Fern wie die Zeit (XXX)
Zu meinem Job gehörten die unvorhergesehenen Situationen und Zwischenfälle einfach dazu. Man konnte den schönsten Plan und die raffinierteste Vorgehensweise haben, sich alles ausbaldowern und zurechtlegen, um am Ende alles nur noch ineinandergreifen und die Falle zuschnappen zu lassen, und letztendlich waren es dann doch im entscheidenden Moment die Geistesgegenwart, die Reflexe und das automatische Handeln ohne Nachzudenken, die einem die Haut, den Kopf, den Plan und das Leben retteten. So war es und so würde es immer sein. Ich hatte genug miterlebt, um es zu wissen. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem die Reflexe nicht mehr so schnell und die Geistesgegenwart nicht mehr so groß waren, und sich der Kopf einzuschalten begann und mit Nachdenken anfing, wenn er besser die Klappe halten sollte, und das war dann der Moment, zu dem man in meinem Beruf entweder von selbst in den Ruhestand ging oder in selbigen geschickt wurde, beispielsweise mit einem Totschläger. Dieser Moment kommt unaufhaltsam näher, und irgendwann würde sicher auch ich ihn erreichen. Aber noch nicht heute. Geistesgegenwart, Reflexe und Automatismen funktionierten noch. Und ich trat einen Schritt beiseite.
Phil streifte mich nur ein wenig an der Hüfte, und der Schwung, der mich eigentlich hatte zu Boden werfen sollen, trug sie weiter und an mir vorbei, und sie krachte gegen das Bett. Es war ein großes, schweres Messingbett, und es schlitterte einen halben Meter durch den Raum bis kurz vor die Wand. Ihr Schrei wurde wieder menschlich, und wo vorher Wut und Zorn gewesen waren, war jetzt hauptsächlich Schmerz. Sie krümmte sich auf dem Fußboden und hielt sich die linke Schulter, und weinte. Diesmal waren es ehrliche Tränen aus der Tiefe ihres verletzten Wesens, die sich nur am Rande auf den zweifellos beträchtlichen Schmerz in ihrem Körper bezogen, und in der Hauptsache eher von etwas viel tieferem, in ihr verborgenem gespeist wurden. Woher ich das wusste? Sie würde es mir später erzählen.
Jetzt gerade eilte ich erst einmal zu ihr hin.
„Phil, alles in Ordnung?“ kam es über meine Lippen. Um einen sinnlosen Spruch war ich nie verlegen.
Ohne lange nachzudenken, schlang ich meine Arme um sie, und sie gab einen kurzen Schmerzlaut von sich. Dann kuschelte sie sich an mich, und die ganze schwitzige Sexualität, die noch vor wenigen Sekunden im Raum gewesen war, war verschwunden, und sie war jetzt nur noch ein kleines Mädchen, das geborgen und beschützt werden wollte. Gut, sie war ein halbnacktes kleines Mädchen, aber so war es eben.
Nach ein paar Minuten lockerte ich die Umarmung, und sie protestierte nicht. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, aber ihre Tränen waren versiegt, und ihr Schrei war nur noch ein Wimmern. Ich sah mir ihre Schulter genauer an. Es würde ein prächtiger blauer Fleck werden.
„Kannst du den Arm bewegen?“ fragte ich sie, und fasste ihr linkes Handgelenk und bewegte ihren Arm vorsichtig hin und her. Ihr Wimmern wurde stärker, aber ich löste keinen stechenden Schmerzschrei bei ihr aus, und das war schonmal was.
„Wo ist das Badezimmer?“
Sie deutete mit dem gesunden Arm hinaus auf den Gang.
„Zweite links“, murmelte sie undeutlich.
Ich ging in die Hocke und schob meinen linken Arm unter ihre Knie und legte den rechten um ihre Hüfte, und dann hob ich sie auf das Bett ihrer Tante. Das Bad war schnell gefunden, und ich nahm eines der Handtücher vom Haken und hielt es unter kaltes Wasser, bis es vollgesogen und eisig war. Ich wrang es gründlich aus und entdeckte dabei mein Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Seltsam, wie die Dinge manchmal so laufen, murmelte ich mir zu.
