Samstag, Februar 07, 2009

Fern wie die Zeit (XXXIV)

„Ich will ihnen mal sagen, was David denkt“, fing er an.
„Er denkt, dass sie hier sind, um mich umzubringen und die Gallerie abzubrennen, oder etwas in der Art. Er denkt es aus gutem Grund. Er brennt richtig darauf, sie fertig zu machen und in einem Sack mit ein paar Steinen drin ins Meer zu werfen. Hab ich mich klar ausgedrückt? Sie legen also besser ihre Karten offen. Sie haben nicht mehr viel Zeit dazu.“
Meine Zigarette war am Ende. Ich spuckte den glühenden Stummel auf den Teppich. Ausdrücken war nicht.
„Ich brauch auch keine Zeit dazu. Sie kennen die verdammten Karten. Und jetzt treten sie lieber die Kippe aus, oder dieser Laden hier brennt als erstes ab.“
Hendrichs sah die Kippe und trat sie aus.
„Wo ist eigentlich Fanny Gros?“ fragte ich ihn.
„Sie ist heute Nacht nicht hier. Wer ist ihr Auftraggeber?“
„Kann mich nicht erinnern.“
Ich wusste nicht warum, aber es machte mir Spaß, ihn zu ärgern. Ich war sauer über meine eigene Dummheit, und ich war auch sauer darüber, wie er hier mit mir umsprang, und am meisten ärgerte ich mich über seine Drohungen. Gut, klug war das nicht. Hendrichs ging zur Tür und sagte:
„David!“
„Also gut, also gut“, beschwichtigte ich ihn. „Ich rede. Machen sie die Tür wieder zu und setzen sie sich hin.“
Er dachte drüber nach, ob er mich gleich oder erst später fertigmachen lassen wollte. Dann vertröstete er David auf später und setzte sich wieder, mir gegenüber.
„Ich hab ihnen die Wahrheit gesagt. Ich sollte sie wegen Schulden suchen. Ich hab jetzt das Gefühl, es ist vielleicht nichts dran an der Schuldensache. Kann das sein?“
Er nickte stumm, auffordernd.
„Okay. Also, der Typ kam vor ungefähr zwei Wochen in mein Büro. Ein großer, runder Typ, dunkler Mantel, dunkler Hut, und Schuhe, von denen ich zwei Monatsmieten hätte bezahlen können. Soweit so gut?“
Er nickte wieder.
„Er nannte sich McMasters. Rondolph McMasters. Mit dem Namen hat er jedenfalls den Scheck seiner Anzahlung unterschrieben. Er bat mich, sie zu finden, und gab mir ein Bild von ihnen.“
„Wo ist es?“
„Muss irgendwo in meiner Hosentasche sein. Wenn sie mich losbinden, hol ich’s ihnen raus.“
Er lächelte schwach und trat hinter mich.
„Bleiben sie sitzen, bemühen sie sich nicht.“ Dann fummelte er das zusammengefaltete Stück Papier aus meiner Hosentasche. Er warf einen Blick auf die Zeichnung, und sein Gesicht wurde zu Stein. Er eilte zur Tür.
„David!“
Zottelhaar machte wieder seinen Auftritt. Er musste direkt an der Tür gestanden haben.
„Und, kann ich ihn jetzt...“
„Warte einen Moment.“
Hendrichs wandte sich wieder mir zu.
„Was weiter?“
„Er gab mir ‘ne Telefonnummer, für den Fall, dass ich sie auftue. Dann sollte ich Bescheid geben, und die Sache wär erledigt.“
„Und haben sie ihn schon angerufen?“
„Ich hab ihn angerufen, heute, vom Café aus.“
„Er weiß also, wo sie sind?“
War da eine Spur Panik in seiner Stimme? In seinen Augen jedenfalls nicht, die waren so tief und unergründlich wie eh und je. Aber die Stimme zitterte, kein Zweifel.
„Er weiß, wo sie sind?!“
„Ja. Zum Teufel, das war der Auftrag. Der ist erledigt jetzt. Nur kein böses Blut nicht.“
„Sie haben eine Riesendummheit gemacht. Schlimm genug, dass sie mich gefunden haben, aber dass sie meinen Aufenthaltsort an diesen Typen weitergegeben haben... David, es ist Michael.“
„Bist du dir sicher?“ Zottelhaar klang jetzt genauso bestürzt. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“
Plötzlich kochte er über wie der sprichwörtliche Topf, der er war. Er stürmte auf mich zu, und es war klar, dass er das nicht tat, um mich liebevoll zu umarmen. Ich konnte schon seine Faust durch die Luft sausen sehen. Mir blieben nicht viele Optionen übrig: Ich warf mich vom Stuhl und ihm entgegen.

Mein Kopf hatte schon einiges mitgemacht in dieser Nacht, aber er musste noch ein bisschen herhalten. Naja, wenn er schon zum Denken nicht wirklich zu gebrauchen war, dann wenigstens für eine kleine Prügelei.
Es war ein guter Satz, den ich tat. Fast konnte ich stolz drauf sein. Ich hatte genau die richtige Geschwindigkeit und Richtung, und im Resultat rammte ich dem heranrasenden Zottelhaar meinen Quadratschädel direkt in die Magengrube. Mit einem Schrei ging der Mann zu Boden. Ich wackelte, aber ich stand auf meinen Füßen. Ich trat ein bisschen nach, was nicht die feine englische Art sein mochte, aber unter diesen Umständen, wie ich fand, vertretbar war. Zottelhaar wand sich hin und her und versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Hendrichs reichte nach irgendwas im Hintergrund, und ich sah gerade noch rechtzeitig zu ihm auf, um zu entdecken, wie er mit der Nachttischlampe in der Hand auf mich zu kam. Auch er fand die feine englische Art im Moment offenbar nicht angemessen.
Ich warf mich nach rechts, dem Bett entgegen, und entging so dem Messingschaft. Glühlampe und Lampenschirm zerbarsten am Schrank, und das scharfe Klirren des Glases erfüllte den Raum. Nur das Deckenlicht erhellte jetzt noch das Zimmer. Zottelhaar zu meinen Füßen kam wieder auf die Beine. Das alles noch immer mit gefesselten Händen.
Ich warf mich in Richtung Tür und kam irgendwie zwischen Hendrichs und Zottelhaar hindurch. Mit der Schulter erwischte ich den Lichtschalter. Der Raum wurde stockdunkel, und ich duckte mich raus in den Gang. Wo ich gerade noch gestanden hatte, lädierte Zottelhaars Faust den Türrahmen, und er jaulte auf. All das wurde mir langsam entschieden zuviel. Ich gab Fersengeld, den Gang hinunter, und Hendrichs, wie ich vermutete, gleich hinterher. Also drückte ich mich gegen den Durchgang in die Küche, wenn der es war, und stellte ihm ein Bein. Er flog der Länge nach auf die Schnauze. Ich stieg über ihn hinweg und tastete mich mit dem Körper weiter durch den Flur. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer der beiden Schlaumeier endlich darauf kam, das Licht wieder einzuschalten. Dann wurde mir plötzlich klar: Ich floh in die falsche Richtung.
Ich war den Gang hinunter anstatt zur Haustür gelaufen, und stand jetzt vor der Treppe ins Obergeschoss. Ich schlich die Treppe hinauf, ganz leise jetzt. Was blieb mir anderes übrig. Ich hatte die halbe Strecke hinter mir, als das Licht wieder anging.
Ich eilte hinauf. Eigentlich hatte es keinen Sinn, außer ich fand ein Messer in Fanny Gros‘ Schlafzimmer, oder eine 45er unter ihrem Kopfkissen. Für beides standen die Chancen nicht eben gut. Ich hätte in die Küche laufen sollen, um dann im Dunkeln in der Besteckschublade mit dem Schneidwerkzeug herumzusuchen. Aber nun war ich hier. Und hinter mir hörte ich Schritte.
Es war Zottelhaar, mit Hendrichs Lampenschaft, und er war stinksauer.
„Ok, ok. Ich gebe auf“, sagte ich besänftigend, aber das schien ihn nicht zu beruhigen. Er kam auf mich zu, und eigentlich hätte ich auf ihn achten sollen und darauf, was er mit der verfluchten Lampe machte, um ihm vielleicht nochmal auszuweichen und das Spielchen ein paar Minuten zu verlängern, aber etwas Anderes fiel mir ins Auge: ein Bild von Fanny Gros, ganz oben im Flur an der Wand, ein Portrait in naiven Strichen, aber dennoch so lebendig, als ob es da von der Wand zu mir sprechen könne, ja, als wäre der Funken des Lebens selbst in diesem Bild. Im ersten Moment war es fast, als wäre sie es selbst.
Dann wurde es mal wieder dunkel.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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