Fern wie die Zeit (XXXX)
Ich hatte nicht viel mitgenommen. Nur meine Geldbörse und das Gewehr. Die eine würde mir zurück in der Stadt wieder nützen, das andere hier. Und natürlich auch eine Kleinigkeit, die ich aus Hendrichs Hütte entwendet hatte, vor gefühlt hundert Tagen, als ich das erste Mal dort war.
Ich stapfte im Schein der niedrig stehenden Vormittagssonne die Klippen hinauf. Der Weg war kaum auszumachen unter dem dicken Schnee, und so ging ich einfach drauflos, vorsichtig, wegen der vielen Unebenheiten des Bodens. Die Wolkendecke war an verschiedenen Stellen aufgerissen, und Lanzen aus Sonnenlicht überglänzten die weiße Welt. Für Fanny Gros war ich noch immer auf dem Zimmer, auch wenn ich tatsächlich das Haus so wieder verlassen hatte, wie ich es betreten hatte. Ich glaubte ihr, dass sie mich decken wollte. Dennoch hatte ich nicht vor, den Rest der Zeit hier auf dem Zimmer zu sitzen, besonders, wenn ich eigentlich an einem ganz anderen Ort sein wollte, an dem ich den Dingen auf den Grund gehen konnte.
Die Strecke oben auf der Klippe zog sich so weit und flach hin wie das Eis am Nordpol. Soll heißen, von Weitem war ich so leicht zu sehen wie ein Elefant auf dem Tanzparkett, aber das konnte ich nicht ändern. Ich beeilte mich, so gut es ging, und konnte ansonsten nur hoffen, dass niemand durch eine der Schießscharten Ausschau hielt, beispielsweise nach Leuten wie mir, sondern nur durch die Fenster zum Meer, durch die sich heute ein großartiges Panorama bot – in der Ferne war frischer Nebel, das Meer lag dunkel und schwarz da, und dazu noch das Sonnenlicht und der Widerschein des Schnees. Es war ein prächtiger Anblick. Auf jeden Fall prächtiger als ich.
Ich hatte einiges abbekommen in den letzten Stunden. Als ich im Badezimmer in den Spiegel schaute, erkannte ich mich erst gar nicht. Ein wundervoller blauer Fleck zog sich über meine rechte Wange, blau und schon ein bisschen schwarz. Mein Hinterkopf fühlte sich ein bisschen eingedellt und weich an, wenn er das nicht schon vorher gewesen war. Außerdem war meine Lippe aufgeplatzt, was ich gar nicht mitbekommen hatte. Es musste geschehen sein, als ich mal für ein paar Minuten k.o. gegangen war. Soll heißen, es hatte eine Menge Gelegenheiten dafür gegeben. Außerdem schmerzten mir der Bauch und die Nieren, auf jene dumpfe, unterschwellige Weise, die signalisiert, dass man den einen oder anderen Tritt zuviel abbekommen hat. Aber ich pisste noch kein Blut, und ich konnte noch gehen, und ich hatte eine Flinte in der Hand und Sonnenschein im Gesicht. Und Tufts Haus kam immer näher. Ich war ganz gut aufgestellt. Gut genug hoffentlich.
Einbruch war noch nie eine Spezialität meinerseits. Sicherlich, ich besaß ein paar gute Dietriche, aber die machten den Kohl noch lange nicht fett. Man brauchte eine ganze Menge Geduld, um ein Schloss zu öffnen, und eine ganze Menge Fingerspitzengefühl. Es war eine lange, schweißtreibende Arbeit, obwohl man nicht viel bewegte außer den Fingerspitzen, und ein paar Tausendstelmilimeter machten im Zweifelsfall den Unterschied aus zwischen einer geöffneten Tür und einem abgebrochenen Werkzeug. Ich war beileibe kein Grobmotoriker. Aber manche Dinge waren eben den Feinmechanikern vorbehalten.
Im Gegensatz zu einem Dietrich war eine Schrotflinte ein hervorragendes Instrument für einen Einbruch. Wenn man es mit einer Tür zu tun hatte, die nicht besonders solide war, konnte man auf das Schloss halten und das Ding einfach aus dem Holz blasen. In allen anderen Fällen musste man das Glück haben, dass jemand zuhause war. Dann konnte man an der Tür klingeln oder klopfen, und demjenigen, der öffnete, die Flinte unter die Nase halten. Es gab keine bessere Methode, um irgendwo reinzukommen. Das mit dem Rauskommen war dann natürlich eine andere Sache.
Ich hatte Glück. Tuft war zuhause. Er erwies sich als echter Künstler: So wie es aussah, hatte sein Tag der Uhrzeit zum Trotz gerade erst begonnen. Er trug einen Pyjama und eine Nachtmütze, und beides in schreiendem Rot. Seine Augen waren noch ganz trüb und harmlos, geradezu langweilig. Er war wirklich noch nicht auf der Höhe. Gut, er hatte auch weniger Glück als ich. Ich meine, eine Kanone unter der Nase war wirklich nicht die beste Art, um einen Tag zu beginnen.
„Darf ich reinkommen?“
Mit diesen Worten schob ich die Tür ganz auf und Tuft aus dem Weg.
„Was... Was...?“
Ich wartete ab, bis er fähig war, einen vollständigen Satz zu bilden, und schloss in dieser Zeit schonmal die Tür.
„Ist außer ihnen sonst noch jemand da?“ fragte ich ihn.
„Was...“
„Sonst noch jemand?!“
Mit diesen Worten hielt ich ihm die Kanone noch enger unter die Nase. Das Ergebnis war erstaunlich:
„Nein, niemand!“
„Prima“, antwortete ich, „wo ist ihre Küche?“
Tuft schaute verständislos. Allerdings nicht lange, in Anbetracht der Umstände. Er führe mich den Gang hinunter und links, und ich stand in einer Küche, die dem Haus alle Ehre machte. Der Raum musste die gesamten Ausmaße der Außenwand an dieser Stelle einnehmen, und er bot alle Annehmlichkeiten, die sich ein Koch wünschen konnte. Ich meinte damit nicht irgendeinen Feld-, Wald- und Wiesen-Koch, sondern eher den Küchenchef eines Drei-Sterne-Restaurants der gehobenen Preisklasse. Es war alles da, was man brauchte, inklusive einiger Gerätschaften, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gebraucht hatte.
„Kaffee?“ sagte ich.
„Was... was wollen sie hier?“ antwortete Tuft, mit überschnappender Stimme. Sieh an, er hatte sie wiedergefunden.
„Spielen sie nicht den Überraschten, Tuft. Das steht ihnen nicht. Wo sie hier ihren Kaffee haben, hab ich sie gefragt.“ Dazu fuchtelte ich mit dem Gewehr herum.
Aber Tuft berappelte sich jetzt, und seine Augen gewannen etwas von der alten Tiefe zurück.
„Sie!“ drang es aus ihm, „verlassen sie auf der Stelle mein Haus“, und sein Gesicht verzog sich dabei wie das einer räudigen Promenadenmischung. Sein Outfit machte den Effekt allerdings zunichte. Er sah nicht sehr eindrucksvoll aus, sondern nur wie ein geifernder alter Simpel mit einer Nachtmütze.
„Tuft!“ bellte ich zurück. „Sie wissen, was hier in diesem Dorf vor sich geht. Sie wussten, wo sich Frances versteckt hält. Sie stecken mit Jenkins unter einer Decke. Sowieso, ihr steckt hier alle unter einer Decke. Ihr habt mir übel mitgespielt, ihr Schweinehunde. Und wenn ich nich gleich ne Tasse Kaffee krieg, dann dreh ich durch!“ Dazu rollte ich mit den Augen und fletschte die Zähne.
Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr auf Kaffee. Es war nur das erste, was mir eingefallen war, und ich wollte das Eis brechen. Jetzt wurde mir beim Gedanken an Kaffee plötzlich ein bisschen schlecht. Nur hatte ich die Nummer jetzt angefangen, also musste ich sie auch durchziehen, um nicht wie ein Idiot dazustehen.
„Der Kaffee!“ bellte ich nochmal, und kam mir bereits wie ein Idiot vor. Aber Tuft kuschte, und am Ende bekam ich einen weiteren Kaffee, diesen sogar mit Schuss, nachdem ich die Regale nach ein paar Flaschen durchwühlt hatte. So gefiel er mir schon wieder fast. Ich sorgte dafür, dass auch Tuft eine ordentliche Portion von dem Gebräu abkriegte. Er konnte sie brauchen.
„Kommen sie, wir ziehen um. Ich bin mir sicher, die Aussicht heute ist fantastisch.“
Mit diesen Worten dirigierte ich Tuft in das Galleriezimmer, in dem er mich das letzte Mal empfangen hatte, also in den Gang und bis ans andere Ende und dann immer der Sonne entgegen. Es war kein faires Spiel, was ich hier trieb, das war mir klar. Er war ein alter Mann, und unbewaffnet, und ich ein weniger alter Mann mit einer Kanone. Dennoch traute ich ihm alles zu. Wie ich bereits sagte, sie steckten hier alle gemeinsam unter einer Decke. Ich war mir nur nicht sicher, unter was für einer. Aber das würde ich rauskriegen. Und aus keinem anderem Grund als aus gekränkter Eitelkeit. Wenn ich schlau gewesen wäre, hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Aber, andererseits, hätte es anders kommen können, als es schließlich kam?
Wie immer war das verdammt schwer zu sagen.
Ich stapfte im Schein der niedrig stehenden Vormittagssonne die Klippen hinauf. Der Weg war kaum auszumachen unter dem dicken Schnee, und so ging ich einfach drauflos, vorsichtig, wegen der vielen Unebenheiten des Bodens. Die Wolkendecke war an verschiedenen Stellen aufgerissen, und Lanzen aus Sonnenlicht überglänzten die weiße Welt. Für Fanny Gros war ich noch immer auf dem Zimmer, auch wenn ich tatsächlich das Haus so wieder verlassen hatte, wie ich es betreten hatte. Ich glaubte ihr, dass sie mich decken wollte. Dennoch hatte ich nicht vor, den Rest der Zeit hier auf dem Zimmer zu sitzen, besonders, wenn ich eigentlich an einem ganz anderen Ort sein wollte, an dem ich den Dingen auf den Grund gehen konnte.
Die Strecke oben auf der Klippe zog sich so weit und flach hin wie das Eis am Nordpol. Soll heißen, von Weitem war ich so leicht zu sehen wie ein Elefant auf dem Tanzparkett, aber das konnte ich nicht ändern. Ich beeilte mich, so gut es ging, und konnte ansonsten nur hoffen, dass niemand durch eine der Schießscharten Ausschau hielt, beispielsweise nach Leuten wie mir, sondern nur durch die Fenster zum Meer, durch die sich heute ein großartiges Panorama bot – in der Ferne war frischer Nebel, das Meer lag dunkel und schwarz da, und dazu noch das Sonnenlicht und der Widerschein des Schnees. Es war ein prächtiger Anblick. Auf jeden Fall prächtiger als ich.
Ich hatte einiges abbekommen in den letzten Stunden. Als ich im Badezimmer in den Spiegel schaute, erkannte ich mich erst gar nicht. Ein wundervoller blauer Fleck zog sich über meine rechte Wange, blau und schon ein bisschen schwarz. Mein Hinterkopf fühlte sich ein bisschen eingedellt und weich an, wenn er das nicht schon vorher gewesen war. Außerdem war meine Lippe aufgeplatzt, was ich gar nicht mitbekommen hatte. Es musste geschehen sein, als ich mal für ein paar Minuten k.o. gegangen war. Soll heißen, es hatte eine Menge Gelegenheiten dafür gegeben. Außerdem schmerzten mir der Bauch und die Nieren, auf jene dumpfe, unterschwellige Weise, die signalisiert, dass man den einen oder anderen Tritt zuviel abbekommen hat. Aber ich pisste noch kein Blut, und ich konnte noch gehen, und ich hatte eine Flinte in der Hand und Sonnenschein im Gesicht. Und Tufts Haus kam immer näher. Ich war ganz gut aufgestellt. Gut genug hoffentlich.
Einbruch war noch nie eine Spezialität meinerseits. Sicherlich, ich besaß ein paar gute Dietriche, aber die machten den Kohl noch lange nicht fett. Man brauchte eine ganze Menge Geduld, um ein Schloss zu öffnen, und eine ganze Menge Fingerspitzengefühl. Es war eine lange, schweißtreibende Arbeit, obwohl man nicht viel bewegte außer den Fingerspitzen, und ein paar Tausendstelmilimeter machten im Zweifelsfall den Unterschied aus zwischen einer geöffneten Tür und einem abgebrochenen Werkzeug. Ich war beileibe kein Grobmotoriker. Aber manche Dinge waren eben den Feinmechanikern vorbehalten.
Im Gegensatz zu einem Dietrich war eine Schrotflinte ein hervorragendes Instrument für einen Einbruch. Wenn man es mit einer Tür zu tun hatte, die nicht besonders solide war, konnte man auf das Schloss halten und das Ding einfach aus dem Holz blasen. In allen anderen Fällen musste man das Glück haben, dass jemand zuhause war. Dann konnte man an der Tür klingeln oder klopfen, und demjenigen, der öffnete, die Flinte unter die Nase halten. Es gab keine bessere Methode, um irgendwo reinzukommen. Das mit dem Rauskommen war dann natürlich eine andere Sache.
Ich hatte Glück. Tuft war zuhause. Er erwies sich als echter Künstler: So wie es aussah, hatte sein Tag der Uhrzeit zum Trotz gerade erst begonnen. Er trug einen Pyjama und eine Nachtmütze, und beides in schreiendem Rot. Seine Augen waren noch ganz trüb und harmlos, geradezu langweilig. Er war wirklich noch nicht auf der Höhe. Gut, er hatte auch weniger Glück als ich. Ich meine, eine Kanone unter der Nase war wirklich nicht die beste Art, um einen Tag zu beginnen.
„Darf ich reinkommen?“
Mit diesen Worten schob ich die Tür ganz auf und Tuft aus dem Weg.
„Was... Was...?“
Ich wartete ab, bis er fähig war, einen vollständigen Satz zu bilden, und schloss in dieser Zeit schonmal die Tür.
„Ist außer ihnen sonst noch jemand da?“ fragte ich ihn.
„Was...“
„Sonst noch jemand?!“
Mit diesen Worten hielt ich ihm die Kanone noch enger unter die Nase. Das Ergebnis war erstaunlich:
„Nein, niemand!“
„Prima“, antwortete ich, „wo ist ihre Küche?“
Tuft schaute verständislos. Allerdings nicht lange, in Anbetracht der Umstände. Er führe mich den Gang hinunter und links, und ich stand in einer Küche, die dem Haus alle Ehre machte. Der Raum musste die gesamten Ausmaße der Außenwand an dieser Stelle einnehmen, und er bot alle Annehmlichkeiten, die sich ein Koch wünschen konnte. Ich meinte damit nicht irgendeinen Feld-, Wald- und Wiesen-Koch, sondern eher den Küchenchef eines Drei-Sterne-Restaurants der gehobenen Preisklasse. Es war alles da, was man brauchte, inklusive einiger Gerätschaften, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gebraucht hatte.
„Kaffee?“ sagte ich.
„Was... was wollen sie hier?“ antwortete Tuft, mit überschnappender Stimme. Sieh an, er hatte sie wiedergefunden.
„Spielen sie nicht den Überraschten, Tuft. Das steht ihnen nicht. Wo sie hier ihren Kaffee haben, hab ich sie gefragt.“ Dazu fuchtelte ich mit dem Gewehr herum.
Aber Tuft berappelte sich jetzt, und seine Augen gewannen etwas von der alten Tiefe zurück.
„Sie!“ drang es aus ihm, „verlassen sie auf der Stelle mein Haus“, und sein Gesicht verzog sich dabei wie das einer räudigen Promenadenmischung. Sein Outfit machte den Effekt allerdings zunichte. Er sah nicht sehr eindrucksvoll aus, sondern nur wie ein geifernder alter Simpel mit einer Nachtmütze.
„Tuft!“ bellte ich zurück. „Sie wissen, was hier in diesem Dorf vor sich geht. Sie wussten, wo sich Frances versteckt hält. Sie stecken mit Jenkins unter einer Decke. Sowieso, ihr steckt hier alle unter einer Decke. Ihr habt mir übel mitgespielt, ihr Schweinehunde. Und wenn ich nich gleich ne Tasse Kaffee krieg, dann dreh ich durch!“ Dazu rollte ich mit den Augen und fletschte die Zähne.
Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr auf Kaffee. Es war nur das erste, was mir eingefallen war, und ich wollte das Eis brechen. Jetzt wurde mir beim Gedanken an Kaffee plötzlich ein bisschen schlecht. Nur hatte ich die Nummer jetzt angefangen, also musste ich sie auch durchziehen, um nicht wie ein Idiot dazustehen.
„Der Kaffee!“ bellte ich nochmal, und kam mir bereits wie ein Idiot vor. Aber Tuft kuschte, und am Ende bekam ich einen weiteren Kaffee, diesen sogar mit Schuss, nachdem ich die Regale nach ein paar Flaschen durchwühlt hatte. So gefiel er mir schon wieder fast. Ich sorgte dafür, dass auch Tuft eine ordentliche Portion von dem Gebräu abkriegte. Er konnte sie brauchen.
„Kommen sie, wir ziehen um. Ich bin mir sicher, die Aussicht heute ist fantastisch.“
Mit diesen Worten dirigierte ich Tuft in das Galleriezimmer, in dem er mich das letzte Mal empfangen hatte, also in den Gang und bis ans andere Ende und dann immer der Sonne entgegen. Es war kein faires Spiel, was ich hier trieb, das war mir klar. Er war ein alter Mann, und unbewaffnet, und ich ein weniger alter Mann mit einer Kanone. Dennoch traute ich ihm alles zu. Wie ich bereits sagte, sie steckten hier alle gemeinsam unter einer Decke. Ich war mir nur nicht sicher, unter was für einer. Aber das würde ich rauskriegen. Und aus keinem anderem Grund als aus gekränkter Eitelkeit. Wenn ich schlau gewesen wäre, hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Aber, andererseits, hätte es anders kommen können, als es schließlich kam?
Wie immer war das verdammt schwer zu sagen.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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