Fern wie die Zeit (XXI)
Es war früher Nachmittag, und das Wetter wurde nicht besser. Es trübte sich ein, und die Temperatur fiel langsam, aber stetig. Ich fand meinen Weg zurück zu Fanny Gros, die gerade einen Korb mit Leckereien vollpackte. Auf die Frage, wo es denn hingehen sollte mit all dem Kuchen und Gebäck, antwortete sie mir, zu einer Freundin hier im Dorf. Logisch. Dass ich von dem süßen Zeug gerne was abgehabt hätte, las sie hingegen leider nicht zwischen den Zeilen.
Ich fragte sie nach dem Wetter.
„Das Wetter macht hier im Herbst was es will, junger Mann“, kam ihre Antwort. „Es würde mich nicht wundern, wenn der schöne Altweibersommer, den wir bisher hatten, bald zu Ende wäre.“ Dabei gluckste sie, als hätte sie etwas Lustiges gesagt.
„Was meinen sie so ungefähr mit bald, Mam?“ erwiderte ich.
„Nun, letztes Jahr kam der Winter sehr schnell. Erinnern sie sich? Vielleicht haben sie im Radio davon gehört. Die Kältewelle von Anfang Oktober. Über Nacht bekamen wir einen Meter Schnee.“
Ich erinnerte mich dunkel, etwas im Radio gehört zu haben zu der Zeit. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt gewesen als dem Wetter damals, und hatte in der Stadt davon sowieso nicht viel mitbekommen. In der Stadt waren die Temperaturen ohne Extreme. Der Beton dämpfte alles. Geräusche, Emotionen. Auch das Wetter.
„Oh, hier draußen ist das anders, junger Mann, trotz des Meeres, oder vielleicht auch gerade deswegen. Ich weiß selbst nicht, woran das liegt“, fuhr sie fort. „Mein Junge hat mir das mal zu erklären versucht. Irgendeine Wetterscheide oder so etwas, mit kalter Luft, die direkt vom Pol herunterkommt.“ Sie schüttelte den Kopf über dieses Fachchinesisch aus ihrem Mund.
„Nun, kalt ist es jedenfalls, das kann ich ihnen sagen.“
Ich sagte ihr, dass ich am Freitag abreiste. Sie bedauerte es, hauptsächlich aufgrund der Miete, wie ich vermutete, auch wenn sie das nicht sagte. Ich konnte nicht feststellen, ob sie Dollarzeichen in den Augen hatte. Ihr Gesicht war ihrem Korb zugewandt gerade. Sie wünschte mir trotzdem Glück.
„Wenn sie Pech haben, könnte es allerdings schon vorher kälter werden. Sie werden etwas Wärmeres zum Anziehen brauchen. Mein Junge hat ein paar seiner Sachen dagelassen, ich könnte ihnen einen seiner Pullover oder Überzieher günstig überlassen...“
Ich dankte und sagte, ich käme darauf zurück. Im Moment reichte noch mein eigener Pullover. Was ich aber tat, war, ihr endlich ein paar Jetons für die Dusche aus den Rippen zu leiern. Ich versuchte sie herunterzuhandeln, aber das war nicht möglich. Und ich versuchte es wirklich.
„Ich muss jetzt los“, sagte sie, „wir sehen uns ja am Abend, wenn sie noch etwas brauchen.“ Und sie war durch die Tür. Ich sah ihr noch kurz nach, wie sie den Weg zum Dorf hinunter wackelte, mit ihrem Kopftuch, einer wollenen Strickjacke und geriatrischen Schuhen, wenn man das sagen konnte. Sie waren klobig wie Elefantenstampfer, aber sie legte ein gutes Tempo vor. Als sie um die Kurve war, schloss ich die Tür und zündete mir eine Zigarette an. Als Nächstes holte ich meinen Seemannspullover raus.
Die Türe des Gemischtwarenladens war geschlossen, aber der Laden selber war offen. Ich trat ein und erwartete die gleiche dämmrige Umgebung wie zwei Tage zuvor, doch zu meiner Überraschung war der Laden hell erleuchtet. Sie hatten elektrisches Licht hier, sieh an. Sogar im Gemischtwarenladen.
Eine freundliche, frische Stimme sagte „Guten Tag, mein Herr“, und es klang wie Vogelzwitschern. Ich blinzelte umher. Ansonsten war das Geschäft noch immer das gleiche, dieselbe unübersichtliche Ansammlung von sich biegenden, vollgestellten Regalen wie zuvor. Ich nahm meine Mütze ab. Dann sah ich zur Ladentheke. Die alte, nölige Verkäuferin war nirgends zu sehen. Stattdessen stand da ein junges Ding mit kurzen Zöpfen. Ich sah genauer hin.
Wenn ich sagte junges Ding, so meinte ich damit, dass sie älter war als fünfzehn und jünger als fünfundzwanzig. Sie hatte volle Lippen, eine Stupsnase, und Augen so blau wie Bergveilchen. Ihr aschblondes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr links und rechts das Gesicht umrahmten. Sie erinnerte mich an eine Porzellanpuppe, oder wie ich mir eine solche Puppe jedenfalls vorstellte. Vielleicht sah ich eine Spur Lippenstift an ihren Lippen, der schlecht aufgetragen war. Sie lächelte mich an. Es ging mir sofort viel besser.
„Zigaretten, bitte“, sagte ich. Irgendetwas musste ich sagen. Sie quittierte mit einem kurzen „Sofort!“ und beugte sich unter die Theke, wo sie ein bisschen kramte. Dabei sah ich ihren Hals, der sehr jung war. Ich verortete sie jetzt näher an den fünfzehn als an den fünfundzwanzig.
Der Hals einer Frau verrät immer ihr Alter. Das hatte ich mal irgendwo gelesen. Es war tatsächlich so. Wie am Stamm eines Baumes konnte man am Hals die Reifung des Weibes verfolgen, vom Mädchen über die junge Frau zur Dame in den besten Jahren, und dann zur Matrone. Sie alle verbrachten unterschiedlich viel Zeit in den einzelnen Stadien, es kam auf die Person an. Keine Ahnung, woran das lag, aber meist war es ein untrügliches Indiz. Dieses Mädchen hatte das Gesicht (und, soweit ich das aus meiner Position feststellen konnte, den Körper) einer jungen Frau, aber ihr Hals verriet ein anderes, jüngeres Alter. Ich betrachtete sie trotzdem wohlwollend, so dass sie, als sie sich hinter der Theke wieder aufrichtete, errötete.
„Zwei fünfzig“, murmelte sie, und es klang trotzdem hell wie ein Bergbächlein. Ich lächelte sie an, die harmlose Variante, und reichte ihr drei. Sie bedankte sich. Fast dachte ich, sie würde einen Knicks vollführen. Dann trug sie irgendwas in ein kleines Büchlein ein. Ich betrachtete sie, und dann, bevor es peinlich oder offensichtlich werden konnte, betrachtete ich den Laden. Dass ich meinen Blick über die Regale schweifen ließ, war reine Folklore. Ich wusste noch vom letzten Besuch, wo der Bourbon stand.
„Und, hast du den Laden gekauft?“ fragte ich sie. Sie schaute kurz verblüfft, dann lächelte sie. Ihr Lächeln gefiel mir.
„Meine Tante führt den Laden. Ich bin zu Besuch.“
„Seit wann denn?“
„Seit heute. Ich bin mit dem Bus gekommen. Ich habe Ferien.“
Ich fragte mich, was für Ferien wohl gerade aktuell waren. Dann fragte ich sie:
„Kommst du oft in den Ferien hierher?“
„Nicht immer. Ich meine, es ist schön hier im Herbst, aber es kann auch ziemlich langweilig sein. Es ist nichts los, verstehen sie? Und außerdem“, und dabei zog sie eine Schnute, „demnächst wird es schneien. Schnee! Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich zuhause geblieben.“
Ich nickte, und damit hatte sich unsere kleine Unterhaltung plötzlich erschöpft. Also zahlte ich die Whiskey-Falsche und wollte mich gerade aufmachen, als sie mich zurückhielt.
„Entschuldigung. Aber... haben sie vielleicht eine Zigarette für mich?“
„Warum nimmst du dir nicht einfach welche?“
„Meine Tante kennt ihre Vorräte aus dem Effeff. Sie würde es sofort merken. Ich muss alles in dieses blöde Buch hier schreiben.“ Damit deutete sie auf das kleine Büchlein auf der Theke.
„Gib mir noch eine Packung.“
Sie gab sie mir, und ich bezahlte sie und schob sie über die Theke zu ihr hin.
„Ist ja nicht deine Schuld, wenn ich was vergesse. Ich brauch sie ja auch gar nicht. Hab ja noch eine.“
Tatsächlich hatte ich noch eineinhalb. Ich konnte jetzt rauchen bis ich schwarz wurde, jedenfalls wenn ich die Packungen bis Freitag loswerden wollte. Ich sah mir die Zigaretten kurz an. Luckys hatten sie immer noch nicht.
„Danke!“ sagte sie, und ihre Augen strahlten mit der Aussicht, sich die Lunge zu teeren.
„Kriegst du kein Taschengeld?“ Mein väterlicher Kommentar. Dabei wollte ich gar keine Kinder.
„Nicht für Zigaretten, und auch erst später. Oh Mann, ich hoffe, sie merkt nicht, dass ich rauche.“ Sie nahm die Schachtel an sich. „Wollen wir kurz draußen zusammen eine rauchen?“
Ich konnte schlecht Nein sagen, noch wollte ich es. Sie kam hinter der Theke hervor, und wir verließen den Laden, ich in Pullover und Mütze und mit einer Bourbon-Flasche in der Hand, und nicht so gut rasiert, wie ich gerne gewesen wäre, sie mit fliegenden Zöpfen und in Jeans und Boots. Turnschuhe wären sowieso die falsche Besohlung gewesen für das Wetter, das angeblich auf uns zukam.
Wir setzen uns an die Kaimauer und öffneten unsere Päckchen. Sie hatte Übung darin. Sie öffnete die Packung in einer fließenden Bewegung, und ließ Zellophan und Stanniolpapier in ihrer Hosentasche verschwinden. Ich gab ihr Feuer, und auch darin hatte sie Übung. Sie schürzte ihre Lippen um ihre Zigarette wie einen Schmollmund, und ich hoffte sie bemerkte nicht, wie ich sie betrachtete. Mein Gott, sie war sechzehn oder so. Und ich war bald zurück in der Stadt. In der Zwischenzeit konnte ich vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten von ihr erfahren – Kindermund tut Wahrheit kund, oder so ähnlich. Vielleicht lag es auch nur einfach daran, dass sie mich an jemanden erinnerte. Ja, daran lag es wohl.
Ich fragte sie nach dem Wetter.
„Das Wetter macht hier im Herbst was es will, junger Mann“, kam ihre Antwort. „Es würde mich nicht wundern, wenn der schöne Altweibersommer, den wir bisher hatten, bald zu Ende wäre.“ Dabei gluckste sie, als hätte sie etwas Lustiges gesagt.
„Was meinen sie so ungefähr mit bald, Mam?“ erwiderte ich.
„Nun, letztes Jahr kam der Winter sehr schnell. Erinnern sie sich? Vielleicht haben sie im Radio davon gehört. Die Kältewelle von Anfang Oktober. Über Nacht bekamen wir einen Meter Schnee.“
Ich erinnerte mich dunkel, etwas im Radio gehört zu haben zu der Zeit. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt gewesen als dem Wetter damals, und hatte in der Stadt davon sowieso nicht viel mitbekommen. In der Stadt waren die Temperaturen ohne Extreme. Der Beton dämpfte alles. Geräusche, Emotionen. Auch das Wetter.
„Oh, hier draußen ist das anders, junger Mann, trotz des Meeres, oder vielleicht auch gerade deswegen. Ich weiß selbst nicht, woran das liegt“, fuhr sie fort. „Mein Junge hat mir das mal zu erklären versucht. Irgendeine Wetterscheide oder so etwas, mit kalter Luft, die direkt vom Pol herunterkommt.“ Sie schüttelte den Kopf über dieses Fachchinesisch aus ihrem Mund.
„Nun, kalt ist es jedenfalls, das kann ich ihnen sagen.“
Ich sagte ihr, dass ich am Freitag abreiste. Sie bedauerte es, hauptsächlich aufgrund der Miete, wie ich vermutete, auch wenn sie das nicht sagte. Ich konnte nicht feststellen, ob sie Dollarzeichen in den Augen hatte. Ihr Gesicht war ihrem Korb zugewandt gerade. Sie wünschte mir trotzdem Glück.
„Wenn sie Pech haben, könnte es allerdings schon vorher kälter werden. Sie werden etwas Wärmeres zum Anziehen brauchen. Mein Junge hat ein paar seiner Sachen dagelassen, ich könnte ihnen einen seiner Pullover oder Überzieher günstig überlassen...“
Ich dankte und sagte, ich käme darauf zurück. Im Moment reichte noch mein eigener Pullover. Was ich aber tat, war, ihr endlich ein paar Jetons für die Dusche aus den Rippen zu leiern. Ich versuchte sie herunterzuhandeln, aber das war nicht möglich. Und ich versuchte es wirklich.
„Ich muss jetzt los“, sagte sie, „wir sehen uns ja am Abend, wenn sie noch etwas brauchen.“ Und sie war durch die Tür. Ich sah ihr noch kurz nach, wie sie den Weg zum Dorf hinunter wackelte, mit ihrem Kopftuch, einer wollenen Strickjacke und geriatrischen Schuhen, wenn man das sagen konnte. Sie waren klobig wie Elefantenstampfer, aber sie legte ein gutes Tempo vor. Als sie um die Kurve war, schloss ich die Tür und zündete mir eine Zigarette an. Als Nächstes holte ich meinen Seemannspullover raus.
Die Türe des Gemischtwarenladens war geschlossen, aber der Laden selber war offen. Ich trat ein und erwartete die gleiche dämmrige Umgebung wie zwei Tage zuvor, doch zu meiner Überraschung war der Laden hell erleuchtet. Sie hatten elektrisches Licht hier, sieh an. Sogar im Gemischtwarenladen.
Eine freundliche, frische Stimme sagte „Guten Tag, mein Herr“, und es klang wie Vogelzwitschern. Ich blinzelte umher. Ansonsten war das Geschäft noch immer das gleiche, dieselbe unübersichtliche Ansammlung von sich biegenden, vollgestellten Regalen wie zuvor. Ich nahm meine Mütze ab. Dann sah ich zur Ladentheke. Die alte, nölige Verkäuferin war nirgends zu sehen. Stattdessen stand da ein junges Ding mit kurzen Zöpfen. Ich sah genauer hin.
Wenn ich sagte junges Ding, so meinte ich damit, dass sie älter war als fünfzehn und jünger als fünfundzwanzig. Sie hatte volle Lippen, eine Stupsnase, und Augen so blau wie Bergveilchen. Ihr aschblondes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr links und rechts das Gesicht umrahmten. Sie erinnerte mich an eine Porzellanpuppe, oder wie ich mir eine solche Puppe jedenfalls vorstellte. Vielleicht sah ich eine Spur Lippenstift an ihren Lippen, der schlecht aufgetragen war. Sie lächelte mich an. Es ging mir sofort viel besser.
„Zigaretten, bitte“, sagte ich. Irgendetwas musste ich sagen. Sie quittierte mit einem kurzen „Sofort!“ und beugte sich unter die Theke, wo sie ein bisschen kramte. Dabei sah ich ihren Hals, der sehr jung war. Ich verortete sie jetzt näher an den fünfzehn als an den fünfundzwanzig.
Der Hals einer Frau verrät immer ihr Alter. Das hatte ich mal irgendwo gelesen. Es war tatsächlich so. Wie am Stamm eines Baumes konnte man am Hals die Reifung des Weibes verfolgen, vom Mädchen über die junge Frau zur Dame in den besten Jahren, und dann zur Matrone. Sie alle verbrachten unterschiedlich viel Zeit in den einzelnen Stadien, es kam auf die Person an. Keine Ahnung, woran das lag, aber meist war es ein untrügliches Indiz. Dieses Mädchen hatte das Gesicht (und, soweit ich das aus meiner Position feststellen konnte, den Körper) einer jungen Frau, aber ihr Hals verriet ein anderes, jüngeres Alter. Ich betrachtete sie trotzdem wohlwollend, so dass sie, als sie sich hinter der Theke wieder aufrichtete, errötete.