Jetzt waren wir doch noch zusammen im Bett gelandet, aber anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Ich saß gegen das Messinggestell am Kopfende des Bettes. Sie drückte mit der rechten Hand das kalte Handtuch gegen ihre Schulter. Ihr Kopf ruhte auf meiner Brust, und ihre Augen waren geschlossen. Ihre Hose war wieder hochgezogen, und ihren Oberkörper hatte ich mit ihrem Pullover bedeckt. Ich streichelte sie nicht, und ich hielt sie nichtmal auf irgendeine besondere Weise. Trotzdem schien es genau das zu sein, was sie jetzt brauchte. Sie schnurrte zwar nicht wie eine Katze, aber es war zu merken, dass sie zufrieden war – den Umständen entsprechend jedenfalls.
„Was war mit deinem Vater?“ fragte ich schließlich.
Sie wandte nicht den Kopf und blieb reglos liegen. Nichts deutete darauf hin, dass sie mich überhaupt gehört hatte.
„Er hat mir wehgetan“, kam ihre Antwort schließlich, in einem kleinen, rauen Flüstern.
„Ich wollte dir nicht wehtun. Es tut mir Leid“, sagte ich.
Jetzt sah sie mich doch an, und legte einen Finger auf meine Lippen, in sowas wie einer zärtlichen Geste, und ich ließ es geschehen.
Ein langer Moment der Ruhe dehnte sich zwischen uns. Ich konnte die Sekunden mit dem Finger auf den Lippen vorbeihuschen hören.
„Findest du mich nicht attraktiv?“ fragte sie plötzlich, kleinlaut.
„Darum geht es doch gar nicht...“
„Bin ich schön?“
Ich seufzte.
„Du bist sehr schön, Phil, und du bist sehr jung. Ich bin alt, und...“
„So alt bist du gar nicht. Und du bist immer noch sexy.“
„...und damit hat es sich“, brachte ich meinen Satz zu Ende. „Es gibt Dinge, die möglich sind, und Dinge, die nicht möglich sind. Verdammt, ich bin kein Humbert Humbert!“
„Wer?“
„Eine Romanfigur. Ich will verflucht sein, wenn ich als verdammte Romanfigur ende.“
„Also gefalle ich dir.“
„Phil, darum geht es nicht. Ich bin ein Mann, und du bist, obwohl du schön bist, ein junges Ding. Du bist sechzehn, Herrgott!“
„Achtzehn!“ protestierte sie schwach. Ich sah sie streng an und fühlte mich plötzlich tatsächlich wie ein Vater. Ich konnte sehen, dass es eine Lüge war, und sie konnte sehen, dass ich es sah. Sie schlug die Augen nieder.
„Was machst du hier? Du bist kein Buchhalter.“
Das war ihr Versuch, das Thema zu wechseln, und ich ging nicht darauf ein. Vielleicht hätte ich mir eine neue Lüge ausdenken müssen, vielleicht hätte ich ihr auch die Wahrheit gesagt. Schwer zu sagen im Nachhinein. Weder zu dem einen noch zu dem anderen kam es, denn unten im Laden, leise und gedämpft durch die Entfernung und die schweren Balken des Hauses, aber doch deutlich zu vernehmen, ging die Tür.
Phil streifte mich nur ein wenig an der Hüfte, und der Schwung, der mich eigentlich hatte zu Boden werfen sollen, trug sie weiter und an mir vorbei, und sie krachte gegen das Bett. Es war ein großes, schweres Messingbett, und es schlitterte einen halben Meter durch den Raum bis kurz vor die Wand. Ihr Schrei wurde wieder menschlich, und wo vorher Wut und Zorn gewesen waren, war jetzt hauptsächlich Schmerz. Sie krümmte sich auf dem Fußboden und hielt sich die linke Schulter, und weinte. Diesmal waren es ehrliche Tränen aus der Tiefe ihres verletzten Wesens, die sich nur am Rande auf den zweifellos beträchtlichen Schmerz in ihrem Körper bezogen, und in der Hauptsache eher von etwas viel tieferem, in ihr verborgenem gespeist wurden. Woher ich das wusste? Sie würde es mir später erzählen.
Jetzt gerade eilte ich erst einmal zu ihr hin.
„Phil, alles in Ordnung?“ kam es über meine Lippen. Um einen sinnlosen Spruch war ich nie verlegen.
Ohne lange nachzudenken, schlang ich meine Arme um sie, und sie gab einen kurzen Schmerzlaut von sich. Dann kuschelte sie sich an mich, und die ganze schwitzige Sexualität, die noch vor wenigen Sekunden im Raum gewesen war, war verschwunden, und sie war jetzt nur noch ein kleines Mädchen, das geborgen und beschützt werden wollte. Gut, sie war ein halbnacktes kleines Mädchen, aber so war es eben.
Nach ein paar Minuten lockerte ich die Umarmung, und sie protestierte nicht. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, aber ihre Tränen waren versiegt, und ihr Schrei war nur noch ein Wimmern. Ich sah mir ihre Schulter genauer an. Es würde ein prächtiger blauer Fleck werden.
„Kannst du den Arm bewegen?“ fragte ich sie, und fasste ihr linkes Handgelenk und bewegte ihren Arm vorsichtig hin und her. Ihr Wimmern wurde stärker, aber ich löste keinen stechenden Schmerzschrei bei ihr aus, und das war schonmal was.
„Wo ist das Badezimmer?“
Sie deutete mit dem gesunden Arm hinaus auf den Gang.
„Zweite links“, murmelte sie undeutlich.
Ich ging in die Hocke und schob meinen linken Arm unter ihre Knie und legte den rechten um ihre Hüfte, und dann hob ich sie auf das Bett ihrer Tante. Das Bad war schnell gefunden, und ich nahm eines der Handtücher vom Haken und hielt es unter kaltes Wasser, bis es vollgesogen und eisig war. Ich wrang es gründlich aus und entdeckte dabei mein Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Seltsam, wie die Dinge manchmal so laufen, murmelte ich mir zu.
Jetzt waren wir doch noch zusammen im Bett gelandet, aber anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Ich saß gegen das Messinggestell am Kopfende des Bettes. Sie drückte mit der rechten Hand das kalte Handtuch gegen ihre Schulter. Ihr Kopf ruhte auf meiner Brust, und ihre Augen waren geschlossen. Ihre Hose war wieder hochgezogen, und ihren Oberkörper hatte ich mit ihrem Pullover bedeckt. Ich streichelte sie nicht, und ich hielt sie nichtmal auf irgendeine besondere Weise. Trotzdem schien es genau das zu sein, was sie jetzt brauchte. Sie schnurrte zwar nicht wie eine Katze, aber es war zu merken, dass sie zufrieden war – den Umständen entsprechend jedenfalls.
„Was war mit deinem Vater?“ fragte ich schließlich.
Sie wandte nicht den Kopf und blieb reglos liegen. Nichts deutete darauf hin, dass sie mich überhaupt gehört hatte.
„Er hat mir wehgetan“, kam ihre Antwort schließlich, in einem kleinen, rauen Flüstern.
„Ich wollte dir nicht wehtun. Es tut mir Leid“, sagte ich.
Jetzt sah sie mich doch an, und legte einen Finger auf meine Lippen, in sowas wie einer zärtlichen Geste, und ich ließ es geschehen.
Ein langer Moment der Ruhe dehnte sich zwischen uns. Ich konnte die Sekunden mit dem Finger auf den Lippen vorbeihuschen hören.
„Findest du mich nicht attraktiv?“ fragte sie plötzlich, kleinlaut.
„Darum geht es doch gar nicht...“
„Bin ich schön?“
Ich seufzte.
„Du bist sehr schön, Phil, und du bist sehr jung. Ich bin alt, und...“
„So alt bist du gar nicht. Und du bist immer noch sexy.“
„...und damit hat es sich“, brachte ich meinen Satz zu Ende. „Es gibt Dinge, die möglich sind, und Dinge, die nicht möglich sind. Verdammt, ich bin kein Humbert Humbert!“
„Wer?“
„Eine Romanfigur. Ich will verflucht sein, wenn ich als verdammte Romanfigur ende.“
„Also gefalle ich dir.“
„Phil, darum geht es nicht. Ich bin ein Mann, und du bist, obwohl du schön bist, ein junges Ding. Du bist sechzehn, Herrgott!“
„Achtzehn!“ protestierte sie schwach. Ich sah sie streng an und fühlte mich plötzlich tatsächlich wie ein Vater. Ich konnte sehen, dass es eine Lüge war, und sie konnte sehen, dass ich es sah. Sie schlug die Augen nieder.
„Was machst du hier? Du bist kein Buchhalter.“
Das war ihr Versuch, das Thema zu wechseln, und ich ging nicht darauf ein. Vielleicht hätte ich mir eine neue Lüge ausdenken müssen, vielleicht hätte ich ihr auch die Wahrheit gesagt. Schwer zu sagen im Nachhinein. Weder zu dem einen noch zu dem anderen kam es, denn unten im Laden, leise und gedämpft durch die Entfernung und die schweren Balken des Hauses, aber doch deutlich zu vernehmen, ging die Tür.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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