Dienstag, März 21, 2006

Geschichten etc.

Ich hänge herum und warte, dass der Tag vorübergeht. Habe ein paar Bruchstücke gelernt und stehe noch nicht soweit unter Stresseindruck, um mehr zu tun. Komme mir ziemlich nichtsnutzig vor, noch zusätzlich in der Hinsicht, als dass das Schreiben, wie ich mittlerweile für mich entdeckt habe, eigentlich gar kein Problem sein dürfte. Was tut man schon groß? Man erfindet eine Geschichte, die der Leser fühlen soll. Man erzählt etwas. No big deal. Ziemlich simpel, das alles.

Ich habe mir angeschaut, was so in den Buchhandlungen ausliegt, und von tatsächlichem Bedeutungsgehalt her ist das ziemlich dürftig. Seit Hesse (und in etwas geringerem Umfang Murakami) ist nicht mehr viel losgewesen auf dem Selbstfindungssektor. „Simplify your Life“ der letzte Versuch, dem Menschen Anleitung zu geben, aber mit welchen Mitteln... Erschröcklich!

Die Geschichte erzählst du nicht für dich, dass st der eigentliche Trick. Deine persönliche Selbstfindung und –erkennung musst du mit dir selbst ausmachen, an anderer Stelle (in deinen "Selbstanalysen", in Tagebüchern zum Beispiel). Bürde sie nicht dem Leser auf.

Nimm ihn gefangen – metaphorisch gesprochen. Biete ihm einen Inhalt und darum herum eine Entwicklung, die ihn bei Laune hält und fasziniert.

Denke nicht, alles auf einmal behandeln zu müssen. Du wirst noch viele weitere Gelegenheiten haben, und viele weitere Bücher schreiben können. Erschlage den Leser nicht, sondern schenke ihm Ausschnitte aus der Welt, die du eigens für ihn erfunden hast.

Denn das ist recht eigentlich das, was du tust: Du erfindest eine Welt und begibst dich, so du es richtig und „mit reinem Herzen“ tust, unter die Schöpfer. Warum schon lesen wir Bücher, hören wir Hörspiele, sehen wir Filme? Wir sehnen uns nach Geschichten, die uns mehr über uns selbst und unsere Möglichkeiten erzählen. Wir wollen eine bestimmte Art von Orientierung, jene, die von außen gegeben werden kann. Im besten Fall erfahren wir auf diese Weise von einem neuen Blickwinkel, unter dem wir unser eigenes Innenleben auf eine neue Weise anschauen können.

Die andere Sorte Geschichten dient der Unterhaltung, Zerstreuung, Spannung. Gegen diese ist nichts zu sagen. Auch wenn (beispielsweise) Dan Browns Epistel wenig zu einem lebenswerteren Leben und einer grundsätzlichen Orientierung beitragen. Von Zeit zu Zeit müssen wir uns allerdings auch von der Suche nach Sinn freimachen, und einfach ein wenig „abhängen“, die Seele baumeln lassen. Wie ich gerade, am heutigen Tag, zu dieser Stunde.

(Produktiv arbeiten wäre mir lieber. Nur einer allein hat Schuld an alledem: ich selbst. Aber dies ist eine andere Geschichte, vielleicht der Inhalt eines Buches...)

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Montag, März 06, 2006

Ein Gespräch, eine Stimme

...

- Was würden Sie uns sagen, wenn Sie nicht belehren wollten?

Ich versuche je die meiste Zeit, nicht zu belehren. Es gelingt mir allerdings nicht immer. Ich denke allerdings auch, dass ich gar nicht die Autorität habe, irgendjemanden zu belehren – Autorität im Sinne von Lebenserfahrung und wirklicher Weisheit, also Wissen um mich selbst wie andere und unseren gemeinsamen menschlichen Weg.

Was ich jedoch sagen will, ohne zu belehren, was ich anderen auf ihren ganz eigenen Weg mitgeben will: Es ist alles schon in dir. Die positiven Erfahrungen, all das Wachstum, zu dem wir fähig sind, ist immer schon in uns angelegt und kann an die Oberfläche gelangen – wenn wir unsere Empfindung für uns selbst, andere und das Leben als Ganzes schärfen.

- Was ist Ihr Ziel?

Mein Ziel?

- Ihr eigenes, ganz persönliches Ziel, ja.

