Fern die die Zeit (XXII)
Wir saßen am Kai, ließen die Beine baumeln und sahen hinaus auf das Meer, das ebenso wie der Himmel eine schmutziggraue Färbung angenommen hatte. Unsere Kippen qualmten, und sie nahm genießerische Züge.
„Was machen sie hier?“ eröffnete sie schließlich die Unterhaltung. „Urlaub?“
„M-hm“, gab ich zurück. „Ein paar Tage ausspannen. Ich bin aber schon wieder fast fertig damit. Werd am Freitag zurückfahren.“
Sie aschte in die Luft. Der Wind trug den Aschekrümel hinaus aufs Wasser.
„Und, was halten sie von dem Dorf?“
„Es ist sicherlich ein großartiger Ort, um seine Ferien zu verbringen. Vorausgesetzt, man mag Ruhe und Einsamkeit.“
Sie verzog ihren Mund, als Illustration dafür, was sie von Ruhe und Einsamkeit hielt.
„Warum bist du nicht zuhause geblieben?“ fragte ich sie.
„Meine Mutter ist Fotografin. Sie ist oft unterwegs. Und mein Vater ist tot.“
„Das tut mir Leid.“
„Muss es nicht. Er war ein übler Kerl. Meiner Mutter geht es viel besser, seit er weg ist. Sie ist richtig aufgeblüht, als wär sie ein ganz anderer Mensch geworden. Ich vermisse ihn auch nicht. Es ist nicht so, als ob etwas Gutes plötzlich verschwunden wäre, verstehen sie? Bloß andere Dinge, um die es nicht schade ist.“
Sie wandte sich ab und sah aufs Meer, plötzlich in Gedanken oder Erinnerungen. Ihre Zigarette gab ihren Geist auf, und sie merkte es und schmiss sie ins Hafenbecken, und holte sich eine neue aus ihrer Packung.
„In dem Tempo merkt deine Tante mit Sicherheit, dass du rauchst“, gab ich meinen Senf dazu, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte.
„Und wenn schon. Man lebt nur einmal, habe ich recht?“
Sie lächelte mich kurz an. Ich gab ihr wieder Feuer.
„Meine Mutter will nicht, dass ich wochenlang allein zuhause bin, wenn sie unterwegs ist. Deshalb hat sie mich hierher geschickt, zu Tante Emma, solange die Ferien dauern. Außer sie kommt früher wieder zurück.“
„Deine Tante heißt tatsächlich Emma?“
Sie nickte.
„Und dein Onkel dann Otto, oder?“
Über diesen Scherz verzog sie den Mund, aus Spaß oder Schmerz, was ihre Lippen gut zur Geltung brachte. Die Zigarette rutschte ihr dabei in den Mundwinkel, und sie nahm sie aus dem Mund und hustete.
„Meine Tante war nie verheiratet. Sie ist hier geboren und wird irgendwann hier sterben, da bin ich mir sicher. Und dazwischen führt sie den Gemischtwarenladen.“
„Dann ist deine Mutter auch von hier.“
Sie nickte.
„Und du?“
„Ich bin geboren worden, als meine Mutter das Dorf schon verlassen hatte. Sie hat meinen Vater später kennengelernt.“
Sie wandte sich mir zu.
„Und sie, was tun sie, wenn sie nicht gerade am Ende der Welt Urlaub machen?“
„Ich arbeite in der Stadt. Ich bin Buchhalter.“
„Buchhalter?“
Diesmal nickte ich.
„Wie ein Buchhalter sehen sie aber gar nicht aus. Sie sehen ganz schön gut aus für einen Buchhalter.“
Sie errötete, als sie merkte, was sie gerade gesagt hatte.
„Entschuldigung“, kam es kleinlaut von ihr.
„Das macht nichts. Es gibt solche und solche von uns Papierschubsern. Und du hast Recht: Die meisten sind nicht unbedingt kräftig.“
Jetzt lächelte sie wieder. Ich hatte das Gefühl, dass das eine gute Gelegenheit war, ihr ein paar Dinge aus der Nase zu ziehen.
„Sag mal, deine Tante hat keine allzu gute Meinung von Fanny Gros, oder?“
„Fanny Gros? Woher kennen sie die denn? Sie wohnen sicherlich bei ihr, oder?“
„Ja.“
„Da haben sie’s ja gut erwischt. Fanny zieht den Touristen gern soviel Geld wie möglich aus der Tasche. Aber die Touristen haben keine große Wahl, wenn sie erstmal hier sind. Es sind aber nicht viele. Immer nur die gleichen alten Gesichter, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Sie seufzte.
„Sie meinte, ich solle auf mein Portmonee aufpassen. Ist sie so eine?“
„Ach, meine Tante übertreibt. Vielleicht macht Fanny manchmal den Langfinger, das kann schon sein. Aber vor allem können meine Tante und Fanny sich nicht ausstehen. Das ist, weil Fanny einmal in ziemlicher Konkurrenz zu ihr stand, in mehr als einer Hinsicht.“
Sie ließ das Ende des Satzes offen in der Luft hängen, und mich an ihren Lippen, zwischen denen sie ihre dritte Zigarette balancierte. Ich gab ihr ein drittes Mal Feuer.
Sie zog zufrieden. „Fanny hat mal ihren eigenen Laden aufgemacht, in ihrem Haus. Sie fuhr in die Stadt, kaufte dort ein und verkaufte hier weiter. Naja, eine Konkurrenz eben zum Laden meiner Tante.“ Das war noch nicht alles. Jetzt senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern und raunte: „Und meine Tante und Fanny hatten’s außerdem mal auf den gleichen Kerl abgesehen.“
Das war’s. Das Familiengeheimnis war draußen.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was wäre die angemessene Reaktion auf eine solche Enthüllung gewesen? Also sagte ich erstmal gar nichts, sondern zündete mir selber noch eine Zigarette an.
„Und?“ fragte ich schließlich.
„Was und?“ entgegnete sie.
„Na, wer hat gewonnen?“
„Fanny hat mit ihrem Laden irgendwann wieder aufgehört. Sie hat sich lieber darauf verlegt, die Touristen auszunehmen. Und was den Kerl angeht: Fanny hat ihn geheiratet. Meine Tante ist eine alte Jungfer.“
Sie zuckte mit den Schultern und ließ die Beine baumeln. Die Absätze ihrer Boots machten ein dumpfes Geräusch, wenn sie gegen die Mauer schlugen.
„Jetzt lebt sie allein“, sagte ich, nur um irgendwas zu sagen. „Fanny, meine ich.“
„Er ist gestorben. Wie es im Leben so geht.“
Sie war ziemlich abgeklärt für eine sechzehnjährige.
„Wie alt bist du überhaupt?“ fragte ich ziemlich abrupt.
„Wieso?“ kam ihre verblüffte Reaktion.
„Du rauchst wie ein Schlot. Du bist sechzehn, oder?“
Sie sah mich gekränkt an. „Ich bin achtzehn, Mister.“
Ich schaute sie ebenfalls an. Sie versuchte meinem Blick standzuhalten, aber es gelang ihr nicht. Ihre Augen brachen aus. Zuerst wurden sie fahrig, dann fingen ihre Pupillen im weißen Rund der Iris an zu zittern, und dann schaute sie vor sich aufs Wasser.
„Also gut, ich bin siebzehn. Und sie, Mister, wie alt sind sie?“
„Alt genug. Zu alt eigentlich schon für meinen Job manchmal.“
„Was, als Buchhalter?“
„Genau.“
Sie warf ihre Zigarettenkippe auf Wasser zu den anderen und stand auf.
„Ich fand’s prima mit ihnen zu rauchen, aber ich sollte jetzt wieder rein. Danke für die Zigaretten.“
„Nichts zu danken“, erwiderte ich, blieb aber sitzen. „Rauch sie nicht alle auf einmal.“
„Und trinken sie langsam mit ihrer Flasche.“ Die Flasche stand neben mir auf dem Kai. Ich hatte sie ganz vergessen.
„Ich heiße Phil.“
„Phil? Wofür ist das denn die Kurzform? Philippa?“
„Wenn’s nur das wäre.“ Sie schnaubte. „Meine Mutter hat mich Philadelphia genannt. So ein Quatsch! Aber so heiße ich jetzt, die ganzen siebzehn Jahre. Alle nennen mich Phil, machen sie’s auch so.“
„Okay.“
Ich nannte ihr meinen Namen, und sie winkte kurz und war dann wieder im Laden, wo sie den Rest des Tages wahrscheinlich damit verbringen würde, heimlich zu rauchen und Zahlen in ihr kleines Büchlein einzutragen.
Ich sah hinunter auf das Wasser: Fünf Zigarettenstummel tanzten in einem kleinen Strudel direkt an einem der Poller. Sie wirkten wie ein Schwarm kleiner Vögel, der sich jede Minute erheben und davonfliegen konnte. Ich sah ihnen zu und wartete ab, und als sie nach fünf Minuten noch immer keine Anstalten machten, aufzuflattern, stand ich selber auf und ging weiter. Es wurde jetzt langsam wirklich kalt, und es wurde dunkel. Also ging ich zurück ins Café. Sonst gab es für mich nichts zu tun. Nur die Erinnerung, und ich hatte schon genug Zeit damit verbracht, der nachzuhängen.
„Was machen sie hier?“ eröffnete sie schließlich die Unterhaltung. „Urlaub?“
„M-hm“, gab ich zurück. „Ein paar Tage ausspannen. Ich bin aber schon wieder fast fertig damit. Werd am Freitag zurückfahren.“
Sie aschte in die Luft. Der Wind trug den Aschekrümel hinaus aufs Wasser.
„Und, was halten sie von dem Dorf?“
„Es ist sicherlich ein großartiger Ort, um seine Ferien zu verbringen. Vorausgesetzt, man mag Ruhe und Einsamkeit.“
Sie verzog ihren Mund, als Illustration dafür, was sie von Ruhe und Einsamkeit hielt.
„Warum bist du nicht zuhause geblieben?“ fragte ich sie.
„Meine Mutter ist Fotografin. Sie ist oft unterwegs. Und mein Vater ist tot.“
„Das tut mir Leid.“
„Muss es nicht. Er war ein übler Kerl. Meiner Mutter geht es viel besser, seit er weg ist. Sie ist richtig aufgeblüht, als wär sie ein ganz anderer Mensch geworden. Ich vermisse ihn auch nicht. Es ist nicht so, als ob etwas Gutes plötzlich verschwunden wäre, verstehen sie? Bloß andere Dinge, um die es nicht schade ist.“
Sie wandte sich ab und sah aufs Meer, plötzlich in Gedanken oder Erinnerungen. Ihre Zigarette gab ihren Geist auf, und sie merkte es und schmiss sie ins Hafenbecken, und holte sich eine neue aus ihrer Packung.
„In dem Tempo merkt deine Tante mit Sicherheit, dass du rauchst“, gab ich meinen Senf dazu, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte.
„Und wenn schon. Man lebt nur einmal, habe ich recht?“
Sie lächelte mich kurz an. Ich gab ihr wieder Feuer.
„Meine Mutter will nicht, dass ich wochenlang allein zuhause bin, wenn sie unterwegs ist. Deshalb hat sie mich hierher geschickt, zu Tante Emma, solange die Ferien dauern. Außer sie kommt früher wieder zurück.“
„Deine Tante heißt tatsächlich Emma?“
Sie nickte.
„Und dein Onkel dann Otto, oder?“
Über diesen Scherz verzog sie den Mund, aus Spaß oder Schmerz, was ihre Lippen gut zur Geltung brachte. Die Zigarette rutschte ihr dabei in den Mundwinkel, und sie nahm sie aus dem Mund und hustete.
„Meine Tante war nie verheiratet. Sie ist hier geboren und wird irgendwann hier sterben, da bin ich mir sicher. Und dazwischen führt sie den Gemischtwarenladen.“
„Dann ist deine Mutter auch von hier.“
Sie nickte.
„Und du?“
„Ich bin geboren worden, als meine Mutter das Dorf schon verlassen hatte. Sie hat meinen Vater später kennengelernt.“
Sie wandte sich mir zu.
„Und sie, was tun sie, wenn sie nicht gerade am Ende der Welt Urlaub machen?“
„Ich arbeite in der Stadt. Ich bin Buchhalter.“
„Buchhalter?“
Diesmal nickte ich.
„Wie ein Buchhalter sehen sie aber gar nicht aus. Sie sehen ganz schön gut aus für einen Buchhalter.“
Sie errötete, als sie merkte, was sie gerade gesagt hatte.
„Entschuldigung“, kam es kleinlaut von ihr.
„Das macht nichts. Es gibt solche und solche von uns Papierschubsern. Und du hast Recht: Die meisten sind nicht unbedingt kräftig.“
Jetzt lächelte sie wieder. Ich hatte das Gefühl, dass das eine gute Gelegenheit war, ihr ein paar Dinge aus der Nase zu ziehen.
„Sag mal, deine Tante hat keine allzu gute Meinung von Fanny Gros, oder?“
„Fanny Gros? Woher kennen sie die denn? Sie wohnen sicherlich bei ihr, oder?“
„Ja.“
„Da haben sie’s ja gut erwischt. Fanny zieht den Touristen gern soviel Geld wie möglich aus der Tasche. Aber die Touristen haben keine große Wahl, wenn sie erstmal hier sind. Es sind aber nicht viele. Immer nur die gleichen alten Gesichter, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Sie seufzte.
„Sie meinte, ich solle auf mein Portmonee aufpassen. Ist sie so eine?“
„Ach, meine Tante übertreibt. Vielleicht macht Fanny manchmal den Langfinger, das kann schon sein. Aber vor allem können meine Tante und Fanny sich nicht ausstehen. Das ist, weil Fanny einmal in ziemlicher Konkurrenz zu ihr stand, in mehr als einer Hinsicht.“
Sie ließ das Ende des Satzes offen in der Luft hängen, und mich an ihren Lippen, zwischen denen sie ihre dritte Zigarette balancierte. Ich gab ihr ein drittes Mal Feuer.
