Sonntag, Februar 08, 2009

Fern wie die Zeit (XXXV)

Es war schweinekalt, und würzige Seeluft umspielte meine Nüstern. Das war genau das, was ich brauchte. Ich hatte Kopfschmerzen, als hätte ich die letzten drei Nächte durchgesoffen. Eine Wiege wog mich in den Schlaf. Ein Vorschlaghammer demolierte mir den Hinterkopf. Mir war kalt, und zugleich war mir heiß. Fieber? Ich war hinundhergerissen zwischen gnädiger Ohnmacht und umbarmherzigem Erwachen. Tatsächlich fühlte ich michgar nicht gut. Das Schwanken und meine Benommenheit ergaben eine unselige Mischung. Eine Welle der Übelkeit stieg in mir auf, unvermittelt und unaufhaltsam wie ein Tsunami, und auf gut Glück beugte ich mich zur Seite und übergab mich, wie ich mich noch nie in meinem Leben übergeben hatte.
„Hey!“
Zottelhaar sprang zur Seite, aber ich erwischte ihn trotzdem, obwohl es gar nicht in meiner Absicht gelegen hatte. Er fluchte wie ein Wahnsinniger, und wahrscheinlich würde er mich gleich über Bord werfen. Mir war alles egal. Ich war ein geschlagener Mann, und mir war schlecht.
„David!“
Wieder so ein Machtwort Hendrichs. Der konnte mir auch gestohlen bleiben. Ich überantwortete mich noch ein paar Minuten einer gnädigen Ohnmacht.
Als ich zum zweiten Mal wieder zu mir kam, war es wohl, weil das Schaukeln gerade aufgehört hatte. Ich öffnete die Augen. Über mir der drückende Wolkenhimmel. Wurde es langsam hell? Ich sah mühsam umher. Ich war an Bord der Seestern, und wie es aussah, hatte ich die Fahrt verschlafen.
Mir wurde ein „Guten Morgen, Du Hundesohn“ zuteil. Zottelhaar und Hendrichs vertäuten gerade das Schiff, und Zottelhaar hatte entdeckt, dass ich noch unter den Lebenden weilte. Ich schien lange geschlafen zu haben, aber weder den Schlaf der Gerechten noch den der Gesundung. Ich fühlte mich elend. Wo zum Teufel waren wir hier? Naja, wenigstens hatten sich mich nicht wie angekündigt auf dem Meer entsorgt. Ich hätte mich kaum zur Wehr setzen können. Das ließ ja noch hoffen. Und sie hatten mir meinen Mantel übergezogen, wenn sie es auch nicht geschafft hatten, meine gefesselten Hände in die Ärmel zu bringen. Aber gut, das wär auch ein zu schönes Kunstststück gewesen.
Dann waren sie fertig mit ihrem Geschäft und bauten sich vor mir auf.
„Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang“, sagte Zottelhaar.
„Wohin bringt ihr mich?“ fragte ich, und ich legte ein wenig mehr Weinerlichkeit und Angeschlagenheit in diese Worte, als ich eigentlich empfand. Zuerst antwortete keiner, aber dann sagte Hendrichs:
„Wir bringen sie zu meiner Hütte und legen sie sozusagen auf Eis, bis wir entschieden haben, was wir mit ihnen machen. Los, kommen sie.“
Die beiden griffen mir unter die Arme, und dann stand ich auf dem schmalen Deck der Seestern und versuchte, mich nicht gleich wieder zu übergeben. Sie hievten mich über die Reling, und ein kleiner Sprung brachte mich auf den schmalen Sandstrand, auf dem ich dieses Boot schonmal gesehen hatte. Ich sagte „kleiner Sprung“, aber in meinem Zustand war es ein ewiger Fall, der mich zu Boden gehen ließ, besonders, da ich ja noch immer keine Hände zur Verfügung hatte, um mich abzustützen. Ich blieb erstmal liegen. Der Sand war feucht und kalt, aber so schrecklich unbequem war er auch wieder nicht.
„Los, weiter“, drängte Zottelhaar ungeduldig.
„Ich kann nich“, greinte ich.
„Los, komm schon!“
Er zerrte mich auf die Beine, aber meine Knie gaben netterweise sofort wieder nach, und ich machte es mir wieder auf dem Boden bequem. Mann, das war ja wirklich mal ein Zustand. Gut, konnte allerdings sein, dass ich ein wenig nachhalf. Ich wusste es gerade selber nicht so genau.
Sie standen eine Weile ratlos da, dann fügten sie sich ins Unvermeidliche und griffen mich unter den Achseln, einer links, einer rechts, und ab ging es in den verdammten Wald. Der Weg war kaum auszumachen im Zwielicht und unter all de Schnee, aber irgendwie schlugen die beiden sich durch, während ich mit meinen Beinen eine breite Schleifspur hinterließ. Die Dinge besserten sich. Ich wurde bereits auf Händen getragen, gewissermaßen. Vielleicht würden wir ja am Ende alle noch Freunde. Das wäre schön.
Der Weg zog sich hin. Ich war ja auch nicht der leichteste. Ab und zu legten Zottelhaar und Hendrichs eine kurze Pause ein, aber sie redeten nicht, sondern brüteten stumm vor sich hin. Ich brütete auch stumm vor mich hin. Ich fragte mich, auf was für ein verkorkstes Geheimnis ich hier gestoßen war und worauf zum Teufel ich mich eigentlich eingelassen hatte. Ich hatte nur einen Schuldner suchen wollen. Dann hatte man auf mich geschossen, mir aufgelauert, mich eingeschlossen, eine Minderjährige war mir an die Wäsche gegangen und ich hatte jede Menge Prügel erhalten, und immer auf den Kopf. Das war schwer verdientes Geld, wirklich wahr.

