Dienstag, November 17, 2009

Warum kein Journalismus mehr stattfindet

Ich beklagte es oft, und (formalige) Leitmedien wie der SPIEGEL und sein Ableger SPON, die Süddeutsche Zeitung, die taz, die Zeit, die FAZ und wie sie alle hießen gaben alle mehr oder minder Exempel für die Situation ab, die ich da bedauerte: Richtiger Journalismus fand kaum noch statt. Zeitungen, die ich hier vergessen hatte, standen nur aus Mangel an Lust nicht hier: Die meisten von ihnen konnte man in denselben Sack stecken und zumachen, so schlimm war die Lage.

Was meinte ich mit richtigem Journalismus?
Zum Teufel, einfach, dass Dinge und Behauptungen und Versicherungen und Entwicklungen kritisch begleitet und, wo nötig, auch hinterfragt wurden, dass sich einer auf seinen Hosenboden setzte und recherchierte, dass den Dinge auf den Grund gegangen und nicht nur die immer selben Presse- und Agentur-Meldungen wieder und wieder wiedergekäut wurden. Vielleicht war ich blauäugig, aber gemäß der Auffassung von Journalismus als der vierten Gewalt (>>) im Staate durfte man auch ein paar Ansprüche haben, fand ich. Aber wie es aussah, hinterfragte keiner mehr, keiner kontrollierte; Pressemitteilungen wurden unkommentiert abgeschrieben, Gewäsch von Think Tanks und Vereinigungen gleich welcher Couleur kritiklos wiedergegeben (solange es nicht etwa von Links kam, denn Links war böse, Links besaß nicht das Geld), und die Politik konnte oftmals machen, was sie wollte - nicht immer, so weit waren wir noch nicht, aber viel zu oft, und die immer öfter auftretende „Hofberichterstattung“ mancher Medien (>>) machte die Sache nicht besser, sondern setzte ihr die Krone auf.

Woran lag es also? An dieser Stelle gab ich die Bühne frei für Tom Schimmeck (>>), laut dem DLF (>>) ehemaliger Spiegel-Redakteur, taz-Mitbegründer und renommierter freier Autor, der die Dinge aus der Innensicht des Journalisten hier (>>) hervorragend beim Namen nannte. Die vollständige Lektüre war wärmstens empfohlen. Kostprobe:
Honorare stehen nur selten noch in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zum betriebenen Aufwand. Wenn Sie es richtig gut machen – wenn Sie wirklich recherchieren, telefonieren, nachlesen und nachhaken, wenn Sie nochmal losfahren und richtig hingucken, sind Sie ökonomisch betrachtet ein Vollidiot. Auch „Qualitätszeitungen“ zahlen wahrlich keine Qualitätshonorare mehr.
Und so ging es weiter:
Leipziger Journalismus-Forscher haben 235 Journalisten in Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen beobachtet und festgestellt, dass diese pro Tag im Schnitt noch 108 Minuten für sogenannte Überprüfungs- und Erweiterungsrecherchen aufwenden. Für die Kontrolle der Glaubwürdigkeit und Richtigkeit von Quellen und Informationen bleiben gerade elf Minuten. Raus in die weite, wahre Welt kommen sie gar nicht mehr. Der Anteil der Ortstermine und leibhaftigen Begegnungen an der knappen Recherchezeit beläuft sich auf sagenhafte 1,4 Prozent. Der deutsche Journalist, könnte man folgern, ist der letzte, der mitkriegt, was in Deutschland los ist.
Geld war noch da. Es wurde nur nicht mehr ausgegeben. Sicher, man war immer groß am Jammern was das Geldverdienen anging diese Tage, aber in den meisten Fällen, jedenfalls am oberen Ende der Einkommensskala, mehr aus Gier denn aus Not. Zeitungen mochten keine Gelddruckmaschinen mehr sein angesichts des Internet und der informationstechnischen Quellenfragmentierung, aber vom Mediensterben der USA (was immer dort dran war) waren wir noch immer weit entfernt. Wie Schimmeck es ausdrückte:
Das notorische Endzeit-Gezeter der Verleger aber ist nicht konstruktiv. Es dient vor allem dazu, besser Kasse zu machen. Im dritten Quartal 2009 wurden laut IVW 115,79 Millionen Publikumszeitschriften verkauft – etwa 1,8 Prozent mehr als im zweiten Quartal. Der Kioskverkauf ist um 5,9 Prozent gestiegen. Pro Erscheinungstag konnten außerdem 23,25 Millionen Tageszeitungen einschließlich Sonntagszeitungen abgesetzt werden. Das sind gerade mal 1,17 Prozent weniger als im Vorquartal. Der Einzelverkauf ist mit aktuell 7,16 Mio. Stück sogar leicht gestiegen.

