Fern wie die Zeit (XX)
Was blieb mir zu tun? Ich hatte Hendrichs noch immer nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden, aber es schien nun festzustehen, dass er sich hier im Dorf aufhielt. Gerade richtig für einen säumigen Schuldner, das Ende der Welt. Damit war mein Auftrag eigentlich erledigt. Ich sollte herausfinden, wo Hendrichs war, und nicht nur einen Verdacht, sondern eine Bestätigung. Die hatte ich jetzt, von Tuft. Ich konnte nun wieder zurück in die große, wilde Stadt, nach drei Tagen im Nirgendwo. Es war auch langsam an der Zeit. Das Meer, die Küste und der große, wilde Wald drum rum gingen mir bereits gehörig auf die Nerven. Ich war ein Stadtmensch, und ich sehnte mich nach meinen Bars und nach der Anonymität der weiten Straßen. Der Herbst in der Stadt war die beste Zeit des Jahres. Noch dauerte der Tag ein paar Stunden länger, waren die Nächte ein wenig kürzer. Die Regenschauer des neigenden Jahres mit ihrem frischen Geruch, die bunten Blätter in den Straßen – und die Bars am frühen Abend, mit einem Whisky am Tresen, den Blick hinaus auf die Straße gerichtet... Ich sehnte mich nach elektrisch erhellten Nächten, dem Glimmen von Neonreklamen und dem Heulen der Sirenen. Naja, nach letzterem doch nicht so. Es war jedenfalls wieder an der Zeit, nach Hause zurückzukehren. Vor allem freute ich mich auf mein eigenes Bett und eine warme Dusche. Allein der Gedanke daran ließ mich wohlig seufzen. Wo ich hier gerade von Wärme redete, es wurde kälter heute. Am Horizont türmten sich Wolken auf, und der Wind hatte zugelegt und schien jetzt vom Norden zu kommen. Ich nahm jedenfalls an, dass er das tat. Es gab ein eindeutiges Indiz: Er wurde kälter. Fast roch es nach Schnee. Ein paar Wolken schoben sich noch dazu vor die Sonne. Ich machte, dass ich runter ins Dorf kam.
Auf halbem Weg die Klippen hinab hielt ich nochmal inne und sah im Zwielicht über das Meer und den Wald hinweg, und wie zur Illustration fegte ein Windstoß durch die dichten Bäume und wirbelte einen Strudel bunter Farben durch die herb-kalte Luft, die Blätter der Bäume entfesselt, von den Zweigen befreit und hinauf in die Atmosphäre. Die Wolke segelte über meinen Kopf und über die Klippen und senkte sich dann langsam, ganz langsam in Richtung Meer, das weit unten noch immer gegen die Felsen toste. Es war wie ein Sinnbild für irgendwas. Ich war mir nur nicht sicher wofür.
Das einzige Telefon des Dorfes hing im Café. Ich wusste es, weil ich Fanny Gros danach gefragt hatte. Jenkins grunzte nur kurz, als ich zur Tür hereinkam. Er schien sich nach dem herzlichen Willkommen und der jähen Abkühlung danach mittlerweile mit meiner Anwesenheit abgefunden zu haben, oder tat jedenfalls so. Sonst kannte ich niemanden von den Leuten hier im Schankraum, auch wenn ich mir einbildete, dass die zwei am Tresen damals mit dem Busfahrer getrunken hatten. Das Telefon jedenfalls dämmerte in einer versteckten Ecke vor sich hin, und ich schreckte es ungern aus seiner Versunken- und Vergessenheit, aber ich musste telefonieren. Die Nummer war auf einem Zettel in meiner Tasche, ohne Namen und ohne Adresse. Nur die dürftige Identität eines Anschlusses in den Untiefen des Telefonnetzes. Das Telefon selbst war noch ein uraltes Ungetüm aus schwarzem Bakelit mit Wählscheibe, ein Überlebender der Kommunikations-Steinzeit, und der Hörer wog schwer in meiner Hand. Wenigstens hatte es schon keine Kurbel mehr. Ich wählte die Nummer, umständlich Ziffer für Ziffer, wobei die Wählscheibe jeweils mit einem deutlichen Schnurren in ihre Ausgangsposition zurücksprang, und horchte dann auf das undeutliche Läuten irgendwo weit weg im Dickicht der endlosen Drähte. Schließlich ging einer dran. Er oder es sagte nur ein Wort, ein gepresstes „Ja-aa“, das klang wie durch den Schlitz eines Panzerwagens.
