Samstag, Februar 07, 2009

Paris hat kein Ende

Ich fuhr heute durch Berlin, die große, graue Stadt. Die Berlinale fand wieder statt, und Sabine und ich besorgten uns Karten, um einmal mehr in den Genuss ungewöhnlicher Filme zu kommen. Aus keinem besonderen Anlass erinnerte ich mich an Paris, jenes Paris, das ich im Sommer vor bald zwei Jahren zu Gesicht bekommen hatte, und das ich zuvor schon durch Hemingway kennengelernt hatte, auch wenn es damals schon gar nicht mehr das Paris war, das Hemingway vor langer Zeit erlebt hatte. Ich dachte also an Paris, vielleicht, weil der Tag in Berlin ebenso grau war wie die Tage damals dort, oder vielleicht auch nur, weil Berlin eine ebenso große und sprudelnde Stadt war wie Paris. In Paris hatte ich niemanden bei mir gehabt, sondern war mit der Stadt allein gewesen, und lange Tage durch ihre Gassen und Cafés gestreift, bemüht, das Wesen der Stadt zu finden, und ich hatte es ebensowenig gefunden, wie es mir bisher gelungen war, das Wesen Berlins ausfindig zu machen. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Berlin, und meine Zukunft war ein Nebelstreif am Horizont, in dem sich vielleicht alles barg und vielleicht auch nichts. Ich dachte an Paris, und an die Situation, in der ich damals gewesen war, und an die Sonnenstunde auf der Place de la Contrescarpe, und wie ich Zuflucht zu Hemingway nahm, als die Stadt so gar nicht mehr das war, was er einst beschrieben hatte, und der Gedanke kam mir, dass die Vergangenheit eigentlich nie das war, was sie damals gewesen war, sondern immer nur noch das, was uns besonders am Herzen lag. Alle Dinge wurden rosig, je länger sie im Nebel der vergangenen Zeit versanken, und mit zunehmender Entfernung immer mehr so. Paris war grau und nass gewesen, und jetzt erschien es mir wie ein Fest fürs Leben, so wie mir das ganze lange Jahr 2007 im Rückblick wie ein solches Fest erschien, und dabei war mir während dieses Jahres oft nicht nach Feiern zumute gewesen, sondern eher nach einer einsamen Höhle, in die ich mich verziehen und meine Wunden lecken konnte. Und dann war jenes Jahr, durch die eine oder andere schicksalhafte Wendung, doch noch zu einem Fest geworden, einem Fest des Lebens und des Neuanfangs, auch wenn ich das damals noch gar nicht richtig merkte, geschweige denn einordnen konnte.
Nun war es 2009. Wieder ein Jahr des Neuanfangs, und wieder lag die Zukunft in ihrem fernen Nebel, einem Nebel, den nur meine eigene, anhaltende Arbeit langsam würde lüften können, um zu entdecken, welche fernen Gestade dieses Mal hinter dem Horizont lagen.

Hemingway schrieb damals, „Paris hat kein Ende“, und ich dachte, ich wüsste inzwischen, was er damit gemeint hatte. Paris hatte tatsächlich kein Ende, und auch viele andere Dinge endeten eigentlich nie, wenn man es auf sich nahm, ihnen nachzuspüren.

Labels: , , , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite