Fern wie die Zeit (XXIV)
Ich schlich unter der Birne weg in eine dunklere Ecke und rührte mich nicht. Das Gewehr schlug mir gegen den Schenkel. Ich hielt es am Lauf, mit meinem Taschentuch, und ich musste es gut festhalten, damit es mir nicht aus der Hand rutschte. Jenkins ging zu einem Regal in der anderen Ecke des Raumes, und dann ging er in meine Richtung. Ich atmete flach und langsam, aber mein Herz schlug bis zum Halse. Ich wollte ihm ungern erklären, was ich hier machte. Jetzt war er in der Regalreihe neben meiner, und kam dorthin, wo ich stand, mit dem Zeigefinger die Reihe der Vorräte abfahrend. Ich schlich langsam in die andere Richtung, die Regale zwischen uns haltend, das Gewehr entlang meines Beines und mit dem Kolben knapp über dem Betonfußboden. Dann hielt Jenkins plötzlich inne. Ich erstarrte. Er wandte sich um und sah hin zur offenstehenden Kellertür. Mit einem ärgerlichen Murmeln ging er hin und schloss sie, und sperrte dann ab. Dann ging er auf mich zu, blieb auf der anderen Seite der Regalwand, genau unter der Glühbirne, stehen, und zog eine Dose hervor. Er sah auf das Etikett und befand für gut, was er gezogen hatte, soll heißen, er nickte mit dem Kopf und machte sich wieder auf. Genau an der Stelle, wo der Karabiner zwischen dem anderen Krempel gestanden hatte, blieb er wieder stehen. Mir brach der Schweiß aus. Ich hatte die Whiskey-Flasche dort stehen lassen. Feuchte Flecken formten sich unter meinen Armen, und meine Hand, die die Waffe hielt, zitterte ein wenig. Aber er sah nicht hin zur Wand, er sah nur nochmal auf seine Konserve. Danach bückte er sich und inspizierte etwas am Boden, unter dem Krempel, aber wenn er merkte, dass sein Gewehr verschwunden war oder eine fremde Flasche Schnaps inmitten seines Gerümpels stand, ließ er es sich nicht anmerken. Schließlich erhob er sich und ging die letzten Schritte zur anderen Tür, die Stufen hinauf, und löschte das Licht. Ich sah ihn noch einen Moment gegen den jetzt erleuchteten Flur stehen, dann fiel die Tür ins Schloss, und ein Schlüssel knirschte. Ich war wieder im Dunkeln, wieder allein, und ich war gefangen.
Ich tastete mich an den Regalen entlang und vollführte ein bisschen Triangulation, um herauszukriegen, wo ich war. Soll heißen, ich rief mir das Bild des Kellers in Erinnerung und versuchte, auf dem Weg zur Tür in Richtung Café nirgends anzustoßen. Das gelang mir auch leidlich gut. Nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte, hatte ich wenigstens wieder Licht.
Dann stellte ich die Kanone dahin zurück, wo ich sie gefunden hatte, und nahm dafür meinen Whiskey wieder an mich. Ich konnte nicht gut rauchen hier drin. Man hätte es gerochen. Also schraubte ich stattdessen den Deckel von der Flasche und genehmigte mir einen netten Schluck. Meine Lage war noch immer genauso verzwickt, aber ich fühlte mich besser jetzt. Ich fühlte mich so gut, dass ich gleich noch einen Schluck nahm. Dann schraubte ich den Bourbon wieder zu und dachte mal angestrengt nach. Es war jetzt an der Zeit, das zu tun.
Probehalber rüttelte ich ein bisschen an den beiden Türen. Es kam nicht viel dabei heraus. Jenkins hatte einen Schlüssel. Ich nicht. Die Türen bewegten sich so sehr wie der sprichwörtliche Berg, wenn er keinen Propheten vor sich hatte.
Das Funzellicht der beiden Birnen brandete gegen die feuchten Mauern. Ich untersuchte den Krempel, zwischen dem das Gewehr gestanden hatte und wieder stand. Es war leider nichts von Interesse dabei. Kein Set Dietriche, keine versteckten Ersatzschlüssel, und sowieso war ein Keller nicht der richtige Ort für Ersatzschlüssel. Ich meine, wer sperrte sich schon selbst in einen Keller? Es waren jedenfalls nur Kisten voll mit irgendeinem Krimskrams, alte Lumpen, ein Kehrbesen und die dazugehörige Schaufel, solches Zeug. Nichts, was mir dabei helfen konnte, heimlich eine Türe zu öffnen.
Ich ließ meinen Blick durch den Keller schweifen. Keine Stemmeisen, die mir ins Auge sprangen, nur eine Menge Essen. Und ich hatte im Moment nicht einmal Appetit. Ich schraubte die Flasche wieder auf und genehmigte mir einen.
In einer Ecke, hinter den Regalen, standen Fässer. Ich ging hin und sah sie mir an. Sie kamen mir bekannt vor, aber ich kam nicht drauf, von wo. Wo hatte ich Fässchen gesehen? Ich ölte meinen Verstand ein wenig, aber es fiel mir immernoch nicht ein. Naja, was sollte ich machen. Erstmal einen trinken.
Schließlich ging mir auf, dass ich mich nicht gerade in einer komfortablen Situation befand. Ich saß mitten im Keller auf dem Fußboden, im gelben Licht der Grubenlampen, hatte keine Ausrede, wie ich hier hinein gekommen war, und keine Idee, wie ich wieder heraus kommen sollte. Wenn sich im nächsten Moment die Türe öffnete, konnte ich mich höchstens noch unter die Regale werfen, und wie realistisch war das?
Also schaute ich mir eher aus Trotz denn aus Hoffnung nochmal den versammelten Schrott an. Im Fall des Falles konnte ich mit dem auf jeden Fall mehr anfangen als mit den Konservenbüchsen. Was ich zuerst sah, war, dass die Wand tatsächlich feucht war. Die Holzverkleidung, meinte ich. Sie war faserig und faulig. In der Nähe des Bodens waren richtige Löcher drin. Ich wollte gar nicht wissen, was sich hinter der Verkleidung alles tummelte. Ratten und Wiesel wahrscheinlich. Wonach ich dann suchte, war eine Rattenfalle. Ich fand sie unter einem Bündel alter Lumpen, gegen das ich zuerst mit dem Fuß stieß, anstatt hineinzufassen. Das war mein Glück. Was einer Ratte nicht guttat, tat mir bestimmt auch nicht gut. Ich mochte meine Hände. Ein großes Loch war das letzte, was sie brauchten.
Ich sah mit die Falle an. Es war eine sehr gute Rattenfalle, oder eine kleine für Elefanten. Ich war mir sicher, dass sie mit beidem fertig werden würde. Ich nahm einen Schluck, aber nur einen kleinen diesmal.
Dann entfernte ich den Köder. Es war ein Stück ranziges Fleisch. Käse reichte für die Viecher offensichtlich nicht mehr. Sie mussten tatsächlich groß sein wie Elefanten. Ich wickelte es in ein Taschentuch und steckte es in die Tasche. Bei der ersten Gelegenheit würde ich es wegschmeißen. Nur wenn man es hier fände, würde es die Glaubwürdigkeit dessen verringern, was ich vorhatte. Nicht, dass die Idee, die ich hatte, grundsätzlich besonders glaubwürdig gewesen wäre. Aber ich hatte keine Lust, in einem fremden Keller gefunden zu werden, und ohne eine gute Ausrede. Ich wollte gern noch ein paar Kleinigkeiten herausfinden, beschloss ich, und dafür war es nicht hilfreich, wenn man mich geteert und gefedert aus dem Dorf jagte. Verdammt, es reichte ja schon, mich überhaupt aus dem Dorf zu jagen. Der Weg in die Stadt war weit. Ich würde ihn nicht zu Fuß zurücklegen.
Am längsten dauerte es, etwas zu finden, was realistischerweise von einer dicken Ratte umgeworfen werden konnte. Am Ende entschied ich mich für einen Dosenstapel am anderen Ende des Raumes. Er war ein wenig weit von der Türe entfernt, aber auch das einzige, was einen Krach machen würde. Ich musste eben ein bisschen sprinten. Ich würde mich rechtzeitig vorher noch ein bisschen stärken.
Die Aussicht gefiel mir. Nach der Stärkung drehte ich noch die Glühbirne, die der Türe am nächsten war, ein wenig aus der Fassung, so dass der Bereich des Kellers, der dem Café am nächsten lag, nur noch in faseriges Zwielicht getaucht war. Jetzt bleib nur noch eines zu tun. Ich schlich zurück zur Tür zum Café und horchte. Ich musste Geduld aufbringen. Aber ich verharrte wie ein alter Indianer und lauschte auf das, was auf der anderen Seite vor sich ging. Wenn Jenkins von alleine wieder in den Keller käme, umso besser. Wenn er es nicht tat, musste ich nachhelfen.
Irgendwann rumorte es auf der anderen Seite. Schritte hin und her, aber kein Kratzen an der Tür, kein Schlüssel im Schloss, und keine Klinke mit Eigenleben. Ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen. Der Sprint hin zu den Konserven war Ehrensache. Es erinnerte mich an die Fußballmannschaft vor zwanzig Jahren, und ich krönte meinen Lauf mit einem Volley, der jedem wirklichen Afficionado die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Die Büchsen purzelten bunt durcheinander und machten einen Krach wie ein Bündel Kirchenglocken am Ostersonntag. Ich hatte Glück im Unglück. Mein Fuß schmerzte, aber er schien nicht gebrochen, so dass ich es gerade noch rechtzeitig zur Tür zurückschaffte, bevor, nach einem Stimmengewirr auf der anderen Seite und einer kurzen Kunstpause, in der die einen Schritte sich entfernten und andere näherkamen, schließlich ein Schlüssel im Schloss knirschte. Ich verfluchte meinen eigenen Übermut. Aber ich hatte meine Hand rechtzeitig am Lichtschalter. Es war wieder stockdunkel. Wer immer da kam konnte nun kommen.
Ich tastete mich an den Regalen entlang und vollführte ein bisschen Triangulation, um herauszukriegen, wo ich war. Soll heißen, ich rief mir das Bild des Kellers in Erinnerung und versuchte, auf dem Weg zur Tür in Richtung Café nirgends anzustoßen. Das gelang mir auch leidlich gut. Nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte, hatte ich wenigstens wieder Licht.
Dann stellte ich die Kanone dahin zurück, wo ich sie gefunden hatte, und nahm dafür meinen Whiskey wieder an mich. Ich konnte nicht gut rauchen hier drin. Man hätte es gerochen. Also schraubte ich stattdessen den Deckel von der Flasche und genehmigte mir einen netten Schluck. Meine Lage war noch immer genauso verzwickt, aber ich fühlte mich besser jetzt. Ich fühlte mich so gut, dass ich gleich noch einen Schluck nahm. Dann schraubte ich den Bourbon wieder zu und dachte mal angestrengt nach. Es war jetzt an der Zeit, das zu tun.
Probehalber rüttelte ich ein bisschen an den beiden Türen. Es kam nicht viel dabei heraus. Jenkins hatte einen Schlüssel. Ich nicht. Die Türen bewegten sich so sehr wie der sprichwörtliche Berg, wenn er keinen Propheten vor sich hatte.
Das Funzellicht der beiden Birnen brandete gegen die feuchten Mauern. Ich untersuchte den Krempel, zwischen dem das Gewehr gestanden hatte und wieder stand. Es war leider nichts von Interesse dabei. Kein Set Dietriche, keine versteckten Ersatzschlüssel, und sowieso war ein Keller nicht der richtige Ort für Ersatzschlüssel. Ich meine, wer sperrte sich schon selbst in einen Keller? Es waren jedenfalls nur Kisten voll mit irgendeinem Krimskrams, alte Lumpen, ein Kehrbesen und die dazugehörige Schaufel, solches Zeug. Nichts, was mir dabei helfen konnte, heimlich eine Türe zu öffnen.
Ich ließ meinen Blick durch den Keller schweifen. Keine Stemmeisen, die mir ins Auge sprangen, nur eine Menge Essen. Und ich hatte im Moment nicht einmal Appetit. Ich schraubte die Flasche wieder auf und genehmigte mir einen.
In einer Ecke, hinter den Regalen, standen Fässer. Ich ging hin und sah sie mir an. Sie kamen mir bekannt vor, aber ich kam nicht drauf, von wo. Wo hatte ich Fässchen gesehen? Ich ölte meinen Verstand ein wenig, aber es fiel mir immernoch nicht ein. Naja, was sollte ich machen. Erstmal einen trinken.
Schließlich ging mir auf, dass ich mich nicht gerade in einer komfortablen Situation befand. Ich saß mitten im Keller auf dem Fußboden, im gelben Licht der Grubenlampen, hatte keine Ausrede, wie ich hier hinein gekommen war, und keine Idee, wie ich wieder heraus kommen sollte. Wenn sich im nächsten Moment die Türe öffnete, konnte ich mich höchstens noch unter die Regale werfen, und wie realistisch war das?
Also schaute ich mir eher aus Trotz denn aus Hoffnung nochmal den versammelten Schrott an. Im Fall des Falles konnte ich mit dem auf jeden Fall mehr anfangen als mit den Konservenbüchsen. Was ich zuerst sah, war, dass die Wand tatsächlich feucht war. Die Holzverkleidung, meinte ich. Sie war faserig und faulig. In der Nähe des Bodens waren richtige Löcher drin. Ich wollte gar nicht wissen, was sich hinter der Verkleidung alles tummelte. Ratten und Wiesel wahrscheinlich. Wonach ich dann suchte, war eine Rattenfalle. Ich fand sie unter einem Bündel alter Lumpen, gegen das ich zuerst mit dem Fuß stieß, anstatt hineinzufassen. Das war mein Glück. Was einer Ratte nicht guttat, tat mir bestimmt auch nicht gut. Ich mochte meine Hände. Ein großes Loch war das letzte, was sie brauchten.
Ich sah mit die Falle an. Es war eine sehr gute Rattenfalle, oder eine kleine für Elefanten. Ich war mir sicher, dass sie mit beidem fertig werden würde. Ich nahm einen Schluck, aber nur einen kleinen diesmal.
Dann entfernte ich den Köder. Es war ein Stück ranziges Fleisch. Käse reichte für die Viecher offensichtlich nicht mehr. Sie mussten tatsächlich groß sein wie Elefanten. Ich wickelte es in ein Taschentuch und steckte es in die Tasche. Bei der ersten Gelegenheit würde ich es wegschmeißen. Nur wenn man es hier fände, würde es die Glaubwürdigkeit dessen verringern, was ich vorhatte. Nicht, dass die Idee, die ich hatte, grundsätzlich besonders glaubwürdig gewesen wäre. Aber ich hatte keine Lust, in einem fremden Keller gefunden zu werden, und ohne eine gute Ausrede. Ich wollte gern noch ein paar Kleinigkeiten herausfinden, beschloss ich, und dafür war es nicht hilfreich, wenn man mich geteert und gefedert aus dem Dorf jagte. Verdammt, es reichte ja schon, mich überhaupt aus dem Dorf zu jagen. Der Weg in die Stadt war weit. Ich würde ihn nicht zu Fuß zurücklegen.
Am längsten dauerte es, etwas zu finden, was realistischerweise von einer dicken Ratte umgeworfen werden konnte. Am Ende entschied ich mich für einen Dosenstapel am anderen Ende des Raumes. Er war ein wenig weit von der Türe entfernt, aber auch das einzige, was einen Krach machen würde. Ich musste eben ein bisschen sprinten. Ich würde mich rechtzeitig vorher noch ein bisschen stärken.
Die Aussicht gefiel mir. Nach der Stärkung drehte ich noch die Glühbirne, die der Türe am nächsten war, ein wenig aus der Fassung, so dass der Bereich des Kellers, der dem Café am nächsten lag, nur noch in faseriges Zwielicht getaucht war. Jetzt bleib nur noch eines zu tun. Ich schlich zurück zur Tür zum Café und horchte. Ich musste Geduld aufbringen. Aber ich verharrte wie ein alter Indianer und lauschte auf das, was auf der anderen Seite vor sich ging. Wenn Jenkins von alleine wieder in den Keller käme, umso besser. Wenn er es nicht tat, musste ich nachhelfen.
Irgendwann rumorte es auf der anderen Seite. Schritte hin und her, aber kein Kratzen an der Tür, kein Schlüssel im Schloss, und keine Klinke mit Eigenleben. Ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen. Der Sprint hin zu den Konserven war Ehrensache. Es erinnerte mich an die Fußballmannschaft vor zwanzig Jahren, und ich krönte meinen Lauf mit einem Volley, der jedem wirklichen Afficionado die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Die Büchsen purzelten bunt durcheinander und machten einen Krach wie ein Bündel Kirchenglocken am Ostersonntag. Ich hatte Glück im Unglück. Mein Fuß schmerzte, aber er schien nicht gebrochen, so dass ich es gerade noch rechtzeitig zur Tür zurückschaffte, bevor, nach einem Stimmengewirr auf der anderen Seite und einer kurzen Kunstpause, in der die einen Schritte sich entfernten und andere näherkamen, schließlich ein Schlüssel im Schloss knirschte. Ich verfluchte meinen eigenen Übermut. Aber ich hatte meine Hand rechtzeitig am Lichtschalter. Es war wieder stockdunkel. Wer immer da kam konnte nun kommen.
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