Hm. Ich weiß nicht, ob der Begriff „Ziel“ ganz angemessen ist. Wie ich das verstehe, ist ein Ziel ja etwas, zu dem man hinstrebt, was man erreichen will, aber auch noch nicht hat. Man ist noch nicht dort. Das Ziel liegt immer in der Zukunft und verlockt den Strebenden, sich ihm aus dem Hier und Jetzt (was ich sonst „Sein“ nenne) zuzuwenden, und dabei das Hier und Jetzt in einem gewissen Umfang hinter sich zurückzulassen.

Ich bin die meiste Zeit in dem, was ich tue, und ich versuche, immer mehr der zu werden, der ich bin – immer besser in dem zu werden, was ich tue. So gesehen ist das mein Ziel, ja. Wobei ich nicht weiß, was am Ende stehen wird. Vielleicht werde ich Nicht-Ich, vielleicht auch nicht. Das ist aber nichts, wonach ich noch bewusst strebe, nicht mehr. Es wird geschehen, oder es wird nicht geschehen. Tatsächlich besteht zwischen diesen beiden Möglichkeiten kein Unterschied.

- Wie meinen Sie das?

Der Weg wird derselbe sein. Ich strebe weder nach dem einen Ausgang, dem Abfallen des Selbst, noch vermeide ich den anderen, das Verharren im Selbst. Wir alle sind „Selbst“, das heißt, wir alle haben unsere Persönlichkeiten, und zugleich sind wir schon jetzt eigentlich frei davon – „es ist alles schon in dir“, wie gesagt. Unsere Fähigkeit zu Erkennen ist es, die diesen feinen Unterschied bewirkt. Erkenne ich, dass ich Nicht-Ich bin, so erfahre ich dadurch keine Befriedigung oder Genugtuung oder Erhöhung oder Überheblichkeit, denn ich bin Nicht-Ich, nicht länger „Ich“. Erkenne ich noch nicht, dass ich eigentlich Nicht-Ich bin, so geht mir dadurch nichts verloren. Ich werde weiterhin meinem Weg folgen, so wie jetzt gerade, und versuchen, mein Erkennen weiter zu verfeinern. Ich dem Moment dann, wenn ich es bin – „Nicht-Ich“ -, bin ich es schon nicht mehr – „Ich“.

All das mag kompliziert klingen, aber das liegt in erster Linie an den Worten, die eine schrecklich umständliche Methode der Informationsübermittlung sind. Aber ich kenne auch keine bessere.

Miller hat das sehr schön zusammengefasst: „,Es ist’ und ,Du bist’.“ Aber auch das klingt nicht viel besser, oder? Das Problem ist, dass das Bewusstsein für diesen feinen Unterschied schon entwickelt sein muss, um ihn wahrnehmen zu können. Und dafür muss die Fähigkeit zu Erkennen schon eine gewisse Stufe erreicht haben. Für jemanden, der weiß, was ich zu sagen versuche, ist es klar verständlich. Für jemanden, der es noch nicht weiß, ist es ein Rätsel. Auch das hat Miller ebenfalls gesagt. Ich wünschte, es wäre einfacher. Das ist auch das, was ich immer versuche – in dieser Hinsicht ein „Ziel“ von mir, obwohl ich ja eigentlich keines habe – hahahahaha! - Den Leser, den Zuhörer auf seinem Weg zu begleiten und zu seinem eigenen Erkennen hinzuführen. Das Erkennen selbst kann einem niemand abnehmen, und vielleicht tun sich einige Leute damit leichter als andere. Aber vielleicht ist es möglich, den Weg zu erleichtern.

Ich bin ein Mensch wie jeder andere, mit Zielen und allem Drum und Dran.

- Was ist so wichtig am „Erkennen“? Warum sollten wir das tun?

Nun, niemand „sollte“ und niemand „muss“ erkennen. Diese Welt sollte Raum für uns alle haben. Zugleich ist es eine Tatsache, dass kein Mensch eine Insel ist, wie irgendjemand einmal sagte...

- ... John Donne, der englische Dichter.

... Donne, danke. Unsere Handlungen, und auch unsere Ansichten, Überzeugungen und Denkweisen haben unweigerlich einen Einfluss auf das Leben anderer Menschen. Früher war der Radius dieses Einflusses relativ begrenzt, und man musste schon in einer sehr mächtigen und einflussreichen Position sein, um ihn weit auszudehnen. In den letzten Jahrhunderten, seit dem Einsetzen der Globalisierung also...

- ... nach Wallerstein.

... genau, das Wallersteinsche Modell. Seit dem Einsetzen der globalen Vernetzung, und mit deren kontinuierlicher Zunahme, gerade in den letzten fünfzig Jahren – seitdem also sind das Nichtbedenken und die Nichtkontrolle über das eigene Handeln, Fühlen und Denken zu einem Luxus geworden, den wir uns immer weniger leisten können, als Ganzes gesehen.

