Freitag, Februar 13, 2009

Fern wie die Zeit (XXXVI)

Er hatte nur einen Tag hier gehaust, aber er hatte es geschafft, die Bude in einem quasi abbruchreifen Zustand zu hinterlassen. Der Stuhl lag auf dem Boden, die Fässer und Kistchen, die vorher so ordentlich wie Zinnsoldaten an der Wand gestanden hatten, waren im Zimmer verteilt, und die Tür hatte ein paar ordentliche Dellen, da, wo er versucht hatte, sie mit einem schweren Gegenstand, einer der Kisten wahrscheinlich, einzudrücken. Die Hütte war besser gebaut, als ich anfangs gedacht hate. Wenn er es nicht geschafft hatte, sie auseinanderzunehmen, dann musste ich es gar nicht erst versuchen.
Ich probierte mal meine Fesseln. Sie waren lange nicht mehr so fest wie vorher, aber immernoch fest genug. Ich fühlte meine Hände kaum noch. Verdammt, es war an der Zeit, die Dinger loszwerden. Ich tat mich ein bisschen um. Das schöne an Kisten ist, dass man sie meist zunagelt. Und wo man nagelt, steht immer auch ein Nagel über – ein ehernes Naturgesetz. Man kann Hämmern, wie man lustig ist, und mit aller Sorgfalt, die man an aufbringen kann, am Ende bleibt immer irgendwo ein Nagel übrig, der vorwitzig seinen Kopf herausstreckt, wie um den Willen der Dinge in dieser Welt zu dokumentieren. Ich machte mich auf die Suche nach diesem vorwitzigen Nagel, und fand ihn schließlich bei der letzten Kiste im Raum, an der rechten, der Hüttenwand zugewandten Seite, im Halbdunkel des flackernden Petroleumlichts. Ich stemmte mich gegen die Kiste und schaffte es, sie gerade soweit zu bewegen, dass ich mich zwischen Wand und Kiste quetschen konnte. Ich schubberte meinen Mantel aus dem Weg und machte mich dann an das mühsame Geschäft, mit den zwei Millimetern Metall, die ich zur Verfügung hatte, meine Hanffesseln aufzudröseln.
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, und es war bestimmt eine Viertelstunde, bis ich nennenswerte Arbeit verrichtet hatte. Immer wieder spannte ich die Muskeln und versuchte, die angenagten Stricke zu zerreißen; schließlich sagte mir der trockene, scharfe Ton nachgebender Fasern, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich mobilisierte den Rest meiner angeschlagenen Kräfte und drückte zugleich die Fesseln zwischen meinen Handgelenken so fest ich konnte gegen den Nagelkopf. Das vollbrachte den Trick – die verbliebenen Seilfasern rissen wie die Dominosteine, und endlich konnte ich meine Hände wieder zu was anderem gebrauchen, als mich am Po zu kratzen. An meinen Gelenken hingen noch immer gut anderthalb Meter Seil. Die Burschen hatten auf Nummer sicher gehen wollen.
Ich streifte den Rest meiner Fesseln ab und rieb mir die Druckstellen. Das Blut begann prompt, in meine Hände zurückzuströmen, und es war nicht gerade angenehm. Es prickelte wie die Hölle, und ich stöhnte ein bisschen vor mich hin und rieb mir weiter die Handgelenke, und schließlich wurde es wieder besser. Ich sah mich in der düsteren Höhle um und ortete das Fass mit dem Whiskey, das ich noch von meinem letzten Besuch kannte. In einer Ecke trieb ich dann auch eine der Blechtassen auf, und ich genehmigte mir eine nette Portion. Der Alkohol drang mir durch die Adern, und für eine Sekunde blieb mir die Luft weg. Erfreulicherweise blieb aber sonst alles an Ort und Stelle, soll heißen, mein Magen spielte das Spiel mit. Ich holte eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Sie schmeckte noch. Ich gehörte noch der menschlichen Rasse an. Dann kam mir die Idee, dass ich meine Fesseln genausogut hätte verbrennen können, aber was sollte es noch. Ich war frei, ich hatte Schnaps und ich rauchte. Ein Spiel mit dem Feuer hätte ohnehin ein wenig heiß werden können.
Gut, das mit dem Freisein hatte ich ein wenig übertrieben. Ich saß noch immer hier in der Hütte, und wenn Zottelhaar es nicht geschafft hatte, sich mit reiner Muskelkraft zu befreien, dann musste ich wie gesagt gar nicht erst den Versuch unternehmen, die Tür oder die Fenster einzuschlagen.
Ich trank noch einen Schluck von der Medizin. Dann ging mir auf, dass es eiskalt war hier drinnen. Ich zog mir wieder den Mantel an und machte ein Feuer im Ofen. Es dauerte ein bisschen, bis das Ding richtig zog; alles in allem war ich sicherlich eine Dreiviertelstunde hier zugange. Wenn Zottelhaar ernst machte mit seinem Versprechen, so bald wie möglich wieder zurückzukommen, konnte er nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Besser also, ich machte mir ein paar Gedanken über den Empfang, den ich ihm bereiten wollte.

