Fern wie die Zeit (XVI)
Als er zum zweiten Mal wieder zu sich kam, saßen wir wieder gemütlich um den Tisch. Der Whiskey war gar nicht übel. Ich hatte ihn regelrecht darin tränken müssen, um ihn wieder wachzukriegen.
„Also, warum die Flinte?“, fragte ich ihn. Er reagierte schneller jetzt. Ich musste nur mit dem Lauf winken, und er sprudelte über wie ein Bergbächlein.
„Es gibt ne Menge Wildschweine hier im Wald“, sagte er. „Denen wollen sie nachts nicht begegnen, Mister.“
„Quatsch! Du hast die Kanone mitgenommen, weil’s hier in dieser Hütte was zu verbergen gibt, und weil ihr wisst, dass ich hier nach Frances suche.“
„Nein! Wirklich, Mister, ’s war wegen den Wildschweinen. Ich weiß ja gar nich, wer sie eigentlich sind. Ich will’s auch gar nicht wissen“, fügte er hinzu, offenbar von der Furcht beseelt, als Mann, der zuviel wusste, unter die Erde gebracht zu werden.
„Also gut, wer lebt hier? Frances Henrie, oder?“
Er zögerte kurz und biss sich auf die Unterlippe. Dann nickte er nur stumm.
„Und was macht er hier? Malt er mit Tuft?“
Wieder nickte er nur. Eine Träne rann ihm über die schmutzige Wange.
„Was’n los mit dir, Jungchen?“
Es kam noch eine Träne. Er war schien ziemlich dicht am Wasser gebaut auf einmal. Dann fing er mir nichts dir nichts richtig an zu heulen.
„Bitte, sie dürfen den Zeichnungen nichts tun“, schluchzte er.
Ich tat mal so, als wüsste ich, wovon er redete.
„Und warum sollt ich?“, fragte ich ihn.
„Das Dorf!“, heulte er bloß, gefolgt von noch ein paar Tränen.
Ich verstand nur Bahnhof.
„Lass uns nochmal von vorn anfangen“, sagte ich. „Die Zeichnungen haben mit dem Dorf zu tun. Frances hilft Tuft, sie anzufertigen.“ Keine große Reaktion von ihm. Er starrte nur vor sich hin jetzt. Gedanken begannen sich hinter seiner Stirn zu formen.
„Was bedeuten die Zeichnungen für’s Dorf? Und wo ist Frances? Jetzt lass dich mal nicht lange bitten, raus damit!“
Seine Reaktion deutete sich an. Vielleicht nahm ich deshalb die Waffe ein wenig aus seiner Reichweite, so dass er sie nicht richtig umfassen konnte, als er mit einem lauten Schrei von seinem Stuhl schnalzte, und mit den Fingern vom Lauf wieder abglitt. Sein Schwung warf uns beide von den Füßen, und mit Gepolter gingen wir zwischen den Kisten zu Boden. Ich stieß mir den Kopf an einer Kante, und auch ihn schien es irgendwo gegen geworfen zu haben, so wie er jaulte. Aber die Furcht oder der Hass oder was es war verlieh ihm eine grandiose Schnelligkeit, und bevor ich auch nur schauen konnte war er wieder auf den Füßen und griff nochmal nach der Flinte, und diesmal bekam er sie zu fassen. Er stand einen Meter vor mir und ließ jetzt mich in den Lauf schauen. Im Gegensatz zu mir drückte er allerdings auch sofort ab.
Er hatte allerdings vergessen, den Sicherungsbügel zurückzuklappen. Der Hahn klackte ins Leere, und für einen Moment glotzte er blöd. Dieser Moment war alles, was ich brauchte. Ich trat ihm gegen das Knie, und er sackte ein. Mit dem zweiten Tritt zielte ich auf eine besonders empfindliche Stelle, die ihn mir auf dem Boden nochmal deutlich näher brachte. Mit den Fingern versuchte er immernoch, die Sicherung zu lösen. Ich ließ meinen Schädel gegen sein Kinn krachen. Das brachte ihn erstmal davon ab. Es brachte ihn erstmal von allem ab.
Mein Kopf dröhnte. Ich stand auf und atmete tief durch. Dieser Bursche hatte den Teufel im Leib. Zum Glück war er nicht besonders helle. Ich hatte mich schon an der Hüttenwand verteilt gesehen. Mit so einer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Was immer es mit Hendrichs Zeichnungen und Tufts Galerie auf sich hatte, es ging dem Burschen nahe, so nahe, dass er seine Angst vergaß und mich um ein Haar erledigt hätte.
Ich sah mir die Hütte nochmal genauer an. Die Fensterläden konnten von innen und von außen verschlossen werden, und der Riegel an der Tür hielt. Er war von außen befestigt, nicht von innen. Wer immer diese Hütte gebaut hatte, er hatte keine Ahnung, aber mir kam es jetzt sehr zupass. Die verdammte Hütte gab ein erstklassiges Gefängnis ab.
Ich legte Zottelhaar aufs Bett, stellte seine entladene Kanone daneben und schloss ihn ein. Die Fensterläden verrammelte ich von außen. Er würde es ein bisschen dunkel und stickig haben da drin, aber mehr konnte ich gerade nicht für ihn tun. Ich konnte ihn schlecht im Dorf rumrennen lassen nach dem, was hier heute Abend passiert war. Dann noch Hendrichs zu finden, konnte ich vergessen. Hier gab es Essen, Wasser, Wein und sogar Schnaps. Er konnte sogar was malen, um sich die Zeit zu vertreiben. Das Petroleum würde sicher ein paar Tage reichen. Viel länger würde er auch hier draußen nicht unbemerkt bleiben.
Ich tauschte das Schloss außen an der Tür noch gegen ein anderes aus, das ich in der Hütte gefunden hatte. Schließlich war Zottelhaar nicht der tatsächliche Bewohner der Hütte. Es gab also noch einen zweiten Schlüssel. Ich musste die Befreiung ja nicht so einfach wie möglich machen.
So oder so, meine Zeit hier im Dorf war jetzt angezählt. Ich konnte wohl noch mit einem, vielleicht zwei Tagen rechnen, viel mehr aber auch nicht. Wenn man Zottelhaar entdeckte, würde wohl einiges Geheul losbrechen. Besser ich war dann weit weg.
Außerdem wusste ich noch immer nicht, wer es heute Mittag auf mich auf mich abgesehen gehabt hatte. Zottelhaar hatte eine Schrotflinte. Auf mich geschossen hatte man aber mit einem Gewehr.
Das Boot lag ein gutes Stück weiter die Küste entlang in einer winzigen Bucht mit einem Fleckchen Kiesstrand, flankiert von gefährlich gezackten Felsen. Ich warf die Schrotmunition hinaus aufs Wasser, wo sie versank wie Blei. Naja, war’s ja auch.
Auf der Seestern gab es nichts Besonderes. Ich überlegte einen Moment, ob ich den Kahn losmachen oder versenken sollte, entschied mich dann aber dagegen. Ich wollte nicht noch mehr kaputtmachen. Also schnitt ich ein paar große Zweige von den nächsten Bäumen und breitete sie notdürftig über das Schifflein, so, dass man mit etwas Glück vom Meer aus nicht allzu viel sehen konnte. Die Gewässer hier direkt an der Küste sahen gefährlich aus, sogar im Mondschein. Da war eine Menge Brandungswasser da draußen, Untiefen wahrscheinlich und Sandbänke. Es gab vermutlich nicht so viele Seemänner, die hier nahe der Küste navigieren konnten. Das hoffte ich jedenfalls.
Weder bei Tuft noch bei Fanny Gros brannte noch Licht. Es war eine dunkle, tiefe Nacht, und ich fragte mich auf dem Rückweg, auf was ich hier gestoßen war und was Hendrichs damit zu tun hatte. Nach allem, was ich wusste, ging es um einen kleinen Betrug und nicht viel mehr, einfach einer von den Gründen, warum man einen Privatdetektiv hinter jemandem herschickt. Herauszufinden, dass Hendrichs nicht mehr in der Stadt war, hatte mich einiges an Zeit gekostet; herauszufinden, wohin er gefahren war, noch ein wenig mehr. Was mir nicht gefiel, war, dass Hendrichs oder Frances schon seit einem halben Jahr wieder hier in der Gegend sein sollte. So hatte es mir Peter gesagt. Im Gegensatz zu den anderen Bewohnern des Dorfes erschien er mir tatsächlich zu einfältig und zu freundlich zum Lügen. Er hatte auch zum ersten Mal das Zeichnen erwähnt. Hendrichs zeichnete also. Was, zum Teufel? Und was hatte es mit dem Dorf zu tun? Und warum flippte ein Kerl wie Zottelhaar darüber so aus?
Das Gequietsche von Fanny Gros‘ Haustür riss mich kurz aus den Gedanken. Es gab eine Menge neuer Fragen, und sie wurden umso verworrener, je länger ich über sie nachdachte. Tatsächlich beschäftigten sie mich so sehr, dass ich beinahe übersehen hätte, dass das Haar an meiner Zimmertüre nicht mehr an Ort und Stelle war.
„Also, warum die Flinte?“, fragte ich ihn. Er reagierte schneller jetzt. Ich musste nur mit dem Lauf winken, und er sprudelte über wie ein Bergbächlein.
„Es gibt ne Menge Wildschweine hier im Wald“, sagte er. „Denen wollen sie nachts nicht begegnen, Mister.“
„Quatsch! Du hast die Kanone mitgenommen, weil’s hier in dieser Hütte was zu verbergen gibt, und weil ihr wisst, dass ich hier nach Frances suche.“
„Nein! Wirklich, Mister, ’s war wegen den Wildschweinen. Ich weiß ja gar nich, wer sie eigentlich sind. Ich will’s auch gar nicht wissen“, fügte er hinzu, offenbar von der Furcht beseelt, als Mann, der zuviel wusste, unter die Erde gebracht zu werden.
„Also gut, wer lebt hier? Frances Henrie, oder?“
Er zögerte kurz und biss sich auf die Unterlippe. Dann nickte er nur stumm.
„Und was macht er hier? Malt er mit Tuft?“
Wieder nickte er nur. Eine Träne rann ihm über die schmutzige Wange.
„Was’n los mit dir, Jungchen?“
Es kam noch eine Träne. Er war schien ziemlich dicht am Wasser gebaut auf einmal. Dann fing er mir nichts dir nichts richtig an zu heulen.
„Bitte, sie dürfen den Zeichnungen nichts tun“, schluchzte er.
Ich tat mal so, als wüsste ich, wovon er redete.
„Und warum sollt ich?“, fragte ich ihn.
„Das Dorf!“, heulte er bloß, gefolgt von noch ein paar Tränen.
Ich verstand nur Bahnhof.
„Lass uns nochmal von vorn anfangen“, sagte ich. „Die Zeichnungen haben mit dem Dorf zu tun. Frances hilft Tuft, sie anzufertigen.“ Keine große Reaktion von ihm. Er starrte nur vor sich hin jetzt. Gedanken begannen sich hinter seiner Stirn zu formen.
„Was bedeuten die Zeichnungen für’s Dorf? Und wo ist Frances? Jetzt lass dich mal nicht lange bitten, raus damit!“
Seine Reaktion deutete sich an. Vielleicht nahm ich deshalb die Waffe ein wenig aus seiner Reichweite, so dass er sie nicht richtig umfassen konnte, als er mit einem lauten Schrei von seinem Stuhl schnalzte, und mit den Fingern vom Lauf wieder abglitt. Sein Schwung warf uns beide von den Füßen, und mit Gepolter gingen wir zwischen den Kisten zu Boden. Ich stieß mir den Kopf an einer Kante, und auch ihn schien es irgendwo gegen geworfen zu haben, so wie er jaulte. Aber die Furcht oder der Hass oder was es war verlieh ihm eine grandiose Schnelligkeit, und bevor ich auch nur schauen konnte war er wieder auf den Füßen und griff nochmal nach der Flinte, und diesmal bekam er sie zu fassen. Er stand einen Meter vor mir und ließ jetzt mich in den Lauf schauen. Im Gegensatz zu mir drückte er allerdings auch sofort ab.
Er hatte allerdings vergessen, den Sicherungsbügel zurückzuklappen. Der Hahn klackte ins Leere, und für einen Moment glotzte er blöd. Dieser Moment war alles, was ich brauchte. Ich trat ihm gegen das Knie, und er sackte ein. Mit dem zweiten Tritt zielte ich auf eine besonders empfindliche Stelle, die ihn mir auf dem Boden nochmal deutlich näher brachte. Mit den Fingern versuchte er immernoch, die Sicherung zu lösen. Ich ließ meinen Schädel gegen sein Kinn krachen. Das brachte ihn erstmal davon ab. Es brachte ihn erstmal von allem ab.
Mein Kopf dröhnte. Ich stand auf und atmete tief durch. Dieser Bursche hatte den Teufel im Leib. Zum Glück war er nicht besonders helle. Ich hatte mich schon an der Hüttenwand verteilt gesehen. Mit so einer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Was immer es mit Hendrichs Zeichnungen und Tufts Galerie auf sich hatte, es ging dem Burschen nahe, so nahe, dass er seine Angst vergaß und mich um ein Haar erledigt hätte.
Ich sah mir die Hütte nochmal genauer an. Die Fensterläden konnten von innen und von außen verschlossen werden, und der Riegel an der Tür hielt. Er war von außen befestigt, nicht von innen. Wer immer diese Hütte gebaut hatte, er hatte keine Ahnung, aber mir kam es jetzt sehr zupass. Die verdammte Hütte gab ein erstklassiges Gefängnis ab.
