Fern wie die Zeit (XXVII)
Die Tränen einer Frau folgen eigenen Gesetzen. Es gibt wahrscheinlich so viele Arten zu weinen, wie es Frauen gibt. Es gibt das schutzsuchende Weinen, das den Mann dazu bringen soll, in der Tür stehenzubleiben und zurück in die Bude zu kommen, und nicht rauszugehen und nicht zu trinken und nicht zu den Sportwetten aufzubrechen. Es gibt das verzweifelte Weinen, das ein viel leiseres Weinen ist, wenn der Kerl dann doch durch die verdammte Tür geht, und sie erkannt hat, dass sie ihn nie wird davon abhalten können, egal was sie versucht. Es gibt das anschuldigende Weinen, bei dem Tränen eine Waffe im Kampf der Geschlechter sind, der letzte Trumpf, wenn die Logik und die Vorwürfe und die Argumentationen versagt haben, immer, wenn sie im Hintertreffen ist, nicht in der anderen Situation. Es gibt das Weinen, das einen armen Kerl in einem Leben festhält, das gar nicht mehr seines ist und, wenn er es bei Licht besähe, auch niemals seines war, aber er kann nicht fort, nicht hinaus, denn dieses Weinen ist es, was ihn immer wieder am Herd zurückhält, und dabei ist dieses Weinen reine Berechnung. Es gibt das traurige Weinen, wenn Dinge geschehen, die sie nicht fassen kann, und das vielleicht das ehrlichste Weinen von diesen allen ist. Es gibt außerdem dieses eine, ganz besondere Weinen, das mit dem Ende einer Beziehung kommt, in dem Moment, da sie vor dem schwarzen Loch des Neuanfangs steht, das aber die Voraussetzung dafür ist, dass sie eines Tages wieder Lachen wird. Das ist, trotz allem, die beste Art zu weinen. Und schließlich gibt es das Weinen, das einfach nur sagt, Halt mich. Halt mich einfach fest. Und das, im Gegensatz zu all den anderen Arten, so gut wie jede Möglichkeit noch in sich trägt. Es ist kein entschiedenes Weinen. Es ist ein Weinen, das das Ergebnis offen lässt. Es war die Art, in der Phil in meinen Armen weinte. Vielleicht war ich deswegen etwas beunruhigt. Vielleicht auch nur wegen der Erinnerung.
Wir saßen so für die längste Zeit. Irgendwann schließlich versiegen allerdings alle Tränen, und dieser Moment war schon ein paar Minuten vorüber, als sie sich wieder aus meinen Armen schälte. Sie sagte Danke und legte eine Hand auf meinen Oberschenkel. Das Danke war leise und zurückhaltend, aber ihre Hand war es nicht gerade. Kam das nur mir so vor, oder wurde die Situation seltsam? Ich griff nach der Whiskyflasche und nahm einen Schluck. Es schien mir das Richtige zu sein.
„Kann ich auch einen Schluck haben?“
Ich sah sie kurz an, dann reichte ich ihr die Flasche. Sie nahm einen Schluck, der einer Ameise zur Ehre gereicht hätte. Trotzdem hustete sie kolossal. Ich nahm ihr den Whiskey wieder aus der Hand, bevor sie zu viel davon verschütten konnte.
„Woah, das ist stark!“ keuchte sie zwischen zwei Hustern. Ich sagte erstmal gar nichts, sonder zündete wieder eine Zigarette an.
„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte ich dann.
„Danke. Ja.“ Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und ich wollte verdammt sein, aber es kam mir aufreizend vor. War ich so überspannt?
„Lässt dich deine Tante oft allein?“
Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Nur eines wusste ich: Ich wollte unbedingt etwas sagen. Ich wollte das Gespräch wieder in Gang bringen, so schnell wie möglich.
„Ja, das heißt... Naja, oft. Wenn ich da bin.“ Phil schaute irritiert, und ihre Augen huschten hin und her, als bemühten sie sich, nicht an mir hängenzubleiben.
„Warum warst du heute allein?“
Jetzt blickte sie noch verwirrter. Sie hatte keine Lust, auf meine Fragen zu antworten, das war deutlich zu sehen. Sie nahm sogar ihre Hand von meinem Bein.
„Wieso fragen sie?“ fragte sie.
„Naja, ich denke mir, es könnte der Grund sein, warum sich heute alle im Café treffen, oder?“
„Quatsch. Sie hat heute Portrait gesessen oder sowas. Das dauerte den ganzen Tag. Jetzt haben die ihre Dorfangelegenheiten. Aber das kann uns doch egal sein, oder?“
Ich fasste sie am Handgelenk, bevor sie ihre Hand wieder irgendwo auf mir ablegen konnte. Ich hatte eine plötzliche Idee. Ich trug Henrichs Bild in meiner Brieftasche mit mir herum. Jetzt holte ich es heraus und zeigte es ihr.
„So ein Bild? So eine Art Portrait?“
„Was soll das? Muss ich mir...“
„Phil, bitte.“ Dass ich ihren Namen sagte, schien sie zu besänftigen.
„Das kann ich doch nicht wissen, oder?“ meinte sie dann. „Das Bild wird ja schließlich erst gemalt.“
Ich seufzte. Sie hatte natürlich Recht.
„Aber wenn ich mir das hier anschaue...“
Damit nahm sie mir das Bild aus der Hand, stand auf und ging ins Innere des Ladens. Eine einsame Lampe brannte an der Theke, und sie nahm die Zeichnung dorthin mit und sah sie sich an.
„Es erinnert mich an ihr altes Portrait.“
„Ihr altes Portrait?“ fragte ich nach. „Sie hat schon ein Portrait von sich?“
Phil nickte.
„Dann ist es älter, oder?“
„Na, sie sieht darauf ganz genau so aus, wie sie jetzt aussieht. Wollen sie’s sehen?“
Der Ton in ihrer Stimme hätte mich misstrauisch machen sollen. Allerdings lenkten mich die Schritte auf der Straße ab. Es ist seltsam, was man in einer stillen Nacht alles zu hören bekommt, Dinge, auf die man im hellen Tageslicht keine Sekunde Aufmerksamkeit verschwenden würde. Ich hob den Finger an die Lippen, schlich zur Tür und spähte durch den Spalt. Eine Gestalt in Weiß hob sich klar gegen das Dunkel der Nacht ab. Der Schneefall war ordentlich jetzt, aber er reichte noch nicht, um die Silhouette gegen den Nachthimmel zu verdecken. Es war Tuft. Er war unterwegs zum Café.
Das Dorf war Dunkel wie ein Kohleflöz in einer sternlosen Nacht. Soll heißen, das Licht aus der Tür des Ladens war weit zu sehen, selbst wenn die Tür nur einen Spaltweit offenstand. Ein helles Band zog sich über den frisch gefallenen Schnee hin zur Straße. Er floss über Tufts Füße, als er vorüberging. Tuft blieb stehen. Er betrachtete es, wie man verschüttete Milch betrachtet. Dann wandte er sich um und kam auf den Laden zu.
„Emma?“
Ich zog mich noch weiter von der Tür zurück und eilte zur Theke.
„Ich bin nicht da“, sagte ich zu Phil.
„Was soll das heißen?“
„Es ist besser, wenn ich nicht da bin. Ich...“
In dem Moment geschahen drei Dinge: Tuft stieß die Tür sanft nach innen, und blieb in der Schwelle stehen. Ich zog den Kopf ein und krümmte mich hinter der Theke. Phil wandte sich um und stieß einen kleinen Schrei aus. Richard Tuft in weiß in der Nacht konnte sowas bewirken.
„Was ist hier los?“ fragte Tuft. Seine Stimme war ruhig, dennoch war ihr deutlich anzumerken, dass er nicht damit gerechnet hatte, ein Mädchen hier vorzufinden.
„Wer bist du?“ Das mit ebenso ruhiger, aber schärferer Stimme jetzt.
„Hallo, Mister. Ich bin Phil... Philadelphia. Ich bin zu Besuch hier. Emma ist meine Tante.“
Tuft klang überrascht:
„Zu Besuch? Jetzt?“
„Ja, Mister. Entschuldigen sie.“ Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, wofür sie sich eigentlich entschuldigte. Der Ton in Tufts Stimme legte es allerdings nahe, sich zu entschuldigen, und wenn es nur ganz allgemein für die großen Sünden dieser weiten Welt war.
„Ich dachte, Emma hier zu sehen. Ist sie schon weg?“
„Ja, Mister. Sie ist vor fünfzehn Minuten losgegangen.“
„Gut.“
Damit hätte die Sache erledigt sein können. Ich wartete ungeduldig auf das Geräusch seines Verschwindens. Tuft allerdings hatte es plötzlich nicht eilig. Er ging langsam durch den Raum. Seine weißen Schuhe klackten auf dem Holzfußboden. Ich krümmte mich noch ein wenig mehr unter der Theke, und hoffte, dass es ihm jetzt nicht etwa einfiel, seine Schnürenkel zu binden. Durch die Ritze zwischen Pult und Boden sah ich Phils Boots, und gleich davor jetzt die weißen Treter Tufts. Er stand verdammt nahe. Ich versuchte, ein bisschen weniger zu atmen.
Wir saßen so für die längste Zeit. Irgendwann schließlich versiegen allerdings alle Tränen, und dieser Moment war schon ein paar Minuten vorüber, als sie sich wieder aus meinen Armen schälte. Sie sagte Danke und legte eine Hand auf meinen Oberschenkel. Das Danke war leise und zurückhaltend, aber ihre Hand war es nicht gerade. Kam das nur mir so vor, oder wurde die Situation seltsam? Ich griff nach der Whiskyflasche und nahm einen Schluck. Es schien mir das Richtige zu sein.
„Kann ich auch einen Schluck haben?“
Ich sah sie kurz an, dann reichte ich ihr die Flasche. Sie nahm einen Schluck, der einer Ameise zur Ehre gereicht hätte. Trotzdem hustete sie kolossal. Ich nahm ihr den Whiskey wieder aus der Hand, bevor sie zu viel davon verschütten konnte.
„Woah, das ist stark!“ keuchte sie zwischen zwei Hustern. Ich sagte erstmal gar nichts, sonder zündete wieder eine Zigarette an.
„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte ich dann.
„Danke. Ja.“ Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und ich wollte verdammt sein, aber es kam mir aufreizend vor. War ich so überspannt?
„Lässt dich deine Tante oft allein?“
Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Nur eines wusste ich: Ich wollte unbedingt etwas sagen. Ich wollte das Gespräch wieder in Gang bringen, so schnell wie möglich.
„Ja, das heißt... Naja, oft. Wenn ich da bin.“ Phil schaute irritiert, und ihre Augen huschten hin und her, als bemühten sie sich, nicht an mir hängenzubleiben.
„Warum warst du heute allein?“
Jetzt blickte sie noch verwirrter. Sie hatte keine Lust, auf meine Fragen zu antworten, das war deutlich zu sehen. Sie nahm sogar ihre Hand von meinem Bein.
„Wieso fragen sie?“ fragte sie.
„Naja, ich denke mir, es könnte der Grund sein, warum sich heute alle im Café treffen, oder?“
„Quatsch. Sie hat heute Portrait gesessen oder sowas. Das dauerte den ganzen Tag. Jetzt haben die ihre Dorfangelegenheiten. Aber das kann uns doch egal sein, oder?“
Ich fasste sie am Handgelenk, bevor sie ihre Hand wieder irgendwo auf mir ablegen konnte. Ich hatte eine plötzliche Idee. Ich trug Henrichs Bild in meiner Brieftasche mit mir herum. Jetzt holte ich es heraus und zeigte es ihr.
„So ein Bild? So eine Art Portrait?“
„Was soll das? Muss ich mir...“
„Phil, bitte.“ Dass ich ihren Namen sagte, schien sie zu besänftigen.
„Das kann ich doch nicht wissen, oder?“ meinte sie dann. „Das Bild wird ja schließlich erst gemalt.“
Ich seufzte. Sie hatte natürlich Recht.
