Fern wie die Zeit (XXXVII)
Der Schlüssel knirschte im Schloss, und die Tür wurde aufgestoßen. Draußen war es inzwischen hell geworden, und Tageslicht flutete in den Raum. Zottelhaar fluchte und hielt im Türrahmen inne. Das war alles, was ich brauchte. Ich stieß meine Schulter mit voller Wucht gegen die geöffnete Tür. Zottelhaar jaulte auf und ging zu Boden. Was er dabeigehabt hatte, schlitterte von ihm weg und in den Raum. Ich trat hinter der Tür hervor, ein Holzscheit in der Hand, und versuchte ihm den Rest zu geben.
Es wird immer so einfach dargestellt, einen Menschen niederzuschlagen. Dabei ist es nicht so, wie man es sich vorstellt, außer man landet einen echten Glückstreffer an genau der richtigen Stelle. Es ist keine schnelle Sache. Es ist ein verdammter Kampf, wie man sich ja denken kann.
Zottelhaar wand sich unter mir und versuchte, von mir wegzukommen. Es gelang ihm nicht besonders gut, da er auf dem Rücken lag und versuchte zu krabbeln wie eine Ameise. Zwischen meinem Holzscheit und seinem Schädel waren seine Beine, und er trat nach mir, während er krabbelte, und schrie wie ein Verrückter. Ich schrie ebenfalls. Wir gaben sicherlich einen reizenden Anblick ab.
Ich passte einen Augenblick nicht auf, und sein Fuß traf mich an einer empfindlichen Stelle. Ungewollt ging ich in die Knie. Sein anderer Fuß kam von der anderen Seite, und ich ließ mich instinktiv fallen und boxte ihm in den Bauch. Es war das Beste, was mir einfiel. Sein linkes Bein lag jetzt unter mir, und er kam nicht mehr weg. Er versuchte, mein Kinn mit seinem Knie zu bearbeiten, und verfehlte mich nur knapp. Ich boxte ihm nochmal in die Nierengegend. Das Resultat war ordentlich, denn er hielt inne, und ich wiederholte es. Dann traf plötzlich er mich in den Bauch, und jetzt blieb mir die Luft weg. Alles drehte sich für kurze Zeit, und er zog das Bein unter mir weg und versuchte herumzukommen, um mir den Rest zu geben. In seinen Augen war blanker Hass, und sie loderten, als könne man eine Fluppe an ihnen anzünden. In der rechten Hand hielt ich immernoch das Holzscheit, und mit ordentlich Schwung und einiger komplizierter Berechnung meinerseits ließ ich es gegen seinen Scheitel krachen, als er gerade in Reichweite kam. Der Schmerz und mehr noch die Überraschung waren offenbar ganz ordentlich. Zottelhaar jaulte auf. Ich warf mich herum und zog ihm das Ding nochmal über den Schädel, und dann ließ ich das Scheit fallen und dellte ihm mit der Faust das Kinn ein. Jetzt jaulte er nicht mehr, sondern stöhnte nur noch kurz und lag dann ganz still. Ich stand auf und blieb erstmal stehen. Ich atmete schwer, und in meiner Tasche fischte ich nach einer Zigarette. Die hatte ich nötig jetzt. Ich warf das Scheit zu den anderen in den Ofen und zündete die Petroleumlampe wieder an. Dann hob ich seine Kanone auf. Es war die Schrotflinte, mit der ich bereits Bekanntschaft gemacht hatte. Sie war geladen.
Ich setzte Zottelhaar ein weiteres Mal auf einen Stuhl am Tisch und trank noch ein bisschen Whisky. Das konnte mir nur guttun. Dann sah ich ihn mir kurz an und stellte sicher, dass er atmete. Abgesehen von seinem Kopf war er gut in Schuss, und mit ein bisschen Glück würde ihn die Beule zu einem vernünftigeren Menschen machen – Schläge auf den Hinterkopf und Denkvermögen und so. Meine vorbereitete Notiz lagte ich vor ihm auf den Tisch, so dass er sie sehen musste, wenn er sich ein bisschen umschaute.
Ich entschied mich dagegen, ihn zu fesseln, sondern ging einfach hinaus und schloss die Hütte wieder ab. Seine Flinte nahm ich mit. Draußen lag der Schnee einen Meter hoch jetzt. Ich überlegte mir, den Schlüssel einfach wegzuwerfen, aber dann steckte ich ihn doch in die Tasche und machte mich auf den Weg. Ich würde ja wieder zurückkommen. Es lag etwas Verlockendes in der Möglichkeit, eine Sache hinter Schloss und Riegel zu bringen und dann einfach zu vergessen. Aber so funktionierte es nicht. So funktionierte es nicht mit Zottelhaar und meinen Gegnern hier in diesem Dorf, und so hatte es noch nie funktioniert, auch nicht damals, als ich es versucht hatte und die Erinnerung trotzdem immer wiedergekommen war. Man konnte den Schlüssel genausogut behalten, darauf lief es hinaus. Besonders dann, wenn man aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso noch einmal zurückkommen musste.
Alles in allem war es war es trotzdem fast zu einfach gewesen. Ich hatte es hier nicht mit Profis zu tun, sondern nur mit einfachen Menschen, die sich verzweifelt bemühten, ein Geheimnis zu bewahren. Die Verzweiflung war das gefährliche Element hier. Verzweifelte Menschen waren zu allem fähig, wie in die Enge getriebene Ratten. Solange sie mich gemeinsam als ihren als Feind ansahen, war mein Leben nicht allzu viel wert. Und diese Sache mit Zottelhaar auszudiskutieren war mir sinnlos erschienen. Es hatte einfach schon zuviel böses Blut zwischen uns gegeben. Es sollte erstmal ein wenig schmoren, das würde ihm guttun. Ich meinerseits wollte nun jemanden sehen, der mir eher zu einem Gespräch bereit schien.
Ich mied die Küste, und drückte mich durch den Wald entlang den Klippen, aber auf der dem Meer abgewandten Seite. Es gab keinen richtigen Weg, und ich kam langsam voran, immer wieder von Schnee bestäubt, der von den oberen, tief heruntergedrückten Ästen auf mich herabfiel. Es war gegen neun am Vormittag, und mein Magen knurrte. Die Landschaft war von dem ehemals goldenen Spätherbst in ein Winterwunderland verwandelt, und der Schnee klebte mir am Mantel, und ich rutschte immer wieder aus auf dem Eis oder stolperte über verborgene Äste und Unebenheiten im Boden. Die Flinte in meiner Hand war gesichert. Sie konnte nicht losgehen.
Jeder Wald endet irgendwann einmal, so wie jede Qual und jede Freude enden. In meinem Fall war es die Qual des unwegsamen Vorandringens, und meine Freude galt der Tatsache, dass ich unweit von Fanny Gros‘ Haus aus dem kalten Schatten der Bäume trat, dem Schauplatz der nächtlichen Ereignisse. Es war Feuer im Ofen. Der Schornstein rauchte.
Ich ging vorsichtig näher, soll heißen, ich schlich nicht, aber ich trampelte auch nicht wie ein Elephant. Die Fenster zur Küche waren auf der Rückseite des Hauses, auf der auch ich mich befand, und ich behielt eine ungefähre Linie zwischen diesen Fenstern und der offenen Wiese zwischen Wald und Dorf bei. Auf diese Weise konnte ich einen Blick in die Küche erhaschen, und zugleich Fersengeld geben, wenn es notwendig werden sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung, wohin ich im Fall des Falles überhaupt fliehen sollte, aber wenigstens die Möglichkeit dazu wollte ich haben.
Ein paar Schritte brachten mich näher heran, und ich warf einen Luchs in den Raum. Fanny Gros stand am Herd und bereitete etwas zu essen zu. Mein Magen brummte als Reaktion. Sie war allerdings nicht allein. Weiter hinten im Raum befand sich ein Schatten, nahe der Wand des Zimmers, vermutlich auf einem Stuhl. Fanny Gros achtete nicht auf den Schnee draußen, sondern auf die Pfanne, mit der sie hantierte; worauf ihr Gesprächspartner achtete, wusste ich nicht, aber er schien mir zu reden. Ich zog mich vorsichtig aus dem Blickwinkel der beiden, ging dann den restlichen Weg um das Haus herum und zur Eingangstür. Gerade noch rechtzeitig fiel mir das verdammte Quietschen ein, und anstatt es an der Haustür zu versuchen, ging ich weiter zu meinem Zimmerfenster. Es war unverschlossen. Der Raum war leer, und die Überreste der letzten Nacht boten ein trauriges Bild. Es hatte noch niemand aufgeräumt. Mit ein bisschen Glück wären sogar meine Sachen noch da. Aber darum würde ich mich später kümmern. Ich schob das Fenster ganz auf, kletterte hindurch und stellte die Flinte an die Kommode hinter der Türe gelehnt ab, so dass ich sie, falls nötig, leicht würde erreichen können. Dann schlich ich durch den Gang hin zur Küchentür. Ich schlich so, wie kleine Elfen schlichen, auf den Zehenspitzen und mit einem gelegentlichen Schlagen meiner durchscheinenden Flügelchen, um das Gleichgewicht zu wahren. Ich schlich wirklich leise. Unbedingt nötig wäre es nicht gewesen. Die Stimmen aus der Küche waren laut genug.
