Montag, Januar 19, 2009

Fern die die Zeit (XXIII)

Ich rauchte noch eine Zigarette und schlenderte die Straße hinunter. Die Luft roch wirklich nach Winter jetzt. Ich wusste nicht, ob ich mir Sorgen machen musste. Ich wollte nicht mehr länger in diesem Dorf bleiben als nötig. Wenn der Bus nicht käme, müsste ich mir etwas einfallen lassen.
Ich war noch ein gutes Stück vom Café entfernt, als die Hintertür aufging und Jenkins herauskam. Er sah sich nicht um und bemerkte mich gar nicht. Er brachte den Müll raus und kippt ihn in eine riesige Tonne ums Eck. Ich fragte mich, wie oft und woher hier eigentlich die Müllabfuhr kam. Jenkins stolperte zurück ins Café, alle Hände voll mit seiner Tonne. Die Tür fiel hinter ihm nicht richtig ins Schloss. Ich schlenderte weiter und kam näher. Kein Zweifel: Die Tür stand offen. Ich blickte mich kurz um, und außer mir war hier draußen im Moment niemand unterwegs. Das machte mir die ganze Angelegenheit leicht: Ich trat ein.

Ich musste ein paar Stufen hinuntersteigen. Der Raum lag halb unter der Erde, der Versuch eines Kellers, und war dunkel wie eine geheime Kasse. Jenkins war schon wieder verschwunden. Er klapperte hinter der nächsten Türe, wo die Küche sein musste. Ich war in die Speisekammer geraten, spärlich erhellt lediglich von dem Licht, das durch die offene Tür hereinfiel, die Treppe herunter. Lange Regale zogen sich die Wand entlang, und lange freistehende Regale füllten den Platz zwischen den Wänden. Konserven, Tüten, Kartons, Säcke und Säckchen und Flaschen und Fläschchen füllten jeden verfügbaren Winkel. In der fernen Ecke des Raumes brummten zwei Kühlschränke und eine riesige Gefriertruhe. Jenkins war wohlsortiert. Mit seiner Hilfe konnte das Dorf eine mittellange Belagerung überstehen, ohne auf Nachtisch, Eis und Kaffee und Kuchen verzichten zu müssen. Ich sah mir den Inhalt der Regale genauer an: das meiste war haltbares Zeugs, wie es sich auch in meinem eigenen Kühlschrank fand, unverderblich für die nächsten fünf bis zehn Jahre. In der Ecke über der Tür hing, inmitten all dieses Überflusses, eine verhungerte Spinne in den Ruinen ihres Netzes. Eine Tür weiter verstummte Jenkins Lärm und machte der Stille Platz. Neben der Tür stand die Mülltonne und rührte sich nicht, und hinter der Tür rührte sich auch nichts. Ich lauschte ein, zwei Minuten, dann drückte ich die Klinke und schob die Tür ein paar Zentimeter auf. Auch im nächsten Raum nur Dämmer.

Es war kein Raum, es war ein schmaler Gang. Das Gepolter hatte sich eine Tür weiter verzogen, wo tatsächlich die Küche war. Wahrscheinlich hatte Jenkins einfach nur die Türe zugemacht. Hier war ich im Gang, der zur Toilette führte. Hinter der Tür an seinem Ende wäre das Telefon. Ich war in bekannten Gefilden. Keine Entdeckungsreise mehr, keine heimliche Erkundungstour, ich war einfach nur bei den Toiletten gelandet. Ich probierte noch die fünfte Tür, die vom Gang abging, und die hinauf in den oberen Stock führen musste, aber die war verschlossen. Ich hatte meine Dietriche nicht dabei, und ich hatte vermutlich auch nicht die Zeit für eine Handlung, die länger dauerte als das gemeine Eintreten. Ich trat die Tür nicht ein, sondern den Rückzug durch die Speisekammer an. Gehen, wie man gekommen ist, keine Spuren hinterlassen. Irgendwann ging es einem in Fleisch und Blut über, und man dachte nicht mehr groß darüber nach. Die gefährliche Zeit ist die davor, wenn man noch nicht lange in der Branche ist und denkt, man sei mit allen Wassern gewaschen, und doch nichts ist als ein schlaues Riesenbaby, dass sich jederzeit auf seinen Hintern setzen kann. Naja, ich hatte mein Lehrgeld bezahlt, wie jeder von uns. Im Gegensatz zu manch anderen war ich auch immernoch da, um weiterzuzahlen. Zahlen, zahlen, zahlen, das war es, worauf es hinauslief. Dem gegenüber die dürftigen Einnahmen.
Ich hatte schon fast wieder den Ausgang erreicht, als ich innehielt. Hier sprach ich von Lehrgeld, und dabei verhielt ich mich wie ein blutiger Anfänger, vor mich hin denkend und völlig vergessen gegenüber der Umwelt. In solchen Momenten war es, dass stets die Gummiknüppel aus dunklen Ecken kamen, Männer hinter einem aus dem Schatten traten oder man plötzlich in den Lauf einer Waffe blickte. Manchmal lief man auch einfach nur gegen eine geschlossene Tür. Und manchmal, ganz selten, meldete sich die kleine Stimme im Unterbewusstsein und fragte einen, warum zum Teufel man das Offensichtliche nicht gesehen hatte.

Ich stolperte ein paar Schritte zurück, so leise wie möglich, und sah mir das Offensichtliche an. Es lehnte inmitten einer Menge Krempel gegen die holzverkleidete Wand des Kellers. Ich zog die sperrige Whiskey-Flasche aus meiner Hose und stellte sie zwischen dem Gerümpel ab. Dann holte ich mein Taschentuch hervor und fasste die Waffe am Lauf. Ich schnupperte an der Mündung. Man hatte geschossen damit. Gut, dafür war sie da. Und wenn man nicht bald nach einem solchen Schuss dran schnuppert, dann ist, dass damit schossen wurde, das einzige, was man noch mit Gewissheit sagen kann, oder besser gesagt, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, den Lauf zu reinigen. Aber ob dieser letzte Schuss vor drei Tagen oder drei Wochen losging, ist dann eins.

Ich legte die Waffe behutsam auf den Fußboden. Es war ein Karabiner, etwas über einen Meter lang, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der Kolben war zerkratzt, und die Waffe war entladen. Konnte eine 7,92 Millimeter sein. Ich fasste in meine Hosentasche. Die Kugel, die ich bei der Hütte aus dem Holz des Baumes geholt hatte, war noch da. Ich holte sie hervor und betrachtete sie in dem miesen Licht, das ich hier hatte. Verformt und verdreht, durch den Aufschlag im Holz. Vielleicht das gleich Kaliber. Es konnte hinkommen.
Ich kalkulierte im Kopf, versuchte mir die Kugel vor ihrem Einschlag vorzustellen, sah mit den Karabiner nochmal an, und bemerkte darüber beinahe nicht das leise Klicken einer Türe draußen im Gang. Die Schritte hörte ich dann, nur waren es leider nicht viele Schritte. Sie stoppten vor der Tür. Jemand versuchte aufzuschließen. Jenkins Stimme fluchte und wunderte sich, und dann drückte er die Klinke. Bis zur Kellertreppe schaffte ich es nicht mehr. Ich packte mir seine Kanone und verdrückte mich zwischen die Regale. Die Tür knirschte, und das Licht ging an. Zwei einzelne, nackte Glühbirnen, und eine von ihnen hing genau über meinem Kopf.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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