Samstag, November 22, 2008

Satori

Ich fragte mich, welche Bedeutung die verschiedenen Darstellungsweisen der „Erleuchtung“ wohl besaßen. Und hatte auch noch eine weitere Definition zu klären: nämlich was die „Erleuchtung“ eigentlich war, als subjektiv erlebbarer Zustand.

Was bedeutet „erleuchtet sein“?
Zuerst einmal hat es für die meisten Menschen eine wertende Komponente: Jener, der erleuchtet ist, ist besser als jener, der es nicht ist. Der Erleuchtete ist ein besserer, wertvollerer Mensch als der Nicht-Erleuchtete.
Das ist natürlich Unsinn. Solange der Nicht-Erleuchtete sich nach der Erleuchtung sehnt, solange mag er solchen Ansichten und Überzeugungen nachhängen. Sein Sehnen nach der Erleuchtung stammt nicht aus dem Wissen- und Verstehen-Wollen, sondern aus der ganz egoistischen Sehnsucht nach Erhöhung der eigenen Größe. „Wenn ich erst erleuchtet bin, werde ich viel weiser sein, und alle anderen werden zu mir aufblicken und mich um Rat fragen“, denkt er bei sich, und vielleicht ist es sogar tatsächlich diese Motivation, die ihn auf die ersten Schritte des langen Weges (Tao) schickt.
Was bedeutet nun das Wort „erleuchten“? Nun, prosaischer ausgedrückt heißt es „das Licht anmachen“. Es ist nicht einmal ein besonderes Ausleuchten, ein übertriebenes In-Die-Ecken-Leuchten, sondern ein ganz allgemeines Erhellen. Zünde die Lampe an und hänge sie an den Querbalken des Geistesraumes.
Erleuchten bedeutet: Licht in ein Dunkel bringen.
Erleuchtet sein bedeutet: Licht in das eigene, innere Dunkel der Seele und des Verstandes zu bringen.
Der Erleuchtete ist nicht besser: er weiß nur ein wenig besser über sich selbst und das eigene Funktionieren Bescheid, und dadurch mag er ein wenig mehr über jeden anderen Menschen auch und den „Menschen an sich“ (hier viel besser noch: IN sich) wissen als jener, der in sich noch ein Mehr an Dunkel trägt, weil er in seinem Geist noch im Dunklen tappt.
Das ist fast wörtlich zu verstehen: Was den „erleuchteten“ vom unerleuchteten Geist unterscheidet, ist das Gewahrsein der eigenen, innersten Vorgänge und Abläufe, und das damit einhergehende und resultierende Überwinden dieser Abläufe. Der erleuchtete Geist ist sich selbst klar. Der unerleuchtete Geist ist ein ständiges Opfer seiner selbst, seiner Ängste, Befürchtungen, Wünsche, Träume und Begierden. Er mag Angst haben, große Angst, und gleichzeitig keine Ahnung haben, warum er diese Angst hat. Er wird nicht in sich dringen, in dem Versuch, hinter die Angst und ihre ursächliche Motivation zu schauen, sondern aus Angst vor der Angst die Angst still ertragen (und allzu oft überhaupt nicht still, sondern von starker Agitation und Ablenkung getragen), so unerträglich sie ihm ist. Auch dem Erleuchteten sind die alten Ängste (und neuen) unerträglich, doch er blickt hinter sie. Er wird erkennen, dass es keine Angst geben muss. Angst ist nicht vom Schicksal bestimmt: Wir erzeugen sie selbst.

Das Untersuchen und Verstehen seiner selbst ist unabdingbar. Angst kann aus der Machtlosigkeit des Kindes resultieren, aus den gemachten Erfahrungen, aus Zurückweisungen und Zumutungen vergangener Szenen. Man ist jedoch in jedem Augenblick niemals mehr der Mensch, der man damals war, sondern ist immer ein anderer, der „jetzige“ Mensch. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht, nur unsere Meinungen von ihnen. Als solche wurzeln sie in uns selbst, in unserem Geist, und als Erscheinungen unserer selbst quälen sie uns – quälen WIR uns. Niemand macht das freiwillig! Wer erkennt, dass die Angst einzig und allein in ihm selbst gründet, der hört auf, ängstlich zu sein. Jedoch ist die Kenntnis des Selbst und seiner Vorgänge und Abläufe so begrenzt und unvollständig, dass man sich kontinuierlich als Opfer des eigenen Geistes erfährt.
Wir sind keine Opfer.
Erleuchtung bedeutet: ein Licht anzünden, und die Gefahren, die aus dem Dunkel kommen, entpuppen sich als selbst fantasierte Schemen, ähnlich dem Traum.

Wie wird die Erleuchtung nun dargestellt? Bildhaft-symbolisch oder unmittelbar. Das Bildhaft-Symbolische mag jenem als Illustration dienen, der am Anfang oder gar noch vor Beginn der Reise steht. Die unmittelbare Erfahrung weicht von diesen Bildern jedoch immer ab, denn es sind die Bilder eines anderen, die aus den Urgründen einer anderen Person, einer anderen Seele stammen. Was dem einen eine Wahrheit, mag dem anderen unverständliches Gauklertum sein.
Nutze die Bilder als Hinweise, nicht als Wahrheit. Halte keine Allegorie für unfehlbar, sondern halte dich an deine eigene, EHRLICHE (vor allem dir selbst gegenüber ehrliche!) Erfahrung.
Die Wahrhaftigkeit der Erleuchtung erkennt man nicht an dem, was sie vorgeblich sein soll, sondern an dem, was sie an Handeln zeitigt.
Spricht zu dir einer von einer Erleuchtung in Elefantengestalt, so sei es, was kümmert dich die subjektive Wahrhaftigkeit seiner ureigensten Bilder für ihn selbst. Handelt er aber aus Egoismus und Selbstsucht heraus, aus der Gier nach Macht, Geld, Befriedigung etc., dann zeigt er dir selbst, was seine vorgebliche Erleuchtung und Selbst-Verstehen wert ist. Die allermeisten sogenannten Gurus fallen in diese Kategorie.

Die Erleuchtung geschieht schrittweise: Das intellektuelle Verstehen geschieht immer zuerst. Es ist nur der erste und der leichteste aller Schritte, auch wenn die meisten schon hieran scheitern. Denn die intellektuelle Erkenntnis für sich allein ist nichts, sie bleibt vollkommen wertlos, wenn sie nicht in den zweiten Schritt übergeht: das subjektive Fühlen.
Das klar umgrenzte, objektivierbare, übermittelbare Wissen wird zu einem Teil deines Fühlens und Handelns. Es wird zu einem intuitiven Bestandteil deiner selbst. Es wird von Worten und Bedeutungen zu Wortlosem, Undeutbarem. Durch Rede ist es nicht mehr sagbar, durch Bilder nicht mehr anschaulich. Es zeigt sich allein UNMITTELBAR (denn Worte und Bilder sind Mittel, mittelbar zeigen sie das, was einmal persönliche Erfahrung war) aus deinem Handeln und Reden selbst.

Labels:

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite