seit dem Einsetzen der globalen Vernetzung, und mit deren kontinuierlicher Zunahme, gerade in den letzten fünfzig Jahren – seitdem also sind das Nichtbedenken und die Nichtkontrolle über das eigene Handeln, Fühlen und Denken zu einem Luxus geworden, den wir uns immer weniger leisten können, als Ganzes gesehen.
„Erkennen“ bedeutet nun zuerst einmal, die Wahrnehmung für die eigene Person zu schärfen. Für die eigenen Motivationen, die eigenen Interpretationen der Welt und der Menschen. „Erkenne dich selbst“ – diese Aufmunterung ist schon fast so alt wie unsere Zivilisation selbst. Wenn man sich selbst genau genug besieht – und das ist etwas, was meistens etwas länger dauert, vielleicht mehrere Jahre -, dann wird man mit der Zeit feststellen, dass die meisten der eigenen Ängste und Befürchtungen eigentlich nicht real sind. Sie existieren in erster Linie in unserem Geist, und wir verleihen ihnen durch unser an ihnen ausgerichtetes Handeln Realität. Das ist jetzt sehr einfach ausgedrückt. In „Wirklichkeit“, das heißt in unseren eigenen Geistern, ist das alles meist sehr viel komplizierter. Aber das Grundprinzip sieht so aus.
- Und was geschieht weiter?
Man schärft das Empfinden für sich selbst. Man wird weniger zum Spielball der eigenen Wünsche, Hoffnungen und Triebe. Man bekommt ein besseres Gefühl für und einen besseren Überblick über das Ganze, in dem man sich bewegt. Letztendlich und in allerletzter Konsequenz gewinnt man einen inneren Frieden, eine innere Ruhe und Gewissheit, die wir so eigentlich noch gar nicht kennen.
Das ist jetzt sehr verkürzt. Und es dauert auch seine Zeit. Über Nacht ist dieses „Erkennen“ nicht zu erreichen, genauso wenig wie der innere Frieden. Ich denke aber, dass es dennoch notwendig ist, dass wir beginnen, uns auf diesen Weg zu machen. Wir Menschen werden immer mehr. Und wir werden immer stärker auf einander bezogen. Das sogenannte „globale Dorf“ ist immer weniger eine Redensart und wird immer mehr zu einer Realität. Karikaturen in einer Zeitung am einen Ende der Welt können das andere Ende in Brand setzen. Religiöse Dogmen aus einer Region der Erde können in einer anderen Region zu Mord und Intoleranz führen.
Letztendlich geht es darum, das Leiden zu verringern. Krishnamurti sagte hierzu:
„Das Weltproblem ist das Problem jedes einzelnen. Wenn der einzelne Mensch friedlich, glücklich, duldsam und hilfsbereit ist, hört das Weltproblem zu bestehen auf. Man will das Weltproblem lösen, ehe man sich seinen eigenen Problemen zuwendet. Bevor man Frieden und Verstehen im eigenen Herzen und in den eigenen Gedanken durchgesetzt hat, will man sie in den Herzen anderer, in den Nationen und Staaten, durchsetzen, während sie in dieser Welt nur dann zu verwirklichen sind, wenn Verstehen, Sicherheit und Kraft in euch selbst eingekehrt sind.“
Darum geht es. Wir müssen einander helfen, unsere eigenen Probleme besser zu lösen. Von diesem Punkt aus müssen wir dann weitergehen. Ich wage noch nicht zu denken, wie das aussehen könnte.
- Sind Sie optimistisch?
Ich denke, dass es sich nicht aufhalten lässt. Wir können es weiter hinauszögern, uns abwenden und unsere vereinzelten Leben weiter leben. Ich denke aber, dass es eine Tendenz gibt, die weiter zunehmen wird. Es kann jetzt geschehen oder in hundert oder zweihundert Jahren, aber es wird geschehen. Ganz pragmatisch muss man aber sagen: Je früher es an Moment gewinnt, umso besser. Unserer Entwicklung als Menschen ist nicht unbedingt eine Grenze gesetzt, der Umwelt, in der wir alle leben, allem Anschein nach schon.
- Vielen Dank.
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