Dienstag, Januar 06, 2009

Fern wie die Zeit (XIX)

Der Gang war erst dunkel, und dann, nachdem Tuft einen Lichtschalter betätigt hatte, war er sehr lang, zwanzig Meter sicherlich, der Boden mit alten Steinfliesen bedeckt und das Ganze von ein paar nackten, funzeligen Glühlampen erhellt, die die Dunkelheit nur ein wenig weniger dunkel machten. Ich überschlug im Kopf: die Tür am hinteren Ende musste schon fast wieder zum Haus hinausführen. Einen Hinterausgang hatte ich bei meinen bisherigen Besuchen allerdings nicht entdeckt.
Tuft ging voraus durch die erste Tür auf der rechten Seite. Sie malte ein helles Rechteck auf den dämmrigen Flur, und ich folgte ihm in den Raum. Im ersten Moment dachte ich, wir wären von den Klippen gesprungen.
Es waren die Fenster. Sie zogen sich über die ganze Länge des Raumes, und im nächsten Raum vermutlich noch weiter. Es waren Sprossenfenster, jeweils aus mehreren kleineren Glasscheiben zusammengesetzt, und sie boten, wie ich vermutet hatte, einen atemberaubenden Blick über den Ozean. Von keiner Gischt beleckt überblickten sie den weiten Spiegel des Meeres bis zum Horizont. Es waren Fenster, die die Phantasie beförderten. Kolumbus musste ebensolche Fenster besessen haben, und einen ebensolchen Ausblick. Sie boten einen Blick, der einen hinauszog in die Ferne. Sie waren, an dieser Stelle, hoch über den Klippen, wie die Öffnung des Dorfes nach außen. Die Fenster gaben dem Blick Richtung und lenkten ihn, hinaus aus der engen Bucht und dem düsteren Wald, tatsächlich wie Augen, die hinausblickten aus einem gedrungenen Körper in die weite Ferne. Die Augen des Dorfes. Der Begriff setzte sich plötzlich fest in meinem Kopf, auch wenn ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was ich mit ihm anfangen sollte.

Ich musste etwas länger dagestanden haben, denn Tuft räusperte sich ungeduldig. Er hatte sich in einen niedrigen Sessel gesetzt, dem ein zweiter solcher im 30-Grad-Winkel gegenüberstand. Daneben ein kleines Tischchen, und alles drei aus dunklem Holz und die Sessel mit einer Bespannung aus Segeltuch. Ansonsten war in dem ganzen großen schönen Raum auf den ersten Blick nichts zu sehen. Auf den zweiten Blick verhingen weiße Bahnen aus Segeltuch die Rückwand, die den Fenstern gegenüberlag.

„Sie wollten mit mir reden, ich habe sie eingelassen. Also gut, nun reden sie mit mir.“
Ich riss den Blick von Zimmer und Fenstern los und sah Tuft an.
„Er ist hier, nicht wahr?“
Sein Blick durchdrang mich. Er war anders als jeder andere Blick, den ich in meinem Leben gespürt und gesehen hatte, und ich hatte einiges an Blicken gesehen, soviele wie der erste beste und vermutlich einiges aus dem Repertoire, dass die Menschen zu bieten hatten. Es waren Blicke voller Zuneigung darunter gewesen und Blicke voller Hass, freundliche Blicke, neugierige Blicke, Blicke aus ängstlichen Augen und Blicke aus traurigen. Es waren heiße Blicke gewesen und kalte, lüsterne und abschätzende, feindliche und abwartende. Ich hatte in die Augen von Freunden wie von Feinden geschaut, und in die meisten der möglichen Abstufungen dazwischen. Tufts Blick war keiner aus irgendeiner mir bekannten Kategorie. Es war ein Blick ohne Inhalt, ein Blick aus den tiefsten Tiefen. Die reine Form des Blickens, wenn man so wollte. Dabei war es kein leerer Blick; auch die kannte ich. Er war nicht leer wie der Blick eines Rauschgiftsüchtigen, der sich die Spritze gesetzt hatte, nicht leer wie der Blick einer Mutter am Grab ihres Sohnes, und nicht gebrochen wie der Blick eines Sterbenden. Er war nicht leer wie der Blick eines des Lebens überdrüssigen, gelangweilten Menschen, und es war auch nicht der in die Ferne und durch alle Dinge hindurch gehende Blick eines Menschen, der auf einen Bus wartet, der seit zwanzig Minuten überfällig ist. Nein, es war ein anderer Blick als all diese. Es war ein alter Blick. Es war ein Blick aus Augen, die alles bereits gesehen hatten, und wenn ich sagte alles, dann meinte ich alles. Es waren alte Augen, und mit einem Mal machten sie mir fast sowas wie Angst. Es war, als zögen diese Augen ihren Betrachter immer tiefer, je länger man in sie schaute und ihren Blick erwiderte.
„Was wollen sie von ihm?“
Ich brach den Blickkontakt, setzte mich Tuft gegenüber und ließ mir was einfallen.