Es wird immer so einfach dargestellt, einen Menschen niederzuschlagen. Dabei ist es nicht so, wie man es sich vorstellt, außer man landet einen echten Glückstreffer an genau der richtigen Stelle. Es ist keine schnelle Sache. Es ist ein verdammter Kampf, wie man sich ja denken kann.
Zottelhaar wand sich unter mir und versuchte, von mir wegzukommen. Es gelang ihm nicht besonders gut, da er auf dem Rücken lag und versuchte zu krabbeln wie eine Ameise. Zwischen meinem Holzscheit und seinem Schädel waren seine Beine, und er trat nach mir, während er krabbelte, und schrie wie ein Verrückter. Ich schrie ebenfalls. Wir gaben sicherlich einen reizenden Anblick ab.
Ich passte einen Augenblick nicht auf, und sein Fuß traf mich an einer empfindlichen Stelle. Ungewollt ging ich in die Knie. Sein anderer Fuß kam von der anderen Seite, und ich ließ mich instinktiv fallen und boxte ihm in den Bauch. Es war das Beste, was mir einfiel. Sein linkes Bein lag jetzt unter mir, und er kam nicht mehr weg. Er versuchte, mein Kinn mit seinem Knie zu bearbeiten, und verfehlte mich nur knapp. Ich boxte ihm nochmal in die Nierengegend. Das Resultat war ordentlich, denn er hielt inne, und ich wiederholte es. Dann traf plötzlich er mich in den Bauch, und jetzt blieb mir die Luft weg. Alles drehte sich für kurze Zeit, und er zog das Bein unter mir weg und versuchte herumzukommen, um mir den Rest zu geben. In seinen Augen war blanker Hass, und sie loderten, als könne man eine Fluppe an ihnen anzünden. In der rechten Hand hielt ich immernoch das Holzscheit, und mit ordentlich Schwung und einiger komplizierter Berechnung meinerseits ließ ich es gegen seinen Scheitel krachen, als er gerade in Reichweite kam. Der Schmerz und mehr noch die Überraschung waren offenbar ganz ordentlich. Zottelhaar jaulte auf. Ich warf mich herum und zog ihm das Ding nochmal über den Schädel, und dann ließ ich das Scheit fallen und dellte ihm mit der Faust das Kinn ein. Jetzt jaulte er nicht mehr, sondern stöhnte nur noch kurz und lag dann ganz still. Ich stand auf und blieb erstmal stehen. Ich atmete schwer, und in meiner Tasche fischte ich nach einer Zigarette. Die hatte ich nötig jetzt. Ich warf das Scheit zu den anderen in den Ofen und zündete die Petroleumlampe wieder an. Dann hob ich seine Kanone auf. Es war die Schrotflinte, mit der ich bereits Bekanntschaft gemacht hatte. Sie war geladen.
Ich setzte Zottelhaar ein weiteres Mal auf einen Stuhl am Tisch und trank noch ein bisschen Whisky. Das konnte mir nur guttun. Dann sah ich ihn mir kurz an und stellte sicher, dass er atmete. Abgesehen von seinem Kopf war er gut in Schuss, und mit ein bisschen Glück würde ihn die Beule zu einem vernünftigeren Menschen machen – Schläge auf den Hinterkopf und Denkvermögen und so. Meine vorbereitete Notiz lagte ich vor ihm auf den Tisch, so dass er sie sehen musste, wenn er sich ein bisschen umschaute.
Ich entschied mich dagegen, ihn zu fesseln, sondern ging einfach hinaus und schloss die Hütte wieder ab. Seine Flinte nahm ich mit. Draußen lag der Schnee einen Meter hoch jetzt. Ich überlegte mir, den Schlüssel einfach wegzuwerfen, aber dann steckte ich ihn doch in die Tasche und machte mich auf den Weg. Ich würde ja wieder zurückkommen. Es lag etwas Verlockendes in der Möglichkeit, eine Sache hinter Schloss und Riegel zu bringen und dann einfach zu vergessen. Aber so funktionierte es nicht. So funktionierte es nicht mit Zottelhaar und meinen Gegnern hier in diesem Dorf, und so hatte es noch nie funktioniert, auch nicht damals, als ich es versucht hatte und die Erinnerung trotzdem immer wiedergekommen war. Man konnte den Schlüssel genausogut behalten, darauf lief es hinaus. Besonders dann, wenn man aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso noch einmal zurückkommen musste.