„Zwei fünfzig“, murmelte sie, und es klang trotzdem hell wie ein Bergbächlein. Ich lächelte sie an, die harmlose Variante, und reichte ihr drei. Sie bedankte sich. Fast dachte ich, sie würde einen Knicks vollführen. Dann trug sie irgendwas in ein kleines Büchlein ein. Ich betrachtete sie, und dann, bevor es peinlich oder offensichtlich werden konnte, betrachtete ich den Laden. Dass ich meinen Blick über die Regale schweifen ließ, war reine Folklore. Ich wusste noch vom letzten Besuch, wo der Bourbon stand.
„Und, hast du den Laden gekauft?“ fragte ich sie. Sie schaute kurz verblüfft, dann lächelte sie. Ihr Lächeln gefiel mir.
„Meine Tante führt den Laden. Ich bin zu Besuch.“
„Seit wann denn?“
„Seit heute. Ich bin mit dem Bus gekommen. Ich habe Ferien.“
Ich fragte mich, was für Ferien wohl gerade aktuell waren. Dann fragte ich sie:
„Kommst du oft in den Ferien hierher?“
„Nicht immer. Ich meine, es ist schön hier im Herbst, aber es kann auch ziemlich langweilig sein. Es ist nichts los, verstehen sie? Und außerdem“, und dabei zog sie eine Schnute, „demnächst wird es schneien. Schnee! Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich zuhause geblieben.“
Ich nickte, und damit hatte sich unsere kleine Unterhaltung plötzlich erschöpft. Also zahlte ich die Whiskey-Falsche und wollte mich gerade aufmachen, als sie mich zurückhielt.
„Entschuldigung. Aber... haben sie vielleicht eine Zigarette für mich?“
„Warum nimmst du dir nicht einfach welche?“
„Meine Tante kennt ihre Vorräte aus dem Effeff. Sie würde es sofort merken. Ich muss alles in dieses blöde Buch hier schreiben.“ Damit deutete sie auf das kleine Büchlein auf der Theke.
„Gib mir noch eine Packung.“
Sie gab sie mir, und ich bezahlte sie und schob sie über die Theke zu ihr hin.
„Ist ja nicht deine Schuld, wenn ich was vergesse. Ich brauch sie ja auch gar nicht. Hab ja noch eine.“
Tatsächlich hatte ich noch eineinhalb. Ich konnte jetzt rauchen bis ich schwarz wurde, jedenfalls wenn ich die Packungen bis Freitag loswerden wollte. Ich sah mir die Zigaretten kurz an. Luckys hatten sie immer noch nicht.
„Danke!“ sagte sie, und ihre Augen strahlten mit der Aussicht, sich die Lunge zu teeren.
„Kriegst du kein Taschengeld?“ Mein väterlicher Kommentar. Dabei wollte ich gar keine Kinder.
„Nicht für Zigaretten, und auch erst später. Oh Mann, ich hoffe, sie merkt nicht, dass ich rauche.“ Sie nahm die Schachtel an sich. „Wollen wir kurz draußen zusammen eine rauchen?“
Ich konnte schlecht Nein sagen, noch wollte ich es. Sie kam hinter der Theke hervor, und wir verließen den Laden, ich in Pullover und Mütze und mit einer Bourbon-Flasche in der Hand, und nicht so gut rasiert, wie ich gerne gewesen wäre, sie mit fliegenden Zöpfen und in Jeans und Boots. Turnschuhe wären sowieso die falsche Besohlung gewesen für das Wetter, das angeblich auf uns zukam.
Wir setzen uns an die Kaimauer und öffneten unsere Päckchen. Sie hatte Übung darin. Sie öffnete die Packung in einer fließenden Bewegung, und ließ Zellophan und Stanniolpapier in ihrer Hosentasche verschwinden. Ich gab ihr Feuer, und auch darin hatte sie Übung. Sie schürzte ihre Lippen um ihre Zigarette wie einen Schmollmund, und ich hoffte sie bemerkte nicht, wie ich sie betrachtete. Mein Gott, sie war sechzehn oder so. Und ich war bald zurück in der Stadt. In der Zwischenzeit konnte ich vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten von ihr erfahren – Kindermund tut Wahrheit kund, oder so ähnlich. Vielleicht lag es auch nur einfach daran, dass sie mich an jemanden erinnerte. Ja, daran lag es wohl.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Links zu diesem Post:
Link erstellen
<< Startseite