„Mr. Tuft, ich bin ein Kunstliebhaber. Ich handle mit Kunst und ich stelle auch manchmal aus. Ich habe noch keinen großen Namen im Geschäft, aber ich liebe das, was ich tue, und ich liebe auch die Kunst, mit der ich es zu tun habe. Ich habe Frances Henrie, oder Frank Henrichs, wie er sich nannte, vor einiger Zeit kennengelernt und auch einen Blick auf ein paar seiner Werke werfen können. Sie gefielen mir außerordentlich gut.“
Ich ließ das erstmal sacken und wartete ab, wie es sich machte. Die Honigworte meiner Lüge kamen mir so glatt über die Lippen, als hätte ich stundenlang geübt. Nicht übel. Sie mussten nur auch für Tuft ausreichen. Der sah nicht begeistert aus, er schüttelte den Kopf mit gerunzelter Stirn, aber er wies mich immerhin auch nicht zur Tür.
„Frank – Verzeihung, Frances – ist dann vor drei Wochen plötzlich verschwunden“, fuhr ich fort. „Ich habe mich ein bisschen nach ihm umgetan, aber ich konnte ihn nicht finden, und keiner unserer gemeinsamen Bekannten wusste irgendetwas von ihm. Dabei wollte ich unbedingt noch mit ihm reden. Seine Bilder...“
„Warum suchen sie ihn hier?“ Tufts Kopf fuhr auf, und er fixierte mich mit seinem Grusel-Blick.
„Ich wollte ihn wirklich gerne wiedersehen, Mr. Tuft. Ich schätze ihn sehr. Ich wollte mit ihm über seine Bilder reden.“
Tuft setzte an, mich zu unterbrechen, also schob ich schnell nach:
„Ich habe einen Privatdetektiv beauftragt, Mr. Tuft.“ Das mit einem peinlich berührten Lächeln meinerseits. „Ich denke, das muss ihnen komisch vorkommen, und glauben sie mir, das kam es mir auch. Aber ich wollte wissen, ob es Frank gut ging, Verzeihung, Frances...“
Tuft nickte ungeduldig und unterbrach mich dann mit einer unwirschen Handbewegung.
„Woher wusste dieser Privatdetektiv, wo sie Frances suchen mussten? Wie heißt der Mann?“
„Felix Austria“, erfand ich leichthin und mit ein wenig zuviel Nonchalance. Ich wusste sehr gut, wie dieser Glückliche das herausbekommen hatte; ich war es ja selber gewesen. Aber die Irrungen und Wirrungen der letzten Wochen musste ich Tuft nicht unbedingt auf die Nase binden.
„Ich habe ihn nicht gefragt“, antwortete ich also. „Er sagte mir, wohin ich mich wenden müsste, und hier bin ich. Von Fanny Gros hörte ich, dass sie selbst hier ebenfalls eine Galerie hätten, Mr. Tuft, und so bin ich...“
„Jaja. Sie zeigen bemerkenswertes Vertrauen. Ihr Detektiv hat ihnen nichts gezeigt? Keine Beweise, Unterlagen, sonst irgendetwas?“
„Nein, das hat er nicht.“
„Sie haben ihm einfach so geglaubt? Sie müssen ein sehr blauäugiger Mensch sein, Mr. ...“
Ich nannte nochmal meinen Namen. „Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte ich. „Ich bezahle ihn erst nach meiner Rückkehr.“ Dazu lächelte ich fein.

Nachdem das erste Geplänkel damit über die Bühne gegangen war, hielten wir beide erstmal inne. Ich hatte mich weit aus dem Fenster gelehnt mit meinem frisch erworbenen Halbwissen, aber nichts von dem, was ich gerade gedichtet hatte, schien Tufts Argwohn erregt zu haben – oder jedenfalls hatte es ihn nicht gesteigert. Er war ein misstrauischer Mann. Jetzt gerade war er am Denken. Er blickte vor sich auf den Fußboden, und es war deutlich, dass er sehr, sehr gründlich nachdachte.

„Kann ich Frances sehen?“ Ich wollte ihn nicht zu sehr grübeln lassen. Wer wusste schon, auf was für Lücken in meinem grob hingeschmierten Bild er stoßen konnte, um beim Thema zu bleiben.
Er blickte auf, und sein Blick kam aus der Ferne zurück.
„Nein.“ Ein klarer, einfacher Satz. Und seinem Tonfall nach so verhandelbar wie die Öffnungszeiten von Fort Knox.
„Und jetzt muss ich sie bitten, zu gehen“, fügte er hinzu, mit derselben Vehemenz. „Sie halten mich vom Arbeiten ab, und ich habe viel zu tun.“
„Würden sie Frances vielleicht eine Nachricht von mir übermitteln, Mr. Tuft?“ fragte ich ihn, und legte so viel Hundeblick in meine schönen braunen Augen, wie ich es bei einem Mann seines Alters fertigbrachte. Ich erwartete schon, wieder sein Nein zu hören, auch wenn das nicht unbedingt von Bedeutung für mich war. Doch dann sagte er:
„Geben sie mir ihre Karte. Er kann sich bei ihnen melden, wenn er es für richtig hält. Mehr kann und will ich nicht für sie tun.“
„Vielen Dank, zu gütig.“ Ich zückte meine Brieftasche und reichte ihm eine meiner Allzweckkarten, mit dem richtigen Namen, aber der falschen Adresse und Telefonnummer. „Hier bin ich zu erreichen. Ich würde mich sehr freuen, seine Bilder...“
„Verlassen sie sich nicht zu sehr darauf“, unterbrach er mich wieder. „Seine Bilder sind zu einem anderen Zweck bestimmt. Ich bin mir sicher, das sieht er genauso.“
„Wie sie meinen, Mr. Tuft, wie sie meinen.“ Tuft stand auf, und ich erhob mich mit ihm. Sein Benehmen ging mir inzwischen gehörig auf den Senkel, geheimnisvolle Augen hin oder her. Ich wollte meine Rolle bis zu ihrem bitteren Ende zu spielen, um ihm ein bisschen rauszugeben.
Auf die Segeltuchverkleidung an der Wand zeigend, sagte ich: „Sind dahinter vielleicht ihre Bilder, die Bilder ihrer Galerie? Ich würde mich sehr freuen, sie einmal in Augenschein nehmen zu dürfen, wenn das möglich wäre.“
„Bilder? Sie wollen meine Bilder sehen?“
Er japste ein bisschen, und sein Gesichtsausdruck wechselte zwischen Überraschung und wahrscheinlich Zorn, was ihm einen lustigen Ausdruck gab. Es war deutlich, dass er mich loswerden wollte; ein winziges bisschen Neugier schien da aber auch in seiner Miene zu sein. Falls dem jedoch so war, schluckte er sie herunter, denn alles was er sagte, war „Gehen sie jetzt, BITTE!“, und er sagte das Gehen tatsächlich kursiv, und das Bitte war in Kapitälchen gesetzt. Fast schob er mich in den Gang und dann zur Tür hinaus, und die Tür fiel ohne ein Wort des Grußes hinter mir ins Schloss, und da stand ich wieder auf den Klippen, als ob ich nie in seiner Festung mit dem grandiosen Ausblick gewesen wäre. Ich überprüfte meine Taschen. Es war alles da. Hätte ich etwas bei ihm liegenlassen, ich hätte es vermutlich niemals wiederbekommen. Ich wusste ja nicht, dass ich nochmal wiederkommen würde.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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