„Aber wenn ich mir das hier anschaue...“
Damit nahm sie mir das Bild aus der Hand, stand auf und ging ins Innere des Ladens. Eine einsame Lampe brannte an der Theke, und sie nahm die Zeichnung dorthin mit und sah sie sich an.
„Es erinnert mich an ihr altes Portrait.“
„Ihr altes Portrait?“ fragte ich nach. „Sie hat schon ein Portrait von sich?“
Phil nickte.
„Dann ist es älter, oder?“
„Na, sie sieht darauf ganz genau so aus, wie sie jetzt aussieht. Wollen sie’s sehen?“
Der Ton in ihrer Stimme hätte mich misstrauisch machen sollen. Allerdings lenkten mich die Schritte auf der Straße ab. Es ist seltsam, was man in einer stillen Nacht alles zu hören bekommt, Dinge, auf die man im hellen Tageslicht keine Sekunde Aufmerksamkeit verschwenden würde. Ich hob den Finger an die Lippen, schlich zur Tür und spähte durch den Spalt. Eine Gestalt in Weiß hob sich klar gegen das Dunkel der Nacht ab. Der Schneefall war ordentlich jetzt, aber er reichte noch nicht, um die Silhouette gegen den Nachthimmel zu verdecken. Es war Tuft. Er war unterwegs zum Café.
Das Dorf war Dunkel wie ein Kohleflöz in einer sternlosen Nacht. Soll heißen, das Licht aus der Tür des Ladens war weit zu sehen, selbst wenn die Tür nur einen Spaltweit offenstand. Ein helles Band zog sich über den frisch gefallenen Schnee hin zur Straße. Er floss über Tufts Füße, als er vorüberging. Tuft blieb stehen. Er betrachtete es, wie man verschüttete Milch betrachtet. Dann wandte er sich um und kam auf den Laden zu.
„Emma?“
Ich zog mich noch weiter von der Tür zurück und eilte zur Theke.
„Ich bin nicht da“, sagte ich zu Phil.
„Was soll das heißen?“
„Es ist besser, wenn ich nicht da bin. Ich...“
In dem Moment geschahen drei Dinge: Tuft stieß die Tür sanft nach innen, und blieb in der Schwelle stehen. Ich zog den Kopf ein und krümmte mich hinter der Theke. Phil wandte sich um und stieß einen kleinen Schrei aus. Richard Tuft in weiß in der Nacht konnte sowas bewirken.
„Was ist hier los?“ fragte Tuft. Seine Stimme war ruhig, dennoch war ihr deutlich anzumerken, dass er nicht damit gerechnet hatte, ein Mädchen hier vorzufinden.
„Wer bist du?“ Das mit ebenso ruhiger, aber schärferer Stimme jetzt.
„Hallo, Mister. Ich bin Phil... Philadelphia. Ich bin zu Besuch hier. Emma ist meine Tante.“
Tuft klang überrascht:
„Zu Besuch? Jetzt?“
„Ja, Mister. Entschuldigen sie.“ Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, wofür sie sich eigentlich entschuldigte. Der Ton in Tufts Stimme legte es allerdings nahe, sich zu entschuldigen, und wenn es nur ganz allgemein für die großen Sünden dieser weiten Welt war.
„Ich dachte, Emma hier zu sehen. Ist sie schon weg?“
„Ja, Mister. Sie ist vor fünfzehn Minuten losgegangen.“
„Gut.“
Damit hätte die Sache erledigt sein können. Ich wartete ungeduldig auf das Geräusch seines Verschwindens. Tuft allerdings hatte es plötzlich nicht eilig. Er ging langsam durch den Raum. Seine weißen Schuhe klackten auf dem Holzfußboden. Ich krümmte mich noch ein wenig mehr unter der Theke, und hoffte, dass es ihm jetzt nicht etwa einfiel, seine Schnürenkel zu binden. Durch die Ritze zwischen Pult und Boden sah ich Phils Boots, und gleich davor jetzt die weißen Treter Tufts. Er stand verdammt nahe. Ich versuchte, ein bisschen weniger zu atmen.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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