Eric Hobsbawm: "Es wird Blut fließen"
Wenn Menschen wie George Soros inzwischen als elder businessman ihren Senf zum Weltgeschehen dazugeben dürfen und andere wie Josef Ackermann noch immer als gesellschaftliche Akteure ernstgenommen werden, dann dürfen auch nicht-systemkonform argumentierende Persönlichkeiten einmal ran, wie hier (ausgerechnet im Stern) Eric Hobsbawm, der sich gegen einen offensichtlich mehr oder minder feindich eingestellten Interviewer auch mit 92 Jahren noch sehr gut behauptet:
Hobsbawm geht bereits in einer interessante Richtung:
Interviewer: US-Präsident Barack Obama pumpt Billionen Dollar in die Wirtschaft, Angela Merkel und die Bundesregierung legen milliardenschwere Konjunkturprogramme auf, auf dem G-20-Gipfel haben sie erklärt: Wir halten zusammen! Wir wissen, was wir tun!Wo sind die Antworten auf die aktuellen Fragen? Wo sind wenigstens die Versuche von Antworten, die etwas Anderes wären als immer nur ein "Mehr desselben"?
Hobsbawm: Haben Sie das Gefühl, die wissen wirklich, was sie tun? Stecken da Konzepte, Analysen dahinter? Nein, aufgeschreckt wie Krankenschwestern eilen die Politiker ans Bett des Kapitalismus und tun so, als ob sie etwas täten.
Interviewer: Sie wissen nicht, wohin sie gehen?
Hobsbawm: Ja, und das macht die Sache so schrecklich ungemütlich: Sie wissen einfach nicht, was sie tun sollen! Was wir im Augenblick erleben, ist ja etwas, was es nach der radikalen Moraltheologie des Marktes gar nicht geben kann und darf, es ist also etwas, was das Denkvermögen der Akteure sprengt. Wie ein blinder Mann, der durch ein Labyrinth zu gehen versucht, klopfen sie mit verschiedenen Stöcken die Wände ab, ganz verzweifelt, und sie hoffen, dass sie so irgendwann den Ausgang finden. Aber ihre Werkzeuge funktionieren nicht.
Hobsbawm geht bereits in einer interessante Richtung:
Hobsbawm: Die marktradikalen Theorien sind ja wunderbar - wenn man von der Wirklichkeit absieht. Man konstruiert sich ein System, nennt es Freiheit, und in der Theorie funktioniert es: Jedermann, jeder Mensch, jede Firma sucht für sich den Vorteil, den rational kalkulierbaren Vorteil, und der Markt, jenseits des menschlichen Urteils, regelt alles zum Guten. Eine primitive Ideologie. Das Wissen von Leuten jedoch, die den Kapitalismus analysiert und verstanden hatten, wurde dagegen verspottet und vergessen: Leute wie Marx und Schumpeter wussten, dass der Kapitalismus etwas Instabiles ist, dass er sich entwickelt und revolutionär voranschreitet, aber auch zwangsläufig zusammenbricht, dass er stets anfällig ist für Krisen von unterschiedlicher Dauer und bisweilen großer Heftigkeit.Damit hat er das Wichtigste bereits gesagt.
Die Menschheit kann nicht zum Laisser-faire-Kapitalismus der letzten Jahrzehnte zurückkehren. Die Zukunft kann keine Fortsetzung der Vergangenheit oder auch der Gegenwart sein.
Labels: factual, politics, the last crisis


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