Donnerstag, Februar 05, 2009

Fern wie die Zeit (XXXII)

Es war nach Mitternacht, als ich wieder bei Fanny Gros anlangte. Ich bahnte mir den Weg durch Eis und Schnee. Die Temperatur war gefallen wie ein Stein. Zum Glück hatte ich sie nicht an den Kopf bekommen.
Der Schnee türmte sich bereits auf dem Weg und sonstwo, wo immer sich ihm eine Gelegenheit dazu bot, und die ersten Schneewehen wurden vom Wind zusammengetrieben. Es war ein Wintereinbruch, der sich gewaschen hatte. Teilweise wurde das Schneetreiben auf meinem Rückweg so dicht, dass ich Hand und Weg nicht mehr vor Augen sah. Ein paar Mal dachte ich, ich hätte mich verlaufen, aber ich war ein alter Spürhund: Am Ende stand ich genau vor Fanny Gros‘ Haustür.
Das Kreischen der Haustür ging im Heulen des Windes unter, und ich schob mich in den Flur und die Tür hinter mir wieder zu. Ich klopfte mich ab und hinterließ eine Pfütze. Den Weg zu meinem Zimmer stolperte ich im Dunkeln, mit dem Alkohol in meinen Adern und der Erschöpfung eines langen Tages in meinem Kopf. Ich schloss die Tür zu meinem Zimmer auf und merkte erst beim zweiten Schlüsseldreh, dass das verdammte Schloss schon offen war. Ich bückte mich, um nach dem Haar zu sehen, das dort hätte sein sollen, und die Tür öffnete sich. Ich blickte auf, um zu sehen, wer da an meiner Türe zog, und etwas Hartes, Schweres krachte mir auf den Schädel. Ich ging zu Boden wie die Temperatur, soll heißen, ich fiel mit einem lauten Krachen auf die Dielen. Dann verpasste mir der Unbekannte noch eine. Danach war erstmal Sendepause, denn ich ging aus wie ein Licht. Dann nur noch traumlose Stille.

Es war mitten in der Nacht, nach allem was ich wusste. Dem Gefühl nach saß ich aufrecht. Flüssigkeit troff mir übers Gesicht, immer wieder. Vielleicht regnete es. Höhnische Stimmen drangen an mein Ohr, wie aus großer, ferner Tiefe. Große Tiefe. Wo ich wohl drinsteckte? Dann brannte es auf meiner Backe, und ich grunzte unwirsch. Scheiße, da, wo ich gerade herkam, war es viel friedlicher. Jetzt eine andere Stimme, undeutliche Wortfetzen:
„...nicht so fest zuschlagen brauchen... unnötig...“
Und wieder die höhnische, die klang, als würde sie schimpfen. Auf mich?
Ich saß aufrecht. Soviel konnte ich feststellen, ohne die Augen zu öffnen. Ich versuchte probehalber mal das linke Auge. Nichts Besonderes zu sehen. Hell. Die beiden Stimmen stritten sich immernoch, leiser jetzt. Das rechte Auge sagte mir, dass ich in meinem Zimmer war. Zwei Schatten bewegten sich neben dem Bett, und ich machte es gleich wieder zu. Ich saß auf dem Stuhl am Tisch. Mein Körper fühlte sich kalt und fremd an, als ob ich ihn per Fernbedienung steuern müsste. Ich versuchte, die Hände zu bewegen, und musste feststellen, dass sie auf den Rücken gefesselt waren. Die Stricke brannten. Sie waren fest angezogen, das musste man den Burschen lassen. Die eine Stimme kam mir inzwischen entfernt bekannt vor. Meine Augen hielt ich erstmal geschlossen. Ich konnte nicht sehen, dass ich durch die Rückkehr aus meiner Bewusstlosigkeit irgendetwas zu gewinnen hatte. Die beiden papperten weiter, einen Mischmasch aus Silben und Lauten, den ich nicht richtig verstand. Ich hatte wohl noch ziemlich einen in der Birne. Dann fingen sie wieder an, mir Wasser ins Gesicht zu kippen.
„Komm schon, du Ratte. Mach deine Augen auf.“
In dem Tonfall ließ ich mich gern länger bitten. Ich ließ meine Augen geschlossen.
„Ganz wie du willst“, sagte die Stimme, und im nächsten Moment erwischte mich eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Der Bursche hatte ordentlich Saft in den Knochen. Ich fiel fast vom Stuhl und öffnete auch die Augen. Er hatte, was er wollte.
„Na also. Hättest nicht gedacht, mich so schnell wiederzusehen, was?“
Ich stellte auf den vorderen der beiden Typen scharf, den mit der Ohrfeige. Es war Zottelhaar. Ich musste ihn offensichtlich nicht mehr aus der Hütte befreien, gut. Er hatte mir hier in meinem Zimmer aufgelauert und war offenbar nicht gut auf mich zu sprechen, schlecht. Ich saß in der Klemme.
„Na, wie sieht’s aus, du Saftsack. Ich sollte dich gleich kalt machen.“
„David“, sagte der andere Typ. Ich nahm meine Augen von Zottelhaar und versuchte, den anderen Mann im Zimmer zu erfassen. Wenn man sich nach jemandem um- und denjenigen dann anschaut, sieht man immer zuerst auf die Augen. Keine Ahnung, warum das so war, aber so war es. Die Augen sind das mächtigste Instrument, das wir haben, um miteinander Kontakt aufzunehmen. Ein Blick kann mehr kommunizieren als tausend Worte. Auch sollen die Augen das Fenster zur Seele sein, wie es immer heißt. Wenn es danach ging, waren die meisten Seelen, denen ich so begegnet war, nicht unbedingt der Rede wert, sondern stumpf und zerbrochen, wohl an den Unwägbarkeiten des modernen Lebens. Es gab allerdings auch Ausnahmen. Eine von denen hatte ich augenscheinlich vor mir. Es war Hendrichs. Ich blickte in die beiden dunklen mongolischen Löcher, und in Person waren sie noch tiefer und unergründlicher als auf seinem Bild. Er erwiderte meinen Blick, und seine Augen brannten sich in mich regelrecht hinein. Schwarz wie eine mondlose Nacht, und keine Sterne in Sicht, nirgends.

Labels: , ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite