Mittwoch, November 18, 2009

Last Man Standing: Politische Gestaltungsmacht vs. gelebte Ohnmacht

No peace for the wicked: Die Meinungsmache ging ordentlich weiter, jetzt wieder im stern, worauf ja auch schon Albrecht Müller selbst auf den Nachdenkseiten hingewiesen hatte (>>).

Den stern-Artikel gab es hier (>>): In ihm demontierte ein gewisser Tilman Gerwien die Präsentation von "Meinungsmache" letzten Donnerstag hier in Berlin (>>). Vielleicht war das Ganze witzig oder ironisch gemeint, immerhin lief es unter der Überschrift "Abwasch der Woche", die sowas implizieren konnnte; das entzog sich meiner Kenntnis. Da der kurze Text aber viele Tatsachen vollkommen verdrehte und sämtliche Teilnehmer außer Hans-Ulrich Jörges als realitätsfremd darstellte, war eine Antwort fällig.

Das Publikum war sich laut Gerwien einig mit Müller und Lafontaine, ewig Gestrige, die zurück in die siebziger Jahre wollten, eine Zeit, da alles besser gewesen sei:
Die Renten waren sicher, die Bundeswehr blieb in ihren Kasernen (andere vergossen im Zweifel ihr Blut für unser Öl), der öffentliche Dienst war fett und im Fernsehen gab es nur drei Programme, ab 23.00 Uhr hieß es: Ab in die Heia, aber ganz schnell, da kam nämlich nur noch das Testbild.
Ich fragte mal provokant: und? Wo war das verdammte Problem hierbei? Seien Sie mal nicht so wählerisch, Herr Gerwien, Ihr Bild der "alten Bundesrepublik" war unvollständig. Es war außerdem die Zeit, da nationale Politik noch etwas beschließen und bewirken konnte; da die Menschen noch nicht von Existenzangst bedroht in beschissenen "Jobs" ausharrten; da die gesellschaftliche Ideologie in Zeiten des sogenannten "Rheinischen Kapitalismus" noch nicht "Mehr, mehr, mehr!" lautete oder "Geiz ist geil", und da es, dem Hörensagen nach wenigstens, auch noch so etwas wie Anstand und Moral in den höheren Etagen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gegeben haben soll, ab und an zumindest. Eine Scheißzeit, nicht wahr? Heute war alles besser, der Rubel rolllte, und wenn er weiter brav das berichtete, was von ihm erwartet wurde, dann rollte er vielleicht sogar zu Herrn Gerwien und rieb sich zutraulich an seiner Wange.
Aber das war ja nichtmal das eigentliche Problem, weder das Personal beim stern, noch der dämliche Rubel.

Denn was erstaunlicherweise während der Veranstaltung nicht in den Kopf von Jörges und später offenbar nicht in den Kopf von Gerwien wollte, war, dass das Publikum vielleicht Recht gehabt haben könnte. Noch auf der Veranstaltung posaunte Jörges immer wieder vom Podium, "die Leute sind nicht so dumm wie Sie [angeblich] denken", aber das Publikum der Veranstaltung war ihm offensichtlich zu dumm. Es erkannte seine Weisheit nicht und sah offenbar nicht ein, sich irgendwelchen postulierten Sachzwängen zu beugen zu müssen, wenn man die Gegenwart und Zukunft auch anders gestalten konnte.

Wofür Lafontaine als weiterer Teilnehmer der Diskussion in meinen Augen stand, war, dass er als einer der letzten auf Bundesebene tätigen Politiker noch an so etwas wie die Gestaltungsmacht des Staates glaubte. Er war kein Getriebener, er war kein Erfüllungsgehilfe irgendwelcher Sachzwänge, und er hatte sich, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach, nicht dem blinden Wirtschaftsglauben und den mit ihm einhergehenden "Werten" (absichtlich in Anführungszeichen gesetzt) unterworfen.

