Sonntag, Januar 25, 2009

Fern wie die Zeit (XXV)

Jenkins hatte ordentlich Zahn drauf. Das Öffnen der Tür, das Umlegen des Lichtschalters und das Hereinstürmen in den Raum waren eins, und sie waren nicht schlecht für einen Mann seines Alters. Er blickte sich kurz um, um sich zu orientieren. Die Düsternis machte es ihm nicht einfacher. Er blickte zu der verloschenen Lampe an der Decke empor, dann die Regalreihen entlang, und stieß schließlich einen kleinen Schrei aus, als er das Chaos der Konserven auf dem Betonfußboden entdeckte. In dieser Zeit hatte ich mich in Stellung gebracht. Jenkins setzte sich wieder in Bewegung, hin zum Chaos, und ich schlich hinter seinem Rücken hinter der Tür hervor und durch den Ausgang davon. Eine Katze war nichts gegen mich. Ich strich mir über den Schnurrbart, schlug einmal mit dem Schwanz und machte mich leise und schnell durch den Gang und am Telefon vorbei auf in den Schankraum.

In der Tür blieb ich stehen und zündete mir eine Zigarette an. Stimmengewirr drang zu mir. Betont gleichgültig schlenderte ich in den Gastraum, als käme ich gerade von der Toilette und nicht aus der Tiefkühlkammer. Naja, wer sollte den Unterschied bemerken? Ich nahm einen Zug und blickte mich um. Niemand, den ich kannte, und niemand, der mich interessierte. Das lag nicht daran, dass niemand anwesend gewesen wäre. Das Café war gut besucht an diesem Abend, was bedeutete, dass sich mit Sicherheit auch niemand dessen entsann, ob ich zur Toilette gegangen war oder nicht. Ein paar Blicke streiften mich, aber es waren die gleichgültig-zufälligen Blicke der Barsitzer, die sich an jeden hefteten, der sich durch den Raum bewegte. Sie sahen mich an, aber sie sahen mich gar nicht wirklich. Im nächsten Moment hätten sie mich wieder vergessen.
Ich wollte es ihnen noch leichter machen und schlenderte zu einer der letzten freien Nischen. Dort klemmte ich mich hinter den Tisch und meine Kippe in den Aschenbecher, und wartete darauf, Jenkins wieder zu Gesicht zu bekommen.
Ich musste nicht lange warten. Eine Zigarettenlänge ungefähr. Es dauerte allerdings beträchtlich länger, bis er es an meinen Tisch schaffte. Nach drei weiteren Zigaretten hörte ich auf, die Zeit zu messen. Es ging mir auf die Lunge. Schließlich stolperte er an meinen Tisch, und es war unschwer zu erkennen, dass es nicht aus böser Absicht geschah – soll heißen, die Verzögerung. Seine Blumenkohlhaare hingen ihm traurig aus den Ohren, und auf seinen Augenbrauen standen die Tropfen ehrlichen Schweißes, beziehungsweise der Arbeitsüberlastung. Er schien schon länger keine Pause mehr gesehen zu haben.
Er erkannte mich erst gar nicht, und seine Augen stellten erst scharf, als ich schon einen Schnaps, ein Bier und ein Abendessen bei ihm bestellt hatte. Ob er sich freute, mich zu sehen, war schwer festzustellen. Leichter festzustellen war, dass es ihn so oder so nicht lange kümmerte. Er hatte zu viele andere Sachen im Kopf. Vermutlich die Bestellungen der zwanzig oder dreißig anderen Leute im Raum.
„Hey Jenkins, haben sie eigentlich niemanden, der ihnen zur Hand geht?“ rief ich ihm hinterher, als er schon wieder davonstolperte. Er hielt kurz inne, und seine Antwort war mehr automatisch als absichtlich:
„David ist heute nicht gekommen. Hab keine Ahnung, wo er steckt. Hab auch keine große Zeit, mit ihnen zu quatschen.“
Und damit war er wieder unterwegs, schlängelte sich durch seine Kundschaft und verschwand wieder in der Küche.
Die Zeit bis zu seiner Rückkehr vertrieb ich mir mit meinem eigenen Fläschchen, in kleinen Schlucken, und nutzte sie ansonsten dazu, meine Zigaretten aufzurauchen und mir Gedanken zu machen. Es waren nur kleine Gedanken, aber sie qualifizierten gerade so. Eigentlich schob ich nur ein paar Dinge in meinem Kopf hin und her.
Ich war noch mitten im Schieben, als Jenkins mir schließlich einen Teller vorsetzte mit etwas Ragout-artigem darauf. Dazu mein Bier und ein Korb mit Brot, und dann war er auch schon wieder davon, bevor ich auch nur Danke sagen konnte. Der Junge war derartig im Stress heute Abend, dass er mich wahrscheinlich nichtmal dann in seinem Keller bemerkt hätte, wenn ich vor ihm aus dem Boden gewachsen wäre. Ja, ich war mir sicher jetzt, dass ich mir, was meinen Aufenthalt in seinem Keller anging, keine Sorgen machen musste.
Ich probierte eine Gabel voll, und dann nahm ich einen Schluck von meinem Bier und probierte noch ein wenig mehr von seinem Essen. Soll heißen, es schmeckte großartig, wie alles bisher, was ich hier gegessen hatte. Er mochte ein etwas schwieriger Mensch sein, und vermutlich hatte er gestern versucht, mich zu erschießen, aber kochen konnte er. Naja, vielleicht war es auch nicht Jenkins gewesen, sondern jemand anderes mit seiner Kanone, aber so oder so, suspekt war es mir allemal. Davon ließ ich mir allerdings meinen Appetit nicht verderben. Auf Gifte und Betäubungsmittel verstand er sich wahrscheinlich nicht. Das hoffte ich jedenfalls, denn es schmeckte zu gut. Nach kurzer Zeit lehnte ich mich zurück, schob den leeren Teller von mir und nahm einen guten Schluck von meinem Bier. Die letzten Reste der Soße wischte ich mit dem Brot auf.

Ich wollte gerade aufstehen und mich in Richtung Fanny Gros bewegen, als ein Berg Mensch zur Tür hereinkam. Es war Peter. Ich merkte es an dem Schatten, den er warf. Ich war in guter Stimmung gerade, da sich alles langsam zusammenzufinden begann, und daher winkte ich ihm zu und rief in her. Er hörte und sah mich in meiner Nische, und nach einem kurzen Zögern bewegte er sich in meine Richtung, auf die Art, in der ein Lastwagen rückwärts in eine Parklücke stößt, soll heißen zögernd und vorsichtig und immer wieder innehaltend.
Vor meinem Tisch blieb er stehen und sah mich an mit dem Ausdruck eines erwischten Ladendiebs. Seine Wangen waren gerötet, und er sah mit nicht direkt in die Augen, sondern an mir vorbei.
„Was’n los, Peter?“ fragte ich ihn. „Setzen sie sich, ich bestell ihnen ein Bier.“
„Nee, lassen sie mal, Mister. Ich bin gleich mit einem andern hier aus’m Dorf verabredet, ich geh mal lieber an die Theke.“
„Ist auch gut“, sagte ich, und stand vom Tisch auf.
„Ich geh gern mit. Ich hab grad Lust, einen mit ihnen zu trinken. Ich hoff sie haben nichts dagegen.“
Seine Augen flirrten hin und her. Es war unschwer zu erkennen, dass er nicht wirklich einen mit mir trinken wollte. Gestern war er um einiges umgänglicher gewesen. Ich fragte mich, was in der Zwischenzeit passiert war.
„Kommen sie, Peter“, und damit griff ich ihn am Arm.
„Wir gehn jetzt an die Theke.“
Meine Hand reichte nicht um seinen Oberarm herum, und er hätte nur ein bisschen die Muskeln spielen lassen müssen, um mich an die Wand zu schmeißen. Ich wusste das, und ich sah in seinen Augen, dass er es auch wusste. Plötzlich sah er mich an, ganz ehrlich und direkt, und in seinen Augen stand so etwas wie die Bitte, die nun folgenden Worte ernst zu nehmen:
„Nein, Mister“, sagte er. „Ich kann nich. Muss auf einen anderen warten. Ist besser so.“
Sein Blick und die Art und Weise, wie er es sagte, ließen mich innehalten. Ich begriff, dass es besser war, ihn nicht weiter zu bedrängen. Es bedeutete, mir eine Menge Ärger zu ersparen. Ich wusste nichtmal, welchen Ärger eigentlich, aber die Botschaft war unmissverständlich. Ich ließ ihn los, und er stand kurz unschlüssig da, und dann ging er durch die Tür zu den Toiletten und hin zum Lagerraum, aus der ich erst vor kurzen gekommen war. Sie schwang noch ein bisschen hinter ihm, und dann hing sie still in den Angeln.
Eine Menge Augen hatten sich heimlich der Szene zugewandt. Nun schwammen sie eins nach dem anderen träge zurück zu ihren eigenen Szenen, aber nicht ohne jene kurze Verzögerung, die einen wissen lassen sollte, dass sie sehr wohl alles mitgekriegt hatten. Es waren zwanzig oder dreißig Augenpaare hier im Raum, und es waren nicht sehr viel weniger dieser trägen Bewegungen. Ich sah mich um, und die Augen wandten sich schneller ab. Es war totenstill jetzt. Schließlich sah mich keiner mehr an, aber die Stimmung, die jetzt im Raum war, war eindeutig, und sie erdrückte mich fast. Jenkins blickte mich aus der Küchentür an, und in seinem Blick lag nichts. Ich legte meine Zeche auf den Tresen und nickte ihm zu. Er nickte zurück, automatisch, und ich verließ das Café und ging hinaus in die Nacht und ihre eisklare Luft.

Drinnen hoben langsam die Stimmen wieder an, und draußen zündete ich mir eine Kippe an und lehnte mich an die Holzwand. Mit einem Mal war ich wieder stocknüchtern. Es lief mir eiskalt über den Rücken, und das lag nicht an den Temperaturen. Da drin waren zwei Dutzend von den Dörflern gewesen, und ich allein, und sie hatten mich spüren lassen, wie allein ich war, und irgendein uraltes Unbehagen hatte sich geregt, die Angst des einzelnen vor dem fremden Stamm, und jetzt zitterte ich wirklich, so sehr, dass ich ein paar Schritte gehen und mich dann niedersetzen und die Flasche noch einmal hervorholen musste. Dieses Dorf war eine Gemeinschaft, und ich gehörte nicht dazu und würde nie dazugehören. Das hatten sie mir gerade gezeigt. Eigentlich konnte es mir egal sein. Aber die Art und Weise, wie sie es mir gezeigt hatten, aus dem Augenblick heraus und mit einer stimmlosen Eindeutigkeit, war, was mir so die Nerven geraubt hatte. Es war etwas Fremdes an diesem Dorf und den Menschen darin, etwas zeitlos Fremdes, das ich mit einem Mal gesehen und gespürt hatte, und das einem Außenstehenden eine namenlose, zeitentiefe Furcht durch Mark und Bein treiben konnte. Ich hatte es gespürt, und ich spürte es noch.
Ich nahm einen Zug von der Zigarette und schickte der Furcht ein gerüttelt‘ Maß Whiskey hinterher. Nach dem zweiten Schluck ging es mir besser, und ich stand auf und schlich in einem großen Bogen hinter das Café, dorthin, wo auch der Kellereingang lag. Es lag etwas Beispielloses über diesem Dorf, was ich von Anfang an irgendwie gespürt und jetzt gesehen und erlebt hatte, und ich wollte wissen, was es war.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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