Samstag, November 15, 2008

Fern wie die Zeit (XV)

Ich verharrte regungslos wie ein Tonfigürchen. Es führte kein anderer Weg hier weg, und wenn ich mich durch das Gebüsch davonmachen wollte, konnte ich mir genausogut gleich eine Zielscheibe umhängen, ein Pappgeweih aufsetzen und laut blöken. Soll heißen, auffälliger ging es nicht. Da war ich besser dran mit dem Verharren.
Der Mann verharrte auch. Er schien etwas gehört zu haben. Vermutlich mich. Er war jetzt noch etwa fünfzehn Meter von mir entfernt. Seine Augen suchten das Gebüsch ab. Er fummelte nach etwas in seiner linken Hosentasche.
Links von mir lag ein langer, abgestorbener Ast, halb auf der Erde. Ich griff danach und brachte ihn in Anschlag, als hätte ich selber ein Gewehr in der Hand.
„Die Waffe weg, oder ich pust dich weg!“
Der Mann stand einen Moment stocksteif und entwickelte dann hektische Aktivität.
„Verdammt, tu’s Gewehr weg, oder ich knalle los!“, schrie ich nochmal.
Der Mann hatte das schwere Ding fallengelassen und sein Gewehr aufgeklappt. Es musste eine Flinte für Schrotmunition sein. Und offenbar hatte er sie noch gar nicht geladen.
Wie ein Pfeil schoss ich los aus meinem Gebüsch, elegant wie ein Panther und laut wie eine Herde Elefanten. Dabei brüllte ich wie ein verwundeter Stier. Der Mann sah auf, und in seinen Augen glänzte sowas wie Angst oder Panik oder beides. Er wollte die Flinte heben, um sich zu verteidigen, aber da war ich schon nah genug heran und hieb ihm meinen Stock einmal quer über die rechte Schulter. Er stieß einen Laut aus und krümmte sich. Ich war noch näher heran und steckte ihm meine Faust zwischen die Zähne. Das tat meiner Faust nicht besonders gut. Er allerdings ging ächzend zu Boden.
Ich suchte mir in aller Eile seine Kanone und die beiden Schrotkartuschen zusammen, die er hatte hineinfrickeln wollen, bevor ich ihn schlafen geschickt hatte. Mit der geladenen Waffe setzte ich mich erstmal hin. Das schwere Ding war ein Fässchen. Ich warf einen Blick darauf. Es war eine neue Ration Bourbon für den Herrn der Hütte. Großartig.
Der Typ stöhnte jetzt leise. Ich holte die Taschenlampe raus und leuchtete ihm ins Gesicht. Es war der Typ von der Seestern, Zottelhaar, schwere Stiefel. Heute Nacht war er als Waldläufer unterwegs. Ich fühlte mal ein bisschen in seinen Taschen. In der linken nochmal zwei Schrotpatronen, die ich an mich nahm. In der rechten ein Schlüssel. Er passte perfekt in das Schloss an der Hüttentür.

Ich zündete die Petroleumlampe an. Dann schleppte ich Zottelhaar in die Hütte und setzte ihn auf einen Stuhl am Tisch. Ich fand einen Blechnapf und zwei Tassen. Den Napf füllte ich mit Wasser aus einem der Fässchen; die Tassen mit Bourbon aus der frischen Portion, die er netterweise mitgebracht hatte. Ich stellte die beiden Tassen auf den Tisch, eine vor ihn und eine vor mich. Dann stellte ich sicher, dass er gut saß, und kippte ihm den Wassernapf ins Gesicht.
Er prustete ein bisschen, rührte sich aber noch nicht groß. Ich hatte ihn gut narkotisiert. Wahrscheinlich konnte man bei der Gelegenheit auch gleich seinen Blinddarm rausholen, wenn man gewollt hätte. Ich flößte ihm lieber ein bisschen Whiskey ein. Das brachte ihn nochmal zum Prusten, und er spuckte den größten Teil auf die Tischplatte. Aber es machte ihn wieder fit. Er kriegte die Augen wieder auf.
Sein Blick fiel auf mich. Dann fiel er auf seine Flinte, die in meinem Schoß ruhte, auffällig unauffällig in seine ungefähre Richtung zeigend. Er fühlte nach seiner linken Tasche. Dass nichts mehr darin war, sagte ihm genug.
„Ziemlich schlechte Chancen, über den Tisch zu kommen, bevor ich den Abzug gezogen hab. Hab ich aber auch gar nich vor – bisher.“
Er schluckte ein bisschen. Das war gut. Solange ich ein bisschen gefährlich erschien, war das für uns beide sicherer. Zottelhaar griff sich an die rechte Schulter und verzog das Gesicht. Dann tastete er nach seinem Gesicht und stöhnte ein bisschen.
Ich schob ihm seinen Schnaps hin:
„Hier, desinfiziern sie sich ’n bisschen.“
Er nahm einen Schluck und stöhnte nochmal. Es musste ihm ziemlich wehtun, denn er nahm sofort noch einen zweiten.
„Was machen sie hier?“, fragte ich ihn.
„Was geht’n sie das an?“
Ich klopfte mit dem Flintenlauf auf die Tischplatte.
„Ich hab hier’n Fässchen Schnaps hergebracht. Sehn sie doch! Is das’n Grund, über mich herzufallen wie’n Wilder? Was machen sie hier eigentlich?“
Der Schnaps taute ihn auf. Er fasste Mut und wurde frech. Gar nicht übel in seiner Situation. Ich nahm ihm die Tasse wieder weg und trank sie selbst. Ein betrunkener, wagemutiger Heißsporn war das letzte, was ich jetzt brauchen konnte.
„Ich muss auf Nummer sicher gehen. Heut wollt mich schonmal einer hier im Wald umlegen, da bin ich lieber vorsichtig. Was spaziern sie hier mit der Flinte rum um die Uhrzeit?“
Zottelhaar sah mich mit bösen Augen an. Es schien, als versuchte er, mich einzuordnen. Offenbar gelang es ihm. Seine Gesichtszüge verschlossen sich. Man konnte ihm dabei zuschauen wie einem mechanischen Spielzeug, sogar im dürren Flackerlicht des Petroleums.
„Wer wohnt hier in der Hütte?“
„Ich“, behauptete er kurz und knapp. Trotz war um seine Mundwinkel.
„Quatsch“, sagte ich. „Sie wohnen im Dorf. Sie haben da ein Schiffchen, die Seestern, und gondeln hier in der Gegend rum und bringen Zeugs hier raus. Ich tippe mal, sie fahrn die Steilküste ab bis zu einer Stelle, an der man landen kann, und dann schleppen sie den ganzen Krempel hierher.“
Ich blickte einmal in der Hütte umher und nickte ihm zu.
„Glückwunsch, da haben sie ja einiges hergeschafft. Sie haben sicher Muskeln wie’n Stier. Aber ich hab ihre Flinte hier, und deswegen rat ich ihnen, tischen sie mir keinen Mist auf, sondern reden sie mal Tacheles, mein Lieber.“
Er spielte mir wieder die Trotz-Nummer. Am Dorftheater war das sicher immer ein großer Erfolg. Bei mir hier nicht.
„Ich helf ihnen mal’n bisschen auf die Sprünge“, bot ich ihm an.
„Hier wohnt ein Kerl namens Henrie, Frances Henrie.“ Ich musste erst eine Sekunde überlegen, bis mir der Name einfiel. Mein Gegenüber schluckte schon wieder, aber nicht am Whiskey diesmal.
„Er war ne Zeit lang weg, in der großen, fernen Stadt“, fuhr ich fort. „Jetzt ist er seit nem halben Jahr wieder da und malt hier’n bisschen, so wie’s aussieht. Er hilft Tuft mit seiner Galerie“, schoss ich ins Blaue. Vielleicht traf ich ja was.
„Leider hat er in der Stadt was angestellt. Deshalb bin ich jetzt hier. Und ich würd gern mal mit ihm reden. Wo ist er also jetzt?“
Zottelhaar schwieg erstmal und verdaute. Er versuchte, seinen Trotz wieder aufzubauen. Davon hatte ich langsam die Nase voll. Ich trank meine eigene Whiskytasse mit einem Schluck leer, stand kurzentschlossen auf und nahm die Flinte her. Ich richtete sie auf ihn und zeigte meinen irrsten Blick und mein unzurechnungsfähigstes Grinsen. Der Whiskey half mir dabei. Den Sicherungsbügel verdeckte ich mit der Abzugshand. Er musste ja nicht wissen, dass die Waffe noch immer gesichert war.
„Jetz mal raus mit deinem Teil der Konversation, Jungchen“, grinste ich ihm zu.
Ich ließ ihn in den Lauf der Waffe starren. Es gibt kein unangenehmeres Gefühl auf Erden als dieses. Ich wusste es, denn ich hatte es erlebt. Du blickst in diesen Lauf, und es ist, als würdest du in einen unendlich langen, schwarzen Tunnel schauen, der sich vor dir dehnt in die Unendlichkeit, und dabei ist der Tunnel ganz kurz, und was du an seinem Ende sehen kannst, das ist das Ende deines Lebens, und es ist verdammt nahe, näher, als man es je schauen müssen sollte. Eine Fingerkrümmung nah. Vorausgesetzt, die Kanone ist geladen.
Sein Blick war fixiert wie bei einem Kaninchen, und er begann zu schielen. Ich hielt die Kanone weiter auf ihn gerichtet. Wieder ein Schlucken. Schweiß auf seiner Stirn. Das dauerte einen langen Moment, dann sackte er einfach zusammen. Seine Augen verdrehten sich, sein Blick wurde leer, der Schweiß brach ihm richtig aus, und er stöhnte und ging in einer fließenden Bewegung zu Boden, wobei er an den Tisch stieß und den Stuhl umwarf. Ich hatte es offenbar ein bisschen übertrieben. Er war nicht so hart im Nehmen, wie er mir erschienen war. Aber wer war das schon.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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