Sie zog zufrieden. „Fanny hat mal ihren eigenen Laden aufgemacht, in ihrem Haus. Sie fuhr in die Stadt, kaufte dort ein und verkaufte hier weiter. Naja, eine Konkurrenz eben zum Laden meiner Tante.“ Das war noch nicht alles. Jetzt senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern und raunte: „Und meine Tante und Fanny hatten’s außerdem mal auf den gleichen Kerl abgesehen.“
Das war’s. Das Familiengeheimnis war draußen.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was wäre die angemessene Reaktion auf eine solche Enthüllung gewesen? Also sagte ich erstmal gar nichts, sondern zündete mir selber noch eine Zigarette an.
„Und?“ fragte ich schließlich.
„Was und?“ entgegnete sie.
„Na, wer hat gewonnen?“
„Fanny hat mit ihrem Laden irgendwann wieder aufgehört. Sie hat sich lieber darauf verlegt, die Touristen auszunehmen. Und was den Kerl angeht: Fanny hat ihn geheiratet. Meine Tante ist eine alte Jungfer.“
Sie zuckte mit den Schultern und ließ die Beine baumeln. Die Absätze ihrer Boots machten ein dumpfes Geräusch, wenn sie gegen die Mauer schlugen.
„Jetzt lebt sie allein“, sagte ich, nur um irgendwas zu sagen. „Fanny, meine ich.“
„Er ist gestorben. Wie es im Leben so geht.“
Sie war ziemlich abgeklärt für eine sechzehnjährige.
„Wie alt bist du überhaupt?“ fragte ich ziemlich abrupt.
„Wieso?“ kam ihre verblüffte Reaktion.
„Du rauchst wie ein Schlot. Du bist sechzehn, oder?“
Sie sah mich gekränkt an. „Ich bin achtzehn, Mister.“
Ich schaute sie ebenfalls an. Sie versuchte meinem Blick standzuhalten, aber es gelang ihr nicht. Ihre Augen brachen aus. Zuerst wurden sie fahrig, dann fingen ihre Pupillen im weißen Rund der Iris an zu zittern, und dann schaute sie vor sich aufs Wasser.
„Also gut, ich bin siebzehn. Und sie, Mister, wie alt sind sie?“
„Alt genug. Zu alt eigentlich schon für meinen Job manchmal.“
„Was, als Buchhalter?“
„Genau.“
Sie warf ihre Zigarettenkippe auf Wasser zu den anderen und stand auf.
„Ich fand’s prima mit ihnen zu rauchen, aber ich sollte jetzt wieder rein. Danke für die Zigaretten.“
„Nichts zu danken“, erwiderte ich, blieb aber sitzen. „Rauch sie nicht alle auf einmal.“
„Und trinken sie langsam mit ihrer Flasche.“ Die Flasche stand neben mir auf dem Kai. Ich hatte sie ganz vergessen.
„Ich heiße Phil.“
„Phil? Wofür ist das denn die Kurzform? Philippa?“
„Wenn’s nur das wäre.“ Sie schnaubte. „Meine Mutter hat mich Philadelphia genannt. So ein Quatsch! Aber so heiße ich jetzt, die ganzen siebzehn Jahre. Alle nennen mich Phil, machen sie’s auch so.“
„Okay.“
Ich nannte ihr meinen Namen, und sie winkte kurz und war dann wieder im Laden, wo sie den Rest des Tages wahrscheinlich damit verbringen würde, heimlich zu rauchen und Zahlen in ihr kleines Büchlein einzutragen.
Ich sah hinunter auf das Wasser: Fünf Zigarettenstummel tanzten in einem kleinen Strudel direkt an einem der Poller. Sie wirkten wie ein Schwarm kleiner Vögel, der sich jede Minute erheben und davonfliegen konnte. Ich sah ihnen zu und wartete ab, und als sie nach fünf Minuten noch immer keine Anstalten machten, aufzuflattern, stand ich selber auf und ging weiter. Es wurde jetzt langsam wirklich kalt, und es wurde dunkel. Also ging ich zurück ins Café. Sonst gab es für mich nichts zu tun. Nur die Erinnerung, und ich hatte schon genug Zeit damit verbracht, der nachzuhängen.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


1 Kommentare:
Der Mann, der seine Haare überall hatte, Zigaretten raucht und Frauenhälse begutachtet -- ausgezeichnet!!
Kommentar veröffentlichen
Links zu diesem Post:
Link erstellen
<< Startseite