Alles in allem war es war es trotzdem fast zu einfach gewesen. Ich hatte es hier nicht mit Profis zu tun, sondern nur mit einfachen Menschen, die sich verzweifelt bemühten, ein Geheimnis zu bewahren. Die Verzweiflung war das gefährliche Element hier. Verzweifelte Menschen waren zu allem fähig, wie in die Enge getriebene Ratten. Solange sie mich gemeinsam als ihren als Feind ansahen, war mein Leben nicht allzu viel wert. Und diese Sache mit Zottelhaar auszudiskutieren war mir sinnlos erschienen. Es hatte einfach schon zuviel böses Blut zwischen uns gegeben. Es sollte erstmal ein wenig schmoren, das würde ihm guttun. Ich meinerseits wollte nun jemanden sehen, der mir eher zu einem Gespräch bereit schien.
Ich mied die Küste, und drückte mich durch den Wald entlang den Klippen, aber auf der dem Meer abgewandten Seite. Es gab keinen richtigen Weg, und ich kam langsam voran, immer wieder von Schnee bestäubt, der von den oberen, tief heruntergedrückten Ästen auf mich herabfiel. Es war gegen neun am Vormittag, und mein Magen knurrte. Die Landschaft war von dem ehemals goldenen Spätherbst in ein Winterwunderland verwandelt, und der Schnee klebte mir am Mantel, und ich rutschte immer wieder aus auf dem Eis oder stolperte über verborgene Äste und Unebenheiten im Boden. Die Flinte in meiner Hand war gesichert. Sie konnte nicht losgehen.
Jeder Wald endet irgendwann einmal, so wie jede Qual und jede Freude enden. In meinem Fall war es die Qual des unwegsamen Vorandringens, und meine Freude galt der Tatsache, dass ich unweit von Fanny Gros‘ Haus aus dem kalten Schatten der Bäume trat, dem Schauplatz der nächtlichen Ereignisse. Es war Feuer im Ofen. Der Schornstein rauchte.
Ich ging vorsichtig näher, soll heißen, ich schlich nicht, aber ich trampelte auch nicht wie ein Elephant. Die Fenster zur Küche waren auf der Rückseite des Hauses, auf der auch ich mich befand, und ich behielt eine ungefähre Linie zwischen diesen Fenstern und der offenen Wiese zwischen Wald und Dorf bei. Auf diese Weise konnte ich einen Blick in die Küche erhaschen, und zugleich Fersengeld geben, wenn es notwendig werden sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung, wohin ich im Fall des Falles überhaupt fliehen sollte, aber wenigstens die Möglichkeit dazu wollte ich haben.
Ein paar Schritte brachten mich näher heran, und ich warf einen Luchs in den Raum. Fanny Gros stand am Herd und bereitete etwas zu essen zu. Mein Magen brummte als Reaktion. Sie war allerdings nicht allein. Weiter hinten im Raum befand sich ein Schatten, nahe der Wand des Zimmers, vermutlich auf einem Stuhl. Fanny Gros achtete nicht auf den Schnee draußen, sondern auf die Pfanne, mit der sie hantierte; worauf ihr Gesprächspartner achtete, wusste ich nicht, aber er schien mir zu reden. Ich zog mich vorsichtig aus dem Blickwinkel der beiden, ging dann den restlichen Weg um das Haus herum und zur Eingangstür. Gerade noch rechtzeitig fiel mir das verdammte Quietschen ein, und anstatt es an der Haustür zu versuchen, ging ich weiter zu meinem Zimmerfenster. Es war unverschlossen. Der Raum war leer, und die Überreste der letzten Nacht boten ein trauriges Bild. Es hatte noch niemand aufgeräumt. Mit ein bisschen Glück wären sogar meine Sachen noch da. Aber darum würde ich mich später kümmern. Ich schob das Fenster ganz auf, kletterte hindurch und stellte die Flinte an die Kommode hinter der Türe gelehnt ab, so dass ich sie, falls nötig, leicht würde erreichen können. Dann schlich ich durch den Gang hin zur Küchentür. Ich schlich so, wie kleine Elfen schlichen, auf den Zehenspitzen und mit einem gelegentlichen Schlagen meiner durchscheinenden Flügelchen, um das Gleichgewicht zu wahren. Ich schlich wirklich leise. Unbedingt nötig wäre es nicht gewesen. Die Stimmen aus der Küche waren laut genug.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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