„Er ist im Dorf“, sagte ich einfach nur.
„Sicher?“ kam es durch die Leitung zurück. Ich war mir selbst nicht sicher, wegen der Störungen und des Rauschens, die auf dem Weg hinzugefügt worden waren.
„Ja“, antwortete ich trotzdem, und daraufhin wurde die Leitung tot. Es gab nicht mal mehr ein Freizeichen, sondern erst, als ich auf die Gabel drückte. Soviel zu meinem Kontakt zur Außenwelt, und soviel zu meinen gewissenhaft angelegten Notizen. Die konnte ich jetzt wohl im Kamin verfeuern. Ein einfaches „Ja“ war alles, was am Ende von mir verlangt wurde. Naja.
Jenkins polierte an seiner Theke herum, und ich bestellte einen Schnaps und stand mit die Beine in den Bauch, aber es kümmerte mich nicht. Es war immer ein gutes Gefühl, mit einem Auftrag fertig zu werden, und so auch diesmal. Auch wenn mir das Drumherum des Abschlusses nicht so richtig behagte, es war leicht verdientes Geld, und von diesem gab es verdammt nochmal sehr viel weniger als von dem teuer im Schweiße meines Angesichts verdientem. Soll heißen, auch wenn es mir unter einem professionellen Standpunkt nicht behagte, war ich doch froh, dass das hier schlussendlich alles so glatt über die Bühne gegangen war. Ein paar entspannte, freie Tage in der Stadt waren jetzt genau das, was ich brauchte, und alles andere brauchte mich nicht mehr zu kümmern, und das fühlte sich gut an.
Mittlerweile war sogar mein Schnaps an dieser Stelle des Tresens eingeschwebt, und der befeuerte meine Gelöstheit noch.
„Wann fährt’n hier der nächste Bus?“ fragte ich Jenkins.
„Was soll denn das heißen?“ fragte er zurück. „Haben sie ihren kleinen Urlaub schon beendet?“
„Jaa, ich hab mich erholt und meine Dinge hier erledigt. Ich freu mich jetzt darauf, in die Stadt zurückzufahren, nichts für ungut“, das nur der Etikette wegen. Ich konnte sehen, wie Jenkins Augen aufleuchteten, auch wenn er sich dessen selbst wahrscheinlich gar nicht bewusst war. Er war froh, mich loszuwerden.
„Hätte nicht gedacht, dass sie so bald fertig würden“, meinte er. „Ich meine, ihren Freund haben sie ja nich gesehen, was?“
„Nee, aber er kriegt hoffentlich ne Nachricht. Hab kurz mit Tuft gesprochen.“ An dieser Stelle huschte sowas wie ein schneller Schreck über sein Gesicht, aber vielleicht war es auch nur ein Magengrummeln.
„Hat gemeint, dass sei das Äußerste, was er tun könnte, und so isses nun halt“, fuhr ich fort. Jenkins entspannte sich wieder.
Einer der beiden Trinker an der Theke schaltete sich ein, ein Kerlchen mit schmalem Kinn, fliehender Stirn und einigem an Adern auf seiner Nase. Die Geschichte des Cafés fand sich gewissermaßen in seinem Gesicht, oder jedenfalls die Geschichte des Alkoholausschanks. Sein Alter war schwer zu schätzen. Er beugte sich jedenfalls zu mir rüber und tat vertraulich, wie es Trinker oftmals tun. Sein Freund oder Trinkbruder oder was auch immer trank einfach weiter.
„Kann ’n bisschen dauern noch, bis sie hier wieder wegkommen, Kumpel“, vertraute er mir an. Ich sah ihn überrascht an.
„Ja, der Bus für heut ist heut Mittag schon abgefahrn. Wir wissen’s, wir ham den Fahrer ja geölt“, sagte er, und darauf lachten er und sein Kumpan sich eins, ein krächzendes Kichern aus rauen Kehlen, und ich lachte mit, weil ich höflich sein wollte und der Schnaps auch schon zu wirken begann.
„Und der nächste Bus kommt hier erst am Freitag“, fuhr er fort, „wenn er kommt.“ Dazu ein bedeutungsschweres Nicken mit seinem nicht vorhandenen Kinn.
„Warum soll er denn nich kommen?“ schaltete sich Jenkins ein, dem, wie ich vermutete, die Aussicht nicht behagte, mich länger als irgend nötig hier im Dorf zu haben, auch wenn ich nicht wusste, warum eigentlich, es sei denn, er war irgendwie damit beschäftigt, Hendrichs zu decken.
„Jenkins, du weißt so gut wie wir, wie das Wetter hier im Herbst so is.“ Das jetzt vom zweiten Trinker, einer langen Bohnenstange in einem verblichenen Cord-Jackett. Dann orderte er noch einen Schnaps und äußerte sich nicht weiter.
Der erste sprang ihm bei: „Genau, du riechst es doch auch, oder nich? Können sie es riechen, Fremder?“
Ich sagte ihm, dass ich es nicht riechen könne, worauf er zufrieden nickte.
„Ja, die Fremden können es nich riechen, aber du riechst es doch, oder, Jenkins?“
„Schon gut, Carl“, erwiderte Jenkins während des Hantierens mit einem frischen Glas und der Schnapsflasche. „Kann schon sein, dass du’s riechst, aber ich riech nichts.“
„Was gibt’s denn hier zu riechen?“ fragte ich, jetzt doch neugierig geworden.
„Schnee“, sagte der Mann, den Jenkins Carl genannt hatte. „Und wenn der Schnee kommt, wenn er richtig kommt, dann kommt der Bus wiederum nich, stimmt’s, Eugen?“
Der andere Trinker grunzte zustimmend und wandte sich dann seinem frischen Glas zu. Jenkins runzelte die Stirn. Ich für meinen Teil zahlte meinen Schnaps und machte mich wieder auf die Socken. Ein zuverlässiger Wetterbericht war hier draußen schwer zu bekommen, also musste ich abwarten. Wenn der Bus käme, wovon er ausginge, sollte ich um Mittag hier vor dem Café sein, sagte Jenkins noch, und er wirkte, als würde er sich höchstpersönlich vor den Bus legen, um sicherzustellen, dass ich ihn bekommen würde. Ich dankte ihm und war draußen.
Ich zündete mir eine Zigarette an und schlenderte los. Es gab noch eine Menge loser Enden hier im Dorf, die mich eigentlich nicht mehr kümmern mussten jetzt. Abgesehen von Zottelhaar, wie mir wieder einfiel, der, nach allem, was ich wusste, noch immer eingesperrt war in der Hütte im Wald. Ich musste ihn noch irgendwie rauslassen. Ich würde es am Freitag tun, bevor der Bus hier losfuhr. Das würde die Komplikationen auf ein Minimum reduzieren. Ich hätte auch ein Taxi bestellen können, aber zwei Übernachtungen bei Fanny Gros kamen mich billiger als die Fahrt in die Stadt, und ich wollte mein frisch verdientes Geld erstmal ein bisschen zusammenhalten. Außerdem wusste ich noch immer nicht, wer auf mich geschossen, und was es mit den Bildern im Allgemeinen und Tufts Galerie im Speziellen auf sich hatte. Nicht dass es mich jetzt noch professionell was anging, sozusagen. Aber das hatte mich noch nie gekümmert. Sonst wäre ich ja auch Buchhalter geworden, mit einem warmen Platz am Schreibtisch, einem Monatsgehalt und einem Häuschen in der Vorstadt. Danke, ein andermal vielleicht. Für hier und jetzt war ich vor allem noch neugierig. Und so wie es aussah, hatte ich ja noch ein bisschen Zeit.
Ungefähr auf diese Weise hing ich meinen müßigen Gedanken nach, da ich so durchs Dorf spazierte. Grundsätzlich ging ich davon aus, Freitagabend zurück in meinem eigenen Apartment zu sein, und vielleicht in meiner Bar bei einem Whisky zu sitzen, und hatte mit dieser ganzen Hendrichs-Geschichte und diesem Dorf innerlich schon abgeschlossen, und alles, was mich noch interessierte oder was ich noch herauskriegen würde, wäre rein kosmetischer Natur, soll heißen, einfach nur ein Vergnügen um seiner selbst willen.
Das war natürlich, bevor der Sturm kam.
Auf halbem Weg die Klippen hinab hielt ich nochmal inne und sah im Zwielicht über das Meer und den Wald hinweg, und wie zur Illustration fegte ein Windstoß durch die dichten Bäume und wirbelte einen Strudel bunter Farben durch die herb-kalte Luft, die Blätter der Bäume entfesselt, von den Zweigen befreit und hinauf in die Atmosphäre. Die Wolke segelte über meinen Kopf und über die Klippen und senkte sich dann langsam, ganz langsam in Richtung Meer, das weit unten noch immer gegen die Felsen toste. Es war wie ein Sinnbild für irgendwas. Ich war mir nur nicht sicher wofür.
Das einzige Telefon des Dorfes hing im Café. Ich wusste es, weil ich Fanny Gros danach gefragt hatte. Jenkins grunzte nur kurz, als ich zur Tür hereinkam. Er schien sich nach dem herzlichen Willkommen und der jähen Abkühlung danach mittlerweile mit meiner Anwesenheit abgefunden zu haben, oder tat jedenfalls so. Sonst kannte ich niemanden von den Leuten hier im Schankraum, auch wenn ich mir einbildete, dass die zwei am Tresen damals mit dem Busfahrer getrunken hatten. Das Telefon jedenfalls dämmerte in einer versteckten Ecke vor sich hin, und ich schreckte es ungern aus seiner Versunken- und Vergessenheit, aber ich musste telefonieren. Die Nummer war auf einem Zettel in meiner Tasche, ohne Namen und ohne Adresse. Nur die dürftige Identität eines Anschlusses in den Untiefen des Telefonnetzes. Das Telefon selbst war noch ein uraltes Ungetüm aus schwarzem Bakelit mit Wählscheibe, ein Überlebender der Kommunikations-Steinzeit, und der Hörer wog schwer in meiner Hand. Wenigstens hatte es schon keine Kurbel mehr. Ich wählte die Nummer, umständlich Ziffer für Ziffer, wobei die Wählscheibe jeweils mit einem deutlichen Schnurren in ihre Ausgangsposition zurücksprang, und horchte dann auf das undeutliche Läuten irgendwo weit weg im Dickicht der endlosen Drähte. Schließlich ging einer dran. Er oder es sagte nur ein Wort, ein gepresstes „Ja-aa“, das klang wie durch den Schlitz eines Panzerwagens.
„Er ist im Dorf“, sagte ich einfach nur.
„Sicher?“ kam es durch die Leitung zurück. Ich war mir selbst nicht sicher, wegen der Störungen und des Rauschens, die auf dem Weg hinzugefügt worden waren.
„Ja“, antwortete ich trotzdem, und daraufhin wurde die Leitung tot. Es gab nicht mal mehr ein Freizeichen, sondern erst, als ich auf die Gabel drückte. Soviel zu meinem Kontakt zur Außenwelt, und soviel zu meinen gewissenhaft angelegten Notizen. Die konnte ich jetzt wohl im Kamin verfeuern. Ein einfaches „Ja“ war alles, was am Ende von mir verlangt wurde. Naja.
