Fern wie die Zeit (XVIII)
Ich ging zurück in die Küche. Ich hatte eine Entschuldigung an eine alte Frau zu machen und ihr ansonsten noch tüchtig auf den Zahn zu fühlen. Es war an der Zeit.
Tufts Haus hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Noch immer saß es über der Steilküste wie ein schlechtes Omen, so grau und abweisend wie ein reicher Erbonkel. Der Briefkasten blinkte gegen den elektrisch geladenen Himmel, und Möwen zirkelten kreischend herum um den alten Kasten, wie es ihre Art ist. Nichts rührte sich, als ich näher kam, nur die Brandung klatschte unentwegt wie seit Äonen schon gegen den hochaufragenden Fels. Irgendwann würde Tufts Hütte im Meer vor der Küste liegen. Was für eine Aufregung das gäbe. Nur wäre dann keiner von uns noch hier.
In Ermangelung einer Klingel klopfte ich herzhaft. Es gelang mir sehr gut. Es war ein kurzes, trockenes Klopfen, dennoch durchdringend, ein Klopfen, das neugierig machte. Es sagte: Hier klopft einer, der weiß, was er will und tut. (Klopfen.) Die Tür macht auf, die Tor‘ macht weit, und so weiter. Zufrieden wartete ich auf die Reaktion. Die Reaktion ließ ebenfalls warten.
Ich klopfte nochmal, die fordernde Sorte Klopfen jetzt, zu der es im Allgemeinen heißt: „Aufmachen, Polizei!“ Es war die Sorte Klopfen, nach der einem die Tür eingetreten wird, und dann kann man sagen, was man will, Wachtmeister, ich war nur hinten im Garten, auf dem Häuschen oder schlafend im Bett um drei Uhr mittags, Dankeschön, aber davon bekam man seine Tür auch nicht wieder. Kurz, es war ein Klopfen, das einem die Vergänglichkeit der Dinge ins Bewusstsein rufen sollte. Besonders die Vergänglichkeit der eigenen Tür. Auch auf dieses tat sich erst einmal nichts.
Aber ich hatte Zeit, und ich hatte nichts Anderes zu tun, und so stand ich mir ein wenig die Beine in den Bauch. Wenn man sich erst einmal mit der Unausweichlichkeit einer Lage abgefunden hat, bedeutet es wenig, ob man noch zehn Minuten oder zehn Stunden der Dinge harren muss. Die Zeit verliert ihre drängende Bedeutung, und der stete Strom der Gedanken und des innere Drangs schwillt zwar erst nochmal an, wird dann aber zu einem stillen Rinnsal in niederen Bänken. Man sitze einfach da und sehe zu, wie die Welt sich dreht. Die Sonne überstrahlte den bleiernen Himmel mit ein paar verirrten Strahlen, die Möwen zirkelten und das Meer brandete. Ich übte mich in meiner stillen Metaphysik und wartete auf das, was als nächstes unweigerlich geschehen würde. Sitzen, wie Zen-Meister sitzen; atmen, als geschähe es zum allerersten Mal.
Ich lehnte mich gegen die raue Steinwand des Hauses und blickte über die Klippen und hinüber zum Wald. Voller Gleichmut betrachtete ich die Dinge dieser Welt, das wogende Gras, die ziehenden Wolken. In der Ferne rührte sich ein Schemen, und ich wandte meinen Blick dorthin, neugierig und ohne Urteil. Der Schemen bewegte sich und kam näher, aus dem Schatten des Waldes heraus und auf einem schmalen Pfad, gelb jetzt, und schließlich entpuppte er sich als ein Mensch, zwei schwerbeladene Beine in Gummistiefeln.
Es dauerte noch gute zehn Minuten, bis der Schemen, soll heißen Tuft, sich herauf auf die Klippen gearbeitet hatte. Dass er mich nicht erkannte, bis er kurz vor mir stand, lag wohl an dem gesammelten Krempel, den er mit sich herumtrug, eine Staffelei unter anderem, einen breiten in Öltuch gewickelten Gegenstand, der vermutlich eine Leinwand war, und seinen Farbkasten. Als er mich dann sah, wirkte er trotz meines Gleichmuts nicht erfreut.
Tuft trug Gelb. Er trug gelbe Gummistiefel und eine gelbe Leinenhose, die von gelben Hosenträgern gehalten wurden, sowie ein gelbes Hemd, das unter einem gelben Regenmantel verschwand. Auf seinem Kopf saß ein gelber Filzhut, unter dem seine dunklen Augen hervorleuchteten. Mittwoch war Tag des Gelbes. Er wirkte im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Ei gepellt – aus dem dottrigen Teil des Eies, um es genau zu sagen. Doch sein Gesicht war noch immer das gleiche wie am Montag zuvor, und sein Schnurrbart zitterte missmutig unter der Adlernase, als er meiner ansichtig wurde. Schließlich blieb er neben mir stehen, lehnte die vermutete Leinwand gegen das Haus und die Staffelei daneben, und wirkte ansonsten unentschlossen und mehr oder minder überrascht und zugleich ratlos. Ich für meinen Teil lächelte ihn freundlich an, soll heißen, ich zeigte mich von meiner Schokoladenseite.
„Was wünschen sie?“, fragte er schließlich.
Tuft sah deutlich müder aus als vor zwei Tagen. Seine Augen wirkten stumpf, und seine ganze Haltung hatte weniger Spannung als an jenem Abend, an dem ich ihn im Café gesehen hatte. Ich hatte ihn nur kurz gesehen damals, und umso mehr fiel es mir auf. Manche Dinge bemerkte man umso besser, je weniger man einen Menschen kannte. Neben eindeutigen Blicken der einen oder anderen Art gehörte das hier dazu.
Ich bot ihm meine Hand und stellte mich vor. Er blickte hinunter auf meinen Arm, als wäre ich ein seltenes Insekt, mit einer Mischung wie aus Faszination und leichtem Ekel. Aber dann griff er nach meiner Hand und schüttelte sie kurz, und sein Händedruck war nicht von Pappe. Er war sogar deutlich kräftiger, als ich es bei einem Mann seines Alters erwartet hätte. Wie alt war er eigentlich?
„Richard Tuft“, sagte er noch und ließ meine Hand wieder los. Dann schloss er die Tür auf und sammelte seine Sachen ein. Ich schob gerade noch rechtzeitig meinen Fuß vor. Sonst hätte ich vermutlich noch länger draußen warten können. Tuft blickte auf und sah mir direkt ins Gesicht. Er war müde und genervt, und seine Augen waren sehr, sehr tief. Sie waren bodenlose, schwarze Löcher in einem Gesicht, das man sich nicht merkte. Die Aufmerksamkeit verschwand einfach hinter dem Ereignishorizont dieser dunklen Spiegel.
„Mr. Tuft?“ Ich riss mich los von seinen Augen und richtete das Wort an ihn.
„Was wollen sie? Ich habe einen langen Morgen hinter mir.“
„Ich würde gern mit ihnen sprechen, Mr. Tuft.“
„Worüber denn? Ich kenne sie nicht. Und ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe wirklich zu tun.“
Mein Fuß stand noch immer zwischen Tür und Rahmen. Sein Körper spannte sich an, und er begann, Kraft in den Arm zu legen, der die Tür aufhielt. Wenn ich meinen Fuß behalten wollte, musste ich mich beeilen.
„Ich bin auf der Suche nach Frank Hendrichs.“
„Davon habe ich gehört, aber auch den kenne ich nicht. Wenn sie jetzt so...“
„Frances Henrie, Mr. Tuft.“
Er hielt inne. Der gelbe Arm an der Tür entspannte sich wieder. Er war überrascht, und hinter seiner Stirn begann es zu rattern.
„Ich sehe wir verstehen uns“, setzte ich nach. „Lassen sie mich rein, und wir unterhalten uns ein bisschen. Es täte mir leid, wenn ich so wieder in die Stadt zurückkehren müsste. Es täte mir sehr leid.“
Er blickte mich nochmal an, wie in einem Versuch, mich zu durchschauen, und diesmal blickte ich zurück. Ich versuchte, auch möglichst unergründlich zu wirken. So starrten wir uns ein paar Sekunden an, die sich dehnten wie Gummi. Mein Gebot schien ausgereicht zu haben, denn schließlich trat er von der Tür zurück und winkte mich wortlos herein. Hinter mir fiel die Tür mit einem schweren Tösen ins Schloss, das Fallgatter wurde hinuntergelassen und die Zugbrücke aufgezogen, und die Wachen riefen das Wetter von den Zinnen. Soll heißen, ich war im Inneren seiner Burg.
Tufts Haus hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Noch immer saß es über der Steilküste wie ein schlechtes Omen, so grau und abweisend wie ein reicher Erbonkel. Der Briefkasten blinkte gegen den elektrisch geladenen Himmel, und Möwen zirkelten kreischend herum um den alten Kasten, wie es ihre Art ist. Nichts rührte sich, als ich näher kam, nur die Brandung klatschte unentwegt wie seit Äonen schon gegen den hochaufragenden Fels. Irgendwann würde Tufts Hütte im Meer vor der Küste liegen. Was für eine Aufregung das gäbe. Nur wäre dann keiner von uns noch hier.
In Ermangelung einer Klingel klopfte ich herzhaft. Es gelang mir sehr gut. Es war ein kurzes, trockenes Klopfen, dennoch durchdringend, ein Klopfen, das neugierig machte. Es sagte: Hier klopft einer, der weiß, was er will und tut. (Klopfen.) Die Tür macht auf, die Tor‘ macht weit, und so weiter. Zufrieden wartete ich auf die Reaktion. Die Reaktion ließ ebenfalls warten.
Ich klopfte nochmal, die fordernde Sorte Klopfen jetzt, zu der es im Allgemeinen heißt: „Aufmachen, Polizei!“ Es war die Sorte Klopfen, nach der einem die Tür eingetreten wird, und dann kann man sagen, was man will, Wachtmeister, ich war nur hinten im Garten, auf dem Häuschen oder schlafend im Bett um drei Uhr mittags, Dankeschön, aber davon bekam man seine Tür auch nicht wieder. Kurz, es war ein Klopfen, das einem die Vergänglichkeit der Dinge ins Bewusstsein rufen sollte. Besonders die Vergänglichkeit der eigenen Tür. Auch auf dieses tat sich erst einmal nichts.
Aber ich hatte Zeit, und ich hatte nichts Anderes zu tun, und so stand ich mir ein wenig die Beine in den Bauch. Wenn man sich erst einmal mit der Unausweichlichkeit einer Lage abgefunden hat, bedeutet es wenig, ob man noch zehn Minuten oder zehn Stunden der Dinge harren muss. Die Zeit verliert ihre drängende Bedeutung, und der stete Strom der Gedanken und des innere Drangs schwillt zwar erst nochmal an, wird dann aber zu einem stillen Rinnsal in niederen Bänken. Man sitze einfach da und sehe zu, wie die Welt sich dreht. Die Sonne überstrahlte den bleiernen Himmel mit ein paar verirrten Strahlen, die Möwen zirkelten und das Meer brandete. Ich übte mich in meiner stillen Metaphysik und wartete auf das, was als nächstes unweigerlich geschehen würde. Sitzen, wie Zen-Meister sitzen; atmen, als geschähe es zum allerersten Mal.
Ich lehnte mich gegen die raue Steinwand des Hauses und blickte über die Klippen und hinüber zum Wald. Voller Gleichmut betrachtete ich die Dinge dieser Welt, das wogende Gras, die ziehenden Wolken. In der Ferne rührte sich ein Schemen, und ich wandte meinen Blick dorthin, neugierig und ohne Urteil. Der Schemen bewegte sich und kam näher, aus dem Schatten des Waldes heraus und auf einem schmalen Pfad, gelb jetzt, und schließlich entpuppte er sich als ein Mensch, zwei schwerbeladene Beine in Gummistiefeln.
Es dauerte noch gute zehn Minuten, bis der Schemen, soll heißen Tuft, sich herauf auf die Klippen gearbeitet hatte. Dass er mich nicht erkannte, bis er kurz vor mir stand, lag wohl an dem gesammelten Krempel, den er mit sich herumtrug, eine Staffelei unter anderem, einen breiten in Öltuch gewickelten Gegenstand, der vermutlich eine Leinwand war, und seinen Farbkasten. Als er mich dann sah, wirkte er trotz meines Gleichmuts nicht erfreut.