„Erkennen“ bedeutet nun zuerst einmal, die Wahrnehmung für die eigene Person zu schärfen. Für die eigenen Motivationen, die eigenen Interpretationen der Welt und der Menschen. „Erkenne dich selbst“ – diese Aufmunterung ist schon fast so alt wie unsere Zivilisation selbst. Wenn man sich selbst genau genug besieht – und das ist etwas, was meistens etwas länger dauert, vielleicht mehrere Jahre -, dann wird man mit der Zeit feststellen, dass die meisten der eigenen Ängste und Befürchtungen eigentlich nicht real sind. Sie existieren in erster Linie in unserem Geist, und wir verleihen ihnen durch unser an ihnen ausgerichtetes Handeln Realität. Das ist jetzt sehr einfach ausgedrückt. In „Wirklichkeit“, das heißt in unseren eigenen Geistern, ist das alles meist sehr viel komplizierter. Aber das Grundprinzip sieht so aus.

- Und was geschieht weiter?

Man schärft das Empfinden für sich selbst. Man wird weniger zum Spielball der eigenen Wünsche, Hoffnungen und Triebe. Man bekommt ein besseres Gefühl für und einen besseren Überblick über das Ganze, in dem man sich bewegt. Letztendlich und in allerletzter Konsequenz gewinnt man einen inneren Frieden, eine innere Ruhe und Gewissheit, die wir so eigentlich noch gar nicht kennen.

Das ist jetzt sehr verkürzt. Und es dauert auch seine Zeit. Über Nacht ist dieses „Erkennen“ nicht zu erreichen, genauso wenig wie der innere Frieden. Ich denke aber, dass es dennoch notwendig ist, dass wir beginnen, uns auf diesen Weg zu machen. Wir Menschen werden immer mehr. Und wir werden immer stärker auf einander bezogen. Das sogenannte „globale Dorf“ ist immer weniger eine Redensart und wird immer mehr zu einer Realität. Karikaturen in einer Zeitung am einen Ende der Welt können das andere Ende in Brand setzen. Religiöse Dogmen aus einer Region der Erde können in einer anderen Region zu Mord und Intoleranz führen.

Letztendlich geht es darum, das Leiden zu verringern. Krishnamurti sagte hierzu:

„Das Weltproblem ist das Problem jedes einzelnen. Wenn der einzelne Mensch friedlich, glücklich, duldsam und hilfsbereit ist, hört das Weltproblem zu bestehen auf. Man will das Weltproblem lösen, ehe man sich seinen eigenen Problemen zuwendet. Bevor man Frieden und Verstehen im eigenen Herzen und in den eigenen Gedanken durchgesetzt hat, will man sie in den Herzen anderer, in den Nationen und Staaten, durchsetzen, während sie in dieser Welt nur dann zu verwirklichen sind, wenn Verstehen, Sicherheit und Kraft in euch selbst eingekehrt sind.“

Darum geht es. Wir müssen einander helfen, unsere eigenen Probleme besser zu lösen. Von diesem Punkt aus müssen wir dann weitergehen. Ich wage noch nicht zu denken, wie das aussehen könnte.

- Sind Sie optimistisch?

Ich denke, dass es sich nicht aufhalten lässt. Wir können es weiter hinauszögern, uns abwenden und unsere vereinzelten Leben weiter leben. Ich denke aber, dass es eine Tendenz gibt, die weiter zunehmen wird. Es kann jetzt geschehen oder in hundert oder zweihundert Jahren, aber es wird geschehen. Ganz pragmatisch muss man aber sagen: Je früher es an Moment gewinnt, umso besser. Unserer Entwicklung als Menschen ist nicht unbedingt eine Grenze gesetzt, der Umwelt, in der wir alle leben, allem Anschein nach schon.

- Vielen Dank.

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Sonntag, März 05, 2006

Come Sunday

Nach dem Kultur- und Menschheitspessimismus heute eine eher fröhliche Note, denn unter anderem ist es Sonntag. Come Sunday, Mr. Ellington! Recht so, immer weiter! Tag der Einkehr, der Besinnung und der Feier des Lebensprinzips! So soll es sein!

Inzwischen ertönen wieder ganz andere Weisen: bin mit einem Mal wieder befähigt, auf dem Tenorsaxophon wirkliche Schönheit zu schaffen. Vielleicht lag die schöpferische Pause auch im immer gleichen begründet – Stillstand ist des künstlerischen Ausdrucks Tod.

Sunday Morning. Sunday Beauty. Noch immer fällt Schnee auf die Welt, ganz sachte mittlerweile, deckt Schicht um Schicht die Erscheinungen zu, die Welt der zehntausend Dinge. Der Schnee bringt Schönheit; er lässt zu, die zehntausend Dinge einmal in einem ganz anderen Gewand zu sehen.

Ich sehne mich nach weisen Männern – Männern von dem Schlag eines Gautama, eines Gandhi, eines Miller. Männer mit gewaltigen Worten und wahrhaftigen Taten. Ich wäre am liebsten selbst einer dieser Männer. „Auf der richtigen Seite stehen“ – in jener Welt, die eigentlich keine Seiten mehr kennt. In diesem Moment merke ich, dass auch ich noch ein Stück Wegs zu gehen habe. Meine Sehnsucht nach der „richtigen Seite“ ist eine egoistische, selbstgerechte Hoffnung, die Sehnsucht nach meiner eigenen Rettung und Erlösung. Doch was ist es, was zu erretten wäre? Was gäbe es denn, was gerettet werden müsste?

Ich könnte beginnen, solche Männer und Weisen selbst zu schaffen. Das Denken ausrichten, fokussieren, aufrecht erhalten, und dann mit meinem messerscharfen Blick und meiner Empfindung des Ganzen Menschen aufmarschieren lassen, jeden für sich, jeder unwiderstehlich, jeder wahrhaftig und demütig, und sie die Welt erfassen, begreifen und in letzter Konsequenz umwandeln lassen.

Dies wäre Sinn und Zweck der Unternehmung, ein Buch zu verfassen. Mehrere, viele Bücher. Alle verschieden und alle gleich, in der Hinsicht, als die Wiedergeburt des Menschen ihr Inhalt und ihr Ziel wären.

Niedergeschrieben im Frieden eines Sonntagmorgens.

(Was wiederum auch beweist: dass es immer möglich ist, etwas zu schreiben.)

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Samstag, März 04, 2006

Kurze Zusammenfassung des Zustands dieser unserer großen Welt:

Der Mensch ist aus dem Mittelpunkt des Weltalls herausgefallen, und müht sich verzweifelt, wieder Sinn in seinem Dasein zu finden. Unsere politischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Systeme dienen nicht länger dem größten Wohl der meisten Menschen, sondern einzig und ausschließlich noch Partikularinteressen. Das ist zwar nicht neu und war wohl schon immer so, ergreift mittlerweile jedoch auch die vorgeblichen Demokratien, also die partizipativen politischen Systeme. Sie krankt, wie auch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, an der Vereinzelung und passiven Objektivierung des Menschen.

Dies ist etwas, was wir alle zusammen schaffen. Dieser Punkt ist wichtig: Es gibt auf diesem Planeten nur solche Systeme, die von uns selbst getragen, unterstützt oder zumindest passiv zugelassen werden. Das ist der erste Teil der Krankheit, unter der wir Menschen leiden, alle leiden: unsere Passivität, unser Zulassen. Einigen wenigen (die sich allzu oft auch nur als passiv Getriebene verstehen) wird es so möglich, das Wohl und vor allem das Wehe der großen Mehrheit zu bestimmen. Kommt noch hinzu, dass dies in einer Welt, die zu dem vielzitierten Dorf geschrumpft ist, nun die Entscheidungen dieser wenigen die gesamte Welt zu bestimmen beginnen – weil wir anderen es zulassen.

Teil zwei der Krankheit ist noch schwerer zu fassen, obwohl wir ihn wohl schon seit dem Beginn des Menschengeschlechts mit uns herumtragen: es handelt sch hier um die Hätschelung und Päppelung unserer individuellen menschlichen Identität. Dies geht über das Lebenswichtige weit hinaus, und entzieht sich den meisten Menschen so vollständig, dass mit diesem Argument, so sinnvoll und wahrhaftig es aus dem „objektiven“ Zusammenhang heraus es auch sein mag, kaum ein Stich zu machen ist.

Worauf ich hinaus will: Unser körperlich-materielles Überleben steht heutzutage, jedenfalls in diesem Land, nicht mehr zur Debatte. Wenn überhaupt, scheiden wir aus freiem Entschluss aus dem Dasein, nicht aus aussichtsloser Lebenslage heraus – oder doch? Man muss sich hier genauer betrachten, was eine „aussichtslose Lage“ für den Menschen zu sein scheint, tatsächlich immer schon zu sein schien: Die Verzweiflung des heutigen Menschen unseres Landes und Erdteils entspringt seiner Seele, seiner Interpretation der Welt. Überflüssig, an dieser Stelle beispielsweise auf A. T. Beck zu verweisen, dieses Wissen ist ebenfalls schon bekannt, seit es Menschen gibt (Buddha) – jedoch das wirkliche Erkennen und Umsetzen dieses Wissens ist es, woran es mangelt.