Das Schlachtfeld war wohlbestellt, aber mein erwarteter Besuch ließ auf sich warten. Nachdem ich meine Vorbereitungen beendet hatte, hatte ich nicht mehr viel zu tun. Ich legte Holz im Feuer im Ofen nach, und der Raum wurde langsam wärmer, und ich nippte ab und zu von dem Whiskey, und schließlich aß ich sogar eine Kleinigkeit, immer mit einem Ohr nach draußen horchend, wo der Wind heulte und, nach allem, was ich wusste, der Schnee noch immer fiel.
Ich war mit meinen Gedanken allein, und sie begannen, das übliche Eigenleben zu führen. Ich ließ sie gewähren, behielt aber das eine Ohr für mich, um sicherzugehen, nicht überrascht zu werden. Ich rückte einen Stuhl vom Tisch weg und hinter die Tür, und setzte mich und lehnte mich zurück an die Wand, und nippte weiter von dem Whiskey und rauchte ab und zu eine Zigarette. Meine Gedanken taten den Rest.
Ich dachte an Tufts Haus über der Steilküste, wie es über dem Anprall des Meeres stand wie eine mittelalterliche Festung. Es war kein altes Haus, aber es mutete an, als stünde es an diesem Ort schon für alle Zeit, ein prähistorisches, oder, besser noch, ahistorisches Relikt, aus dem Boden gewachsen mit dem Beginn der Zeit. Das war die Atmosphäre, die es ausstrahlte, und das war das Gefühl, das ich hatte, als ich Tuft besuchte, und auf das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht meinen Finger legen konnte.
Wenn ich so darüber nachdachte, dann hatte das ganze Dorf eine ähnliche Anmutung. Nicht genau die gleiche; es war letztlich nur ein Dorf, ein Dorf am Ende der Welt. Aber wie mir bei meiner Ankunft hier schon aufgefallen war, atmete auch das Dorf diese seltsame Atmosphäre, die Tufts Haus verkörperte: Zeitlosigkeit. Vor ein paar Tagen dachte ich, dass es daran läge, weil die Zeit sich davongestohlen habe. Inzwischen hatte ich eher das mulmige Gefühl, dass die Zeit von diesem Ort absichtlich ferngehalten wurde. Es war, als ob dem Dorf eine wichtige Dimension fehlte, die vierte Dimension der Zeit. Alles erschien auf eine seltsame Weise flach, die die Augen nicht wahrnehmen konnten, aber der Kopf und der Körper fühlten es trotzdem, und man kam nicht darauf, was es war, aber es war da. Und die seltsamen Bilder Hendrichs, in denen er, allen handwerklichen Mängeln zum Trotz, das Leben einfing, wirklich einfing, hatten etwas damit zu tun.
Vielleicht, weil ich hier so allein in einer einsamen Hütte saß, und weil ich mir ziemlich verloren vorkam an diesem Ort, dachte ich plötzlich an Phil. Sie war ein seltsames kleines Mädchen. Das war, wie sie mir erschien, ihrer sechzehn oder achtzehn Jahre zum Trotz, und das war, was mich in erster Linie davon abgehalten hatte, mit ihr intim zu werden – dass sie mir vorkam wie ein kleines Mädchen, vier oder fünf oder sechs Jahre alt vielleicht, den Zigaretten zum Trotz. Sie erinnerte mich an meine Tochter, und sie erinnerte mich an das Mädchen, das ich geliebt hatte, in einer kaum verständlichen, aber dennoch vorhandenen Verbindung, und vielleicht war das die Erklärung für die Anziehung, die sie auf mich hatte, und für die Abwehr, die ich ihr gegenüber zugleich an den Tag legte. In anderen Worten, sie war nichts anderes als eine Projektion der Dinge in meinem Kopf, meine Erinnerung an andere, bessere Zeiten, und das deckte sich mit dem dritten Gefühl, dass ich ihr gegenüber hatte: dass ich sie überhaupt nicht kannte. So oder so, auch sie verbarg etwas. Ich konnte es spüren. Ich spürte es bei jeder einzelnen Person in diesem verdammten Dorf.
Draußen im Schnee waren Schritte.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite