Freitag, Februar 06, 2009

Fern wie die Zeit (XXXIII)

„Sie suchen mich“, sagte Hendrichs.
„Hendrichs“, sagte ich.
Hendrichs lächelte ein dünnes, aber nicht unsympathisches Lächeln.
„So heiße ich hier nicht“, sagte er. „Das ist mein Name aus einer anderen Welt. Hier heiße ich Henrie, Frances Henrie. Aber das wissen sie ja schon längst.“
Ich nickte und sagte für meinen Teil nichts.
„Was’n los, Frances? Soll’n wir den Typen nich lieber kaltmachen, solang es geht? Bald is das Bilderfest, und dann will ich ihn hier nich...“
Seine Stimme verlangsamte sich, und er brach ab, ohne den Satz zuende zu bringen. Auch ihm selbst ging auf, dass er sich verplappert hatte.
„Scheiße“, murmelte er.
„Danke, David. Wie wär’s, wenn du draußen auf mich wartest?“
„Jetzt müssen wir den Kerl erst recht loswerden. Tja, Pech gehabt hat er.“
„David.“
Zottelhaar wandte sich zu Hendrichs:
„Was denn, da draußen in der Scheißkälte, nachdem ich erst ewig in deiner verdammten Hütte gehockt bin?“
„Draußen im Flur. Los jetzt, geh schon.“
Zottelhaar brummelte vor sich hin, aber er räumte das Feld. Im Vorbeigehen gab er mir einen ordentlichen Knuff auf die rechte Schulter, der mir durch den ganzen Arm ging.
„Bis bald, du Ratte“, sagte er. Ich antwortete nichts. Ich wollte ihm keinen Grund geben, sich noch weiter an mir auszutoben, jedenfalls nicht, solange ich hier noch in Eisen lag. Er trollte sich schließlich. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ich machte eine innere Bestandaufnahme. Mein rechter Arm wurde langsam taub, und die Schulter schmerzte. An den Handgelenken faserten sich die Stricke auf, mit denen ich gefesselt war, und die Blutzirkulation in meinen Händen war mehr als dürftig. Mein Kopf fühlte sich matschig an, sofern ich das feststellen konnte, ohne ihn zu berühren. Aber ich konnte noch denken, leidlich gut, fast so gut wie vorher. Naja, wo nichts war, konnte man auch nicht viel verlieren. Ich war hier in diese billige Falle getappt wie ein blutiger Anfänger. Im einen Moment war man noch stolz auf seine tollen Reflexe, und im nächsten sowas. Ich hatte Zottelhaar nichtmal richtig gesehen, als er mich zu Boden schlug. Ich nahm jedenfalls an, dass es Zottelhaar gewesen war.
Hendrichs saß auf meinem Bett, bequem an die Wand gelehnt. Seine Augen ruhten auf mir. Ich zog die Brauen zusammen und beendete meine Selbstdiagnose. Ergebnis: ich lebte noch. Ich hatte also noch was zu verlieren.

„Wer hat sie geschickt?“

Hendrichs eröffnete das Gambit. Die Situation kam mir vor wie in einem Schmierenroman. Fehlte bloß noch, dass er mir mit der Nachttischlampe ins Gesicht leuchtete.
„Kann ich ne Zigarette haben?“ fragte ich ihn. „Sind in meiner Manteltasche. Der liegt da hinten im Eck, sehe ich.“
Hendrichs betrachtete mich. Dann stand er auf und
Griff nach dem Mantel. Er fand die Packung, steckte mir eine zwischen die Lippen und gab mir Feuer. Meine Fesseln löste er nicht. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, aber gehofft hatte ich natürlich trotzdem. Naja, nichts zu machen.
„Wer hat sie geschickt?“ nahm Hendrichs seinen Faden wieder auf.
Ich zog an der Zigarette und sah ihn an. Er sah nicht mehr unbedingt so aus wie auf dem Bild, von dem ich ihn bisher nur gekannt hatte, selbst wenn man die künstlerische Freiheit miteinrechnete. Seine Haare waren geschnitten, und sein Bart war rasiert. Er sah jetzt aus wie Attila der Hunne, wenn er sich als Geschäftsmann verkleidete. Soll heißen, er machte durchaus was her. Sein Blick war’s, der den Mann verriet. Der Blick und die Augen. Selbst eine Sonnenbrille hätte die nicht verbergen können. Klang vielleicht komisch, aber so war’s.
Ich konzentrierte mich wieder auf meine Zigarette. Es war gar nicht so einfach, das Ding zu rauchen, wenn man keine Hand freihatte, um die Kippe ab und zu aus dem Mund zu nehmen. Der ganze Rauch stieg mir in die Augen, und richtig ziehen und ausatmen war auch nicht drin. Naja, was sollte ich machen.
„Gibt’s ‘ne Chance, dass sie mir ‘ne Antwort glauben, oder dreht mich Zottelhaar so oder so noch ‘ne Runde durch die Mangel, um die Antworten glaubwürdiger zu machen?“
„Kommt ganz drauf an, was sie jetzt endlich antworten. Ich für meinen Teil hätte gar nichts dagegen, wenn David ihnen noch eine kleine Abreibung verpasste. Sie haben ihm ziemlich übel mitgespielt da draußen im Wald.“
„Er hatte ‘ne Kanone. Er hätte drauf aufpassen sollen.“
„Schluss jetzt. Wer schickt sie?“
Er saß am längeren Hebel und hatte alle Trümpfe in der Hand. Trotzdem fand ich ihn zu meiner eigenen Überrasching nicht unsympathisch. Er strahlte was aus, irgendeine Art von Aufrichtigkeit oder so was. Vielleicht war es so: Hier war ein Mann, der sich nicht verstellte. Er meinte, was er sagte. Mir wurde klar, er würde Zottelhaar mir sämtliche Knochen im Leib brechen lassen, wenn ich nicht bald meine Klappe aufmachte. Er war einer von denen, die ihre Versprechen halten.
„Ich bin Kunstsammler“, sagte ich. Ich konnte es einfach nicht lassen.
„Sicherlich. Deshalb haben sie auch eine Lizenz in ihrer Brieftasche.“
„Die haben sie sich angeschaut?“
„Natürlich. Was haben sie erwartet?“
Er nahm unseren kleinen Schlagabtausch mit Humor, noch. Aber erste Anzeichen von Ungeduld waren in seiner Stimme.
„Ok“, setzte ich an. „Sie haben Schulden in der Stadt, Hendrichs, mir egal wie sie hier heißen. Und sie haben ihre Schulden nicht beglichen, bevor sie sich aus dem Staub gemacht haben. Der Typ, dem sie was schulden, hat mich gebeten, ihnen ein bisschen auf den Zahn zu fühlen und rauszufinden, wo sie stecken. Es war nicht unbedingt einfach, aber ich hab’s rausgekriegt. Damit ist die Sache für mich erledigt.“
Hendrichs hörte sich meine Ausführung an, dann setzte er sich wieder aufs Bett.
„Das ist alles, was ihnen einfällt?“
„Ja, weil’s die verdammte Wahrheit ist.“
„Was wissen sie über meine Bilder?“
„Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, ich find sie naiv, von der Strichführung und der ganzen übrigen Ausführung her. Ich hab ‘nen Freund, dessen Sohn ist in der vierten Klasse, und der würde sie schlagen. In der Hinsicht nichts Besonderes also. Billige, naive Kunst.“
Er betrachtete mich belustigt. Keinerlei Anzeichen, dass er mir krumm nahm, wie ich über seinen Stil herzog.
„Was haben sie dann oben bei Tuft gemacht?“
„Rausgefunden, dass sie hier sind. Er ist ein verschlossener alter Kerl, aber nicht unbedingt so verschlossen, wie er vielleicht hätte sein sollen.“
„Kein Interesse an den Bildern?“
„Hab keine gesehen. Kann sein, dass unter den Segeltuchplanen welche waren. Hat mich nicht gekümmert. Aber ein großartiger Blick übers Wasser.“
Hendrichs sah mich an und machte ein Gesicht, als würde er nicht so recht schlau aus mir. Dann machte zur Abwechslung er mal den Mund auf.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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