Weltverbesserung
Die Frage war immer die gleiche: Warum war die Welt in einem derartigen Zustand? Warum war alles ein so unglaubliches Durcheinander?
Nun, das war leicht zu beantworten. Ich saß im Zug und hatte sowieso nichts Besseres zu tun. Wir alle waren Schlafwandler unserer Leben; niemand wusste, was er eigentlich tat. Oh, jeder tat sein Bestes – aber das war auch ein Teil des Problems: Denn jeder tat das, was er für das beste HIELT. Aber die wenigstens wussten, was tatsächlich das Beste oder wenigstens gut WAR.
Im Mittelpunkt der ganzen Geschichte lag der Umstand, dass unser menschliches Bewusstsein imstande war, mit Symbolen umzugehen: sie zu erzeugen, zu manipulieren und von ihnen manipuliert zu werden. Jeder von uns tat das, die ganze Zeit; aber keiner wusste, was er TATSÄCHLICH tat, und kaum einer machte sich die Mühe. es zu hinterfragen und darüber nachzudenken. War es in der Struktur unseres Bewusstseins angelegt? Und wie FUNKTIONIERTE unser Bewusstsein überhaupt?
Naja, wir hielten uns selbst für real. Damit fing es an. Wir hielten die Konzepte, Systeme und Ideen in unserem Bewusstsein für real. Das war das Problem. Wir wollten überdauernde Dinge, an denen wir uns festhalten konnten, und so schufen wir sie uns.
Das war der Punkt, an dem man ansetzen musste, wenn man irgendetwas tatsächlich und überdauernd verändern wollte. LEIDER war das der Punkt. Es lief darauf hinaus, den Menschen das Denken beizubringen, das Beobachten, das Hinterfragen, oder es ihnen wenigstens irgendwie nahezubringen. Ihnen Lust auf das selbständige Denken zu machen. Denken war etwas, was niemand für einen erledigen konnte. Man musste es selber tun, auch wenn es vielleicht zu Beginn keinen großen Spaß machte. Es ging aber nicht anders. Es aß ja auch keiner für einen. Niemand konnte für einen anderen schlafen. Oder leben, wenn wir schon dabei waren. Es war eine dumme und umständliche Geschichte; andererseits war auch das nur wieder eine Repräsentation in unseren Bewusstseinen (wie zum Teufel bildete man eigentlich den korrekten Plural von „Bewusstsein“?), und eigentlich war es halb so wild. Es gehörte zum Leben dazu, wie der Stuhlgang. Auch der war manchmal nicht angenehm, aber er ließ sich nicht umgehen. Ein Teil des Lebens.
Was konnte man also tun? Was bedeutete es für den einzelnen?
Nun, es bedeutete, dass der einzelne erst einmal wissen musste, wie und warum und auf welchen Umwegen er dachte. Dann musste er sich bemühen, einen Überblick darüber zu bekommen, was davon real war. Das klang hohl. Das klang technisch. Also gut, ich würde es erklären. Wenn man schon das Denken lernen muss, dann sollte man es wohl so einfach wie möglich erklären.
Grundannahme 1: „Ich“ bin jemand, und ich bin wie ich bin. Zeitlich stabil, überdauernd, mit festen Grenzen, Überzeugungen, Eigenheiten und Eigenschaften. Alle anderen sind natürlich auch so.
Ausnahme: Ich verhalte mich situationsbedingt, wenn es sein muss. Alle anderen hingegen verhalten sich ihrem Charakter entsprechend.
Grundannahme 2: Ich verstehe den Zusammenhang zwischen A und B.
A -> B. Ich steige in A in den Zug und in B wieder aus. Ich gehe hinaus in den Regen und werde nass. So funktioniert das Leben. So funktioniert auch A -> B -> C. Oder eine beliebige andere Zusammenstellung von Variablen. Die Welt ist linear.
Grundannahme 3: Ich denke genau das, was ich denken will. Ich bin der Herr über meinen Geist, und nichts geschieht, ohne dass ich davon weiß und wichtiger noch, will. Allein der Gedanke, ich wüsste nicht, was ich tue, ist lächerlich. Ich bin es doch selbst.
Oh Mann, das war nicht schlecht. Eine Fundamentalopposition zum Sein, sozusagen. Kein Wunder, dass alles schief ging. Es war eher erstaunlich, dass überhaupt noch etwas auf dieser Welt funktionierte. Andererseits: tat es das?
Mal als Mängelliste ausgedrückt:
Mangel 1: Wir denken, unser Selbst sei real – dabei ist unser Selbst eine Konstruktion des Bewusstseins. Es ist immer genau das, was wir es sein lassen, innerhalb der biologischen Grenzen. Von denen ist allerdings alles andere als sicher, wo sie verlaufen.
Mangel 2: Wir denken, unsere Gedanken und Überzeugungen hätten eine eigene Realität. Wir denken, die Welt wäre so, weil sie so ist – dabei ist die Welt erst so, wie sie ist, weil wir sie dazu machen und so sein lassen. Die Menschenwelt ist konstruiert. Es gibt eine biologisch-geologische tatsächliche Welt, das ist richtig. Die Menschenwelt hingegen ist ein aufgepfropfter Konsens, und nichts Anderes.
Mangel 3: Wir sind unfähig, in komplexen Zusammenhängen zu denken. Wir tun uns schon ab drei Variablen schwer – Dinge wie Klimawandel, die eigene Psyche oder die Weltwirtschaft entziehen sich unserem Verständnis. Wir können mit einem solchen Level an Komplexität bewusst kaum umgehen. Wir denken, wir könnten es, und konstruieren so noch mehr Fehler, die sich nicht nur aufaddieren, sondern aufmultiplizieren. Wir machen die Dinge schlimmer und können es nicht einmal kapieren.
Mangel 4: Wir denken, wir wüssten, was wir tun – das ist die Essenz des Ganzen. Wir verstehen nichts. Wir verstehen uns selbst nicht. Das Bewusstsein spiegelt sich vor, „es“ wüsste, was geschieht, beziehungsweise der Mensch spiegelt sich vor, er wüsste, was im Bewusstsein geschieht – immerhin sei er es „selbst“. Was nicht passt, wird passend gemacht, und was fehlt, wird konstruiert. Es läuft darauf hinaus: Das Leben ist tautologisch. Das Er-Leben.
Wir bewegten uns in drei auf uns bezogenen Welten gleichzeitig:
1. In einer Körper-Welt. Es war die ursprüngliche Welt, die Welt des Tieres, die „unbewusste“ (eigentlich: weniger bewusste, nicht-symbolische) Welt. Die Welt der physischen Realität im weiteren Sinne.
2. In einer Bewusstseins-Welt. Der ungebremste Bewusstseinsstrom, der immer und immer weiter floss, Hindernisse und Dämme einfach beiseite spülte oder umging, sich kaum kanalisieren oder ausrichten ließ und über die Ufer trat, wann immer er wollte. Und wir bildeten uns ein, wir würden ihn kontrollieren. Es war lächerlich. Wir kontrollierten einen kleinen Teil, einen Bewusstseins-Fokus, und manchmal nicht einmal den. Allzu oft waren wir Opfer unseres ungesteuerten Erlebens und Einordnens. Die Bewusstseinsmaschine war nicht anzuhalten.
3. In einer Symbol-Welt. Konzepte, Ideen, Systeme, Symbole. Die ganze Chose. Wir haben sie in die Welt gesetzt – oder haben wir das? Hat nicht unser Bewusstsein sie in die Welt gesetzt, mit oder ohne unser Zutun und unsere „bewusste“ Entscheidung? An beidem war etwas dran; und obwohl sie ihre letzte tatsächliche Bedeutung erst in unserem Bewusstsein erhielten, führten sie doch auch ein Eigenleben. Die Ideen verbreiteten sich ungebremst und ungesteuert, und immer mehr in dieser unserer neuen Zeit. Weltweite Vernetzung bedeutete weltweite Ideen. Meme nannte man sie. Tatsächlich wäre der Begriff „Bewusstseins-Viren“ angebrachter gewesen. Was machte man mit Viren? Man hetzte das Immunsystem auf sie. Genau das war es, was wir brauchen: eine Immunabwehr für das Bewusstsein. Das war es, was Bewusstwerdung, was Denken tatsächlich war.
Das war nicht übel. Darauf konnte man aufbauen.
Mein Zug hatte immernoch Verspätung. Wieder ein klarer Fall eines Systems, das sich selbst nicht verstand: die Bahn hatte zwar Fahrpläne, aber sie konnte sie niemals einhalten. Fast wie die Politik. Ich starrte aus dem Fenster in die Nacht. Alles was ich sah war ich selbst.
Nun, das war leicht zu beantworten. Ich saß im Zug und hatte sowieso nichts Besseres zu tun. Wir alle waren Schlafwandler unserer Leben; niemand wusste, was er eigentlich tat. Oh, jeder tat sein Bestes – aber das war auch ein Teil des Problems: Denn jeder tat das, was er für das beste HIELT. Aber die wenigstens wussten, was tatsächlich das Beste oder wenigstens gut WAR.
Im Mittelpunkt der ganzen Geschichte lag der Umstand, dass unser menschliches Bewusstsein imstande war, mit Symbolen umzugehen: sie zu erzeugen, zu manipulieren und von ihnen manipuliert zu werden. Jeder von uns tat das, die ganze Zeit; aber keiner wusste, was er TATSÄCHLICH tat, und kaum einer machte sich die Mühe. es zu hinterfragen und darüber nachzudenken. War es in der Struktur unseres Bewusstseins angelegt? Und wie FUNKTIONIERTE unser Bewusstsein überhaupt?
Naja, wir hielten uns selbst für real. Damit fing es an. Wir hielten die Konzepte, Systeme und Ideen in unserem Bewusstsein für real. Das war das Problem. Wir wollten überdauernde Dinge, an denen wir uns festhalten konnten, und so schufen wir sie uns.
Das war der Punkt, an dem man ansetzen musste, wenn man irgendetwas tatsächlich und überdauernd verändern wollte. LEIDER war das der Punkt. Es lief darauf hinaus, den Menschen das Denken beizubringen, das Beobachten, das Hinterfragen, oder es ihnen wenigstens irgendwie nahezubringen. Ihnen Lust auf das selbständige Denken zu machen. Denken war etwas, was niemand für einen erledigen konnte. Man musste es selber tun, auch wenn es vielleicht zu Beginn keinen großen Spaß machte. Es ging aber nicht anders. Es aß ja auch keiner für einen. Niemand konnte für einen anderen schlafen. Oder leben, wenn wir schon dabei waren. Es war eine dumme und umständliche Geschichte; andererseits war auch das nur wieder eine Repräsentation in unseren Bewusstseinen (wie zum Teufel bildete man eigentlich den korrekten Plural von „Bewusstsein“?), und eigentlich war es halb so wild. Es gehörte zum Leben dazu, wie der Stuhlgang. Auch der war manchmal nicht angenehm, aber er ließ sich nicht umgehen. Ein Teil des Lebens.
Was konnte man also tun? Was bedeutete es für den einzelnen?
Nun, es bedeutete, dass der einzelne erst einmal wissen musste, wie und warum und auf welchen Umwegen er dachte. Dann musste er sich bemühen, einen Überblick darüber zu bekommen, was davon real war. Das klang hohl. Das klang technisch. Also gut, ich würde es erklären. Wenn man schon das Denken lernen muss, dann sollte man es wohl so einfach wie möglich erklären.
Grundannahme 1: „Ich“ bin jemand, und ich bin wie ich bin. Zeitlich stabil, überdauernd, mit festen Grenzen, Überzeugungen, Eigenheiten und Eigenschaften. Alle anderen sind natürlich auch so.
Ausnahme: Ich verhalte mich situationsbedingt, wenn es sein muss. Alle anderen hingegen verhalten sich ihrem Charakter entsprechend.
Grundannahme 2: Ich verstehe den Zusammenhang zwischen A und B.
A -> B. Ich steige in A in den Zug und in B wieder aus. Ich gehe hinaus in den Regen und werde nass. So funktioniert das Leben. So funktioniert auch A -> B -> C. Oder eine beliebige andere Zusammenstellung von Variablen. Die Welt ist linear.
Grundannahme 3: Ich denke genau das, was ich denken will. Ich bin der Herr über meinen Geist, und nichts geschieht, ohne dass ich davon weiß und wichtiger noch, will. Allein der Gedanke, ich wüsste nicht, was ich tue, ist lächerlich. Ich bin es doch selbst.
Oh Mann, das war nicht schlecht. Eine Fundamentalopposition zum Sein, sozusagen. Kein Wunder, dass alles schief ging. Es war eher erstaunlich, dass überhaupt noch etwas auf dieser Welt funktionierte. Andererseits: tat es das?
Mal als Mängelliste ausgedrückt:
Mangel 1: Wir denken, unser Selbst sei real – dabei ist unser Selbst eine Konstruktion des Bewusstseins. Es ist immer genau das, was wir es sein lassen, innerhalb der biologischen Grenzen. Von denen ist allerdings alles andere als sicher, wo sie verlaufen.
Mangel 2: Wir denken, unsere Gedanken und Überzeugungen hätten eine eigene Realität. Wir denken, die Welt wäre so, weil sie so ist – dabei ist die Welt erst so, wie sie ist, weil wir sie dazu machen und so sein lassen. Die Menschenwelt ist konstruiert. Es gibt eine biologisch-geologische tatsächliche Welt, das ist richtig. Die Menschenwelt hingegen ist ein aufgepfropfter Konsens, und nichts Anderes.
Mangel 3: Wir sind unfähig, in komplexen Zusammenhängen zu denken. Wir tun uns schon ab drei Variablen schwer – Dinge wie Klimawandel, die eigene Psyche oder die Weltwirtschaft entziehen sich unserem Verständnis. Wir können mit einem solchen Level an Komplexität bewusst kaum umgehen. Wir denken, wir könnten es, und konstruieren so noch mehr Fehler, die sich nicht nur aufaddieren, sondern aufmultiplizieren. Wir machen die Dinge schlimmer und können es nicht einmal kapieren.
Mangel 4: Wir denken, wir wüssten, was wir tun – das ist die Essenz des Ganzen. Wir verstehen nichts. Wir verstehen uns selbst nicht. Das Bewusstsein spiegelt sich vor, „es“ wüsste, was geschieht, beziehungsweise der Mensch spiegelt sich vor, er wüsste, was im Bewusstsein geschieht – immerhin sei er es „selbst“. Was nicht passt, wird passend gemacht, und was fehlt, wird konstruiert. Es läuft darauf hinaus: Das Leben ist tautologisch. Das Er-Leben.
Wir bewegten uns in drei auf uns bezogenen Welten gleichzeitig:
1. In einer Körper-Welt. Es war die ursprüngliche Welt, die Welt des Tieres, die „unbewusste“ (eigentlich: weniger bewusste, nicht-symbolische) Welt. Die Welt der physischen Realität im weiteren Sinne.
2. In einer Bewusstseins-Welt. Der ungebremste Bewusstseinsstrom, der immer und immer weiter floss, Hindernisse und Dämme einfach beiseite spülte oder umging, sich kaum kanalisieren oder ausrichten ließ und über die Ufer trat, wann immer er wollte. Und wir bildeten uns ein, wir würden ihn kontrollieren. Es war lächerlich. Wir kontrollierten einen kleinen Teil, einen Bewusstseins-Fokus, und manchmal nicht einmal den. Allzu oft waren wir Opfer unseres ungesteuerten Erlebens und Einordnens. Die Bewusstseinsmaschine war nicht anzuhalten.
3. In einer Symbol-Welt. Konzepte, Ideen, Systeme, Symbole. Die ganze Chose. Wir haben sie in die Welt gesetzt – oder haben wir das? Hat nicht unser Bewusstsein sie in die Welt gesetzt, mit oder ohne unser Zutun und unsere „bewusste“ Entscheidung? An beidem war etwas dran; und obwohl sie ihre letzte tatsächliche Bedeutung erst in unserem Bewusstsein erhielten, führten sie doch auch ein Eigenleben. Die Ideen verbreiteten sich ungebremst und ungesteuert, und immer mehr in dieser unserer neuen Zeit. Weltweite Vernetzung bedeutete weltweite Ideen. Meme nannte man sie. Tatsächlich wäre der Begriff „Bewusstseins-Viren“ angebrachter gewesen. Was machte man mit Viren? Man hetzte das Immunsystem auf sie. Genau das war es, was wir brauchen: eine Immunabwehr für das Bewusstsein. Das war es, was Bewusstwerdung, was Denken tatsächlich war.
Das war nicht übel. Darauf konnte man aufbauen.
Mein Zug hatte immernoch Verspätung. Wieder ein klarer Fall eines Systems, das sich selbst nicht verstand: die Bahn hatte zwar Fahrpläne, aber sie konnte sie niemals einhalten. Fast wie die Politik. Ich starrte aus dem Fenster in die Nacht. Alles was ich sah war ich selbst.
Labels: meditations, narratives, weltverbesserer


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