Ich legte Zottelhaar aufs Bett, stellte seine entladene Kanone daneben und schloss ihn ein. Die Fensterläden verrammelte ich von außen. Er würde es ein bisschen dunkel und stickig haben da drin, aber mehr konnte ich gerade nicht für ihn tun. Ich konnte ihn schlecht im Dorf rumrennen lassen nach dem, was hier heute Abend passiert war. Dann noch Hendrichs zu finden, konnte ich vergessen. Hier gab es Essen, Wasser, Wein und sogar Schnaps. Er konnte sogar was malen, um sich die Zeit zu vertreiben. Das Petroleum würde sicher ein paar Tage reichen. Viel länger würde er auch hier draußen nicht unbemerkt bleiben.
Ich tauschte das Schloss außen an der Tür noch gegen ein anderes aus, das ich in der Hütte gefunden hatte. Schließlich war Zottelhaar nicht der tatsächliche Bewohner der Hütte. Es gab also noch einen zweiten Schlüssel. Ich musste die Befreiung ja nicht so einfach wie möglich machen.
So oder so, meine Zeit hier im Dorf war jetzt angezählt. Ich konnte wohl noch mit einem, vielleicht zwei Tagen rechnen, viel mehr aber auch nicht. Wenn man Zottelhaar entdeckte, würde wohl einiges Geheul losbrechen. Besser ich war dann weit weg.
Außerdem wusste ich noch immer nicht, wer es heute Mittag auf mich auf mich abgesehen gehabt hatte. Zottelhaar hatte eine Schrotflinte. Auf mich geschossen hatte man aber mit einem Gewehr.
Das Boot lag ein gutes Stück weiter die Küste entlang in einer winzigen Bucht mit einem Fleckchen Kiesstrand, flankiert von gefährlich gezackten Felsen. Ich warf die Schrotmunition hinaus aufs Wasser, wo sie versank wie Blei. Naja, war’s ja auch.
Auf der Seestern gab es nichts Besonderes. Ich überlegte einen Moment, ob ich den Kahn losmachen oder versenken sollte, entschied mich dann aber dagegen. Ich wollte nicht noch mehr kaputtmachen. Also schnitt ich ein paar große Zweige von den nächsten Bäumen und breitete sie notdürftig über das Schifflein, so, dass man mit etwas Glück vom Meer aus nicht allzu viel sehen konnte. Die Gewässer hier direkt an der Küste sahen gefährlich aus, sogar im Mondschein. Da war eine Menge Brandungswasser da draußen, Untiefen wahrscheinlich und Sandbänke. Es gab vermutlich nicht so viele Seemänner, die hier nahe der Küste navigieren konnten. Das hoffte ich jedenfalls.
Weder bei Tuft noch bei Fanny Gros brannte noch Licht. Es war eine dunkle, tiefe Nacht, und ich fragte mich auf dem Rückweg, auf was ich hier gestoßen war und was Hendrichs damit zu tun hatte. Nach allem, was ich wusste, ging es um einen kleinen Betrug und nicht viel mehr, einfach einer von den Gründen, warum man einen Privatdetektiv hinter jemandem herschickt. Herauszufinden, dass Hendrichs nicht mehr in der Stadt war, hatte mich einiges an Zeit gekostet; herauszufinden, wohin er gefahren war, noch ein wenig mehr. Was mir nicht gefiel, war, dass Hendrichs oder Frances schon seit einem halben Jahr wieder hier in der Gegend sein sollte. So hatte es mir Peter gesagt. Im Gegensatz zu den anderen Bewohnern des Dorfes erschien er mir tatsächlich zu einfältig und zu freundlich zum Lügen. Er hatte auch zum ersten Mal das Zeichnen erwähnt. Hendrichs zeichnete also. Was, zum Teufel? Und was hatte es mit dem Dorf zu tun? Und warum flippte ein Kerl wie Zottelhaar darüber so aus?
Das Gequietsche von Fanny Gros‘ Haustür riss mich kurz aus den Gedanken. Es gab eine Menge neuer Fragen, und sie wurden umso verworrener, je länger ich über sie nachdachte. Tatsächlich beschäftigten sie mich so sehr, dass ich beinahe übersehen hätte, dass das Haar an meiner Zimmertüre nicht mehr an Ort und Stelle war.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


3 Kommentare:
Weiter! Ist grad so spannend!
JR aus seiner Ecke
Hey? Wo ist der Lagerfeuertext hin?
Und wieder JR aus seiner Ecke.
Hey,
der "Lagerfeuertext" ist noch da - gerade vor diesem Eintrag. ;)
Danke ansonsten für die Wertschätzung - Fortsetzung folgt, sobald ich nicht mehr von meiner anderen Arbeit bei lebendigem Leibe aufgefressen werde.
Beste Grüße!
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