Kurze Rückkehr zum Argument, um dieses noch schnell abzuschließen:

Wir handeln heute nicht mehr aus der Motivation der Befriedigung tatsächlicher menschlicher Bedürfnisse heraus. Wir handeln zur Befriedigung unseres Egos, zur Besänftigung unserer Ängste. Wir sind zugleich Urheber und Sklaven der Welt-Interpretation in unseren Köpfen. Weder durchschauen noch beherrschen wir uns selbst, wir sind Getriebene unseres eigenen Geistes – der keinerlei physische, keinerlei weltliche, ja nicht einmal tatsächliche psychische Macht über uns hat. Die Identität (nicht der Geist, noch der Verstand, wohlgemerkt – die Identität!) ist eine Illusion, die aus dem alltäglichen Handeln und Erleben erwächst. Wir denken, dass unser Sein, unsere Person an Bedingungen geknüpft seien, die erfüllt sein müssten, auf Biegen und Brechen, komme was wolle. Dies ist die Quelle, der die Selbstsucht, der Neid und die Gewalt entspringen. Zu einem wirklichen, geistig wie körperlich erfüllten Leben bedürfen wir ihrer nicht. Wir brauchen keine Mercedes, Villen, Schweizer Bankkonten, Hummer jeden Tag, Badeurlaub in St. Tropez, Skiurlaub in St. Moritz, Weisungsgewalt über hundert Untergebene, politische Macht, Ferraris, Porsches, bombensichere Unterstände und Hausbedienstete. Wir brauchen in erster Linie ein menschengerechtes Leben, und eine Kenntnis des menschengerechten Lebens!

Das Leben, wie es zu dieser Zeit prototypisch dargestellt wird, ist ein Leben aus der Illusion heraus, und wie eine Fata Morgana in der Wüste kein lebensspendendes Wasser schenken kann, sondern den verirrten Reisenden immer tiefer in die lebensfeindliche Ödnis hineinzulocken imstande ist, so wird auch aus dem Verfolgen dieses zwar anerkannten, jedoch vollkommen sterilen Leitbildes eines Lebens (dabei ist es alles, nur eben kein „Leben“) keine Erfüllung, sondern in letzter Konsequenz nur noch mehr Leere im einzelnen entspringen. Wir versuchen dies dadurch auszugleichen, dass wir dem Trugbild nur umso eifriger hinterher jagen, oder uns alternativ der Verzweiflung oder dem Freitod anheim geben. Auf den Gedanken, die Grundvoraussetzungen dieses Lebens sowie die tatsächliche Struktur unseres Seins, unseres Verstandes, unserer Schemata und unserer Seele zu untersuchen, kommen wir nicht.

Was uns an den Anfang dieser kurzen Abhandlung zurückbringt. Der Mensch ist aus dem Mittelpunkt des Weltalls herausgefallen, und müht sich verzweifelt, wieder Sinn in seinem Dasein zu finden. Unsere politischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Systeme dienen nicht länger dem größten Wohl der meisten Menschen, sondern einzig und ausschließlich noch Partikularinteressen. Die Macht innerhalb unserer Systeme polarisiert sich und wird zugleich immer verborgener. Einzelne nutzen diese Macht, um ihrer Version eines „guten Lebens“ näherzukommen, werden ihr Ziel jedoch niemals erreichen, da sie einer Fata Morgana hinterherjagen. Auf ihrem rücksichtslosen, egoistischen Weg, der ausschließlich ihnen selbst und keinem anderen Menschen gilt, zerstören sie die Leben der anderen – und nicht nur die „geistigen“ Lebens-Interpretationen dieser anderen, sondern allzu oft und wirklich ihre Leben. In ihrer Beschränkung auf sich selbst verstehen sie die Vernetzungen nicht, in die ihr Handeln eingebunden ist, und bringen Schmerz, Leid und Vernichtung über diese Welt.

Es gibt kein Shangri-La. Wir alle sind betroffen. Wir alle sind Teil dieser Welt und dessen, was wir in ihr zulassen. Jene mächtigen Verblendeten haben unser aller Duldung und viel zu oft auch Unterstützung. Es liegt an uns. Nicht „die anderen“ – AN JEDEM EINZELNEN SELBST.

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