Jenkins polierte an seiner Theke herum, und ich bestellte einen Schnaps und stand mit die Beine in den Bauch, aber es kümmerte mich nicht. Es war immer ein gutes Gefühl, mit einem Auftrag fertig zu werden, und so auch diesmal. Auch wenn mir das Drumherum des Abschlusses nicht so richtig behagte, es war leicht verdientes Geld, und von diesem gab es verdammt nochmal sehr viel weniger als von dem teuer im Schweiße meines Angesichts verdientem. Soll heißen, auch wenn es mir unter einem professionellen Standpunkt nicht behagte, war ich doch froh, dass das hier schlussendlich alles so glatt über die Bühne gegangen war. Ein paar entspannte, freie Tage in der Stadt waren jetzt genau das, was ich brauchte, und alles andere brauchte mich nicht mehr zu kümmern, und das fühlte sich gut an.
Mittlerweile war sogar mein Schnaps an dieser Stelle des Tresens eingeschwebt, und der befeuerte meine Gelöstheit noch.
„Wann fährt’n hier der nächste Bus?“ fragte ich Jenkins.
„Was soll denn das heißen?“ fragte er zurück. „Haben sie ihren kleinen Urlaub schon beendet?“
„Jaa, ich hab mich erholt und meine Dinge hier erledigt. Ich freu mich jetzt darauf, in die Stadt zurückzufahren, nichts für ungut“, das nur der Etikette wegen. Ich konnte sehen, wie Jenkins Augen aufleuchteten, auch wenn er sich dessen selbst wahrscheinlich gar nicht bewusst war. Er war froh, mich loszuwerden.
„Hätte nicht gedacht, dass sie so bald fertig würden“, meinte er. „Ich meine, ihren Freund haben sie ja nich gesehen, was?“
„Nee, aber er kriegt hoffentlich ne Nachricht. Hab kurz mit Tuft gesprochen.“ An dieser Stelle huschte sowas wie ein schneller Schreck über sein Gesicht, aber vielleicht war es auch nur ein Magengrummeln.
„Hat gemeint, dass sei das Äußerste, was er tun könnte, und so isses nun halt“, fuhr ich fort. Jenkins entspannte sich wieder.
Einer der beiden Trinker an der Theke schaltete sich ein, ein Kerlchen mit schmalem Kinn, fliehender Stirn und einigem an Adern auf seiner Nase. Die Geschichte des Cafés fand sich gewissermaßen in seinem Gesicht, oder jedenfalls die Geschichte des Alkoholausschanks. Sein Alter war schwer zu schätzen. Er beugte sich jedenfalls zu mir rüber und tat vertraulich, wie es Trinker oftmals tun. Sein Freund oder Trinkbruder oder was auch immer trank einfach weiter.
„Kann ’n bisschen dauern noch, bis sie hier wieder wegkommen, Kumpel“, vertraute er mir an. Ich sah ihn überrascht an.
„Ja, der Bus für heut ist heut Mittag schon abgefahrn. Wir wissen’s, wir ham den Fahrer ja geölt“, sagte er, und darauf lachten er und sein Kumpan sich eins, ein krächzendes Kichern aus rauen Kehlen, und ich lachte mit, weil ich höflich sein wollte und der Schnaps auch schon zu wirken begann.
„Und der nächste Bus kommt hier erst am Freitag“, fuhr er fort, „wenn er kommt.“ Dazu ein bedeutungsschweres Nicken mit seinem nicht vorhandenen Kinn.
„Warum soll er denn nich kommen?“ schaltete sich Jenkins ein, dem, wie ich vermutete, die Aussicht nicht behagte, mich länger als irgend nötig hier im Dorf zu haben, auch wenn ich nicht wusste, warum eigentlich, es sei denn, er war irgendwie damit beschäftigt, Hendrichs zu decken.
„Jenkins, du weißt so gut wie wir, wie das Wetter hier im Herbst so is.“ Das jetzt vom zweiten Trinker, einer langen Bohnenstange in einem verblichenen Cord-Jackett. Dann orderte er noch einen Schnaps und äußerte sich nicht weiter.
Der erste sprang ihm bei: „Genau, du riechst es doch auch, oder nich? Können sie es riechen, Fremder?“
Ich sagte ihm, dass ich es nicht riechen könne, worauf er zufrieden nickte.
„Ja, die Fremden können es nich riechen, aber du riechst es doch, oder, Jenkins?“
„Schon gut, Carl“, erwiderte Jenkins während des Hantierens mit einem frischen Glas und der Schnapsflasche. „Kann schon sein, dass du’s riechst, aber ich riech nichts.“
„Was gibt’s denn hier zu riechen?“ fragte ich, jetzt doch neugierig geworden.
„Schnee“, sagte der Mann, den Jenkins Carl genannt hatte. „Und wenn der Schnee kommt, wenn er richtig kommt, dann kommt der Bus wiederum nich, stimmt’s, Eugen?“
Der andere Trinker grunzte zustimmend und wandte sich dann seinem frischen Glas zu. Jenkins runzelte die Stirn. Ich für meinen Teil zahlte meinen Schnaps und machte mich wieder auf die Socken. Ein zuverlässiger Wetterbericht war hier draußen schwer zu bekommen, also musste ich abwarten. Wenn der Bus käme, wovon er ausginge, sollte ich um Mittag hier vor dem Café sein, sagte Jenkins noch, und er wirkte, als würde er sich höchstpersönlich vor den Bus legen, um sicherzustellen, dass ich ihn bekommen würde. Ich dankte ihm und war draußen.
Ich zündete mir eine Zigarette an und schlenderte los. Es gab noch eine Menge loser Enden hier im Dorf, die mich eigentlich nicht mehr kümmern mussten jetzt. Abgesehen von Zottelhaar, wie mir wieder einfiel, der, nach allem, was ich wusste, noch immer eingesperrt war in der Hütte im Wald. Ich musste ihn noch irgendwie rauslassen. Ich würde es am Freitag tun, bevor der Bus hier losfuhr. Das würde die Komplikationen auf ein Minimum reduzieren. Ich hätte auch ein Taxi bestellen können, aber zwei Übernachtungen bei Fanny Gros kamen mich billiger als die Fahrt in die Stadt, und ich wollte mein frisch verdientes Geld erstmal ein bisschen zusammenhalten. Außerdem wusste ich noch immer nicht, wer auf mich geschossen, und was es mit den Bildern im Allgemeinen und Tufts Galerie im Speziellen auf sich hatte. Nicht dass es mich jetzt noch professionell was anging, sozusagen. Aber das hatte mich noch nie gekümmert. Sonst wäre ich ja auch Buchhalter geworden, mit einem warmen Platz am Schreibtisch, einem Monatsgehalt und einem Häuschen in der Vorstadt. Danke, ein andermal vielleicht. Für hier und jetzt war ich vor allem noch neugierig. Und so wie es aussah, hatte ich ja noch ein bisschen Zeit.
Ungefähr auf diese Weise hing ich meinen müßigen Gedanken nach, da ich so durchs Dorf spazierte. Grundsätzlich ging ich davon aus, Freitagabend zurück in meinem eigenen Apartment zu sein, und vielleicht in meiner Bar bei einem Whisky zu sitzen, und hatte mit dieser ganzen Hendrichs-Geschichte und diesem Dorf innerlich schon abgeschlossen, und alles, was mich noch interessierte oder was ich noch herauskriegen würde, wäre rein kosmetischer Natur, soll heißen, einfach nur ein Vergnügen um seiner selbst willen.
Das war natürlich, bevor der Sturm kam.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Links zu diesem Post:
Link erstellen
<< Startseite