Und tatsächlich hatte er Recht: Letztendlich entschied der Souverän in seiner Gesamtheit, wir alle, wie wir leben und welchen Götzen wie dienen wollten, und nicht jene, die sowieso schon am Besten dastanden qua Milliardenvermögen, Medienbesitz, Managerpositionen mit goldenen Fallschirmen etc. pp. Naja, so sollte es wenigstens sein. Mit Realitätsverweigerung hatte das nichts zu tun, und auch nicht mit einer Rückreise in die siebziger Jahre, wie es offenbar Jörges und Gerwien schien - eher damit, dass wir die Realität, in der wir leben, gestalten konnten und noch immer wollten.

Dafür standen Albrecht Müller als Mahner und besonders Oskar Lafontaine als Politiker, jener gewissermaßen als "last man standing". Ich hoffte ehrlich, dass er in der Lage sein würde, diesen seinen Mann noch etwas länger zu stehen. Denn der Glaube an die tatsächliche und noch immer vorhandene Gestaltungsmacht des Staates war es, der uns bitter fehlte; er war das Gegenteil zu dem, was in den letzten elf Jahren unter Rot/Grün und Schwarz/Rot geschehen war und jetzt unter Schwarz/Gelb wohl weiter geschehen würde. Diese Nachlassverwalter des demokratischen Staates verkörperten nichts weiter als gelebte Ohnmacht, ohnmächtig in ihren Rollen, in denen sie eigentlich Handelnde und Gestaltende sein sollten, in unser aller Interesse, und doch allzu oft nichts Anderes waren als Diener des Geldes und der Sach- und Gewinn"zwänge", die man ihnen ins Ohr gesetzt hatte.

Wir brauchten wieder Politiker, die zu uns allen sprachen. Das war ein kaum noch bestelltes Feld.

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Herzlichen Dank an Margareth Gorges (>>) für die Motivation zu diesem Post.

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Mein ursprünglicher Bericht über die Präsentation fand sich übrigens hier (>>).

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Und das Video der Veranstaltung, heute von den NDS hochgestellt, hier (>>).

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Eingestellt von MwaH Am/um

7 Kommentare:

Anonymous Anonym meinte...

Dein Artikel ist ja ganz gut - Aber was soll den dieses dämliche Änglisch auf deinem Blog????

19 November, 2009 15:27  
Anonymous Anonym meinte...

Deine Antwort auf den Stern Artikel - CHAPÉAU !

Ist in den NachDenkSeiten aufgenommen: Siehe
http://www.nachdenkseiten.de/?p=4347#h22

Herzlichen Dank und Beste Grüße
Margareth G.

19 November, 2009 16:37  
Blogger MwaH meinte...

@Anonym:

Mal so, mal so, ganz nach Laune - sei mal lieber froh, dass ich's nicht auch noch mit meinem Französisch versuche. ;)
Ansonsten hier: On language

Ansonsten danke für die ganz netten Blumen.

19 November, 2009 16:57  
Blogger good for nothing meinte...

Den Schlussteil möchte ich mal entschieden bestreiten.
Weder rot/grün noch schwarz/rot waren irgendwie ohnmächtig. Sie haben nämlich sehr wohl kräftig gestaltet, nur eben nicht in meinem Interesse und schon gar nicht im Interesse der Mehrheit.
Bei schwarz/gelb dürfte es mit dem kräftigen Gestalten sogar noch krasser werden.
Andererseits, schlimmer als Schröder geht's ja kaum, denn der hat den Bruch hin zur tatkräftigen Durchsetzung der Partikularinteressen der nimmersatten, erbärmlichen, auf jeden der noch zu Essen hat eifersüchtigen Geldakkumulierer durchgepeitscht und alles was danach noch kommt und ihn womöglich übertrifft überhaupt erst ermöglict.
Ohnmacht, ist da mehr auf der Seite des Souveräns.
Nicht zuletzt wegen der beschriebenen Medienmacht - daher auch die Reaktion auf jeden der dies thematisiert: am besten verschweigen, wo's nicht geht verunglimpfen.

19 November, 2009 19:42  
Blogger MwaH meinte...

@good for nothing:

Da kann ich sogar zustimmen - es kommt immer darauf an, wie man die Gestaltungsmacht versteht oder verstehen will. Ich persönlich halte von einem wertfreien Verständnis derselben nichts, denn dann genügen reiner Aktionismus und das Bedienen von Partikularinteressen, um "gestaltend" zu sein, und dann wäre auch das Dritte Reich ein Ort wahrer Gestaltungsmacht gewesen (oder je nachdem - auch da hatten Industrie und Hochfinanz nach allem, was man heute weiß, ihre Finger im Spiel und ihren Schnitt gemacht).

"Diese Nachlassverwalter des demokratischen Staates verkörperten nichts weiter als gelebte Ohnmacht, ohnmächtig in ihren Rollen, in denen sie eigentlich Handelnde und Gestaltende sein sollten, in unser aller Interesse, und doch allzu oft nichts Anderes waren als Diener des Geldes und der Sach- und Gewinn"zwänge", die man ihnen ins Ohr gesetzt hatte."

Die (von mir an dieser Stelle nicht hinreichend gemachte) Betonung sollte liegen auf "in unser aller Interesse", denn das ist es, was ich am schmerzlichsten vermisse. Und in diesem Sinne ist die Politik, und gerade auch die von Rot/Grün und Schwarz/Rot, an dem von mir genutzten Bild der Getriebenheit nicht ganz unschuldig, denn sie berief sich stets auf die Sachzwänge, das Diktat vorgeblicher Fakten, anstatt zu begreifen, dass sie es in der Hand hatte, die Fakten wenigstens teilweise mit zu schaffen.

Aber besser als Ehrlichkeit verkauft sich immer die (Not-) Lüge. Auch das ist ja leider nichts Neues.

Dass sie allerdings, auch jetzt unter Schwarz/Gelb, tatkräftig weiter gestalten werden, und zwar im wertfreien Sinn des Wortes und vornehmlich an Partikularinteressen orientiert, davon kann man ausgehen. Umso wichtiger wird die "Gegen"öffentlichkeit, was ja an und für sich auch ein verrücktes Konzept ist - denn wer wir (auch) sind, das ist ja eigentlich die Öffentlichkeit...

Beste Grüße.

19 November, 2009 20:01  
Anonymous Anonym meinte...

Sehr gut! Endlich sagt jemand mal, dass man sich auch eine andere Welt vorstellen kann, dass man gestalten will, als Bürger, aber eben anders , als die "(Geld-)Elite" es tut und will! Ich denke, wenn wir nicht bald den Mund aufmachen, wird sich nichts mehr ändern lassen. Wenn überhaupt. Die Politik wird von Lobbies infiltriert und die, die eigentlich den deutschen Staat ausmachen, zahlen jede Zeche, ohne auch nur gefragt zu werden. Zwar hat der Staat ab und zu mal Angst vor den Bürgern - wie beim Lissabon Vertrag, über den ja nur die Iren abstimmen durften, von insgesamt 27 Ländern - aber eigentlich sind alle, die nicht viel Geld haben politischer Kolateralschaden, sollten sie 'hinten runter fallen'. Die Ziele, die durch die Politik angestrebt werden manifestieren sich im Arbeitsmarkt, in den Studienabschlüssen und der Gesundheits- und Familienpolitik - wenn man das alles noch so nennen kann. Außerdem zeigt dieser Artikel sehr anschaulich, wie versucht wird - und leider auch oft erfolgreich geschafft - die Bevölkerung zu indoktrinieren und durch interessenorientierte Berichterstattung Zerrbilder der Realität zu füttern, die von vielen dann als ultimative Wahrheit geschluckt und vertreten wird. Armes Deutschland, arme EU!

20 November, 2009 09:57  
Blogger MwaH meinte...

Danke für die Blumen.

Endlich sagt jemand mal, dass man sich auch eine andere Welt vorstellen kann, dass man gestalten will, als Bürger, aber eben anders, als die "(Geld-)Elite" es tut und will!

Das Verrückte ist ja, dass auch jene, die jetzt noch in Sachen Geld von dieser Spaltungs-Politik profitieren, am Ende verlieren werden - nicht unbedingt jene, die Milliarden ihr Eigen nennen, die kaufen sich eine Insel und tun so, als wäre nichts, aber all jene, die sich jetzt noch "Leistungsträger" nennen, in einer fragmentierten Gesellschaft aber auch nicht leben können und wollen.

Mehr dazu hier: Der (Denk-)Fehler im System

20 November, 2009 11:12  

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