Donnerstag, Januar 29, 2009

Fern wie die Zeit (XXVIII)

„Du bist Margarets Tochter, nicht wahr?“
„Ja, Mister.“ In Phils Stimme lag ein Zittern. Tuft stand ihr deutlich zu nahe.
„Wie geht es Margaret?“
„Gut, Mister.“
„Was macht sie jetzt?“
„Sie fotografiert.“
„Sie fotografiert. Das ist schön. Wie geht es deinem Vater?“
Phils Stimme verhärtete sich plötzlich:
„Er ist tot.“
„Tot?“ Die Überraschung war Tuft deutlich anzuhören.
„Ja.“
„Seit wann?“ Seine Stimme war jetzt schneidend.
„Er ist im letzten Winter gestorben.“
„An was?“
„Er hatte Krebs.“
„Bist du sicher?“
Es gab keine zischende Zündschnur, keine glimmende Lunte und keine Vorwarnzeit. Ohne irgendein vorheriges Anzeichen, außer vielleicht dem Zittern in ihrer Stimme, ging Phil plötzlich hoch:
„Verdammt, was geht sie das an? Er ist tot. Er hatte Krebs. Er ist elend gestorben. Er war aufgedunsen wie eine ertrunkene Ratte. Wissen sie jetzt genug? Was wollen sie eigentlich von mir?“
Ich dachte, sie würde gleich auf ihn losgehen. Ich sah mich schon hinter der Ladenkasse hervorschnellen und wie die Kavallerie zur Rettung reiten, um mich zwischen ein unvermittelt furienhaftes Mädchen und einen alterslosen, geheimnisvollen Mongolen zu werfen. Aber dann schluchzte sie bloß:
„Sie machen mir Angst! Gehen sie. Bitte!“
Ich wettete, dass ihr bereits wieder ein paar dicke Tränen über die Wangen kullerten. Tuft machte einen Rückzieher. Junge Mädchen waren offenbar nichts, mit dem er viel Erfahrung hatte. Wütende und weinende junge Mädchen noch viel weniger.
„Ist schon gut. Schon gut.“ Er ging rückwärts zur Tür, langsam.
„Bleib nicht zu lange auf.“ Ein letzter unbeholfener Satz, dann schloss er die Tür hinter sich. Seine Schritte entfernten sich durch den Schnee, nachdenklich und zögernd.
Ich kroch unter der Theke hervor, stand auf und ließ meine morschen Knochen knirschen. Phil stand vor der Theke, steif und starr wie ein Porzellanpüppchen. Ihre Tränen waren wieder versiegt, und in ihren Augen war Wut, stumme, still kochende Wut. Ich blieb auf Abstand, um meinerseits still abzuwarten. Fast hätte ich mir eine Zigarette angezündet, aber dann fiel mir ein, dass ich in Tante Emmas Laden besser nicht rauchte. Also steckte ich mir nur die kalte Fluppe zwischen die Lippen und zog zum Zeitvertreib daran.
Sie war ein nettes Mädchen. Ich studierte ihr Gesicht. Es war ein zartes Gesicht, mit einer neckischen Nase, genau der richtigen Portion Wangenknochen und gut geschwungenen, aber auch wieder nicht zu vollen Lippen. Ein ehrliches Gesicht. Ein Gesicht, das man liebgewinnen konnte. Ein Gesicht, mit dem man gerne ausginge, mit dem man aber auch noch keinen Totschläger mitnehmen musste, um die anderen Kerle abzuwehren. Kurz, ein nettes, angenehmes Mädchengesicht, auch wenn es die falschen Erinnerungen weckte.
Zugleich erschien sie mir unberechenbar. Ich konnte meinen Finger nicht darauf legen, aber ich wusste, was mich störte. Das Weinen ohne Vorwarnzeichen. Der plötzliche Wutausbruch. Ihre Hand auf meinem Bein. Man musste kein verdammter Psychologe sein, um zu erkennen, dass sie eine ganze Menge mit sich herumtrug. Achtung, zerbrechlich! musste die Aufschrift lauten. Handle with care.
Ich lutschte an meiner kalten Zigarette und sah zu, wie ihre Wut langsam verrauchte. Schließlich entkrampfte sich ihre linke Hand, die sie zur Faust geballt hatte. Ich zählte noch still bis zehn und sagte dann:
„Du wolltest mir ein Bild von deiner Tante zeigen.“
Sie sah mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal, und für einen Moment befürchtete ich, dass sie wieder zu schreien anfangen würde. Dann schüttelte sie kurz ihren Kopf, und ich dachte erst, sie wollte Nein sagen, aber sie ging zur Tür hinten im Laden und bedeutete mir, ihr zu folgen.
„Meine Tante wohnt oben.“

Hinter der Tür war ein schmaler Treppenaufgang. Sie machte Licht, und wir stiegen hinauf. Die Treppe war alt, und die Stufen waren steil. Oben machten sie eine Biegung von fünfundvierzig Grad, und dann waren wir im oberen Stockwerk, und Phil führte mich einen schmalen Gang entlang, von dem links und rechts und am Ende Türen abgingen. Am Ende des Ganges öffnete sie die Tür, und wir standen vor einem großen, alten Messingbett. Eine einzelne, traurige 30-Watt-Birne in einem Messing-Lampenschirm erhellte den Raum. Neben dem Bett standen ein Nachttischchen aus einem hellen Holz und eine kleine Truhe aus einem dunkleren Holz, Eiche vielleicht. Sonst gab es nur das riesige Bett und die verblichene grüne Blümchentapete an den Wänden. Es war ein trauriger Raum, und er atmete das Fluidum der Trostlosigkeit.
Phil trat zur Truhe und klappte den Deckel hoch. Er schien schwerer, als er auf den ersten Blick aussah. Sie griff unter etwas, das von da, wo ich stand, wie eine Lage Kleider aussah, und zog nach einigem Suchen einen abgestoßenen Bilderrahmen hervor, einen von der Sorte, die man sonst nur noch in Antiquitätenläden findet, wo sie für die schlechte Qualität zuviel kosten. Es war ein Nachkriegsrahmen, der schon einiges auf dem Buckel hatte. Das Bild, das darin steckte, war allerdings deutlich weniger alt. Und es kam mir verdammt bekannt vor.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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