Fern wie die Zeit (XXXIX)
Ich ließ mir Zeit, um mit dem Rührei fertig zu werden. Dazu trank ich meine zweite Tasse Kaffee. Langsam fühlte ich mich wieder menschlich. So sehr menschlich, dass ich mir eine Zigarette ansteckte.
Fanny Gros hatte nicht viel gesagt bisher. In der Pfanne war tatsächlich Rührei gewesen, gerade auf den Punkt. Sie hatte zwei Teller auf den Tisch gestellt, selbst dann kaum etwas gegessen und mir dabei zugesehen, wie ich den Löwenanteil verspeiste. Kaffee hatte sie auch keinen getrunken. Und die Polizei hatte sie nicht gerufen, nicht Zeter und Morddio geschrien, und sich ansonsten grundsätzlich sehr zivilisiert verhalten. Sogar einen Aschenbecher hatte sie mir hingestellt. Was sollte ich sagen. Sie hatte mir bis jetzt noch nicht mal das Frühstück in Rechnung gestellt.
Eine ganze Menge Fragen hingen unsausgesprochen zwischen uns im Raum, und ich ließ sie erstmal hängen. Ich mochte Antworten. Aber ich mochte auch Frühstück.
Ich brach schließlich das Eis:
„Danke, dass sie sich um mich gesorgt haben, Mam“,
Sie ließ den Satz verklingen, dann fragte sie:
„Wo kommen sie her?“
Sie sprach mit einer müden, kleinen Stimme, die ganz anders war als zuvor.
„Im allgemeinen oder jetzt gerade?“
„Jetzt gerade.“
„Die Hütte im Wald. Frances‘ Hütte.“
„Sollte David nicht auf sie aufpassen?“
„Er wollte es wohl. Aber er hat nicht gut genug aufgepasst.“
„Geht es ihm gut?“
„Als ich von ihm wegging, war er ganz okay. Er hat einen Schädel aus Eisen. In mehr als einer Hinsicht.“
Wir nahmen noch eine Portion Schweigen, und ich nahm noch eine Portion von dem Rührei. Die Pfanne war leer jetzt.
„Haben sie sie angegriffen?“
„Sie waren nicht da gestern Abend, oder?“
„Nein. Nein, ich war im Café, bei Raoul. Bei Jenkins“, verbesserte sie sich. „Ich habe dort übernachtet.“
„Hat Jenkins sie abgeholt?“
Sie nickte.
„Ich hab eine über den Schädel gekriegt, bevor ich auch nur wusste, was los war. Könnte natürlich dran liegen, dass ich David in die Hütte gesperrt hatte. Damit hat Jenkins Recht.“
„Warum tun sie diese Dinge?“
„Naja, das ist nicht so leicht zu erklären. Ein Ding führte zum anderen...“
„Was machen sie hier?“ unterbrach sie mich, mit mehr Nachdruck dieses Mal.
Jetzt ließ ich ein bisschen Schweigen einsickern. Ich hatte noch keine Lust, darauf zu antworten.
„Sie kennen Jenkins gut?“
Ich aß die letzte Gabel Rührei und trank einen Schluck Kaffee und rauchte die Zigarette zuende. Fanny Gros sah aus dem Fenster hinaus in den Schnee.
„Nachdem mein Mann gestorben ist, hat er sich um mich gekümmert. Wir verstehen uns gut.“
„Es war ein bisschen mehr als das, oder?“
„Was denken sie, junger Mann?“
Ich nickte.
„Was ist mir ihrem Sohn passiert? Dem, den sie mit ihrem Mann hatten?“
Das gelegentliche Schweigen gewann eine andere Konsistenz jetzt. Seine wattige Aufgebauschtheit gerann zu einer Wand aus Beton. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir gerade die Zähne ausgebissen hatte.
„Ich meine Michael“, fasste ich nach.
Fanny Gros sah auf.
„Was wissen sie über Michael?“
„Er ist nicht mehr hier im Dorf. Und eine Menge Leute haben jede Menge Angst vor ihm, aus dem einen oder anderen Grund. Das Dorf hat ihn verstoßen, nicht wahr?“
Sie ließ meine Frage in der Luft hängen und offenbarte keinen großen Antrieb, darauf zu antworten.
„Es liegt an den Bilden, die Hendrichs zeichnet, oder?“
„Hendrichs?“
„Verzeihung, Frances. Es sind die Bilder von Frances und Tuft.“
Es war eine Feststellung meinerseits, keine Frage. Das merkte auch sie. Sie wurde deutlich vorsichtiger jetzt. Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen, wie ein kleines Tier, das fürchtet, in die Falle zu gehen.
„Was wissen sie von den Bildern?“
„Mam, ich habe keinerlei Absichten mit ihren Bildern. Mir fällt nur auf, dass eine ganze Menge Dinge hier in diesem Dorf auf die ein oder andere Art und Weise mit diesen Dingern zusammenhängen. Manche hier im Dorf würden töten, um ihr kleines Geheimnis zu wahren. Es ist mehr an den Bildern als nur ihre Lebendigkeit – auch wenn die außerordentlich ist. Ich hab noch nie bisher solche Bilder gesehen. Sie sind nicht gut, aber das müssen sie auch nicht sein, denn sie sind völlig anders als alle anderen Bilder. Wegen dieser Bilder will David mich in einem Sack im Meer versenken, und wegen dieser Bilder wurde ihr Sohn aus dem Dorf getrieben, wenn ich das richtig verstanden habe. Also frage ich mich, was es auf sich hat mit ihnen.
Ich selbst sollte nur Frances suchen, wegen Schulden angeblich. Ich glaube inzwischen, dass ich aus einem ganz anderen Grund nach ihm Ausschau halten sollte. Dabei wäre ich um ein Haar im Wald erschossen worden, wahrscheinlich, um ihn zu schützen. Danach hat man mich mehrmals verprügelt, mir Angst eingejagt, und mich in eine Hütte im Wald gesperrt. Sie verstehen also, dass mein Interesse an der ganzen Sache inzwischen ein ziemlich persönliches geworden ist.“
„Sie sollten nicht diesen Bildern nachforschen. Sie sollten das Dorf verlassen und dorthin zurückkehren, von wo sie gekommen sind, junger Mann. Das meine ich ernst.“
Sicherlich meinte sie das ernst. In ihren Augen schwamm ein ganzer See von Ernst, gesprenkelt mit kleinen Inseln der Eindringlichkeit. Sie sah mich eine ganze Weile so an, während ich nichts sagte, sondern nur eine neue Zigarette ansteckte.
„Nehmen sie den Bus heute Mittag. Sie haben noch Zeit, ihn zu erreichen. Nehmen sie den Bus und verlassen sie das Dorf. Es ist besser so.“
„Mam, ich habe den Eindruck, dass das Dorf in ziemlichen Schwierigkeiten steckt, weil ich Frances gefunden habe. Ich würde gerne wissen, warum. Und ich würde gerne versuchen, das...“
„Gehen sie! Verstehen sie denn nicht! Sie können hier gar nichts tun, und sie sollten nichts tun. Das Dorf ist immer alleine mit allem zurecht gekommen, und so wird es auch diesmal sein. Denken sie an sich und gehen sie. Sie schulden dem Dorf nichts, und viele hier werden froh sein, wenn sie weg sind. Und selbst wenn wir dieses eine Mal nicht zurechtkommen sollten, wen kümmert es. Es läuft schon so lange so. Sie sollten gehen, junger Mann. Nehmen sie den Bus.“
Neben dem Ernst war jetzt eine deutlich flehende Note in ihrer Stimme. Es war zehn am Vormittag.
„Der Bus fährt um halb zwei, nicht wahr?“ versuchte ich mich zu erinnern.
Fanny Gros nickte, froh, dass ich einzulenken schien.
„Ich werde den Bus nehmen, Mam. Sie haben eahrscheinlich Recht. Ich habe hier nichts mehr verloren.“
„Endlich nehmen sie Vernunft an. Sie können hier bleiben. Heute Nachmittag trifft sich das Dorf im Café. Wenn bis dahin niemand nach David und ihnen schaut, sind sie so lange sicher. Es geht ihm doch gut, oder?“
Ich versicherte ihr, dass es David gutginge, und dann stand ich auf und sagte noch einmal Danke und ging ins Bad. Ich konnte eine kleine Auszeit gut gebrauchen.
Fanny Gros hatte nicht viel gesagt bisher. In der Pfanne war tatsächlich Rührei gewesen, gerade auf den Punkt. Sie hatte zwei Teller auf den Tisch gestellt, selbst dann kaum etwas gegessen und mir dabei zugesehen, wie ich den Löwenanteil verspeiste. Kaffee hatte sie auch keinen getrunken. Und die Polizei hatte sie nicht gerufen, nicht Zeter und Morddio geschrien, und sich ansonsten grundsätzlich sehr zivilisiert verhalten. Sogar einen Aschenbecher hatte sie mir hingestellt. Was sollte ich sagen. Sie hatte mir bis jetzt noch nicht mal das Frühstück in Rechnung gestellt.
Eine ganze Menge Fragen hingen unsausgesprochen zwischen uns im Raum, und ich ließ sie erstmal hängen. Ich mochte Antworten. Aber ich mochte auch Frühstück.
Ich brach schließlich das Eis:
„Danke, dass sie sich um mich gesorgt haben, Mam“,
Sie ließ den Satz verklingen, dann fragte sie:
„Wo kommen sie her?“
Sie sprach mit einer müden, kleinen Stimme, die ganz anders war als zuvor.
„Im allgemeinen oder jetzt gerade?“
„Jetzt gerade.“
„Die Hütte im Wald. Frances‘ Hütte.“
„Sollte David nicht auf sie aufpassen?“
„Er wollte es wohl. Aber er hat nicht gut genug aufgepasst.“
„Geht es ihm gut?“
„Als ich von ihm wegging, war er ganz okay. Er hat einen Schädel aus Eisen. In mehr als einer Hinsicht.“
Wir nahmen noch eine Portion Schweigen, und ich nahm noch eine Portion von dem Rührei. Die Pfanne war leer jetzt.
„Haben sie sie angegriffen?“
„Sie waren nicht da gestern Abend, oder?“
„Nein. Nein, ich war im Café, bei Raoul. Bei Jenkins“, verbesserte sie sich. „Ich habe dort übernachtet.“
„Hat Jenkins sie abgeholt?“
Sie nickte.
„Ich hab eine über den Schädel gekriegt, bevor ich auch nur wusste, was los war. Könnte natürlich dran liegen, dass ich David in die Hütte gesperrt hatte. Damit hat Jenkins Recht.“
„Warum tun sie diese Dinge?“
„Naja, das ist nicht so leicht zu erklären. Ein Ding führte zum anderen...“
„Was machen sie hier?“ unterbrach sie mich, mit mehr Nachdruck dieses Mal.
Jetzt ließ ich ein bisschen Schweigen einsickern. Ich hatte noch keine Lust, darauf zu antworten.
„Sie kennen Jenkins gut?“
Ich aß die letzte Gabel Rührei und trank einen Schluck Kaffee und rauchte die Zigarette zuende. Fanny Gros sah aus dem Fenster hinaus in den Schnee.
„Nachdem mein Mann gestorben ist, hat er sich um mich gekümmert. Wir verstehen uns gut.“
„Es war ein bisschen mehr als das, oder?“
„Was denken sie, junger Mann?“
Ich nickte.
„Was ist mir ihrem Sohn passiert? Dem, den sie mit ihrem Mann hatten?“
Das gelegentliche Schweigen gewann eine andere Konsistenz jetzt. Seine wattige Aufgebauschtheit gerann zu einer Wand aus Beton. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir gerade die Zähne ausgebissen hatte.
„Ich meine Michael“, fasste ich nach.
Fanny Gros sah auf.
„Was wissen sie über Michael?“
„Er ist nicht mehr hier im Dorf. Und eine Menge Leute haben jede Menge Angst vor ihm, aus dem einen oder anderen Grund. Das Dorf hat ihn verstoßen, nicht wahr?“
Sie ließ meine Frage in der Luft hängen und offenbarte keinen großen Antrieb, darauf zu antworten.
„Es liegt an den Bilden, die Hendrichs zeichnet, oder?“
„Hendrichs?“
„Verzeihung, Frances. Es sind die Bilder von Frances und Tuft.“
Es war eine Feststellung meinerseits, keine Frage. Das merkte auch sie. Sie wurde deutlich vorsichtiger jetzt. Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen, wie ein kleines Tier, das fürchtet, in die Falle zu gehen.
„Was wissen sie von den Bildern?“
„Mam, ich habe keinerlei Absichten mit ihren Bildern. Mir fällt nur auf, dass eine ganze Menge Dinge hier in diesem Dorf auf die ein oder andere Art und Weise mit diesen Dingern zusammenhängen. Manche hier im Dorf würden töten, um ihr kleines Geheimnis zu wahren. Es ist mehr an den Bildern als nur ihre Lebendigkeit – auch wenn die außerordentlich ist. Ich hab noch nie bisher solche Bilder gesehen. Sie sind nicht gut, aber das müssen sie auch nicht sein, denn sie sind völlig anders als alle anderen Bilder. Wegen dieser Bilder will David mich in einem Sack im Meer versenken, und wegen dieser Bilder wurde ihr Sohn aus dem Dorf getrieben, wenn ich das richtig verstanden habe. Also frage ich mich, was es auf sich hat mit ihnen.
Ich selbst sollte nur Frances suchen, wegen Schulden angeblich. Ich glaube inzwischen, dass ich aus einem ganz anderen Grund nach ihm Ausschau halten sollte. Dabei wäre ich um ein Haar im Wald erschossen worden, wahrscheinlich, um ihn zu schützen. Danach hat man mich mehrmals verprügelt, mir Angst eingejagt, und mich in eine Hütte im Wald gesperrt. Sie verstehen also, dass mein Interesse an der ganzen Sache inzwischen ein ziemlich persönliches geworden ist.“
„Sie sollten nicht diesen Bildern nachforschen. Sie sollten das Dorf verlassen und dorthin zurückkehren, von wo sie gekommen sind, junger Mann. Das meine ich ernst.“
Sicherlich meinte sie das ernst. In ihren Augen schwamm ein ganzer See von Ernst, gesprenkelt mit kleinen Inseln der Eindringlichkeit. Sie sah mich eine ganze Weile so an, während ich nichts sagte, sondern nur eine neue Zigarette ansteckte.
„Nehmen sie den Bus heute Mittag. Sie haben noch Zeit, ihn zu erreichen. Nehmen sie den Bus und verlassen sie das Dorf. Es ist besser so.“
„Mam, ich habe den Eindruck, dass das Dorf in ziemlichen Schwierigkeiten steckt, weil ich Frances gefunden habe. Ich würde gerne wissen, warum. Und ich würde gerne versuchen, das...“
„Gehen sie! Verstehen sie denn nicht! Sie können hier gar nichts tun, und sie sollten nichts tun. Das Dorf ist immer alleine mit allem zurecht gekommen, und so wird es auch diesmal sein. Denken sie an sich und gehen sie. Sie schulden dem Dorf nichts, und viele hier werden froh sein, wenn sie weg sind. Und selbst wenn wir dieses eine Mal nicht zurechtkommen sollten, wen kümmert es. Es läuft schon so lange so. Sie sollten gehen, junger Mann. Nehmen sie den Bus.“
Neben dem Ernst war jetzt eine deutlich flehende Note in ihrer Stimme. Es war zehn am Vormittag.
„Der Bus fährt um halb zwei, nicht wahr?“ versuchte ich mich zu erinnern.
Fanny Gros nickte, froh, dass ich einzulenken schien.
„Ich werde den Bus nehmen, Mam. Sie haben eahrscheinlich Recht. Ich habe hier nichts mehr verloren.“
„Endlich nehmen sie Vernunft an. Sie können hier bleiben. Heute Nachmittag trifft sich das Dorf im Café. Wenn bis dahin niemand nach David und ihnen schaut, sind sie so lange sicher. Es geht ihm doch gut, oder?“
Ich versicherte ihr, dass es David gutginge, und dann stand ich auf und sagte noch einmal Danke und ging ins Bad. Ich konnte eine kleine Auszeit gut gebrauchen.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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