Auf den Milliardärs-Listen von Forbes finde ich neben Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch, neben Schlecker und Thurn und Taxis weiterhin auch Hubert Burda, Friede Springer, Heinz Bauer, Anneliese Brost (WAZ), drei Holtzbrincks sowie die Familie des im Oktober verstorbenen Reinhard Mohn. Wir müssen also vielleicht doch nicht sofort sammeln.
Journalismus richtig zu betreiben war immer auch eine politische Entscheidung, und zwar ganz oben im Medienunternehmen, dort, wo das Geld tatsächlich saß. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte.

Abschließend eine Bemerkung von John Cusack, der schlaueste Satz aus einem Interview mit dem SPIEGEL (>>), der sich zwar nicht exakt auf den Journalismus per se bezog, jedoch dennoch gut passte. John Cusack kritisierte ausdrücklich die Filmkritik, aber zugleich war es Lagebeschreibung für das journalistische Handwerk allgemein:
Ich denke jedenfalls, dass sich Politikjournalismus und Filmkritik mittlerweile sehr ähneln. Ernsthafte Stimmen gehen inmitten billiger Kommentare unter, die sich den Strategien des Spiels widmen, aber kein größeres Bild dessen entwerfen, was das Spiel selbst überhaupt ist. Die Leute drehen die immergleichen Spin-Argumente hin und her, das ist fauler Journalismus. Dabei kann die Demokratie ohne wirkliche Journalisten gar nicht überleben. Aber wie sollen die gehört werden zwischen all den Image-Sprechpuppen und den O-Ton-Schnipseln von Politikern?
Wenn man Hans-Ulrich Jörges vom stern bei Albrecht Müllers Buchvorstellung der
Meinungsmache in Berlin (>>) gesehen hatte, wusste man genau, wovon Cusack da sprach.

So war die Lage.
Richtig gut war sie nicht.

- - - - -
[Bild: Daniel R. Blume (>>) bei
Wikipedia]

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Eingestellt von MwaH Am/um

2 Kommentare:

Blogger Margareth meinte...

John Swinton, Chefredakteur der New York Times:

Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Sie wissen es und ich weiß es. Es gibt niemanden unter ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben und wenn er es tut, weiß er im voraus, dass sie nicht im Druck erscheint.

Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung herauszuhalten, bei der ich angestellt bin. Andere von Ihnen werden ähnlich bezahlt für ähnliche Dinge und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße und müsste sich nach einem neuen Job umsehen. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los.

Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammon zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Sie wissen es und ich weiß, was es für eine Verrücktheit ist, auf eine unabhängige Presse anzustoßen. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen und wir tanzen.

20 November, 2009 12:27  
Blogger MwaH meinte...

"There's nothing either good or bad, but thinkimg makes it so."
(Hamlet Act 2, scene 2, 239–251)

Tatsächlich gibt es auch hier und heute trotz allem noch ein paar Ausnahmen, es ist also nicht alles uniform in Schwarz - beispielsweise Harald Schumann, dessen Artikel, derzeit beim Berliner Tagesspiegel, ich immer wieder empfehlen kann.

Aber dass das existierende Grau tatsächlich ein sehr dunkles ist, unbestritten.

20 November, 2009 12:57  

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