Schließlich erreichten wir die verdammte Hütte. Hendrichs öffnete die Tür, und Zottelhaar zerrte mich die letzten Meter hinein und legte mich unzeremionell auf dem Fußboden ab. Da lag ich nun und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Hendrichs zündete die Petroleumlampe auf dem Tisch an, und er und Zottelhaar unterhielten sich, als wäre ich gar nicht da. Naja, war ich ja auch nicht wirklich, jedenfalls nicht mein Kopf. Mein Kopf war irgendwo, wo es schön war, auf einer netten Südseeinsel. Ich schwankte noch immer zwischen Ohnmacht und Wachen hin und her.
„Pass auf ihn auf. Ich muss sofort zurück ins Dorf. Wir müssen uns überlegen, was wir wegen Michael unternehmen.“
„Wir hätten ihn damals schon umlegen sollen. Aber warte mal - ich soll schon wieder hier draußen bleiben?“
„David, es ist wichtig. Ich will denk Kerl nicht alleine hierlassen. Du wolltest ihn hierher bringen, also passt du auch auf ihn...“
„Schonmal drüber nachgedacht, wie du ohne mich so schnell wieder ins Dorf zurückkommst, Frances?“ schnitt ihm Zottelhaar das wort ab. „Ich mein, du hast ‘ne Menge Talente, aber Segeln gehört nich dazu, oder?“
Hendrichs war erstmal still. Dann gab er klein bei.
„Du hast Recht. Bring mich zurück, aber dann komm wieder hier raus und pass auf den Kerl auf.“
„Und du gibst mir ein paar aus, wenn dieser Mist hier vorbei is. Das bist du mir echt schuldig.“
Die beiden waren in Eile. Keine Ahnung, was dem Dorf so Schreckliches drohte, aber sie dachten offenbar, keine Zeit zu verlieren zu haben. Sollte mir Recht sein. Sie schoben ab durch die Tür und sperrten zu, und draußen rüttelten sie nochmal zur Kontrolle an den Fensterläden. Aber sie durchsuchten mich nicht, und sie kontrollierten nicht mal den Sitz meiner Fesseln. Ich hatte erstmal meine Ruhe. Gut ging es mir immernoch nicht. Aber wenigstens hatte ich nicht mehr den Drang, mich zu übergeben. Ich gönnte mir noch fünf, sechs stille Minuten auf meinem Fußboden, dann brachte ich mich mühsam auf die Beine. Immerhin, die gehorchten mir schon wieder besser. Ich wartete noch kurz ab, dann sah ich mir das Chaos an, das Zottelhaar hinterlassen hatte.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite