Dienstag, Februar 17, 2009

Fern wie die Zeit (XXXVIII)

„Ich kann’s nur nochmal sagen, Fanny. Es tut mir Leid, was gestern Nacht hier passiert ist.“
Es war Jenkins‘ Stimme, dem ganz offensichtlich eine Last auf dem Herzen lag. Dann Kratzen in der Pfanne, Metall auf Metall.
„War es nötig, dass sie das ganze Zimmer auseinandernehmen? War es nötig, dass sie den jungen Mann gleich mitnehmen?“
Ich hatte mich noch nie so alt gefüht wie zurzeit. Umso surrealer kamen mir diese Worte aus dem Mund Fanny Gros‘ vor.
„Fanny, er hat sie angegriffen. Sie wollten mit ihm reden. Das erste, was er tat, war, David auf die Bretter zu schicken. Überhaupt, davor hat er David im Wald angegriffen, bei Frances‘ Hütte. Dort hat er ihn dann eingesperrt, nachdem er ihn um ein Haar erschossen hätte. Viel gefehlt hat nich. Frances hat ihn dann dort gefunden. Ich denke, dass der Kerl uns eine Erklärung schuldet.“
Fanny Gros sagte nichts, sondern kratzte weiter in der Pfanne herum.
„Fanny, du kennst mich. Ich würd den Sheriff rufen, aber jetzt gerade sind wir eingeschneit. Die Straße ist so gut wie dicht, und das Telefon ist kaputt. Hab’s heute Morgen probiert. Der Schnee muss die Leitung unterbrochen haben. Und bis dahin halten wir ihn eben fest. Bis wir den Sheriff rufen können.“
Noch mehr Schweigen. Auf seine Weise war es fast beredter als Worte. Auch Jenkins kriegte das mit. Das ganze begleitet von der bekannten Sinfonie auf Bratpfanne.
„Fanny, machst du dir Sorgen um diesen Kerl?“
Kratzen.
„Fanny. Fanny! Ich werd nich zulassen, dass ihm was passiert, okay? Wenn du das willst, dann gut, dann kümmer ich mich drum.“
„So, wie du dich bei Michael gekümmert hast, Raoul?“
Das war das erste Mal, dass ich Jenkins‘ Vornahmen zu hören bekam. Ich lernte nicht aus. Jenkins seinerseits schien den letzten Satz in den falschen Hals bekommen zu haben.
„Herrgott nochmal, Fanny“, drang es aus der Küche, „das is ne völlig andere Geschichte, und das weißt du auch. Du weißt, wie ich über Michael denke. Ich hab den Jungen genauso gern gehabt wie du. Aber du kannst doch nich ernsthaft behaupten, dass Michael es nich herausgefordert hat. Verdammt, er hat alles aufs Spiel gesetzt. Er hat alles aufs Spiel gesetzt, was wir sind!“
„Ich weiß, Raoul. Ich weiß das alles sehr gut.“
Was immer sie in der Pfanne hatte, musste bald fertig oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt sein.
„Aber hast du einmal darüber nachgedacht, wer und was wir sind? Hast du einmal darüber nachgedacht, ob es das wert war?“
„Fanny, was redest du?“
„Ich hab drüber nachgedacht, Raoul. Ich hab manche Nacht drüber nachgedacht. Hast du drüber nachgedacht?“
„Verdammt, Fanny! Michael is vielleicht sogar dran schuld, dass wir diesen Kerl überhaupt am Hals haben. Er ist immernoch auf die Bilder aus, Fanny. Noch immer!“
„Und warum geben wir sie ihm nicht einfach?“
Dann war in der Küche Stille, eine tiefe, erschütterte Stille, jene Stille, die entsteht, wenn etwas Unfassbares, etwas Verbotenes, etwas Blasphemisches ausgesprochen wird. Es war die Stille, die in einer katholischen Kirche entsteht, wenn man über die Verwandlung der Hostie lacht oder die jungfräuliche Geburt anzweifelt. Nicht dass mich die katholische Kirche jemals besonders interessiert hätte. Ich war katholisch. Aber das kam in den besten Familien vor.
Dann wurde ein Stuhl zurückgeschoben. Ich wusste die Zeichen zu deuten und machte einen eiligen Rückzug in Richtung meines Zimmers, und keine Sekunde zu früh. Jenkins rauschte ab wie eine Lokomotive unter Volldampf, und mit ein bisschen Phantasie konnte man sogar die Rauchfahne sehen, die seinem hochroten Kopf entströmte. Er steuerte Richtung Haustür, und mit einem schauerlichen Quietschen und einem eindrücklichen Türenschlagen war er weg.
Ich wartete ein bisschen ab, dann schlich ich wieder auf meinen Horchposten. Drinnen in der Küche war jetzt kein Wortwechsel mehr und kein Kratzen in der Bratpfanne, nur das leise Schluchzen einer müden, sehr alten Frau. So klang es jedenfalls. Ich wusste noch gar nicht, wie sehr ich Recht damit hatte.
Jenkins war weg, und ich war hungrig und mir war sowieso alles mehr oder weniger egal gerade. Wenn man keine große Chance hatte, wurde jeder übermütig. Also spazierte ich einfach in die Küche. Fanny Gros hörte meine Schritte. Sie starrte mich an, als sähe sie ein verdammtes Gespenst.
„Ein Rührei wär nicht schlecht, Mam. Und sehr gern auch ein Kaffee, wenn sie haben.“

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Eingestellt von MwaH Am/um

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