Tuft trug Gelb. Er trug gelbe Gummistiefel und eine gelbe Leinenhose, die von gelben Hosenträgern gehalten wurden, sowie ein gelbes Hemd, das unter einem gelben Regenmantel verschwand. Auf seinem Kopf saß ein gelber Filzhut, unter dem seine dunklen Augen hervorleuchteten. Mittwoch war Tag des Gelbes. Er wirkte im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Ei gepellt – aus dem dottrigen Teil des Eies, um es genau zu sagen. Doch sein Gesicht war noch immer das gleiche wie am Montag zuvor, und sein Schnurrbart zitterte missmutig unter der Adlernase, als er meiner ansichtig wurde. Schließlich blieb er neben mir stehen, lehnte die vermutete Leinwand gegen das Haus und die Staffelei daneben, und wirkte ansonsten unentschlossen und mehr oder minder überrascht und zugleich ratlos. Ich für meinen Teil lächelte ihn freundlich an, soll heißen, ich zeigte mich von meiner Schokoladenseite.
„Was wünschen sie?“, fragte er schließlich.
Tuft sah deutlich müder aus als vor zwei Tagen. Seine Augen wirkten stumpf, und seine ganze Haltung hatte weniger Spannung als an jenem Abend, an dem ich ihn im Café gesehen hatte. Ich hatte ihn nur kurz gesehen damals, und umso mehr fiel es mir auf. Manche Dinge bemerkte man umso besser, je weniger man einen Menschen kannte. Neben eindeutigen Blicken der einen oder anderen Art gehörte das hier dazu.
Ich bot ihm meine Hand und stellte mich vor. Er blickte hinunter auf meinen Arm, als wäre ich ein seltenes Insekt, mit einer Mischung wie aus Faszination und leichtem Ekel. Aber dann griff er nach meiner Hand und schüttelte sie kurz, und sein Händedruck war nicht von Pappe. Er war sogar deutlich kräftiger, als ich es bei einem Mann seines Alters erwartet hätte. Wie alt war er eigentlich?
„Richard Tuft“, sagte er noch und ließ meine Hand wieder los. Dann schloss er die Tür auf und sammelte seine Sachen ein. Ich schob gerade noch rechtzeitig meinen Fuß vor. Sonst hätte ich vermutlich noch länger draußen warten können. Tuft blickte auf und sah mir direkt ins Gesicht. Er war müde und genervt, und seine Augen waren sehr, sehr tief. Sie waren bodenlose, schwarze Löcher in einem Gesicht, das man sich nicht merkte. Die Aufmerksamkeit verschwand einfach hinter dem Ereignishorizont dieser dunklen Spiegel.
„Mr. Tuft?“ Ich riss mich los von seinen Augen und richtete das Wort an ihn.
„Was wollen sie? Ich habe einen langen Morgen hinter mir.“
„Ich würde gern mit ihnen sprechen, Mr. Tuft.“
„Worüber denn? Ich kenne sie nicht. Und ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe wirklich zu tun.“
Mein Fuß stand noch immer zwischen Tür und Rahmen. Sein Körper spannte sich an, und er begann, Kraft in den Arm zu legen, der die Tür aufhielt. Wenn ich meinen Fuß behalten wollte, musste ich mich beeilen.
„Ich bin auf der Suche nach Frank Hendrichs.“
„Davon habe ich gehört, aber auch den kenne ich nicht. Wenn sie jetzt so...“
„Frances Henrie, Mr. Tuft.“
Er hielt inne. Der gelbe Arm an der Tür entspannte sich wieder. Er war überrascht, und hinter seiner Stirn begann es zu rattern.
„Ich sehe wir verstehen uns“, setzte ich nach. „Lassen sie mich rein, und wir unterhalten uns ein bisschen. Es täte mir leid, wenn ich so wieder in die Stadt zurückkehren müsste. Es täte mir sehr leid.“
Er blickte mich nochmal an, wie in einem Versuch, mich zu durchschauen, und diesmal blickte ich zurück. Ich versuchte, auch möglichst unergründlich zu wirken. So starrten wir uns ein paar Sekunden an, die sich dehnten wie Gummi. Mein Gebot schien ausgereicht zu haben, denn schließlich trat er von der Tür zurück und winkte mich wortlos herein. Hinter mir fiel die Tür mit einem schweren Tösen ins Schloss, das Fallgatter wurde hinuntergelassen und die Zugbrücke aufgezogen, und die Wachen riefen das Wetter von den Zinnen. Soll heißen, ich war im Inneren seiner Burg.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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