Samstag, November 22, 2008

Homo Sapiens

Die Psychologie interessierte mich manchmal nicht mehr wirklich, da das Gebiet, auf das sie ihr Augenmerk richtete, für meinen Geschmack zu beschränkt war. Folgendes war meine Überzeugung:

Weder kennen noch beherrschen wir unseren Geist nur im Entferntesten. Wir sind Spielbälle unserer innersten Regungen. Oft ist die Angst vor dem, was wir in uns entdecken könnten, so ausgeprägt, dass schon allein der Gedanke an eine Erkundung der eigenen Seele nicht zugelassen wird.
Die Krankheit ist nur das äußerste Ende des geistigen Kontinuums, und auch jene, die sich gesund deuchen – einfach nur deshalb, weil sie in der Mehrheit sind – befinden sich vom umfassenden Standpunkt aus der Krankheit näher als der Gesundheit, wirklicher Gesundheit, die den Menschen erblühen und seine Umgebung gedeihen lässt.

Wir senden Leiden in die Welt, und das äußere Leiden, das wir erzeugen, ist nur ein Spiegel des inneren Leidens, das fortgesetzt und ohne Unterlass in den Eingeweiden unseres Geistes wütet und Frieden und Selbstsicherheit verzehrt. Wir haben seltsame Überzeugungen, die keinerlei funktionale Gründe haben und mehr zu unserer Qual denn zu unserer Genesung beitragen. Wir nennen diese unsere Überzeugungen, unseren Glauben, unsere Ziele, unser Selbst. Schemata sind sie, und nichts als Schemen in unserer geistigen Welt. Wir lassen zu, dass sie von uns, von unserem Geist Besitz ergreifen, und tragen sie aus der Welt des Alles-und-Nichts, die in unseren Köpfen ist und für uns zu beiden Teilen alles und doch wiederum nichts bedeutet, hinaus in die Welt der vorgeblich objektiven Sachverhalte, die äußere Welt der Abhängigkeiten. Sie gedeihen nur aus uns selbst, und können nur mit uns gemeinsam gedeihen. Wir sind nicht die Opfer, wir sind die Träger und der Brutgrund der Krankheit, die aus unserem Bewusstsein kommt und die Welt infiziert hat. Alle sind wir infiziert, vom ersten bis zum letzten Mann. Alles, was auf dieser Erde lebt und der glorreichen Rasse des Homo Sapiens angehört, trägt den Keim in sich, der letztlich die Vernichtung des „denkenden“ Menschen bedeutet. Die Krankheit sitzt schon in unserem Namen: „Sapiens“. Es ist die Frage, was das Denken des Menschen wert ist.

Wir können das Denken als Werkzeug nutzen. Wenn wir das Denken freilassen, werden wir zu seinem Werkzeug - und dies ist bereits geschehen. Der Geist ist in die Flasche zurückzuzwingen ist allerdings möglich. Zuerst müssen wir unsere eigene Funktion als Werkzeuge deutlich erkennen.
Das Problem ist: Täter und Opfer, Ausführender und Werkzeug sind in diesem Fall identisch. Sie sind so eng miteinander verwachsen, so sehr Ausprägungen desselben Grundes, dass wir die Schuld nicht von uns weisen können. Solange wir in Begriffen von „Schuld“ und „Unschuld“ denken, kann die Befreiung nicht gelingen.
Was ist die Befreiung?
Die Befreiung ist das Erkennen der Schemata, die im eigenen Geist wurzeln.
Wir können in diesem Erkennen immer tiefer und tiefer steigen, wie auf einer Wendeltreppe in einem alten Brunnenschacht. Wir steigen hinab, und die Gesteinsschichten verändern sich, die Fossilien sind verschieden, das Licht wird immer knapper.
In den tiefsten Schichten des Schachtes, dort, wo noch nie das Licht des Geistes hingefallen ist, werden wir, schon fast am Grunde angelangt, die tiefste aller Täuschungen und das mächtigste aller Schemata erkennen: uns selbst.
Ich weiß, dass der Brunnen nicht unendlich tief ist. Es gibt einen Urgrund, einen tiefsten Grund, auf dem wir letztendlich anlangen werden.
Dies ist die Täuschung unserer eigenen Identität.

Die Daten stimmen, aber unsere Schlüsse sind eingeschränkt und oftmals falsch. Wir gehen von den Äußerlichkeiten aus, nicht vom Inneren. Das Denken entzieht sich seiner selbst.
Am Grunde dieser Täuschung angelangt, wenn wir es schaffen, Licht auch noch in dieses Dunkel zu bringen, wird ein ganz anderes Licht zu leuchten beginnen, und eine andere Art von Erkenntnis wird sich endgültig Bahn brechen. Sie wuchs schon während unseres Abstiegs in die Tiefen des Geistes immer mehr an, um zu einem letzten Kräftemessen mit dem Glauben des Ich bereit zu sein.
All dies ist jedoch kein Kampf, wie wir letztendlich und unweigerlich werden einsehen müssen. Es wird der schwerste aller Kämpfe sein, solange wir ihn kämpfen. Selten wird es eine Pause des Kampfgetümmels geben, und nie werden wir uns wirklich sicher fühlen können. Wenn wir ihn jedoch zu Ende geführt haben, wird das Erkennen machtvoll und unwiderstehlich über uns kommen: dass wir keinen Kampf kämpften und niemals einen Kampf zu kämpfen hatten. Die Entwicklung wird zwangsläufig gewesen sein, und was es war, war eine Befreiung des Geistes, ja eine Befreiung des „Selbst“.
Das Abfallen der Grenzen ist die letzte Befreiung.

Diesen Inhalt könnte die Geschichte haben, die Geschichte aller Menschen: Steige hinab in deine eigenen Tiefen, erkenne dein eigenes Handeln. Erkenne dich selbst, und sieh, dass du bist wie sie.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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